Von Freitag bis Freitag: Unterwegs mit Hubert

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Unser Autor erlebt diese Woche eine bunte Kultur-Mischung. Auf dem Plan steht ein Besuch im MMA, die Eröffnung von The Lovelace und anerkennendes Nicken im Container Collective.

Freitag – Ich
scrolle. „Wir verlosen 3×2 Freikarten“  –
Ich scrolle weiter. „Wir verlosen Gästeliste-Plätze – zum Mitmachen einfach diesen
Post teilen oder kommentieren“. Übliche Posts in Facebook-Events. Nichts könnte
mir gerade egaler sein. Nicht, weil ich noch nie etwas gewonnen habe, sondern
weil ich mir sofort reflexhaft die überteuerten Vorverkaufskarten gesichert
habe. Schon vor Monaten. Kode9 kommt nach München. Es wäre ungerecht den
Hyperdub-Gründer einem Genre zuzuordnen, versucht er doch sich stetig neu zu
erfinden. Bassmusik fasst sein Spektrum aber recht treffend zusammen. In
irgendeinem meiner 37 offenen Tabs läuft seine Musik via Youtube-Autoplay. Ich
stelle mir vor, wie er zehn Jahre später in einem Interview von seinem
legendären Auftritt in München erzählt, von Jungs in weißen Hemden und in der
tobenden Meute eingequetschten Damen in Highheels.

Der Griff nach dem weißen Hemd scheint am Samstag schon nachvollziehbarer. In inszenierter Hotel-Umgebung feiert
The Lovelace“ sein „Grand Opening“. Meinen Beinen ist nach gestern nicht mehr
nach Hüpfen. Paulaner Spezi im Anschlag, ich verschwinde in einer Ecke und
verfolge das Programm: In einem halben Dutzend Räumen finden Akustik-Konzerte,
DJ-Sets, „Celebrity Ping Pong“ und Standup-Comedy statt.

Es ist Sonntag
und ich habe endlich den Kickflip auf dem Skateboard raus. Meine Beine quälen
mich. Ich schalte die Playstation 2 aus und schleppe mich zum Container
Collective. Der Skateboarding München e.V. veranstaltet heute einen „Cash For
Tricks Jam“.
Insgesamt 1000€ Preisgeld gibt es für die besten Tricks zu gewinnen.
Hier und da nicke ich den Skatern nach ihren Tricks anerkennend zu, so wie ich
es auch immer mache, wenn ich Leuten hochkonzentriert beim Schachspielen
zusehe. Ich habe keine Ahnung von Schach.

Im Kino am Isartor findet schon seit dem 6. Und noch bis zum
17. September das „Fantasy Filmfest“ statt. „Fantasy steht hier nicht für
Drachen, Feen und verwunschene Wälder, sondern für Fantasie, Innovation und
Skurrilität“. Der verzweifelte Versuch der Veranstalter nicht wie eine
Freakshow zu wirken. Stattdessen verspricht das Programm am Montag atemlose
Thriller, obskure Sci-Fi Träumereien, harte Horrorschocker und gefühlvolle
Arthausperlen. Ich stehe in einer breiten Schlange vor Kinosaal 2. Meine
Strumpfhose zwickt etwas im Schritt. Vorsichtig sehe ich mich um. Es lohnt sich
Facebook-Events gründlich durchzulesen. Ich bin der Einzige im Elfenkostüm.

Ich scrolle und scrolle. Leider weiß ich weder Dienstag noch Mittwoch etwas mit
mir anzufangen. Facebook schafft es auch nicht mich zu inspirieren. In den
vergangenen Tagen habe ich sowieso viel mehr Geld ausgegeben, als ich sollte.

Um
keinen Preis darf ich mir am Donnerstag den
Freier-Eintritt-bei-Zusage-Deal für Rant & Rave im Harry Klein durch die
Lappen gehen lassen… Mein Häkchen ist gesetzt.

Freitag. Wie
schafft das MMA es, so kontrastreiche Veranstaltungen unter ein Dach zu
bekommen? Obscure Shape ist heute gebucht. In der Youtube-Kommentarsektion wird
der Newcomer gern als „The best thing in techno at the moment“ gehandelt. Meine
Freunde treffen sich zum Vorglühen.

Ich sitze derweil schon seit einer Stunde im MMA und lausche
der Oper Carmen
. Richtig: In den selben Räumlichkeiten, in denen es gleich aus
den Lautsprechern scheppert, führe ich mir Georges Bizets Werk zu Gemüte. Im
Carmen-Ensemble spielen und singen Asylsuchende Künstler Seite an Seite mit
professionellen Opernsängerinnen und -sängern. Auch ein Chor aus
Flüchtlingskindern singt. Fang jetzt nicht an zu heulen, deine Leute wollten
jeden Moment auftauchen…

Bei jedem Versuch meine Kumpanen statt dem Vorglühen zur Oper
zu motivieren hatte ich nur Spott geerntet. „Der Elias hat ne neue Anlage, wie
kannst du dir das entgehen lassen?“ Ich frage mich, ob ich die Zeit nicht doch
mit meinen Freunden hätte verbringen sollen.

In der Halle bricht Klatschen aus. Mein Handy vibriert: „Kommen
nicht rein, Einlass-Stop“.

Auf dem Weg nach draußen antworte ich: „Wie könnt ihr euch
das entgehen lassen?“. Zwar werde ich Obscure Shape heute auch nicht mehr
spielen hören, aber die genervten Gesichter meiner Freunde heitern mich nach
dem Drama um Carmen wieder auf.

Text: Hubert Spangler

Foto: Privat

Charmant abgerockt

Um den Vorurteilen über München entgegenzuwirken, wollen vier junge Frauen mit ihrem Blog „Untypisch München“ die Stadt an der Isar auch mal von ihrer dreckigen Seite zeigen.

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Vielleicht hat ihn ja schon mal jemand wahrgenommen: den schwarzen Sticker mit dem Trachtenhütchen. Er klebt an Münchner Ampeln, Mauern oder auch an den Wänden der einen oder anderen Bar. Es ist der Sticker des „Untypisch-München“-Blogs, den vier junge Münchner Studentinnen betreiben. Lisa Spanner, 24, Nadine Miller, 26, Liana Boldova, 23, und Michaela Konz, 27, sitzen an einem Märztag in der Loretta Bar an der Müllerstraße vor Cappuccino und Cola und man sieht ihnen an, dass sie Mode studieren. Genauer: Modejournalismus und Medienkommunikation. An der privaten Uni Akademie Mode & Design München (AMD). Dort haben sie sich auch kennengelernt. Es war Liebe auf den ersten Mode-Blick. Der Trachtenhut im Logo, designt von Lisa, soll auf ironische Weise das Bild skizzieren, an das Auswärtige wohl beim Stichwort München denken: die wohlhabende Münchner Schickeria, mit Trachtenhut auf dem Kopf und dem Bierglas in der Hand. Von diesem Bild möchte sich der Untypisch-München-Blog jedoch distanzieren

„Untypisch München soll nicht heißen: Wir gehen hier immer in die Druffi-Läden und sind verharzt wie nur möglich“, sagt Lisa. Sie hat tätowierte Unterarme, trägt ein graues Wollkleid und einen Nasenring. Aber eben das charmant abgerockte oder auch entspannt rohe München soll es sein. „Wir möchten unsere Stadt von ihrer künstlerischen, alternativen aber auch mal dreckigen Seite zeigen“, steht online unter der Blog-Beschreibung. Münchens dreckige Seiten? „Schau dir mal die Damentoiletten vom Bahnwärter Thiel an. Oder lieber nicht so genau, dann weißt du, wovon wir reden“, erklärt Lisa lachend. Wenn sie also nicht gerade auf Münchens dreckigsten und untypischsten Damentoiletten unterwegs sind, fühlen sich die Mode-Studentinnen zum Beispiel in der Kneipe Schwarzer Hahn, im MMA oder in der schummrigen Bar Kiste wohl. Aber auch hippe Cafés, preiswerte Restaurants oder Kneipen wie die X-Bar stehen auf der Favoriten-Liste der Bloggerinnen. Locations, die laut Liana, eine Frau in weiter schwarzer Hose und weißem Flausche-Oberteil, nicht „typisch“ München sind. Aber was ist denn nun der typische Münchner Club? Bei der Frage sind von den vier sofort Stichworte wie Filmcasino, P1, Milchbar oder Pacha zu hören. Die Szene der Münchner Society eben. 

Was die vier Bloggerinnen aber besonders stört: Man muss sich ihren Erfahrungen nach schon fast dafür entschuldigen, in München zu wohnen. Die vier, denen man das auf ihrem Blog nicht anmerken würde, sind gebürtig nicht aus München. Für das Studium zogen sie vor ungefähr drei Jahren aus dem Nordschwarzwald, Niederbayern, Konstanz und dem Allgäu hier her. Jetzt fühlen sich allerdings schon als „eingefleischte Münchnerinnen“ und sind es leid, ihre Heimatstadt so oft verteidigen zu müssen. „Mich stört diese Oberflächlichkeit“, sagt Michaela, „mit der dir Leute begegnen, die nicht von hier sind. Man hat das Gefühl, sich dafür rechtfertigen zu müssen, hier zu wohnen. Und das nur, weil München so klischeebehaftet ist.“

Mit ihrem Blog wollen die Wahl-Münchnerinnen daher eben untypische, manchmal versteckte Seiten ihrer Heimatstadt aufzeigen, um den Vorurteilen entgegenzuwirken. 

Die Idee zu ihrem Untypisch-Blog könnte laut Nadine, in Military-Jacke und ebenfalls mit Nasenring ausgestattet, „in einer Nacht im Hey Luigi bei Käsespätzle und nach drei Weinschorlen‘‘ entstanden sein. Ganz genau weiß das keiner mehr wirklich. Aber so vollkommen freiwillig war das Blog-Projekt ohnehin nicht. Denn im dritten Semester steht das Erstellen eines Modeblogs auf dem Stundenplan eines AMD-Studenten. Der Untypisch-München-Blog entstand also als Hausaufgabe von vier jungen Modestudentinnen. Von einem typischen Mode-Blog-Image, an das man nun unweigerlich denken muss, ist hier allerdings nichts zu merken. Anstatt über die neuesten Sommer-Trend-Farben kann man sich hier über Münchens hippe Cafés, Kneipen, Restaurants oder auch „Folks“ informieren. In dieser letzten Kategorie findet man Texte über außergewöhnliche Münchner. Diese Rubrik entstand anfangs, um den modischen Aspekt des Semesterprojekts abzudecken. Nun hat sie sich gut in das Leitthema des Untypisch-München-Blogs eingefügt. Denn hierbei werden Stile von Münchnern beleuchtet, die bewusst mit dem Klischee spielen. 

Zu viert ist die „Gang“, wie es auf ihrem Blog heißt, recht oft unterwegs in München. „Wir müssen uns aber immer gegenseitig auf die Finger klopfen, dass wir nicht ständig über den Blog reden“, sagt Lisa, die sowieso das Sprachrohr der Gruppe zu sein scheint. 

So unterschiedlich die vier auf den ersten Blick wirken, über eine Sache sind sie sich gleich einig. Und zwar im Missmut darüber, dass viele richtig gute Orte in den vergangenen Jahren schließen mussten. Das Kong zum Beispiel, oder das Atomic Café. Aber sie sehen auch ein München, das sich wandelt, mehr hin zur Subkultur. Zwar nicht so sehr wie die stetig wachsende in Berlin, aber hierbei sollte der Städte-Vergleich ihrer Meinung nach ohnehin schleunigst aufhören. „Dieses ‚München muss mehr wie Berlin werden‘. Berlin ist für sich ne Stadt. Genauso wie München, Hamburg oder Düsseldorf Städte für sich sind“, sagt Lisa. Trotzdem müsse man in München schon ein bisschen suchen, um die Subkultur zu entdecken. Lisa sagt: „Wir sind so etwas wie die Spürnasen der Münchner Subkultur.‘‘  

Text: Amelie Völker

Foto: Nora Lechner

Wummern unterm Wellblech

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Im „Container Collective“ kehrt langsam Leben ein. Radio 80 000 sendet schon vom Ostbahnhof, junge Künstler arbeiten in ihren Ateliers. Klappt das Modell, könnte so in Zukunft Raum für Subkultur geschaffen werden.

Der saftige Schokoladenkuchen ist mit reichlich türkisem Zuckerguss überzogen, ein Geländer ist liebevoll mit Zahnstochern nachempfunden. Auf dem Kuchen, den Sophie Herz, 24, zum Geburtstag bekommen hat, steht mit weißem Zuckerguss geschrieben: Hobis, kurz für Holzbildhauerinnen. Der Kuchen ist eine Miniaturausgabe des Containers, den Sophie mit ihren Freundinnen Ana Saraiva, und Melanie Meier, beide 23, vor wenigen Wochen im neu entstehenden „Container Collective“ am Ostbahnhof bezogen hat. 27 Schiffscontainer stehen am Eingang zum Werksviertel nahe des Ostbahnhofs, die meisten davon werden an junge Künstler und Unternehmer vermietet. Zwischennutzung – zunächst für drei Jahre –, das Münchner Allheilmittel für Subkultur.

An einem der ersten warmen Tage des Jahres sind die Türen des Containers weit geöffnet, damit der Geruch der Farbe an den frisch gestrichenen Wänden sich verflüchtigen kann. Der längliche Container ist noch sehr spärlich eingerichtet, doch Sophie hat schon zahlreiche Bilder von ihren jüngsten Arbeiten auf dem Boden ausgebreitet. Sie will damit eine Mappe anfertigen. Und wenn dann endlich auch ihre erste eigene Holzbildhauerbank im Container steht, kann Sophie endlich auch damit beginnen, an ihrem ersten Auftrag als freischaffende Holzbildhauerin zu arbeiten. Denn das ist das Ziel: Irgendwann so viele Aufträge zu bekommen, dass sie nicht mehr nebenbei Modell stehen oder im Café arbeiten muss. Sophie will von der Kunst leben können. 

Der Einzug in ihren türkisfarbenen Container ist deshalb auch für Ana mehr als nur die Möglichkeit, ungestört zu werkeln. „Es ist wie ein Traum, der wahr wird“, sagt Ana, die nebenbei ebenfalls noch als Model arbeitet. Sie lächelt, als sie sich leicht erschöpft nach einer Schicht in der Kaserne de Janeiro auf einem der Stühle in der Sonne niederlässt.

Das Kollektiv besteht aus insgesamt 27 Containern, von denen 15 von Robinson Kuhlmann und Markus Frankl vermietet werden. Unter anderem an die Jungs von Qualia-Monaco, die an ihren Motorrädern schrauben, an Dominik Obalski und seine Cocktail-Schule. Sogar ein Unternehmensberater arbeitet hier.

In der Mitte zwischen den Containern stehen alte Holzkisten, in die schon junge Bäumchen gepflanzt wurden, und große Wassertanks, die nachts in bunten Farben leuchten. Das Design der Container ist bewusst sehr unterschiedlich. Dem Münchner Street-Art Künstler Loomit, der selbst im Werksviertel angesiedelt ist, sind keine Grenzen gesetzt. Robinson ist es lieber, dass die Kunstwerke anecken, als dass sie nicht einmal auffallen. Die verschiedenen Graffiti auf den Containern passen zu den sehr unterschiedlichen Mietern.

In den zwölf Containern, die nicht vermietet werden, befinden sich unter anderem ein Ausstellungsraum, eine Bar, die noch keinen Namen hat, und ein Café namens Kaserne de Janeiro, das Robinsons Bruder Neville betreibt. Der hatte eigentlich eine längere Reise nach Brasilien geplant, aber dann kam das „Container Collective“ dazwischen. Familie geht vor. 

Passenderweise kommen die ausrangierten Schiffscontainer aus aller Welt und lassen neben den vorbeirauschenden Zügen am Ostbahnhof ein Gefühl von Urlaub und ja, vielleicht auch von Großstadt aufkommen. Eben jenes Großstadt-Feeling, das München so oft abgesprochen wird. In den kommenden Jahren seien noch weitere Container-Städte nach ähnlichem Prinzip in München in Planung, verrät Robinson. Das Kollektiv könnte also – bei Erfolg – die Weichen für mehr Raum für Subkultur stellen.

Ursprünglich wollte man auf dem ehemaligen Pfanni-Gelände Raum für Einzelhandelsverkaufsflächen schaffen. Robinson überzeugte Pfanni-Erbe Werner Eckart aber schnell von einem anderen Konzept: weniger Einzelhandel, mehr Popkultur. Mit einer Mischung aus Gastronomie und Kreativität will er der kleinen Container-Stadt nun Leben einhauchen. Drei Jahre dürfen sie vorerst bleiben, was danach passiert, ist noch ungewiss. Aber vielleicht wird das Projekt sogar auf sechs Jahre verlängert. 

Die Ungewissheit macht für Robinson aber den besonderen Reiz aus. Deshalb will er auch nicht in erster Linie große Firmen in den Containern sehen, sondern viele junge Münchner, die Lust haben, aktiv mitzugestalten. Und das wird auch belohnt: Wer sich am Kollektiv beteiligt, sei es durch die Arbeit im Café oder beim Bewerben der zahlreichen geplanten Veranstaltungen, kann an der Miete sparen. Die soll aber sowieso für alle erschwinglich bleiben, sagt Robinson – genaue Zahlen will er aber nicht nennen. Das wichtigste ist für Robinson aber vor allem eines: „Die Leute sollen ein Strahlen in den Augen haben, wenn sie zum ersten Mal in ihrem eigenen Container stehen.“

Leo Bauer, 24, und Felix Flemmer, 23, vom Radio 80 000 wirken zwar mit ihren jungen Jahren schon sehr ernst, doch wenn man sie fragt, was der Container für sie bedeutet, spürt man es doch: die Begeisterung. Seit April 2015 gibt es das Radio, seit Mai 2016 sogar einen permanenten Stream. Bislang mussten Leo und Felix aber alles von zu Hause aus machen. Den Container, der ihnen vom Musiklabel „Public Possession“ zur Verfügung gestellt wird, begreifen sie als Plattform, als „Raum für die Community“, wie Felix sagt. Mit einer zuverlässigen Technik wollen der gelernte Grafikdesigner Felix und Leo, der aktuell noch seinen Master im Bereich Exhibition Design macht, ihre Grenzen austesten, sich selbst etablieren. 

Der erste Livestream aus dem Container Ende Februar war ein Höhepunkt. Bis zum 11. März, wenn ihre offizielle Eröffnungsfeier stattfindet, wollen sie aber noch weiter an den Feinheiten feilen. Weil in dem weiß gestrichenen Container fast die komplette Einrichtung aus Holz ist und auf Rollen steht, können sie die Turntables im Sommer auch problemlos an die Tür schieben und die Container-Stadt beschallen, wenn der Livestream nicht sowieso im Café läuft. 

Das ist schließlich das Schöne an der Lage des Container-Kollektivs: Wirklich stören kann man hier mit lauter Musik niemanden, weil sich rund herum nur Bürobauten und zahlreiche Baustellen befinden. Ärger könnte es also am Ende nur mit den Container-Nachbarn geben. Robinson ist jedoch darum bemüht, die Container so zu vermieten, dass jeder zufrieden ist. Dass auch Kreative nicht immer ganz so entspannt sind, wie sie vorgeben zu sein, versteht sich für ihn dabei von selbst. Was sich die Radiomacher vom Leben im Kollektiv erhoffen? „Ich hoffe, dass die Leute mit ihrem Kaffee einfach bei uns vorbeikommen“, sagt Leo und legt eine neue Platte auf den Plattenteller. Demnächst wollen sie noch eine Flagge mit ihrem Logo aufhängen, damit man sie leichter findet. Der Fahnenmast liegt schon bereit.

Die meisten Bewohner des Kollektivs kennen sich aber sowieso schon, zumindest über mehrere Ecken. Beim Betreten des Radio 80 000-Containers sitzt auch Pawel in der Ecke, der gerade erst in seinen eigenen Container eingezogen ist. Pawel Szczypinski ist 26 und bezeichnet sich selbst als experimentellen Produktdesigner. Seine jüngste Arbeit war die philosophische Auseinandersetzung mit dem Begriff Transparenz. Das Ergebnis ist ein Tisch aus Epoxidharz, dem er Farbe beigemischt hat. Das ganze erinnert an eine Wolke.

„Ich setze Design in einen abstrakten Kontext“, sagt Pawel. Ihm sei bewusst, dass es dafür aktuell noch keinen großen Markt gebe. Deshalb teilt er sich seinen Container auch mit zwei Architekten und einem weiteren Produktdesigner, um Geld zu sparen. Mit ihnen will er aber auch seine Erkenntnisse teilen und einen Weg finden, sie für eine breitere Masse umzusetzen. 

Der Container ist für ihn die Möglichkeit, auch mit geruchsintensiven Materialien arbeiten zu können, ohne jemanden zu stören. In erster Linie soll der Container aber als eine Art PR-Stand für seine Arbeit fungieren. Pawel ist in jedem Fall froh, dass Robinson sich für ihn als Mieter entschieden hat, statt für einen Millionenkonzern. Hätte er nicht einen der Container beziehen können, hätte er wahrscheinlich noch sehr lange nach einem geeigneten Raum suchen müssen. Denn in diesem Punkt sind sich alle Bewohner des Kollektivs einig: In München ist es schwer, bezahlbare Räume zu finden – egal, ob man bereits etabliert ist oder nicht.

Robinson will die kommerzielle Nutzung nicht komplett ausschließen. Einer der 15 Container soll deshalb als Pop-up-Store fungieren. Maximal drei Monate soll der Store an einen Betreiber vermietet werden. Alle anderen Container hat Robinson zunächst für ein Jahr ausgeschrieben, danach wird sich zeigen, ob die Leute bleiben oder ob andere von der langen Warteliste nachrücken.

Stellt man sich gegen Abend auf die Terrasse der Bar im ersten Stock, sieht man zwischen den Hochhäusern bereits das leuchtende Abendrot. Mit der untergehenden Sonne wird es langsam frisch. Die letzten Handwerker wuseln noch umher und eine junge Frau mit leuchtend roten Lippen lässt sich auf einer der blauen Holzbänkchen vor dem Café nieder und dreht sich eine Zigarette. Im Hintergrund hört man das Rattern der Züge und das leise Wummern der Bässe.

Text: Jacqueline Lang

Fotos: Stephan Rumpf

Mut zur Lücke

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Die vier Architekturstudenten

Leila Unland, 22, Nick Förster, 22, Maria Schlüter, 24, und Sophie Ramm, 22

 entwickeln auf einem Baugrund einen gemeinsamen Lebensraum für die Stadt – bis August, dann werden hier Häuser errichtet.

Der Boden unter den Füßen fühlt sich komisch an, anders. Er besteht aus roten, zerschlagenen Ziegeln. Auf den Ziegeln stehen Holzelemente und ein Kühlschrank. An der Wand glänzen in der untergehenden Sonne die Buchstaben „Lückenfülle.“ Mitten in einer Baulücke in München.

Nahe dem Stiglmaierplatz, am Rudi-Hierl-Platz, hat sich etwas verändert in den vergangenen Wochen. Erst fiel es den Nachbarn auf, dann vorbeikommenden Passanten. Es tut sich etwas auf der Fläche, die seit zwei Jahren mitten im Viertel brach liegt. Verantwortlich dafür sind Leila Unland, 22, Nick Förster, 22, Maria Schlüter, 24, und Sophie Ramm, 22. Mit braun gebrannten Gesichtern sitzen die vier Architekturstudenten der TU München in dieser Baulücke und trinken Tee. Sie kennen sich schon sehr lange, wohnen teilweise zusammen. Nach ihrem Auslandsjahr in den verschiedensten Ecken der Welt kamen sie mit vielen neuen Einflüssen nach München zurück.

Für ihre Abschlussarbeit wollten sie zunächst herausfinden, was München gerade bewegt. Sie führten Gespräche mit Menschen, die neu in München angekommen sind, auch mit vielen Flüchtlingen. Das Ergebnis: Der gemeinsame Lebensraum fehlt in der Stadt. Es fällt schwer, neue Bekanntschaften zu knüpfen und auf fremde Leute zuzugehen. Dagegen wollen die vier etwas tun. Die Stadt soll sich wieder begegnen.

So ist ihr Projekt Lückenfülle entstanden. Der Gedanke dahinter ist einfach. Temporäre und punktuelle Nutzung von freien Flächen in München, um die Lücke zwischen den Menschen der Stadt zu verkleinern. Kommunikation schaffen, Interessen und Gespräche hinter den schweren Mauern hervorholen.

Seit vier Wochen arbeiten die Studierenden dafür auf der 150 Quadratmeter großen Fläche. Sie ist noch bis Ende August frei, dann werden hier Wohnungen entstehen. Wichtig ist den vier jungen Münchnern, dass die Zwischennutzung der Fläche einem hohem ästhetischen Standard folgt und dass konkret auf den Standort eingegangen wird. So verwendeten sie für den Boden die Ziegel des Gebäudes, das vorher an dem Platz stand. „Wir hatten kein Geld, einen neuen Boden auszurollen, aber das war nicht schlimm, denn die Ziegel waren zwar außen staubig und weiß, wenn man sie aber zerschlug, kam die rote Farbe hervor“, sagt Nick.

Schauspieler eines Theaters
kamen zufällig vorbei – sie
spielen jetzt jeden Dienstag

Für die Studierenden gab es kein konkretes Ziel, wie die Fläche am Ende aussehen sollte. „Es war interessant zu sehen, wie schon unsere Präsenz in der Lücke zu Veränderungen führte“, sagt Maria und lacht dabei, denn ihre Vision griff damit schon. Der Begegnungsraum entstand durch Begegnungen. Mit den Nachbarn, mit vorbeikommenden Fremden. Viele verschiedene Ideen und Ansichten trafen hier zusammen. Seit etwa einer Woche füllen auch Menschen die Baulücke. Während im Hintergrund leise Jazz-Musik zu hören ist, spielt ein Musiker Akustikgitarre. Kunststudenten hängen Bilder an die Häuserwand. Genauso soll die Fläche weiterhin bespielt werden. Der anonyme Stadtraum als eine Art selbstlaufender Erlebnisraum.

Dass die Verantwortung für diesen Raum bei ihnen liegt, ist den vier Studierenden klar, aber sie möchten die Lücke so unabhängig und frei wie möglich gestalten. Von Ende Juli an soll die Fläche an die Stadt und ihre Menschen Stück für Stück, Abend für Abend, übergeben werden. Konzerte, Ausstellungen, Diskussionsrunden, eben alles, was München zu bieten hat – ausgeschlossen wird keiner. 

Um das zu realisieren, hängt am Eingang zur Lücke eine Tafel, auf der jeder eintragen kann, wann er gerne vorbeikommen möchte. Auch Menschen, die spontan vorbeikommen, steht die Lücke offen. „Wir hatten einen wunderschönen Moment, als Schauspieler eines Improvisationstheaters zufällig vorbeikamen und plötzlich anfingen zu spielen. Die kommen jetzt jeden Dienstag“, sagt Nick.

Weiter als zum nächsten Dienstag wollen die vier auch nicht denken. Sie reden im Moment nicht über die Zukunft, dafür ist gar keine Zeit „Wir leben in der Gegenwart“, sagt Sophie.

Denn auch das ist ein Teil des Konzepts: temporäre Nutzung. Nick, Maria, Leila und Sophie ist bewusst, dass sich die Lücke irgendwann im wahrsten Sinne des Wortes schließen wird, mit Wohnungen oder Büros vielleicht, wer weiß. 

Was danach kommt, ist noch nicht geplant. Allerdings beginnt schon die Suche nach neuen Lücken. Nick, Maria, Leila und Sophie wollen ihre Vision weiterführen, denn nach ihrer Ansicht gibt es in Städten wie München nicht nur Baulücken, sondern auch Lücken in der Gesellschaft. Die Menschen liefen oft alleine durch die Stadt, ohne von der Existenz oder den Erfahrungen der anderen zu wissen. „Wir sind auch ein bisschen gegen soziale Netzwerke“, sagt Maria, auch wenn das im Widerspruch dazu steht, dass sie ihr eigenes Projekt auf Facebook bewerben.

Die Anonymität der Stadt, sagen sie, werde durch die virtuelle Welt verstärkt, die Menschen begegnen sich nicht mehr als Persönlichkeiten auf Augenhöhe, sie gingen durch die Stadt, sehen, aber erkennen nichts. Es brauche mehr Gespräche in der Stadt, Gespräche für die Stadt.

Text: Pia Teresa Weber

Foto: Kaspar Dettinger 

Geschlossene Gesellschaft

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Hohe Mieten, wenig Raum: München ist kein gutes Pflaster für Subkultur. Moritz Ebnet und Julian Borngräber, beide 25, versuchen es jetzt anders. Ohne kommerziellen Druck.   

Ein kleines Häuschen, vier auf vier Meter, unter einer Bahntrasse nahe am Kolumbusplatz. Drumherum ein kleiner Gemeinschaftsgarten, auf Neudeutsch: Urban-Gardening. Daneben steht ein Dixie-Klo – das also soll sie sein, die Hoffnung für junge, experimentierfreudige Münchner? Wenn hier von Häuschen die Rede ist, ist schon alleine das eine maßlose Übertreibung. Schuppen trifft es eigentlich besser. Der Holzverschlag erinnert eher an Schrebergarten als an etwas, das man Haus taufen würde. Und doch: Was hier geschieht, könnte eine Alternative zur teilweise festgefahrenen Kulturszene in München sein. 

Moritz Ebnet und Julian Borngräber, beide 25 Jahre alt, hatten vor einiger Zeit eine Idee. Sie wollten „einfach was machen“. Das klingt als solches nicht gerade revolutionär: junge Leute, die sich ausprobieren wollen – einfach wild drauf los, ohne festes Ziel. Aber was aus der Idee wurde, hat mehr Potenzial als man vielleicht vermuten mag: eine neue Form, in München Kultur zu organisieren, nicht kommerziell und im kleinen Rahmen. 

Zuerst aber zurück zu der Idee. Angefangen hat alles mit einem kleinen Heimkino in Moritz’ Keller, für sich und seine Freunde. Für Moritz, der sich schon lange für Kino begeistert und bereits ein Open-Air-Kino in Rosenheim veranstaltet hat, ein logischer Schritt, seinen Tatendrang auszuleben. Seitdem das Kino eingerichtet ist, trifft sich der gesamte Freundeskreis hier regelmäßig zum Filme schauen, zum abhängen und diskutieren. So ist eine Gruppe von jungen Menschen entstanden, die etwas schaffen wollten. Schnell war klar, dass noch mehr möglich ist. „Und wie es halt so ist, hat sich was ergeben“, sagt Moritz. Dabei grinst er über das ganze Gesicht. Denn genau zu dieser Zeit hatte sein Vater einen Schuppen als Abstellraum gemietet. „Wir wussten von dem Raum, sind hier irgendwann im November völlig übermüdet reinmarschiert – und fanden es richtig gut. Danach sind wir begeistert um die Ecke Schweinebratenessen gegangen und haben überlegt, was wir daraus machen könnten.“

Entstanden ist ein kleiner gemütlicher Raum, in dem die Freunde ihre Kreativität ausleben können. Es ist zwar nicht viel Platz und ein Eck des Raums dient immer noch als Abstellkammer – doch was aus dem Schuppen wurde, ist durchaus ansehnlich. Links neben der Eingangstür stehen Plattenspieler und Mischpult, daneben eine alte, schlichte Couch. Gegenüber ein paar Kinosessel. Die Wände sind anthrazitfarben gestrichen, bis auf die Rückwand. Dort, hinter der Bar, hängt noch immer eine Tapete mit Mohnblumenmuster. Sie stammt noch aus der Zeit, als das Häuschen ein Obststandl war und gibt dem Projekt seinen Namen: Mohnbar.

Aber eigentlich ist es auch egal, wie es innen aussieht. Denn zentral ist, was drinnen passiert. Der gesamte engere Freundeskreis wirkt mit. Sie veranstalten kleine, um nicht zu sagen winzige Konzerte oder legen zusammen auf. „Es ist ein Ort des Austauschs“, sagt Julian. „Um Party geht es nicht“, fügt Moritz hinzu. Freunde spielen beispielsweise vor kleinem Publikum ihre eigenen Lieder. Jeder, der etwas Künstlerisches macht, kann sich hier ausprobieren. Von Kultur oder gar Subkultur wollen die beiden aber nichts wissen, denn Kultur klingt zu hochgestochen, fast schon arrogant. Einfach tun, was Spaß macht, „ohne es sich auf die Fahne zu schreiben“, ist die Devise.
 Die Gruppe geht weit über Julian und Moritz hinaus. Mittlerweile sind sie „zu sechst oder zu siebt“, sagt Julian. Das ist aber nur der engere Kreis. Bereits jetzt scheint nicht mehr so klar zu sein, wer genau was beigesteuert hat. Ein richtiges Gemeinschaftsprojekt eben. Und das zeichnet die Mohnbar auch aus. Denn öffentlich läuft hier nichts – und das ist die Besonderheit: Alle Veranstaltungen sind nur für Freunde zugänglich. Privat also. Nicht, weil sie keine Lust darauf hätten, sondern weil es nicht anders geht. „Wer etwas öffentlich machen möchte, muss eine riesige Latte an Auflagen erfüllen“, erklärt Moritz. Versicherungen, Genehmigungen, Lizenzen. „Außerdem steigen die Kosten ständig.“

All das hat er schon persönlich miterlebt. Freunde von ihm hatten versucht, das „Maxim“, ein Kino in der Landshuter Allee, zu erhalten. Vor kurzem musste es schließen. Der finanzielle Druck war einfach zu groß. Das Projekt „Mohnbar“ in seiner derzeitigen Form kann also nur bestehen, weil es nicht kommerziell ist. Es gibt keine Lohnzahlungen und keine laufenden Kosten – mit Ausnahme des Dixie-Klos. Jeder, der mitarbeitet, macht das freiwillig und zahlt manchmal sogar drauf. Die „Mohnbar“ läuft komplett unkommerziell und war von Anfang an so konzipiert. „Ich habe das Gefühl, dass in den Köpfen der Leute verankert ist, dass alles einen Nutzen haben muss, Geld bringen muss“, sagt Julian. 

Für ihn ist die logische Konsequenz aus dem Platz- und Kostendilemma in München, Dinge privat zu organisieren. Einigermaßen kostendeckend, aber nicht gewinnorientiert. Julian schweift ab. Er beginnt zu schwärmen vom Berlin der Neunzigerjahre, von Daniel Pflumm, einem Künstler, der auch angefangen hat wie sie: mit einem Leerstand. Daraus wurde eine Galerie, später ein Club. Einfach das, was ihm Spaß gemacht hat. Natürlich ist der Maßstab anders. Zwischen dem Ostberlin der Wende und München liegen Welten. Doch man versteht ein bisschen, worum es geht, wenn sie alle zwei Wochen die Mohnbar öffnen. 

Schade nur, dass das eben nur sehr wenige miterleben können. Aber auch darüber hat sich Moritz bereits Gedanken gemacht. Er hat die Idee, einen Verein zu gründen, „wie einen Kegelklub oder eine Fußballmannschaft“. Dann könnte das Ganze ein bisschen größer werden. Außerdem bietet ein Verein weitere Vorteile: bei Versicherungen, oder wenn man Zuschüsse beantragt.

Sollte das klappen, wäre eine solche Organisationsstruktur auch für andere denkbar, die etwas machen wollen und Subkultur in München weiter voranbringen wollen. Die Idee, mehr privat oder als Verein zu organisieren – nicht kommerziell versteht sich –, birgt einiges Potenzial für München. Aber alles zu seiner Zeit. Denn natürlich haben die beiden bereits andere Pläne, die zuvor umgesetzt werden müssen. Eine achtköpfige Funkband aus Japan soll bald in der Mohnbar auftreten. „So viele Leute passen hier niemals rein“, sagt Moritz und grinst verschmitzt. „Vielleicht machen wir einfach einen Biergarten draus.“

Von: Lukas Haas

Foto: Nico Pfau