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Liebeslieder und Gruselbilder: Diese jungen Menschen tragen 2019 dazu bei, dass München bunt, spannend und lebenswert bleibt

Jede Woche treffen wir auf junge Münchner, die München zu „unserem“ München machen: zu einer spannenden Stadt, die man erst kennt, wenn man ihre Macher kennen und schätzen lernt. Wer diese Stadt im kommenden Jahr bunter und lebenswerter macht? Wir wissen es nicht. Und wagen trotzdem einen Ausblick: Münchens junge Leute 2019.

Pop-Hoffnung
Es dauert nur einen Wimpernschlag. Gerade noch hat Elena Rudolph, 24, über Verzweiflung gesungen, über traurige Liebesmomente, als wollte sie eine weltweite Liebesbrief-Competition gewinnen. Die Augen schließt sie oft beim Singen. Dann der Wimpernschlag, die großen Augen weit geöffnet, es folgt: ein kurzer Witz, darüber, wie traurig das doch alles war und dann lacht sie ein lautes Bierkeller-Lachen. Elena Rud nennt sie sich als Singer-Songwriterin. Davon gibt es in München viele. Elena sticht trotzdem hervor. Weil sie sich und ihre Musik nicht so wichtig nimmt, weil sie ihre kratzige Stimme nicht pseudo-schmollend einsetzt, wie es viele andere versuchen. Elena spielt dagegen mit dem Kaputten und verbindet ihren „Melancholy-Love-Shit“, wie sie es nennt, mit rotziger Punk-Attitüde. 2019 wird sie erstmals ins Tonstudio gehen – spannend, ob ihre Bühnenleichtigkeit dort noch bestehen wird. Musik ist manchmal wie ein guter Freund. Manchmal wie eine Affäre. Elena sagt: „Ich finde es wunderschön, wie sehr man teilweise mit dem Publikum verschmelzen kann. Das ist wie Sex, nur persönlicher.“ Dann lacht sie.

Gemeinsam gegen Anfeindung
Unterschiede zelebrieren und Gemeinsamkeiten unterstreichen – das möchte das neu gegründete Kollektiv Qultur. Die offene Gruppe besteht aus Menschen unterschiedlicher Herkunft, Altersstufe und sexueller Orientierung. Sie eint allerdings der Wunsch, gemeinsam eine starke Stimme zu sein gegen die Diskriminierung und Anfeindungen, die viele von ihnen noch immer erleben. „Wir wollen Diskussionen anregen und den Menschen zeigen, dass die Welt nicht immer nur schwarz und weiß ist“, sagt Keith King, 28, der Qultur mitgegründet hat. Für 2019 plant die Gruppe Workshops, Konzerte und Diskussionsrunden.

Nachhaltigkeit vorleben
Engagierte aus München und dem Umland haben sich zusammengeschlossen, um im Herbst 2019 ein Klimacamp am Chiemsee zu organisieren. Viele junge Menschen verlieren das Vertrauen in die etablierte Politik, da diese nicht effektiv für einen wirklichen Schutz der Umwelt und Naturräume einstehe, sagen sie. Veränderung hingegen beginne in kleinen, alltäglichen Handlungen. Das Camp wird vor allem der Vernetzung dienen. „Es soll ein offener Raum werden, an dem Nachhaltigkeit vorgelebt wird“, sagt eine der Initiatorinnen. Im Gegensatz zu Festivals möchte die Gruppe das Camp als nicht-kommerzielle Veranstaltung etablieren, an der sich jeder einbringen soll.

Nächte mit Tiefgang
Was passiert, wenn Subkultur zum Mainstream wird? In München lässt sich das derzeit ganz gut an der Techno-Szene feststellen. Durch die wachsende Größe und Anzahl der Clubs sei der familiäre Charme der Veranstaltungen verloren gegangen, sagt das Münchner Veranstalter-Kollektiv Tiefgang, das dies ändern möchten. 2019 will das Kollektiv eine eigene Party-Reihe in München etablieren. Dabei wollen die fünf Münchner nur mit unbekannteren DJs zusammenarbeiten und das Line-up im Voraus nicht bekannt geben – wer die Musik gemacht hat, erfährt man erst nach der Party.

Film über den Mietwahnsinn
Die eigenen vier Wände – sie sind Schutz, Wärme und Geborgenheit. Was aber macht es mit einem, wenn plötzlich die Miete steigt und der erzwungene Auszug droht? Um diese Frage herum entwickeln Ella Cielinski, 28, und Isabelle Bertolone, 28, 2019 einen Kinofilm. In dem Film „Wir sind die Stadt“ wird das Mietshaus aufgekauft, in dem Carla und ihr Bruder wohnen. Eine Mieterhöhung nehmen das Geschwisterpaar und die anderen Bewohner des Hauses nicht hin und leisten Widerstand. Eine Handlung, die aus der Wirklichkeit stammen könnte. Reale Fälle als Vorbild gibt es allemal. „Nach einer langen und intensiven Recherche sind wir gerade dabei, das Drehbuch zu schreiben“, sagt Isabelle. Wann der erste Drehtag sein wird, kann jetzt noch nicht gesagt werden.

Zeit und Mühen
Nicola Schwartze, 22, will neue Akzente im Musikbusiness setzen. Deswegen hat sie die Agentur Nika Music ins Leben gerufen. Diese wirbt um Bands, die „nicht davon ausgehen, dass eine Agentur jede Kleinigkeit für sie übernimmt, sondern auch selber bereit sind, Zeit und Mühen in ihr Projekt zu stecken“. Diese Ansage ist für viele Künstler abschreckend – und das soll sie auch sein. Ihre Hilfe in Sachen Booking, Promotion und Management will sie nur Acts bieten, die so sehr hinter ihrem eigenen Projekt stehen, dass sie es nicht aus Gemütlichkeit komplett in andere Hände legen wollen. Die Studentin hat das Projekt 2018 gegründet. Sie wollte zunächst sehen, ob sie überhaupt in der Münchner Musikszene Fuß fassen kann. 2019 will sie nun Geld investieren und mit Nika Music das nächste Level erreichen.

Kultur statt Techno
Wer schon einmal das Vergnügen hatte, mit Uh-Seok Han durch die Bars und Clubs Münchens zu ziehen, weiß, wo der 26-Jährige schon überall war beziehungsweise was er alles getan hat: Er studiert mehrere Studiengänge, hat unzählige Jobs und ist anscheinend mit dem Talent gesegnet, an verschiedenen Orten gleichzeitig zu sein. Ein Platz, an dem man ihn vermehrt antrifft, ist die Rote Sonne am Maximiliansplatz. Dort betreut er seit drei Jahren den Öffentlichkeitsauftritt des Clubs und ist gerade dabei, dessen Programm teilweise neu zu strukturieren – er will die Sonne politischer und kulturell breiter ausrichten, weg vom reinen Technoclub. Was davon bislang aus der Dämmerung des Nachtlebens ins Tageslicht gedrungen ist, klingt schon mal sehr vielversprechend.

Aus Liebe zur Natur
Plastikfrei leben ist mittlerweile ein nachhaltiger Trend. Für den gelernten Fitnesskaufmann Manuel Bergmann, 21, aus München ist der Schutz der Regenwälder und die Befreiung der Umwelt von Plastik schon lange keine Nebenbeschäftigung mehr. Manuels Engagement ist ein Liebesbeweis an die Natur und ein Fulltime-Job gegen den Klimawandel. „Die Natur kann man erst schützen, wenn man sie auch liebt“, sagt Manuel. Auf der Insel Bali arbeitet Manuel seit einem Jahr als Praktikant in der gemeinnützigen Schule „Greenschool“. Manuel bringt den Kindern bei, wie man plastikfrei leben kann, zeigt ihnen, wie Müll richtig entsorgt wird, und befreit Strände und Flüsse von Plastik. Er dokumentiert zudem die Zerstörung des Regenwaldes durch Palmölplantagen auf Borneo. Immer mit dabei hat er seine Kamera. Er fotografiert sein ökologisches Treiben, um es auf seinen Social-Media-Kanälen mit anderen zu teilen.

Düsteres München
München ist nicht gerade für seine schaurigen Seiten bekannt. Eben diese interessieren aber Alexandra Avrutina, 20. „Ich versuche in meinen Zeichnungen das Düstere mit dem Komischen zu vermischen“, erklärt sie. Die Künstlerin veröffentlicht witzige, traurige, schreckliche und auch romantische Zeichnungen und Karikaturen auf ihrer Instagram-Seite „soupwitheyes“. Im März wird sie ihre Werke bei der Ausstellung „Grauzonen“ im Köşk zeigen. „Als junger Mensch beschäftigt man sich zwangsläufig mit diesem Thema. Ich werde mich also meinen eigenen Grauzonen widmen und den Lektionen, die mir diese Stadt erteilt hat“, sagt Alexandra.

Wer bist Du?
Medien haben sich verändert. War es früher noch üblicher, sich gemeinsam mit der Familie Filmklassiker anzusehen und den Frontmann seiner Lieblingsband anzuhimmeln, so orientieren sich heute immer mehr Jugendliche an Social-Media-Ikonen auf Instagram und Facebook. Sophia Carrara, 23, beschäftigt sich in einem Foto-Projekt mit dem Einfluss unterschiedlicher Massenmedien auf die Identitätsentwicklung. „Ich habe mit Menschen jeden Alters über ihren Medienkonsum gesprochen und die individuellen Antworten künstlerisch in einer Porträtserie ausgedrückt“, erklärt die Fotografin. Das Fotobuch wird im Januar veröffentlicht.

Flashmobs gegen Fellmode
Julia Huber, 21, wurde mit 19 Jahren jüngstes Münchner Vorstandsmitglied von „Animals United“, einer bundesweiten Tierrechtsorganisation. Für zwei Jahre leitete sie ehrenamtlich eine Aktionsgruppe in München. In dieser Zeit hat sie verschiedenste Projekte, Demos und Flashmobs beispielsweise gegen Echtpelz oder Tiere im Zirkus mitorganisiert. Im nächsten Jahr will sie mit ihrer Aktionsgruppe noch verstärkter auf ein Bewusstsein beim Thema Ernährung aufmerksam machen. „Besonders der Aspekt der pflanzlichen Ernährung liegt mir am Herzen. In keinem anderen Lebensbereich können wir tagtäglich so direkt unseren Mitlebewesen, unserem Planeten und uns selbst Gutes tun“, sagt Julia – „mit einer einfachen Entscheidung am Supermarktregal.“

Augen zu und durch
„Beim Malen halte ich meine Augen geschlossen und lasse meiner Intuition freien Lauf. Das kann ich beim Filmemachen nicht“, erklärt Mauricio Cervilla Fischer, 26. Diese Technik nennt sich „Blinde Kontur“. Mauricio, der hauptberuflich Kameramann und Filmemacher ist, malt in erster Linie für sich selbst. Er kann so die Dinge, die ihn beschäftigen, auf seine Bilder projizieren. Trotzdem würde Mauricio gerne im kommenden Jahr seine Bilder ausstellen – wo, weiß er aber noch nicht genau. „In München gibt es zwar Möglichkeiten, seine Werke in Underground-Locations auszustellen, in Galerien ist das jedoch sehr schwierig.“

 

Foto: Benjamin Herchet

Kreativ feiern
Junges Design für Münchens Nachtleben und Festivals. Die fünf Mitglieder der Naiv Studios – Simon Jenewein, 24, Louie Gavin, 24, Julian Kast, 23, Kilien Heiland, 23 und Jakob Ziegler, 24 – kreieren in ihrem Studio im Schlachthofviertel verschiedenste Projekte: Möbel, Raumkonzepte und Lichtinstallationen für Clubs und Bühnenbilder für Festivals. Zusätzlich veranstalten sie Partys unter dem Namen Naiv Affairs. „Naiv Studios ist der Versuch, einen Raum zu schaffen, in dem Projekte aus unterschiedlichsten Bereichen entstehen und heranwachsen können, die eines vereint: eine naive Herangehensweise,“ sagt Louie. 2019 will sich „Naiv Studios“ mehr zur Plattform entwickeln. Dort soll jungen Kreativen eine Umsetzung ihrer naiven Projekte ermöglicht werden.

Fleißige DJs
Alexander Thunert, Kevin Kuwalefsky und Simon Rust (alle 26 Jahre alt) leiten „Club Mood Vibes“ – ein Netzwerk für Künstler elektronischer Musik, spezialisiert auf House, Tech und Techno. Ihr Output ist groß: eine Podcast-Reihe mit mehr als 212 nationalen und internationalen DJ-Sets, wöchentlich kommt Brandneues auf SoundCloud dazu. Gegründet haben die drei DJs ihr Projekt 2013 in Göttingen – jetzt ist es in München und Leipzig ansässig. „Club Mood Vibes“ versteht sich als Musik-Blog, Plattenlabel und Eventmarke. „Angefangen hat es als Hobby, inzwischen ist es unsere Leidenschaft, auch weil wir drei uns musikalisch so gut verstehen“, sagt Alex. 2019 wollen sie den Bereich Plattenlabel weiter ausbauen.

Gegen Langeweile
Angefangen hat alles in der Schule, als sich die Theatergruppe auflöste und Amon Ritz, 20, beschloss, sein eigenes Theaterstück zu schreiben. Nun hat sich ein Kollektiv namens „zugdirekt“ gebildet, das nicht nur Filme, sondern auch Theater, Musikvideos, Events, Licht- und Videoinstallationen, Performance oder Fotografie macht und auch schon ein eigenes Buch herausgebracht hat. Die jungen Kreativen stammen aus den unterschiedlichsten Bereichen. Sie gehen noch zur Schule, haben einen spießigen Job, oder studieren, wie Amon, Computerlinguistik. Und ganz nebenbei stellen sie in ihrer Freizeit Projekte auf die Beine. Ohne Hierarchie, sondern nach ihrem Leitspruch: „Die am besten durchdachte Idee gewinnt.“ Im Moment stecken sie mitten in der Arbeit für neue Projekte, die 2019 entstehen werden.

Roh und unverblümt
Sianza Zink, 22, fotografiert Menschen und ist genervt von den gestellten Bildern der Generation Social Media: „Fast jeder will gut aussehen und sich ins beste Licht rücken. Am besten funktioniert diese Selbstinszenierung in den sozialen Medien.“ Mit ihrer analogen Kamera will sie die Momente so realitätsnah wie möglich einfangen. Ganz roh und unverblümt. Ihre Bilder zeigen den Alltag der Menschen, die sie umgeben. Oftmals sind es hedonistische Szenen aus dem Nachtleben. „Ich würde in ferner Zukunft gerne ein Archiv bieten können, das zeigt, wie die Menschen in den 10er-Jahren ohne Beautyfilter aussahen.“

 

Foto: Katharina Paul

Auf die Hand
Ein Mexikaner auf der Suche nach dem besten Street Food in München – eher ungewöhnlich. Oft fahren Mitteleuropäer nach Südamerika, um dort gutes Essen zu finden. Aber Luis Fernando Gonzalez Cortes, 27, der in Guadalajara geboren wurde und vor mehr als 20 Jahren mit seiner Familie nach München kam, macht es eben anders herum. Sein Blog „Auf Die Faust“ ist ein Kanal, der kein Blatt vor den Mund nimmt und vor allem nicht nur auf der Suche nach dem hippen Veganerlokal um die Ecke ist, sondern auch Klassiker oder Hausmannskost in den Vordergrund stellt. Seit zwei Jahren lichtet Fernando nun so schon die besten Straßengerichte auf seiner Hand beziehungsweise Faust ab.

Analog durch die Nacht
Was sorgt bei einer Musikveranstaltung für die richtig Atmosphäre? Eine gelungene Lichtinstallation, die das akustische Erlebnis noch um eine visuelle Facette erweitert, finden Leonard Will, 26, und Lucien Lietz, 27. Inspiriert von psychedelischen Lichtshows der Sechziger- und Siebzigerjahre, wie etwa „The Joshua Light Show“, visualisierten sie 2015 erstmals das Konzert einer befreundeten Band mit zwei alten Diaprojektoren. Es entstand das Projekt Kreuzer Lichtmaschine. „Wir versuchen dieses 50 Jahre alte Kunsthandwerk so gut wie möglich umzusetzen“, sagt Leonard. „Dabei arbeiten wir komplett analog, heißt, wir verwenden keine digital gesteuerten Medien.“ Für 2019 sind bereits Shows im Import Export, der Milla und auch außerhalb Münchens geplant.

Mitarbeit: Michael Bremmer, Max Fluder, Amelie Geiger, Marietta Jestl, Annika Kolbe, Viktoria Molnar, Sophie Röhrmoser, Viktor Schacherl, Dominik Schelzke, Louis Seibert, Anastasia Trenkler, Amelie Völker

Fotos: Emanuel A. Klempa, Katharina Paul, Benjamin Herchet