Der neue Vibe

Im Frühjahr hat sich das Kollektiv „Free Mind Monaco“ gegründet. Erlaubt ist alles, alle unterstützen sich gegenseitig. Das Ziel der 25 jungen Mitstreiter ist es, München wieder für junge Kultur und Kunst zu begeistern

Von Anastasia Trenkler

Luis Weiland sitzt an einem kleinen Tisch im hinteren Teil der Paris Bar. Er hält einen Pinsel in der linken Hand und betrachtet kritisch sein Werk. Erst nach einigen Sekunden malt er weiter, zieht gelbe Linien über das Blatt Papier. Damit die Zuschauer im Raum den Entstehungsprozess verfolgen können, hat der 20-Jährige eine Live-Projektion installiert. An einer der sonst recht kahlen Wände ist nun Luis’ Malerei zu sehen. Neben dem jungen Künstler sitzen Joel Selon, 21, und Leon Roithmaier, 20, an den Mikros. Joel singt, Leon rappt und begleitet all das auf seiner Gitarre.

Die drei Gründer des Künstlerkollektivs „Free Mind Monaco“ haben an einem Donnerstagabend zu einer Live-Performance geladen. „Es geht darum, unterschiedliche Kunstformen zu kombinieren. Wir haben das noch nie gemacht und wollten ausprobieren, wie man Malerei und Musik zusammenbringen kann“, erklärt Luis. Nach diesem Prinzip gestaltet das Kollektiv auch alle anderen Projekte. Kunstformen werden vermischt und nach Belieben kombiniert. Die Zusammensetzung der Gruppe wechselt ständig, je nachdem, wer und was gerade gebraucht wird. „Wir haben Leute, die in der Graffiti-Szene verankert sind, andere schneiden Videos oder bauen Beats“, sagt Luis. Die meisten sind Anfang zwanzig, haben vor ein bis zwei Jahren die Schule beendet.

Kreative Freigeister: Luis Weiland, Joel Selon und Leon Roithmaier (von links) haben in diesem Jahr das junge Künstlerkollektiv Free Mind Monaco gegründet. Ihnen geht es um Freiraum für München. Foto: Gabriel Korbinian Hahn

Die Mitglieder von „Free Mind Monaco“ unterscheiden sich auch äußerlich teils stark voneinander. Ist es bei anderen Kollektiven üblich, dass ihre Mitglieder uniformiert auftreten, so spielt das bei „Free Mind Monaco“ keine Rolle. Da sitzt der Mädchenschwarm neben dem introvertierten Künstler, der gerade mit der Graffiti-Sprayerin in Jogginghose spricht. Das äußerliche Auftreten und die Art der Kunst können variieren. Was ist es also, das diese Gruppe zusammen hält?

„Vielleicht ist es
an anderen Orten einfacher,
sein Ding zu machen.“

„Jeder trägt seinen Teil bei. Man unterstützt sich gegenseitig und macht gemeinsame Sache. Uns verbindet dasselbe Gefühl, derselbe Vibe“, erklärt Leon. Derselbe Vibe – eine Formulierung, die die Mitglieder von „Free Mind Monaco“ ständig verwenden. Beinahe jedes Kollektivmitglied spricht von diesem besonderen Gefühl, das alle verbindet. Dieser Vibe war ausschlaggebend dafür, dass Leon seine Idee von einem Künstlerkollektiv im vergangenen April mit Luis teilte. „Wir hatten uns gerade erst kennengelernt. Da saßen wir abends zusammen und ich hatte so eine Art Impuls. Luis schien mir der Richtige zu sein, um gemeinsam das Kollektiv aufzubauen“, sagt Leon.

Seitdem sind etwa 25 Künstler Mitglieder von „Free Mind Monaco“. Jeder bekommt die Möglichkeit, sich einzubringen. Man gibt sich gegenseitig Feedback und unterstützt sich bei der Umsetzung von Projekten. Obwohl es das Kollektiv erst seit wenigen Monaten gibt, hatten einige Musiker bereits Auftritte in unterschiedlichen Locations der Stadt. Luis stellte gemeinsam mit anderen Künstlern seine Arbeiten bei dem Raumexperiment „5000 Zimmer Küche Bad“ aus. In Zukunft ist eine eigene Veranstaltungsreihe geplant.

„Bei uns ist
sich keiner für den
anderen zu schade.“

„Nach der Gründung haben wir jeden Freitag neue Leute zu Jams eingeladen. Jeder hat jemanden dazu geholt, der Bock hatte mitzumachen. So wurden es immer mehr“, sagt Leon. Der 20-Jährige redet schnell und euphorisch. Luis wirkt dagegen sehr ruhig und gelassen. Der Maler überlässt gerne anderen das Sprechen. Das ergänzt sich gut.
Schon als Kind konnte Luis sich für Kunst begeistern. „Meine Mutter ist Architektin und zu Hause lagen oft unterschiedliche Muster und Skizzen herum. Als kleiner Junge habe ich mir dann immer Teile rausgepickt und meine eigenen Sachen daraus gemacht“, erzählt er. Der 20-Jährige gestaltet CD-Cover für „Free Mind Monaco“ und ist für den Schnitt der Videos verantwortlich. In den kommenden Jahren möchte er sich an der Kunst-Akademie in München bewerben, gerade steckt er noch all seine Zeit in „Free Mind Monaco“.

In den kommenden Monaten soll das erste Album des Kollektivs erscheinen. Bisher sind erst einige wenige Songs der Künstler auf unterschiedlichen Streaming-Plattformen zu finden. „Auf dem Album sind sieben Tracks von insgesamt zwölf Künstlern“, erklärt Leon. „Wir waren alle gemeinsam in Berlin, wo wir an dem Album gearbeitet haben. Das war eine Hammer-Zeit.“ Die Platte trägt den Namen des Entstehungsorts: Berlin. Die Stadt gefalle den Künstlern, dennoch sei München etwas ganz besonderes. „Ich bin hier aufgewachsen. München ist eine wunderschöne Stadt. Vielleicht ist es an anderen Orten einfacher, sein Ding zu machen. Dennoch würde ich hier so schnell nicht wegziehen. Mein Anliegen ist, München wieder für junge Kultur und Kunst zu begeistern“, sagt Leon. Als Kind hat er Schlagzeug und Gitarre gelernt. Die Musik habe ihm sehr geholfen. Früher sei er noch schüchtern gewesen und seine Musik noch ganz anders. Heute macht Leon Rap. Auf dem Instagram-Account des Kollektivs sind einige seiner Free-Style-Sessions zu sehen. Anders als viele Gleichaltrige vertritt Leon einen Hip-Hop-Gedanken, der oldschool erscheint. Während im Mainstream-Rap scheinbar nur von dicken Karren, Drogen und hübschen Frauen die Rede ist, steht für Leon der Gedanke von Gemeinschaft und gegenseitiger Unterstützung immer an erster Stelle. „Bei uns darf jeder mitmachen, der Bock hat. Dabei ist Charakter wichtiger als Talent. Wenn jemand richtig gut ist, aber sich nicht für die Gruppe ins Zeug legt und egoistisch handelt, dann ist er hier falsch. Bei uns ist sich keiner für den anderen zu schade“, sagt er.

„Die Stadt
unterstützt Subkultur
zu wenig.“

Ähnlich sieht das auch Caro Yard. Die 19-Jährige ist Graffiti-Künstlerin und ein „Freemind“ seit den Anfängen. „Gerade in München ist es wichtig, sich als Kreative gegenseitig zu unterstützten. Wir Spayer haben zum Beispiel immer weniger Platz für unsere Arbeiten. Die Stadt unterstützt Subkultur zu wenig“, sagt Caro. Deswegen sei es wichtig, dass man sich gegenseitig hilft. „Das Kollektiv ist eine gute Sache. Wir machen alle unterschiedliche Dinge und dennoch teilen wir denselben Vibe.“

Da ist er wieder, der immer gleiche Satz, der Gedanke, der alle zusammen bringt. Auf ihren Sneakern sind viele bunte Flecken. Caro sprüht im Viehhof. Dort war vor einiger Zeit auch der Schriftzug „Free Mind Monaco“ zu sehen. Das Kollektiv hat Fotos davon auf Instagram geteilt. „Es gibt zu wenig Plätze in München, wo man legal seine Sache machen kann.“ In ihrer Freizeit hört sie viel Rap, natürlich.

Zurück in der Bar. Joel beginnt mit einem ruhigen Ed-Sheeran-Cover. Seine eigenen Songs gehen aber in Richtung R ’n’ B. Sie enthalten Rap-Elemente, wenn auch nicht im klassischen Sinne. Zusammen mit Leon und Luis schafft er ein Wechselspiel aus unterschiedlichen Genres kombiniert mit Malerei. Caro sitzt nach der Pause auch wieder im Publikum und wippt mit beiden Beinen im Takt.

So unterschiedlich die jungen Künstler auch sein mögen, sie alle haben große Ziele. Sie wollen für ihre Arbeit respektiert werden, später einmal auf wichtigen Bühnen stehen und andere auf ihrem Weg unterstützen. Selbstzweifel scheinen sie keine zu kennen. „Vielleicht mag so etwas für viele Menschen naiv klingen, aber ein gewisser Übermut gehört nun mal dazu. Wer soll denn sonst an dich glauben, wenn nicht du selbst“, sagt Leon. „Denn wenn nichts daraus wird, dann haben wir eine verdammt gute Zeit gehabt. Das kann uns keiner nehmen“, fügt Luis hinzu.

Zeichnung Titelbild: Luis Weiland