Bass ohne Grenzen

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Simon Schötz war erfolgreicher Testfahrer, dann kündigte er. Jetzt produziert er elektronische Musik – für die USA, denn Dubstep tut sich in München schwer

Schwitzende Menschen. Tanzend wie in Trance. Eine meterhohe Wand aus Lautsprechern. Nebel. Blitzlichter. Eine Alarmsirene, ein Schrei, und dann: Bass. So tief, dass man ihn nicht mehr hört. Man spürt ihn, und das so heftig, dass sich Nackenhärchen aufstellen, dass das Atmen schwerfällt, dass manchmal sogar die Sicht ein wenig verschwimmt. Schnitt. Ein Wohnzimmer, mit Schwarzlicht ausgeleuchtet. Eine kleine Gruppe junger Menschen sitzt entspannt auf Bett und Boden. Im Vordergrund Turntables, eine Kamera überträgt das Geschehen live ins Internet.

An den Decks in beiden Welten: Simon Schötz alias „Busted Fingerz“. Der 28-jährige Münchner produziert Dubstep, ein Subgenre der elektronischen Musik, das dem breiten Publikum meist nur durch einen kurzen Hype im Jahre 2011 bekannt ist. „Wenn man Dubstep sagt, denken alle sofort an Skrillex“, sagt Simon in bairischem Dialekt. Denn das war der US-amerikanische DJ und Produzent, der das Genre kurzzeitig in die Charts und Clubs brachte. Doch der ursprüngliche Dubstep, wie auch Simon ihn produziert, ist minimalistischer, weniger aggressiv und noch stärker fokussiert auf das Kernelement, den Bass, der tief wabernd auf teilweise unhörbaren Frequenzen spielt.

Aufgewachsen ist Simon in der Nähe von Straubing. Durch seinen Vater, von Beruf Volksmusikpfleger, hat er seit frühester Kindheit Kontakt zur Musik. Mit der urtümlich bayerischen Musik allerdings „hab’ ich nie was anfangen können“, sagt er. Simon trägt Kapuzenpulli, Mütze und eine auffällige Brille. Zehn Jahre lang lernte Simon Klavier und spielte Posaune in der Schulbigband. Mit Ende der Schulzeit jedoch „hat sich das alles verlaufen. Aber Musik kriegst du halt nicht raus. Selbst wenn ich nur fünf Minuten ins Zimmer reingelaufen bin, um was zusammenzupacken, hab’ ich die Stereoanlage eingeschaltet und irgendwas laufen gelassen.“ Über einen Freund entdeckte er den Dubstep, kaufte sich Produktionssoftware und arbeitete sich in die Grundlagen ein.

Doch professionell Musik zu produzieren, daran dachte Simon damals noch nicht. Er machte eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker und zog für eine Arbeitsstelle nach München. Er arbeitete sich hoch, wurde Testfahrer und übernahm mehr und mehr Verantwortung. „Der Job ist geil“, erzählt er, „in irgendeinem Februar vor drei oder vier Jahren bin ich durch sechs Länder gekommen, das war schon krass.“ Allerdings machten ihm der entwurzelte Lebensstil als Testfahrer und vor allem die mangelnde Wertschätzung durch seine Vorgesetzten zu schaffen.

Zu einem Ende kam all das 2013. Bei der Arbeit an der heimischen Kreissäge verlor er das vorderste Fingerglied von Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand. „Im Leben kann dir jederzeit was passieren. Du hast da überhaupt nicht die Kontrolle drüber“, sagt er in ruhigem, abgeklärten Tonfall, „das hat mich zum Umdenken gebracht.“ Heute bezeichnet er den Unfall als „glückliche Fügung“. In der U-Bahn sah er ein Plakat der Deutschen Pop und beschloss, von diesem Moment an das zu machen, was ihm „wirklich liegt“. So begann Simon ein Studium in „Music Technology“. Ein mutiger Schritt, hatte er zuvor noch keinen einzigen Song produziert.

„Eine Guideline und Leute, mit denen ich reden konnte.“ So beschreibt er das, was die Privatakademie ihm nach wie vor bietet. Denn das Wichtigste ist hierbei Eigeninitiative. Doch das sieht Simon eher positiv. „Ich bin kein Akademiker im Sinne des deutschen Systems, weil ich nicht auf eine Abschlussarbeit hin lernen kann“, erklärt er, „aber wenn mich was interessiert, dann les’ ich mich ein bis zur atomaren Ebene.“ Doch auch nach Beginn des Studiums dauerte es noch mehr als ein Jahr bis zum Release der ersten Songs. „Ideen hab’ ich schon immer gehabt, und mich hat es extrem geärgert, dass ich die nie umsetzen konnte. Aber nach viel trial and error macht’s halt dann Schnack.“

Das „Schnack“ in Simons Karriere passierte im Internet, auf der Streaming-Plattform Twitch. Der erfolgreiche US-amerikanische Dubstep-Produzent „The Widdler“ entdeckte seine Musik und gab ihm in einem Livestream Feedback. „Das hat mir sehr geholfen, weil du da halt wirklich Leute hast, die deine Musik hören und Ahnung von deiner Musik haben.“ Denn auch unter den Zuschauern des Streams waren große Namen der Szene. „Du triffst viele Leute, mit denen du Collabs machen kannst. Dadurch lernst du auch wieder viel, weil du siehst, was die für Produktionen machen.“ Denn Leute zu treffen, die die gleiche Musik hören oder sogar produzieren, ist für Simon nicht einfach. „Die Musik ist sehr speziell. Man tut sich schwer, andere da mit reinzuziehen.“ Zusätzlich stellt der Dub-step durch den Fokus auf den massiven Bass besondere Anforderungen an Locations. „Eine normale Club-Anlage hält da nicht mit“, sagt Simon, „jeder Veranstalter, der so was spielen möchte, bringt mindestens Zusatzboxen. Am geilsten ist es auf einem Soundsystem.“ Ein Soundsystem, das sind meterhohe Boxen-Wände, die die Leistung einer Club-Anlage oft um das Zehnfache übertreffen.

Besonders in München ist es für Newcomer wie Simon schwer, Zugang zur lokalen Szene zu finden. „Die machen halt nur für sich die Party, und damit die Leute kommen, buchen sie größere Namen von außerhalb“, sagt er, „support your local artist“ gebe es in München nicht. „So bleibt die Szene bei denen – und wenn es die nicht mehr gibt, dann ist die Szene auch weg.“
 Erfolg hat Simon dennoch. Er produziert Tracks für zwei US-amerikanische Labels und legt zusammen mit seinem Bruder auf Underground-Festivals auf. Vergangenen Monat spielte er seinen ersten Support-Auftritt – in Nürnberg.
 Gerade schreibt er an seiner Abschlussarbeit. Sein Wunschziel danach: ganz klar Berlin. „Ich war von meinem Studium aus schon in vielen Städten unterwegs, und da hat mir Berlin am meisten gefallen. In Berlin ist Dubstep jetzt auch nicht so mega riesig, aber da hast du wenigstens die Zugangspunkte.“
 Von der Musik leben kann und will Simon jedoch noch nicht. Eine Arbeit als Testfahrer kommt für ihn allerdings nicht mehr in Frage. Denn die Wochenenden möchte er sich freihalten für seine Leidenschaft: den Bass.  

Foto: Alessandra Schellnegger

Text: Maximilian Mumme

Nichts ist unmöglich

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Der 26 Jahre alte Aaron Kokal schafft mit seinem Künstlerkollektiv „Schallvagabunden“ Räume für freie Kunst – in einer Stadt, die immer weniger Flächen für junge Kreative bietet.

München ist eine volle Stadt. Voller Menschen, voller Autos, voller sündhaft teuren Wohnungen. Aber keinesfalls leer von Kunst. Auch solcher Kunst, die sich fern der großen Bühnen an genau jenen Orten versteckt, die ihr einen Freiraum bieten, um sich entfalten zu können. Orte, wie sie allerdings immer schwerer zu finden sind in einer nachverdichteten Großstadt.

Der 26-jährige Aaron Kokal ist recht geübt darin, solche Orte ausfindig zu machen. Das von ihm gegründete Künstlerkollektiv „Schallvagabunden“ besetzte schon verschiedene leer stehende Gebäude oder Flächen, sogenannte Zwischennutzungen. Zuletzt verwandelten sie einen leer stehenden Raum in der Dachauer Straße in einen kreativen Kunst-, Konzert- und Feier-Freiraum. Aaron, hohe Statur, verschmitztes Lächeln, ruhige Stimme, wirkt ein bisschen wie ein Fremdkörper in dieser gehetzten Stadt. „Wir wollen etwas auf die Beine stellen, das sich für die verträumten Hippies aus der Großstadt wie ein sicherer Hafen anfühlt“, erzählt er. Mit Stoppelbart, seinen kurz geschorenen Haaren und dem weißen T-Shirt sieht Aaron zwar nicht gerade aus wie ein idealtypisch verträumter Hippie. Aber seine ausgeglichen wirkende Ausstrahlung und sein ruhender Blick machen das wieder wett.

Wenn Aaron zu schwärmen beginnt, von Musik als lebensschöpfender Kraft, von der Unumgänglichkeit der Natur, von großen Ideen wie der „weiterdenkenden Nachhaltigkeit“, gewinnt man den Eindruck, dass in dem 26-Jährigen wohl doch etwas von Beidem stecken könnte: verträumter Hippie und einfacher Junge vom Land.

Letzteres ist noch nicht einmal weit hergeholt. Aufgewachsen ist Aaron im winzigen Weiler Hub: ein paar Bauernhäuser, Felder und Wald, eine Autostunde östlich von München. „Das prägt schon sehr stark da draußen“, meint er. „Du fällst aus der Tür in den Wald rein. Das ist ganz einzigartig.“ Der Umzug nach München mit 14 fiel ihm nicht leicht. „Überall Mauern, Wände“. Wenn Aaron sich heute für Kunst in der Stadt einsetzt, dann immer auch, um jene Wände zu durchbrechen. Er möchte Menschen zusammenkommen lassen, die sich sonst nie begegneten.

Dafür bot ihm die Stadt ein Netzwerk. Aaron lernte Musiker, DJs, Künstler kennen. Tauschte Ideen aus. Er schmiss Kellerpartys in seiner WG. Und er merkte, dass ihm das Organisieren solcher Events am meisten Freude bereitet. Aaron erkennt darin sein großes Talent. „Die Kunst sollen Andere machen“, meint er und lacht. Selbstverwirklichung ist für ihn etwas ganz und gar Kollektives. „Man wächst aneinander und miteinander. Kunst und insbesondere Musik als Erlebnis hat das Potenzial, diese Prozesse zu intensivieren und zu beschleunigen.“

Nebenbei studiert Aaron Soziologie und Philosophie, sechs Semester in fünf Jahren. Kann das gut gehen? „Es gab einfach so viel anderes, was ich tun wollte. Wahrscheinlich bräuchte ich drei Visitenkarten, wenn nicht noch mehr“, sagt der Münchner. Er sucht und nutzt nicht nur vorübergehend leer stehende Häuser oder Hallen, er hat auch Ausstellungen wie die ArtMuc mit kuratiert, als Monteur auf Messen gearbeitet und ein großes Festival in seinem Heimatort aus dem Boden gestampft.

Freistehende Flächen in einer Stadt wie München für Kunst zu gewinnen, ist alles andere als leicht, die Erfahrung musste auch Aaron schon oft machen. Ein Grund, dieser Stadt den Rücken zu kehren, sei das aber noch lange nicht, im Gegenteil: „Gerade deshalb ist diese Stadt der beste Ort, um sich an alternativen Projekten zu versuchen“, sagt Aaron voller Überzeugung. „Das Durchhaltevermögen macht sich umso mehr bezahlt.“ Und wenn Aaron aufzählt, wie viele DJs und Hip-Hop-Produzenten er in den Münchner Clubs entdeckte, lächelt er mit bübischer Freude.

Beim Herzensprojekt der Schallvagabunden aber stellte sich der Erfolg fast von selbst ein. Das „Midsommar“-Festival ist einem alten skandinavischen Brauch nachempfunden, Aaron zündet dann auf einer Wiese in seiner Heimatgemeinde immer ein großes Sonnwendfeuer an. Irgendwann gab es eine ganze Reihe Konzerte und elektronische Musik zum Tanzen dazu. „Das ist ganz von allein gewachsen“, meint Aaron. Besonders schön sei es für ihn zu sehen, dass sich das Gemeinschaftsgefühl über die Jahre erhalten habe. „Weil die Leute von der ersten Stunde alle noch dabei sind und alle sich immer so respektvoll verhalten haben.“ Vor zwei Jahren kamen knapp tausend Menschen, die Münchner Band „Matija“ spielte als Headliner. Aaron dachte noch immer nicht daran, die Feier als Veranstaltung anzumelden. Zurück blieben einige Tage später höchstens ein paar Zigarettenstummel. Die Besucher hätten richtige Putztrupps gebildet. „Die Menschen spüren, dass wir das alle ohne Interesse am Geldverdienen machen. Da kommt immer etwas zurück“, sagt Aaron.

In diesem Jahr wird er seinen „Midsommar“ zum ersten Mal anmelden.  „Es gab nie Probleme mit Anwohnern“, sagt Liselotte Oberauer, die für die Gemeinde Unterreit die Gespräche mit Aaron führte. Das „verantwortungsbewusste Gesamtkonzept“ Aarons habe sie und andere Vertreter der Gemeinde schnell überzeugt. „Er hat das alles sehr seriös durchdacht. Und so eine Veranstaltung bringt viel Dynamik in unsere Gemeinde“, so Oberauer.

Aarons Wirken wird in Unterreit wertgeschätzt. Es geht ihm vor allem um Arbeit für die Gemeinschaft und Wertschätzung ehrenamtlichen Engagements. Und in der Landeshauptstadt? Wenn alles klappt, wird auch hier noch viel vom Langzeitstudenten Aaron zu hören sein. „Wir planen gerade Einiges daheim in München“, kündigt er an.

Die Schallvagabunden stehen kurz davor, ein leer stehendes Fabrikgebäude im Osten Münchens gestalten zu dürfen. Für Partys, Workshops, Proberäume, Co-Working. Freie Flächen für freie Kunst. In München. Einer Stadt, in der selbst das Recht zum Wohnen zum Privileg zu verkommen droht. Aaron macht sich da aber keine Sorgen. „Man findet immer einen Weg.“

Wenn Aaron solche Sätze spricht, dann versteht man, wieso er sich so gerne als rational denkender Motor einer alternativen Bewegung sieht. Er ist kein Mensch, der blind mit dem Kopf durch Wände zu preschen versucht. Der aber immer daran gearbeitet hat, seine Ziele und Ideale zu verwirklichen. Und damit Erfolg hat.

An Plänen fehlt es dem 26-Jährigen nicht: die Schallvagabunden möchte er in der Münchner Szene weiter aufbauen, als Künstlerkollektiv, Konzertveranstalter, Equipment-Verleih und Musiklabel. Für die kommende ArtMuc auf der Praterinsel werden die Schallvagabunden ein musikalisches Rahmenprogramm beisteuern. Ob es da nicht langsam Zeit für die ersten Visitenkarten sei? Aaron schmunzelt. „Wir werden schon sehen“. Ein Satz, der bei ihm nur Gutes verheißen lässt.

Text: Louis Seibert

Foto: Robert Haas

Eine Show mit vielen Höhepunkten

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Beim Festival „Sound Of Munich Now“ feiert sich die Szene – und zeigt, wie spannend Musik in München sein kann.

Die Mieten für Proberäume sind hoch. Die Zahl möglicher Spielstätten sind überschaubar. Aber Musik möchten sie trotzdem machen. Sie müssen Musik machen, Musik, um damit Menschen zu erreichen. „Wir haben dieselben Ziele, wir kommen nur von unterschiedlichen Orten“, sagt Adrian Lo, Singer-Songwriter aus Hongkong. Zum ersten Mal in der Geschichte des Festivals „Sound Of Munich Now“, das das Feierwerk und die Süddeutsche Zeitung seit nunmehr neun Jahren veranstalten, stehen – neben 31 Bands aus München, Erlangen und Traunstein sowie 14 VJs und DJs – zwei internationale Bands auf der Bühne und präsentieren zuvor in einer Gesprächsrunde, was den Sound Of Hongkong prägt, welche Möglichkeiten, aber auch Schwierigkeiten Musiker dort haben.

Im Backstagebereich sitzen am Samstagnachmittag Musiker von TFVSJS und Ni Sala zusammen und tauschen sich aus, am Sonntag jammen sie sogar gemeinsam im Proberaum. Der Singer-Songwriter Adrian Lo holt sich Tipps von Cornelia Breinbauer, Sängerin von Tiger Tiger. Ganz angetan ist Adrian Lo von der kulturellen und musikalischen Diversität Münchens, die er tagsüber bei Spaziergängen und jetzt natürlich auf der Veranstaltung wahrnimmt. Er merkt an, dass es am Ende ja nicht um gutes Marketing ginge. „Wenn Menschen deine Musik mögen, dann mögen sie deine Musik“, sagt er und verweist auf die Traunsteiner Band Heischneida, die mit Bläsersatz in feinster Ska-Manier und bayerischem Dialekt das Publikum in der Kranhalle zum Hüpfen bringt.

Ähnliches ist auch nebenan im Hansa 39 zu beobachten. Hier eröffnet der Münchner Kneipenchor unter Leitung von Jens Junker die Münchner Bühne, zum ersten Mal live unterstützt von der Trommelgruppe „Drummer Dama“. Mit Bier in der Hand und einem beeindruckenden Sousaphon im Rücken zeigen die gut 50 Sänger, dass selbst Paul Kalkbrenners Technohymne „Sky and Sand“ nicht vor ihnen sicher ist – das Publikum tobt. „Das Tolle an diesem Festival ist die außergewöhnlich schöne Stimmung. So viele Bands treffen sich – zum Kennenlernen, austauschen, Spaß haben und das Genre unabhängig“, sagt Julia Viechtl, vormals selbst Musikerin bei der Band Fertig, los! und nun bei der Fachstelle Pop dafür zuständig, dass aufstrebende junge Musiker die Förderung erfahren, die sie brauchen. „Pop kommt ja nicht von populär, sondern von popular“, sagt sie, „man muss sich deshalb vergegenwärtigen, was diese Musik alles leistet. Sie ist so nah dran an den Menschen, setzt sich mit der Gesellschaft auseinander.“

Wie nah die Musik beim Sound Of Munich Now tatsächlich an den Menschen ist, offenbart sich schon bald und zieht sich wie ein roter Faden durch den Abend. Um 20.40 Uhr versammeln sich ungewöhnlich viele Leute vor dem Festivaleingang, freiwillig strömen sie hinaus in die Kälte und stehen bibbernd dicht aneinander gedrückt – mit breitem Grinsen im Gesicht. Ein unerwarteter Höhepunkt hat sich soeben ergeben, keiner möchte es verpassen: Der Münchner Kneipenchor stimmt noch einmal zur Spontaneinlage an, in Reih und Glied aufgestellt, doch anders als zuvor auf der Konzertbühne diesmal in dicke Daunenjacken verpackt und mit bunten Mützen auf den Köpfen. Es schallt „Bologna“ der Wiener Band Wanda durch die Nacht und alle singen mit, natürlich auch das Publikum.

Der Abend ist dort angekommen, wo er hinwollte: in einem gemütlichen und fröhlichen Beisammensein, das die Musik feiert. Das zeigt sich in vielen kleinen und besonderen Momenten. Zum Beispiel, wenn Marie Bothmer, aufstrebender Stern am Pop-Himmel, ihr Set umstellt, so angetan ist sie von der Stimmung im Raum. Statt des vorgesehen melancholischen Songs spielt sie ein Cover, „Toxic“ von Britney Spears. Oder wenn das Publikum hartnäckig eine Zugabe von Swango fordert, weil es so begeistert ist von der besonderen Mischung aus Rap und Stepptanz-Percussion – schon beim Soundcheck sind unzählige Handyvideos gedreht worden, die vielleicht gerade in China viral gehen. Oder wenn Sportfreunde Stiller-Manager Marc Liebscher beim Auftritt von Todeskommando Atomsturm sein Liebe für Punkrock entdeckt.

Währenddessen versammeln sich mehr und mehr Musikliebhaber, um noch eines der begehrten Festivalbändchen zu ergattern, die Schlange vor dem Einlass wird immer länger. Für viele ist es das erste Mal auf dieser Veranstaltung, so wie bei Michael. Obwohl er bereits seit drei Jahren in München lebt, hat er es noch nicht zum „Sound Of Munich Now“ geschafft. Er ist wegen Rey Lenon gekommen. Auch Michael ist Musiker, teilt sich einen Proberaum mit Blue Haze und der Lischkapelle. Auch sie stehen an diesem Abend auf der Bühne. „Ich finde das Angebot toll, ich wollte mir ein Bild davon machen“, sagt er. Lange hat er in Regensburg Musik gemacht, jetzt stellt er mit Blick auf München fest: „Die Vernetzungsmöglichkeiten sind da, wenn man sie wahrnimmt.“

Kilian Unger alias Liann kann nur zustimmen: „Wenn du oft genug spielst, kommst du mit den Leuten in Kontakt.“ Doch von dem Ziel, einmal von der Musik leben zu können, ist er noch weit entfernt und deshalb auf Leute angewiesen, die ihn professionell unterstützen, ohne „viel Geld zu kriegen“. Warum sie das machen? „Weil sie’s feiern und mich einfach gut finden.“ Die Szene ist ja da in München, sie ist offen und lebendig.

Auch am Abend zuvor, beim Sound Of Munich Now Electronica, kann man das feststellen. Untermalt von stimmigen, bunten Visuals, immer passend auf die Musik zugeschnitten, ist die Kranhalle voll mit Tanzwütigen, die zu Sets von Sam Goku oder COEO feiern. Die Electronica-Künstler tun sich mit der Stadt da sogar etwas leichter, auf teure Proberäume sind sie nicht angewiesen, um ihre Musik zu produzieren. Und der Erfolg gibt ihnen Recht. Doch eines wird deutlich: Junge Musiker, ob Bands oder DJs auf Leute angewiesen, die an sie glauben und sie über bis an die eigene Schmerzgrenze unterstützen. Weil sie Musik lieben. In München. In Hongkong. Überall.

Das Konzert zum Nachhören gibt es unter sz.de/somn17 und hier alle Eindrücke in einer Bildergalerie.

Text: Yvonne Gross

Foto: Johannes Simon

München und mehr

Ein erster Ausblick auf das „Sound Of Munich Now“-Festival im Herbst – diesmal mit drei weiteren Städte-Bühnen.

München – Sicherlich, München ist nicht Berlin, aber das Festival „Sound of Munich Now“ ist ein Beweis dafür, dass München den Vergleich mit der Bundeshauptstadt auch gar nicht nötig hat, denn die Stadt im Süden hat einen völlig eigenen Klang und einiges zu bieten, was Musik und Innovation, Erfolg und Kreativität anbelangt. 153 unterschiedliche Münchner Bands haben bei diesem Festival bereits gespielt – und dieses Jahr bei der neunten Auflage kommen 21 weitere dazu. 174 Münchner Bands, alleine diese Zahl ist schon beachtlich – das Festival bringt in diesem Jahr aber noch weitere Überraschungen. Hier ein erster Ausblick auf das Festival, das seit neun Jahren das Feierwerk und die Süddeutsche Zeitung veranstalten.

Zwei Abende lang wird wieder der Frage nachgegangen, wie München klingt. Jetzt. Im Jahr 2017. Die Prämisse für diese Frage ist dabei zum neunten Mal die gleiche, und zwar in Form der Regel, dass keine der auftretenden Bands zuvor schon einmal auf diesem Festival gespielt haben darf. Der Kunst oder der Musik Regeln setzen zu wollen, könnte als paradox bezeichnet werden, allerdings kann diese Voraussetzung zum einen als gewisser Stolz interpretiert werden, auf das, was musikalisch so passiert in der bayerischen Hauptstadt. Zum anderen steht sie jedoch auch für eine Messlatte und den Anspruch der Veranstalter. Denn die Folge ist ja logischerweise, dass im Vorfeld des Festivals jedes Jahr aufs Neue um die 20 Münchner Bands gefunden werden müssen, die vielversprechend, divers und gut genug sind, um die Hansa 39 zu füllen und dann auch die Zuhörer für jeweils 15 Minuten unterhalten zu können.

In den vergangenen Jahren standen mittlerweile etablierte und erfolgreiche Künstler wie Occupanther, Me & Marie, Jesper Munk und Die Sauna auf dem „Sound of Munich Now“ noch ganz am Anfang ihrer musikalischen Karriere. Auch 2017 verspricht spannend zu werden, für alle mit Interesse an der jungen Münchner Bandszene. Aber auch für den, der einfach nur ein Wochenende lang frische Musik hören will, ist das Feierwerk am 10. und 11. November sicherlich die richtige Adresse, denn der Klang von München ist nach wie vor einiges: bunt, abenteuerlich, innovativ, laut, leise, gefühlvoll, ironisch, deutsch, englisch und vieles mehr.

Vielversprechend und erfolgreich, und damit vielleicht so etwas wie ein zugegebenermaßen sehr poppiges Aushängeschild ist dieses Jahr Marie Bothmer. Die 21-jährige Singer-Songwriterin steuerte den Song „Es braucht Zeit“ zum Soundtrack von Cros Film „Unsere Zeit ist jetzt“ bei, der auf Spotify mittlerweile beinahe eine Millionen Mal gehört wurde. Interessant ist, dass Marie Bothmer nur die Spitze des diesjährigen Trends zu sein scheint, vermehrt in deutscher Sprache zu singen. Sowohl der noch jüngere Paul Kowol, 20, als auch Körner und Liann tun das. In gewisser AnnenMayKantereit-Tradition handeln die Lieder dieser jungen Menschen von Liebe, Enttäuschung, Herausforderungen und vor allem den kleinen Dingen, die vielleicht banal erscheinen, den Alltag zugleich aber irgendwie bemerkenswert machen. „Wenn du willst, dann ist es heute noch fast gestern und bis morgen muss noch ganz viel Zeit vergehen“, singt etwa Liann. Das ist große Songwriter-Kunst, ohne auf die Tränendrüse zu drücken.

Auf Englisch – logischerweise, weil das seine Muttersprache ist – aber ebenso authentisch und ehrlich tritt Jordan Prince auf, während Lux & Tom Doolie & Cap Kendricks oder auch Grasime völlig andere Töne anschlagen und damit zeigen, dass München auch Platz hat für innovativen Hip-Hop, der auf Plattitüden verzichtet und stattdessen auf nachdenkliche, durchaus kritische Texte, hypnotische Samples, Basslinien und Drumloops setzt. Wieder sehr anders, sehr punkig und laut wird es mit Lester, rockig, bluesig hingegen mit Ni Sala und treibend poppig mit Matija und fast schon sphärisch mit Tiger Tiger und Blue Haze – an sich verspricht jede der 21 Bands, der Höhepunkt des Abends zu sein.

Auch in diesem Jahr bekommt der „Sound of Munich Now Electronica“ eine Bühne. DJ und Blogger Moritz Butschek hat folgende Electro-Künstler für das Festival ausgewählt: Am Freitagabend spielen COEO, Lena Bart, Muun, Sam Goku, Natanael Megersa und An Wii. Moritz Butschek selbst wird am Samstag bei der Aftershow-Party auflegen.

In München ist man allerdings auch bereit, über den eigenen Tellerrand und die eigenen Stadtgrenzen hinauszublicken. Nachdem es im vergangenen Jahr zum ersten Mal einen „Sound of Regensburg Now” sowie einen „Sound of Augsburg Now” gab, werden 2017 die Städte Erlangen (zum Beispiel mit Angiz mit schnellen, mitreißenden Melodien und ironischen Texten) und Traunstein (etwa mit dem verträumt langsamen, elektronischen Indie-Sound von Allaendnorth) vertreten sein.

Völlig neu ist der Ablauf des ersten Abends: auf dem Festival werden erstmals internationale Bands beim „Sound Of Hongkong Now“ vertreten sein.
Sowohl TFVSJS als auch Adrian Lo kommen aus China angereist. Bei TFVSJS handelt es sich um eine fünfköpfige, instrumentelle Postrockband, deren Mitglieder nicht nur Meister ihrer Instrumente, sondern faszinierender Beats, Melodien und Rhythmen sind. Der Musiker und Filmemacher Adrian Lo komponiert eher melancholische, aber musikalisch vielschichtige Stücke, die zum Träumen und Nachdenken anregen. 

Text: Theresa Parstorfer

Collage: Dennis Schmidt

Neuland: Hofbräuhaus Festival

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Vielleicht mag das Münchner Hofbräuhaus manchmal ein wenig vom Touristen-Klischee belastet sein. Die Gaststätte kann aber so einiges mehr, zum Beispiel Festivals feiern.

Im Hofbräuhaus kann der Tourist zum ersten Mal in den Genuss von Schweinshaxn kommen. Hier werden unzählige Selfies geschossen und erschreckend viele Liter Bier konsumiert. Aber das Hofbräuhaus kann viel mehr, als nur eine Touristenattraktion sein. „Hier wird eine Menge Livemusik gespielt. Bis zu 40 Musiker treten täglich im berühmtesten Wirtshaus der Welt auf. Dieser kulturelle Aspekt geht leider viel zu oft unter“, erklärt Matthias Pürner, Musiker der Band Lischkapelle. Deshalb hat sich der 26-Jährige bereit erklärt, die Planung vom „Hofbräuhaus Festival“, das im Herbst stattfinden wird, mitzugestalten. „Die Initiative geht vom Hofbräuhaus selbst aus. Für mich ist die Veranstaltung aber eine Herzensangelegenheit. Bei diesem Festival soll gezeigt werden, wie vielfältig bayrische Musik sein kann“, sagt Matthias.

 

Link zur Facebook-Veranstaltung:

www.facebook.com/festivalhbh

 

 

Text: Anastasia Trenkler

Foto: Andreas Zitt