Zeichen der Freundschaft: Küchenliebe

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Essen verbindet. Gemeinsames Träumen auch. In ihrer Kolumne erzählen unsere beiden Autoren von einer ganz besonderen Küche, vollgestopft mit Gewürzen aus aller Welt und ganz viel positiver Stimmung.

Wir sind schon
ein wenig träge. Während sich die restliche Münchener Jugend in den neuesten,
abgefahrensten, teuersten und angesagtesten Clubs dieser Stadt tummelt,
entscheiden wir uns am Otto-Normal-Samstagabend – für Adams Küche. Kein Megaevent
im Blitz, keine Mondfinsternis und kein kostenloses Musikfestival können uns
umstimmen, wenn wir mal wieder richtig Bock auf Adams Küche haben. Und auf Ihn
natürlich.

Adam, der
immer schon die Wohnungstür öffnet, unmittelbar bevor man sie erreicht hat. Der
grinsende Lockenkopf empfängt uns mit einer dicken Umarmung und seinem
typischen „Naa?!“ in seiner kleinen, nach Ebenholz und sanften Gewürzen
duftenden Wohnung. Das Wohnzimmer lassen wir links liegen. Wir folgen ihm in
die kleine, meist mit Musik, Essen und Menschen prall gefüllte Küche.

Kitschige
Backformen in den verschiedensten Formen aus den verschiedensten Jahrzehnten
schmücken die Hinterwand. Die Fensterbank ist vollgestellt mit Kräutertöpfen,
auf dem Tisch steht eine Wasserkaraffe mit dem Schriftzug „Liebe“. Einmal quer
durchs Zimmer führt eine Leine, auf der seit vielen Jahren die verschiedensten
Kräuter, Chilis und undefinierbaren Naturprodukte trocknen. Wüsste man es nicht
besser, könnte man meinen, die Küche gehöre einem sesshaft gewordenen
Waldschamanen.

Soweit das
das äußere Erscheinungsbild. Das eigentlich Anziehende, der Grund warum wir beide
uns in Adams Küche noch wohler fühlen als in der Wasserbettenabteilung von Segmüller,
ist aber natürlich vor allem Adams Gesellschaft. Er ist nicht nur ein
unglaublich einfühlsamer und respektvoller Mensch mit unvergleichlichem
Gerechtigkeitssinn, dem man die merkwürdigsten Geschichten anvertrauen kann.
Adam ist für uns genialischer Gitarrenspieler, Schulbanknachbar der ersten
Stunde, unverzichtbarer Freund und Horizonterweiterer. Er liebt es, viele
Menschen um sich herum zu haben, sie zu bekochen und zu verwöhnen. Je mehr
Leute sich in seiner kleinen Wohnung versammeln, umso
fröhlicher ist er – egal zu welcher Tages- und Nachtzeit. Ausgedehnte
stundenlange Katerfrühstücke sind genau wie hitzige Schafkopfrunden oder
gemütliche Spieleabende nirgends so schön wie bei Adam in der Küche. Sie steht
dem Raum der Wünsche in Hogwarts in nichts nach. Sie stillt unseren Drang, die
Außenwelt auszusperren und ihre Absurdität einfach mal belächeln zu können.

Zu guten
Gesprächen gesellt sich noch besseres Essen – mal aus Polen, dem Heimatland
seiner Eltern, mal international. Immer viel. Immer lecker. Außer wenn jemand
wieder die getrockneten Chilis unterschätzt und eine Pizzaparty zum
tränenreichen Schärfekontest mutiert. Und da Essen nicht alles ist, laufen im
Hintergrund CDs. Blues aus Mali. Irgendwas wie Post-Rock aus den 80ern. Oder
eine Playlist, mitgebracht von einem Roadtrip nach Polen.

Es ist aber
nicht nur ein Ort der Völlerei, der Wollust und der Exzesse. Sie ist gleichzeitig
eine Wohlfühloase, ein Ort der Einkehr und der vollkommenen Zufriedenheit. Sie
bedeutet für uns Konstanz in einer sich viel zu schnell drehenden Welt. Und ist
vielleicht sogar der Grund, warum unser Freundeskreis in zehn Jahren noch nicht
auseinandergebrochen ist.

Man kann das
durchaus als Kleister einer Freundschaft ansehen, die uns ganz bestimmt zu den
Menschen geformt hat, die wir heute sind.
Anfangs lernten wir dort Lateinvokabeln. Irgendwann wurde Liebeskummer
dort geheilt, Reisepläne geschmiedet und neue Musiker-Idole entdeckt. Als wir
noch zusammen zur Schule gingen, heckten wir Pläne für die Zeit nach dem Abitur
aus. Wir wollten alle Dasselbe – Musikkarriere machen oder zumindest
Musikjournalist werden, mit dem Bus nach Marokko fahren, die Welt erkunden und
verbessern. Die Klassiker eben. Die Realität macht einem dann doch immer einen
Strich durch die Rechnung – diese Küche übt einen seltsamen Sog auf uns aus. Dass
sich all das in einem gerade so zehn Quadratmeter großen Zimmer abspielt, macht
nichts. Denn selbst Trägheit kann wunderbar sein, ist man nur von den richtigen
Menschen umgeben.

Text: Tilman
Waldhier und Louis Seibert

Foto:

Yunus Hutterer

Über die Illusion der Zweisamkeit

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Die Fotografin Eva-Marlene Etzel hat in ihrem Buch „Menschen, die behaupten sich zu lieben“ Szenen gestellt, die

mögliche Momente zwischen zwei Liebenden zeigen.

Eine junge Frau sitzt hinter einem jungen Mann in der Badewanne und hält ihn fest umschlungen. Die beiden sind komplett angezogen und tief in Gedanken versunken, sein Blick ist zu Boden gerichtet. Eine Szene großer Intimität zwischen zwei Menschen, möchte man meinen. Und doch ist dieses Bild die pure Inszenierung: Im Rahmen ihrer Masterarbeit hat die Fotografin Eva-Marlene Etzel, 27, mögliche Momente zwischen zwei Liebenden fotografisch umgesetzt und in ihrem Buch „Menschen, die behaupten sich zu lieben“ zusammengefasst. 

Die dargestellten Liebesbeziehungen sind ganz unterschiedlicher Art: Mal zeigt sie ein verliebtes Pärchen, das ein Kind erwartet, mal sind es Mitbewohner, die sich (noch) nicht trauen, sich ihre Liebe offen zu gestehen, mal ist es ein Paar, das Kommunikationsschwierigkeiten hat und vielleicht nicht mehr lange zusammen ist. Marlene interessieren die Kräfte, die Liebende aussenden.
Doch die Liebe ist Gegenstand von unzähligen Gedichten, Gemälden und Songs – umso schwerer ist es, dieses mystifizierte Gefühl nicht allzu abgedroschen darzustellen. Das weiß auch die 27-jährige Fotografin. Dennoch hat sie sich an dieses große Thema herangewagt.

Angefangen hat alles mit dem Ende einer Beziehung. Genauer gesagt mit der zweiten Trennung in Marlenes Leben, zwei Wochen vor ihrem Bachelorabschluss 2014, und ihrem Entschluss, den Herzschmerz diesmal schneller zu verarbeiten – denn um über ihre erste große Liebe hinwegzukommen, hatte sie zuvor Jahre gebraucht: „Mit meinem ersten Freund war ich von 15 an zusammen, wir wurden quasi zusammen erwachsen und ich habe ihn im Nachhinein noch lange idealisiert.“ Nach dem Abitur wollte sie seinetwegen von München nach Köln ziehen, doch kurz vor ihrem Umzug war Schluss, nach vier Jahren Beziehung.

Marlene ging trotzdem nach Köln – für sie war diese Trennung auch eine von ihrer Heimatstadt und ihrer Jugend. „Heute finde ich all meine Irrungen und Wirrungen wichtig“, sagt Marlene und zupft an den Ärmeln ihres schlichten schwarzen Kleides, den Schmerz hat sie aber nicht vergessen. Erst das Ende ihrer zweiten Beziehung habe sie Jahre später angespornt, sich mit dem Unverständnis zwischen zwei Menschen auseinanderzusetzen – mit einem Foto-Projekt über die Liebe. Das Ergebnis davon hält sie heute stolz in den Händen: Mittels Crowdfunding konnte sie die Exemplare ihres handgebundenen Buches in A-3-Format drucken lassen – und darüber hinaus eine Ausstellung im Münchner Provisorium organisieren, die sie am kommenden Dienstag, den 4. April, eröffnen wird. 

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In Köln machte die damals 19-Jährige ein zehnmonatiges Praktikum bei einem Fotografen: Ihren Eltern zufolge hatte sie ihr erstes Foto mit drei Jahren geschossen, erzählt sie, und spätestens seit sie als Teenie eine analoge Spiegelreflexkamera bekommen hatte und am Pestalozzi-Gymnasium die Klassenfotos machen durfte, war ihr klar, dass sie Fotografin werden wollte. „Um mich als Einzelkind nicht zu langweilen, musste ich schon immer sehr kreativ sein“, erzählt Marlene, die auch einige ihrer Tattoos selbst entworfen hat, „doch ich war unsicher, ob ich gut genug für diesen Beruf war.“
Das Praktikum war für sie zwar keine positive Erfahrung, doch davon ließ sich Marlene nicht entmutigen. Sie erstellte in dieser Zeit ihre Bewerbungsmappe – und begann 2009 die „Photographic Studies“ in Dortmund. Schnell war der kreativen jungen Frau klar, dass sie nicht dokumentarisch fotografieren wollte: „Ich will immer mit Menschen, aber auch konzeptuell arbeiten.“

So sind auch die Bilder in ihrem Buch Hybride aus Mode- und Porträtfotografie: Kleidung, Accessoires und die Sets sind sehr ästhetisch und genau nach ihrer Vorstellung konzipiert, wofür Marlene unter anderem mit dem jungen Modedesigner Mario Keine sowie mit Make-up-Artisten, Stylisten und Set-Designern zusammen arbeitete. Dennoch sind die sieben Strecken in ihrem Buch keine reinen Modestrecken. „Besonders bei diesem Projekt war mir wichtig, dass auch der Charakter der Personen durchblitzt“, sagt Marlene.

Darum hat sie auch keine professionellen Models, sondern Menschen aus ihrem Freundeskreis fotografiert: Zwar waren darunter vier „echte“ Liebespaare und alle kannten einander – doch einige waren es nicht gewohnt, vor der Kamera zu stehen, wodurch oft etwas Anderes herauskam, als Marlene geplant hatte. Womit sie dann bewusst spielte: „Was ist inszeniert, was ist authentisch bei der Darstellung einer Liebesbeziehung?“ Eine Frage, die man sich im heutigen Zeitalter der Sozialen Medien wohl häufig stellen muss. Wobei Marlene ihre offensichtlichen Inszenierungen für realer hält als die „vorgegaukelte Authentizität in der Social-Media-Welt“.
Zentrale Metapher seien vor allem die Blicke: Wie schauen sich die Liebenden an? Schauen sie sich überhaupt an? Wie blickt der Betrachter auf das Paar – kann er unterscheiden, ob ihre Liebe echt oder inszeniert ist? Und was ändert sich, wenn die Models plötzlich in die Kamera schauen und mit der Illusion der Zweisamkeit brechen?

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Für ihre Inszenierungen ließ sich Marlene von ikonischen Liebespaaren inspirieren, im Buch finden sich immer wieder Verweise zu Shakespeare-Stücken. Das Theatrale wird jedoch nicht nur durch ein Bühnenshooting, eine zauberhafte Szene in einem Wald oder ein Paar in elisabethanisch anmutenden Kleidern verdeutlicht: Jede Bilderstrecke ist mit einem eigens verfassten Dialog von der Münchner Autorin Sibylla Hirschhäuser angereichert, die derzeit ihren Master am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig macht. Marlene schätzt die Texte ihrer Freundin sehr: „Sie lässt die Menschen, die ich abgebildet habe, sprechen.“ Das mache die Situationen zwischen den Paaren viel glaubwürdiger.

Doch Sibylla und ihre Dortmunder Freunde sind nicht die einzigen, die Marlene bei ihrem Projekt unterstützten: „Für Morgan, den ich liebe“, steht vorne im Buch. Im September 2015 lernte Marlene den Amerikaner kennen, damals plante sie gerade ihre Masterarbeit. „Es war keine Liebe auf den ersten Blick, doch bald merkte ich, dass er alles vereint, was ich mir von einem Mann wünsche“, erzählt Marlene. Er habe ihr die Kraft gegeben, das durch Herzschmerz entstandene Projekt auch zu realisieren. Mittlerweile leben sie zusammen in München – und sind verheiratet, nach nur einem Jahr Beziehung. „Die Liebe ist das Gegenteil von Angst: Sie bringt einen dazu, Risiken einzugehen“, sagt Marlene und lächelt. Sie habe sich eben immer für die Liebe entschieden.

Text: Anna-Elena Knerich

Fotos: Morgan Etzel / 

Eva-Marlene Etzel

Zeichen der Freundschaft – Felix

Zwei junge Schüler, die unterschiedlicher nicht sein können, werden zur Strafe nebeneinander gesetzt. Aus der Strafe wurde Freundschaft. Eine weitere Kolumne aus unserer Reihe “Zeichen der Freundschaft”.

Okay. Ich habe gequatscht. Ohne Pause. Okay. Die
Kicheranfälle sind nicht einfach zu ertragen gewesen. Aber musste mich mein
damaliger Französischlehrer deswegen umsetzen? Ausgerechnet neben stillsten Jungen
meiner Klasse. Er: Nachzügler. Morgens immer zu spät. Ein Jahr älter als wir
alle und viel zu leise, um mich erkennen zu lassen, was in seinem Kopf hinter
den blonden Wuschelhaaren so los war. Ich: Das Gegenteil.

Mit dem hatte eh niemand etwas zu tun und die geschwätzige
Schülerin aus der zweiten Reihe und er waren viel zu unterschiedlich, um
Gesprächsthemen zu finden. Jetzt würde auch ich wohl endlich Ruhe geben.

Nach nur wenigen Tagen begann unser Französischlehrer zu
bereuen, denn der stille Blonde und die laute Kleine hatten sich angefreundet
und machten ihm das Leben nun zur Hölle.

Heute sitzen wir noch immer an derselben Bank. Im
Oberstufenkurs. Einige Monate vor den Abiturprüfungen. Was damals in der
siebten Klasse als Unterrichtsstörung begann, hat sich heute zu einer
Freundschaft entwickelt, die ich nie missen möchte.

Noch immer sind wir viel zu unterschiedlich und noch immer
schaffen wir es Gesprächsstoff für volle 90 Minuten einer Mathe-Doppelstunde zu
finden und wenn diese nicht ausreichen, sitzen wir nach Schulschluss oft bis
spät in die Nacht auf seinem Balkon und reden.

Ich erzähle ihm von meinen Beziehungseskapaden und er mir von
den durchgefeierten Nächten auf verschiedenen Goapartys.

Er versucht mich ernst zu nehmen, wenn ich schimpfend
berichte, dass meinem Freund mal wieder nicht aufgefallen ist, dass ich etwas
an meinen Haaren verändert habe. Ich erinnere ihn täglich an seine
Abgabetermine, weil in dem blonden Wuschelkopf ein viel zu großes Durcheinander
herrscht, um an Hausarbeiten und Klausurtermine zu denken.

Wir reden über Nagellackfarben und Tabakkosten. Über Sex und
über Liebeskummer. Über Politik und darüber, wie wir werden wollen, wenn wir
groß sind. Wir reden ständig und es fällt uns immer schwer,  einen Punkt zu setzen.

Doch auch wenn wir in zwei verschiedenen Welten leben und
unterschiedlicher nicht sein können, so finden wir uns trotzdem in warmen
Sommernächten auf seinem Balkon wieder. Wir trinken Kaffee, rauchen eine Kippe
nach der anderen und verstehen uns, verstehen einander.

Wäre ich nicht so geschwätzig gewesen und er nicht so ruhig,
wären wir nicht so unterschiedlich gewesen und wären wir es bis heute noch
immer nicht, dann wäre diese Freundschaft nie zu dem geworden, was sie heute
ist. Und ich hoffe auch Jahre später noch auf dem kleinen Balkon zu sitzen und
dann über Masterarbeit und WG-Probleme zu quatschen mit Kaffee in der Hand und
dem Grinsen einer Siebtklässlerin im Gesicht.

 Von: Anastasia Trenkler

Zeichen der Freundschaft: Tassenränder

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Er hat blaue Augen und einen irischen Akzent. Sie kann ihm nicht widerstehen. Ein typischer Abend auf einer WG-Party, bei der man nicht nacht alleine nach Hause gehen will. Im Urlaub treffen sie sich wieder – kann er sie wieder so beeindrucken?  Eine weitere Kolumne aus unserer Reihe “Zeichen der Freundschaft”.

Ich könnte ihn jetzt küssen. Niemand würde es merken. Der Flur der Hausparty ist überfüllt und er betrunken genug. Wir trinken billigen Sangria aus Kaffeetassen und reden über Erasmus-Erfahrungen. Er hat unglaublich blaue Augen. Wie ein Husky. Er sieht mich auch mit einem sehr gekonnten Hundeblick an. Dennoch weiß ich, heute werde ich alleine nach Hause gehen.

Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich mich an dieser Stelle anders entschieden. Damals gefielen mir seine blauen Augen und sein irischer Akzent einfach zu gut. Ich hörte nicht auf meinen Verstand. Auch wenn der damals schon merkte, wie besserwisserisch und nervig dieser hübsche Ire sein konnte.

An jenem Abend ging ich nicht allein nach Hause und auch an den Abenden danach nicht. Nach ein paar rosaroten Wochen, wurde es allerdings auf einmal furchtbar kompliziert, weil er gerade aus einer Beziehung kam und seine Ex-Freundin in derselben Stadt ihr Auslandsjahr machte wie wir und ihm das alles zu schnell ging.

Und da sagt noch einer, Frauen sind kompliziert.
Frauen schaffen es aber auch, irgendwann mit ehemaligen Liebhabern befreundet zu sein.

Das Schicksal hat dennoch einen gewissen Sinn für Humor, denn als unser Freundeskreis zusammen in den Urlaub fuhr, und ich eines Nachts gut gelaunt mit ein paar Südamerikanern Salsa tanzte, kam er auf einmal angeschlichen. Reue im Hundeblick.

Ich bin keine schadenfreudige Person, aber ich merkte, wie gut mir das tat. Denn interessanterweise wusste ich, dass diesmal ich diejenige war, die „nein“ sagen würde. Seine Augen waren zwar immer noch blau, aber mein Verstand deutete mit immer unverschämter werdendem Zeigefinger auf seine neunmalklugen Erklärungen und die Witze und Geschichten, die er mir immer und immer wieder erzählte, während er sich nicht einmal merken konnte, wie viele Geschwister ich hatte.

Trotzdem waren wir füreinander da. Er besorgte mir Augentropfen, wenn ich mit Bindehautentzündung jammernd im Bett lag, ich kochte ihm Nudelsuppe, wenn er über seine Unikurse jammernd in meiner Küche saß.

Er sieht mich über seine Tasse hinweg an. „Wir hatten schon eine schöne Zeit, oder?“. Ich lächle und verdrehe die Augen. Ja, hatten wir. Haben wir immer noch. Als Freunde. Vielleicht wird da immer eine nicht aufgelöste Spannung sein. Ein Wenn in Verbindung mit einem Hätte-sein-können. Die Möglichkeit, immer vielsagende Blicke über Tassenränder werfen und zweideutige Andeutungen fallen lassen zu können. Aber vielleicht ist es das wert, denn Freundschaften sind manchmal langlebiger als Beziehungen und wer hat nicht gerne einen irischen Kumpel mit strahlend blauen Augen und süßem Akzent?

Von: Theresa Parstorfer

Foto: Yunus Hutterer

Neuland: WILDES

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Jana Hartmann und Jenny Tulipa kennen die meisten bereits als Gitarristinnen der Band Lilit and the Men in Grey. Mit ihrem neuen Projekt WILDES wollen die beiden Brünetten ihren Fans neue Facetten von sich zeigen. In deutscher Sprache singen sie dabei vor allem von der Liebe.

Jana Hartman und Jenny Tulipa sind in München nicht unbekannt. Die beiden jungen Frauen Mitte 20 sind die Gitarristinnen der Mädchenband Lilit and the Men in Grey. Nun haben die beiden Freundinnen ein neues Projekt: WILDES. Für alle Fans der Band Lilit and the Men in Grey: Keine Panik, es gibt keine Pläne, sich aufzulösen. Die Musikerinnen hatten einfach Lust, auch mal deutschsprachige Texte zu spielen und noch mehr musikalische Erfahrung zu sammeln. Auf der Facebook-Seite heißt es: „Ich will Action … irgendwas WILDES.“ Den Stil ihres Duos beschreibt Jana als „ein Stück Punk. Ein Teil Disco. Ein Stück trommelnde Beats“. Das klingt zunächst kryptisch, doch wer sich ihr erstes Lied Leopard anhört, bekommt schnell eine Idee davon, wie die beiden Münchnerinnen das meinen. Die Lieder, die sie schreiben, handeln vom Leben, vor allem aber von der Liebe. „Von ihrer Wahrheit, von ihrer Schönheit – das Scheitern und ihr Schrecken inbegriffen.“ Neben all dem Gefühl darf natürlich auch ein Quentchen Ironie nie fehlen. Erlaubt ist, was gefällt – das scheint das Motto der beiden wilden Brünetten zu sein.  

Von: Jacqueline Lang

Katzendame sucht Muskelkater

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Um auch ihre komische Seite zu zeigen, hat die Schauspielerin Laura Cuenca Serrano fünf Figuren entwickelt. Ihre Rolle als Imke-Karlotta kommt so gut an, dass sie nach nur einem Auftritt gleich ins Vereinsheim gebucht wird.

Imke-Karlotta sucht die große Liebe. Sie hält sich an ihrem Jutebeutel fest. Schlurfender Schritt, geduckte Haltung. Ihre Chancen, einen Mann zu finden, stehen an diesem Abend zunächst ziemlich schlecht. „Ich liebe Katzen“, sagt sie, und man glaubt es ihr aufs Wort. Ihr hellblauer Pulli, den Imke-Karlotta immer wieder zurecht zieht, ist geziert von zahlreichen Katzen. Die Brille sitzt leicht schief auf ihrer Nase und sie muss sie immer wieder hochschieben. Die blonden Haare hat sie hinten zu einem Zopf gebunden und zwei bunte Spängchen halten sie links und rechts aus dem Gesicht.
Laura Cuenca Serrano, Jahrgang 1987, ist an diesem Abend die einzige Frau auf der Bühne. Das Schwabinger Vereinsheim ist bis auf den letzten Platz gefüllt und alle sind auf die Newcomerin gespannt. Wenn sie als Imke-Karlotta dann anfängt, von ihren süßen Babykatzen zu schwärmen und mit ihrer kindlichen Naivität bezaubert, merkt man, dass Laura die Rolle nicht nur spielt, sondern lebt. Vielleicht hat sie es deshalb nach nur einem Auftritt auf der Studentenbühne „Ludwig und Kunst“ im Rationaltheater gleich ins Vereinsheim geschafft.

Auf Katzenwitze folgen
anzügliche Wortspiele, so
unschuldig ist sie wohl doch nicht

So richtig angefangen hat bei Laura alles mit dem Bachelor. An der LMU München studiert sie Germanistik und Theaterwissenschaften mit dem Schwerpunkt Filmwissenschaften. Mit dem wissenschaftlichen Studium wächst der Wunsch, Schauspielerin zu werden. Sie nimmt daraufhin Unterricht in den USA und Deutschland. Mittlerweile macht Laura ihren Master in Germanistische Literaturwissenschaft, ihren Lebensunterhalt verdient sie aber schon jetzt als Schauspielerin. In der Vergangenheit war sie meistens in ernsten Rollen zu sehen. Im November 2015 hatte sie beispielsweise in dem Theaterstück „Die Ermittlung“ eine Hauptrolle als eine der Zeuginnen im Pathos Atelier. In dem Stück geht es um die Auschwitz-Prozesse: schwere Kost für den Zuschauer. Obwohl Laura die Bühne liebt, arbeitete sie bislang häufiger fürs Fernsehen, kleinere Sachen, etwa bei Aktenzeichen XY. Im Laufe des Jahres wird sie außerdem eine Nebenrolle in einem internationalen Kinofilm spielen.
 Von Langeweile keine Spur. Trotzdem wollte sie den Castern und Regisseuren zeigen, dass sie auch Talent für Komik besitzt und gerne „Späßchen macht“. Deshalb hat sie fünf verschiedene Frauencharaktere entwickelt, die auf der Suche nach einem Mann sind: Imke-Karlotta, die Katzenliebhaberin, Selina, die Proletin, Carmen, die spanische Schlagersängerin, Chanel die Modebloggerin, und Nicole, der Emo.

Die Partnerwahl ist für Laura ein wesentliches Thema in unserer Gesellschaft, aber eben auch in gewisser Weise das „Luxusproblem“ einer Generation, die keine existenziellen Sorgen hat. Nachdem sie ein Video gedreht hat, in dem die fünf sehr unterschiedlichen Charaktere sich und ihre Wünsche an die Männerwelt vorstellen, wurde sie von ihren Freunden dazu animiert, mit dem Programm auf die Bühne zu gehen.

Als dann die Rockergöre Selina für einen Werbespot gecastet wird und sie „wild rumpöbeln“ darf, beschließt sie ein Miniprogramm von 10 bis 15 Minuten zu schreiben. Erst dachte sie, dass sie das Programm in ein bis zwei Stunden locker runterschreiben kann. Nach fast acht Stunden Arbeit hat sie aber gemerkt, dass das gar nicht so leicht ist. Zahlreiche Youtube-Videos von Stand-up-Comedians, Kabarettisten und Gespräche mit anderen Künstlern später war Imke-Karlotta schließlich bereit, sich der Welt zu präsentieren.
 In allen Figuren, die Laura erschaffen hat, steckt immer auch ein kleiner Teil von ihr, „meine heimliche Lieblingsfigur ist aber die Imke-Karlotta“, gesteht Laura. Interessanterweise, so die junge Kabarettistin, bevorzugen Männer meistens die Figur der frechen Rockerin Selina oder der spanischen Schlagersängerin Carmen, wohingegen die meisten Frauen eher Imke-Karlotta in ihr Herz schließen. Wenn sie leicht verloren auf der Bühne steht und schüchtern blinzelt, bleibt einem aber auch wenig anderes übrig. Vor allem dann, wenn sie anfängt, Katzenwitze zu erzählen: „Wovon träumt eine Katze nachts? Von einem Muskelkater.“ Und ganz aufgeregt gleich den nächsten: „Wo wohnen die Katzen? Im Miezhaus.“
 

Sie grinst leicht verschmitzt ins Publikum, doch gleich legt sich ein Schatten über ihre Züge, als ihr einfällt, dass es ja vielleicht doch nichts wird mit der großen Liebe. Vielleicht ist da niemand, der ihre „Katze streicheln“ will – ein anzügliches Wortspiel, so unschuldig ist sie also wohl doch nicht. Dann beginnt sie zu singen, ein Lied voller Herzschmerz. Und das ist der einzige Augenblick, in dem eher Laura als Imke-Karlotta auf der Bühne steht. Denn von der schrulligen Katzendame würde man eher ein Gepiepse und Geheule erwarten als die sanfte Stimme, die man zu hören bekommt. Aber Laura ist nicht nur Schauspielerin, Model, Moderatorin und seit neustem Kabarettistin, sondern auch noch leidenschaftliche Sängerin.

Laura plant in Zukunft, auch mit den anderen Figuren auf die Bühne zu gehen. Das Programm für Imke-Karlotta ist ihrer Meinung nach aber auch noch lange nicht ausgeschöpft. Sie könnte sich zum Beispiel gut vorstellen, dass Imke-Karlotta bald auf der Bühne einem Politiker mit ihrer kindlichen Art Löcher in den Bauch fragt. Denn so etwas darf Imke-Karlotta. Sie darf ihre Katze auch Barack Obama nennen, „weil die so eine lustige Farbe hat“.
 Für Laura ist dass das Spannende an den verschiedenen Rollen: Sie alle sind Teil von ihr und doch ganz anders. Sie tun und sagen Dinge, die sie selbst nie so machen würde. 

Im Umkehrschluss kristallisiert sich dadurch immer mehr heraus, was den Mensch Laura Cuenca Serrano ausmacht. Sie wirkt keinesfalls unsicher wie Imke-Karlotta. Und sie hat es nicht nötig zu pöbeln wie Selina. Schon mit ihren jungen Jahren ruht Laura in sich selbst. Ihre Lippen umspielt immer ein kleines Lächeln, das auch noch in ihren grün-grauen Augen aufblitzt, wenn sie zu erzählen beginnt.

Starallüren? Keine Spur. Dafür hat sie auch gar keine Zeit, denn Laura hat noch viel vor. Deshalb ist sie auch keine Frau, die mit den Worten „Ich wünsche mir den Weltfrieden“ von der Bühne gehen würde. Ihre Figur Imke-Karlotta tut allerdings genau dies und lässt die Zuschauer ein klein wenig verliebt zurück.

Von: Jacqueline Lang

Foto: Jean-Marc Turmes