Ein  bisschen Alien, ein bisschen T-Shirt

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Mit 20 Jahren gründete Luis Angster ein eigenes Modelabel.
Seine schlichten T-Shirts hängen bereits in mehreren Münchner Boutiquen.
Wie er es schaffte, einen rosa Feuerlöscher für 150 Euro zu verkaufen

Feiertage mag Luis Angster gar nicht. Denn an Feiertagen ist es schwieriger zu arbeiten. Und im Nichtstun, darin ist Luis ganz schlecht, sagt er. Es ist Ostern und Luis sitzt im Café Glockenspiel am Marienplatz und erklärt, warum der Osterhase ja ganz nett sei, es ihm aber lieber wäre, wenn er Geschäftspartner auch dieser Tage erreichen könnte. Luis ist 22 Jahre alt, und vor zwei Jahren hat er sich mit einem eigenen Modelabel selbständig gemacht. Bereits jetzt verkauft er seine Artikel in mehreren Boutiquen in der Münchner Innenstadt.
„Toi“ heißt die Firma. Wie das französische Pronomen für „du“ – wird auf der Homepage erklärt. „Toi is a poem to you, translated into Fashion“, heißt es da in schlichter, schwarzer Schrift auf weißem Untergrund.

Weiß ist auch der Pulli, den Luis an diesem Samstagmorgen trägt. Schlicht nennt er den eigenen Kleiderstil und die Art von Mode, die ihm gefällt und die er mit seinem Label unter die Leute bringen will. „Schlicht, aber sexy“, sagt er und fährt sich die kinnlangen dunklen Haare aus dem feinen Gesicht. Luis ist ein großer, schlaksiger junger Mann, der seine Umgebung und sein Gegenüber stets aufmerksam mustert und Sätze oft mit einem Lächeln beendet. An seinem Hals hängt eine Silberkette mit mehreren Anhängern, an seiner rechten Hand prangt ein Silberring, der eine sehr reduzierte Version eines Totenkopfes zeigt. Die Kettenanhänger hat er selbst gemacht, den Ring ein Freund von ihm, der gelernter Silberschmied ist und Luis in seiner Werkstatt beibringt, wie man Schmuck gießt.

Ein ähnlicher Anhänger in Form eines kleinen Aliens war eines der ersten Produkte, mit denen Luis vor zwei Jahren auf den Markt ging. „Lil Bitch“ hat er ihn genannt, 250 Euro kostet er und Luis fertigt auf Bestellung. Für 150 Euro bot Luis drei rosarote Feuerlöscher an. Er und sein damaliger Partner haben die Feuerlöscher bestellt, von Hand abgeschliffen und neu lackiert. Warum? Luis zuckt grinsend mit den Schultern. „Das ist so ein bisschen die Idee hinter Toi“, sagt er, „normale Dinge irgendwie schöner zu machen.“ Da mindestens drei Menschen bereit waren, für einen rosaroten Feuerlöscher so viel Geld zu zahlen, habe er sich auch keine weiteren Gedanken darüber gemacht. „Zwei sind in München geblieben, einen haben wir nach London verkauft“, so viel wisse er. „Hoffentlich sind sie nicht in Gebrauch“, fügt er hinzu und lacht.

Abgesehen von diesen „Gimmicks“, geht es bei Toi hauptsächlich um T-Shirts. Die sind auch wieder weiß und schlicht, aber mit Wörtern oder Symbolen bedruckt. Irgendwie witzig sollen auch die sein. Luis holt ein noch originalverpacktes T-Shirt aus der Jackentasche. „Nude“ steht in blauen Neonbuchstaben auf der Vorderseite. „Ich glaube, den Leuten gefällt diese Verspieltheit“, sagt Luis. Denn natürlich sei man nicht „nude“, also nackt, wenn man dieses T-Shirt trägt. 90 Euro kostete ein Shirt am Anfang, mittlerweile nur noch 50. Dafür bekomme man aber auch gute Qualität, versichert Luis. Denn gedruckt wird „in Sublimationstechnik, einer speziellen Tiefdrucktechnik“, sodass sich das Design nicht rauswaschen lässt. Das habe ihn selbst immer geärgert, wenn sein Lieblings-T-Shirt langsam immer blasser wurde. Bei Toi soll das nicht passieren. Noch dazu sind die Kleidungsstücke nicht nur nachhaltig beim Tragen, sondern auch in der Herstellung. „Uns war wichtig, dass da weder weite Transportwege noch Kinderarbeit mit reinspielen“, sagt Luis. Die ersten 25 T-Shirts konnte er in München produzieren lassen, über den Kontakt des Vaters eines Bekannten.

 Mit einem Freund hatte er die Firma gestartet, doch nach einer Weile war diesem es wichtiger, sich auf sein Studium konzentrieren zu können. Deshalb musste Luis sich vor ungefähr einem Jahr nach einem neuen Geschäftspartner umsehen. „Das war vielleicht die schwierigste Phase“, sagt Luis. Denn in dieser Zeit habe er gemerkt, dass die Arbeit alleine kaum zu bewerkstelligen war. Mit Friedrich Unützer, ebenfalls 22 Jahre alt, hat er einen neuen Partner gefunden, der zwar gerade in London studiert, aber „mit dem es wirklich gut funktioniert“, sagt Luis. Friedrich kümmere sich vor allen Dingen um den Vertrieb, Luis ist eher der Kreative, bastelt die Designs, den Schmuck und die Homepage. Zusammen besuchen die beiden alle paar Wochen die neue Produktionsfirma in Venedig.

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Dass Luis Glück und die richtigen Kontakte hatte, ist ihm bewusst, zumal in einer teuren Stadt wie München, in der es viele junge Designer gibt, für die es nicht selbstverständlich ist, dass die ersten eigenen Produkte gleich weggehen „wie warme Semmeln“ – so sei das laut Luis bei Toi der Fall gewesen. „Ein bisschen dreist“ habe aber auch er sein müssen. Einfach mal machen, das dachte er sich, und spazierte in den Concept-Store Ninetydays an der Hildegardstraße zwischen Delikatessen-Bäcker, Kammerspiele und Rolex-Laden, um zu fragen, ob die Interesse an seinem Label hätten. Hatten sie, und so hingen die weißen T-Shirts recht schnell neben etablierten Marken, die dort von eher gehobenem Klientel gekauft werden. 

Nach wie vor bringt Luis seine Lieferungen persönlich vorbei, wenn die T-Shirts wieder einmal aus sind. Minmin Peng, die Eigentümerin des Ladens und selbst Designerin, ist zwar auch über Ostern nicht da, schreibt aber aus China eine E-Mail und betont, dass sie großes Talent in Luis sieht und ihn gerne unterstützt. München biete wenig Möglichkeiten für junge Designer, findet sie. Eine ihrer Mitarbeiterinnen erzählt, dass die Shirts sehr beliebt sind, beispielsweise bei Frauen mittleren Alters, die sich „lässig, aber schick“ kleiden wollen. Gut kombinieren könne man die Shirts von Toi. Zudem überzeuge nicht nur die Qualität, sondern auch das Design. „Ich persönlich habe so etwas in der Art noch nirgends gesehen“, sagt die Mitarbeiterin.

Das scheinen auch Kunden im Ausland zu finden. Nach England, Italien, Paris schickt Luis seine T-Shirts bereits von Anfang an. Von Träumen spricht Luis nicht. Lieber versucht er, sie gleich umzusetzen. Nur einen eigenen Laden in München, den würde er sich schon wünschen. „Aber das ist echt mega-schwierig“, sagt er. Eine Absage hätten er und Friedrich schon erhalten. Aufgeben werden die beiden nicht. Zu viele Ideen für einen „Gallery-Store“ haben sie bereits. Jungen Münchner Künstlern würde Luis gerne ebenso eine Plattform bieten wie DJs oder Musikern, die dann neben seinen weißen T-Shirts auftreten könnten.

Fotos: Stephan Rumpf

Text: Theresa Parstorfer

„Chronisch cool“

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Susanne Augustin organisiert ein Benefizkonzert im Gasteig. Es soll dabei um die Aufklärung von chronischen Darmerkrankungen gehen. Neben ihrer Band “Splashing Hill” treten auch Liann und der US-Fernsehstar Ian Harding auf.

München – Seit zwölf Jahren leidet Susanne Augustin, 28, an Morbus Crohn, einer seltenen Autoimmunerkrankung des Darms. Vor vier Jahren kam noch Arthritis dazu. Im Herbst 2016 hat sie ein erstes Benefizkonzert mit ihrer Band Splashing Hill veranstaltet. Unterstützt wurde sie dabei von Ian Harding, US-Fernsehstar und in Deutschland vor allem durch die Serie „Pretty Little Liars“ bekannt. Am 15. Februar wird im Gasteig die zweite von Susanne geplante Charity-Veranstaltung stattfinden, die nicht nur unterhalten, sondern auch aufklären soll über Krankheiten, die kaum jemand kennt.

SZ: Susanne, war dein erstes Benefizkonzert vor eineinhalb Jahren so erfolgreich, dass du jetzt gleich ein weiteres organisierst?
Susanne Augustin: Ja, schon. Im Cord hatten wir damals so um die 100 Gäste, was ich für die Größe des Clubs und vor allem für die Thematik schon einmal sehr gut fand. Deshalb habe ich eigentlich gleich nach diesem Konzert Ian Harding gefragt, ob er sich denn vorstellen könnte, für eine ähnliche Aktion tatsächlich nach Deutschland zu kommen. Da hat er zugesagt, und ich habe sofort mit der Planung angefangen. Mittlerweile sind mehr als zwei Drittel der Karten, also so um die 185, im Vorverkauf weggegangen.

Wie genau wird der Abend ablaufen?
Ian Harding wird zusammen mit Sam Cleasby durch den Abend führen. Sam ist eine Bloggerin aus England, die über ihr Leben mit Colitis, einer ähnlichen chronischen Darmerkrankung, schreibt. Ich habe Kontakt mit ihr aufgenommen, als ich mit der Planung begonnen habe, und sie war sofort dabei. Liann aus München wird als erster Act spielen. Im Anschluss soll es einen Info-Pannel mit Ian, Sam und mir geben. Nachdem dann noch Lilly Among Clouds aus Würzburg und meine Band Splashing Hill gespielt haben, soll es die Möglichkeit geben, sich am Merchandise-Stand ein Autogramm geben zu lassen.

Autogramme?
Ich glaube, für die Leute wird es cool sein, mit Ian sprechen zu können. Der Erlös der Veranstaltung wird der Lupus Foundation of America, für die sich Ian engagiert, sowie der Crohn’s and Colitis UK Organisation, für die Sam Botschafterin ist, zugute kommen.

Nicht, dass du nicht schon ausgelastet genug wirkst, aber unternimmst du auch noch andere Dinge in Sachen Aufklärung über diese Krankheiten?
(Lacht) Ja, ich habe vergangenen Herbst selbst einen Verein gegründet. Chronisch Cool heißt der und steckt zwar noch sehr in den Startlöchern, aber zum 15. Februar wollen wir die Homepage fertig haben. Außerdem soll mit dem Konzert ein Blog starten, den ich zusammen mit Thomas Ochsenkühn, Arzt, Professor und Leiter des Crohn- und Colitis-Zentrums München, plane. Nach Sams Vorbild soll es da um ein Leben mit Crohn und Arthritis gehen. Denn soweit ich weiß, gibt es einen ähnlich hilfreichen Blog im deutschsprachigen Bereich noch nicht.

Das heißt, du wirst diesen Blog schreiben?
Genau. Für mich selbst war es unglaublich hilfreich, Sams Blog lesen zu können. Deshalb wird es auch bei mir um den Alltag mit Krankheiten wie Crohn gehen.
Wie sieht dein Leben mit den Krankheiten denn derzeit aus?
Ich wurde im vergangenen Jahr dreimal operiert. Der erste Eingriff war geplant. Da wurde mir ein Stück Dünndarm entfernt. Der zweite war dann eine Notoperation, weil sich die Naht aufgelöst hat und ich deshalb eine Entzündung des Bauchfells bekommen habe. Mir musste ein künstlicher Darmausgang gelegt werden, ein Stoma. Für mich war das noch nie Thema gewesen und kam deshalb total unerwartet. Da ich jedoch wusste, dass Sam auch einen hat und sie trotzdem ein annähernd normales Leben führen kann, war ich sehr viel ruhiger, was diese Operation anging, die mir dann de facto das Leben gerettet hat. Die dritte Operation war dann „nur“ an der Hand, wegen Arthritis.

Das klingt nach einem harten Jahr. Machen sich deine Freunde oder deine Eltern Sorgen, wenn du trotzdem noch so viel arbeitest und organisierst?
Ja, vor allem meine Eltern. Meine Mama sagt immer wieder, ich soll langsam machen. Ich halte mich auch dran, dass die Gesundheit immer vorgeht. Gleichzeitig ist es bei mir aber nach wie vor so, dass mich diese Dinge weiter pushen und mir Kraft geben. Über die Krankheiten reden, etwas zu tun, dass die Situation für Betroffene verbessern könnte – das hilft einfach immer, selbst oder vielleicht gerade dann, wenn es mir schlecht geht.

Eine deiner Leidenschaften ist das Reisen. Geht das mit einem künstlichen Darmausgang?
Auf meiner Liste stand ja immer Indien. Israel und Jordanien konnte ich im vergangenen Jahr auch machen, aber jetzt mit dem Stoma ist Indien wahrscheinlich keine so gute Idee, einfach wegen der Infektionsgefahr. Ich war aber vor Kurzem auf meiner ersten Reise mit künstlichem Darmausgang in Finnland, und alle meine Ängste haben sich als unbegründet herausgestellt.

Was waren das für Ängste?
Na ja, Sicherheitskontrollen zum Beispiel. Aber da muss ich sagen, dass das Personal total professionell und diskret mit umgegangen ist. Ich frage mich wirklich, wie oft da jemand mit künstlichem Darmausgang durchgeht (lacht). Muss ich fragen, das nächste Mal. Oder Sauna. Da habe ich mich schon gefühlt als hätte ich ein Horn auf der Stirn und natürlich gab es den ein oder anderen Blick, aber wirklich gestarrt hat niemand. Von daher, das ist schon alles machbar. Außerdem habe ich wahrscheinlich ohnehin Glück und sie können ihn bald wieder entfernen.

Interview: Theresa Parstorfer

Foto: Markus Lauerer

Junge Kultur auf 22,491 Quadratmetern

Laura Kansy, Mira Sacher, Pia Richter und Daniel Door haben in der Au eine kleine Galerie übernommen – ohne jede Vorkenntnis. Sie wollen Kunst nahbarer gestalten. Und sie wollen zeigen, dass es dafür auch in einer teuren Stadt mit wenig Platz für junge Menschen Räume geben muss.

Ein Fuß in Turnschuhen tastet sich vorsichtig ins Bild. Über die steilen Eisenstufen, die vom ersten Stock herunterführen. Halb Leiter, halb Treppe – von der Seite betrachtet ein Kunstwerk an sich. Sich vom Erdgeschoss in dem winzigen Haus im Innenhof der Ohlmüllerstraße 7 in den ersten Stock und zurück zu schlängeln, ist schwierig. Neun Quadratmeter Grundfläche hat das Häuschen und an diesem Abend ist jeder Quadratzentimeter davon inklusive des Hofs voll mit Menschen. Nachdem die Treppe geschafft ist, geht der Balanceakt weiter. Mit Bier in der Hand zwischen Gasofen, Weingläsern auf der Küchenzeile und weiteren Körpern hindurch – viele schwarze Kleidungsstücke, viele ausgefallene Brillengestelle, individuelle Haarschnitte.

Kenner der Münchner Kunstszene wissen, dass sich in der Au schon seit 2011 eine „Waschküche für Kunst, Ästhetik und Poesie“ verbirgt, das „Prince of Wales“, eine winzige Galerie auf zwei Etagen. An diesem Abend jedoch ist das zugehörige Klingelschild provisorisch überklebt. „Chantall“ steht jetzt dort. So nennen die vier neuen Betreiber die Galerie. Die Neuen, das sind: Laura Kansy, Mira Sacher, Pia Richter, Daniel Door. Niemand von ihnen hat Erfahrung mit der Führung einer eigenen Galerie, alle vier finden die Vorstellung, dies nun mit Mitte-Ende 20 zu tun, „schon sehr merkwürdig“, sagt Pia und beißt sich schüchtern lächelnd auf die rot geschminkten Lippen. Noch dazu, weil „niemand von uns streng genommen aus der Bildenden Kunst kommt“, sagt Mira. Laura studiert Kamera an der Filmhochschule, Pia ist Theaterregisseurin, Daniel Musiker und Mira hat zumindest Kunstvermittlung studiert. Nach ihrem Studium in Wien, ist die gebürtige Wasserburgerin vor einem Jahr zurück in die Heimat gezogen. Im Vergleich zu Wien sei ihr München schon immer lieber gewesen, die Kunstszene in Wien habe sie immer als ein wenig kalt empfunden. „Natürlich kommt es überall drauf an, wen man kennt, um sich angenommen zu fühlen, aber irgendwie ist der Anschluss in München einfacher.“

Dennoch, was sie schon immer ein wenig gestört habe, sei, dass man sich als Nicht-Künstler oder Nicht-Kunst-Kenner in Galerien oft ein wenig außen vor fühlen würde und dass es vor allem als junger Mensch in München schwer ist, in der Kunstszene ernst genommen zu werden. Diesen Eindruck teilt auch Daniel. Als er Mira vor einem Jahr kennenlernte, konnte er sich schnell gut vorstellen, mit ihr zusammen so etwas wie eine Galerie zu eröffnen, in der man Disziplinen und Ansätze mischen könnte, um Kunst dadurch vielleicht ein wenig nahbarer zu gestalten.

Das Prince of Wales kannte Daniel. Als er erfuhr, dass „die Jungs aufhören wollten, hat sich das alles so ergeben“. Jonas von Ostrowski und Johannes Walter, zwei der früheren Betreiber, sind an diesem Abend auch da. Wie es ist, jetzt hier zu sein? Sie müssen sich erst einmal ein wenig fangen. Ein Bier aufmachen. „Ist schon ein gewichtiger Moment für uns“, sagt Johannes. „War echt ne lange Zeit“, fügt Jonas hinzu. „Aber die vier werden das bestimmt toll machen und uns war wichtig, dass das hier weitergeht und nicht einfach ein Atelier oder ein Abstellraum wird.“

Daniel ist ein ruhiger, kleiner Mann mit dunklem Bart und ebenso dunklen Haaren, die ihm zu einem halben Zopf geflochten bis weit über die Schultern reichen. In seiner Rede legt er die erstaunlich kleinen Hände wie eine Schale vor der Brust zusammen und berichtet davon, wie begeistert er von Anfang an von dem Häuschen mit all den verwinkelten Winkeln gewesen war. „Der geilste Ausstellungsraum in der Stadt“, sagt einer der Besucher. Xenia Fubarev, die Künstlerin, deren Bilder die erste Ausstellung des „Chantalls“ bilden, sagt etwas Ähnliches. Sie habe viel Zeit im Hof verbracht, sich den Putz und die Beschaffenheit des Mauerwerks angeschaut. Entstanden sind elf Leinwände, die nun im Haus ausgehängt sind und die verschiedenen voneinander isolierten Eigenschaften der Mauern einfangen wollen. Immer in Grau- und Weißtönen, immer abgestimmt auf das, was sonst im Raum passiert, was viel ist, allein schon aufgrund der Tatsache, dass da so viele Winkel und Ecken und Engpässe sind, die sich auf insgesamt 22,491 Quadratmetern breitmachen wollen.

Das Austarieren von Extremen scheint das Thema der vier jungen Galeriebetreiber zu sein. In einer teuren Stadt mit wenig Platz für junge Menschen, Kunst in einen winzigen Ausstellungsraum zu pressen, mitten in einer Gegend, „die eigentlich Wohngebiet ist“, scheint an sich schon extrem zu sein, sagt Pia. Auch das Wort „Interdisziplinarität“ fällt immer wieder – auch das fehle in München. Es geht ihnen um die Überwindung von Grenzen und das gleichzeitige Ausloten von Möglichkeiten in einem so begrenzten Raum. Auch wenn es „ganz klassisch“ mit einer bildenden Künstlerin losgeht, soll dies nur den Auftakt und gleichzeitig die Umgebung darstellen, in der beispielsweise gleich in dieser Woche eine performative Lesung stattfinden soll. Pia ist gerade damit beschäftigt, „Die Verwandlung“ von Franz Kafka zu inszenieren und am Donnerstag soll eine Lesung mit einer Schauspielerin und ihr stattfinden – dazu gibt es laut Programm Suppe.

Und der Name? Mira lacht. Ja, daran wäre es beinahe gescheitert, sagt sie. Daniels Eltern hätten ihn Chantall genannt, wäre er ein Mädchen geworden. „Wir sind drei Mädels und ein Junge und irgendwann dachten wir, es wäre lustig, die Galerie so zu nennen, wie der Junge nicht heißt.“

Text:
Theresa Parstorfer 

Foto: Anneke Maria Huhn

Fremdgänger: Abschiede

Abschiede sind nie einfach. Vielleicht ganz besonders nicht dann, wenn man Menschen in kurzer Zeit sehr ins Herz geschlossen hat und die Aussicht auf ein Wiedersehen gering zu sein scheint. Unsere Autorin berichtet über das Ende ihres Auslangsjahres.

Hilflos halte ich Rebecca im Arm.
Ihre Schultern zucken und ich spüre ihre Tränen an meinem Hals. Umringt von
unseren Kommilitonen, während des letzten Kurs-Abendessens, ist Rebecca die
erste, die sich verabschiedet. Nicht nur für heute, sondern vielleicht für… immer.
Gestern haben wir unsere Master-Arbeiten abgegeben. Heute steht auf einmal
nichts mehr zwischen uns und der Freiheit. Uns und dem echten Leben. Uns und
dem Abschied.

Neun Monate waren meine 24
Kurskameraden der Mittelpunkt meines Lebens. Wir kommen aus 13 verschiedenen
Ländern und gehen zurück in mindestens genausoviele verschiedene Länder. Am
ersten Tag beäugten wir uns unsicher, ein wenig zurückhaltend. Zu viele Namen,
zu viele beeindruckende Geschichten. Yale, Princeton, Cambridge – ich brauchte
einige Zeit um diese Informationen zu verdauen und den richtigen Gesichtern
zuordnen zu können. Geschichte und Philosophie in München studiert zu haben,
klang da irgendwie nicht so spannend. Deshalb traute ich mich am Anfang kaum,
den Mund aufzumachen. Mit der Zeit merkte ich jedoch, dass meine Kommilitonen –
egal wie eindrucksvoll ihre Lebensläufe – die liebevollsten und witzigsten
Menschen sind, die ich jemals auf einmal kennengelernt habe.

Ich glaube, Auslandserfahrungen
werden als so wertvoll empfunden, weil von Anfang an klar ist, dass man sich
für einen bestimmten, genau abgesteckten Zeitraum ein Leben aufbaut, bevor man
es nach diesem Zeitraum wieder abbaut. Dieses Wissen macht jeden einzelnen
Moment wertvoll, denn immer ist da die Gewissheit, dass es das letzte Mal sein
könnte, dass man diese Straße entlanggeht, dieses Cafe betritt oder diesen
Menschen trifft. Deshalb werden Freundschaften schneller geknüpft und fühlen
sich dann schnell so innig an, dass der Gedanke, sich am Ende des Jahres
verabschieden zu müssen, kaum auszuhalten ist. Auch in München musste ich mich
nach meinem Abschluss von Freunden verabschieden. Jedoch gestaltete die
Aussicht, dass die meisten von ihnen irgendwie innerhalb Deutschlands bleiben
würden, dieses Ereignis weit weniger dramatisch. Keine Tränen, keine
minutenlangen Umarmungen. Oft reichte ein: bis-in-einem-Jahr-dann.

Wenn ich versuche, meinen
deutschen Freunden das Konzept eines einjährigen Masters zu erklären, ernte ich
große Augen. Zweimal acht Wochen Vorlesungen? Dreimal drei Stunden Prüfung?
Sieben Wochen für eine Masterarbeit? Und dann hat man einen Abschluss? Das
klingt nach akademischem Größenwahn. Ist es auch. Wiederholt hörte ich mich
sagen: „Weiß auch nicht, wer auf diese Idee gekommen ist. Macht eigentlich nicht
so viel Sinn.“

Natürlich ist es im Nachhinein
einfach, zu behaupten, es sei alles nicht so schlimm gewesen. Das Gedächtnis
schleift die schmerzvollen Kanten der Erfahrung ab. Noch weiß ich, dass
Studieren in Oxford hart war. Aber mittlerweile weiß ich auch, dass alles
irgendwie machbar war und darum ist es nun die „menschliche“ Seite, die den
größeren Schmerz verursacht. Und der wird nicht so schnell verfliegen wie die
Verzweiflung angesichts theoretischer Debatten und Wortlimits. Es sind die
Menschen, die fehlen werden. Der eigentliche „Größenwahn“ eines Auslandsjahres
liegt deshalb in der Tatsache, sich ein Jahr lang die Möglichkeit zu geben, ein
Leben aufzubauen, nur um es dann wieder abzubauen, ohne zu wissen, in wie viele
verschiedene Länder man wird reisen können, um Freundschaften aufrecht zu
erhalten. Aus diesem Grund fällt mir auch nichts ein, das ich sagen könnte, um
Rebecca zu trösten. Ich halte sie nur ganz fest. Sie und diesen Moment.

Text: Theresa Parstorfer

Foto: Privat

Fremdgänger: Kunstsammelnde Piraten

„Posh“ könnte eine mögliche englische Bezeichnung für die Münchner Schickeria sein. Oder passt das doch nicht? Wie sich das vornehme Bürgertum in England von dem der Münchner Maximiliansstraße unterscheidet, darüber berichtet unsere Autorin in ihrer Kolumne.

„Posh“
ist in England so ein Wort, das auf Vieles und Nichts zugleich passt, das
deskriptiv sowie normativ, abstrakt sowie materiell verwendet werden kann. Ein
Dialekt ist „posh“, ein Auto ist „posh“, „super“ vor Adjektive zu kleben ist
„posh“ und der Norden von Oxford, wo ich wohne, ist „posh“. Meine
Übersetzungs-App behauptet, „vornehm“ sei der adequate deutsche Begriff.
Sicherlich könnte man die Münchner Schickeria als Pendant zu britischer
„poshness“ heranziehen. Allerdings würde ich behaupten, dass sich die Sachlage
in Großbritannien ein weniger anders, wenn nicht sogar komplexer gestaltet als
die Münchner Maximiliansstraße.

Zeuge
dieser Vielschichtigkeit werde ich, als ich der Einladung meines Mitbewohner
folge, einige Tage im Ferienhaus des Vaters seiner Verlobten in Cornwall zu
verbringen. Nach einer fünfstündigen Zugfahrt gen Süden, betrete ich ein wenig
nervös das weitläufige, in den 70ern erbaute Haus, das mir als der Inbegriff
von „poshness“ beschrieben wurde. Auf einen Schlag wird damit jedoch mein
persönliches Verständnis eben dieses Begriffs auf den Kopf gestellt.
Sicherlich, die Tatsache, dass das Haus mit Blick auf einen atemberaubenden von
Felsen umrahmten Sandstrand gebaut ist, riecht nach Geld. Allerdings spricht
die simple Ausstattung sowie der Zustand des Hauses eine andere Sprache: Neben
dem überquellenden Mülleimer und zwischen Sand und Muschelschalen türmt sich
eine Armada aus leeren Wein- und Bierflaschen auf. Ein Stapel schmutziger
Teller wartet im ebenfalls sandigen Spülbecken darauf, dass die sauberen Teller
aus der Spülmaschine in die Schränke geräumt werden und der Aschenbecher auf
dem Wohnzimmertisch quillt über. 

Mit
einer festen Umarmung, einem Kuss auf beide Wangen und der Frage, ob ich einen
Drink wolle, werde ich vom 68-jährigen Hausherren begrüßt, der barfuß, mit
langen grauen Locken, einem Sammelsurium an Armbändern und zerrissenen Jeans
aussieht wie eine Mischung aus Pirat, Rockstar und Bill Nighy. 

Die
darauffolgenden Tage versinken in einem bunten Rausch aus Strandspaziergängen,
Schwimmen, Muschel-Sammeln, kuriosen Spielen, Sandburgen bauen, Unmengen an
Essen und noch mehr Alkohol. Normale Tageszeiten (Abendessen irgendwann gegen
22 Uhr) und normale Gepflogenheiten (Duschen, saubere Kleidung) verlieren an
Bedeutung. 

In
München assoziiere ich „posh“ mit den Mitgliedern des Golfclubs, in dem ich
einen Sommer lang bediente – Besitzer teurer Hemden, noch teurerer Uhren und
einem offensichtlichen Desinteresse an allem, was sich außerhalb der Welt der
Reichen und Schönen abspielt. In Cornwall hingegen, scheint niemand Wert auf
Äußerlichkeiten oder eine Performance von Reichtum zu legen. Vermutlich ist
jedoch gerade dieses Verhalten ein wichtiger Aspekt britischer „poshness“, denn
nach einiger Recherche finde ich heraus, dass mein Piraten-Gastgeber im echten
Leben Anzug trägt und erfolgreicher Kunst-Händler ist. Somit würde das Fehlen
jeglicher „poshness“ ebenso eine Performance darstellen wie das Tragen teurer
Uhren und Hemden in München. Ohne jegliches Werturteil über die beiden Seiten
des Vergleichs fällen oder gar versuchen zu wollen, in die viel tiefergreifende
Problematik der fortbestehenden englischen Klassengesellschaft eintauchen zu
wollen, komme ich zu dem Schluss, dass – egal wie reich, angesehen oder „posh“
meine Gastgeber sind – ich mich selten umsorgter gefühlt habe als in diesem
schmuddeligen Haus in Cornwall. Allein deswegen erscheint britische „poshness“
irgendwie sympathischer als die abschätzigen Blicke angesichts meiner nicht
vorhandenen teuren Uhr und die Unwilligkeit auch nur 5 Prozent Trinkgeld zu
geben, die ich während meiner Golfclub-Zeit in München täglich erlebte.

Text: Theresa Parstorfer

Foto: Privat

München und mehr

Ein erster Ausblick auf das „Sound Of Munich Now“-Festival im Herbst – diesmal mit drei weiteren Städte-Bühnen.

München – Sicherlich, München ist nicht Berlin, aber das Festival „Sound of Munich Now“ ist ein Beweis dafür, dass München den Vergleich mit der Bundeshauptstadt auch gar nicht nötig hat, denn die Stadt im Süden hat einen völlig eigenen Klang und einiges zu bieten, was Musik und Innovation, Erfolg und Kreativität anbelangt. 153 unterschiedliche Münchner Bands haben bei diesem Festival bereits gespielt – und dieses Jahr bei der neunten Auflage kommen 21 weitere dazu. 174 Münchner Bands, alleine diese Zahl ist schon beachtlich – das Festival bringt in diesem Jahr aber noch weitere Überraschungen. Hier ein erster Ausblick auf das Festival, das seit neun Jahren das Feierwerk und die Süddeutsche Zeitung veranstalten.

Zwei Abende lang wird wieder der Frage nachgegangen, wie München klingt. Jetzt. Im Jahr 2017. Die Prämisse für diese Frage ist dabei zum neunten Mal die gleiche, und zwar in Form der Regel, dass keine der auftretenden Bands zuvor schon einmal auf diesem Festival gespielt haben darf. Der Kunst oder der Musik Regeln setzen zu wollen, könnte als paradox bezeichnet werden, allerdings kann diese Voraussetzung zum einen als gewisser Stolz interpretiert werden, auf das, was musikalisch so passiert in der bayerischen Hauptstadt. Zum anderen steht sie jedoch auch für eine Messlatte und den Anspruch der Veranstalter. Denn die Folge ist ja logischerweise, dass im Vorfeld des Festivals jedes Jahr aufs Neue um die 20 Münchner Bands gefunden werden müssen, die vielversprechend, divers und gut genug sind, um die Hansa 39 zu füllen und dann auch die Zuhörer für jeweils 15 Minuten unterhalten zu können.

In den vergangenen Jahren standen mittlerweile etablierte und erfolgreiche Künstler wie Occupanther, Me & Marie, Jesper Munk und Die Sauna auf dem „Sound of Munich Now“ noch ganz am Anfang ihrer musikalischen Karriere. Auch 2017 verspricht spannend zu werden, für alle mit Interesse an der jungen Münchner Bandszene. Aber auch für den, der einfach nur ein Wochenende lang frische Musik hören will, ist das Feierwerk am 10. und 11. November sicherlich die richtige Adresse, denn der Klang von München ist nach wie vor einiges: bunt, abenteuerlich, innovativ, laut, leise, gefühlvoll, ironisch, deutsch, englisch und vieles mehr.

Vielversprechend und erfolgreich, und damit vielleicht so etwas wie ein zugegebenermaßen sehr poppiges Aushängeschild ist dieses Jahr Marie Bothmer. Die 21-jährige Singer-Songwriterin steuerte den Song „Es braucht Zeit“ zum Soundtrack von Cros Film „Unsere Zeit ist jetzt“ bei, der auf Spotify mittlerweile beinahe eine Millionen Mal gehört wurde. Interessant ist, dass Marie Bothmer nur die Spitze des diesjährigen Trends zu sein scheint, vermehrt in deutscher Sprache zu singen. Sowohl der noch jüngere Paul Kowol, 20, als auch Körner und Liann tun das. In gewisser AnnenMayKantereit-Tradition handeln die Lieder dieser jungen Menschen von Liebe, Enttäuschung, Herausforderungen und vor allem den kleinen Dingen, die vielleicht banal erscheinen, den Alltag zugleich aber irgendwie bemerkenswert machen. „Wenn du willst, dann ist es heute noch fast gestern und bis morgen muss noch ganz viel Zeit vergehen“, singt etwa Liann. Das ist große Songwriter-Kunst, ohne auf die Tränendrüse zu drücken.

Auf Englisch – logischerweise, weil das seine Muttersprache ist – aber ebenso authentisch und ehrlich tritt Jordan Prince auf, während Lux & Tom Doolie & Cap Kendricks oder auch Grasime völlig andere Töne anschlagen und damit zeigen, dass München auch Platz hat für innovativen Hip-Hop, der auf Plattitüden verzichtet und stattdessen auf nachdenkliche, durchaus kritische Texte, hypnotische Samples, Basslinien und Drumloops setzt. Wieder sehr anders, sehr punkig und laut wird es mit Lester, rockig, bluesig hingegen mit Ni Sala und treibend poppig mit Matija und fast schon sphärisch mit Tiger Tiger und Blue Haze – an sich verspricht jede der 21 Bands, der Höhepunkt des Abends zu sein.

Auch in diesem Jahr bekommt der „Sound of Munich Now Electronica“ eine Bühne. DJ und Blogger Moritz Butschek hat folgende Electro-Künstler für das Festival ausgewählt: Am Freitagabend spielen COEO, Lena Bart, Muun, Sam Goku, Natanael Megersa und An Wii. Moritz Butschek selbst wird am Samstag bei der Aftershow-Party auflegen.

In München ist man allerdings auch bereit, über den eigenen Tellerrand und die eigenen Stadtgrenzen hinauszublicken. Nachdem es im vergangenen Jahr zum ersten Mal einen „Sound of Regensburg Now” sowie einen „Sound of Augsburg Now” gab, werden 2017 die Städte Erlangen (zum Beispiel mit Angiz mit schnellen, mitreißenden Melodien und ironischen Texten) und Traunstein (etwa mit dem verträumt langsamen, elektronischen Indie-Sound von Allaendnorth) vertreten sein.

Völlig neu ist der Ablauf des ersten Abends: auf dem Festival werden erstmals internationale Bands beim „Sound Of Hongkong Now“ vertreten sein.
Sowohl TFVSJS als auch Adrian Lo kommen aus China angereist. Bei TFVSJS handelt es sich um eine fünfköpfige, instrumentelle Postrockband, deren Mitglieder nicht nur Meister ihrer Instrumente, sondern faszinierender Beats, Melodien und Rhythmen sind. Der Musiker und Filmemacher Adrian Lo komponiert eher melancholische, aber musikalisch vielschichtige Stücke, die zum Träumen und Nachdenken anregen. 

Text: Theresa Parstorfer

Collage: Dennis Schmidt

Andere Länder, andere Zahlen

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Dass es einen entscheidenden Unterschied zwischen Fahrenheit und Celsius gibt, steht außer Frage. Allerdings können solche kulturellen Verschiedenheiten schnell zu Kommunikationsproblemen innerhalb von internationalen Freundschaften führen.

Jasmine schickt mir einen stirnrunzelnden Smilie. Es ist uns schon wieder passiert. Totale Verwirrung. „Treffen wir uns jetzt um fünf oder um sieben?“, will sie wissen. Ich scrolle die Unterhaltung nach oben und finde den Fehler. Vor einer halben Stunde habe ich ihr geschrieben: „7 am Theatereingang?“ Gemeint habe ich allerdings 17, also fünf Uhr.

Wie immer wollte ich es Jasmine aus Kanada einfacher machen. Schon in der ersten Uni-Woche haben wir festgestellt, dass in Nordamerika aufgewachsene Studenten nicht wirklich vertraut sind mit dem in Europa gängigeren 24-Stunden-System. Ich erinnere mich, wie Jasmine zu ihrem ersten Supervisor-Treffen beinahe zur falschen Zeit aufgetaucht wäre, da sie nicht wusste, was 15 Uhr bedeutet. Allerdings mache ich regelmäßig alles noch komplizierter, wenn ich versuche, „am“ und „pm“ mit den entsprechenden Zahlen zwischen 1 und 12 zu verwenden – 19 Uhr wird aus irgendeinem Grund zu 5. Ähnliches passiert, wenn wir shoppen gehen. „Welche Schuhgröße hast du“, fragt Jasmine. „Ähhh….“, sage ich. „38… ich meine 5 … ich meine … keine Ahnung, was das in deinem System ist.“ Oder wenn sie mir die Temperaturen in ihrer Heimatstadt beschreibt. 77 Grad? Das kann nicht stimmen – bis mir einfällt, dass Fahrenheit anders funktioniert als Celsius.

Schon vor meinem Studium in England war mir klar, dass Maßeinheiten, Uhrzeiten, Kalender – letztendlich alles, was mit dem menschlichen Versuch zu tun hat, Ordnung in ein sinnloses Universum ohne Meterstäbe und Waagen zu bringen – relativ sind. Allerdings habe ich die Auswirkungen der verschiedenen Arten, Ordnung zu schaffen, noch nie so direkt gespürt wie in Oxford, wo auf sehr begrenztem Raum die unterschiedlichsten Nationalitäten und damit Maßeinheiten aufeinander treffen.

Dazu kommt in Oxford dann noch Oxford. Denn in Oxford wird alles noch einmal ein bisschen anders gemacht. Das akademische Jahr wird in drei „terms“ unterteilt, die wiederum in jeweils acht Wochen zerfallen. Woche 1, Woche 2, Woche 3 und so weiter. Offizielle Veranstaltungen, aber auch private Verabredungen werden nur noch mit Nummern bekanntgegeben. Am Anfang runzelte ich die Stirn, als mir meine Mitbewohnerin einen so nur in Oxford erhältlichen Kalender zeigte. Aber schon drei Wochen später dachte ich selbst ausschließlich in Woche 1, Woche 2, Woche 3 und so weiter. Wochen 4 und 5 sind die schlimmsten – man fühlt sich begraben und erdrückt vom Gewicht der hinter und der vor einem liegenden Wochen. Während man sich in München nach acht Vorlesungseinheiten ebenfalls nur noch nach dem Ende des Semesters sehnt, wird es in Oxford bei Notenbekanntgabe wirklich merkwürdig. Bewertungen werden in Prozent ausgedrückt: 50 Prozent sind für ein Bestehen nötig, 80 Prozent zu erreichen, ist in den Geisteswissenschaften unmöglich. 70 Prozent entspricht möglicherweise einer Münchner 1,2.

Ich schaffe es, mich – mehr oder weniger fehlerfrei – mit anderen Maßeinheiten und Zeitrechnungen anzufreunden, aber für mich ist ein Jahr kaum genug Zeit, ein völlig neues Notensystem zu verinnerlichen. Ich lerne zwar die wichtige Lektion, dass man mehr als zufrieden sein kann mit weit weniger als dem, was theoretisch möglich ist (also 100 Prozent oder 1,0). Was das allerdings über meine intellektuelle Leistung aussagt, bleibt irgendwie ungreifbar. Das wiederum scheint nicht nur mir so zu gehen. Ich schicke Jasmine einen stirnrunzelnden Smilie: „65 Prozent – was heißt das jetzt?“ Ihre Antwort: Ich bekomme einen stirnrunzelnden Smilie, „no idea“.

Text: Theresa Parstorfer

Foto: Privat

Zeichen der Freundschaft: Nächtliche Bildinterpretation

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Bildinterpretationen behandelt man irgendwann einmal im Unterricht. Eigentlich. Unsere Autorin und ihre beiden Freundinnen analysieren dagegen Werbeplakate an Bushaltestellen und machen sich das zum abendlichen Ritual.

Das samtene Fell des Friesen schimmert silbern im Licht des vollen Mondes. Der kleine Junge, der dem Pferd nur bis etwa zur Brust reicht, streckt vorsichtig die Hand aus, um die Nüstern des majestätischen Tiers zu berühren. Thea, Jasmine und ich nähern uns voller Erwartung. „So meine Lieben“, bricht Thea das Schweigen, „was werden wir heute in diesem Kunstwerk entdecken?“ Die
romantische Szene zwischen schwarzem Pferd und kleinem Jungen in Regenparka wiederholt sich an jedem unserer gemeinsam verbrachten Abende, an deren Ende Thea und ich Jasmine nach Hause begleiten. Auf einem überdimensionalen Werbeplakat an einem Bushäuschen, genau an der Stelle,
an der Jasmine sich von uns verabschiedet, um die Straße zu ihrem Wohnhaus zu überqueren.

Zugegeben, an dem Abend, an dem wir zum ersten Mal bemerkten, wie realistisch, interessant und detailliert uns das für eine britische Bank werbende Plakat vorkam, waren wir alle etwas angesäuselt vom Rotwein. Dennoch nehmen wir die Aufgabe der Bildinterpretation seither sehr ernst. „Ich glaube, der Regenparka steht dafür, gewappnet zu sein für schlechte Zeiten“, sagt Jasmine heute mit gerunzelter Stirn. Ich kichere. „Oder seine Mama war einfach super nervig – nach dem Motto: nimm deine verdammte Jacke mit, sonst erkältest du dich noch, wenn du schon wieder dieses Pferd am Strand besuchst“, gebe ich zu Bedenken. Meistens hat jedoch Thea die beste Interpretation auf Lager, denn sie ist mit Abstand die lustigste von uns dreien. Jasmine schafft es hingegen immer wieder, am aufgeräumtesten und zugleich verplantesten zu sein und ich – ich backe den besten Kuchen und habe zu meinem eigenen Unverständnis ständig irgendein neues Männerproblem zu besprechen, das mich völlig überfordert. Manchmal kommt mir unsere Freundschaft selbst vor, wie eine sehr romantische Fotografie (von denen ich mittlerweile auch so viele habe, um ein ganzes Zimmer damit tapezieren zu können – Erinnerungen an all die verrückten Dingen, die wir während des vergangenen Jahres unseres gemeinsamen Studiums in Oxford erlebt haben). Ich habe die beiden Kanadierinnen (aus unterschiedlichen Provinzen – was wichtig ist!!!) gleich am ersten Tag des Semesters kennengelernt, als wir als einzige ein bisschen verloren am von unserer Fakultät organisierten Buffett standen und nicht so recht wussten, wie wir am besten höflichen Small-Talk mit all den distinguierten Professoren führen sollten. Natürlich könnte man sehr fatalistisch behaupten, der erste Tag an jeder Uni würde einfach determinieren, mit wem man für den Rest des Jahres befreundet ist. Ich glaube jedoch stur, dass es mehr als Zufall sein musste, genau diese beiden jungen Frauen auf einmal kennenzulernen. Denn ich glaube an romantische Gemälde und die Kraft des Schicksals, vor allem wenn es um zwischenmenschliche Begegnungen geht. Während Thea, Jasmine und ich in vielen Dingen sehr unterschiedlich sind, sind wir in ebenso vielen Dingen genau gleich. Beispielsweise teilen wir seit neun Monate die Überzeugung, nicht ganz so genial zu sein, wie man es eigentlich sein sollte, wenn man einen Platz an einer „Eliteuniversität“ ergattert hat. Genauso wie die Beobachtung, dass wir viele der bierernsten Traditionen und Ansprüche und Rituale und Diskussionen in Oxford nicht ganz ernst nehmen können. Deshalb können wir uns gegenseitig zugleich Rettungsanker und Stimmungsbombe sein, wenn es um Ratsch, Tratsch, gemeinsame Abendessen, Theater-, Kino-, und Konzertbesuche und nicht zuletzt therapeutische Gesprächsrunden geht. Wenn ich unsere Freundschaftsdynamik
interpretiere, so wie wir mehrmals wöchentlich das Bushäuschen-Plakat interpretieren, würde ich zu dem Schluss kommen, dass die Tatsache, dass Thea und ich Jasmine Abend für Abend nach Hause begleiten – weil sie eben ein bisschen ängstlicher ist als wir – als Zeichen dafür gesehen werden
kann, dass wir füreinander da sind, egal wann, egal wo und dass wir es schaffen, den anderen ernst zu nehmen, ohne jemals den Humor zu verlieren. Genau deshalb kann ich es mir auch nur mit diesen beiden Menschen vorstellen, mitten in der Nacht zum gefühlt hundertsten Mal vor einem Bushäuschen im Norden Oxfords zu stehen und die tiefenpsychologischen Absichten eines Werbefotografen zu analysieren.


Text: Theresa Parstorfer

Foto: Yunus Huttere

Fremdgänger: Nervös wie vor dem ersten Date

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Dass unter Studenten hin und wieder gelästert und getratscht wird, das dürfte jedem bekannt sein. In Oxford sind es aber nicht die Kommilitonen, sondern die Dozenten, die oftmals zum Mittelpunkt des Gespräches werden.

Mein Herz hämmert. Ich atme tief durch. Dann klopfe ich an die Bürotür meines Supervisors. Er winkt mich herein. Jedesmal wieder, denke ich mir, und ärgere mich. Jedesmal wieder, wenn ich mich mit dem Betreuer meiner Master-Arbeit treffe, bin ich so nervös wie vor einem ersten Date. Diese Analogie ist nicht einmal so weit hergeholt, denn 98 Prozent meines Studienganges, der zu 98 Prozent aus jungen Frauen besteht, ist seit dem ersten Vorlesungstag verliebt in den schlaksigen Anthropologen, der tagein tagaus erstaunlich enge schwarze Jeans und eine Hipster-Brille trägt.

Niemand von uns hätte erwartet, dass es so sexy sein kann, über Foucault zu sprechen. Aber bei jeder sozialkonstruktivistischen Erklärung aus seinem Mund höre ich einen innerlichen Seufzer durch die Reihen der Kommilitoninnen gehen. Und bei jedem gemeinsamen Abendessen mit meinen Freundinnen endet das Gespräch bei unseren Professoren. Nicht nur bei dem für Anthropologie, sondern auch bei unserem Politik-Professor, der jeden seiner Abschlüsse mit dem „highest grade point average in history of the degree“ abgeschlossen, seine Doktorarbeit in 18 Monaten geschrieben und in den letzten sechs Monaten drei Bücher veröffentlich hat, während er nebenbei an Wochenenden Marathon läuft. Ebenso wie bei unserem Ethik-Professor, dessen Handouts gespickt mit Rechtschreibfehlern sind, und nicht zuletzt unserer Jura-Professorin, die schwanger war und jetzt mit Sicherheit Mutter des süßesten kleinen Wesens in Oxford ist.

In anderen Worten: Wir sind besessen von unseren Professoren und unserer Bewunderung für sie. Wir brainstormen, wie viele Kinder sie haben und ob ihre Partner ebenso brillant sind, wir suchen ihre Facebook-Profile, überlegen, wie viel Schlaf sie brauchen und ob sie auf persönlicher Ebene miteinander auskommen. Jede intime Information, die wir irgendwie ausfindig machen, wird gefeiert, weitergesponnen und dann in unsere Schwarmintelligenz integriert, sodass wir nach kürzester Zeit eine Art Geheimsprache voller Insider-Witze und Anspielungen ausgearbeitet haben, unzugänglich für Nicht-Mitglieder unseres Studiengangs.

Mit Sicherheit ist diese Obsession bedingt durch die überschaubare Kursgröße und unseren sozialen Zusammenhalt, über den sich auch besagte Professoren immer wieder wundern und freuen. Womöglich spielt sich in kleinen Studiengängen in Deutschland Ähnliches ab, die Erfahrung während meines Bachelors in München war jedoch anders. Ich erinnere mich nicht, jemals mit Kommilitonen über das Privatleben unserer Dozenten spekuliert zu haben. Abgesehen vielleicht von der ein oder anderen Anekdote, kommt mir das Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden in München im Vergleich zu dem in Oxford ein wenig professioneller, vielleicht sogar typisch deutsch vor. Man hält sich höflich zurück und erlaubt sich nicht einmal heimlich darüber nachzudenken, dass eine „öffentliche Person“ wie ein Professor auch eine „private Person“ – Vater, Mutter, Partner oder Marathonläufer – ist.

Wobei: Ich persönlich verspürte schon immer beinahe übertriebene Ehrfurcht vor Menschen mit Doktortitel und Lehrauftrag. Deshalb raste mein Herz auch vor Besprechungen mit meinen Lieblingsprofessoren in München wie vor einem ersten Date. Jedesmal, wenn ich das Büro des Betreuers meiner Bachelorarbeit in der Schellingstraße verließ, ging ich das Treffen noch einmal in Gedanken durch und wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken. Rückblickend bin ich froh, dass ich in diesen Situationen nicht auch noch die Erinnerung an spätabendliche Spekulationen über sein Privatleben im Kopf haben musste. 

Text: Theresa Parstorfer

Foto: Privat

Neuland: Ella Josaline

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Neue Stadt, neues Glück. Die junge Musikerin Ella Josaline zieht es nach Berlin, weit weg von ihrer Heimatstadt München. Dort will sie nach neuer Inspiration für ihre Songs suchen.

Ella Josaline will weg. Weg aus München und weg von dem „Mädchen-mit-Gitarre- Image“, in dem sie sich sieht, seit sie 2015, gerade mal 16 Jahre alt, das Stadt-Land-Rock- Festival der Junge-Leute-Seite der SZ verzauberte. Musikalisch weiß die junge Frau zwar noch nicht genau, wo es hingehen soll, aber der Ort, an dem dieser „Findungsprozess“ stattfinden soll, ist Berlin. Dort lebt Ella seit einer Woche, da die Hauptstadt „immer schon eine Inspiration war“ und sie immer schon das Gefühl hatte, „da hinzugehören“. Während Ella vorhat, ihr Abitur an einer Fernschule abzulegen, will sie in der Hauptstadt Konzerte und kreative Veranstaltungen besuchen und herausfinden, was da noch so alles in ihr steckt an Kunst und Musik.

München ist für Ella zwar „Heimat“, allerdings fühlte es sich nie an wie „zu Hause“. Dennoch ist sie „total dankbar“, ihre musikalische Karriere dort gestartet zu haben. Und sie würde es auch jederzeit wieder so machen.

Text: Theresa Parstorfer

Foto: Calvin Hayward