Klicks und Beats

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In der Musik, die Kevin Zaremba und Matthias Kurpiers produzieren, geht es meist um Großes. Um Liebe, ewige Nächte, stille Augenblicke. Das hat Erfolg. Großen Erfolg.

Matthias Kurpiers? Kennt kaum einer. Sein Gesicht? Vermutlich noch nie gesehen. Und doch ist der 26-Jährige derzeit wohl einer der erfolgreichsten Musiker in München. Wenn seine Songs live auf der Bühne gespielt werden, steht er jedoch irgendwo im Publikum und hört zu. Während etwa About Barbara Matthias’ Song „Bis der Himmel sich dreht“ zum Besten gibt. „Ich glaube, wir sind nicht unbedingt die Typen, die sich ständig in den Mittelpunkt stellen müssen“, sagt Matthias über sich und seinen Kollegen Kevin Zaremba. Zusammen sind sie Achtabahn. Ein Produzenten-Duo aus München.

Die beiden jungen Männer sind gerade dabei, bislang unentdeckte Münchner Talente in die Welt des Pop-Business zu katapultieren. Und das fast schon wie am Fließband. Inzwischen arbeiten sie vorrangig als Produzenten mit einem guten Dutzend Künstler zusammen. Und sie alle eint ein „berauschender Erfolg“, wie es Matthias nennt. Erfolg zumindest auf den Musikplattformen im Internet. Die meisten der von ihnen produzierten Songs können sechs- bis siebenstellige Klickzahlen bei Youtube nachweisen. Kritiker wenden ein: Gute Musik macht aber mehr aus. Sie ist mehr als nur eine Zahl.

Matthias, kräftige Statur und ein umso weicherer Blick, und Kevin, der Ruhepol des Duos. Die beiden jungen Musiker haben als Produzenten und Songwriter ihre Nische gefunden. Sie sorgen seitdem für den medialen Erfolg anderer Künstler. „Es ist ja nicht so, dass wir nicht gerne selbst auftreten“, sagt Matthias. Die Arbeit als Produzenten, als Drahtzieher im Hintergrund, habe irgendwann einfach Überhand gewonnen.

Die Erfolgsgeschichte von Achtbahn ist geprägt von Willensstärke. Von einem Gespür für die deutsche Popwelt. Dafür, mit welchen Songs man bis ganz nach oben kommt. Kevin bastelt gerade im Nebenzimmer eines gemütlich eingerichteten Tonstudios im Münchner Westen an neuen Aufnahmen. Matthias trägt Hoody, Shorts und Markenschuhe, sitzt breitbeinig unter einem Plakat, die Hände ineinander gefaltet. Er zupft sich seine schwarze Cap, die mit einem schwarzen Achtabahn-A bestickt ist, immer wieder zurecht. Mit tiefer, angenehmer Stimme beginnt er zu erzählen: Früher habe er viel gerappt, sagt er. In der Musikszene seiner Heimatstadt Wolfratshausen traf er auf Kevin, der damals noch im Dance-Bereich agierte. Die beiden beschlossen, gemeinsam Musik zu machen.

Matthias erzählt von „Budapest“, ihrem ersten Remix, mit dem sie erst eine Abmahnung von Sony bekamen, weil sie es mit dem Urheberrecht nicht ganz genau genommen haben. Der Track wurde dennoch tausendfach abgespielt. Schnell standen sie so auf dem Merkzettel mehrerer Major-Plattenfirmen. „Da haben sich dann die Türen geöffnet“, sagt Matthias. Die beiden machten einfach weiter. Konzentrierten sich aufs Musik produzieren, so viel es eben ging. Matthias schmiss die Schule. Zog nach München. Tagsüber ließ er die Ausbildung als Industriemechaniker über sich ergehen, nachts bastelten sie an den ersten eigenen Songs. „Das war nicht einfach damals“, sagt Matthias. Heute arbeiten sie hauptberuflich an ihrer Musik.

Anfangs traten Kevin und Matthias noch häufig als DJs auf Festivals auf. Und sie begannen, sich in der Münchner Szene umzusehen. Nach Musikern, mit denen sie arbeiten könnten. Inzwischen haben sie Achtabahn Records gegründet. Eine Plattenfirma, mit der sie einige ihrer Künstler unter Vertrag nehmen. Sie schleudern, so der Plan, unentdeckte Musiktalente gewissermaßen ins ganz große Rampenlicht.

Beachtlich ist das vor allem, wenn man bedenkt, dass keiner von ihnen studierter Musiker ist. „Eigentlich spielt auch keiner von uns wirklich ein Instrument“, gibt Matthias zu. „Aber ich glaube nicht, dass das heutzutage überhaupt noch notwendig ist“. Elektronische Musikprogramme werden immer ausgefeilter und beginnen, das Konzept einer Band mit Instrumentenbesetzung zu überrollen. Mancherorts haben sie das vielleicht schon. „Das Musikbusiness hat sich zu einer richtigen Maschinerie entwickelt“, sagt Matthias. Romantik werde meist nur nach außen verkauft.

Falsche Romantik? Matthias scheint das zu stören. Sein lockerer Erzählton versinkt in Nachdenklichkeit. Trotzdem: Den beiden kam das immer gut gelegen. In der Musik, die sie mit Künstlern wie Körner, Julia Kautz, Fabian Wegerer oder eben auch About Barbara produzieren, wird meist dick aufgetragen. Es geht um Großes, um Liebe, ewige Nächte, stille Augenblicke. „Wenn es böse oder schlecht/ Wenn es gut ist, oder echt/ Gänsehaut lügt nie“, heißt es etwa in Körners Debüt-Single „Gänsehaut“. Jeder Künstler verleiht einem Song eine eigene Handschrift.

Dennoch ähnelt sich bei Achtabahns Musikern vieles erstaunlich stark: Sanft angeschlagene, wippende Akkorde leiten einen einprägsamen Mitsing-Refrain ein. Immer wieder werden die Strophen von langen Instrumental-Loops durchbrochen. „Unseren Style versuchen wir immer unterzubringen“, sagt Matthias. Ihr Style? Deep-House, kommerzialisierter Singer/Songwriter sozusagen. Nach Ecken, Kanten, Überraschungen sucht man lange. Besonders innovativ ist das nicht – ein gewisses Händchen für einen guten Song kann man den beiden Männern im Hintergrund allerdings keineswegs absprechen.

Gearbeitet wird dann oft in einer Art „Dreiecksstruktur“, wie Matthias es beschreibt. Er schreibt die Texte, Kevin baut die Beats. Der Künstler trägt die Songs – die er durchaus mitentwickelt – dann nach außen. Kevin und Matthias bleiben meist abseits des Rampenlichts.

Dafür arbeiten sie umso effektiver. „Irgendwann hat man es raus, wie das Ganze funktioniert“, sagt Matthias. Er und Kevin sind auch ein Beleg für eine Generation, die mit dem sich durch Youtube und Spotify rasant ändernden Musikmarkt aufgewachsen ist. „Heute kann es jeder schaffen, ohne überhaupt Geld für Werbung ausgeben zu müssen“, sagt Matthias. Seine Stimme wird fest vor Überzeugung. Der Erfolg ist für Achtabahn fest an die sozialen Plattformen geknüpft. „Wir glauben an uns. Wir glauben an unsere Künstler.“ Eine Verbindung, die bisher verlässlich Ergebnisse liefert. Und junge Musiker fördert.

Barbara Buchberger, 23, kann davon ein Lied singen. Seitdem Matthias sie im Oktober 2014 angesprochen hat, musiziert sie als About Barbara mit und für Achtabahn. „Ich habe davor auf jeden Fall eine andere Musik gemacht“, sagt die Studentin. In ihrem Nebenprojekt SEA:K widmet sie sich meditativ angehauchtem englisch-sprachigen Dream-Pop. Die Zusammenarbeit mit den beiden Münchnern, das Singen deutscher Songs sei für sie vor allem eine Möglichkeit, sich weiter auszuprobieren. „Wir finden immer einen gemeinsamen Nenner“, sagt Barbara, die am 1. Juli auf dem Stadt-Land-Rock-Festival der SZ-Junge-Leute-Seite auftritt. Die 500 000 Klicks, die ihre Debütsingle „Bis der Himmel sich dreht“ innerhalb kürzester Zeit auf Youtube einbrachte, nennt Matthias noch heute „Wahnsinn“.

Zahlen, Deals, Radioplays, Chartplatzierungen. Immer wieder nennt Matthias diese Begriffe, wenn er von Erfolgen spricht. Damit wird nicht jeder übereinstimmen. Besonders jene Künstler abseits des Massengeschmacks, die sich schon immer schwertaten mit dem Ausverkauf ihrer Kunst. „Erfolg ist wie eine Sucht“, erzählt Matthias. Dafür wollen die beiden unter dem Namen „Achtabahn“ wieder verstärkt eigene Songs und Remixes veröffentlichen. Und im Sommer dann auch wieder als DJs auftreten. Matthias will wieder auf einer Bühne stehen. Nicht bloß davor.

Text:
Louis Seibert

Foto: Achtabahn

250 Zeichen Wut: Fahrrad-Raser

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Allmorgendliches Klingelkonzert mit Fahrrad-Rasern in greller Funktionswäsche.

Immer diese elendige Fahrrad-Rush-Hour auf der ewig langen
Lindwurmstraße. Von oben bis unten sind sie mit greller Funktionswäsche
bekleidet. Die Pedale ihrer Fixies fest im Griff, warten die Workaholics auf die
grüne Ampel wie andere am Marienplatz aufs neue iPhone. Im Highspeed durchgeklingelt
auf dem Weg zum nächsten Hamsterrad.

Text: Louis Seibert

Von  Worten, die Mut machen, Eintagsfliegen, Döner-Freundschaften und Shopping-Wahn

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Nach einem erfolgreichen und gut besuchten Auftakt unserer Vernissage
zu „10 im Quadrat“, startete am gestrigen Sonntag das Rahmenprogramm
im Farbenladen. 

Etwas ruhiger und gemütlicher war
es am ersten Ausstellungssonntag im Farbenladen. Die Besucher schlenderten
gemütlich von Bild zu Bild, während es draußen regnete. Aber nicht nur die
Porträts gab es an diesem Tag zu betrachten. Bei den Fototalks mit den
Fotografen Laura Zalenga, Michael Färber und Model Rosa Kammermeier (Blue Haze)
bekam das Publikum einen persönlichen Eindruck von der Kreativität und den
Ideen der Fotokünstler. „Es ist sehr spannend, wie verschiedene Menschen die
gleiche Person sehen und komplett anders interpretieren,“ erklärte Laura
Zalenga, die ihre Models mit einem Spiegel porträtierte. Sie wollte, dass die
einzelnen Fotos visuell miteinander verbunden sind. Außerdem, so die junge
Fotografin, eröffnen sich durch den Spiegel viele neue Perspektiven mit denen
man fotografisch spielen kann.

Aus Sicht der Porträtierten erzählte
Rosa. Alle Shootings haben ihr Freude bereitet, ganz besonders Spaß gemacht
habe ihr aber das mit Sophie Wanninger. Auf den bunten Fotos von Wanninger hatten
die Models die Vorgabe zu Schielen.

Und noch eine weitere Fotografierte
war an diesem Tag im Farbenladen: Felicia Brembeck, auch bekannt unter dem
Künstlernamen Fee. Die Poetry-Slammerin hat sich passend zur Ausstellung
Gedanken zum Thema Schönheit gemacht. Herausgekommen ist dabei der Text „Was
wäre, wenn schlau das neue schön wäre?“, den sie dem Publikum vortrug. „Wenn Schlau das neue Schön wäre, dann würde die Lyrik gefeiert und in alternativen Clubs
gespielt werden, weil in Mainstream-Discos die ganze Zeit nur Ingeborg Bachmann
oder Heinrich Heine laufen würde.“ 

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Nachdem Fee das Farbenladen-Publikum zum
Schmunzeln gebracht hatte, slammte sie noch ein paar Mut machende Zeilen aus ihrem Text „Schau dich an“: „Ja du lagst am Boden, ja man hat dir
ein Bein gestellt, mehr als eins (…) aber hey, schau dich an, du standest auch
wieder auf und jetzt bist du hier. Ich sag: sei stolz auf dich.“ Spätestens
jetzt waren alle gerührt von der Macht der Worte der jungen Poetry Slammerin
Fee, und auch Singer-Songwriterin Isabella der Band Mola war sehr angetan. Für
“10 im Quadrat” stand Isabella ebenfalls vor der Linse. An diesem Ausstellungstag
spielte sie mit ihrer Band ein wunderbar gemütliches Konzert.

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Während die Besucher weiter die Arbeiten
der Fotografen im Farbenladen betrachteten, lasen Katharina Hartinger, Barbara
Forster, Louis Seibert und Ornella Cosenza von der SZ Junge Leute aus ihren
besten Kolumnen vor und nahmen das Publikum mit auf Shopping-Tour, nach Berkeley und Italien. Auch eine Hommage an den Döner als Symbol für eine besondere Freundschaft, gab es zu hören.

Den Abschluss an diesem Tag
machte das Duo aus Sascha Fersch und Ferdinand Schmidt-Modrow. Sascha schreibt
Gedichte, Dramentexte und Monologe, Ferdinand ist Schauspieler und
interpretierte seine vorgetragenen Texte für die Zuschauer. Das alles gepaart mit
Gitarrenklängen und einer großen Portion Witz. So verwandelte sich Ferdinand etwa in
eine Eintagsfliege und monologisierte über das Fortpflanzen – dieses sei nämlich extrem
wichtig im Leben einer Eintagsfliege. 

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Da die sie aber noch am Ort des
Geschehens verstarb, wird das Farbenladen-Publikum vom Sonntag leider nie
erfahren, wie der Monolog der Eintagsfliege, den Sascha geschrieben hat, wohl
weitergeht. Man kann im Leben eben nicht alles haben.

Die Moderation führte an diesem
Tag unsere Autorin Katharina Hartinger.

Text: Ornella Cosenza

Fotos: Serafina Ferizaj

Zeichen der Freundschaft: Im Namen des Döners

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Unseren Autoren und seinen alten Schulfreund verbindet außer der
Liebe zu Musik und Sport noch eine andere Leidenschaft: der Döner. So
verbringen sie stets die letzten gemeinsamen Minuten nach einer
durchgefeierten Nacht in der Dönerbude – und zelebrieren diese wie eine
heilige Prozession.

Spätnachts, irgendwo am Sendlinger Tor. „Gibst du heut ‘ne
Runde aus?“, ruft mir Lorenz mit Blick in seinen Geldbeutel quer durch den
Raum zu. Ich zwinkere ihm zu und strecke meinen Zeige- und Mittelfinger dem
Typen hinter dem Tresen entgegen. Zweimal bitte. Mit extra scharf. Er nickt.
Ich nehme die Bestellung entgegen und setze mich zum Lockenschopf in die Ecke
des stickigen, würzig parfümierten Raumes. Unsere Prozession kann beginnen.

Irgendwann haben Lorenz und ich begonnen, statt des letzten –
oft fatalen – Bieres unsere gemeinsamen Konzertabende rituell in der Dönerbude
ausklingen zu lassen. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir beide nicht nur dieselbe
bedingungslose Liebe zu dieser fleischgewordenen Droge entwickelt. Nein, die
gefüllten Fladenbrote waren schon längst zu so etwas wie dem Kleister einer
wunderbaren musik- und sportgeprägten Freundschaft geworden.

Die gesamte Schulzeit über saßen Lorenz und ich im selben
Backsteinklotz. Doch es geschah in den – dönergeprägten – Mittagspausen, in
denen aus einfachen Pausenbekannten sehr gute Freunde wurden. Mit geteiltem Leid
und geteilten Leidenschaften. Lorenz spielte schon immer weitaus besser Klavier
als ich. Dafür gab es immer ein paar Moves, mit denen ich ihn beim Basketballspielen
in den Wahnsinn treiben konnte. Trotz seiner Größe und seiner um einiges
sportlicheren Statur.

Eine ganz besondere Sehnsucht zieht uns allerdings immer
wieder in diese nach Knoblauch und Grillfleisch riechenden, von orientalischer
Musik und fremden Sprachen beschallten Imbiss-Schuppen. Für diese seltsame,
fast schon sakrale Leidenschaft werden wir selbst von unseren besten Freunden belächelt. Und irgendwie haben sie ja Recht. Eine klassische
Döner-Diät ist meilenweit davon entfernt, besonders gesund oder ökologisch
sinnvoll oder gar irgendwie attraktiv zu sein.

Doch gibt es etwas, das mich beim ersten Bissen in das
ofenfrische Fladenbrot alle Zweifel und logischen Argumentationen vergessen
lässt. Wenn sich der Fleischgeschmack im Gaumen entfaltet und die Mundwinkel
ganz weiß sind von der Knoblauchsauce, dann ist alles andere nebensächlich.
Dann ist die Welt für einen kurzen Moment in bester Ordnung. Sie ist so schön.
So friedlich. Es ist wie im Rausch.

Dieser Rausch ist immer dann am schönsten, wenn ihm ein ganz
anderer bevorstand. Der aus Musik, schweißtreibenden Tanzeinlagen und massigem
Bierkonsum. Nach solchen Exzessen betreten wir auch heute die halbleere
Dönerbude mit einer Demut, die eigentlich in die Kirche gehört. Lorenz und ich
sind beide weit davon entfernt, religiös zu sein. Und so verehren wir lieber
den Mann hinterm Tresen, der uns Nacht für Nacht mit unserem Stoff versorgt.
Der Stoff, mit dem wir die besten und lustigsten gemeinsamen Momente hatten.
Und so beenden wir schweigend, jeder in seiner seligen Döner-Welt vertieft, den
sakralen Akt. Schwingen uns durch die Tür in die Münchner Nacht hinaus. Satt
und glücklich. Und mit dezentem Knoblauchatem.

Text: Louis Seibert

Foto: Yunus Hutterer

Neuland: Ryan Inglis

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Ein Konzertmarathon für den guten Zweck: Die beiden Musiker Ryan Inglis und Freddy González ziehen am 1. April durch die Münchner Innenstadt. 

Dass Musiker durchaus eine soziale Ader haben, merkt man auch in München immer wieder. Der aus England in die bayerische Landeshauptstadt gezogene Singer-Songwriter Ryan Inglis bildet hier keine Ausnahme. Gemeinsam mit dem Münchner Sänger Freddy González, 28, und dem Filmemacher Michael Wolf plant der Brite einen Konzertmarathon durch die Münchner Innenstadt. Von der Theresienwiese aus wollen sie am 1. April zwölf Stunden lang durch die Straßen ziehen und Spender für ein humanitäres Projekt mobilisieren. Das gesammelte Geld kommt der nepalesischen Nichtregierungsorganisation „Karma Flights“ zugute, die damit vier verschiedene Schulen in der Region Gorkha unterstützt.

Ryan kennt die Situation. In dem oft von Erdbeben geplagten Land sei vieles weiterhin chaotisch. „Manche Eltern schicken ihre Kinder inzwischen lieber zur Arbeit, um Geld zu verdienen, als in die Schule“ sagt der Musiker. Dem will er entgegenwirken. Ein Jahr lang will er mit dem gespendeten Geld für die Verpflegungskosten der 188 Schüler aufkommen. So hofft er, mehr Kinder an die Schulen binden und die Bildungschancen der jungen Nepalesen verbessern zu können.  

Text: Louis Seibert

Foto: Karmaflights

Großstadt auf Raten

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Magnus Textor, 23, arbeitet für Sony Music Deutschland und sucht für seine Plattenfirma neue Talente. Bei der Talentsuche ist oft Berlin im Fokus. München ist aber noch nicht ganz verloren – wenn sich die Stadt an die Künstler anpasst.

Die Stimmung in der Halle ist ausgelassen. „Get down everybody“, ruft Xavier D’Arcy, Sänger der Blues-Rock-Band The Charles der begeisterten Menge zu. Jeder geht in die Knie und wartet darauf, dass sich der Song „Hoodoo“, den die vier Münchner gerade spielen, in den kraftvollen Refrain entlädt. Als Xavier D‘Arcy mit seiner markanten Kopfstimme die Strophe beginnt, springt ein Meer aus Menschen auf und tanzt wie wild durch das Hansa 39 des Feierwerks.

Derartig ausufernde Konzerte gibt es viele in München. Dem stimmt auch Magnus Textor zu. Er ist 23 Jahre alt und arbeitet als A&R-Manager für den deutschen Ableger von Sony Music. „München braucht sich auf keinen Fall zu verstecken“, sagt Magnus, der zu Schülerzeiten selbst mit der Band Pillowcream die Konzertbühnen der Stadt bespielte. 

Doch ist bei weitem nicht jeder mit dem Zustand der Sub- und Konzertkultur in München einverstanden. München kann Pop, sagen Vertreter der Kreativwirtschaft. München kann vielleicht Oktoberfest, sagen Kritiker: Das Image der Stadt sei so uncool, das es Bands eher schadet, von hier zu sein.

Wie steht es also um das Selbstbild der alternativen Münchner Musik- und Kunstszene? Ist es tatsächlich so schwierig, als Münchner Künstler glaubwürdig zu erscheinen? Ist es hier wirklich so schlimm, dass alle kreativen Musiker nach Berlin abhauen? Magnus ist dieses Problem vertraut. „Ich kenne keinen einzigen Künstler, der wegen der Stadt hierher gezogen ist“, sagt er leicht ernüchtert. München sei wie eine „Großstadt auf Raten“. Dabei gebe es so einiges, das hier noch entstehen könne.

Magnus kennt sich im Münchner Nachtleben aus. Vor ein paar Jahren kannte man den schmächtigen 23-Jährigen noch wegen seiner Band und auch als Solokünstler. Inzwischen fasziniert ihn mehr die wirtschaftliche Seite des Musikmachens. „Ich wollte eigentlich schon immer ins Musikbusiness“, sagt Magnus. Mit seiner Wollmütze und dem löchrigen Pullover wirkt er dennoch mehr wie ein Künstler als ein Musikmanager. Er spricht mit ruhiger Stimme und strahlt doch eine gewisse Energie aus, als würde er gleich aufbrechen. Auf ein Konzert oder in einen Nachtclub.

Nach dem Abitur 2011 am Pestalozzi-Gymnasium arbeitete er ein Jahr lang für seinen guten Freund und Mentor Amadeus Böhm beim Münchner Indie-Label Flowerstreet Records. „Das war ein starker Einstieg dort“, sagt Magnus. Irgendwann aber wollte er dann aus diesem „Indie-Smog“, wie er es nennt, ausbrechen. Er begann eine Ausbildung zum Kaufmann für audiovisuelle Medien beim Plattenlabel Sony. Seitdem ist er dort auch angestellt. Mittlerweile als Artist-and-Repertoire-Manager, kurz A&R, ist er auf der Suche nach neuen Künstlern, stellt den Kontakt zwischen diesen und Produzenten her und betreut ebenfalls etablierte Musiker.
Und dadurch kennt sich Magnus in der Münchner Club-Szene bestens aus. „Die ehrlichste Einschätzung einer Band bekommt man, wenn man sie live sehen kann“, sagt er. Nur auf der Bühne bekomme man den ehrlichsten Eindruck einer Band, weil sie sich dort nicht hinter einer Produktion verstecken könne.

Wenn er in schwärmenden Tönen von seiner Arbeit erzählt, merkt man, wie wenig sich sein Blickwinkel auf die Konzertkultur gewandelt hat. Magnus geht weiterhin auf Konzerte, einfach nur, um sie zu genießen.
Sein eigener Hintergrund als Musiker verleihe ihm das nötige Fingerspitzengefühl, sagt er. Das sei zwar eher unüblich, die meisten A&Rs kämen aus dem juristischen Bereich oder aus dem Marketing. Dennoch: „Beispielsweise ein Grundverständnis davon, was ein eigener Song für einen Musiker bedeutet, ist extrem wichtig“, sagt Magnus. Ein Feedback für einen Song müsse besonders bei unerfahrenen Künstlern taktvoll und auch vorsichtig ausfallen. „Es ist, als würdest du deren Neugeborenes kritisieren“, sagt er und schmunzelt.

Auch für Münchner Künstler hat sich Magnus bereits eingesetzt. Die Indie-Band Exclusive kannte er bereits aus Zeiten bei Flowerstreet Records. Ihr verhalf er zu einem zweiten Album unter der Obhut von Sony. Und Leon Weber, der als LCAW mit seinem Hit „Painted Sky“ für Furore sorgte, konnte Magnus für seine Firma gewinnen. Das ist beachtlich. Große Plattenfirmen wie Sony oder auch Warner richten sich normalerweise recht wenig nach der lokalen Herkunft eines Künstlers aus. „Wobei es für einen Musiker natürlich von Vorteil ist, wenn das Label in derselben Stadt ist“, sagt Magnus. Das sei vor allem bei kleineren Indie-Labels der Fall, bei denen der lokale Aspekt zumeist eine große Rolle spielt.

„Deshalb würde ich auch nicht von Konkurrenz sprechen“, sagt Magnus. Kleine Plattenfirmen seien wichtig, um eine lebendige lokale Szene aufrechtzuerhalten, um Künstler aufzubauen. Sie haben den nötigen Raum und das Umfeld, um neue Kunstrichtungen entstehen zu lassen. Solche Freiräume habe eine Großstadt wie München bitter nötig, sagt Magnus. Ohne das inzwischen stillgelegte Atomic Café etwa würde er nicht dort stehen, wo er heute ist. „Man konnte sich dort wahnsinnig schnell vernetzen“, erzählt der Musikmanager. 

„Und es gibt durchaus einige Menschen, die sich dafür einsetzen, dass Subkultur hier entstehen kann“, fügt Magnus hinzu. Dabei meint er Daniel Hahn, der das eigenwillige Kunst- und Konzertprojekt Bahnwärter Thiel ermöglicht hat. Und Julia Viechtl, Initiatorin der „Manic Street Parade“, dem ersten großen Münchner Club-Festival. Diese Macher sorgen dafür, dass die Stadt zukünftig für junge Menschen attraktiv bleibe. Auch für große Plattenfirmen sei der Kontakt in eine dynamische und junge Szene wichtig. „Hier kann man immer wieder neue Trends beim Entstehen beobachten“, sagt Magnus.

München stand in den vergangenen Jahren trotz vieler herausragender Künstler selten in einer solchen Vorreiterrolle. Das liege auch daran, dass es wenige Kunstschaffende in der Landeshauptstadt hält. „Mal ehrlich, die meisten gehen irgendwann“, schrieb Rapper Keno einst als Reaktion auf einen Artikel der Süddeutschen Zeitung. Natürlich gebe es großartige Musik in München. „Die Künstler lassen sich nicht unterkriegen. Not macht erfinderisch“, sagte der Frontman der Urban-Brass-Kapelle Moop Mama. Doch das dürfe nicht ablenken von strukturellen Problemen, die das Entstehen solcher Freiräume behindere.
Wie viele andere Musiker ist Keno inzwischen aus München weggezogen.

Ist das der letzte Ausweg? Muss es dazu kommen? Magnus hat den Glauben an seine Heimatstadt noch nicht ganz verloren. Aber dafür muss sich München ändern. Bislang müsse sich der Popmusiker an die Stadt anpassen, sagt er. Will München Popcity werden, müsse sich die Stadt an die Lebensgewohnheiten der Künstler gewöhnen – und dazu gehöre, ganz banal, dass ein Supermarkt auch noch um vier Uhr morgens offen ist, wenn der Musiker gerade Feierabend macht.

Die Diskussion

München steht für Laptop und Lederhosen. Aber kann München auch Pop? Nein, sagen viele. Die Stadt selbst ist hier wiederum anderer Meinung. Wie wird München zur zu nächsten go-to-Stadt? Wie wird München zur nächsten Popcity? Politiker, Vertreter der Kreativwirtschaft, Veranstalter und Musiker diskutieren am Donnerstag, 16. Februar, auf Einladung des Bayerischen Rundfunks und der Süddeutschen Zeitung über die florierende Musikszene im öffentlichen Raum in München. Auf dem Podium sitzen Josef Schmid (Zweiter Bürgermeister), Julia Viechtl (Fachstelle Pop), Daniel Hahn (Bahnwärter Thiel), Anton Schneider (Fatoni, der danach beim Puls-Lesereihe-Finale auftritt), Josie-Claire Bürkle (Claire), Magnus Textor (Sony Music). Moderiert wird die Diskussion von Laury Reichart (PULS) und Michael Bremmer (SZ). Einlass im Bahnwärter Thiel (Tumblingerstraße 29) ist um 17 Uhr, die Diskussion beginnt um 17.30 Uhr.

Text: Louis Seibert

Foto: Stephan Rumpf

„Fleiß, Fleiß, Fleiß“

Es ist nicht der Integrationsdruck, sondern seine von Haus aus stenge Arbeitsmoral, die den gebürtigen Afghanen Jassin

Akhlaqi in Deutschland etabliert hat. Der Informatikstudent und Vorzeige-Flüchtling engagiert sich im Bündnis ‘Jugendliche ohne Grenzen’.

München – Jassin Akhlaqi musste oft deutlich härter kämpfen als seine deutschen Mitschüler. Seit fünf Jahren lebt der gebürtige Afghane schon in Deutschland. Zuvor musste er sich mit seiner Familie neun Jahre lang als Kriegsflüchtling ohne Papiere im Iran durchschlagen. Doch Jassin hat sich in München durchgekämpft und niemals aufgegeben. Von der Übergangsklasse über die Hauptschule bis hin zum Abitur. „Man muss seine Träume zulassen können – und unaufhörlich dafür arbeiten“, sagt er – und lächelt dazu.

Jassin, 20, studiert Informatik. Und er engagiert sich ehrenamtlich für das Bündnis „Jugendliche ohne Grenzen“ (JoG). Diese von jungen Geflüchteten im Jahr 2005 gegründete Organisation unterstützt vor allem unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und folgt dem Grundsatz, „dass Betroffene eine eigene Stimme haben und keine stellvertretende Betroffenen-Politik benötigen“, wie es auf der Website der Organisation steht. 

Ohne diese Organisation stünde Jassin vielleicht nicht dort, wo er heute ist. Die Ruhe, die der zierliche junge Mann ausstrahlt, war am Anfang nicht da. In den ersten Monaten hatte er Schwierigkeiten, einen Anschluss zu finden. Über Freunde auf dem Bolzplatz fand er zu JoG. „Mir wurde geholfen. Und das wollte ich weitergeben“, sagt er heute in fehlerfreiem Deutsch. 

Und das hat er getan. Vielen afghanischen Geflüchteten hat er die komplizierten Briefe vom Amt übersetzt, einen Anwalt vermittelt oder einen Sprachkurs organisiert. Im Sommer fährt er mit JoG auf die griechische Insel Lesbos. Hier kommen immer wieder Schlauchboote von der anderen Seite des Mittelmeeres an. „Wir können dort schnell übersetzen und Schwangere beispielsweise zu den Erste-Hilfe-Einrichtungen leiten“, sagt Jassin. 

Bei JoG, einer bundesweiten Initiative, wirken Jugendliche aus vielen Ländern und Kulturen mit. Genau das fasziniere ihn so sehr dort, sagt Jassin. „Wir wollen alle langfristig etwas verändern – dadurch funktioniert das Ganze auch so gut.“ Die Organisation setzt sich klar für ein liberaleres Asylgesetz in Deutschland ein und plant eine Vielzahl an Demos oder Infoständen. So sprach Jassin zum Beispiel vor wenigen Monaten vor Tausenden Menschen bei der vom Bellevue di Monaco organisierten Kundgebung „Wir sind alle von wo“ auf dem prall gefüllten Max-Joseph-Platz. Mit durchaus provokanten Aktionen wie die jährliche Wahl zum „Abschiebeminister des Jahres“ wollen die jungen Geflüchteten immer wieder größere Aufmerksamkeit erzielen. 

Selten sei die Arbeit von JoG so wichtig gewesen wie derzeit, sagt Jassin. Besonders, seitdem Innenminister Thomas de Maizière Ende 2016 mehrere Regionen Afghanistans als „hinreichend sicher“ erklärt hat und viele Asylanträge nun abgelehnt zu werden drohen, sei der Terminkalender der Ehrenamtlichen bei JoG voll. Natürlich wirke sich das stark auf die Stimmung vieler in Deutschland lebenden Afghanen aus. „Das ist kein Fair-Play mehr“, sagt Jassin. „Die Menschen fliehen vor Krieg und haben inzwischen kaum Bleibeperspektiven.“ Da lohne sich der Aufwand, etwa eine neue Sprache zu erlernen, selten. 

Trotzdem versuche er, Hoffnung zu geben. Auch weil er selbst nicht hängen gelassen wurde. Nicht von Lehrern, die ihn förderten, und auch nicht von sich selbst. Jassin hat seine Chancen genutzt und will andere Menschen dafür motivieren, dasselbe zu tun. „Das gibt mir die Motivation, einfach weiterzumachen“, sagt er und lächelt dabei beinahe bübchenhaft. 

Trotz dieser unaufdringlichen Art steht Jassin oft im Mittelpunkt. Er hielt schon mehrere Vorträge an der Hochschule und wirkt im Jugendensemble „Kammerclique“ der Münchner Kammerspiele mit. Nebenher spielt der 20-Jährige noch Fußball, engagiert sich als Schiedsrichter und gründete die Ehrenamtlichen-Plattform www.ehrenamtsuche.de. Er gibt seinen Nachbarskindern Mathenachhilfe und wurde zum Semestersprecher seines Studiengangs gewählt. 

Derartiges Engagement ist für Jassin etwas Selbstverständliches. Es gebe nur drei Faktoren für Erfolg, sagt er: „Fleiß, Fleiß und noch einmal Fleiß.“ In harter Arbeit sieht er den Schlüssel für all die Dinge, die er erreichen konnte. „Mit Intelligenz allein kommst du nicht weit“, fügt er hinzu. Das mag klingen wie ein ausgeleierter Spruch eines amerikanischen Life-Coaches. Und es scheint bei ihm doch seinen wahren Kern zu haben. Das ist wohl auch der Grund, warum so viele Menschen ihn in die Schublade des „Vorzeige-Flüchtlings“ stecken wollen. Ob er sich denn einer Vorbildrolle bewusst ist? „Jeder soll das nennen, wie er will. Mir ging es immer nur darum, meine eigenen Ziele zu erreichen“, erklärt der Informatik-Student. Inzwischen besitzt er eine vorläufige Aufenthaltserlaubnis bis 2018. Und danach? Jassin kann nur hoffen. Die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass selbst Geflüchtete mit einem festen Arbeitsverhältnis ausgewiesen werden können. Trotzdem strahlen Jassins dunkle Augen weiter Ruhe und Zuversicht aus.

Wer ihn kennengelernt hat, dem bleibt Jassin auch schnell im Gedächtnis. „Durch seine ausgesprochene Höflichkeit, mit der er jeden begrüßt hat, ist mir Jassin sofort aufgefallen“, sagt Matthias Weinzierl. Er ist Vorstandsmitglied im Bellevue di Monaco, einem Wohn- und Kulturzentrum für unbegleitete minderjährige Geflüchtete in der Müllerstraße. In den dazugehörigen Wohnungen hat Jassin einige Zeit mit seiner Mutter und seinen Schwestern gelebt. „Er ist eine wirkliche Ausnahmeerscheinung. Obwohl er so viel Beachtliches geleistet hat, macht er weiter“, sagt Weinzierl. Er vernetze unaufhörlich Menschen und stehe mutig für seine Ideale ein. „Das ist nichts Selbstverständliches bei all dem, was er schon erlebt hat“, sagt er.
 Jassin versteht sich darauf, offene Türen zu finden und diese dann auch zu nutzen. Und will dabei stets andere mitziehen. „Wenn du jemandem etwas gibst – Hilfe, Aufmerksamkeit – dann kommt auch immer etwas zu dir zurück“, sagt er. Er spricht viele solcher druckreifen Sätze. Wirkt dabei deutlich älter und erfahrener als seine schmächtige Statur es vermuten lässt.
 Wer seine Vorbilder gewesen seien, als noch nicht alles so rund lief wie inzwischen? Jassin zuckt mit den Schultern. Nennt Mandela und Gandhi. Und, ganz beiläufig, sich selbst. „Ich kenne niemanden, der meinen Weg so weit gegangen ist“, sagt er. Nun schwingt auch ein wenig Stolz mit in seiner Stimme. 

Er fängt an von Zukunft zu erzählen. Von seinen Plänen nach dem abgeschlossenen Informatikstudium. Von einer App, die er entwickeln wolle, die Neuankommenden etwa bei Behördengängen helfen soll. Die Geflüchteten ein Forum bieten wird, um Erfahrungen auszutauschen und sich gegenseitig unterstützen zu können. Und je länger er spricht, je ausschweifendere Gesten seine Hände zu zeichnen beginnen, desto mehr wird auch klar, dass Jassin all das einmal erreichen wird.

Text: Louis Seibert

Foto: Stephan Rumf

Neuland: Alma Mater

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Sie wollen ein Gemeinschaftsgefühl zur Hochschule herstellen: Zwei ehemalige LMU-Studenten bringen die in Amerika sehr populären Uni-Pullis an die Münchner Universitäten

Jonas Rieke, 26, und Johannes Müller, 24, wollen den berüchtigten amerikanischen „College-Spirit“ mit ihrem Start-Up Alma Mater nach München bringen: Uni-Pullis, bestickt mit einem schlichten „Muc“ als Schriftzug. Die Idee entstand vor zwei Jahren, während eines Auslandssemesters in Berkeley

„Dieses Gemeinschaftsgefühl entstand durch die Uni-Kleidung, die dort viele tragen“, sagt Jonas. Auf der Website almamaterwear.de kann man – je nach Hochschule – zwischen einem grünen (LMU) und einem blauen (TU) Logo wählen. Und wenn das Konzept aufgeht, dann will der ehemalige LMU-Student die Pullover auch an anderen deutschen Unis vertreiben. „In guter Qualität gibt es das hier noch nicht“, sagt Jonas. Der Name passt: Alma Mater, gütige Mutter, so werden die Universitäten in den USA bezeichnet.  

Text: Louis Seibert

Foto: Johannes Müller

Der tapfere Schneider

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Das Eigene und das Fremde, buchstäblich ineinander verwebt: Der aus Gambia geflüchtete Sulayman Jode, 20, kombiniert europäische Styles mit westafrikanischen Stoffen

Die junge Frau ist ein Hingucker. Ihr Gang und ihr Blick strahlen Selbstbewusstsein und Zufriedenheit aus. Es ist aber vor allem ihr blauschwarzes Kleid mit dem gelben Sonnenmuster, das alle Augenpaare im Raum auf sich zieht. Der Stoff kommt augenscheinlich von weit her, das Kleid ist modern geschnitten. Als das Model eine Drehung macht, umtanzt der fließende Rock ihre Beine spielend. Das Publikum klatscht.

Die Szene spielt sich nicht auf einem der großen Laufstege in New York oder Paris ab. In einem Second-Hand-Laden in der Münchner Ludwigsvorstadt wird die erste Kollektion von Sulayman Jode, 20, präsentiert, es läuft afrikanischer Hip-Hop und Afrobeat-Musik. Der junge Mann aus Gambia kombiniert europäische Styles mit westafrikanischen Stoffen aus seiner Heimat. T-Shirts, Hosen, Kleider, selbst Dirndl hat er schon angefertigt. Meistens schneidert er abends nach der Schule oder in den Ferien. 

Sulayman holt gerade den Hauptschulabschluss nach. Vor drei Jahren kam er als Flüchtling aus Gambia nach München.

Er sitzt in seinem Zimmer, die Wände hängen voll mit Fotos. Freundschaften, die er in seiner neuen Heimat schließen konnte. Auf dem Tisch: das Buch „Momo“ von Michael Ende. Er selbst trägt einen einfachen grünen Hoody, zieht die Kapuze über die kurz geschorenen Haare. „Ich mag das, wenn Deutsche Stoffe aus Gambia tragen“, sagt er, „weil das zumindest zeigt, dass die Leute Interesse an anderen Kulturen besitzen.“

Sulayman ist ein dauerhaft Getriebener. Schule, Mode, Musik machen, Freunde treffen. „Einfach nur daheimbleiben? Das ist nichts für mich“, sagt er und lacht dabei herzlich und laut. Durch sein Engagement ist er viel herumgekommen: Mit seiner Band ONE Corner stand er schon auf der Bühne des Ampere, drehte ein Musikvideo im Olympiapark. Und er traf auf Konstantin Wecker bei einem Auftritt für die Sendung „Z’am rocken“ des BR. „So ein cooler Typ“, schwärmt Sulayman. 

Er mag die Deutschen, besonders deutsche Musiker. Gentleman, Die Beginners oder Blumentopf zählt er zu seinen Favoriten.

In München hat er viel Unterstützung erfahren. „Wenn die Leute merken, dass du Talent besitzt, dann wollen die auch, dass du das zeigen kannst“, sagt er. So kam es, dass er während eines Praktikums als Verkäufer in jenem Second-Hand-Laden in einer Pause die Nähmaschine entdeckte. Wenig später durfte er die erste eigene Kollektion auf dem Laufsteg im Laden präsentieren. Das liegt auch an Sulayman und seiner aufgeweckten und zielstrebigen Ausstrahlung. Man merkt ihm die Ernsthaftigkeit in seiner Stimme an, wenn er erzählt, eines Tages ein eigenes Geschäft mit seinen Kleidungsstücken zu führen und weitere solcher Modeschau-Events organisieren zu wollen. Während seine Hände mit jedem Wort neue Gesten zeichnen, sucht er immer wieder den direkten Augenkontakt.

Sich mit Händen und Füßen verständigen – für Sulayman war das lange Realität. Diese Zeit begann für ihn vor drei Jahren. Sein Onkel setzte sich gegen den gambischen Diktator Yahya Jammeh ein (der am 21. Januar 2017 ins Exil gegangen ist). Immer wieder wurden Oppositionelle entführt und mundtot gemacht. Das Regime sperrte Sulaymans Onkel ein und folterte ihn. Die Familie erhielt Drohbriefe. Mit Mutter und Schwester floh er in den Senegal. Zum Weitergehen waren die Schwester zu klein und die Mutter zu schwach. Also machte er sich von dort aus alleine auf den Weg. Mali, Niger, Libyen. Und dann über das Mittelmeer nach Italien.

Über die Zeit auf der Flucht spricht er nicht gerne. Keine seiner Gesten vermag es, Erlebnisse und Traumata stimmig ausdrücken. Sulayman wechselt das Thema. Er erzählt von seinen Plänen nach dem Schulabschluss. Auf eine Modeschule will er. Ein Traum, den er mit aus der Heimat hergetragen hat. „In Gambia habe ich von meiner Mutter gelernt, sie war professionelle Schneiderin“, sagt er. Fotos von den fertigen Kleidungsstücken bekommt die Mama noch immer zugesendet. Meist antwortet sie in löblichen Tönen, „auch wenn ihr manches zu haram, also freizügig, ist“, sagt er.

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Dafür kommt seine Kleidung bei anderen jungen Geflüchteten fantastisch an. Er gibt ihnen ein Stück Heimat – und das Gefühl, trotz allem neu starten und etwas erreichen zu können. Sulayman spricht Freunde aus seinem Heim an, ob sie nicht für seine Show modeln wollen. Die Trauer und den Schmerz über die verlorene Heimat verarbeiten er und andere Geflüchtete in der Musik. Auch die konnte man auf der Modeschau hören. Solche Events will er in Zukunft öfters organisieren, „zusammen mit Schneidern aus Afghanistan, Deutschland oder anderen Ländern“. 

Es sind Momente wie diese, in denen man merkt, wie gut Sulaymans Gespür für Integration ist. Das Eigene und das Fremde – er verwebt es buchstäblich ineinander. Die Elemente verbindet er zu etwas ganz Neuem, einer interkulturellen Symbiose. Sulayman will die vielen Menschen verschiedener Kulturen miteinander in Kontakt treten lassen. Aus dem alltäglichen Nebeneinander soll ein Miteinander werden. 

Und da sind Musik und Mode fantastische Bindeglieder, „weil beides keine Grenzen kennt“, sagt Agnes Fuchsloch. Sie ist die Leiterin des Second-Hand-Ladens und hat gemeinsam mit Sulayman die Modeschau organisiert. Dabei war sie nicht nur von dessen Mode beeindruckt, auch vom Organisationstalent. „Er hat eine ganze Menge Leute dazu bewegt, ehrenamtlich als Models oder Stylisten mitzuhelfen“, erzählt sie. Sulayman verstehe es, Leute mitzureißen, „weil er eigene Ideen hat und diese dann auch unbedingt umsetzen will“.

Die Zukunft könnte gut aussehen für den jungen Gambier. Vorerst ist da allerdings auch etwas, das ihn nachdenklich macht: Sulaymans Leben und Wirken in Deutschland wird vom Staat nur geduldet. Auf die Anerkennung seines Asylantrags wartet der 20-Jährige nach drei Jahren Schule und Sprachkurs, nachdem er unzählige neue Freunde gefunden und Partys gefeiert hat, weiterhin vergeblich.

Text: Louis Seibert

Fotos: Hermon Biniam


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Schöner hören

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Der Medienkaufmann, Schlosser, Regieassistent, Barkeeper und Kabelträger Michael Wolf hat seine Passion gefunden: Er setzt Musiker in München in Szene, mit Filmen ohne einen einzigen Schnitt

Ächzen von Holz dringt durch die kalte Winterluft. Als Michael Wolf das Tor zur Scheune öffnet, fällt eine ganze Ladung Staub auf seine sauber gekämmten Haare und auf die schwarze Lederjacke. Doch ihn stört das nicht, ein kurzer Blick zur Seite beruhigt ihn: Seine Kamera liegt noch immer gut geschützt in der Ecke, die hat nichts abbekommen. Das ist auch gut so, nicht nur weil sie Michaels wichtigstes Arbeitsgerät ist. Auch die Live-Session, die der Münchner gleich mit dem Augsburger Folk-Trio John Garner in dieser alten, verlassenen Scheune im tiefsten Oberbayern abhalten wird, hätte es sonst nicht gegeben.

Michael ist Filmemacher. Im August gründete er die „Monaco Sessions“ und setzt seitdem Künstler an ungewöhnlichen oder einfach schönen Orten der Stadt in Szene. Auf den Olympiaberg hat er seine Kamera schon mitgenommen, auch in den Nymphenburger Schlosspark. Und nun in diese modrige Scheune, die neben der modernen Filmtechnik wirkt, als entspränge sie einer anderen Welt.

Nicht nur Münchner Musiker seien zu diesen Sessions eingeladen, sagt er später draußen, während er sich an einer Tasse Tee die Hände erwärmt. „Auch die von außerhalb, die für ein Konzert hierher kommen und Lust auf eine kleine Session haben.“ Das sind Münchner Originale wie Lucie Mackert und Peter Fischer. Aber auch den britischen Sänger Ryan Inglis hat er schon vor seine Kamera gebracht, genauso wie die Amerikanerin Joanna King. 

Der 25-jährige Medienkaufmann will aufstrebenden Künstlern eine Plattform bieten „auf der sie gehört werden“, wie er sagt, und auch ein Porträt seiner Heimatstadt schaffen. „München hat so viele wunderschöne Orte“, schwärmt er. Da falle die Suche nach neuen Plätzen zum Drehen selten schwer. Michael macht selbst Musik, bis vor wenigen Jahren spielte er Gitarre, schrieb und sang die deutschen Texte der Pop-Rock-Band Lucky Melange. Von daher weiß er, wie schwer es sein kann, als Musiker Fuß zu fassen. „Ich wäre damals froh gewesen, wenn jemand eine Session mit uns gemacht hätte“ sagt er. Die Band löste sich aus einem Mangel an Probe- und Aufnahmemöglichkeiten auf.

Doch Zweifel an seinem Lebensweg kommen bei ihm keine auf. Michael ist kein Mensch, der sich von der Vergangenheit einholen lässt. „Ich stehe auch eigentlich nicht so gerne auf der Bühne und im Rampenlicht“, sagt er. Eines hat er aus seiner Zeit als Musiker auf jeden Fall gelernt: „Du kannst nie erwarten, dass dir Erfolg einfach vor die Füße fällt.“

Und mit diesem Grundsatz versucht der 25-Jährige nun, sich selbstständig zu machen. Der Wechsel hinter die Kamera war nie so wirklich geplant. Die Biografie des Münchners liest sich als langer Weg zur Selbstverwirklichung: Nach einer Schlosser- und Schweißerlehre arbeitete er mehrere Jahre als Praktikant und Auszubildender in einer Filmproduktionsfirma, jobbte als Regieassistent, Barkeeper und Kabelträger. „Das mit dem Filmen hatte mich inzwischen gepackt“, sagt Michael und so bewarb er sich für einen Platz an der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF). Über einen Freund kam er auf die Idee, selbst Videos zu produzieren. „Ab da fing ich an, mir zu YouTube Gedanken zu machen. Und da mich die HFF nicht wollte, dachte ich mir, ich mache mein eigenes Ding.“ 

Das Filmen brachte er sich selbst bei, „mit viel Einsatz geht das schon“, sagt er und lacht. „Es kommt vor allem darauf an, einen cineastischen Blick zu entwickeln und sich dann einfach von seinem Unterbewusstsein leiten zu lassen.“ Große Pioniere wie Hitchcock nennt Michael da als Vorbilder genauso wie zeitgemäße Videoprojekte, etwa die „Mahogany Sessions“. 

Deren Einfluss auf seine Arbeit ist kaum abzustreiten: „Die Nähe zum Künstler in den Sessions hat mich sofort beeindruckt“, sagt er. Wie beim Vorbild aus Großbritannien passt Michael den Drehort an den jeweiligen Musiker an. Seine Videos kommen ganz ohne Schnitt aus. „One-Take-Prinzip“ nennt er das: „Jeder Schnitt würde das Video verfälschen und künstlich wirken lassen.“ Das Ganze ist zwar nicht wirklich neu – unter anderem drehten bereits die deutsche Indie-Band Kraftklub oder die Kanadierin Kiesza Musikvideos ohne Schnitt. Michaels Herangehensweise ist aber doch eine eigene. Die ungeschnittenen Aufnahmen wirken sehr intim, er selbst beschreibt sie als „ehrlich“.

Auch Kilian Unger alias LIANN ist nach zwei Videos beeindruckt: „Ich habe ihm vertraut bei der Kameraarbeit, und das hat sich gelohnt“, sagt der Singer-/Songwriter über die Aufnahme seines Songs „Chicago“ am Sendlinger Tor. Und wenn man merkt, wie elegant ein Close-Up der Gitarrenbünde in die Totale übergeht und die Musik mit der Umgebung verschwimmt, dann bekommt man eine Ahnung davon, wie viel Arbeit in diesen Filmen steckt.

Die sollen sich zukünftig auch auszahlen: Mit der Hilfe von Sponsoren hofft Michael, sich selbstständig machen und sich so ganz auf das Filmen konzentrieren zu können. „Und dann würde ich gerne auch Interviews machen und eigene Konzerte organisieren, um die Monaco Sessions als Marke weiter auszubauen.“

Ob er sich auch irgendwann einmal einen Wechsel zurück vor die Kamera und auf die Bühne zutraut? Michael schmunzelt. „Ich versuche langsam, wieder selbst etwas Musik zu schreiben“, sagt er und spricht von „Singer-/Songwriter-Zeug im Sportfreunde-Stiller-Stil“. Für die Monaco Sessions käme diese Musik dann allerdings nicht in Frage. „Höchstens mit einer Maske“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Vielleicht blendet das Rampenlicht einfach weniger stark – durch eine Kameralinse betrachtet. 

Text: Louis Seibert

Foto: Ryan Inglis