EP-Kritik: “About The Stock Life” von King Pigeon

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Zwei Jahre nach ihrer ersten EP “Sonic Fields” zeigt die Indie-Band King Pigeon, warum sich die Songs nicht nur gut zum Tanzen eignen, sondern auch dass sie zum Nachdenken über das Älterwerden anregen.

Indie ist in München stark vertreten, schon durch Größen wie die Kytes, und King Pigeon steht ihnen in
nichts nach. Mit ihrer EP „About The Stock Life“ bringen King Pigeon eine auf
vier Songs komprimierte Coming of Age Platte raus, die feinsten
Sommer-Sonne-Festival-Indie präsentiert. Die Songs eignen sich einfach extrem
gut zum Tanzen, ob im Sommer vor der Open-Air Bühne, im Cord oder Milla bei
einer wilden Indie-Party.

Mittlerweile sind die vier Jungs von King Pigeon alle Mitte
20, und genau diesen Lebensabschnitt thematisiert ihre EP. Bei genauerem
Hinsehen steckt hinter den schnellen Beats und dem gut gelaunten Sound auch ein
ganzes Stück Nachdenklichkeit und Ernüchterung: Alles läuft in seinen Bahnen
und ganz aus Versehen wird man plötzlich so, wie man nie sein wollte.

Vor allem der erste Song „The Stock Life“ beschreibt diesen
Wunsch, noch etwas zu erleben, da heißt es „Let us chase the lights again“, so
wie damals, als die romantischen Vorstellungen der Jugend sich noch klar von
dem sich langsam einschleichenden Ernst des Lebens abgrenzen ließen. Auch in
dem zweiten Song „Mindscapes“ geht es um Träume und die Flucht vor der
Realität, in den eigenen Kopf, eine Traumwelt, in der man nicht alleine sein
möchte. Der Trip in die Vergangenheit zieht sich auch durch „Ghost Engine“, die
Geister der Vergangenheit holen einen immer ein, aber die erwachsene Version
des eigenen Ich muss sich jetzt endlich stellen und nicht weiter davonlaufen –
eine weise Erkenntnis, die mit dem Alter und etwas Abstand logisch ist und so
der Linie der EP treu bleibt.

Auch im letzten Song, der akustischen Ballade „One Ruined
Love“, bleibt es düster und ohne Zukunftsaussicht, dafür aber mit dem
melancholischen Blick in die Vergangenheit und einer verflossenen Liebe.

Die EP erzählt eine Geschichte vom Erwachsenwerden und auch
vom Scheitern, aber gerade wegen so viel Ehrlichkeit sollte man sie unbedingt
gehört haben. Denn letztendlich haben die Jungs ihren Traum immer noch nicht
aufgegeben – sonst hätte diese wunderbare EP ja nicht entstehen können.
Vielleicht ist also die wichtigste Lektion, die die EP lehrt, ganz simpel: Nicht aufgeben. Weitermachen.

Die EP erscheint am 26.01.2018.

Text: Marina Sprenger

Grafik:

Stephan Hofmann

Neuland: SAMT

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Swallow Tailed hat einen neuen Namen, einen neuen Musikstil und ein Bandmitglied weniger. Das Trio startet jetzt nach zweijähriger Pause wieder durch – als SAMT. Sie haben sich nun dem Elektro-Pop verschrieben.

„Wir sind jetzt erwachsener geworden“, sagt Philip-Maximilian Maier. „Unsere Musik kann man nicht mehr dem klassischen Indie zuordnen, sondern sie ist jetzt elektronischer und poppiger.“ Philip spielt Gitarre und singt bei der Band SAMT – früher Swallow Tailed. Swallow Tailed hatte im Dezember 2015 eine Pause eingelegt, nachdem Schlagzeuger Lenny die Band verlassen hatte. „Wir waren zuerst traurig, weil es gut lief und wir viel Spaß hatten, aber er hatte das Gefühl, uns auszubremsen, weil er andere Verpflichtungen hatte.“ Nun sind die anderen drei Bandmitglieder, Philip, Pia Kreissl und Jakob Arnu, zurück – mit neuem Namen und neuer Musik. Für die Fans war es eine zweijährige Pause, doch das Trio hat still und heimlich im Studio Musik geschrieben. „Wir haben uns viel mehr Zeit für die Songs genommen als früher“, sagt Philip. „Es war uns eine Freude und Ehre, an einer Webserie musikalisch mitzuarbeiten.“ Außerdem möchte SAMT jeden Monat einen neuen Song herausbringen. In den nächsten Monaten folgen auch Musikvideos und von Frühling an Konzerte.

Text: Lena Schnelle

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Johannes Kliemt

Band der Woche: Agency

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Die fünf Jungs von Agency kennen sich von klein auf und machen nun zusammen Musik. Musik, bei der die Musiker und das Publikum darin schwelgen können. Eine klassische Indie-Band ist das Quintett trotzdem nicht:
„Prinzipiell ist es doch einfach schön, wenn man als Musiker ein Publikum erreichen und bewegen kann.“

Es gibt zwei Arten von Musikern. In der Popmusik genauso wie in der Klassik oder im Jazz. Da gibt es diejenigen, die Musik machen, weil sie den Moment genießen, wenn die Musik aus ihnen heraus entsteht und den Musiker klanglich und räumlich umhüllt. Und es gibt diejenigen, die den Prozess dessen, was sie da gerade machen, in die Musik mit einfließen lassen. Rein von der Seite der Kritik her gesehen, sind Zweitere klar im Vorteil. Die Interpretation der Kunst wird in der Kunst quasi gleich mit geliefert. Wenn dieses Konzept aufgeht, entstehen tolle, um sich selbst herumkreisende, intelligente Kunstwerke. In vielen Fällen aber entsteht auch nur augenzwinkerndes, unangreifbares und langweiliges Zeug, dessen Geistesblitze nicht hell genug sind, für die bleierne Schwere, die sich durch dieses mehrfach gedrehte ironische Aufladen um die Kunst herum legt. Gerade in Deutschland gibt es seit circa zehn Jahren Musik, die bisweilen regelrecht versinkt in derartigen postironischen und unangreifbaren Windungen.

Die Münchner Band Agency ist von der anderen Sorte. Ihre Musik wird geschrieben, damit die Musiker beim Musizieren darin schwelgen können, genauso wie im Idealfall das Publikum. Erst einmal muss man dem Quintett also einen gewissen Mut zusprechen, dass sie ohne doppelten Boden agieren. Seit 2015 spielen sie in dieser Formation zusammen, kennen sich von Kindheit und begeben sich völlig ernst und nicht referenziell auf die Suche nach klanglichen Details, die ein derartiges Schweben in der Musik begünstigen: Up-tempo-Gitarren-Pickings und Gesangslinien, die mehr als dahingeworfene Wortbrocken sind zum Beispiel. Oder Melodien, die ihren Linien und Phrasierungen alle Ehre machen, weil sie tatsächlich ein harmonisches Ziel verfolgen, das letztlich eben zu einer musikalischen Erfüllung führen kann. Auf ihrer ersten EP „Streetlights“ gehen Agency genau diesen Weg: Inspiriert von den Indie-Bands der frühen Nullerjahre finden sich darauf fünf Songs. Jeder für sich sucht und findet eine musikalische schlüssige Linie. Die Band um Sänger Alex Hackinger macht sich dabei die Mühe, auf musikalische Einfälle zu setzen und nicht auf Zitate oder Versatzstücke und all diese anderen postmodernen Stilmittel, die nun nach 30 Jahren Postmoderne auch ein bisschen zum Handwerkszeug verkommen sind.

Man macht sich jedoch auch angreifbar mit einer solchen Herangehensweise. Denn natürlich hat man das alles so schon mal gehört. Agency erfinden keinen neuen Musikstil. Und sie sparen es sich, ein Sicherheitsnetz aus Ironie und Referenzbewusstsein um ihr Kunstwerk spinnen. Die Kunst, in der man schwelgen soll, liegt entblößt da und muss sich Fragen nach ihrem Inhalt und ihrer Qualität gefallen lassen. Doch Agency gehen damit ganz gelassen um: „Prinzipiell ist es doch einfach schön, wenn man als Musiker ein Publikum erreichen und bewegen kann. Deshalb sehen wir das nicht so eng mit Klassifizierungen“, erklären sie, auch dazu, wie man sich als klassische Indie-Band heute positioniert. „Viele unserer Songs beschäftigen sich mit dem Aufwachsen und Älterwerden, Freundschaft spielt eine große Rolle, aber auch andere Alltäglichkeiten, die uns im Leben beschäftigen“, sagen sie, und einige Songs hätten auch durchaus eine politische Botschaft. 

Stil: Indie
Besetzung: Alexander Hackinger (Gesang), Julian Hackinger (Gitarre), Maximilian Vogel (Gitarre), Philipp Kostanski (Bass), Franz Niedermaier (Schlagzeug)
Aus: München
Seit: 2015
Internet: www.agencymusic.de

Text: Rita Argauer

Foto: privat

Band der Woche: Manatees Fight Club

Manatees Fight Club hat sich sowohl dem Grunge als auch dem Indie verschrieben. In ihren Songs mischen sie soziale Themen mit surrealen Szenen, denn “der Spaß sollte bei der Musik nie fehlen und ein bisschen Selbstironie hat noch keiner Band geschadet”.

Dass Popmusik richtig lustig wird, ist selten. Außer im Hip-Hop, der es durch seine bisweilen sowieso recht theatrale Form ermöglicht, dass die Musiker auf der Bühne zu Kunstfiguren werden. Im Indie-Rock hingegen ist Humor, vor allem einer, der sich auch einmal gegen den Künstler selbst richtet, eher schwierig. Denn Indie möchte den Hörer berühren, ihn mitnehmen, sein Seelenleben durchrütteln. Dass einem Künstler, der sich selbst nicht ernst nimmt, so etwas gelingt, ist außergewöhnlich. Doch im Grunge gab es Anfang der Neunzigerjahre Bands, denen das gelang. Etwa Nirvanas wesentlich unbekanntere Zeit- und Stilgenossen Mudhoney oder die Supersuckers schafften es, sich selbst auf die Schippe zu nehmen und dabei gleichzeitig zu vermitteln, dass sie es mit ihrer Musik durchaus ernst meinen.

Nun ist in München eine Band aufgetaucht, die als Selbstbeschreibung einen Text aus dem Kindler Tier-Lexikon wählt: „Manatees (zu deutsch Manatis) sind Säugetiere und gehören zu den Seekühen. Sie sind sehr friedliche, neugierige und zutrauliche Tiere. Ihr Leben besteht aus Essen, Schlafen und mit Artgenossen Schmusen“, schreibt die Band Manatees Fight Club auf ihrer Homepage. Doch Kuschelrock hat hier keiner zu erwarten, denn folglich seien diese süßen Seekühe für die fünf Musiker die richtigen Lebewesen, die sie in die Kampfarena illegaler Tierkämpfe schicken würden. Zumindest mit ihrem Bandnamen und dem Bandlogo, in dem eben jene Tiere in blutrot gefärbtem Wasser zum Zweikampf antreten.

Willkommen in dem schrägen Universum, in dem sich das Quintett stilistisch positioniert. Sänger Michael Seitz und Gitarrist Felix Weißl sind für die Texte verantwortlich. Soziale Themen wie Straßenarmut oder Depression mischen sie mit absurden Songideen und surrealen Szenen: „Der Spaß sollte bei der Musik nie fehlen und ein bisschen Selbstironie hat noch keiner Band geschadet“, erklären sie. Doch wenn man das dann als eine Mischung aus Grunge und den Libertines musikalisch vorgetragen hört, zeigt sich die Kehrseite: Schwere und verlangsamte Gitarrenriffs treffen auf tief-röhrenden Gesang, Moll-Harmonik und Mitteilungsbedürfnis brechen sich an zur Schau gestellter Slacker-Attitüde und einer zelebrierten Outsider-Rolle. Die Musik von Manatees Fight Club schwingt permanent zwischen Würde und Loser-Einstellung. Das führt zu einer Ironie, die der von Becks Slacker-Hymne „Loser“ sehr viel näher ist, als den ironischen Distanzierungen, die die Popwelt von 2000 an erfuhr.

Drei Songs haben Manatees Fight Club, die sich Anfang 2017 in ihrer jetzigen Besetzung zusammenfanden, bislang aufgenommen. Die Musik ist präsent und drückend produziert. Derzeit suchen sie ein Label und planen, ein Album aufzunehmen. Doch neben dieser klassischen Herangehensweise drückt auch da wieder dieser spezielle Humor aus postpubertärem Jungswitz und einer wohltuenden Verweigerungshaltung durch: „When you go out, don’t be yourself“ singen sie und schreiben Nirvanas Wunsch „Come as you are, as you were, as I want you to be“ weiter. Dabei halten sie sich nicht mit Kleinigkeiten auf, sondern veröffentlichen ein Manatees Fight Club Memory-Spiel zum Ausdrucken, das sie mit einer ähnlichen Vehemenz bewerben wie ihre Musik.

Stil: Grunge/Indie
Besetzung: Michael Scheitz (Gesang), Johannes Knebl (Lead-Gitarre), Felix Weißl (Rhythmus-Gitarre), Martin Berger (Bass), Bernhard Geiger (Schlagzeug)
Aus: München/Altötting
Seit: 2017

Text: Rita Argauer

Foto: Michael Scheitz

Albumkritik // The Tonecooks – Postcards From The Sun

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Mit treibenden Mitsing-Refrains und funky Gitarren zogen die vier Münchner in den vergangenen Jahren durch die Indie-Clubs der Stadt. “Postcards From The Sun” heißt nun ihr neues Album. Voller Musik, die gleichermaßen zum Tanzen und Träumen verleitet

Jungen Bands, so könnte man
meinen, fällt es immer schwerer, eine markante musikalische Handschrift zu
entwickeln. Seitdem Legenden wie Queen oder Pink Floyd vor über 30 Jahren anfingen,
die Popmusik zu revolutionieren ist unglaublich viel passiert. Grenzen selbst
neuartiger Genres wie Psychadelic oder auch Indie scheinen weitestgehend
ausgeleuchtet zu sein. Kraftklub, die bekannte Deutsch-Rap-Rock-Band betitelt diesen
Drang einer Generation nach mehr Selbstdefinition ernüchtert „Egal wo wir
hinkommen, unsere Eltern waren schon eher hier“.  Die frische Indie-Platte „Postcards From The
Sun“ von den Münchnern The Tonecooks zeugt hingegen davon, dass die
Landeshauptstadt sich auch zukünftig keinesfalls auf musikalische Uniformität
einzustellen hat.

Bereits in ihrem ersten Album
„Camel And The Ghost Train“ bewiesen die vier Münchner ein feines Gespür für
einen kreativen und neuen Sound. Funkverhangene Gitarren und treibende Mitsing-Refrains
sollen auch auf dem neuen Album nicht fehlen. Zunächst aber zum instrumentalen
Opener „Nuage Noir“, mehr subtil anmutendes Präludium als Vorschlaghammer. Die
surrenden Gitarren und das Bass-Solo geben gleich zu Beginn den Ton der Platte
an. Denn die findet in den fein-verspielten Instrumentalteilen und
psychedelischen Rhythmen ihre Highlights.

Mit dem darauffolgenden „Carry On“ nimmt das Album dann richtig an Fahrt auf. Die aufwühlenden Schlagzeugbeats
und der eingängige Refrain lassen Tanzstimmung aufkommen. Wahrscheinlich ist es
auch das so verspielte und schnörkelreiche Zusammenspiel von Lead- und
Rhythmusgitarre, dem die Tonecooks ihren so wiedererkennbaren Sound verdanken.
„Dreaming Of Home“ hingegen schlägt ruhigere Töne an. Es ist ein tiefgängiger,
nachdenklicher Song über einen abgehängten alten Mann ohne Sinn für den
Wirrwarr der modernen Welt.

Der Titeltrack „Postcards from
the Sun“
ist ein echter Knüller. Er holt den scheinbar so fernen Festivalsommer
zurück. Jedenfalls gehören der hymnische Refrain und die Gitarrenriffs viel
eher auf große Festivalbühnen als in kleine Kellerclubs. Das abgedrehte Vor-
und Zwischenspiel macht den Song zum wohl reifsten des ganzen Albums.

Als Ruhepol vor dem großen Finale
fungiert „Alright“. Es ist der einzige akustische Song der ganzen Platte. Ganz
anders die folgenden „Rising“ und „Expectations“. Hier dominieren verzerrte
Gitarren und die markante Stimme des Sängers Julius Krebs. Zwei kraftvolle
Nummern, die beide jedoch ein Stück zu sehr lauter Rock-Song sein wollen und eher
überladen scheinen. Live funktionieren die Songs hervorragend, auf Band wirken
sie ein wenig kontrapunktierend.

Den Schlussauftritt machen die
ineinander gekoppelten Stücke „The Bay I“ und „The Bay II“. Rauschhaft bauen
Gitarre, Schlagzeug, Bass und Gesang immer weiter aufeinander auf und münden in
ein mal lautes, mal leises Gitarrenfeuerwerk. Ein mehr als würdiger Abschluss
für ein Album das sich immer wieder wie eine wunderschöne Reise hören lässt.

Die Tonecooks verpacken solch ausführliche
kreative Ausflüge in ihre ganz eigene und handgemachte Form von Musik. In eine
erfrischend neue Symbiose. In der einzigartig viele musikalische Ideen auf engstem Raum
gesammelt wurden. “Postcards From The Sun” dürfte viel frischen Wind in die hiesige Indie-Szene bringen. Es ist ein Album das eindeutig Lust auf mehr macht. 

Wie weit die kreative Reise durch
das interstellare System wohl ging? Von der Sonne haben die Münchner zum Glück
ein paar Postkarten mitgebracht. Und das wird gefeiert: Am Montag, den 30.
Oktober ab 20 Uhr 30 in der Milla.

Text: Louis Seibert

Foto: Julian Lopez

Von Freitag bis Freitag: Unterwegs mit Laura

Der Herbst begrüßt uns Münchner mit Regenwetter und Wiesn-Anstich. Unsere Autorin behält selsbtverständlich dennoch gute Laune und mischt sich ein buntes Wochenprogramm aus Besuchen im Milla, Lovelace und dem
Museum Fünf Kontinente.

Es ist nass. Dicke Regentropfen fallen auf die Straßen.
Überall geschäftiges Treiben, bunte Regenschirme an grauen Tagen. Die Stadt
spiegelt sich in großen Pfützen. Der Sommer scheint sich verabschiedet zu
haben. Doch auch der Herbst hat seinen Reiz: Tage, die drinnen schöner als
draußen sind und ganz viel Spätsommerlicht.  

Meinen Freitagabend verbringe ich deshalb im Lovelace. Dort
lädt das Hotel auf Zeit zur „Public Roof Night“. Ich erhoffe mir einen Abend,
an dem die Sonne noch einmal die Dächer der Stadt in ihr goldenes Licht taucht.
Anschließend geht’s ab ins Milla. Dort diggen an diesem Abend die DJ´s Dr.
Getdown, Rolf S. Royce, Kesch und Pryme tief in ihren Musiksammlungen, ganz
gemäß dem Motto „Musik, die keiner kennt, ist nicht gleich Musik, die keiner
mag!“
.

Am Samstag findet im Lovelace eine Lesung der Süddeutschen
Zeitung statt. Alexander Gorkow (Seite Drei), Kathleen Hildebrand (SZ.de
Kultur), Juliane Liebert (Feuilleton) und David Pfeifer (Langstrecke)
unterhalten sich über den Soundtrack des Lebens. Vorgelesen werden die besten
Absätze aus der neuen Ausgabe der „SZ Langstrecke“. Dazu spielt die Lovelace
Coverband die Lieblingslieder, die nie oder selten im „Feuilleton“ auftauchen
und die von Menschen geliebt und von Journalisten gehasst werden. Alternativ
findet im Strom an diesem Abend ein Indie- und Elektro-Konzert statt. Für die
Augenblicke im Leben, in denen sich alles perfekt fügt, entsteht ein Momentum
und genau solche Momente sollen dort geschaffen werden. Die richtige
musikalische Untermalung soll einem nichtigen Ereignis ungeahnte Intensität
verleihen.

Nicht vergessen darf man an diesem Wochenende natürlich den
Wiesn-Anstich. Und mit dem Oktoberfest beginnt auch schon wieder für den ein
oder anderen die fünfte Jahreszeit. Ein schneller Jahreszeitenwechsel, der mit
Sicherheit nicht jedem gleicht gut bekommt.

Den Sonntag verbringe ich im Museum Fünf Kontinente, einem
Ort den ich nicht nur an herbstlichen Tagen wie diesen stundenlang aufsuchen
könnte. Doch an diesem Sonntag darf ich mich auf einen spannenden und
interessanten Vortrag der Leiterin der Abteilung
Südasien, Südostasien und Australien, Dr. Michaela Appel freuen. Es geht um
Angkor Wat, Kambodschas strahlender Vergangenheit. Der Vortrag ist Teil und
zugleich das Ende der Ausstellung „Shaded Memories – Der Schatten über
Kambodscha
“, eine Fotografie-Ausstellung von den Spuren der dunklen
Vergangenheit Kambodschas. Die Arbeiten der Fotografin
Ann-Christine Woehrl sind persönliche und intime Reflexionen, die jeden
Betrachter sofort in ihren Bann ziehen.

Am Montag verbringe ich meine Zeit wieder einmal im
Lovelace. Dort findet die Veranstaltung „Movienight“ mit der Hochschule für
Fernsehen und Film statt. Gezeigt werden an diesem Abend drei Arbeiten von
HFF-Studierenden. Im ersten Film „Moonjourney“ von Chiara Grabmayr wird in 120
Sekunden die Geschichte eines sechsjährigen syrischen Mädchens gezeigt, das mit
ihrem Vater flüchten muss. Um ihr die Angst zu nehmen, erzählt der Vater seiner
Tochter, dass es sich um eine Reise zum Mond handle. Der nächste Film
„Invention of Trust“ von Alex Schaad geht es um einen Gymnasiallehrer, der nach
einer rätselhaften Nachricht um sein verletzte Vertrauen in seine Mitmenschen,
aber auch um seinen eigenen Ruf kämpfen muss. „Find Fix Finish“ von Mila
Zhluktenko und Sylvain Cruiziat wird als letzter Film bei der Movienight
gezeigt. Es wird ein expliziter Einblick in die Mittel der Überwachung gegeben
und Erfahrungen gezeigt, die dabei gemacht werden. Es wird spannend!

Das Provisorium feiert am Freitag seine Wiedereröffnung. Am
Dienstag findet dort im Lesesaal die Vernissage zur Ausstellung von
Dreihundertsechzig
statt. Echte 360° Aufnahmen in HQ.  Es ist die erste “Tiny
Planet/360°”-Ausstellung, die vom 19. – 23.09.2017 in München zu sehen
sein wird.

An diesem Mittwochabend startet das Milla wieder mit dem
Milla Song Slam
in die neue Saison. Startplätze sichern lohnt sich!

Am Donnerstag geht es für mich die Vernissage  „ A World of My Own“ von Laura Zalenga und
Korbinian Vogt. Die Gallerie von Ingo Seufert bietet aktuelle Kunst junger
Fotografen, wobei größter Wert auf qualitativ hochwertige und anspruchsvolle
Arbeiten gelegt wird. Ich freue mich auf die beiden und ihre Werke!

Der Startschuss fürs Wochenende fällt für mich im Milla.
Funk Related:
Florian & Ana Ana
heizen dort mit richtiger Anti-Mainstream Musik ein. Von Funk über Boogie, von
Rap zu Soul, bis hin zu Reggae und Jazz ist alles dabei. Egal ob neu oder alt,
eine Reihenfolge gibt es nicht!

Genauso buntgemischt wie die Musikwahl im Milla geht für
mich die Woche zu Ende. Der Herbst mit seinem bunten Meer aus Blättern, den
kühlen Regentagen und letzten Sonnenstrahlen wird wohl aber noch ein bisschen
bleiben.

Text: Laura Schurer

Foto: Privat

Band der Woche: King Pigeon

King Pigeon begeistert mit Indie-Gitarrenmusik. Ihre Songtexte handeln von
zwischenmenschliche Beziehungen und den großen und kleinen Geschichten, die das Leben so schreibt.

Dass München ein Problem mit Zuordnungen hat, ist nichts Neues. Es gibt hier nicht den einen popmusikalischen Stil, der über die Stadtgrenzen hinaus so bekannt wäre, dass er für die Stadt stehen würde. Münchner Bands müssen sich also mehr über sich selbst als über ihre Stadt vermarkten, wenn sie denn außerhalb der Stadt Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollen. Das letzte Mal, dass die Stadt München eine stilistische Profil-Schärfung im Pop-Sektor aufzuweisen hatte, war vor etwa zehn Jahren.

Da existierte so etwas wie eine münchnerisch-britische Freundschaft, angetrieben von Christian Heine und vollzogen in dessen Club, dem Atomic Café. In der Zeit, als diese neue Welle an Indie- und Britrock-Bands aufrauschte und gitarrengetriebene Musik wieder in den Aufmerksamkeitsfokus gelangte, spielten all diese Bands im Atomic Café, bevor sie irgendwo anders in der Stadt auftraten. Auf die Münchner Szene hatte das einen gewissen Effekt: Bands wie Exclusive, die dem damaligen Namensgebungstrends dieser Bands entsprechend noch The Exclusive hießen, verpackten das gleich in ihre erste Single: „Atomic Atomic“ ging der Refrain, der sich wohl nicht nur auf irgendwelche atomaren Begebenheiten bezog, sondern auch als ein Sehnsuchtsruf in Richtung der Indie-Bühne der Stadt funktionierte. Und während sich Exclusive von dieser Art der Musik im Laufe ihrer Karriere völlig verabschiedeten, gibt es heute immer wieder Bands, die so etwas wie die Nachhut dieses Stils sind.

Das Atomic Café ist mittlerweile geschlossen, früher aber haben dort auch die Bandmitglieder von King Pigeon in ihrer späteren Jugend gelernt, wie Indie-Gitarren-Musik klingt. Und genau solche spielen sie jetzt auch. „Wir sind alle mehr oder weniger in den Nullerjahren aufgewachsen und somit entsprechend musikalisch sozialisiert“, erklären sie, „dadurch sind wir alle am Indie und seinen Facetten hängen geblieben.“ Also schreiben sie Lieder über zwischenmenschliche Beziehungen und die „großen und kleinen Geschichten, die das Leben so schreibt“. Heraus kommt dabei Musik, die die gleiche verschrobene Leichtigkeit atmet, die den Film „Garden State“ zum Feel-Good-Movie der Prä-Hipster-Generation machte. Doch weil die Popkultur sich immer schneller entwickelt, klingt das heute schon fast so nostalgisch wie das klirrende Gitarrenriff, das den Song „My Girl“ auf der ersten EP von King Pigeon eröffnet. Die erschien 2016 unter dem Titel „Sonic Fields“ und darauf findet man alles, was vor zehn Jahren durch den Club in der Neuturmstraße rauschte: etwas vertrackte Liebesgeschichten, treibendes Schlagzeug samt Bass, funkig-kratzige Gitarrenriffs, ein etwas aufgerauter Grundklang und melodiöser Gesang.

Diese Art der Indie-Gitarren-Musik entstand in einer Zeit, unmittelbar nach 9/11. Es ist Musik, die den Feel-Good-Vibe der Neunzigerjahre noch kennt, die jedoch schon ein wenig unter dem, was weltpolitisch darauf folgen könnte, erschaudert. Heute hat sich das verändert, die Attitüde ist deutlich pessimistischer, man geht eher beinahe davon aus, dass der Weltuntergang unmittelbar bevorsteht. Umso extremer zeigen sich die musikalischen Formen: Sei es überproduzierter Bubblegum-Pop oder düsterste Experimente. Die unbeschwerte Indie-Gitarren-Musik wirkt aus heutiger Sicht beschwichtigend oder wohltuend. Je nach Perspektive. Man kann das auch live erleben, wenn King Pigeon am Samstag, 5. August, beim Free & Easy im Backstage auftreten, bevor sie sich ihrer neuen EP widmen, auf der sie planen, mit etwas Elektronik zu experimentieren. Vielleicht reißt sie die Gegenwart schließlich doch noch an sich.

Stil: Indie / Gitarre
Besetzung: Christian Schön (Gesang, Rhythmusgitarre), Marius Werani (Leadgitarre, Gesang), Fabian Betzmeier (Bass), Moritz Eckermann (Schlagzeug)
Aus: München
Seit: 2014
Internet: www.king-pigeon.com


Text: Rita Argauer

Foto: Sebastian Menacher

Band der Woche: Oh Why

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Als Lukas Bernhard und Carla Pollak nicht mehr ausreichend zufrieden mit der Ausbeute beim Straßenmusizieren waren, gründeten sie just die Indie-Band Oh Why – den Sound der Straße haben sie sich aber teilweise erhalten.

Mit der eigenen Musik Geld verdienen, dieser Lebensplan ist für die meisten in überaus weite Ferne gerückt. Immerhin sind in den Neunzigerjahren – man mag es kaum glauben – Bands wie die Babes in Toyland mit Musik, die dermaßen weit ab vom Mainstream war, weltweit auf mittelgroßen Labels erschienen, die damals noch Vorschüsse zahlten, die so etwas wie ein Berufsmusikertum zumindest für eine gewisse Zeit finanzierten. Heutzutage ist die schnellste, sicherste und auch lukrativste Art mit der eigenen Musik Geld zu verdienen, auf die Straße zu gehen. Das erscheint erst einmal reichlich absurd, denn Straßenmusik ist immer eine Konzertdarbietung, zu der in den seltensten Fällen gezielt jemand kommt und deren Gewinn sich aus der Großzügigkeit der vorbeikommenden Zufallspassanten generiert. Dass ein Publikum einer Straßenmusikband mal eben gerne einen Betrag in den Hut wirft, der die Summe, die nach einem gestreamten Song auf Spotify auf dem Konto des Künstlers landet, in den meisten Fällen, auch wenn sie unter fünf Euro bleibt, übertreffen dürfte, ist eine der Absurditäten im heutigen Umgang mit der Wertigkeit von Musik. Dass Musiker wie Erol Dizdar, der von seiner Musik lebt und zwar hauptsächlich davon, dass er mit der Konnexion Balkon auf der Straße spielt und nicht davon, dass er mit den gerade doch auf eine gewisse Art gehypten Friends of Gas durch die Clubs des Landes tourt, bestätigt das. 

Unter diesen Voraussetzungen hat die junge Münchner Band Oh Why also erst einmal ganz instinktiv die richtige Bühne gewählt, als die Gründungsmitglieder, der Gitarrist Lukas Bernhard und die Sängerin Carla Pollak, 2013 begannen, in Münchens Innenstadt zu musizieren. Doch – und hier liegt die Crux – schon wegen des fehlenden Stroms in der Fußgängerzone bleibt die Musik in den Klangmöglichkeiten von Grund auf beschränkt. Und so eine Atmosphäre, wie sie die Band heute in den Anfang ihres Songs „Planet 9“ legt, ist auf der Straße ohne anständige Verstärker kaum aufzubauen. Denn um so ein mystisches Ambient-Rauschen zu erzeugen, braucht es Gitarrenverstärker, die die Töne verzerren und verhallen. Da braucht es aber auch Mikrofone, die das Straßenmusik-Relikt Cajón (die Holzkiste, auf der ein Trommler sitzt und die klingt wie ein Schlagzeug) verstärken und verfremden. Und da braucht es im Idealfall die Bühne eines Clubs, eine Nebelmaschine und entsprechende Scheinwerfer, um die Band auch optisch passend zu den Klängen in Szene zu setzen. Oh Why lernten nach und nach diese erweiterten Möglichkeiten für die Darbietung ihrer Musik zu schätzen: Also kam zuerst der Schlagzeuger Vincent Crusius dazu, später dann noch Bass und Keyboard. 

Die Möglichkeiten, einfach auf der Straße zu spielen, wurden von den Musikern, die alle Anfang 20 sind und in München studieren, so zwar rapide eingeschränkt, Carlas dunkel belegte Alt-Stimme aber bekam einen musikalisch interessanteren Untergrund: Irgendwo zwischen Neunzigerjahre-Indie-Rock und einem Gespür für lang aufgebaute Atmosphären, verabschiedeten sie sich endgültig vom kurzweiligen, nachmittäglichen Shopping-Soundtrack auf dem Marienplatz und traten in den Dschungel der Münchner Indie-Band-Szene ein. Hier müssen sie jedoch an etwas anderem feilen: Man muss herausstechen, sich eigen und besonders machen. Daran arbeiten Oh Why gerade, live immer wieder in diversen Konzerten, und im Studio an ihrer ersten EP, die im Laufe des Jahres erscheinen soll.  

Text: Rita Argauer

Foto: Alexandra Kuth

Band der Woche: The Tonecooks

Ein Fundament, das zunächst unstimmig scheint: Indie-Rock und Jazz – So vielfältig wie ihre Musik ist, so divers sind auch die thematisierten Inhalte. Es geht um Weltoffenheit und das Individuum in der Gesellschaft, aber auch um Tod und Verzweiflung.

Jazz war einst heiße Musik. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war im Jazz ein emotional warmer Ausdruck möglich, den es in der so stark formalisierten klassischen Musik nicht gab. Jazz war hot. Das hat sich gewandelt. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Art, wie Jazz musiziert wurde (nicht mehr als Tanzmusik, sondern mehr als Zuhör-Darbietung), aber auch die Haltung hinter dem Jazz heruntergekühlt. Cool, das Wort, das so geläufig als positive Bezeichnung im Pop-Biz geworden ist, entstammt dieser Haltung: Emotion nicht offen zeigen, heißt das ursprünglich, sich nicht preisgeben, eben cool bleiben. 

Pop und Jazz haben musiktheoretisch viele Berührungspunkte, ausdruckstechnisch gesehen jedoch sehr wenige. Mit I Am Kloot gab es aber im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts eine Band, die die coole Jazz-Haltung in die warme Singer-Songwriter-Musik holte. Auf „Natural History“, dem ersten Album der Briten, findet sich ein lässig-groovender Jazz-Bass neben vereinzelt dahingeworfenen Harmonien auf der Akustik-Gitarre und einem sanft-schwingenden Schlagzeug. Doch der Ausdruck der Band ist warm, voller Herz, emotionalem Leid und voller uncoolem Seelenstriptease. Und mit The Tonecooks gibt es seit vier Jahren in München eine Indie-Rock-Band, die diesen Transfer von jazziger Coolness in einen emotional aufgewärmten Musikstil ebenso hinbekommt.

Indie-Rock und Jazz, das erscheint eben erst einmal kreuzverschieden. Doch das Quartett, das sich am Münchner Dante-Gymnasium kennenlernte, trägt diese Melange als Voraussetzung. So prägen das musikalische Bild der Band der Sänger, Akustik-Gitarrist und Indie-Songwriter Julius Krebs sowie der zweite Sänger und Jazz-Gitarrist Til Waldhier. Und da die vier Musiker mehr demokratische Typen sind als kunstdiktatorische Haudegen, werden diese beiden Einflüsse eben, so gut es geht, zusammen gebracht: „Wir hören vollkommen unterschiedliche Musik, ticken alle anders, aber wir finden uns in der Musik“, erklären sie. Sie bräuchten nur aufeinander hören und schon entstehe ein „einzigartiges Miteinander“, man finde sich im „Klang- und somit im Gefühlsaustausch“. Und dieser macht sich auf den ersten Veröffentlichungen der Band schon ganz gut. Die Songs, die sie im vergangenen Jahr auf dem Album „Camel in the Ghost Train“ veröffentlichten, verdichten die Jazz-Einflüsse mit klassischen Brit-Rock- und Indie-Elementen.

Die Musik der Tonecooks funktioniert dazu passend auf zwei Ebenen: Einerseits jazzen Gitarre und Schlagzeug im Opener „All I Want“ mit einer nicht zu unterschätzenden Coolness. Andererseits folgt im Anschluss die Überraschung im Stück „Waves“, das zwar instrumental immer noch jazzig geprägt ist, in der Stimme aber schon ein Art romantisches Sehnen spürbar werden lässt. Der Track „Ordam“ bekommt dann über dem Jazz schon etwas Drängendes und beinahe Flehendes im Gesang, bevor das Album schließlich mit den Zwillingssongs „Lost I“ und „Lost II“ einmal den Jazz nihilistisch ins Funkige und einmal in rollenden Indie-Rock kippen lässt. Die Welt ist voller Gegensätze. Und diesen wollen die Tonecooks in ihrer Musik einen adäquaten Ausdruck verleihen: „Themen, wie der Bezug zwischen dem Individuum und der Gesellschaft, Weltoffenheit, sowie Verzweiflung und Tod, stehen in unseren Liedern im Mittelpunkt“, erklären sie. Ihre Musik, die eben eine solche Schichtung von Nähe und Wärme, sowie Coolness und Unnahbarkeit ist, spiegelt das. Im kommenden April wollen sie eine EP veröffentlichen, deren Stil einen Ausblick auf das, ebenfalls für 2017 angesetzte, zweite Album geben soll.

Stil: Indie/Rock/Jazz
Besetzung: Julius Krebs (Akustik-Gitarre, E-Gitarre, Gesang), Adam Smolen (Bass, Gesang), Til Waldhier (Jazz-Gitarre, Gesang), Nicolas Dehais (Schlagzeug, Percussion)
Seit: 2013
Aus: München
Internet: soundcloud.com/thetonecooks

Text: Rita Argauer

Foto:

Vincent Man

DJ-Abende mit Schlagzeuger

Nie wieder Auflegen ohne fließende Übergänge- Manuel Palacio bringt neuen Schwung in die Münchner Indie-DJ-Szene. Mit Tänzern, einem Live-Schlagzeuger oder selbst gedrehten Filmen

Die Stimmung ist ausgelassen. Am Plattenteller steht Star-DJ Monika Kruse, die Menge ist begeistert, tanzt im Takt der Musik, der kleine Club ist zum Bersten gefüllt. Und live dabei sind Tausende von Menschen, allerdings reicht denen ein PC-Bildschirm, um den Auftritt zu sehen. Sogenannte Boiler-Room-Videos werden immer beliebter und bringen einem den Club samt Atmosphäre ins heimische Wohnzimmer. 

„Warum also noch vor die Tür gehen, wenn es reicht, einfach nur ins Internet zu gehen?“, sagt Manuel Palacio, 26. „Man muss den Leuten also heutzutage schon etwas Besonderes bieten.“ Manuel trägt Weihnachtspulli, Hut und Hipsterbrille, und nippt grinsend an seinem Spezi. Denn natürlich hat er schon eine Lösung, was das sein kann: Unter dem Label „Fancy Footworks“ veranstaltet er innovative Indie-Abende in der Milla, die der angestaubten Münchner Indie-Club-Szene neue Impulse verleihen sollen. Dabei setzt er etwa auf Anleihen aus anderen Genres oder Live-Elementen, die „das Event näher an ein Konzerterlebnis bringen sollen“. Aber der Reihe nach.

Geboren wurde Manuel in Mexiko-Stadt, aber seine Eltern – Vater Deutscher, Mutter Mexikanerin – zogen mit ihm schon früh nach München, weil sie fanden, dass ein Kind hier besser aufwachsen könne. Nach dem Abitur verkauft er erst einmal ein Jahr lang Surfbretter, auch weil Manuel das Verkaufen lernen will – seiner Ansicht nach eine der wichtigsten Fähigkeiten, die man haben kann. Parallel dazu legt er schon mit 16 Jahren in den ersten Clubs auf, mit 18 ist er unter den Ersten, die Raves unter den Isarbrücken veranstalten – „ein Generator, ein paar Boxen und wir waren solange da, bis die Party gesprengt wurde.“ Auch die Clubs werden schnell auf ihn aufmerksam, bald schon hat er eine Resident-Night im „Cafe King“, dem Vorläufer des „Kong“. Gleichzeitig legt er aber auch in Clubs auf, die er selbst „Schickeria-Läden“ nennt, er ist in der Auswahl seiner Locations nicht wählerisch. 

“Warum also noch vor die Tür gehen, wenn es reicht, einfach nur ins Internet zu gehen?”

Mit 21 veranstaltet er schon große Events, etwa in der Muffathalle, es geht vor allem um „Global Bass“ – Weltmusik. Mit einigen anderen DJs zusammen betonen sie hier explizit ihre lateinamerikanischen Wurzeln, wollen aber auch aktueller Musik aus München eine Basis geben. Gleichzeitig langweilt sich Manuel zunehmend in der Münchner Indie-Club-Szene: „Wenn ich unterwegs war, habe ich immer die gleichen Playlists, die gleichen DJs gehört, meistens ohne Übergänge. Ende. Pause. Nächster Song. Da könntest du auch im Wohnzimmer sitzen.“ Als sich die Veranstalter der Global-Bass-Events schließlich trennen, beginnt die Geschichte von „Fancy Footworks“.

Manuel möchte Indie-Musik auflegen, aber gleichzeitig möglichst ein durchgängiges Set haben, ohne Pausen oder abgehakte Übergänge. Deshalb mischt er angesagte Indie-Musik mit Disco-Klängen, Hip-Hop und ein bisschen Elektromusik. Er arbeitet viel mit Effekten, Wiederholungen, Verzerrungen – allesamt Techniken, die eher im Bereich des Hip-Hops zu finden sind, aber auch hier erstaunlich gut funktionieren. Gleichzeitig sollen Live-Elemente auf der Bühne sein, etwa wenn Schlagzeuger Lennart Lil’L Stolpmann die Lieder live begleitet. Oder wenn die Musik auf Ausschnitte aus Filmen oder Musikvideos abgestimmt wird. Oder wenn der DJ „selbst zum Rockstar wird“, mit Pyrotechnik und Spraydosen der Menge eine Show bietet, „wie auf einem Kiss-Konzert“. 

So wird der Club-Abend immer mehr ein Konzert, das Erlebnis wieder mehr ein einzigartiges. Und das Konzept kommt an, die Veranstaltung feierte vor kurzem ihr zweijähriges Bestehen und die Milla ist regelmäßig rappelvoll. Auch Mira Mann, Bookerin der Milla ist davon überzeugt: „Die Abende mit Fancy Footworks sind auch für uns immer etwas Besonderes. Die Stimmung im Club ist noch besser als sonst, irgendwie wärmer. Es gibt auch immer ausgefallene Aktionen, die die Reihe einzigartig machen.“

Um all das versucht er Geschichten zu spinnen, als Marketing-Student kennt er sich damit aus. So sind sein mächtigstes Werbemittel kleine, lustige, kreative Videos, die er für jedes Event gemeinsam mit seiner Crew – DJ Anna Lindener, 24, Grafiker Fernando Gonzalez, 25, Dominik Schelzke, 23, und einige andere – produziert. Das Ziel: Ohne viel Budget möglichst viel Aufmerksamkeit generieren, Guerilla-Marketing. Und das kommt an, Fancy Footworks läuft erfolgreich, soll dieses Jahr von einer Veranstaltungsmarke hin zu einem großen Musikblog erweitert werden. Man will so auch eine Plattform für aufstrebende Bands werden, die man durch gezielte Werbemaßnahmen unterstützen kann. Auch eine Expansion in andere Städte ist geplant, etwa nach Augsburg oder Hamburg. 

Gleichzeitig hat Manuel noch ein zweites großes Projekt. Als im Sommer entschieden wurde, die Café-Cord-Lounge abzuspalten, fragte ihn der neue Geschäftsführer, ob er nicht das musikalische Konzept des neuen Clubs ausarbeiten wolle. Im neuen „Maxe Belle Spitz“ ist jetzt eine Mischung aus Rockbar und bayerischer Boazn entstanden, mit Holz-Vertäfelung an der Decke und Instrumenten für eine Jam-Session. Und auch hier mischt Manuel munter die Genres, zu klassischer Rockmusik kommt viel Indie, aber auch bayerischer Brass oder eben Hip-Hop.

Er selbst legt hier ein- bis zweimal die Woche auf, die anderen DJs dürfen sich relativ frei entfalten, aber „als roter Faden sollte schon einmal AC/DC kommen und LaBrassBanda wäre auch nicht schlecht, damit eine Linie zu erkennen ist“, sagt Manuel und schmunzelt. 

Zur Eröffnungsfeier spielten Whiskey Foundation, in Zukunft sollen hier noch mehr Bands auftreten. Und auch Fancy Footworks soll wachsen, vielleicht mal als Marke für alle von Manuels Aktivitäten dienen.
 Einflüsse und Stilrichtungen, Ideen und Konzepte, Konzerte und Dj-Sets – Dinge mischen und daraus Neues entstehen lassen, Grenzen fließend werden lassen, diese Idee zieht sich durch alle Veranstaltungen und Pläne von Manuel. Man muss den Menschen wohl heutzutage mehr als nur eine Sache bieten, um sie bei Laune zu halten. Und das macht Manuel mit Fancy Footworks oder mit einem seiner zahlreichen anderen Projekte. Dabei ist ihm aber bewusst, dass er das Rad nicht neu erfinden kann, sondern nur andere Herangehensweisen bietet. Oder wie Manuel selbst sagt: „Ich gebe den Dingen neue Kleider.“ 

Text: Philipp Kreiter

Foto: Thomas Kiewing