Band der Woche: The Nice Nice

Das wichtigste Prinzip für The Nice Nice beschreibt Tim Sullivan in zwei Worten: „No rules.“ So ein Plan könnte im Chaos enden – doch gemeinsam mit Tom Appel entstanden zauberhafte Indie-Songs. Es entstand innerhalb kürzester Zeit ein Sound voller Überraschungen zusammen, der sich zwischen schrägen Background-Chören der Beatles und den Orgeln und layed-back-Tempi der Doors befindet – mit einer Prise verträumter Melancholie des Soloprojekts von Pete Doherty

Weiterlesen „Band der Woche: The Nice Nice“

Band der Woche: LVNG

image

Die Band The Living nennt sich jetzt LVNG und zieht ein eindeutiges Selbstbewusstsein aus der Wandlung. Am Samstag, den 14. April werden die Münchner mit einem Konzert im Strom ihre neue EP “Kimono” veröffentlichen.

Mit den Vokalen verschwand bei der Münchner Indie-Band The Living auch die Unschuld. LVNG  nennen sie sich jetzt und eigentlich ist das nun auch eine völlig andere Band als die liebliche Indie-Pop-Folk-Band, die sich die vergangenen drei Jahre unter dem ursprünglichen Namen eine Karriere erspielte, die wirkte, wie für eine deutsche Vorabendserie geschrieben: Zwei Geschwisterpaare plus ein Gitarrist aus dem Münchner Umland spielen seit Jugendtagen zusammen; wunderschön, liebenswert und ein bisschen spießig. Ja, aber diese Unbedarftheit ist wie gesagt mit den Vokalen verschwunden.

Jetzt ist man hip, am Puls der Zeit, der Vorstadt entflohen und hoffentlich im „Kosmopolitischen“ und in den „pulsierenden Großstädten“ angekommen, wie es der Pressetext zur neuen EP „Kimono“ verspricht. Auch wenn die Idee mit den fehlenden Vokalen schon ein bisschen älter ist. Das begann bei den Hip-Hoppern vor weit mehr als zehn Jahren, die Hipster folgten wenig später. Mit der Musik von LVNG ist da im Vergleich Spannenderes passiert. Denn die wurde von Musikern der einstigen Münchner Hochglanz-Pop-Hoffnung Claire produziert. Nun ist sie kaum wiederzuerkennen. Als hätte man die Songs, die früher von sanften Keyboards, einer Akustik-Gitarre und der schon damals beeindruckend souligen Stimme von Sänger Karlo Röding getragen wurde, völlig digitalisiert. Die Klangflächen pumpen sich in Dubstep-Manier voran, als hätten sie Schluckauf, Karlos Gesang ist fragmentiert darüber gesetzt und die Backgroundstimmen wurden mittels Autotune ordentlich robotisiert. Ja, als das anfing, dass man Vokale aus Bandnamen wegließ, befand sich der Gebrauch von Effekten wie Autotune oder Vocodern gerade an der Grenze vom billigen Mainstream-Popmittel zum subversiven Underground-Sound. Denn diese digitalen Stimmwandler klangen, vor allem, wenn man sie überdosierte, schlicht ultra geschmacklos. Man hatte noch Chers späten Neunzigerjahre-Hit „Believe“ im Ohr und noch nicht genug Distanz dazu, um diesen schon wieder cool zu finden, dass es wie die ultimative Auflehnung gegen das popkulturelle Establishment erschien, solche Klänge in Underground-Produktionen zu benutzen. Seit Längerem erlebt Autotune, spätestens seit dem derzeitigen Erfolg von Haiytis Album „Montenegro Zero“, wieder eine Renaissance im Mainstream.

Ein bisschen machen also die zu LVNG umgestylten The Living den Eindruck, als würden sie all diese ehemaligen Subkultur-Codes, die es in den Mainstream geschafft haben, an sich nehmen und zu einer hyper-hippen zeitgenössischen Popästhetik verquirlen wollen. Eine solche Herangehensweise ist nicht ganz ungefährlich, zumal LVNG damit ihr einstmals größtes Gut, ihre Natürlichkeit, mit der sie sich hartnäckig beibrachten immer bessere Songs zu schreiben, verabschieden. Denn man hört der Musik, die sie als vorerst nicht im Netz verfügbare, rein physikalischen EP am Samstag, 14. April, im Münchner Strom veröffentlichen, an, dass der Style wichtiger ist als alles andere. Doch die Band zieht ein eindeutiges Selbstbewusstsein aus ihrer Wandlung, auch wenn Musik und Stil weniger die Speerspitze als das derzeit Etablierte der Popmusik sind.

Foto: Andreas Strunz

Text: Rita Argauer

Band der Woche: Sunspiration

Bereits zwei Alben hat die Indie-Folkband Sunspiration veröffentlicht. Die Bandmitglieder kennen sich schon seit Kindertagen – die Songtexte stammen aus der Feder von Violetta Ditterich, der Cousine des Gitarristen Lenny Bachmeier.

Die menschliche Stimme umweht ein besonderer Mythos. Das beginnt in der Bibel, in der das “Wort” Gottes eine oberste Wahrheitsinstanz ist – und zieht sich bis in die Postmoderne, wenn der französische Philosoph Jacques Derrida den Wahrheitsanspruch beschreibt, der im gesprochenen Wort liegt, das also direkt mit dem Hirn und dem Denken verbunden ist. Auch die Popmusik gewinnt durch die Dringlichkeit, die eine Stimme mit selbstgeschriebenen Texten vermitteln kann. Funktioniert diese Ebene nicht, wirkt die Musik gleich viel unzugänglicher. Sei es bei Instrumentalmusik oder aber bei einer Sängerin oder einem Sänger ohne Charisma. Dabei geht es nicht darum, ob jemand die Töne trifft, sondern vielmehr, ob sich die Worte des Texts in Timbre und Ausdruck der Stimme so spiegeln, dass sie den Hörer treffen können.

Umso überraschend wirkt der Songwriting-Prozess der Münchner Band Sunspiration . Denn die Musik klingt äußerst dringlich, ein bisschen so wohlig melancholisch wie die BrightEyes. Jedoch brechen Sunspiration die Vereinigung zwischen Textdichter und Sänger in einer Person auf. Es textet Violetta Ditterich, die Cousine von Gitarrist, Keyboarder und Sänger Lenny Bachmeier, für die drei Musiker. Sie selbst tritt in der Band nicht in Erscheinung. Doch Lenny und seine beiden Bandkollegen – der Gitarrist und Sänger Florian Heimbuchner sowie Stefan Gackstatter am Schlagzeug – kommen mit dieser Aufgabenverteilung gut klar. Denn daraus ergebe sich auch eine ganz eigene Dynamik, erklärt Violetta: Sie schreibe ein paar Zeilen, die Musiker lassen sich davon zu Musik inspirieren – und so schreibt sich der Song mit gemeinsamen Assoziationen fort. “Dabei kommt es immer wieder zu Überraschungen. Wir entwickeln uns zusammen weiter”, sagt sie. Geschrieben habe sie schon immer gerne. Irgendwann habe ihr Cousin gefragt, ob sie nicht ein paar Strophen auf die Musik seiner Band schreiben wolle. “Die Konstellation harmoniert bisher sehr gut bei uns. Sowohl ich als auch die drei Jungs können sich frei im eigenen Bereich ausleben, bevor es dann zu einem großen Ganzen wird”, erklärt Violetta.

Angefangen, zusammen Musik zu machen, haben sie noch zu Schulzeiten, sie kennen sich seit Kindertagen. Mittlerweile versuchen sie ihr Leben auf die Musik auszurichten und haben bereits zwei Alben veröffentlicht. Darauf findet sich zweistimmiger Gesang, klirrende Keyboards, treibende Beats und anachronistische Orgeln: “Damit ist unsere Musik einerseits modern und nah am Zeitgeist dran, gleichzeitig schwingt ein Flair der Sechzigerjahre mit”, erklären sie, die ursprünglich aus Ebersberg stammen und nun in München, Leipzig und Würzburg studieren und deshalb viel Zug fahren, um weiterhin gemeinsam zu proben und Songs zu schreiben. Gezupfte Gitarren-Patterns treffen auf zum Teil fast altmodisch und ritterlich klingenden mehrstimmigen Gesang. Die Musik plätschert vor sich hin, umgarnt den Hörer, anstatt unbedingte Aufmerksamkeit zu fordern. “Am Anfang waren es bei uns eher Singer-Songwriter-Melodien, mittlerweile hat sich einiges verändert”, sagen sie. 

Doch vielleicht trägt auch der ungewöhnliche Songwriting-Prozess und Violettas Ghostwriter-Tätigkeit dazu bei, dass etwa der Song “Three Men” besonders, ja beinahe episch klingt. Denn wenn man sich drei junge Männer vorstellt, die über drei junge Männer in der dritten Person schreiben, ist das vielleicht ein bisschen seltsam. Doch in diesem Song, dessen Gitarren-Picking schließlich von noisigen Keyboards und einem konkret trabenden Beat eingeholt wird, hat man das Gefühl, einer spannenden, fremdartigen Geschichte zu lauschen. Eine Geschichte, die eben oft ein Außenstehender besser erzählen kann als der, der selbst drinsteckt. Am Montag, 12. März, spielen Sunspiration im Münchner Club Milla.

Foto: Simon Heimbuchner

Text: Rita Argauer

EP-Kritik: “About The Stock Life” von King Pigeon

image

Zwei Jahre nach ihrer ersten EP “Sonic Fields” zeigt die Indie-Band King Pigeon, warum sich die Songs nicht nur gut zum Tanzen eignen, sondern auch dass sie zum Nachdenken über das Älterwerden anregen.

Indie ist in München stark vertreten, schon durch Größen wie die Kytes, und King Pigeon steht ihnen in
nichts nach. Mit ihrer EP „About The Stock Life“ bringen King Pigeon eine auf
vier Songs komprimierte Coming of Age Platte raus, die feinsten
Sommer-Sonne-Festival-Indie präsentiert. Die Songs eignen sich einfach extrem
gut zum Tanzen, ob im Sommer vor der Open-Air Bühne, im Cord oder Milla bei
einer wilden Indie-Party.

Mittlerweile sind die vier Jungs von King Pigeon alle Mitte
20, und genau diesen Lebensabschnitt thematisiert ihre EP. Bei genauerem
Hinsehen steckt hinter den schnellen Beats und dem gut gelaunten Sound auch ein
ganzes Stück Nachdenklichkeit und Ernüchterung: Alles läuft in seinen Bahnen
und ganz aus Versehen wird man plötzlich so, wie man nie sein wollte.

Vor allem der erste Song „The Stock Life“ beschreibt diesen
Wunsch, noch etwas zu erleben, da heißt es „Let us chase the lights again“, so
wie damals, als die romantischen Vorstellungen der Jugend sich noch klar von
dem sich langsam einschleichenden Ernst des Lebens abgrenzen ließen. Auch in
dem zweiten Song „Mindscapes“ geht es um Träume und die Flucht vor der
Realität, in den eigenen Kopf, eine Traumwelt, in der man nicht alleine sein
möchte. Der Trip in die Vergangenheit zieht sich auch durch „Ghost Engine“, die
Geister der Vergangenheit holen einen immer ein, aber die erwachsene Version
des eigenen Ich muss sich jetzt endlich stellen und nicht weiter davonlaufen –
eine weise Erkenntnis, die mit dem Alter und etwas Abstand logisch ist und so
der Linie der EP treu bleibt.

Auch im letzten Song, der akustischen Ballade „One Ruined
Love“, bleibt es düster und ohne Zukunftsaussicht, dafür aber mit dem
melancholischen Blick in die Vergangenheit und einer verflossenen Liebe.

Die EP erzählt eine Geschichte vom Erwachsenwerden und auch
vom Scheitern, aber gerade wegen so viel Ehrlichkeit sollte man sie unbedingt
gehört haben. Denn letztendlich haben die Jungs ihren Traum immer noch nicht
aufgegeben – sonst hätte diese wunderbare EP ja nicht entstehen können.
Vielleicht ist also die wichtigste Lektion, die die EP lehrt, ganz simpel: Nicht aufgeben. Weitermachen.

Die EP erscheint am 26.01.2018.

Text: Marina Sprenger

Grafik:

Stephan Hofmann

Neuland: SAMT

image

Swallow Tailed hat einen neuen Namen, einen neuen Musikstil und ein Bandmitglied weniger. Das Trio startet jetzt nach zweijähriger Pause wieder durch – als SAMT. Sie haben sich nun dem Elektro-Pop verschrieben.

„Wir sind jetzt erwachsener geworden“, sagt Philip-Maximilian Maier. „Unsere Musik kann man nicht mehr dem klassischen Indie zuordnen, sondern sie ist jetzt elektronischer und poppiger.“ Philip spielt Gitarre und singt bei der Band SAMT – früher Swallow Tailed. Swallow Tailed hatte im Dezember 2015 eine Pause eingelegt, nachdem Schlagzeuger Lenny die Band verlassen hatte. „Wir waren zuerst traurig, weil es gut lief und wir viel Spaß hatten, aber er hatte das Gefühl, uns auszubremsen, weil er andere Verpflichtungen hatte.“ Nun sind die anderen drei Bandmitglieder, Philip, Pia Kreissl und Jakob Arnu, zurück – mit neuem Namen und neuer Musik. Für die Fans war es eine zweijährige Pause, doch das Trio hat still und heimlich im Studio Musik geschrieben. „Wir haben uns viel mehr Zeit für die Songs genommen als früher“, sagt Philip. „Es war uns eine Freude und Ehre, an einer Webserie musikalisch mitzuarbeiten.“ Außerdem möchte SAMT jeden Monat einen neuen Song herausbringen. In den nächsten Monaten folgen auch Musikvideos und von Frühling an Konzerte.

Text: Lena Schnelle

Foto:

Johannes Kliemt

Band der Woche: Agency

image

Die fünf Jungs von Agency kennen sich von klein auf und machen nun zusammen Musik. Musik, bei der die Musiker und das Publikum darin schwelgen können. Eine klassische Indie-Band ist das Quintett trotzdem nicht:
„Prinzipiell ist es doch einfach schön, wenn man als Musiker ein Publikum erreichen und bewegen kann.“

Es gibt zwei Arten von Musikern. In der Popmusik genauso wie in der Klassik oder im Jazz. Da gibt es diejenigen, die Musik machen, weil sie den Moment genießen, wenn die Musik aus ihnen heraus entsteht und den Musiker klanglich und räumlich umhüllt. Und es gibt diejenigen, die den Prozess dessen, was sie da gerade machen, in die Musik mit einfließen lassen. Rein von der Seite der Kritik her gesehen, sind Zweitere klar im Vorteil. Die Interpretation der Kunst wird in der Kunst quasi gleich mit geliefert. Wenn dieses Konzept aufgeht, entstehen tolle, um sich selbst herumkreisende, intelligente Kunstwerke. In vielen Fällen aber entsteht auch nur augenzwinkerndes, unangreifbares und langweiliges Zeug, dessen Geistesblitze nicht hell genug sind, für die bleierne Schwere, die sich durch dieses mehrfach gedrehte ironische Aufladen um die Kunst herum legt. Gerade in Deutschland gibt es seit circa zehn Jahren Musik, die bisweilen regelrecht versinkt in derartigen postironischen und unangreifbaren Windungen.

Die Münchner Band Agency ist von der anderen Sorte. Ihre Musik wird geschrieben, damit die Musiker beim Musizieren darin schwelgen können, genauso wie im Idealfall das Publikum. Erst einmal muss man dem Quintett also einen gewissen Mut zusprechen, dass sie ohne doppelten Boden agieren. Seit 2015 spielen sie in dieser Formation zusammen, kennen sich von Kindheit und begeben sich völlig ernst und nicht referenziell auf die Suche nach klanglichen Details, die ein derartiges Schweben in der Musik begünstigen: Up-tempo-Gitarren-Pickings und Gesangslinien, die mehr als dahingeworfene Wortbrocken sind zum Beispiel. Oder Melodien, die ihren Linien und Phrasierungen alle Ehre machen, weil sie tatsächlich ein harmonisches Ziel verfolgen, das letztlich eben zu einer musikalischen Erfüllung führen kann. Auf ihrer ersten EP „Streetlights“ gehen Agency genau diesen Weg: Inspiriert von den Indie-Bands der frühen Nullerjahre finden sich darauf fünf Songs. Jeder für sich sucht und findet eine musikalische schlüssige Linie. Die Band um Sänger Alex Hackinger macht sich dabei die Mühe, auf musikalische Einfälle zu setzen und nicht auf Zitate oder Versatzstücke und all diese anderen postmodernen Stilmittel, die nun nach 30 Jahren Postmoderne auch ein bisschen zum Handwerkszeug verkommen sind.

Man macht sich jedoch auch angreifbar mit einer solchen Herangehensweise. Denn natürlich hat man das alles so schon mal gehört. Agency erfinden keinen neuen Musikstil. Und sie sparen es sich, ein Sicherheitsnetz aus Ironie und Referenzbewusstsein um ihr Kunstwerk spinnen. Die Kunst, in der man schwelgen soll, liegt entblößt da und muss sich Fragen nach ihrem Inhalt und ihrer Qualität gefallen lassen. Doch Agency gehen damit ganz gelassen um: „Prinzipiell ist es doch einfach schön, wenn man als Musiker ein Publikum erreichen und bewegen kann. Deshalb sehen wir das nicht so eng mit Klassifizierungen“, erklären sie, auch dazu, wie man sich als klassische Indie-Band heute positioniert. „Viele unserer Songs beschäftigen sich mit dem Aufwachsen und Älterwerden, Freundschaft spielt eine große Rolle, aber auch andere Alltäglichkeiten, die uns im Leben beschäftigen“, sagen sie, und einige Songs hätten auch durchaus eine politische Botschaft. 

Stil: Indie
Besetzung: Alexander Hackinger (Gesang), Julian Hackinger (Gitarre), Maximilian Vogel (Gitarre), Philipp Kostanski (Bass), Franz Niedermaier (Schlagzeug)
Aus: München
Seit: 2015
Internet: www.agencymusic.de

Text: Rita Argauer

Foto: privat

Band der Woche: Manatees Fight Club

Manatees Fight Club hat sich sowohl dem Grunge als auch dem Indie verschrieben. In ihren Songs mischen sie soziale Themen mit surrealen Szenen, denn “der Spaß sollte bei der Musik nie fehlen und ein bisschen Selbstironie hat noch keiner Band geschadet”.

Dass Popmusik richtig lustig wird, ist selten. Außer im Hip-Hop, der es durch seine bisweilen sowieso recht theatrale Form ermöglicht, dass die Musiker auf der Bühne zu Kunstfiguren werden. Im Indie-Rock hingegen ist Humor, vor allem einer, der sich auch einmal gegen den Künstler selbst richtet, eher schwierig. Denn Indie möchte den Hörer berühren, ihn mitnehmen, sein Seelenleben durchrütteln. Dass einem Künstler, der sich selbst nicht ernst nimmt, so etwas gelingt, ist außergewöhnlich. Doch im Grunge gab es Anfang der Neunzigerjahre Bands, denen das gelang. Etwa Nirvanas wesentlich unbekanntere Zeit- und Stilgenossen Mudhoney oder die Supersuckers schafften es, sich selbst auf die Schippe zu nehmen und dabei gleichzeitig zu vermitteln, dass sie es mit ihrer Musik durchaus ernst meinen.

Nun ist in München eine Band aufgetaucht, die als Selbstbeschreibung einen Text aus dem Kindler Tier-Lexikon wählt: „Manatees (zu deutsch Manatis) sind Säugetiere und gehören zu den Seekühen. Sie sind sehr friedliche, neugierige und zutrauliche Tiere. Ihr Leben besteht aus Essen, Schlafen und mit Artgenossen Schmusen“, schreibt die Band Manatees Fight Club auf ihrer Homepage. Doch Kuschelrock hat hier keiner zu erwarten, denn folglich seien diese süßen Seekühe für die fünf Musiker die richtigen Lebewesen, die sie in die Kampfarena illegaler Tierkämpfe schicken würden. Zumindest mit ihrem Bandnamen und dem Bandlogo, in dem eben jene Tiere in blutrot gefärbtem Wasser zum Zweikampf antreten.

Willkommen in dem schrägen Universum, in dem sich das Quintett stilistisch positioniert. Sänger Michael Seitz und Gitarrist Felix Weißl sind für die Texte verantwortlich. Soziale Themen wie Straßenarmut oder Depression mischen sie mit absurden Songideen und surrealen Szenen: „Der Spaß sollte bei der Musik nie fehlen und ein bisschen Selbstironie hat noch keiner Band geschadet“, erklären sie. Doch wenn man das dann als eine Mischung aus Grunge und den Libertines musikalisch vorgetragen hört, zeigt sich die Kehrseite: Schwere und verlangsamte Gitarrenriffs treffen auf tief-röhrenden Gesang, Moll-Harmonik und Mitteilungsbedürfnis brechen sich an zur Schau gestellter Slacker-Attitüde und einer zelebrierten Outsider-Rolle. Die Musik von Manatees Fight Club schwingt permanent zwischen Würde und Loser-Einstellung. Das führt zu einer Ironie, die der von Becks Slacker-Hymne „Loser“ sehr viel näher ist, als den ironischen Distanzierungen, die die Popwelt von 2000 an erfuhr.

Drei Songs haben Manatees Fight Club, die sich Anfang 2017 in ihrer jetzigen Besetzung zusammenfanden, bislang aufgenommen. Die Musik ist präsent und drückend produziert. Derzeit suchen sie ein Label und planen, ein Album aufzunehmen. Doch neben dieser klassischen Herangehensweise drückt auch da wieder dieser spezielle Humor aus postpubertärem Jungswitz und einer wohltuenden Verweigerungshaltung durch: „When you go out, don’t be yourself“ singen sie und schreiben Nirvanas Wunsch „Come as you are, as you were, as I want you to be“ weiter. Dabei halten sie sich nicht mit Kleinigkeiten auf, sondern veröffentlichen ein Manatees Fight Club Memory-Spiel zum Ausdrucken, das sie mit einer ähnlichen Vehemenz bewerben wie ihre Musik.

Stil: Grunge/Indie
Besetzung: Michael Scheitz (Gesang), Johannes Knebl (Lead-Gitarre), Felix Weißl (Rhythmus-Gitarre), Martin Berger (Bass), Bernhard Geiger (Schlagzeug)
Aus: München/Altötting
Seit: 2017

Text: Rita Argauer

Foto: Michael Scheitz