Neue Songs für München
Foto: Gino Dambrowski

Neue Songs für München

Sieben Bands des Festivals „Sound of Munich Now“ erzählen, wie die Corona-Zeit sie zu neuer Musik inspirierte

Von Laura Wiedemann

Hunderte Gäste, eine lange Schlange am Eingang zum Feierwerk, Menschen dicht gedrängt vor und auf der Bühne. Beim Festival „Sound of Munich Now“ kommt die Münchner Musikszene zusammen. In diesem Jahr digital. Statt auf der Bühne stehen die 20 Bands vor Videokameras. Und auch sonst ist 2020 ein ungewöhnliches Jahr für Musiker. Sieben Bands erzählen.

Zeit zum Üben

Ihren ersten Auftritt hatte sich Carina Gaschler wohl anders vorgestellt. Erst seit 2019 macht sie als Sophále Musik. „Es ist komisch, ohne Auftritte einfach aus dem Nichts aufzutauchen“, sagt sie, „aber auch über digitale Wege kann man ein potenzielles Publikum finden“. Um das zu schaffen, nutzte Carina vor allem Instagram, veröffentlichte Musikvideos und erste Songs. Diese entstanden schon während des Lockdowns. Im März verbrachte sie viel Zeit im Studio mit Produzent Sergio Graumann, auf Abstand versteht sich. Als dann erste Lockerungen kamen, konnte sie im Juni mit der Band proben. Zum ersten Mal spielten sie in dieser Besetzung zusammen. Eine spannende Zeit, wie Carina sagt, „und vielleicht war das auch die Zeit, die ich gebraucht habe. Der Gedanke, mit eigenen Songs vor Publikum zu stehen, hat auch Nervosität in mir ausgelöst“. Die Live-Session im Feierwerk ist für sie ein Testlauf.

Stille in der Stadt

Was jetzt? Die Ungewissheit zu Beginn der Corona-Pandemie bereitete auch der Musikerin Alexandra Cumfe Unbehagen. Gleich am ersten Tag des Lockdowns schrieb sie ihre Gedanken auf. Es entstand ein dystopischer Song. Ein Weltuntergangslied sei es aber nicht geworden, sagt Alexandra, die sonst als Her Tree auf der Bühne steht. Bis sie an dem Song weiterarbeiten konnte, ist viel Zeit vergangen. Sie brauchte erstmal Ruhe. Einfach weiter machen, das habe in dieser Zeit nicht funktioniert. Stattdessen war sie viel draußen unterwegs, spazierte mit ihrem Hund durch die Münchner Parks, ihr Aufnahmegerät immer in der Jackentasche. Für ihre Musik nimmt sie den Klang der Natur auf und machte im Lockdown eine überraschende Entdeckung: „Kein Verkehrs- oder Flugzeuglärm mehr, den ich rausfiltern musste. Ich hatte klare Signale, konnte Vögel aufnehmen. Und das mitten in der Stadt!“, sagt Alexandra. So still sei es noch nie gewesen. Mit neuer Inspiration zog sie sich dann wieder ins Studio zurück. Mittlerweile ist ihr erstes Album daraus entstanden, das nächstes Jahr veröffentlicht werden soll.

Videodreh im Badezimmer

Allein im Badezimmer, nur mit Morgenmantel bekleidet und Zahnbürste in der Hand, sangen Kannheiser ihren Song „Helene“ in die Kamera. Jeder für sich. Musikvideodreh im Homeoffice. Die Idee zu diesem unkonventionellen Projekt hatte Videograf Christian Gampe. Als er sich bei der Band damit meldete, seien die vier Musiker begeistert gewesen, sagt Sänger Juri Kannheiser: „Auch für uns ist es schwer, die Motivation aufrecht zu erhalten, wenn man nicht weiß wie es weitergeht“. Der Videodreh sei eine willkommene Abwechslung und auch eine Herausforderung gewesen. „Es war ungewohnt und zuerst komisch. Wir mussten viel ausprobieren, bis das mal nach etwas aussah. Es war sehr intim, aber auch lustig“, sagt Juri. Vor allem jetzt, wo sie die geplante Tour absagen mussten und Live-Auftritte wieder in weite Ferne rückten, seien Musikvideos eine der wenigen Möglichkeiten für sie, den Kontakt zum Publikum zu halten.

Fünf Platten verkauft

„Die EP war gedruckt, ich wollte die Songs live spielen und sie bei Auftritten verkaufen“, sagt Sofia Lainovic. Mit hohen Erwartungen startete die Sängerin ins Jahr 2020. Als alles anders kam, suchte sie den Fehler erst bei sich selbst: „Habe ich mir den falschen Zeitpunkt ausgesucht?“ Beruhigt habe sie der Gedanke, dass sie mit dem Stillstand nicht allein sei. Es gehe wohl vielen Musikerinnen und Musikern wie ihr. Also fand Sofia wieder ihren Weg zurück ins Studio. Auch wenn ihr Herz für Live-Musik schlägt, will sie die Zeit nicht ungenutzt verstreichen lassen. Entstanden ist daraus ihre zweite EP. Die Platten der ersten stapeln sich noch immer in Sofias Zimmer, nur fünf Stück konnte sie als Newcomerin ohne Konzerte online verkaufen. Weil sie die selben Fehler nicht nochmal machen wolle, veröffentlicht sie ihre zweite Platte deshalb nur über Streamingdienste, sagt Sofia: „Ich will meine Erwartungen nicht zu hochsetzen. Nicht dass ich schon wieder enttäuscht werde.“

Proben im Keller

Mit selbstgebastelten Masken aus Kaffeefiltern standen Richter+Lippus in Daniels Keller. Nina Lippus und Daniel Richter mussten kreativ werden, um sich vor dem Baustaub zu schützen. Im Baumarkt waren die Masken ausverkauft. Alle anderen Utensilien, die sie für ihr Proberaum-Projekt benötigten, hatten sie gerade noch vor dem Lockdown bekommen. Stundenlang standen sie im ehemals leeren Kellerabteil und verwandelten es in ihren neuen Proberaum. Ihr Aufnahmestudio. Sechs Songs haben Nina und Daniel seitdem schon geschrieben, geprobt und produziert. „Wir haben hier endlich mehr Platz und unsere Ruhe“, sagt Daniel. Zuvor hatten sie die Songs in seinem Wohnzimmer geprobt und aufgezeichnet. „Jetzt haben wir ein viel besseres Recording, weil das Klangspektrum nicht immer ein anderes ist.“

Einfach beste Freundinnen

Das erste Album draußen, die Tour geplant, im Sommer sollte es von einem Festivalauftritt zum nächsten gehen – so hätte das Jahr 2020 für Leoni Klinger und Klara Rebers von Umme Block eigentlich ausgesehen. „Jetzt kann ich mir gar nicht vorstellen, wie wir so ein Jahr überstanden hätten“, sagt Klara. Schon 2019 sei unfassbar schön, aber auch unfassbar anstrengend gewesen. Nächtelange Proben nach der Arbeit, Tour und Live-Auftritte am Wochenende. Als dann Corona kam, haben sie für kurze Zeit erst gar nichts gemacht. „Wir waren einfach mal wieder nur beste Freundinnen“, sagt Leoni. Dann ging es aber auch für sie zurück ins Studio. Ganz unerwartet entstanden neue Songs. Neben Tourstress und Konzerten hätten sie das wohl nicht geschafft, sagt Klara, „aber es ist auch extrem privilegiert, das sagen zu dürfen, weil im Moment die ganze Szene existenziell sehr leidet“. Jetzt können es Umme Block kaum erwarten, ihre neuen Songs vor Publikum spielen zu dürfen.

Rückkehr nach München

Rotterdam und München – Packed Rich & Miss Pearl machen Musik über Landesgrenzen hinweg. Dann schicken sich Alexis Böttcher und Cocono Sakuma Musikschnipsel und Recordings zu. Verständigen sich digital. Durch Corona konnten ihre Songs jetzt im realen Raum entstehen. Wie viele andere Universitäten musste auch Alexis’ Uni in Rotterdam auf virtuelle Klassen umstellen, für den Musiker bedeutete das die Rückkehr in seine Heimatstadt München. Und die Rückkehr zu Cocono. „Jetzt können wir endlich zusammen an Musik arbeiten“, sagt Alexis. Über Cocono sagt er: „Sie war so weit weg und ich wollte sie unbedingt bei mir haben. Die Songs, die wir uns damals hin und her geschickt haben, waren immer auch eine Nachricht für den anderen.“ Gemeinsam in einer Stadt zu leben, habe nicht nur ihnen gut getan, sondern ihnen auch erste Auftritte wie zum Beispiel beim „Sound of Munich Now“ verschafft. Eine Rückkehr nach Rotterdam? Alexis will für Leben und Musik lieber in München bleiben.

Täglich eine Live-Session. Alle 20 Bands des „Sound of Munich Now“-Festivals 2020 seht ihr ab dem 2. November unter soundofmunichnow.de