Von Freitag bis Freitag München: Unterwegs mit Aylin

Ein verlängertes Wochenende, ein Brückentag, ein Fenstertag… Wie man es auch nennen mag, am Ende bedeuten die verschiedenen Ausdrücke auch nur das Gleiche: Endlich wieder eine dankbare Woche! Die besonders Schlauen haben dieses Geschenk des Himmels bereits seit Wochen im Visier und sich den Freitag freigenommen. So lässt es sich gleich noch entspannter in die nächsten 7 Tage voller Veranstaltungen starten.

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Neuland: Neue Freunde

Sänger Paul Kowol und Schauspielstudentin Anouk Elias schufen zu Pauls Song „Nie mehr nach Hause“ ein Musikvideo mit Anouk als Protagonistin. Kennengelernt haben sich die beiden bei der Ausstellung „10 im Quadrat Reloaded“ der SZ Jungen Leute Seite im März. Zusammen mit Pauls erster EP wird das Video am 21. September veröffentlicht.

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Studium menschlicher Facetten

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Wir porträtieren an dieser Stelle bis zur Vernissage alle 20
mitwirkenden KünstlerInnen unserer Ausstellung
“10 im Quadrat Reloaded”
 im Farbenladen – mal Fotograf, mal
Modell. Heute: Schauspielerin Anouk Elias.

Anouk Elias, geboren 1997, war schon immer theaterbegeistert.
Ihre Mutter ist freischaffende Schauspielerin und ihr Vater Synchronsprecher.
Doch dass sie das Schauspielern zu ihrem Beruf machen würde, weiß Anouk erst
seit einem Auslandsjahr in den USA. Dort hat sie in einem kleinen Vorort von
New York bei dem Musical „Evita“ mitgewirkt. „Da gab es einen Moment, da dachte
ich: Es bringt nichts, etwas anderes zu machen, weil mir Theater so viel Spaß
macht“, sagt Anouk. Während sie sich auf das Abitur vorbereitete, sprach sie
bereits an Schauspielschulen vor. An der Otto-Falckenberg-Schule wurde sie dann
angenommen und seit zwei Jahren studiert sie dort Schauspiel.

„Man kann auf der Bühne alles machen“, sagt Anouk. „Ich kann
lachen oder weinen, schimpfen und sogar morden – ohne Konsequenzen. Das finde
ich toll.“ Gleichzeitig kann die junge Frau sehr viel Psychologisches über Menschen herausfinden und auch Rückschlüsse
auf sich ziehen. Aus diesen Gründen fände es Anouk spannend, mal die Rolle der
„Hedda Gabler“ im gleichnamigen Stück zu spielen. „Hedda ist intrigant und macht
gute Miene zum bösen Spiel“, erklärt Anouk. „Sie ist jung und trotzdem
verbittert, hat schon viele Probleme. Es wäre ein Studium wert zu forschen, wer
Hedda ist.“

Auch bei den Shootings für die Ausstellung zeigte Anouk
unterschiedliche Seiten: „Dadurch dass jeder Fotograf andere Themen hatte und
auf andere Dinge Wert gelegt hat, war es natürlich, dass man bei jedem Shooting
ein bisschen anders war. Aber das passt, schließlich haben wir ja auch so viele
Facetten in uns.“

Text: Lena Schnelle

Foto: Nadja Ellinger

Theater ist überall

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Täglich porträtieren wir an dieser Stelle eine(n) der 20 mitwirkenden KünstlerInnen unserer “10 im Quadrat”-Ausstellung im Farbenladen – mal Fotograf, mal Modell. Heute: Schauspielerin Mona Vojacek Koper.

Mona Vojacek Koper wurde 1992 in Los Angeles (USA) geboren.
Sie wuchs in Los Angeles und Bremen auf. Ihre ersten schauspielerischen und
tänzerischen Erfahrungen sammelte sie bereits während ihrer Schulzeit im Jugendtheater
„Moks“ am Theater Bremen und beim „Steptext Dance Project“ im Tanztheater
Schwankhalle Bremen.

2013 begann sie ihr Schauspielstudium an der
Otto-Falckenberg-Schule in München, das sie im Sommer 2017 abschließen wird.
Während ihres Studiums wirkte sie bei mehreren Regiearbeiten mit, darunter als
Marianne in „Geschichten aus dem Wiener Wald“ (Regie: Henri Hüster) am
Schauspielhaus Hamburg und als Nina in „Eine Möwe“ (Regie: Stephanie van Batum)
am Münchner Volkstheater. Zudem entwickelte sie mehrere freie performative Projekte,
wie beispielsweise zwei interaktive Performances im öffentlichen Raum gemeinsam
mit Studienkollegin Henrike Commichau und eine performative Installation mit
Stephanie van Batum. Außerdem hat sie an den Münchner Kammerspielen in „Rocco
und seine Brüder“ unter der Regie von Simon Stone gespielt. Momentan ist sie in
der Abschlussinszenierung „DON’T WORRY BE YONCÉ“ von Stephanie van Batum an den
Münchner Kammerspielen zu sehen.

Text: Amelie Völker

Foto: Laura Zalenga

Zwischen Clown und Krankenhaus

Was es bedeutet, sich in München als junge Schauspielerin zu behaupten: Vera Flück, 23, und Mona Vojacek Koper, 24, sind begeistert von der Theaterlandschaft, fragen sich aber manchmal, ob ein sozialer Beruf nicht doch besser für sie wäre.

Auf der Bühne der Kammer 3 steht nur diese Tür. Mona Vojacek Koper tritt durch sie auf, wieder und wieder. Sie mimt in „Push Up 1 – 3“ eine Geschäftsfrau Ende 20: weiße Bluse, hohe Schuhe, Kaffee in der Hand. Anfangs versprüht diese Figur gute Laune, Professionalität, doch langsam wandelt sich Monas Spiel. Man merkt: Da steckt jemand fest in einer Lebenskrise. Einbauschränke und Einsamkeit, und das mit 28. Mit jedem neuen Auftreten durch die Tür steigert sich so der Grad der Verzweiflung. Als ihr Monolog zu Ende ist, bekommt Mona vom Münchner Publikum einen intensiven Applaus.

Dieses Vorspiel beim sogenannten Intendantenvorsprechen ist einige Monate her, im Sommer ist Mona fertig mit ihrer Ausbildung. Wie hat sie die Zeit in München als Schauspielstudentin erlebt? Und was bedeutet es, sich in dieser Stadt als junge Schauspielerin zu behaupten? Überall auf der Welt gibt es junge, talentierte Schauspieler mit großen Plänen und Visionen. Meist ist es ein kräftezehrender Kampf, bis es diese aufstrebenden Künstler so weit geschafft haben, dass sie ihr Leben ausschließlich vom Schauspiel finanzieren können. Bei kaum einem Beruf klaffen Anspruch und Wirklichkeit so weit auseinander wie hier. Wie verhält es sich damit in München? Hat man als junger Schauspieler hier vielleicht eher Existenzängste als anderswo? Und ist München generell eine attraktive Stadt für junge Künstler? 

Ein Treffen mit den beiden jungen Münchner Schauspielerinnen Vera Flück, 23, und Mona Vojacek Koper, 24 – beide Schauspielstudentinnen an der Otto-Falckenberg-Schule. Um sich ein genaueres Bild von den zwei Schauspielerinnen machen zu können, lohnt ein Blick in die jeweilige Zeit vor dem Schauspielstudium der beiden. Für Vera ist die Schauspielerei eine Art Lebenstraum. Seit sie denken kann, möchte sie in diesem Beruf arbeiten. „Ich war schon immer der Klassenclown und es war schon früh eine Leidenschaft von mir, Menschen zu beobachten und mir deren Welten zusammen zu spinnen“, sagt sie. Weil sie jedoch mit 15 schon mit der Schule fertig war, wollte sie zunächst etwas „Anständiges“ machen. Vielleicht auch etwas, auf das sie zurückgreifen kann, sollte es mit dem Lebenstraum Schauspiel nicht funktionieren? Vera absolvierte eine Ausbildung zur Krankenschwester in ihrer Heimat Bern und arbeitete auch eine Zeit lang in diesem Beruf. „Da lernt man Menschen unverblümt kennen, das empfinde ich als wichtige Erfahrung“, sagt sie. Der Schauspielberuf und das Krankenschwesterdasein – zwei Beschäftigungen, die sich nicht unbedingt ähnlich sind. Doch was sind hier die größten Differenzen bei den Arbeitsbedingungen? Neben den geregelten Arbeitszeiten, sei es insbesondere der Kontakt mit Menschen, den sie im Krankenhaus hatte, sagt Vera. „Da gab es eine größere soziale Komponente als beim Schauspiel. Ich habe dort gesehen, dass ich als Mensch etwas Gutes tue.“ Das sei ein Teil ihres Berufs gewesen, den sie zu Beginn des Schauspiel-Studiums zunächst vermisst habe, erinnert sich Vera. 

Bei Mona war es ganz anders. Sie entdeckte ihre Liebe zum Schauspiel erst später. „Als dann aber mein Wunsch entstanden ist, hatte ich eigentlich keinen Plan B. Ich dachte mir damals: Entweder das klappt jetzt, oder ich geh halt noch einmal auf Weltreise“, sagt Mona und lacht. Zunächst sei sie eher naiv und arglos an die Schauspielerei herangegangen. Erst im Laufe des Studiums habe es sich ihr erschlossen, was der Schauspiel-Beruf wirklich für sie bedeutet. Mona hat ursprünglich viel im Bereich Tanz gearbeitet. Das sieht man ihr auch an: Kerzengerade sitzt sie da, die Beine im Schneidersitz verschränkt. Hin und wieder dehnt und streckt sie ihre Arme. Noch während den Nachwirkungen einer schweren Knieverletzung hat sie sich 2013 an der Otto-Falckenberg-Schule beworben. Ging mit Krücken zum Vorsprechen. Und wurde genommen.

Trotz Passion und Traum-Berufsziel scheinen beide Frauen den Schauspielberuf auch hin und wieder zu hinterfragen. Mona gibt zu, dass sie sich manchmal die Frage nach dem Zweck und Nutzen des Berufs stellt. So habe sie gelegentlich auch Zweifel, ob das alles nicht zu „leer“ für sie sei. Dass ein sozialer Beruf nicht vielleicht doch der bessere Weg für sie wäre. In diesen Gedankengängen sind sich die beiden Münchnerinnen sehr ähnlich. „Ich frage mich manchmal, ob ich meine Energie nicht besser für etwas nutzen könnte, was Menschen direkter etwas bringt“, sagt auch Vera.

Trotz der Zweifel und den immer wiederkehrenden Existenzängsten sind Vera und Mona ihrem Ziel auf der Spur. Ein Beruf und ein Leben im – nicht immer einfachen – Kulturbereich und Theaterbetrieb. Sie wissen, worauf sie sich einlassen, und scheinen jegliche unrealistischen Träumereien hinsichtlich des Schauspielberufs abgelegt zu haben. Trotzdem – oder vielleicht auch gerade deshalb – sind sie ihrem Berufsziel treu geblieben. Sie brennen für die Bühne, wollen Dinge erreichen und anpacken. Denn ihnen ist klar, dass man mit Schauspiel im besten Falle Menschen auch berühren kann.

Wie steht es mit München? Kann man sich hier verwirklichen? „Mir ist München zu wenig bunt“, sagt Vera und meint damit insbesondere die Subkultur dieser Stadt. Außerdem hätten Vera und Mona anfangs Mühe gehabt, sich hier einzuleben. Was daran lag, dass das erste Bild, das beide von München hatten, größtenteils aus dem Flair der Maximilianstraße bestand – hier liegt die Otto-Falckenberg-Schule. Die Theaterlandschaft Münchens sei jedoch großartig, da sind sie sich auf Anhieb einig. Auch Leonard Hohm, 26, Schauspieler aus München, ist da gleicher Meinung: „München ist eine ganz tolle Stadt voller Möglichkeiten. Dass viele immer so drauf schimpfen, verstehe ich nicht. Zwar hat die Stadt einen anderen finanziellen Druck und kulturellen Anspruch, aber das alles kann auch dazu führen, seinen Arsch hoch zu bekommen. In München gibt es zwar weniger Leute in der freien Szene als in Berlin, aber dafür habe ich hier tausend Möglichkeiten, etwas auf die Beine zu stellen.“

„Im Gegensatz zu Berlin finde ich es in München schön, dass alles so übersichtlich ist“, sagt Mona. „Ich habe das Gefühl, ich weiß, was es hier für freie Gruppen gibt und was so an den Theatern gespielt wird.“ Die kleine, überschaubare freie Szene Münchens also mal nicht als Makel, sondern als Vorteil? Vera ist davon überzeugt: „Hier in München hat man das Gefühl, man kann noch etwas bewirken, in Berlin hast du ja schon alles. Man muss es halt machen.“ Auch Kjell Brutscheidt, 21, der an der Theaterakademie August Everding Schauspiel studiert, sieht es ähnlich: „München ist schon eine attraktive Stadt für Schauspieler, allein wegen der drei großen Theater – Resi, Kammerspiele und Volkstheater. Und durch den Sitz der Bavaria und der Hochschule für Fernsehen und Film gibt es sogar die Möglichkeit, im Bereich Film neue Leute kennenzulernen und Verbindungen aufzubauen“, sagt er.

Kjell, Leonard, Vera und Mona sind momentan auf einigen Fotos der Ausstellung „10 im Quadrat“ der Junge-Leute-Seite im Farbenladen des Feierwerks zu sehen. Ein Ziel dieser Ausstellung war es, junge Münchner Fotografen und Künstler untereinander zu vernetzen. Wie wurde nun dieses Projekt von den drei Schauspielern wahrgenommen? „Ich bin ein großer Fan von Crossover“, betont Mona. Durch dieses Projekt habe sie auch erstmalig die vielen jungen Fotografen Münchens kennengelernt. Was sie künstlerisch so machen und auch wo diese am Wochenende gerne feiern gehen. Eine weitere positive Horizonterweiterung also, in gewisser Hinsicht. Auch Kjell gefällt das: „In München oder im Studium, so war es jedenfalls für mich, ist es relativ schwierig, andere Leute aus theaterfremden Bereichen kennenzulernen. Durch den vollen Stundenplan, besonders in den ersten beiden Jahren, ist man von morgens bis abends fast nur in der Akademie und somit in seiner eigenen kleinen Welt. Mir hat es echt gut getan, mal mit nicht theaternahen Leuten zu arbeiten, zu sehen was die so machen. Das hat Spaß gemacht.“

Text: Ornella Cosenza, Carolina Heberling und Amelie Völker

Fotos: Josef Beyer, Regine Heiland

Übers Pfadfinden zur Schauspielerei

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Täglich porträtieren wir an dieser Stelle eine(n) der 20 mitwirkenden
KünstlerInnen unserer “10 im Quadrat”-Ausstellung im Farbenladen – mal
Fotograf, mal Modell. Heute: Schauspielerin Vera Flück.

Vera
Flück, geboren 1994, hat ein Hobby, das man auf den ersten Blick nicht
von ihr erwarten würde: Sie ist leidenschaftliche Pfadfinderin. Doch
derzeit kann sie diese Tätigkeit nicht ausführen. Denn seit 2014
studiert sie Schauspiel an der Otto-Falckenberg-Schule in München. Und
ihre Pfadfinder-Abteilung befindet sich in ihrer früheren Heimatstadt
Bern in der Schweiz.

Seit sie denken kann, möchte Vera
Schauspielerin werden. Sie sagt: „Ich war schon immer der Klassenclown
und es war schon früh eine Leidenschaft von mir, Menschen zu beobachten
und mir deren Welten zusammen zu spinnen.“ Vera hat jedoch auch schon
eine Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit (Krankenschwester) gemacht und
eine Weile in dem Beruf gearbeitet. „Da lernt man Menschen unverblümt
kennen, das empfinde ich als wichtige Erfahrung“, sagt sie dazu. Bis
November 2017 ist sie noch in „Klein Zaches, mein Zinnober“ nach E.T.A
Hoffmann (Regie und Textfassung: Wiebke Puls) an den Münchner
Kammerspielen zu sehen.

Die Ausstellung “10 im Quadrat” ist an allen Wochenenden im Mai, samstags von 16 – 22 Uhr, sonntags von 16 – 20 Uhr, im Feierwerk Farbenladen geöffnet. Neben den Fotografien werden Konzerte, Lesungen und Diskussionen veranstaltet. Für weitere Infos klickt unsere Junge-Leute-Facebookseite.
Der Eintritt ist frei.

Text: Amelie Völker    

Foto: Milena Wojhan

„Kunst braucht Überforderung“

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Nach München zu gehen, war für Schauspielschüler Bekim Latifi, 22, ein Kulturschock. Jetzt bricht er vorzeitig seine Ausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule ab – wegen eines Engagements in Hamburg. Ein Besuch.

Alle Augen sind auf ihn gerichtet. „Diese Kuh, die blöde Fotze, Fotze, Fotze“, ruft er voller Verachtung. Bekleidet mit schwarzer Lederjacke und Schlaghose steht Bekim Latifi, 22, auf der Bühne und schreitet lässig von links nach rechts. Er ist jetzt Andreas Baader in einer Szene aus „Maria Ulrike Stuart“ von Elfriede Jelinek. Beim Szenenvorspiel in der Kammer 3 der Münchner Kammerspiele präsentieren an diesem Abend die Schauspielstudenten des dritten Jahrgangs der Otto-Falckenberg-Schule Arbeiten aus dem szenischen Unterricht. Bekims Monolog ist kurzweilig, doch in jedem Wort spürt man die Energie des Nachwuchsschauspielers, die Lust am Spielen. Die Monate an der Schauspielschule sind für ihn jedoch fast gezählt. Er wird München vorzeitig verlassen.

Es ist schwer, einen Platz an einer Schauspielschule zu bekommen. Die Bewerber: zahlreich. Die Konkurrenz: hoch. An der Otto-Falckenberg-Schule in München werden zehn bis zwölf Glückliche in einen Jahrgang aufgenommen, nach dem vierten Jahr endet die Ausbildung. Manchmal gibt es allerdings Ausnahmen, Bekim zum Beispiel. Er wird zum Sommer seine Schauspielausbildung abbrechen – er wird zur kommenden Spielzeit als festes Ensemblemitglied am Thalia Theater in Hamburg engagiert sein.

Um zu verstehen, wie es dazu gekommen ist, muss man einen Blick in die Vergangenheit werfen. Aufgewachsen ist Bekim in einer Kleinstadt in der Nähe von Dresden. Schon früh hat der junge Mann mit den dichten Augenbrauen und den braunen Augen am Schultheater mitgespielt. „Aber einfach nur zum Spaß, da wusste ich noch nicht, dass ich vielleicht einmal Schauspieler werden möchte.“ Die Begeisterung für die Schauspielkunst wächst in ihm, und deshalb sucht er nach Möglichkeiten, sich endlich auf einer Bühne ausprobieren zu können und Gleichgesinnte zu treffen. In der Kleinstadt geht das nicht. Also macht er neben der Schule bei Jugendtheaterclubs in Dresden mit. Dafür nimmt er die lange Zugfahrt in Kauf. Mehrmals die Woche.

Natürlich habe er darüber
nachgedacht, ob es das Richtige
sei, die Ausbildung abzubrechen

Nach dem Abitur bewirbt er sich an Schauspielschulen – und wird 2014 an der Otto-Falckenberg-Schule aufgenommen. Im Sommer 2016 spielt Bekim gerade mit seinem Jahrgang das Stück „Pony Camp: Troilus & Cressida“ bei einem Festival für Regie-Studenten am Thalia Theater in Hamburg. Ungefähr ein halbes Jahr später, im Februar dieses Jahres, bekommt er eine Einladung zum Vorsprechen in Hamburg. Ein Dramaturg des Hauses habe ihn vorgeschlagen. Offenbar ist er den Theatermachern in Erinnerung geblieben. Das Thalia Theater sei auf der Suche gewesen nach Schauspielern für eine neue Produktion.

Zwischen Schule und abendlichen Vorstellungen bereitet sich Bekim vor. So gut es eben geht. Anstrengend sei es schon gewesen, „aber Kunst braucht Überforderung“, sagt der Schauspielschüler. Um vier Uhr morgens macht er sich auf den Weg nach Hamburg, geht im Zug alles durch und zieht sich sogar dort schon für das Vorsprechen um. Er spürt das Adrenalin und die ungebremste Lust, gleich spielen zu können – kurz vor Hamburg-Altona konnte der Zug dann nicht mehr weiterfahren. Kein schönes Gefühl, diese Mischung aus Übermüdung, Aufregung und Zweifel. Rechtzeitig setzt sich der Zug dann doch in Bewegung, Bekim schafft es zum Termin. „Das Vorsprechen hat Spaß gemacht. Es hat auch schon welche gegeben, bei denen ich total versagt habe“, sagt er.

Bekim überzeugt in Hamburg, und das, obwohl er in seiner Ausbildung noch nicht einmal eine intensive Vorsprech-Vorbereitung hatte. Die steht erst im vierten Jahr auf dem Plan.

„Das Rausgehen passiert meist erst mit dem Absolventenvorsprechen. Da kommen Leute von außen und schauen sich die Schüler an“, erklärt Andreas Sippel, Sprecherzieher an der Otto-Falckenberg-Schule. Der 57-Jährige ist seit dreißig Jahren in der Theaterwelt unterwegs. Es könne hin und wieder passieren, dass die Theater junge Talente entdecken. Maike Droste beispielsweise erhielt ihre Ausbildung ebenfalls an der Otto-Falckenberg-Schule und ging früher. Heute spielt sie erfolgreich an verschiedenen Theatern in Deutschland, Österreich und der Schweiz und ist im Fernsehen zu sehen.
 Das Theaterhaus aus Hamburg ist nicht gerade für sein junges Ensemble bekannt: „Das Thalia nimmt selten Anfänger auf. Die besseren Chancen haben ältere Schauspieler mit Erfahrung“, ergänzt Sippel.

Für eine Produktion soll Bekim in Hamburg engagiert werden. Doch für die Probezeit so lange von der Schule freigestellt zu werden ist nicht möglich. Also wird ihm direkt ein Vertrag angeboten. Bekim nimmt an.

Natürlich habe er darüber nachgedacht, ob es das Richtige sei, die Ausbildung abzubrechen. „Das ist eine große Sache, aber am Ende ist man als Schauspielstudent insgeheim auch ein bisschen froh, wenn man beim Intendantenvorsprechen nicht dabei ist. Das ist ja schon ein richtiges Fleischgeschaue“, sagt Bekim und muss grinsen.

Ob es ihm schwer falle, München zu verlassen? „Ich freue mich auf Hamburg. Schwieriger war es, nach München zu kommen aus meiner Kleinstadt.“ Damals hat er zum ersten Mal seine Heimat verlassen und wurde auf der Maximiliansstraße – in dessen unmittelbarer Nähe sich die Otto-Falckenberg-Schule befindet – erst einmal von dem ganzen Reichtum und Schicki-Micki erschlagen. „Das war schon ein kleiner Kulturschock. Aber so ist es ja zum Glück nicht überall in München.“

Mit Dreitagebart und dem schwarzen Rollkragenpullover ist er nicht einer, der durch sein Aussehen sofort auffällt. Wohl aber durch sein Handwerk, wenn er auf der Bühne steht und in einer Rolle aufgeht. Gibt es ein Erfolgsrezept? Bekim ist überzeugt, dass man sich beim Vorsprechen selbst treu bleiben sollte. Auch die Lockerheit im Spiel sei wichtig, die Begeisterung. So etwas merken Theatermenschen. Es sei für ihn ein sehr großes Kompliment, nach Hamburg gehen zu dürfen. Was er gerade erlebt, davon träumen viele. „Das ist kein Ruhekissen für mich, die Ausbildung hört nie auf. Jetzt geht es erst richtig los“, sagt Bekim. Er lächelt. 


Text: Ornella Cosenza


Foto: Robert Haas

Doppeltes Neuland

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Falckenberg-Schüler Swen Lasse Awe, 26, bringt als eigene Premiere das Erstlingswerk „Abraum“ von seinem Freund Wilke Weermann auf die Bühne.

Swen Lasse Awe, 26, sitzt auf einem Stuhl zwei Meter vor dem Bühnenbild aus Holz, die Beine abwechselnd angezogen und übereinander geschlagen. Mit festem Blick verfolgt er jede Bewegung der fünf Schauspieler, die gerade die Einzugsszene aus „Abraum“ proben. Ab und zu lacht er oder ruft ihnen zu: „Etwas weniger halbherzig, bitte!“ Er macht nicht den Eindruck eines Regisseurs, der seiner jungen Schauspieltruppe allzu viel vorschreibt; in seinem Ringelshirt und den Sneakern wirkt er vielmehr wie einer von ihnen.

Das Stück wird die Abschlussinszenierung von Swen Lasses Regiestudium sein – und gleichzeitig eine Uraufführung: Der 24-jährige Autor von „Abraum“, Wilke Weermann, hatte dafür im letzten Jahr den Münchner Förderpreis für deutschsprachige Dramatik gewonnen, die Lesung des Textes hatte bereits damals Swen Lasse inszeniert. „Wilke und ich haben uns das erste Mal vor vier Jahren bei einer Regie-Aufnahmeprüfung in Berlin getroffen, wo wir aber beide nicht genommen wurden“, sagt Swen Lasse und lacht. Der Hamburger erzählt, dass er während seiner Schulzeit zwar eher auf Konzerte und Festivals anstatt ins Theater gegangen sei – Theater habe ihn aber trotzdem fasziniert, also machte er nach dem Abitur mehrere Regiehospitanzen. 2013 wurde er dann an der Otto-Falckenberg-Schule in München genommen und ist Wilke, seinerseits Regiestudent in Ludwigsburg, seitdem immer wieder begegnet.

Dass Swen Lasse die Lesung von „Abraum“ inszenierte, war Zufall – doch als die Kammerspiele ihn daraufhin fragten, ob er das Stück auf die Bühne bringen wolle, sagte er sofort zu: „Das Stück ist sehr klug und dicht geschrieben und bespielt viele Ebenen.“

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Dennoch ist diese Inszenierung in zweierlei Hinsicht Neuland für Swen Lasse: Denn „Abraum“ ist das allererste Theaterstück, das er auf die Bühne bringt – bisher hat er nur Romanadaptionen inszeniert, zum Beispiel von Joseph Hellers 600-seitigem Roman „Catch-22“. „Es macht Spaß, mir bei so einem dicken Roman zu überlegen, was ich daraus erzählen und auf die Bühne bringen will.“ Diese Freiheit habe er an der Falckenberg-Schule von Beginn an bekommen, auch wenn ihn das anfangs etwas irritiert habe: „Wir hatten nie Vorlesungen darüber, wie man ein Stück inszeniert.“ Doch bald habe er es als Chance gesehen, sich an eigenen Produktionen ausprobieren zu können – dank der Anbindung der Schule an die Kammerspiele sogar mit professionellen Requisiten, Räumlichkeiten und Beleuchtung.

Das komplexe Theaterstück „Abraum“ hingegen sieht der Nachwuchsregisseur als Herausforderung, einmal ganz anders zu arbeiten – es ist so „hermetisch und ohne auch nur einen einzigen überflüssigen Satz“, dass man nicht beliebig viel streichen und ändern könne. Wozu ihn sein Freund Wilke, der bei zwei Proben auch dabei war, aber ermutigt: „Ich habe die Leerstellen doch genau deshalb gelassen, damit andere was daraus machen können“, sagt der junge Autor. Er selbst sei noch zu nah an diesem Stück dran, um es zu inszenieren. Natürlich habe er bei den Proben ein paar Anmerkungen gemacht – ob sie diese dann umsetzen, sei aber ihre Entscheidung.

Auch in dieser Hinsicht ist die „Abraum“-Inszenierung eine neue Erfahrung für Swen Lasse: Er hat vor seinem Regiestudium einen Bachelor in Komparatistik gemacht und vertritt eigentlich die Konzeption des „toten Autors“ – bei diesem Stück hat er es jedoch nicht nur mit einem lebenden Autor zu tun, er kennt ihn sogar auch noch. Doch obwohl Swen Lasse großen Respekt vor dem Stück zu haben scheint, hat er Wilke nie gefragt, wie er bestimmte Dinge gemeint habe: „Ich glaube nicht an die Deutungshoheit des Autors. Gott sei Dank sieht Wilke das genauso und macht keinen Druck“, sagt Swen Lasse. Seine Herangehensweise sei immer der Text selbst.

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Den erschließe er sich beim Proben – gemeinsam mit seiner Schauspieltruppe: Bis auf Niklas Maienschein, Absolvent des Salzburger Mozarteums, sind alle jungen Schauspieler (Mira Huber, Vincent zur Linden, Jannik Mioducki und Fabian Ringel) im selben Jahrgang der Falckenberg-Schule wie Swen Lasse, dementsprechend haben sie auch schon oft zusammen gearbeitet. Der junge Regisseur hat ganz bewusst sie für diese Inszenierung ausgewählt, weil er mit ihnen „gemeinsam denken“ könne, wie er sagt: „Sie erwarten nicht, dass ich ihnen Anweisungen gebe oder sie choreografiere. Ich lasse sie einfach machen und filtere oder ordne das dann.“ Die Schauspieler schätzen diese Arbeitsweise, Vincent zur Linden erzählt aber: „In schwierigen Situationen habe ich mir schon auch mal gewünscht, dass der Regisseur einfach mal sagt, wie es gehört. Im Nachhinein bin ich aber immer froh, da gemeinsam durchgegangen zu sein.“

In dem Stück geht es um fünf junge Menschen und einen alten Mann, die in einem verlassenen Steinbruch am Rande der Gesellschaft leben. Es herrschen Kommunikationsprobleme, bald bilden sich Machtstrukturen in der Gruppe heraus und Gewalt macht sich breit – doch es gelingt ihnen nicht, ihre Abhängigkeit voneinander zu überwinden. Diese Spannung zwischen den fünf jungen Menschen und dem Alten, den sie nicht verstehen, wird auch durch den 79-jährigen Christian Mey getrieben, findet Swen Lasse: „Christian bringt unheimlich viel Erfahrung und Persönlichkeit mit – dass er und die jungen Schauspieler aufeinandertreffen, erzeugt eine irre Dynamik.“

Förderlich für diese produktive Energie seien auch die Pathos Ateliers, wo sie seit Februar proben: Hier müssen sie nicht zu festen Uhrzeiten wie auf Knopfdruck kreativ sein, sondern sie können zwischendrin lange Pausen machen und dafür bis drei Uhr morgens proben.

Im Juni wird Swen Lasse seine Inszenierung beim Körber Studio Junge Regie zeigen, einer wichtigen Plattform für den Regienachwuchs. „Mal sehen, was sich da ergibt“, sagt er bescheiden. Erst mal freut er sich, bei der Premiere am 31. März in den Kammerspielen zu zeigen, was sie gemeinsam erarbeitet haben. Und auch Wilke Weermann ist zuversichtlich: „Ich vertraue darauf, dass es gut sein wird.“

 

Text: Anna-Elena Knerich

 

Fotos: Florian Peljak