Tag vier von 10 im Quadrat: Im Kampf um die Subkultur

Es geht zur Sache im Farbenladen: Nach einem Poetry-Slam diskutieren junge und etablierte Veranstalter gut zwei Stunden lang über Subkultur in München. Die Singer-Somgwriterin Elena Rud wartet schon ungeduldig, ihr Auftritt ist trotzdem ein Erfolg

Von Marietta Jestl

Könnten die eifrigen Pumper im Fitnessstudio an der Hansastraße die Gäste diskutieren hören, die sich heute im Farbenladen tummeln, würden sie vielleicht von ihren Crosstrainern absteigen und sich bewusst werden, dass es wichtigere Themen im Leben gibt als gestählte Muskeln. Gestählte Brückenpfeiler zum Beispiel – eine Erinnerung, über die die Jungs des Ravescape Kollektivs heute lachen: als ein Kumpel auf die Idee kam, für einen illegalen Rave Boxen der Anlage doch an die Stahlpfeiler einer Eisenbahnbrücke zu bohren und herabhängen zu lassen. Als junger Veranstalter muss man in München heutzutage groß träumen; die ein oder andere verrückte Idee schadet dabei nicht – aber dazu später mehr.

Während die ersten Gäste noch durch die Galerie schlendern, planen die Poetry Slammer Bastian Vogel und Max Osswald ihren bevorstehenden Auftritt. Die Vorträge der des heutigen Slam Programms sollten einer gewissen Dramaturgie folgen, wie einem Spannungsbogen, findet Max. Dies lässt sich umsetzen: neben den beiden treten noch Karim Schwalb und Trulla auf, und die vier könnten kaum unterschiedlicher sein. Bastian spielt fast schon Theater auf der als solche deklarierten Bühne im Zentrum des Farbenladens und bringt dabei die Ersten zum Lachen. Die durchgehenden Reime verleihen den Texten eine gewisse Ernsthaftigkeit, dennoch versteckt sich stets irgendwo ein Wortwitz oder eine Pointe. Karim, der der Meinung ist, dass politische Themen im Poetry Slam wieder eine größere Rolle spielen sollten, folgt mit zwei deutlich kürzeren und ernsteren Texten. Einer davon zur Flüchtlingsthematik, er lässt das Publikum schlucken. Wenige Worte – umso stärkere Message. Trulla ergänzt die politische Vorlage mit einem witzigen und nicht auf den Mund gefallenen Text zum selbst erfundenen Hashtag #youtoo: #metoo zu rufen ist die eine Sache, aber auf sexistische Anfeindungen so direkt und schlagfertig zu reagieren wie diese junge Dame will gelernt sein. Zum Schluss zieht Max elegant den Bogen: Frech, kurzweilig und selbstironisch beendet er diese sehr unterhaltsame Slammer Runde.

Slamerin Trulla

Mittlerweile hat sich an der Tür eine Gruppe an jungen Männern gebildet, denen das zerfeierte Wochenende noch in den Knochen zu stecken scheint – ihre mit Stickern beklebten Shirts und Beutel verraten gewisse Zugehörigkeiten zu Techno-Kollektiven. Obwohl vermutlich ein paar von ihnen lieber im Bett wären, haben sie den Weg in den Farbenladen für den nächsten Programmpunkt gerne auf sich genommen: eine Diskussionsrunde zum Münchner Nachtleben; die Mischung der Gäste verspricht interessant zu werden. Mit David Süß (Harry Klein) und Daniel Hahn (Bahnwärter Thiel, Alte Utting) sind zwei relativ erfolgreiche Münchner Veranstalter erschienen.

Während David Süß noch von Zeiten berichtet, als man in München noch kaum nach 1 Uhr weggehen konnte, und wie die einstige Subkultur des Kunstparks Ost Clubs wie seinen den Weg in die Innenstadt ebnete, träumt Daniel Hahn nach Jahren der Zwischennutzung und „Dauerimprovisation“ nun doch endlich von einem festen Ort zur Umsetzung seiner Ideen. Es sei nachhaltiger und man könne langfristig in bessere Rahmenbedingungen wie etwa einwandfreie Sanitäranlagen investieren. Dennoch ermutigt er die jungen Veranstalter in ihrem Erfindungsreichtum. Denn Kollektive wie Techno ist Familiensache (TiF), Ravescape oder Bushbash sehen sich dagegen noch als die „richtige“ Subkultur. Die mit den illegalen Raves in versteckten Bunkern, die, die auf Mundpropaganda und unkommerzielle Strategien setzen. Doch auch ihnen gehen langsam die Möglichkeiten aus. Denn egal wie weit sie sich von Orten entfernen, an denen Anwohnerbeschwerden zum Problem werden könnten – wenn die Polizei ihre Veranstaltungen auflöst, drohen Anzeigen. Die Ströme an Menschen, die zu den oft erst kurz vorher per privater Nachricht bekannt gegebenen Locations pilgern, sind jedoch Zeichen dafür, wie viel Nachfrage hier besteht.

Während des Talks

„Die Technoszene wächst rasant und da fehlen uns einfach die Räume“, sagt Otto (TiF). Fabi (Ravescape) ergänzt: „Wir sehen unsere Veranstaltungen in dem Sinne auch ein Stück weit als Protest.“ Die Flucht der Kollektive in den illegalen Raum soll der Stadt zeigen, dass es an der Zeit wäre, etwa ungenutzt leerstehende Flächen zur freien kreativen Gestaltung zur Verfügung zu stellen. Aber es sei ein leidiger Kampf, mit der Stadt in den Diskurs zu treten, denn jegliche Anfragen verliefen im Sande und die finanziellen Erwartungen, die teilweise gestellt würden, seien nicht zu stemmen. Dennoch werden Wege diskutiert, wie man über Wahlkampf oder Presse nun doch in den öffentlichen Diskurs gelangen könnte. Im Zuge dessen bringt auch die junge DJ Bi Män, als Vertreterin des Kollektivs WUT, weitere Aspekte ins Gespräch, auf die sie und ihre Mitstreiterinnen aufmerksam machen wollen. Gender Diversty in Bookings und Awareness Konzepte in den Clubs zur Verhinderung von sexuellen oder sprachgewalttätigen Übergriffen sind nur ein paar der Themen, die für sie im Nachtleben relevanter denn je sind. Sie nennt die „Glänzende Demo der Vielen“ am 19. Mai als eine Möglichkeit, laut zu werden und auch Freiräume zu fordern.

Es ist eine Diskussion, der viel Leidenschaft zu Grunde liegt: kreative Ideen stehen scheinbar unüberwindbaren Problemen gegenüber, dennoch ist ein gewisser Kampfgeist zu spüren und die Gespräche enden stets in einem gemeinsamen Konsens: die Erlaubnis Subkultur auszuleben, sollte in einer jungen Stadt wie München eine selbstverständliche und natürliche sein.

Singer-Songwriterin: Elena Rud

Nachdem die intensive Gesprächsrunde die geduldig wartende letzte Künstlerin des Abends schon um eine halbe Stunde nach hinten verschoben hat, tritt schließlich Elena Rud ans Mikrofon. Und während sich ihre sanfte, melancholische Stimme wie eine weiche Decke über den Raum zu legen scheint, sorgt ihre Musik noch für ein beruhigendes und entspanntes Ausklingen des Abends. Kontakte werden geknüpft, Ideen weitergesponnen und eins scheint sicher zu sein: Die Münchner Subkultur wird einen Weg finden.

Fotos: Marietta Jestl (1), Max Fluder (3)