250 Zeichen Wut: Die schönste Stadt der Welt

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Radio Arabella: Das notorische Abfeiern der eigenen Heimatstadt geht gehörig auf die Nerven – vor allem, wenn der einzige Wert die optische Perfektion ist.

Arabella-Team, eure Liebeserklärungen an „die schönste Stadt der Welt in der schönsten Region der Welt“ hinterlassen in Zeiten von GNTM und Instagram einen fahlen Beigeschmack. Nirgends wird die Schönheit einer Stadt so frenetisch abgefeiert, wie hier. Als wär’ München nur Bussibussi und Hofgarten, und Schönheit die einzig wahre Währung.

Text: Friederike Krueger

Foto: Heinz Gebhardt

Zufallsstudium: Graue, nette Männer

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Eigentlich dachte
unsere Autorin, dass sie in einer Gesundheitsökonomie-Vorlesung sitzt. Aber warum fängt die Vorlesung viel zu spät an? Und wieso kommen plötzlich Männer in
grauen Anzügen in den Vorlesungsraum?

„Sind Sie schon so weit?“, fragt die Professorin mit Stick in der
Hand in meine Reihe hinein. Schnell schaue ich weg, frage mich aber, was genau
diese Frau von mir möchte und wünsche mir einfach nur, dass die
Vorlesung jetzt dann anfängt.

Es ist mittlerweile schon halb drei und immer noch reden die
Studenten bunt durcheinander. So hatte ich mir das nicht vorgestellt, als ich
zwanzig Minuten vorher durch das Treppenhaus der LMU lief und mich an die
Fersen einer jungen braunhaarigen Frau heftete. Tatsächlich gab es nicht
besonders viel Auswahl, da die Studentin der einzige Mensch in diesem
Treppenhaus zu sein schien, was mich verunsicherte – gibt es überhaupt
Vorlesungen, die um 2 Uhr anfangen? Als ich meine Überlegung der Frau gegenüber in
Worte fasste, erklärte sie mir, dass es die schon gäbe. Den Namen der Vorlesung, in die sie
gehen wollte, verstand ich tatsächlich auch nach zweiter Wiederholung nicht,
irgendwas mit Wirtschaft. Ein Stockwerk höher, meinte sie noch, sei eine
Vorlesung zu Gesundheitsökonomie. Und da das irgendwie ausgefallen und
interessant klang, beschloss ich, ein Stockwerk höher zu schauen.

Gesundheitsökonomie. Ich habe tatsächlich keinerlei
Vorstellungen, was man in diesem Fach bespricht, aber das, was auf dem Beamer
zu lesen ist, habe ich definitiv nicht erwartet. Da steht irgendetwas über
Vernetzung der unterschiedlichen Bereiche der SWM. Und langsam verstehe ich
auch, wieso sich der Vorlesungsbeginn so herauszögert. Offensichtlich sollten
die Studenten sich selbst Konzepte zu diesem Thema überlegen. Die Frau ganz vorne scheint die fertigen Powerpoint-Präsentationen dann auf den Stick zu
ziehen und vermutlich müssen die Studenten ihre Konzepte daraufhin vorstellen. Als
dann auch noch Männer mit Anzug in den Raum kommen, vermute ich, dass sie von
der SWM sind und sich die Konzepte anhören wollen. Meine Vermutungen
bewahrheiten sich nach weiteren fünf Minuten, in denen die Frau die letzten
Präsentationen einsammelt.

Nur verwirrt mich noch ein wenig, was das alles mit Gesundheitsökonomie zu tun haben soll.
Doch auch dieses Rätsel lüftet sich, als ich am Ende der Vorlesung meinen
Banknachbarn anspreche und erfrage, in was für einer Vorlesung ich eigentlich
sitze. „BWL“, erklärt der mir entgegen meiner Erwartung, und dass heute der Schwerpunkt Marketing ist und
sie im Moment praxisbezogene Vorlesungen haben, „nächste Woche ist dann
BMW dran“. Ziemlich cool und spannend, denke ich mir.

Und so sind auch die Vorträge der Studenten ziemlich
interessant: Das erste Konzept wird von den SWM-Menschen auch gleich mit dem
Satz: „So machen wir’s, danke für die Anregung“ sehr positiv angenommen. Die Gruppe will ein Punktekonto für alle Dienstleistungen der SWM, also MVG, Strom,
Bäder etc. einrichten, auf dem der Kunde bei Nutzung der Leistungen Punkte
sammeln und dafür Prämien oder die Möglichkeit zu spenden erhalten soll. Die Gruppe hat sogar schon einen Finanzplan und ein
sehr durchdachtes Werbekonzept entwickelt.

Vorschläge anderer
Gruppen werden dagegen kritischer aufgenommen, nicht jedes Konzept ist schon so
gut ausgearbeitet. Andere Ideen sind zum Beispiel Kombitickets für
MVG und Bädereintritt, SmartHome-Software, eine ganzheitliche Abrechnung aller
Leistungen am Ende des Monats oder eine SWM-Kundenkarte, über die man monatliche
Gesamtpakete buchen kann.

Am Ende fragt mich mein Banknachbar, ob ich jetzt gerne BWL
studieren möchte. Eine Zeitlang denke ich über diese Frage nach und komme
zu dem Schluss, dass BWL wohl tatsächlich auch ganz spannend und weniger
trocken sein könnte, als ich dachte.


Text: Mariam Chollet

Foto: Lukas Haas

250 Zeichen Wut: Schnappatmung

Höllenfahrten durch die Münchner Unterwelt.

Die Türen öffnen sich. Menschenmassen stürmen in die U-Bahn.
Körper an Körper gepresst ist nur noch flaches Atmen möglich. Weinende
Zweijährige. Beißender Dönergestank. Die U-Bahn setzt sich in Bewegung.
Plötzliches Stolpern. Die Höllenfahrt beginnt.

Text: Barbara Forster

Fremdgänger: Teure Exzesse

Der Wahnsinn von Oxford zeigt sich für unsere Autorin diesmal anhand der alljährlich abgehaltenen Bälle: Alle Organisatoren wollen mit noch mehr Show das Vorjahr in den Schatten stellen. Eine Karte kostet dann auch mal eben 200 Pfund.

Die Ahnen starren uns von ihren Leinwänden aus an. Mit einer Mischung aus Entsetzen und Resignation, möchte man im Schein der Discokugel meinen. Im Speisesaal des Harris Manchester Colleges hüpfen in Abendkleider und Smokings gewandete Studierende zu Abba auf und ab. Der Alkoholpegel ist mittlerweile so hoch, dass niemand zu bemerken scheint, dass der auf der Orgel-Empore positionierte DJ mit „Give me a man after midnight“ zum dritten Mal innerhalb einer Stunde den gleichen Song spielt. Abgesehen von der Möglichkeit, dass dies der schlechteste DJ der Welt sein könnte, lässt sich meine erste Ball-Erfahrung in Oxford jedoch durchaus sehen – eine Tatsache wiederum, die vor allem mich selbst überrascht.

So gut wie jedes der 38 Colleges rühmt sich mit einem solchen alljährlichen Großereignis, wobei natürlich jedes neue Ball-Komitee alles Vorhergegangene in den Schatten zu stellen versucht. Deshalb befindet Oxford sich, was Bälle angeht, in einer kontinuierlichen Aufwärtsschleife aus Bemühen und Größenwahn. Man munkelt, vor einigen Jahren habe Coldplay auf einem der Bälle gespielt – die Latte liegt also hoch. Dieses Beispiel lässt allerdings auch vermuten, dass großes Vergnügen teuer ist. Unter 70 Pfund kommt niemand auf einen Ball. Der Durchschnitt bei den „angeseheneren“, älteren Colleges liegt eher bei 150 bis 200 Pfund. Wie viele Bälle kann man sich da schon leisten? Meine studentische Sparsamkeit verbündete sich noch dazu mit einer gewissen feministischen Frustration angesichts der Beobachtung, dass auf einmal überdurchschnittlich viele Mädchen um mich herum in regelmäßigen Abständen von Abendkleidern, Frisuren, Make-up und potenziellen Dates zu sprechen begannen, während meine männlichen Freunde debattierten, ob es sich für einen oder maximal zwei Abende lohnen würde, ein White-Tie-Outfit (70 Pfund) zu kaufen. Gender-Diskurs hin oder her, „the Oxford experience“ stellte sich einmal mehr als Totschlagargument heraus. Ich rechtfertigte meine Entscheidung, wenigstens zu einem der billigsten Bälle (50 Pfund) zu gehen, damit, dass mein Abiball-Kleid unbedingt noch einmal getragen werden wollte.

Als ich dann jedoch, nach Hüpfburg, Foto-Boot, Süßigkeiten-Brunnen, fünf unglaublich guten Bands, exquisitem Büffet, Pimms, Wodka-Shots und Zaubershow zum dritten Mal Abba höre und meine ursprünglich sorgfältig gelockten Haare nur noch in losen Strähnen in meinem schwitzigen Nacken kleben, denke ich mir, dass die Situation vielleicht gar nicht so übertrieben ist, wie ich sie mir ausgemalt habe. Auch in München zahlen meine Kommilitonen Hunderte von Euros, um auf Festivals zu tanzen, zu trinken, zu flirten und dem Universitätsalltag für kurze Zeit zu entkommen. Auch wenn sich zu Hause niemand erst in einen Smoking oder ein Abendkleid zwängt, haben wir in diesen Outfits ebenso viel Spaß, sind teilweise ebenso betrunken und freuen uns ebenso wie Münchner Studenten, dass es Freitag ist. Dass wir viel Geld dafür gezahlt haben, einen Abend lang vergessen zu dürfen, dass nach dem Wochenende ein Montag auf uns wartet, an dem wir wieder vor unseren Büchern und Computern, Hausarbeiten und Prüfungsvorbereitungen sitzen. Insofern sollte das Entsetzen auf den Gesichtern der gemalten College-Ahnen angesichts des feucht-fröhlichen Exzesses in ihren ehrwürdigen Speisesälen nicht allzu groß sein, denn auch sie werden hin und wieder gefeiert haben – möglicherweise sogar noch sehr viel exzessiver und exzentrischer als wir.


Text: Theresa Parstorfer

Foto: Privat

Zeichen der Freundschaft: Tag, Nacht und Abenddämmerung

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Unsere Autorin hat das Gefühl, immer weniger mit ihren zwei besten, langjährigen Freundinnen gemeinsam zu haben – fühlt sich jedoch so wohl wie eh und je in ihrer Gesellschaft. Das Eine schließt eben das Andere nicht aus.

„Und, wie findet ihr das?“, fragt Michelle und schaut uns mit vor Begeisterung leuchtenden Augen und vor Freunde aufgerissenem Mund an. Wir sind in irgendeinem H&M-, Zara- oder Pimkie-Laden am Berliner Kudamm. „Das sieht aus wie eine Tischdecke“, sagt Caro, die bei Kleidung hohe Ansprüche hat, man könnte sie fast schon als Mode-Nazi bezeichnen, während ich versuche, zu überspielen, dass mir das alles eigentlich total egal ist und ich hoffe, dass unser Shopping-Tag endlich bald vorbei ist. Ich bestärke Michelle darin, das zu tragen, was sie will und nicht auf andere zu hören, schon gar nicht auf Caro, die inzwischen schon genervt mit den Augen rollt.

Während beide noch die Pro und Kontras des vielleicht bald neuen Kleids von Michelle diskutieren, denke ich darüber nach, wie wir hier gelandet sind. Die beiden sind schon seit der Schulzeit meine besten Freundinnen und ich konnte viele erste Male meines Lebens mit ihnen teilen: meinen ersten Liebeskummer, meine erste schlaflose Nacht aufgrund eines schrecklichen Horrorfilms, mein erstes Mal in einem Club, bei dem wir offiziell eigentlich nur bei einer Pyjama-Party bei Michelle Zuhause waren.

Ein paar Stunden später wollen wir, nachdem wir auf einem Konzert einer meiner Lieblings-Alternative-Rock-Bands aus New York waren, ein bisschen Berlin erleben und gehen natürlich in einen Techno-Club. Keiner gefällt das so richtig außer mir, und so finde ich mich nur ein paar Stunden später nach vielen Bier und langen Diskussionen um 4 Uhr morgens mit Caro am Rand im Matrix-Club wieder, bekannt aus der Serie “Berlin Tag & Nacht", und wir schauen Michelle kopfschüttelnd beim Tanzen und Grölen zu.

So viel uns damals miteinander verbunden hatte, heute sind wir umso unterschiedlicher. Während Michelle und ich inzwischen kaum noch etwas gemeinsam haben, fast schon wie Tag und Nacht sind, findet sich Caro irgendwo in der Mitte, ich würde sie als Abenddämmerung bezeichnen.

Was uns heute noch verbindet, ist nicht mehr die Liebe zur gleichen Musik, zu den gleichen Filmen oder die gleichen Hobbys. Heute ist es eine Vertrautheit, die uns zusammenhält, sich miteinander wohl zu fühlen, alle Sorgen hemmungslos teilen zu können und sich ohne Probleme auf liebevolle Art und Weise übereinander lustig zu machen. Wir kennen unsere Fehler, wir sagen uns alles ehrlich ins Gesicht.

Manchmal, wenn wir so zusammen sitzen, dann können Caro und ich uns nur lachend anschauen, während Michelle uns gefühlt wieder von jeder einzelnen Sekunde der letzten Party mit ihren neuen Freunden aus der Uni erzählt. Wir unterbrechen sie nur, um irgendeinen blöden Kommentar einzuwerfen. An solchen Abenden finde ich es schön, zusammen rumzublödeln ohne sich Gedanken zu machen, wie peinlich und kindisch wir von außen wirken könnten. Ich fühle mich irgendwie einfach wohl, irgendwie sorgenlos, irgendwie vertraut, irgendwie so, als wäre ich wieder 16.


Text: Gabriella Silvestri

Foto: Yunus Hutterer

Pizza für zwei

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Bei allen erdenklichen Situationen unserer Autorin mit ihrer Freundin Pati gibt es nur eine Lösung: die Pizza muss her. Ob an glücklichen oder unglücklichen Tagen, die Pizza ist Zeichen der Beständigkeit der Freundschaft zwischen den beiden.

Es ist bereits vier Uhr morgens, aber die Wimperntusche hält. Ein Erfolg war der Abend trotzdem nicht. Ich hatte Pläne, Strategien, aber irgendwie lief alles völlig schief. Pati schmeißt ihre Michael Kors auf ihr Bett und blickt mich traurig an.

„Pizza?“, fragt sie mich aufmuntert. „Pizza!“, bestätige ich. Schon sprintet sie in den Keller, dort wo sie die beste Pizza der Welt hervorkramen wird. Es ist eine billige Pizza Margherita, aber bei keinem schmeckt sie so lecker wie bei meiner Freundin Pati. Wir kennen uns seit der Schule und können auf eine jahrzehntelange Freundschaft zurückblicken, in der wir schon viel gelacht und geweint haben. Pizzaessen auf Patis Bett hat bei uns schon seit Jahren Tradition.

Wir essen Pizza, wenn wir hungrig sind. Und wir essen Pizza wenn wir traurig oder glücklich sind. Wir finden immer Gründe, um eine Pizza zu essen. Zum Beispiel nach dem Weggehen, wenn sich eigenartige Dinge ereignet haben. Wenn Tränen geflossen sind oder eine Beziehung zu Bruch ging. Wo Worte wenig Sinn machen, und nur die Pizza und die Anwesenheit des anderen uns den Halt geben, den wir brauchen.

Pizzaessen bei Pati vermittelt Geborgenheit. An schlechten wie auch an guten Tagen und Abenden. Es ist diese liebevolle Art, wie sie sich um mich sorgt, wenn sie auf dem Nachhauseweg eines Festes oder einer Party versichert: „Ich mach uns noch eine Pizza, ok?“ Es hat etwas sehr mütterliches, wenn sie in der Küche steht, extra Käse darüber streut, und mir verspricht, dass ich die größere Hälfte haben kann. Das sind die Momente, wenn Pati und die Pizza Trost spenden.

Aber auch an heiteren Tagen darf die Pizza Margherita nicht fehlen: Wenn wir Urlaubspläne schmieden oder im Internet sinnlose Dinge googeln – diese sakralen Momente untermauern wir mit einer gemeinsamen Pizza. Sie ist ein Symbol unserer Freundschaft, ein Ausdruck von Beständigkeit. Etwas zeitloses, dass auch in zehn Jahren niemals aus der Mode kommen wird.

Vielleicht ist es dann irgendwann nicht mehr die Mitternachts-Pizza nach dem Weggehen. Aber dieses Gefühl von Geborgenheit wird immer bleiben.


Text: Barbara Forster

Foto: Yunus Hutterer

250 Zeichen Wut: Blitz und Donner

Undefinierbarer Musikdonner in reicher Blitzgesellschaft.

Freitag Nacht. Wir haben eine Blitzidee und schlendern in Richtung Ludwigsbrücke. In der Schlange blitzt uns der Reichtum der Gäste geradezu entgegen und wir müssen Angst haben, nicht bei den Türstehern abzublitzen. Endlich reingelassen, werden wir zwar von Handyblitzen verschont, nicht jedoch von einem grauenhaft undefinierbarem Musikdonner.

Text: Jana Haberkern

Zufallsstudium: Recht und Unrecht

Mit der Frage, wie man ein Haus gerecht auf zwei Zwillinge aufteilt, beschäftigt sich unsere Autorin in ihrer Zufallsvorlesung Rechtswissenschaften. Was anfangs ganz einfach klingt, zerbricht ihr am Ende doch den Kopf – zu Recht?

Die Studentin L. begibt sich am Montag, den 22. Mai 2017 gegen 12:00 Uhr in das Hauptgebäude der LMU. L. entschied dies aus freiem Willen und trug die volle Verantwortung für ihr Verhalten. Schnellen Schrittes folgt L. einer Gruppe männlicher Studenten in den Vorlesungssaal A140 im 1. Stock. Die Türen stehen offen. Bevor sich L. in den Raum begibt, wirft sie einen Blick auf das Kleingedruckte der Informationstafel. Ohne neuere Erkenntnis sucht sie sich schließlich einen Platz im bereits gut gefüllten Saal und beginnt an einer ihr nicht bekannten Vorlesung teilzunehmen. Zwei Stunden später verlässt sie die Veranstaltung schweren Kopfes und mit vielen offenen Fragen. Zu Recht?

So oder so ähnlich hätte man meine Teilnahme an meiner Zufallsvorlesung in einen juristischen Fall betten können. Ich bin keine Studentin der Rechtswissenschaft und kann an einem Versuch, einen Fall aufzustellen oder gar zu lösen nur kläglich scheitern. Dass es meinen Zufallskommilitonen in Hinblick auf eine Falllösung besser geht, dürfte auf der Hand liegen. Doch wie machen das die Studenten, die freiwillig im BGB schmökern und sich unzählige Paragraphen um die Ohren hauen?

Die Vorlesung beginnt um Punkt 12:15 Uhr mit den freundlichen Worten des Professors: „Herzlichen Glückwunsch liebe Studentinnen und Studenten der Rechtswissenschaft! 80 % haben die Hausarbeit bestanden. Ein gutes Ergebnis. Besser als das einer Klausur. Wesentlich besser als das Ergebnis des ersten Staatsexamens. Aber das können wir damit eh nicht vergleichen. Und bis dahin liegt noch ein sehr langer und mühsamer Weg vor Ihnen.“

Ein kurzes Raunen geht durch die Menge. Aufgeregte und betrübte Gesichter zugleich, die mich vermuten lassen, dass sie einerseits gespannt auf ihr eigenes Ergebnis sind, andererseits aber an den vom Professor als mühsam beschriebenen Weg denken. Und ich sitze da. Ohne BGB, aber dafür mit einem Grinsen im Gesicht. Ich versuche in die Rolle einer Jurastudentin zu schlüpfen und möglichst selbstbewusst und ruhig zu wirken. Das erste Staatsexamen ganz locker zu sehen. Die Paragraphen nur so aus dem Ärmel zu schütteln. Deshalb freue ich mich über die vermeintlichen Glückwünsche zur vermeintlich bestandenen Hausarbeit. Einer Etappe von vermutlich vielen Etappen in diesem Studium.

Der Professor kündigt an, die Hausarbeit erst am Ende der Sitzung herauszugeben, nachdem er den dafür zu bearbeitenden Fall noch einmal zusammen durchgekaut. Das macht der Professor gerade mit Absicht, um Unruhe zu vermeiden und noch einmal allen die Möglichkeit zu geben, bei vollster Konzentration mitdenken zu können. Oder aber um den Nervenkitzel zu erhöhen, die Spannung zu steigern und die Aufmerksamkeit der Studenten überwiegend zu verlieren. Mitschreiben tut keiner außer mir. Ich nenne es das „Verhandlungsprotokoll im Rechtsstreit um die gerichtlich bestimmten Leistungserhebungen“ und freue mich wirklich auf den Fall und die möglichen Lösungswege.

Es geht los. Der Professor liest die Fallbeschreibung vor: Eine vermögende Witwe, Mutter von Zwillingen, die ihren Kindern zum Geburtstag ein Grundstück vererben möchte, um ihnen eine Freude zu machen. Hört sich leicht an, denke ich mir: Einfach teilen. Doch es kommen Gegebenheiten hinzu, die diese vermeintlich einfache Aufteilung zu einem komplexen Verfahren werden lassen. Neben mir werden währenddessen H&M-Bestellungen aufgegeben, Krawatten zurechtgerückt, Wurstsemmeln verdrückt und Haare neu gegelt. So langsam verliere ich den Überblick. Der Fall wird immer verschachtelter und von meinem anfänglichen Optimismus bleibt wenig übrig. Das Staatsexamen verschwindet langsam aber sicher vor meinem inneren Auge. Der Professor diskutiert mit wenigen Eifrigen aus der ersten Reihe über Willenserklärungen, Mietveträge, Verfügungsrechte und vieles mehr. Ich fühle mich fehl am Platz und die Unwissenheit macht es mir schwer, mich länger wohlzufühlen und konzentrieren zu können. Also beiße auch ich beherzt in mein Käsevollkornbrötchen. Und dann beginne ich über die Witwe und ihre Kinder nachzudenken. Ob sie ihnen mit den Grundstücken wirklich eine so große Freude gemacht hätte? Hört sich ehrlich gesagt alles mehr nach Stress und Ärger an. Alleine mit zwei Kindern zu sein ist sicherlich auch nicht immer einfach.

Schließlich werden die Hausarbeiten ausgegeben. 208 freudige Gesichter. 52 Studenten, die sich Besseres erhofft hätten. Und ich, die den Fall nicht umfassend nach allen in Betracht kommenden Rechtslagen und Einwendungen unter Angabe von Paragraphen geprüft hat. Ich, die die Hoffnung hegt, dass die fiktive Familie das große Geburtstagsgeschenk, ein Grundstück, einfach wie eine Torte friedlich in gerechte Stücke teilt. So leicht kann wohl nur ich es mir machen. Aber ich darf es ja auch bei einem Zufallsstudium belassen und das ist mir auch ganz recht so!


Text: Laura Schurer

Foto:

Lukas Haas

Zeichen der Freundschaft: Der Breakfast Club

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Wenn die Großstadt ruft, werden Freunde zu Familie. Diese schöne Erfahrung macht unsere Autorin jeden Sonntagvormittag aufs Neue: beim familiären, ausgedehnten Frühstück mit ihren Liebsten.

Egal in welcher Stadt – neue (und beständige) Freunde zu
finden, ist nicht immer so einfach wie es scheint. Ich lebe nun seit knapp drei
Jahren in München und kann einen kleinen, aber für mich unverzichtbaren Freundeskreis
mein Eigen nennen. Genau aus dieser kleinen Ansammlung von Freigeistern,
Vollblut-Freiberuflern und angehenden Hobby-Psychologen hat sich im Verlauf der
vergangenen Wochen der „Breakfast Club“ entwickelt und geformt. Eines verrät der
Name schon im Vorfeld – es wird gefrühstückt.

Kaum ein Sonntag wird ausgelassen, um dem Alltagstrott zu
entfliehen und um ausgiebig mit seinen Freunden zu brunchen. Von Woche zu Woche
wird das Angebot immer reichlicher. Selbst Motto-Sonntage wurden schon
eingeführt. Von der Pancake-Party bis hin zum Weißwurst-Frühstück war bereits
alles schon dabei. Honigmelone mit Parmaschinken, Tomate mit Mozzarella und
geräucherter Lachs gehören schon längst zum Standardrepertoire. Besonders beim
Orangensaft muss ich gebremst werden – hohe Suchtgefahr.

Bei einem ganz spontanen sonntäglichen Treffen mit paar Brötchen
und bisschen Aufschnitt wurde die Idee zum „Breakfast Club“ ins Leben gerufen. „Lass
das mal öfters machen“ oder „das nächste Mal bring ich die Brötchen mit“ wurde
nicht nur einmal an besagtem Vormittag ausgerufen. Das sogenannte „Clubhaus“
unseres Frühstück-Komitees befindet sich in einer WG im guten alten Schwabing.
Anlaufstelle für alle, die auf der Suche nach sozialen Kontakten sind. Funfact
zur Wohngemeinschaft: vergangenes Jahr zu dieser Zeit wohnte noch ich dort in einem
der Zimmer. Wie es das Schicksal so wollte, löste sich meine WG auf und ich
vermittelte sie an Freunde von mir weiter – Mike, Jess und Marcello – der
„harte“ Kern des „Breakfast Clubs“. Keine andere Konstellation an Menschen
hätte der Wohnung mehr Leben und Liebe einhauchen können als diese.

Von den bereits angesprochenen Freigeistern und Co. findet
sich auch die ein oder andere Person an der sonntäglichen Tafel wieder. Marcello, der italienische Chefkoch – seine Rühreier gelingen immer und „tutto bene“ -, beschreibt es nicht mal ansatzweise. Amelie mit dem trockensten und
schwärzesten Humor glänzt durch perfekte Assistenz in der Küche. Mike, unser Businessman
in der Runde, auch bekannt als „Ohne Nutella geht gar nichts“, brilliert durch seine
Fachkenntnisse im Bereich „Eigentlich Alles“. Nicht zu vergessen wäre da noch
Michaela – unsere allseits beliebte Avocado-Fanatikerin. Schon jegliche Avocado-auf-Brot-Variante wurde verköstigt. Sandrin weiß zwar laut Michaele nicht, wie
es sich gehört, die Butter richtig abzustreichen – dennoch lieben wir sie durch
ihren Frohgemut (und ihre Locken). Ihre ganz eigene „Bruncher-Uniform“ hat sich
Jess zusammengestellt. Mit wehendem Kimono und Kaffeetasse in der Hand wird
erstmal auf dem Balkon Sonne getankt, bevor es danach voller Elan an die
Brötchen geht. Und zu guter Letzt meine Wenigkeit – die immer ein leeres
Orangensaftglas vor sich stehen hat und am Ende meistens dazu auffordert, „Heads
Up“ zu spielen.

Natürlich gibt es immer wieder mal „Gast-Bruncher“. Freunde und
Freunde von Freunden werden nach und nach dazu eingeladen. Schon des Öfteren
kam es vor, dass der große Tisch uns zu klein wurde. Wirklich jeder ist
willkommen und steuert auf seine ganz eigene Art und Weise etwas zu unserer
bunt gemixten Runde bei. Die eine bringt selbstgebrachten Hummus mit, der
andere kümmert sich um weitere Brötchen und andere bringen ein dutzend
Croissants oder Apfeltaschen mit. Langweilig wird es Sonntagvormittag nie –
egal an welche Ecke des Tisches man sich zuwendet: überall wird sich zu den
unterschiedlichsten Themen ausgetauscht.

Selbst Ausflüge zu den spektakulärsten Orten (Bayernpark,
Partnachklamm und Co.) sind schon geplant. Gemeinsame
Abendprogramme in Bars und Konsorten schweißen schon nach so kurzer Zeit
zusammen –  es artete schon so weit aus,
dass sogar eine eigene What’s-App-Gruppe mit dem Namen „Breakfast Club“ existiert.

Warum eigentlich das Ganze? Es ist ganz einfach: Wenn die
Großstadt ruft, werden Freunde zu Familie.


Text: Lisa Katharina Spanner

Foto: Yunus Hutterer

Fremdgänger: Nelken, Trash und Pogo

Vor ihrer ersten Prüfung in Oxford muss sich unsere Autorin mit außergewöhnlichen Prüfungsritualen vertraut machen – und die reichen von Blumen am Revers bis hin zu Konfettiregen.

Mit zitternden Händen schneide ich den Kopf der weißen Nelke ab. Seit vier Tagen steht sie in einer Vase auf meinem Nachttisch zusammen mit einer rosaroten und einer roten Nelke. Nach wochenlangem fiebrigem Lernen ist es so weit: Der Morgen meiner ersten Prüfung ist da. Eine weitere, merkwürdige Tradition in Oxford ist es, „carnations“ zu tragen. Nelken, die wie ein Hochzeitsanstecker an das Revers des Talars geheftet werden. Für die erste Prüfung eine weiße Nelke, für die letzte eine rote und für alle dazwischen eine rosarote. Die drei Farben sollen das Herzblut des Akademikers symbolisieren, das während der Prüfungen vergossen wird, in Form all des Wissens, das er zu Papier bringen soll.

Nachdem ich mich schon lange leer und ausgeblutet wie ein Zombie fühle, ist eine solche Tradition vielleicht genau das Richtige für einen abergläubischen Menschen wie mich. Man darf sich die carnations nicht selbst besorgen, das bringt Unglück. Da mein Freundeskreis sich die Nelken gegenseitig gekauft hat, bin ich eigentlich bestens gewappnet für alle Eventualitäten. Dennoch: Ich habe kaum geschlafen, noch nie war ich so nervös vor einer Prüfung. Nicht einmal vor dem Abitur. Tapfer bin ich aufgestanden, habe ein wenig Frühstück heruntergewürgt und mich in mein „academical dress“ geworfen. Der erste Kreis meiner Oxford-Laufbahn schließt sich. Der erste Anlass, zu dem ich den schwarzen Rock, das weiße Hemd, das schwarze Kragenband, den Talar und das Barrett getragen habe, war die Immatrikulationszeremonie vor sechs Monaten. Jetzt, zu Beginn meines letzten Trimesters in Oxford und in Form der Prüfungen, steht der nächste Anlass vor der Tür, an dem erwartet wird, dass wir dieses Outfit tragen.

Die majestätische Eingangshalle der Examination School, in der alle offiziellen Prüfungen abgehalten werden, ist voller Studenten, die weiße Nelken tragen, noch einmal einen letzten Blick auf ihre Notizen werfen und sich gegenseitig Mut zusprechen. Schließlich verkündet eine durch einen Lautsprecher verstärkte Stimme die Räume für die jeweiligen Prüfungen und verbietet die Mitnahme jeglicher nicht zugelassener Gegenstände. Wie Schafe werden wir in einen noch majestätischeren Saal gelotst, in dem wir einige Minuten später drei Aufsätze in drei Stunden zu Papier bluten, während die „vigitilators“ darauf achten, dass jeweils nur eine Person auf die Toilette geht und jeder die richtige Nummer auf seine Fragebögen schreibt.

Performance und symbolischer Akt, das ist Prüfung-Schreiben in Oxford. Ich denke an die Prüfungen, die ich während meines Bachelors in München abgelegt habe. Auch dort war ich aufgeregt, habe mir sorgfältig überlegt, was ich tragen würde, während meine Professoren ebenso darauf bedacht waren, dass alles mit rechten Dingen zuging. Trotzdem denke ich, dass niemand in München sich vorstellen könnte, was für eine Zeremonie aus Prüfungen gemacht werden kann. Nicht einmal in Cambridge wird ein vergleichbarer Aufwand betrieben. Als jedoch im vergangenen Jahr ein Referendum unter den Studierenden in Oxford abgehalten wurde, sprach sich die Mehrheit für eine Fortführung des academical dresses aus.

Am dritten Tag, nach der letzten Prüfung, trete ich mit meiner roten Nelke durch den Hintereingang der Examination School und in die wartenden Arme einer Menge aus Freunden und Unbekannten, bereit mich zu „trashen“: noch so eine Tradition, bei der die mit den Prüfungen fertigen Studenten mit Konfetti und Alkohol, Rasierschaum, Farbe und Gummischlangen überhäuft werden, was je nach Anzahl der Geprüften schon einmal die Ausmaße eines größeren Musikfestivals inklusive Pogo annehmen kann. Jenseits von jeglicher derzeitiger Angst, nicht bestanden zu haben, denke ich mir, dass diese drei Tage meines Lebens mit einiger Sicherheit irgendwann einmal eine gute Geschichte abgeben werden.


Text: Theresa Parstorfer

Foto: Privat