Ein  bisschen Alien, ein bisschen T-Shirt

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Mit 20 Jahren gründete Luis Angster ein eigenes Modelabel.
Seine schlichten T-Shirts hängen bereits in mehreren Münchner Boutiquen.
Wie er es schaffte, einen rosa Feuerlöscher für 150 Euro zu verkaufen

Feiertage mag Luis Angster gar nicht. Denn an Feiertagen ist es schwieriger zu arbeiten. Und im Nichtstun, darin ist Luis ganz schlecht, sagt er. Es ist Ostern und Luis sitzt im Café Glockenspiel am Marienplatz und erklärt, warum der Osterhase ja ganz nett sei, es ihm aber lieber wäre, wenn er Geschäftspartner auch dieser Tage erreichen könnte. Luis ist 22 Jahre alt, und vor zwei Jahren hat er sich mit einem eigenen Modelabel selbständig gemacht. Bereits jetzt verkauft er seine Artikel in mehreren Boutiquen in der Münchner Innenstadt.
„Toi“ heißt die Firma. Wie das französische Pronomen für „du“ – wird auf der Homepage erklärt. „Toi is a poem to you, translated into Fashion“, heißt es da in schlichter, schwarzer Schrift auf weißem Untergrund.

Weiß ist auch der Pulli, den Luis an diesem Samstagmorgen trägt. Schlicht nennt er den eigenen Kleiderstil und die Art von Mode, die ihm gefällt und die er mit seinem Label unter die Leute bringen will. „Schlicht, aber sexy“, sagt er und fährt sich die kinnlangen dunklen Haare aus dem feinen Gesicht. Luis ist ein großer, schlaksiger junger Mann, der seine Umgebung und sein Gegenüber stets aufmerksam mustert und Sätze oft mit einem Lächeln beendet. An seinem Hals hängt eine Silberkette mit mehreren Anhängern, an seiner rechten Hand prangt ein Silberring, der eine sehr reduzierte Version eines Totenkopfes zeigt. Die Kettenanhänger hat er selbst gemacht, den Ring ein Freund von ihm, der gelernter Silberschmied ist und Luis in seiner Werkstatt beibringt, wie man Schmuck gießt.

Ein ähnlicher Anhänger in Form eines kleinen Aliens war eines der ersten Produkte, mit denen Luis vor zwei Jahren auf den Markt ging. „Lil Bitch“ hat er ihn genannt, 250 Euro kostet er und Luis fertigt auf Bestellung. Für 150 Euro bot Luis drei rosarote Feuerlöscher an. Er und sein damaliger Partner haben die Feuerlöscher bestellt, von Hand abgeschliffen und neu lackiert. Warum? Luis zuckt grinsend mit den Schultern. „Das ist so ein bisschen die Idee hinter Toi“, sagt er, „normale Dinge irgendwie schöner zu machen.“ Da mindestens drei Menschen bereit waren, für einen rosaroten Feuerlöscher so viel Geld zu zahlen, habe er sich auch keine weiteren Gedanken darüber gemacht. „Zwei sind in München geblieben, einen haben wir nach London verkauft“, so viel wisse er. „Hoffentlich sind sie nicht in Gebrauch“, fügt er hinzu und lacht.

Abgesehen von diesen „Gimmicks“, geht es bei Toi hauptsächlich um T-Shirts. Die sind auch wieder weiß und schlicht, aber mit Wörtern oder Symbolen bedruckt. Irgendwie witzig sollen auch die sein. Luis holt ein noch originalverpacktes T-Shirt aus der Jackentasche. „Nude“ steht in blauen Neonbuchstaben auf der Vorderseite. „Ich glaube, den Leuten gefällt diese Verspieltheit“, sagt Luis. Denn natürlich sei man nicht „nude“, also nackt, wenn man dieses T-Shirt trägt. 90 Euro kostete ein Shirt am Anfang, mittlerweile nur noch 50. Dafür bekomme man aber auch gute Qualität, versichert Luis. Denn gedruckt wird „in Sublimationstechnik, einer speziellen Tiefdrucktechnik“, sodass sich das Design nicht rauswaschen lässt. Das habe ihn selbst immer geärgert, wenn sein Lieblings-T-Shirt langsam immer blasser wurde. Bei Toi soll das nicht passieren. Noch dazu sind die Kleidungsstücke nicht nur nachhaltig beim Tragen, sondern auch in der Herstellung. „Uns war wichtig, dass da weder weite Transportwege noch Kinderarbeit mit reinspielen“, sagt Luis. Die ersten 25 T-Shirts konnte er in München produzieren lassen, über den Kontakt des Vaters eines Bekannten.

 Mit einem Freund hatte er die Firma gestartet, doch nach einer Weile war diesem es wichtiger, sich auf sein Studium konzentrieren zu können. Deshalb musste Luis sich vor ungefähr einem Jahr nach einem neuen Geschäftspartner umsehen. „Das war vielleicht die schwierigste Phase“, sagt Luis. Denn in dieser Zeit habe er gemerkt, dass die Arbeit alleine kaum zu bewerkstelligen war. Mit Friedrich Unützer, ebenfalls 22 Jahre alt, hat er einen neuen Partner gefunden, der zwar gerade in London studiert, aber „mit dem es wirklich gut funktioniert“, sagt Luis. Friedrich kümmere sich vor allen Dingen um den Vertrieb, Luis ist eher der Kreative, bastelt die Designs, den Schmuck und die Homepage. Zusammen besuchen die beiden alle paar Wochen die neue Produktionsfirma in Venedig.

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Dass Luis Glück und die richtigen Kontakte hatte, ist ihm bewusst, zumal in einer teuren Stadt wie München, in der es viele junge Designer gibt, für die es nicht selbstverständlich ist, dass die ersten eigenen Produkte gleich weggehen „wie warme Semmeln“ – so sei das laut Luis bei Toi der Fall gewesen. „Ein bisschen dreist“ habe aber auch er sein müssen. Einfach mal machen, das dachte er sich, und spazierte in den Concept-Store Ninetydays an der Hildegardstraße zwischen Delikatessen-Bäcker, Kammerspiele und Rolex-Laden, um zu fragen, ob die Interesse an seinem Label hätten. Hatten sie, und so hingen die weißen T-Shirts recht schnell neben etablierten Marken, die dort von eher gehobenem Klientel gekauft werden. 

Nach wie vor bringt Luis seine Lieferungen persönlich vorbei, wenn die T-Shirts wieder einmal aus sind. Minmin Peng, die Eigentümerin des Ladens und selbst Designerin, ist zwar auch über Ostern nicht da, schreibt aber aus China eine E-Mail und betont, dass sie großes Talent in Luis sieht und ihn gerne unterstützt. München biete wenig Möglichkeiten für junge Designer, findet sie. Eine ihrer Mitarbeiterinnen erzählt, dass die Shirts sehr beliebt sind, beispielsweise bei Frauen mittleren Alters, die sich „lässig, aber schick“ kleiden wollen. Gut kombinieren könne man die Shirts von Toi. Zudem überzeuge nicht nur die Qualität, sondern auch das Design. „Ich persönlich habe so etwas in der Art noch nirgends gesehen“, sagt die Mitarbeiterin.

Das scheinen auch Kunden im Ausland zu finden. Nach England, Italien, Paris schickt Luis seine T-Shirts bereits von Anfang an. Von Träumen spricht Luis nicht. Lieber versucht er, sie gleich umzusetzen. Nur einen eigenen Laden in München, den würde er sich schon wünschen. „Aber das ist echt mega-schwierig“, sagt er. Eine Absage hätten er und Friedrich schon erhalten. Aufgeben werden die beiden nicht. Zu viele Ideen für einen „Gallery-Store“ haben sie bereits. Jungen Münchner Künstlern würde Luis gerne ebenso eine Plattform bieten wie DJs oder Musikern, die dann neben seinen weißen T-Shirts auftreten könnten.

Fotos: Stephan Rumpf

Text: Theresa Parstorfer

Strandkinder

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Cornelia Heißig und Raphael Buchberger entwerfen Schmuck aus Muscheln. Nun wollen sie ein junges Kollektiv gründen.

Fast drei Stunden sind sie mit dem Roller quer durch den Dschungel gefahren, ohne genau zu wissen, was sie erwarten würde. Erst einen Tag zuvor ist ihre erste Schmuckkollektion endlich fertig geworden, haben Location und Models dem Fotoshooting zugesagt. Am Ende des Tages sind die ersten Bilder für ihr Lookbook fertig und C

ornelia Heisig und Raphael Buchberger überglücklich. Die beiden erzählen so lebhaft von ihrem kleinen Abenteuer, als wäre es gestern gewesen. In Wirklichkeit hat die Reise nach Bali bereits letztes Jahr stattgefunden.

Cornelia und Raphael reisen gerne, am liebsten gemeinsam und ans Meer. “Wir sind beide Strandkinder”, sagt die 24-Jährige. Von ihren Reisen bringen sie immer Andenken mit, vor allem Muscheln. Einige Male hat Cornelia auch probiert, aus den mitgebrachten Muscheln Schmuck zu basteln, aber nie war das Ergebnis zufriedenstellend. Bis sie schließlich auf die Idee kam, eine Halterung zu entwickeln, mit der man die Muschel an einem Armband befestigen kann, ohne sie kaputt zu machen. Als sie Raphael von ihrer Idee erzählt, präsentiert der 25-Jährige ihr gleich am nächsten Abend ein Logo und eine fast fertige Homepage. Die Idee Pöf Pöf Jewelery war geboren.

Pöf Pöf? “Ich habe mindestens 100 Spitznamen für Conni und einer davon ist Pöf”, sagt Raphael. Was der Kosename bedeuten soll, wissen die beiden, die seit knapp zwei Jahren auch privat ein Paar sind, selbst nicht mehr so genau. Fest steht nur: Statt einen Namen zu nehmen, der komplett austauschbar ist, wollten sie einen Namen für ihr kleines “Herzensprojekt”, wie sie es nennen, der persönlich ist. Ein Name, der etwas mit ihnen und ihrer Leidenschaft, dem Reisen, zu tun hat.

Allein mit einem Namen und einer Homepage war es aber natürlich nicht getan, das wussten Cornelia und Raphael. Denn mit der Herstellung von Schmuck kennen sie sich zwar nicht aus, dafür aber umso mehr mit Marketing. Er, der große, junge Mann mit dem braunen Wuschelkopf, der Creative Technology mit Schwerpunkt Design studiert hat und schon seit er 19 Jahre alt ist neben seinem festen Job als Freelancer arbeitet. Sie, die zierliche Blondine, die erst eine Ausbildung zur Marketingkauffrau gemacht hat und jetzt Tourismus-Management an der Münchner Hochschule studiert und nebenbei als Werksstudentin jobbt. Nachdem klar wird, dass Pöf Pöf nicht nur eine Idee bleiben soll, überlegen sich die beiden, wie man die erforderliche Halterung aus Fimo-Knetmasse basteln kann.

Mit einem ersten Modell geht Cornelia zu einer Münchner Goldschmiedin. Das Ergebnis ist schön, soll aber fast 500 Euro kosten. “So viel wäre niemand bereit gewesen zu zahlen”, sagt Raphael, der Pragmatiker des eingeschworenen Zweier-Teams. Die beiden erinnern sich schließlich an die Straßen auf Bali in Ubud, in denen sich Silberschmied an Silberschmied reiht. Zufälligerweise ist Raphaels Bruder gerade vor Ort und macht eine Schmiedin für die beiden ausfindig, die erste Samples anfertigt. Raphael und Cornelia sind begeistert und buchen sofort einen Flug. Vier Wochen verbringen sie auf Bali, arbeiten bei 30Grad im Schatten und kehren schließlich mit ihrer ersten eigenen Kollektion nach Deutschland zurück. Im Gepäck viele Armbänder mit Herzmuscheln und Schneckenmuscheln – für andere Muschelformen gibt es aktuell noch keine Halterung.

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Das Paar arbeitete anfangs noch mit Muscheln, die sie selbst gefunden haben. Nun beziehen sie diese aber auch von einem französischen Hersteller, der Muscheln importiert. Langfristig sollen ihnen, so die Idee, die Kunden aber selbst gesammelte Muscheln schicken, die sie zu ganz persönlichen Schmuckstücken fertigen. “Wear your memories” lautet das Motto. Ein solches Armband kostet dann zwischen 60 und 80 Euro. Billiger könnten sie die Bänder nicht verkaufen, sagen sie, denn die Schmiedin auf Bali fertige die Verschlüsse und Halterungen, in Deutschland setzt Cornelia jedes Armband zusammen – alles per Hand. Dem jungen Paar ist bewusst, dass sich damit keine Millionen erwirtschaften lassen, doch sie haben schon neue Pläne: Pöf Pöf soll irgendwann nicht mehr nur ein Schmuck-Label sein, sondern für einen Lifestyle stehen.

“Fast jede Woche wird in München ein neues Start-up gegründet”, sagt Raphael. Ihr Ziel sei es, all diese jungen Kreativen zu vernetzen, denn bislang gebe es kaum Austausch, sagt Raphael. Angst, jemand könnte ihre Idee klauen, haben sie nicht und verstehen deshalb auch nicht, warum diese Angst in Deutschland so verbreitet ist. Die Hilfsbereitschaft untereinander sei deshalb leider häufig gering. Auch von der Stadt München würde sich Cornelia, vor allem für junge Mode- und Schmucklabels, mehr Unterstützung wünschen. Die Unterstützung von jungen Kreativen beschränkt sich für ihren Geschmack zu sehr auf die Musikbranche und technische Innovationen. Im Sommer planen sie deshalb eine erste Veranstaltung zum Thema Reisen, bei der sich junge Menschen über ihre Reiseblogs und andere Ideen austauschen können. Langfristig ist auch eine Art Kollektiv geplant. Der Name steht schon fest: Kartell di Monaco. Wer genau diesem Kollektiv angehören soll und wofür es stehen wird,ist allerdings noch unklar. Cornelia und Raphael, die ihre Sätze gerne gegenseitig beenden, planen nicht gerne lange im Voraus – weder auf ihren zahlreichen Reisen noch bei der Arbeit.

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Die meisten Kooperationspartner, die sie angeschrieben haben, seien begeistert von ihrer Idee, dass man gemeinsam mehr erreichen könne als alleine, sagt Cornelia. Natürlich sei das nicht immer so gewesen. “In den meisten Fällen wartet niemand auf dich und deine Idee”, sagt Cornelia. Gerade am Anfang sei das schon teils sehr frustrierend gewesen. Denn trotz dem geringem finanziellem Risiko – gemeinsam haben sie bislang 4000 Euro Eigenkapital in Pöf Pöf investiert – steckt viel Zeit und Herzblut in dem Projekt.

Doch es hat auch Vorteile, wenn das Team nur aus zwei Menschen besteht, die sowieso gerne Zeit miteinander verbringen: Man kann gemeinsam aus seinen Fehlern lernen, an ihnen wachsen und vielleicht sogar irgendwann das gemeinsame Hobby zum Beruf zu machen. So weit in die Zukunft wollen die beiden jungen Münchner aber nicht planen – noch nicht.

Text: Jacqueline Lang

Fotos: Privat

Ein Abend mit: Alina Oswald

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Alina Oswald hat  als Fotografin bei unserer Ausstellung “10 im Quadrat – Reloaded” mitgewirkt. Sie hat schon Menschen beim Orgasmus fotografiert und ist bekannt für ihre kreativen Ideen. Zwölf Fragen zu Alinas Nachtleben.

Name: Alina Oswald 

Alter: 25 

Beruf: freie und schaffende Expressionistin 

Internetseite: https://alinacaraoswald.jimdo.com/

1) Hier beginnt mein Abend:
Zuhause noch am Laptop sitzend, bei einem Glas Wein.

2) Danach geht’s ins/zu:
Wohin es meinen Geist auch immer verschlägt… mal hier mal dort. 

3) Meine Freunde haben andere Pläne. So überzeuge ich sie vom Gegenteil:
Macht doch was ihr möchtet. 

4) Mit dabei ist immer:
Mein Herz. 

5) An der Bar bestelle ich am liebsten:
Erst Weinschorle… dann Wodka Bull. Du weißt was ich meine. 

6) Der Song darf auf keinen Fall fehlen:
Jegliche Sets von Hr.Klotz und Jonas Strohwasser 

7) Mein Tanzstil in drei Worten:
Expressionistisch, lustig, geschlossene Augen

8) Der Spruch zieht immer:
Der Spruch zieht nicht. 

9) Nachts noch einen Snack. Mein Geheimtipp ist:
Nachos mit Antipasti-Dip 

10) Meine dümmste Tat im Suff war:
Nur BH tragend in einem Restaurant auf den Tischen fangen spielen… wobei ich das
gar nicht mal so dumm finde. Es war sehr lustig oder Tori? 

11) Das beste Frühstück nach einer durchfeierten Nacht gibt’s im/bei:
Meinem Bett. 

12) Diesem Club/dieser Bar trauere ich nach: Nachgetrauert wird nicht. 

Foto: Larissa Nitsche

Fragen über Fragen – Verena Lederer

Vor einem fast fremden Menschen halb nackt zu sitzen erfordert Mut, sagt Musikerin Verena Lederer, die als Model für unsere Ausstellung

“10 im Quadrat -Reloaded” porträtiert wurde. Wir haben ihr ein paar Fragen gestellt.

Du stehst mit deiner
Kunst öfter mal vor Publikum. Wie war es für dich, so oft fotografiert zu
werden?

Vor der Kamera zu sein ist natürlich anders, als vor Publikum
im Mittelpunkt zu stehen. Es geht in dem Moment nur darum, wie du auf dem Foto
aussiehst. Deine Kunst kann dir da nicht helfen. Das kann manchmal einfacher
sein, manchmal schwieriger. Diese Unterschiede habe ich sehr stark gemerkt. An
manchen Tagen fühle ich mich schön, an manchen eben nicht. Wenn ein Shooting an
einem schlechten Tag vereinbart ist, ist die Selbstsicherheit dahin.

Hat das Mut
erfordert?

In manchen Situationen (oben ohne!) hat das zuerst Mut
erfordert. Vor einem fast fremden Menschen halb nackt zu sitzen erfordert
Überwindung. Auch hatten wir ja ein Partnershooting mit einer Person, die wir
bis dahin noch nicht kannten. Das war für mich sehr ungewohnt. Man wusste ja
nicht: Wo liegt die Komfortzone des anderen? Wie bewegt sich die andere Person
vor der Kamera? Findet sie mich überhaupt sympathisch oder eher nicht? Diese
Fragen verunsichern enorm.

Bist du auch mal in
andere Rollen geschlüpft? / Hast du andere Seiten an dir kennengelernt? Welche
Begegnung hat dich am stärksten geprägt?

Beim Oben-Ohne-Shooting (dämliches Wort!) bei Alina war ich
komischerweise gar nicht aufgeregt. Das hat mich total überrascht. Da dachte
ich nur: Das ist halt mein Körper. Ich wusste nicht, dass ich mich so wohl
fühlen kann in so einer verletzlichen Situation. Bei Alina wurde aus dem
Shooting zusammen mit Paul Kowol, der am selben Nachmittag fotografiert wurde,
ein ganzer Tag voller interessanter und persönlicher Gespräche, Wein, Chips und
sehr viel Lachen. Das ist eine wirklich schöne Erinnerung.

Bist du auch mal an
deine Grenzen gestoßen?

Bei Julie habe ich mich komplett mit Heidelbeereis
eingesaut. Merke: Nicht mit bloßen Händen in eine Eispackung fassen und dann
das Zeug auf Körper und Gesicht verteilen. Das war dermaßen kalt! Erst eine
halbe Stunde später konnte ich meine Finger wieder spüren. Aber Spaß hat das
natürlich gemacht. Das hat mir gezeigt: Öfter das innere Kind rauslassen und
einfach rumblödeln – das sollte man öfter in den Alltag einbauen.

Brauchen wir mehr Vernetzung
in München?

Kontakt zwischen Künstlern aller Art kann nie schaden! Oft
hält man sich an die Personen, die man bereits kennt. Aber gerade die Personen außerhalb
des eigenen Freundeskreises sind die, die einem neue Impulse mit auf dem Weg
geben können. Ich finde, München ist sehr klein und sehr stark vernetzt.
Trotzdem helfen interdisziplinäre Veranstaltungen wie diese, Künstler
verschiedener Sparten mehr in Kontakt zu bringen. Davon kann es nicht genug
geben.

Foto: Julie March

Fragen über Fragen – Henny Gröbelehner

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Nadja Ellingers Bilder sind unangenehm und gleichzeitig sehr schön. Ich bin irgendwie stolz auf diese Bilder, sagt Henny Gröbelehner, eines der Models für unsere Ausstellung

“10 im Quadrat – Reloaded”. Wir haben ihr ein paar Fragen gestellt.

Du stehst mit deiner
Kunst öfter mal vor Publikum. Wie war es für dich, so oft fotografiert zu
werden?

Tatsächlich kann ich nicht behaupten, dass es sich ähnlich anfühlen würde, wie
vor Publikum zu spielen, und es mir deshalb leicht fiel. Fotografiert zu werden
ist eine viel bewusstere Beobachtung. Zum einen, weil ich nicht „abgelenkt“ bin
durch das Performen/Musik machen wie auf der Bühne. Zum anderen gibt es da gar
keine Distanz zwischen dem beobachtenden Objekt (der Kamera) und mir. Bei einem
Konzert ist da die Bühne, helles Licht, dunkler Raum und vor allem ein
Publikum, das (obwohl natürlich auch fotografiert und gefilmt wird)
transitorisch wahrnimmt, also wir alle genießen im besten Fall den live
stattfindenden Moment. Beim Fotografieren geht es auch um den „richtigen“
Moment, aber natürlich wird das Danach stärker fokussiert, weil die Rezeption
des Fotos danach stattfindet. Und nun ja, so oft man will, also sollte es gut
sein. Und genau das macht irgendwie nervös. Also musste ich versuchen, das
alles zu vergessen, um möglichst ich selbst und natürlich zu sein. Das war
nicht immer leicht.

Hat das Mut erfordert?

In gewisser Weise ja. Beziehungsweise es hat Überwindung gekostet. Je
persönlicher der Ansatz eines Shootings war, desto mehr Überwindung. Weil man
einfach mehr von sich preisgibt. Aber dann hat es letztlich auch mehr Spaß
gemacht.

Bist du auch mal in andere Rollen
geschlüpft? / Hast du andere Seiten an dir kennengelernt?

In Rollen bin ich eigentlich nicht geschlüpft (das ist natürlich auch eine
Definitionsfrage). Aber ich habe definitiv unterschiedliche Seiten von mir
zeigen können, auch Seiten, denen ich sonst nicht so viel Aufmerksamkeit
schenke und somit daran erinnert wurde, dass es diese auch gibt.

Welche Begegnung hat dich am stärksten
geprägt?

Genau deshalb hat mich das Shooting mit Nadja am meisten bewegt. Ich hab schon
bei unserem Vorab-Treffen sehr schnell gemerkt, dass ich ihren Ansatz mag und
ihn gut nachvollziehen und mich darin stark wiederfinden kann. Deshalb konnte
ich mich sehr gut auf das Thema „Zerbrechlichkeit“ einlassen und wir konnten
zusammen einen individuellen Blick darauf richten, was es für mich persönlich
bedeutet. Das Kreative kam dann praktisch wie von selbst und es war sehr
angenehm und organisch mit Nadja zu shooten. Das habe ich auch danach in den
Bildern gesehen. Sie sind unangenehm und gleichzeitig schön. Ich bin irgendwie
stolz auf die Bilder.

Bist du auch mal an deine Grenzen
gestoßen?

Zumindest bei dem Shooting mit Anna wäre ich das wohl bald, hätte sie uns nicht
vorher erlöst. Da war es nämlich sehr, sehr kalt draußen und Jacken waren nicht
erlaubt. Zudem war es ein Paar-Shooting und die einzige Wärme kam von einer
völlig fremden Person, die ich umarmen musste und die ich erst Minuten vorher
kennengelernt habe. Das war schon befremdlich. Aber dafür ein spannender Ansatz
für ein Foto.

Brauchen wir mehr Vernetzung in München?

Unbedingt. Immer. Je mehr, desto besser. München ist ja nicht groß und wir alle
kennen das Gefühl, dass man jemanden irgendwoher eh schon kennt. Aber immer
noch wird zu wenig kollaboriert und gemeinsame Sache gemacht. Zumindest kann
ich mal für die Musikszene sprechen. Solche Kunstprojekte wie „10 im Quadrat“
zeigen jedenfalls, dass da noch mehr geht. Denn ich glaube, sowohl die vielen
jungen Fotografen freuen sich, sich untereinander mal zu begegnen und all diese
unterschiedlichen kreativen Ansätze zu sehen, als auch wir Künstler
untereinander. Und natürlich haben wir jetzt wertvolle Kontakte für potenzielle,
zukünftige Projekte geknüpft.

Foto: Christin Büttner

Wortgewalt und Lagerfeuerstimmung – So war der zweite Samstag im Farbenladen

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Die Sonne strahlt mittenrein in den Farbenladen und lange Schatten werfen sich auf den Boden. Die Augen der Besucher lösen sich von den 100 Porträts an diesem Samstag des zweiten Wochenendes der Ausstellung 10 im Quadrat nur für die musikalischen und literarischen Gäste, die, so muss man anmerken, auch vor einem sehr intimen Publikum überzeugen. 

Das Lieblingsbild ist noch nicht ausgesucht, doch vorerst bleibt dafür auch keine Zeit. Johannes Lenz schweigt als Poetry Slammer und tritt als Rapper ohne Beat auf. Doch ob mit oder ohne, Wortgewalt mit Rhythmus, Reim und Rock’n’Roll ist Sprechgesang. Seine Augen streifen die eines jeden Zuhörers, er  macht München eine kleine Liebeserklärung und gesellt sich draußen zu den Rauchern, um die letzten Sonnenstrahlen abzufangen. 

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Beim Fototalk mit Fotografin Julia Schneider und Schauspieler Leonhard “Lenny” Hohm geht es um die Wur… ähh..Nudel! Julia ist verantwortlich für die Portraits, bei der die Models eine Spaghetti im Gesicht haben. Und wie nicht anders zu vermuten, kam ihr diese Idee beim Kochen. Was das Ganze aber in einer Ausstellung soll, fragt sich nicht nur der ein oder andere Besucher, auch Julia ist hin- und hergerissen. Die Fotos entstanden in besonderer Atmosphäre – quasi in einem Weinkeller mit Kamin, den sie als Studio benutzt. Leonhard Hohm findet die Idee zur Ausstellung wunderbar, “weil Menschen aufeinander treffen, die sich sonst nicht begegnet wären”. Er spricht sich für eine bessere Verbindung zwischen Münchens Kreativen aus – ein Wunsch, der in den letzten Monaten schon von vielen Künstlern ausgesprochen wurde. 

Nikolaus Wolf betritt die Mitte des Farbenladens und obwohl die Auftrittsfläche eingerahmt ist von Lautsprechern und Mikrofon, greift er nur zur Akustik-Gitarre. Seine Stimme verleiht dem Ausstellungsraum eine goldene Färbung, die Akustik ist besser als in so manchem Proberaum. 

Danach wird die Kunst gewechselt: Alisha Garmisch thront nun auf einem Barhocker, liest von Weltuntergang und ausgestochenen Augen, während hinter ihr die Porträtierten eine Nudel im Gesicht haben (Kommentar des Models “Lenny” dazu: “Die stinken!”). Alisha wird abgelöst von Rahmatullah Hayat, der sich experimentell an Lyrik wagt, die durch geräuschvolles Knacken und Zischen auffällt. 

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Zum Abschluss gibt auch Paul Kowol ein akustisches Intimkonzert, der am Tag zuvor nebenan im Feierwerk den Einzug ins Finale des Sprungbrett-Wettbewerbs geschafft hat. Mit seiner Setlist auf einem Kuchenpappteller erzeugt er Lagerfeuerstimmung und bleibt dem Singer-Songwriter-Motto “Ein bisschen Herz, ein bisschen Nuscheln” treu. 

Das Rahmenprogramm drehte sich an diesem zweiten Samstag der Ausstellung um Bild und Stimme, geradezu auf akustische Geräusche und der natürlichen Umgebung reduziert zeigte es, wie Wortgewalt die Zuschauer in jeder erdenklichen Form – von Rap bis Lyrik – einnehmen kann. 

Text und Fotos: Sandra Will