Neuland

Das Aufwachen am Morgen nach einem One-Night-Stand, der fremde Mensch neben sich im Bett, der Kater nach der vergangenen Nacht – alldem wohnt durch die Unbehaglichkeit der Situation auch eine gewisse Komik inne. Diese wollen Anna Cvetkov, Bella Kilian, Ida Marie Sassenberg, Leila Keita und Lilly Müller, alle zwischen 21 und 29 Jahre alt, unter dem Namen „Feminist Mumblecore Comedy Project“ in einem Kurzfilm einfangen. Das Feministische des Projekts rührt daher, dass es eine Frau ist, die sich verschiedene Einmal-Partner mit nach Hause nimmt, ohne dabei als leichtes Mädchen dazustehen – und nicht, wie sonst in Filmen üblich, Männer. Die Protagonistin wird von Initiatorin Ida gespielt, ihre männlichen Partner sind Laienschauspieler. Vorgegebene Rollen und Texte gibt es nicht, die Szenen werden improvisiert. Vier der fünf Frauen haben bisher kaum Film-Erfahrung. „Durch unsere unterschiedlichen Erfahrungen erhoffen wir uns einen lustigen Film, der nicht super perfekt sein wird, aber hoffentlich für alle Zuseher Spaß macht“, sagt Leila. Bis Mitte 2019 soll die Produktion beendet sein, dann soll der Kurzfilm auf Festivals präsentiert werden. Maximilian Mumme

Bass ohne Grenzen

image

Simon Schötz war erfolgreicher Testfahrer, dann kündigte er. Jetzt produziert er elektronische Musik – für die USA, denn Dubstep tut sich in München schwer

Schwitzende Menschen. Tanzend wie in Trance. Eine meterhohe Wand aus Lautsprechern. Nebel. Blitzlichter. Eine Alarmsirene, ein Schrei, und dann: Bass. So tief, dass man ihn nicht mehr hört. Man spürt ihn, und das so heftig, dass sich Nackenhärchen aufstellen, dass das Atmen schwerfällt, dass manchmal sogar die Sicht ein wenig verschwimmt. Schnitt. Ein Wohnzimmer, mit Schwarzlicht ausgeleuchtet. Eine kleine Gruppe junger Menschen sitzt entspannt auf Bett und Boden. Im Vordergrund Turntables, eine Kamera überträgt das Geschehen live ins Internet.

An den Decks in beiden Welten: Simon Schötz alias „Busted Fingerz“. Der 28-jährige Münchner produziert Dubstep, ein Subgenre der elektronischen Musik, das dem breiten Publikum meist nur durch einen kurzen Hype im Jahre 2011 bekannt ist. „Wenn man Dubstep sagt, denken alle sofort an Skrillex“, sagt Simon in bairischem Dialekt. Denn das war der US-amerikanische DJ und Produzent, der das Genre kurzzeitig in die Charts und Clubs brachte. Doch der ursprüngliche Dubstep, wie auch Simon ihn produziert, ist minimalistischer, weniger aggressiv und noch stärker fokussiert auf das Kernelement, den Bass, der tief wabernd auf teilweise unhörbaren Frequenzen spielt.

Aufgewachsen ist Simon in der Nähe von Straubing. Durch seinen Vater, von Beruf Volksmusikpfleger, hat er seit frühester Kindheit Kontakt zur Musik. Mit der urtümlich bayerischen Musik allerdings „hab’ ich nie was anfangen können“, sagt er. Simon trägt Kapuzenpulli, Mütze und eine auffällige Brille. Zehn Jahre lang lernte Simon Klavier und spielte Posaune in der Schulbigband. Mit Ende der Schulzeit jedoch „hat sich das alles verlaufen. Aber Musik kriegst du halt nicht raus. Selbst wenn ich nur fünf Minuten ins Zimmer reingelaufen bin, um was zusammenzupacken, hab’ ich die Stereoanlage eingeschaltet und irgendwas laufen gelassen.“ Über einen Freund entdeckte er den Dubstep, kaufte sich Produktionssoftware und arbeitete sich in die Grundlagen ein.

Doch professionell Musik zu produzieren, daran dachte Simon damals noch nicht. Er machte eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker und zog für eine Arbeitsstelle nach München. Er arbeitete sich hoch, wurde Testfahrer und übernahm mehr und mehr Verantwortung. „Der Job ist geil“, erzählt er, „in irgendeinem Februar vor drei oder vier Jahren bin ich durch sechs Länder gekommen, das war schon krass.“ Allerdings machten ihm der entwurzelte Lebensstil als Testfahrer und vor allem die mangelnde Wertschätzung durch seine Vorgesetzten zu schaffen.

Zu einem Ende kam all das 2013. Bei der Arbeit an der heimischen Kreissäge verlor er das vorderste Fingerglied von Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand. „Im Leben kann dir jederzeit was passieren. Du hast da überhaupt nicht die Kontrolle drüber“, sagt er in ruhigem, abgeklärten Tonfall, „das hat mich zum Umdenken gebracht.“ Heute bezeichnet er den Unfall als „glückliche Fügung“. In der U-Bahn sah er ein Plakat der Deutschen Pop und beschloss, von diesem Moment an das zu machen, was ihm „wirklich liegt“. So begann Simon ein Studium in „Music Technology“. Ein mutiger Schritt, hatte er zuvor noch keinen einzigen Song produziert.

„Eine Guideline und Leute, mit denen ich reden konnte.“ So beschreibt er das, was die Privatakademie ihm nach wie vor bietet. Denn das Wichtigste ist hierbei Eigeninitiative. Doch das sieht Simon eher positiv. „Ich bin kein Akademiker im Sinne des deutschen Systems, weil ich nicht auf eine Abschlussarbeit hin lernen kann“, erklärt er, „aber wenn mich was interessiert, dann les’ ich mich ein bis zur atomaren Ebene.“ Doch auch nach Beginn des Studiums dauerte es noch mehr als ein Jahr bis zum Release der ersten Songs. „Ideen hab’ ich schon immer gehabt, und mich hat es extrem geärgert, dass ich die nie umsetzen konnte. Aber nach viel trial and error macht’s halt dann Schnack.“

Das „Schnack“ in Simons Karriere passierte im Internet, auf der Streaming-Plattform Twitch. Der erfolgreiche US-amerikanische Dubstep-Produzent „The Widdler“ entdeckte seine Musik und gab ihm in einem Livestream Feedback. „Das hat mir sehr geholfen, weil du da halt wirklich Leute hast, die deine Musik hören und Ahnung von deiner Musik haben.“ Denn auch unter den Zuschauern des Streams waren große Namen der Szene. „Du triffst viele Leute, mit denen du Collabs machen kannst. Dadurch lernst du auch wieder viel, weil du siehst, was die für Produktionen machen.“ Denn Leute zu treffen, die die gleiche Musik hören oder sogar produzieren, ist für Simon nicht einfach. „Die Musik ist sehr speziell. Man tut sich schwer, andere da mit reinzuziehen.“ Zusätzlich stellt der Dub-step durch den Fokus auf den massiven Bass besondere Anforderungen an Locations. „Eine normale Club-Anlage hält da nicht mit“, sagt Simon, „jeder Veranstalter, der so was spielen möchte, bringt mindestens Zusatzboxen. Am geilsten ist es auf einem Soundsystem.“ Ein Soundsystem, das sind meterhohe Boxen-Wände, die die Leistung einer Club-Anlage oft um das Zehnfache übertreffen.

Besonders in München ist es für Newcomer wie Simon schwer, Zugang zur lokalen Szene zu finden. „Die machen halt nur für sich die Party, und damit die Leute kommen, buchen sie größere Namen von außerhalb“, sagt er, „support your local artist“ gebe es in München nicht. „So bleibt die Szene bei denen – und wenn es die nicht mehr gibt, dann ist die Szene auch weg.“
 Erfolg hat Simon dennoch. Er produziert Tracks für zwei US-amerikanische Labels und legt zusammen mit seinem Bruder auf Underground-Festivals auf. Vergangenen Monat spielte er seinen ersten Support-Auftritt – in Nürnberg.
 Gerade schreibt er an seiner Abschlussarbeit. Sein Wunschziel danach: ganz klar Berlin. „Ich war von meinem Studium aus schon in vielen Städten unterwegs, und da hat mir Berlin am meisten gefallen. In Berlin ist Dubstep jetzt auch nicht so mega riesig, aber da hast du wenigstens die Zugangspunkte.“
 Von der Musik leben kann und will Simon jedoch noch nicht. Eine Arbeit als Testfahrer kommt für ihn allerdings nicht mehr in Frage. Denn die Wochenenden möchte er sich freihalten für seine Leidenschaft: den Bass.  

Foto: Alessandra Schellnegger

Text: Maximilian Mumme

Ein musikalisches Karussell

Beim Konzertabend „Freundschaftsbänd“ covern neun Bands gegenseitig ihre Songs. Heraus kommen nicht nur Gegröle und Gelächter, sondern Lieder mit überraschend neuem Sound und unerwarteten Melodien.

Gelächter und Gegröle im Publikum. Gerade stimmt Chuck Winter in perfektem Deutsch das Cover des Songs „Mary Jane“ an. Es lachen die Urheber des Werkes, die Reggae-Band Kraut und Ruhm. Denn das Original des Songtextes ist auf Bairisch verfasst. Und als Chuck Winter nach ein paar Zeilen doch noch in den Dialekt wechselt, kann es die Band kaum fassen und singt lautstark aus dem Publikum mit. Denn Chuck, halb Amerikaner und halb Münchner, hat nie Bairisch gelernt und sich den Dialekt nur durch das Hören des Songs angeeignet.

Es sind Momente wie diese, die den Konzertabend „Freundschaftsbänd“ im Cord Club zu etwas Besonderem machen. Bereits zum dritten Mal covern sich am Samstag auf der von der „SZ Junge Leute“ und dem Münchner Label Flowerstreet Records veranstalteten Festival neun Bands gegenseitig. Das Prinzip dabei gleicht einem musikalischen Karussell: Eine Band legt einen eigenen Song vor, der von der nächsten Gruppe oder auch solo völlig neu interpretiert wird. Danach geben diese Musiker wiederum ein eigenes Werk zum Covern frei.

„Viel mehr Farbe bekommt man an einem Abend nicht“, stellt Amadeus Böhm, Gründer von Flowerstreet Records, fest. Denn das Lineup der dritten Ausgabe glänzt stärker denn je mit musikalischer Diversität. Von Reggae auf Bairisch über Indie-Rock und Electro-Pop bis hin zu Grunge, von der Solokünstlerin zur sechsköpfigen Band, von der zart gezupften Gitarre bis zur Drummachine ist jede Nuance dabei.

So ist das Publikum wenig überrascht, als Katrin Sofie F. und der Däne direkt im Anschluss Chuck Winters Nummer „Hipbones“ einmal um 180 Grad drehen. Die Harmonien werden durch eine markante Bassline ersetzt, die Melodie weicht gesprochenem Text. Hätte man den Song nicht fünf Minuten davor im Original gehört, wäre er wohl problemlos als Kreation des Spoken Beat-Duos durchgegangen.

„Ich habe kein Wort verstanden, trotzdem mochte ich den am liebsten“, sagt Zuhörer Dustin Hayes aus Kansas, der gerade in München Urlaub macht und rein zufällig auf die Veranstaltung gestoßen ist. Er meint damit Katrin Sofie F.s Song „Rabota Rabota“, mit dem sie der covernden Band eine ganz besondere Herausforderung stellt. Denn der Song besitzt weder Melodie noch Harmonie. Eine Kleinigkeit jedoch für Heroine Twin, die – als wäre es keine große Sache – mal eben ein paar rockige Riffs auf den Text komponieren und ihn damit in eine Neunzigerjahre-Grunge-Nummer verwandeln. Katrin Sofie F. ist begeistert: „Es ist schön, den Song mal mit Melodie zu hören.“

Doch auch andere Bands stehen vor großen Herausforderungen. Sei es Singer-Songwriterin Melli Zech, die als jüngste Künstlerin des Abends das Arrangement von King Pigeons „Blood Seas“ von kompletter Bandbesetzung auf eine einzige Gitarre herunterbrechen muss, oder das Duo Willing Selves, das direkt im Anschluss auf Melli Zechs „Hold On“ einen elektronischen Beat produzieren und die Melodie teils gesungen, teils gerappt vortragen. Als es ans Covern der Electro-Pop-Nummer „Carousel“ von Chaem geht, wird auch ein musikalischer Routinier wie Zlatko Pasalic, Sänger der Stray Colors, schon mal nervös. Doch vom technischen Anspruch des Songs ist nichts zu hören, das Balkanpop-Duo spielt ihn souverän locker, genau wie ihr eigenes Programm. Für Martina Haider alias Chaem selbst geht damit ein Wunsch in Erfüllung: „Ich hab mir überlegt, wer mich covern sollte, und da fielen mir die Stray Colors als erstes ein.“

Auch diese sind mehr als zufrieden mit der Coverversion ihres Songs „Fall Too Much“. Direkt zu Beginn des Abends haben King Pigeon „eine astreine Indie-Nummer draus gemacht. Wenn das damals so im Atomic Café gelaufen wäre, wäre ich voll abgegangen“, schwärmt Sänger Zlatko.

Als am Ende des Konzertes Katrin Sofie F. Heroine Twin zur gelungenen Interpretation des Covers gratuliert, Veranstalter Amadeus Böhm die Stray Colors spontan an der Percussion unterstützt und der Gitarrist aus Chuck Winters Band von Kraut und Ruhm Schulterklopfer für die gelungene Performance bekommt, wird auch der Titel des Abends klar: „Freundschaftsbänd – ein Abend der Bändfreundschaften“.

Text: Maximilian Mumme

Fotos: Johannes Simon