Lasst das Wilde raus
Jasmin Breidenbach

Lasst das Wilde raus

Hochglanzillustrierte wollen meist immer nur weniger: weniger Körpermasse, weniger Cellulite, weniger Essen. Lena Augustin, 27, und ihre Mitbewohnerin Nina Andre, 26, bringen jetzt ein etwas anderes Frauenmagazin heraus.

Von Lena Bammert

Lena Augustin, 27, sitzt auf der Holzbank in ihrer Wohnküche im Stadtteil Sendling-Westpark, eine Tasse Kräutertee in der Hand. Sie trägt Jeans, ein lockeres Oberteil und ein Nasenpiercing. Sie sagt: „Ich wusste lange nicht, wer ich bin. Irgendwann habe ich gemerkt: Es fühlt sich so viel schöner an, wenn man sich selber akzeptiert. Wenn man in seiner Kraft ist, wenn man das Wilde rauslässt.“ Lena sagt das mit einer nachdrücklichen, kräftigen und selbstbewussten Stimme.

Es gab aber auch eine Zeit, da war das Wildeste in Lenas Leben ein sogenanntes Vakuumlaufband in einem Fitnessstudio in ihrer Heimat im Bayerischen Wald. Auf dem Laufband trainierte sie regelmäßig, blätterte dabei in den Frauenzeitschriften Jolie, Joy und anderen Hochglanzheften, verglich sich mit den dort abgebildeten Frauen und dachte sich: „Ich muss noch schneller laufen, außerdem zehn Kilo weniger haben. Und Kohlenhydrate gibt es ab jetzt auch keine mehr.“

Damals arbeitete sie noch in der örtlichen Sparkasse und gab nach eigenen Angaben ihr ganzes Geld für High Heels und Taschen aus. Seitdem hat sich viel verändert, der Oberpfälzer Dialekt ist geblieben.

Heute geht Lena lieber auf Kräuterwanderungen als ins Fitnessstudio. Der Job als Bankkauffrau ist gekündigt. Lena ist heute selbständige Kommunikationsdesignerin, backt ihr eigenes Brot und besucht gerne Festivals. Auf ihrem Esstisch liegt auch nicht mehr die Joy oder die Jolie, sondern die Amazonen. Ihr Abschlussprojekt an der Designschule München: „ein Printmagazin, das Frauen verbindet – weg von Konkurrenz, weg von Mangel, weg von Schönheitsidealen, hin zu Fülle und hin zur Unterstützung.“

Zwischen damals und heute liegen ein schlimmes Beziehungsende, ein einwöchiger Krankenhausaufenthalt, ein Studium an der Designschule München sowie mehrere Jahre Auslandsaufenthalte – Australien, Vietnam, Bali. Eine Zeit, in der Lena, wie sie sagt, ihre Balance und sich selbst gefunden hat. Ein Selbst, das ihr nach ihrem Beziehungsende erst einmal verloren gegangen war: „Ich bin danach in ein richtiges Loch gefallen. Meine Periode ist ausgeblieben. Ich hatte Albträume. Mir ging es richtig schlecht. Ich musste dann einfach weg. Weg von der Familie, weg vom Job.“

Neun Monate verbrachte Lena damals in Australien. Arbeitete, reiste, besuchte Festivals, lernte Menschen kennen und fand irgendwann wieder zu sich – umgeben von Natur, inmitten von Frauen, die ganz anders waren als die Frauen in den Magazinen, in denen sie seit ihrer Jugend so gern blätterte. Frauen, die sich eben nicht untereinander verglichen, sondern sich vertrauten, sich an den Händen hielten und sich gegenseitig von ihren Problemen erzählten. Lena fand ein zufriedenes, ein starkes Selbst, ein Selbst, das so eigentlich noch nie da war.

Innerhalb von acht Wochen interviewte und fotografierte Lena für ihr Amazonen-Magazin verschiedenste Frauen, suchte Autorinnen, gestaltete die Typografie, wählte das Papier aus. Entstanden sind mehr als 100 Seiten, auf denen Frauen ihre ganz eigenen, intimen Geschichten erzählen. Felicitas Kirgis schreibt zum Beispiel über den Moment in ihrem Leben, in dem sie sich dazu entschied, ihren Freund nach 14 Jahren Beziehung und einer gemeinsamen Tochter zu verlassen. Marjan Kamali erzählt, wie sie selbst lernen musste, dass das Tragen eines Hijabs nicht nur Zwang, sondern auch Selbstbestimmtheit und Glaubenszugehörigkeit bedeuten kann.

Nina Andre, 26, die Mitbewohnerin von Lena, hat ebenfalls einen Artikel geschrieben, „Brust raus, Bauch rein!“ heißt er. Auf dem dazugehörigen Foto sitzt sie entspannt auf einer Treppe, die Hände sind auf den Knien gefaltet, grauer Pulli, graue Mütze, sie lächelt leicht, blickt herausfordernd in die Kamera. Nina kommt ursprünglich aus Pfaffenhofen an der Ilm, für ihr Studium ist sie vor fünf Jahren nach München gezogen, ihren Bachelor in Geowissenschaften hat sie abgeschlossen, mittlerweile studiert sie an der TU München Sustainable Resource Management. Nina erzählt ruhig, aber bestimmt von ihren ebenfalls prägenden Erfahrungen mit herkömmlichen Hochglanzmagazinen, die immer nur weniger wollten – weniger Körpermasse, weniger Cellulite, weniger Essen: „Im Nachhinein ist der schlimmste Gedanke, den ich immer hatte, dass ich genau so aussehen muss, damit ich geliebt werde. Dass ich erst dann das Recht auf einen Partner oder eine Partnerin habe, wenn ich ein bestimmtes Aussehen habe.“

Lena und Nina haben sich bei der Arbeit in einer Kaffeebar kennengelernt. Die beiden bezeichnen ihr Kennenlernen als „Liebe auf den ersten Blick“. Ein Paar sind sie trotzdem nicht – auch wenn sie öfter dafür gehalten werden und auch wenn sie manchmal ihre Gedankengänge füreinander weiterführen oder beenden. Nina sagt über Lena: „Ich habe einfach gemerkt, mir geht es immer sehr gut, wenn wir Zeit miteinander verbringen. Wir haben schon immer super offen und ehrlich miteinander gesprochen.“ Und auch Lena erzählt: „Wir unterhalten uns wirklich fast über alles, wir wissen die intimsten Sachen übereinander.“ Über das, was Nina im Amazonen-Magazin dann schlussendlich schrieb, wusste aber auch Lena noch nicht Bescheid: „Sie hat mir dann das erste Mal erzählt, dass sie unter ihren ungleich großen Brüsten leidet. Genau darum soll es gehen. Da entsteht dann ein ehrlicher Austausch und eine Verbundenheit, die in dem Moment einfach heilt.“

Wegen solcher Momente haben die beiden beschlossen, das Amazonen-Magazin, das als Abschlussarbeit von Lena begann, ernsthaft weiterzuführen. Auf startnext.de existiert eine Crowdfunding-Kampagne, um den Druck der ersten Ausgabe zu finanzieren. Bald soll es auch einen Online-Shop auf ihrer Webseite www.amazongenmagazin.de geben, in dem Exemplare bestellt werden können. Felicitas Kirgis, Martina Farago und Magdalena Neumeier unterstützen die beiden dabei in der Organisation, bei Marketing und Redaktion.

Neben dem Magazin wollen die Münchnerinnen auch Veranstaltungen organisieren. Frauenkreisen, in denen Frauen zusammen lernen, wieder mehr zu sein, in denen Frauen gezeigt wird, dass sie mit all ihren Problemen und vermeintlichen Problemzonen weder allein noch unvollständig, sondern genau richtig sind. Gemeinsame Treffen, in denen innerliche Leerstellen wieder gefüllt werden, mit verschiedenen Geschichten, mit der Präsenz von unterschiedlich aussehenden Körpern, Gesichtern und Frauen – und ohne Vakuumlaufband.