Mut zur Lücke

image

Die vier Architekturstudenten

Leila Unland, 22, Nick Förster, 22, Maria Schlüter, 24, und Sophie Ramm, 22

 entwickeln auf einem Baugrund einen gemeinsamen Lebensraum für die Stadt – bis August, dann werden hier Häuser errichtet.

Der Boden unter den Füßen fühlt sich komisch an, anders. Er besteht aus roten, zerschlagenen Ziegeln. Auf den Ziegeln stehen Holzelemente und ein Kühlschrank. An der Wand glänzen in der untergehenden Sonne die Buchstaben „Lückenfülle.“ Mitten in einer Baulücke in München.

Nahe dem Stiglmaierplatz, am Rudi-Hierl-Platz, hat sich etwas verändert in den vergangenen Wochen. Erst fiel es den Nachbarn auf, dann vorbeikommenden Passanten. Es tut sich etwas auf der Fläche, die seit zwei Jahren mitten im Viertel brach liegt. Verantwortlich dafür sind Leila Unland, 22, Nick Förster, 22, Maria Schlüter, 24, und Sophie Ramm, 22. Mit braun gebrannten Gesichtern sitzen die vier Architekturstudenten der TU München in dieser Baulücke und trinken Tee. Sie kennen sich schon sehr lange, wohnen teilweise zusammen. Nach ihrem Auslandsjahr in den verschiedensten Ecken der Welt kamen sie mit vielen neuen Einflüssen nach München zurück.

Für ihre Abschlussarbeit wollten sie zunächst herausfinden, was München gerade bewegt. Sie führten Gespräche mit Menschen, die neu in München angekommen sind, auch mit vielen Flüchtlingen. Das Ergebnis: Der gemeinsame Lebensraum fehlt in der Stadt. Es fällt schwer, neue Bekanntschaften zu knüpfen und auf fremde Leute zuzugehen. Dagegen wollen die vier etwas tun. Die Stadt soll sich wieder begegnen.

So ist ihr Projekt Lückenfülle entstanden. Der Gedanke dahinter ist einfach. Temporäre und punktuelle Nutzung von freien Flächen in München, um die Lücke zwischen den Menschen der Stadt zu verkleinern. Kommunikation schaffen, Interessen und Gespräche hinter den schweren Mauern hervorholen.

Seit vier Wochen arbeiten die Studierenden dafür auf der 150 Quadratmeter großen Fläche. Sie ist noch bis Ende August frei, dann werden hier Wohnungen entstehen. Wichtig ist den vier jungen Münchnern, dass die Zwischennutzung der Fläche einem hohem ästhetischen Standard folgt und dass konkret auf den Standort eingegangen wird. So verwendeten sie für den Boden die Ziegel des Gebäudes, das vorher an dem Platz stand. „Wir hatten kein Geld, einen neuen Boden auszurollen, aber das war nicht schlimm, denn die Ziegel waren zwar außen staubig und weiß, wenn man sie aber zerschlug, kam die rote Farbe hervor“, sagt Nick.

Schauspieler eines Theaters
kamen zufällig vorbei – sie
spielen jetzt jeden Dienstag

Für die Studierenden gab es kein konkretes Ziel, wie die Fläche am Ende aussehen sollte. „Es war interessant zu sehen, wie schon unsere Präsenz in der Lücke zu Veränderungen führte“, sagt Maria und lacht dabei, denn ihre Vision griff damit schon. Der Begegnungsraum entstand durch Begegnungen. Mit den Nachbarn, mit vorbeikommenden Fremden. Viele verschiedene Ideen und Ansichten trafen hier zusammen. Seit etwa einer Woche füllen auch Menschen die Baulücke. Während im Hintergrund leise Jazz-Musik zu hören ist, spielt ein Musiker Akustikgitarre. Kunststudenten hängen Bilder an die Häuserwand. Genauso soll die Fläche weiterhin bespielt werden. Der anonyme Stadtraum als eine Art selbstlaufender Erlebnisraum.

Dass die Verantwortung für diesen Raum bei ihnen liegt, ist den vier Studierenden klar, aber sie möchten die Lücke so unabhängig und frei wie möglich gestalten. Von Ende Juli an soll die Fläche an die Stadt und ihre Menschen Stück für Stück, Abend für Abend, übergeben werden. Konzerte, Ausstellungen, Diskussionsrunden, eben alles, was München zu bieten hat – ausgeschlossen wird keiner. 

Um das zu realisieren, hängt am Eingang zur Lücke eine Tafel, auf der jeder eintragen kann, wann er gerne vorbeikommen möchte. Auch Menschen, die spontan vorbeikommen, steht die Lücke offen. „Wir hatten einen wunderschönen Moment, als Schauspieler eines Improvisationstheaters zufällig vorbeikamen und plötzlich anfingen zu spielen. Die kommen jetzt jeden Dienstag“, sagt Nick.

Weiter als zum nächsten Dienstag wollen die vier auch nicht denken. Sie reden im Moment nicht über die Zukunft, dafür ist gar keine Zeit „Wir leben in der Gegenwart“, sagt Sophie.

Denn auch das ist ein Teil des Konzepts: temporäre Nutzung. Nick, Maria, Leila und Sophie ist bewusst, dass sich die Lücke irgendwann im wahrsten Sinne des Wortes schließen wird, mit Wohnungen oder Büros vielleicht, wer weiß. 

Was danach kommt, ist noch nicht geplant. Allerdings beginnt schon die Suche nach neuen Lücken. Nick, Maria, Leila und Sophie wollen ihre Vision weiterführen, denn nach ihrer Ansicht gibt es in Städten wie München nicht nur Baulücken, sondern auch Lücken in der Gesellschaft. Die Menschen liefen oft alleine durch die Stadt, ohne von der Existenz oder den Erfahrungen der anderen zu wissen. „Wir sind auch ein bisschen gegen soziale Netzwerke“, sagt Maria, auch wenn das im Widerspruch dazu steht, dass sie ihr eigenes Projekt auf Facebook bewerben.

Die Anonymität der Stadt, sagen sie, werde durch die virtuelle Welt verstärkt, die Menschen begegnen sich nicht mehr als Persönlichkeiten auf Augenhöhe, sie gingen durch die Stadt, sehen, aber erkennen nichts. Es brauche mehr Gespräche in der Stadt, Gespräche für die Stadt.

Text: Pia Teresa Weber

Foto: Kaspar Dettinger 

Geschlossene Gesellschaft

image

Hohe Mieten, wenig Raum: München ist kein gutes Pflaster für Subkultur. Moritz Ebnet und Julian Borngräber, beide 25, versuchen es jetzt anders. Ohne kommerziellen Druck.   

Ein kleines Häuschen, vier auf vier Meter, unter einer Bahntrasse nahe am Kolumbusplatz. Drumherum ein kleiner Gemeinschaftsgarten, auf Neudeutsch: Urban-Gardening. Daneben steht ein Dixie-Klo – das also soll sie sein, die Hoffnung für junge, experimentierfreudige Münchner? Wenn hier von Häuschen die Rede ist, ist schon alleine das eine maßlose Übertreibung. Schuppen trifft es eigentlich besser. Der Holzverschlag erinnert eher an Schrebergarten als an etwas, das man Haus taufen würde. Und doch: Was hier geschieht, könnte eine Alternative zur teilweise festgefahrenen Kulturszene in München sein. 

Moritz Ebnet und Julian Borngräber, beide 25 Jahre alt, hatten vor einiger Zeit eine Idee. Sie wollten „einfach was machen“. Das klingt als solches nicht gerade revolutionär: junge Leute, die sich ausprobieren wollen – einfach wild drauf los, ohne festes Ziel. Aber was aus der Idee wurde, hat mehr Potenzial als man vielleicht vermuten mag: eine neue Form, in München Kultur zu organisieren, nicht kommerziell und im kleinen Rahmen. 

Zuerst aber zurück zu der Idee. Angefangen hat alles mit einem kleinen Heimkino in Moritz’ Keller, für sich und seine Freunde. Für Moritz, der sich schon lange für Kino begeistert und bereits ein Open-Air-Kino in Rosenheim veranstaltet hat, ein logischer Schritt, seinen Tatendrang auszuleben. Seitdem das Kino eingerichtet ist, trifft sich der gesamte Freundeskreis hier regelmäßig zum Filme schauen, zum abhängen und diskutieren. So ist eine Gruppe von jungen Menschen entstanden, die etwas schaffen wollten. Schnell war klar, dass noch mehr möglich ist. „Und wie es halt so ist, hat sich was ergeben“, sagt Moritz. Dabei grinst er über das ganze Gesicht. Denn genau zu dieser Zeit hatte sein Vater einen Schuppen als Abstellraum gemietet. „Wir wussten von dem Raum, sind hier irgendwann im November völlig übermüdet reinmarschiert – und fanden es richtig gut. Danach sind wir begeistert um die Ecke Schweinebratenessen gegangen und haben überlegt, was wir daraus machen könnten.“

Entstanden ist ein kleiner gemütlicher Raum, in dem die Freunde ihre Kreativität ausleben können. Es ist zwar nicht viel Platz und ein Eck des Raums dient immer noch als Abstellkammer – doch was aus dem Schuppen wurde, ist durchaus ansehnlich. Links neben der Eingangstür stehen Plattenspieler und Mischpult, daneben eine alte, schlichte Couch. Gegenüber ein paar Kinosessel. Die Wände sind anthrazitfarben gestrichen, bis auf die Rückwand. Dort, hinter der Bar, hängt noch immer eine Tapete mit Mohnblumenmuster. Sie stammt noch aus der Zeit, als das Häuschen ein Obststandl war und gibt dem Projekt seinen Namen: Mohnbar.

Aber eigentlich ist es auch egal, wie es innen aussieht. Denn zentral ist, was drinnen passiert. Der gesamte engere Freundeskreis wirkt mit. Sie veranstalten kleine, um nicht zu sagen winzige Konzerte oder legen zusammen auf. „Es ist ein Ort des Austauschs“, sagt Julian. „Um Party geht es nicht“, fügt Moritz hinzu. Freunde spielen beispielsweise vor kleinem Publikum ihre eigenen Lieder. Jeder, der etwas Künstlerisches macht, kann sich hier ausprobieren. Von Kultur oder gar Subkultur wollen die beiden aber nichts wissen, denn Kultur klingt zu hochgestochen, fast schon arrogant. Einfach tun, was Spaß macht, „ohne es sich auf die Fahne zu schreiben“, ist die Devise.
 Die Gruppe geht weit über Julian und Moritz hinaus. Mittlerweile sind sie „zu sechst oder zu siebt“, sagt Julian. Das ist aber nur der engere Kreis. Bereits jetzt scheint nicht mehr so klar zu sein, wer genau was beigesteuert hat. Ein richtiges Gemeinschaftsprojekt eben. Und das zeichnet die Mohnbar auch aus. Denn öffentlich läuft hier nichts – und das ist die Besonderheit: Alle Veranstaltungen sind nur für Freunde zugänglich. Privat also. Nicht, weil sie keine Lust darauf hätten, sondern weil es nicht anders geht. „Wer etwas öffentlich machen möchte, muss eine riesige Latte an Auflagen erfüllen“, erklärt Moritz. Versicherungen, Genehmigungen, Lizenzen. „Außerdem steigen die Kosten ständig.“

All das hat er schon persönlich miterlebt. Freunde von ihm hatten versucht, das „Maxim“, ein Kino in der Landshuter Allee, zu erhalten. Vor kurzem musste es schließen. Der finanzielle Druck war einfach zu groß. Das Projekt „Mohnbar“ in seiner derzeitigen Form kann also nur bestehen, weil es nicht kommerziell ist. Es gibt keine Lohnzahlungen und keine laufenden Kosten – mit Ausnahme des Dixie-Klos. Jeder, der mitarbeitet, macht das freiwillig und zahlt manchmal sogar drauf. Die „Mohnbar“ läuft komplett unkommerziell und war von Anfang an so konzipiert. „Ich habe das Gefühl, dass in den Köpfen der Leute verankert ist, dass alles einen Nutzen haben muss, Geld bringen muss“, sagt Julian. 

Für ihn ist die logische Konsequenz aus dem Platz- und Kostendilemma in München, Dinge privat zu organisieren. Einigermaßen kostendeckend, aber nicht gewinnorientiert. Julian schweift ab. Er beginnt zu schwärmen vom Berlin der Neunzigerjahre, von Daniel Pflumm, einem Künstler, der auch angefangen hat wie sie: mit einem Leerstand. Daraus wurde eine Galerie, später ein Club. Einfach das, was ihm Spaß gemacht hat. Natürlich ist der Maßstab anders. Zwischen dem Ostberlin der Wende und München liegen Welten. Doch man versteht ein bisschen, worum es geht, wenn sie alle zwei Wochen die Mohnbar öffnen. 

Schade nur, dass das eben nur sehr wenige miterleben können. Aber auch darüber hat sich Moritz bereits Gedanken gemacht. Er hat die Idee, einen Verein zu gründen, „wie einen Kegelklub oder eine Fußballmannschaft“. Dann könnte das Ganze ein bisschen größer werden. Außerdem bietet ein Verein weitere Vorteile: bei Versicherungen, oder wenn man Zuschüsse beantragt.

Sollte das klappen, wäre eine solche Organisationsstruktur auch für andere denkbar, die etwas machen wollen und Subkultur in München weiter voranbringen wollen. Die Idee, mehr privat oder als Verein zu organisieren – nicht kommerziell versteht sich –, birgt einiges Potenzial für München. Aber alles zu seiner Zeit. Denn natürlich haben die beiden bereits andere Pläne, die zuvor umgesetzt werden müssen. Eine achtköpfige Funkband aus Japan soll bald in der Mohnbar auftreten. „So viele Leute passen hier niemals rein“, sagt Moritz und grinst verschmitzt. „Vielleicht machen wir einfach einen Biergarten draus.“

Von: Lukas Haas

Foto: Nico Pfau

Neuland

image

“München ist Dreck”, so heißt das Künstler-Magazin, das Veronica Burnuthian zusammen mit 20 anderen Münchner Künstlern, Fotografen und Musikern gestaltet hat. Diese Woche erscheint die erste Ausgabe und soll dabei helfen die Münchner “Subkultur” besser zu vernetzen.

„München ist Dreck“. Das stimmt doch nicht, denkt man. Ist München
nicht bekannt dafür, eine sehr, sehr saubere Stadt zu sein? Aber genau diesen
Moment des Staunens, der Ungläubigkeit und der Perplexität will Veronica
Burnuthian, 25, mit der Aussage einfangen. Die junge Frau, die ursprünglich aus
Brüssel kommt, einer Stadt, in der es an manchen Orten sehr viel dreckiger ist,
als in München, hat im März diesen Jahres einen Aufruf an Künstler, Musiker,
Schriftsteller und Fotografen der Münchner „Subkultur“ gestartet, um Mitarbeiter
für ihre Idee eines Magazins über eben diese Szene zu gewinnen.
Subkultur, was ist das? „Leute, die Kunst machen und sich dabei nicht anpassen
wollen“, sagt Veronica. Auch ein politisches Statement sei damit verbunden.
Eher links, eher konsumkritisch, Leute, denen es nicht um den Profit, sondern
um den Inhalt geht. Deshalb wollen die rund 20 Mitarbeiter der ersten Ausgabe
des Magazins „München ist Dreck“ in erster Linie die Unkosten decken und
eventuelle Gewinne für das nächste Heft verwenden. Mittlerweile hat sich ein festes
Organisationsteam von 5 Leuten gebildet, die für das erste Heft von ungefähr 15
Autoren unterstützt wurden. Jeder von ihnen geht allerdings hauptberuflich
einer anderen Beschäftigung nach.

Diesen Freitag um 19 Uhr findet im Köşk eine Teaser-Party statt, bei der Künstler,
die im Magazin veröffentlicht haben oder darin vorgestellt werden, ihre Werke
zeigen. Ab September soll das Magazin für 5 Euro in Plattenläden und „kleineren Orten
wie dem Milla oder der Glockenbackwerkstatt“ erhältlich sein. Mitmachen soll
auch jeder können, der Lust darauf hat, denn Veronica will mit ihrem Projekt
vor allen Dingen die Künstlerszene, die in München sehr versteckt ist, besser
vernetzen.  

weitere Infos: https://www.facebook.com/pages/K%C3%B6%C5%9Fk-M%C3%BCnchen/405962982911069?fref=ts

Theresa Parstorfer

Foto: privat