Band der Woche: Cat & the Kings

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Das Album von Cat & the Kings ist wunderbar ausgewogen und bekommt Tiefe und Glanz durch bedachte Details in den Arrangements. In den Songs geht es um die Höhen und Tiefen des Lebens, mit denen sich jeder konfrontiert sieht.

Es ist erstaunlich, dass es so viele Musiker gibt, die sich als Singer-Songwriter sehen und sich mit der Akustik-Gitarre begleiten – und an diesem Punkt stehen bleiben. Nicht, weil man auf Akustik-Gitarren nicht wunderbare Songs schreiben könnte. Sondern, weil es bei vielen Songwritern so wirkt, als würde die Musik dabei in einem Zwischenstatus steckenbleiben. Die Harmonien sind an der Gitarre gefunden, der Text ist melodiös darauf gesetzt. Aber eigentlich fängt ja jetzt die Arbeit erst an, aus diesem Gerüst einen Song zu bauen, die Leerstellen mit Stil und Ideen anzufüllen und dann eine wie auch immer instrumentierte Musik zu präsentieren. Es gibt talentierte Glückskinder, denen reicht Gitarre und Gesang aus, um daraus mitnehmende Musik zu machen: den Surfer-Boy Jack Johnson oder den Hipster-Waldschrat Bon Iver. Doch es gibt auch viel Songwriter-Musik, deren Potenzial in der bloßen Besetzung aus Gitarre und Stimme nicht ausgeschöpft ist und die Musik eben beliebig und gleichsam provisorisch klingt.

In dieses Gefahrenfeld begibt sich Conny Merritt nicht. Die Münchner Musikerin, die an der Berufsfachschule für Jazz und Pop lernte, weiß genau, wann ein Song trägt. Das ist auf ihrem ersten Album „The Great Unexpected“, das sie 2017 mit ihrer Band Cat & the Kings  veröffentlicht hat, deutlich hörbar. Denn Conny und der Schlagzeuger Aron Hantke, Lorenz Huber am Bass und der E-Gitarrist Sebastian Heim haben da ein wunderbar ausgewogenes Album veröffentlicht, das zunächst nach klassischer Songwriter-Musik klingt, aber Tiefe und Glanz erst durch die bedacht gesetzte Detailarbeit in den Arrangements bekommt. Hier schreiben Menschen Musik, die sich nicht mit dem Offensichtlichen – man hat ein schönes Gitarren-Riff und eine gute Melodie darauf – zufrieden geben. Das Quartett beginnt an diesem Punkt zu arbeiten: „Es ist bei uns wirklich so, dass sich die Stile mischen und etwas Neues ergeben“, erklärt Conny, als sei ihr das fast unangenehm. Doch dass sich auf diesem Album Songs finden, wie etwa der Titeltrack „The Great Unexpected“, die trotz der weichen und Jazz-geschulten Stimme von Conny, trotz der folkig dahinplätschernden Drums und des beinahe funkigen Basses, die Dringlichkeit von Grunge-Songs in sich tragen, ist bemerkenswert.

„Vieles sind Themen, mit denen sich jeder konfrontiert sieht, wie das Leben eben so ist mit seinen Höhen und Tiefen, Erkenntnissen, Enttäuschungen, Freuden und Leiden“, sagt Conny; da sie aber mit einer chronischen Krankheit lebe, hinterfrage sie zwangsläufig mehr und nehme nicht alles für selbstverständlich an. Vielleicht sind es solche Erfahrungen, die ihre Musik aus dem typischen Songwriter-Sumpf hinausheben. Vielleicht ist es aber auch nur ein besonderes Gespür für die Musik, sich eben nicht mit dem erstbesten Einfall zufrieden zu geben. So haben sich Cat & the Kings für ihr nächstes Album auch eine neue Herausforderung gesetzt: Sie wollen noch mehr in die akustische und unverstärkte Richtung gehen, etwa mit einem Kontrabass anstelle des E-Basses. Das bedeutet jedoch auch, auf so einfache musikalische Stilformer wie Sounds und Effekte zu verzichten, was es schwieriger macht, einen Song interessant zu machen. „Aber gutes Songwriting in der Tradition à la Neil Young und den Beatles mit eben den ganzen Einflüssen, die man so hat, vor allem wenn man viel Musik hört und selbst auch viele Musikstile spielt, das ist unser Ziel“, erklären sie. Es ist hochgesteckt, dürfte aber bei der Präzision, mit der die Musiker die bisherigen Songs arrangiert haben, auch spannend werden.

Foto: Julia Göltl
Text: Rita Argauer

Fragen über Fragen – Lotte Friederich

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Auf der Bühne sehe ich nicht, wie ich wirke, ich kann nur fühlen. Bei der Fotografie ist das Bild, das ich nach außen trage, festgehalten und auch für mich sichtbar, sagt Sängerin Lotte Friederich, die bei unserer Ausstellung “10 im Quadrat – Reloaded” als Model mitgewirkt hat. Wir haben ihr ein paar Fragen gestellt.

Du stehst mit deiner
Kunst öfter mal vor Publikum. Wie war es für dich, so oft fotografiert zu
werden?

Auf der Bühne sehe ich nicht, wie ich wirke, ich kann nur
fühlen. Bei der Fotografie ist das Bild, das ich nach außen trage, festgehalten
und auch für mich sichtbar. Deswegen ist es eine gute Möglichkeit, sich besser
kennen zu lernen.

Hat das Mut
erfordert?

Mut erfordert es nicht wirklich, man ist es ja doch schon
gewöhnt.

Bist du auch mal in
andere Rollen geschlüpft? / Hast du andere Seiten an dir kennengelernt?

Ich denke, es gibt ‚andere Rollen‘ nicht wirklich, alles was
man zeigt, ist irgendeine, wenn auch manchmal versteckte, Seite an sich.

Welche Begegnung hat
dich am stärksten geprägt?

Keine bestimmte Begegnung, eher das Gesamte und das Gemisch
der unterschiedlichen Charaktere, Geschmäcker und Sichtweisen.

Bist du auch mal an
deine Grenzen gestoßen?

Alles war sehr harmonisch und umsetzbar, jeder hat Freiraum
gelassen, dadurch konnte ich das Meiste selbst bestimmen und ich bin nicht an
meine Grenzen gestoßen.

Brauchen wir mehr
Vernetzung in München?

Vernetzung ist Alles, die Kontakte die wir mit dem Projekt
machen konnten sind Gold wert und deswegen mehr davon, ja!

Foto: Anna Heimkreiter

Band der Woche: Stella Sezon

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R ’n’ B verlangt Können und das hat Stella Sezon. Sie mischt Elemente unterschiedlicher Musikrichtungen und erschafft somit eine eigene Klangästhetik.

Die aktuelle EP der jungen Wahlmünchnerin nennt sich “Now or Never”.

Dass R ’n’ B wieder zu einer der spannendsten Popsparten werden würde, war nicht abzusehen. In den Neunzigerjahren war diese Musik hauptsächlich für den Mainstream produziert und dementsprechend einfach gestrickt. Gesungen wurde über gefundene, zelebrierte oder verlorene Liebe, die Geschlechterollen waren klar aufgeteilt – Frauen, die säuseln, und Macker-Männer – in den musikalisch immer gleichen Strukturen: bluesige Harmonien, Beats und Melismen-trunkener Gesang. Ausgesprochen kunstfertig war diese Musik jedoch auch damals schon. Man braucht eine richtig famose Stimme, um so etwas singen zu können. Und in D’Angelos „Untitled (How does it feel)“, mit den ins Endlose zelebrierten Silbendehnungen, in denen die Aussage nicht im Text, sondern vielmehr in der Art des Singens liegt, haben unter gewisser Betrachtung doch etwas Avantgardistisches. Doch die reizende Selbstbehauptung einer Solange oder die feministischen Polit-Aussagen, die deren Schwester Beyoncé heute auf „Lemonade“ heraufbeschwört, stehen in keinem Verhältnis etwa zu den Anfängen Beyoncés bei der heute etwas schal wirkenden Girlgroup Destiny’s Child. Der ästhetische und inhaltliche Rahmen des R ’n’ B in den Neunzigerjahren war eng gesteckt – diesen Stil heute mit anderen Inhalten anzureichern, hat Potenzial.

Das schätzt auch die Wahlmünchnerin Stella Sezon. Die gebürtige Ukrainerin erfüllt mit ihrer professionell ausgebildeten Stimme zuerst einmal die Voraussetzung, um sich der lokalen Weiterentwicklung des R ’n’ B zu widmen: Denn R ’n’ B ist in der Popmusik wohl der Stil, der am meisten technisches Können verlangt. Stella hat das. Doch anstatt sich wie etwa Beyoncé in „Formation“ in avantgardistische Reduktion zu begeben, schaut Stella in ihrem bislang bekanntesten Song eher in die Vergangenheit. In „Now or Never“ führt sie ihren R ’n’ B-geschulten Gesang zurück zu den Ursprüngen des Genres im Jazz und Blues. Im Internet veröffentlichte sie dazu eine Live-Session samt Flügel, Kontrabass und der tänzerischen Leichtigkeit des Swing. „Now or Never“ ist auch der Titel ihrer aktuellen EP. Textlich und im Artwork bewegt sie sich da leider noch ganz in den Phrasen, die auch im R ’n’ B der Neunzigerjahre den Inhalt flach hielten. Musikalisch aber reißt sie darauf schon in diverse Richtungen aus. Denn Stella holt bei weitem nicht nur den Swing mit in ihre Musik: In „Your Choice“ wird die Strophe von funkigen Bläser-Sätzen getragen, der Refrain badet anschließend in ausladenenden Streicher-Klängen. „Savouring the Moment“ hingegen baut auf südeuropäischen Gitarrenklängen auf.

„Blackmusic hat sich mit modernen elektronischen Sounds weiterentwickelt und vermischt sich mit anderer Stilistik“, erklärt sie, so etwa der Funk bei Bruno Mars, Rihannas Reggae-Einflüsse oder Soul bei Alicia Keys, schon alleine deshalb bleibe dieses Genre innovativ. Etwas, das natürlich auch auf ihre eigene musikalische Arbeit abfärbe: „Mit dieser Einstellung möchte ich auch meine Lieder weiter einzigartig schreiben“, sagt sie, also achte sie auf die „Klangästhetik“ und mische Elemente unterschiedlicher Musikrichtungen. So gibt es sie auch live in verschiedenen Versionen – entweder mit akustischer Jazzband oder ihr neuestes Konzept: „One Voice, Two Keys and Beats”, für das sie ihre Lieder ins Elektronische übersetzt hat und über Break-Beats und Blues-Harmonien wieder eine Interpretation des R ’n’ B vorlegt. Die Münchner Szene der Underground-Musiker, die sich dem R ’n’ B widmen, ist überschauschaubar, doch die Leute seien interessiert, erzählt Stella. Immerhin so sehr, dass sie mit ihrer Musik bis ins Finale des diesjährigen Sprungbrett-Wettbewerbs gekommen ist. 

Stil:
R ’n’ B/ Jazz/ Pop
Besetzung: Stella Sezon (Gesang, Songwriting), mit wechselnden Live-Musikern
Aus: München
Seit: 2015
Internet: https://www.facebook.com/StellaSezonBand/

Text: Rita Argauer

Foto:
Maksym Gorchakov

Von Freitag bis Freitag: Unterwegs mit Marina

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Trotz Semesterbeginn und Aprilwetter ist unsere Autorin noch erstaunlich motiviert. Nicht nur was die Uni angeht, sondern auch bei ihrem wöchentlichen Kulturprogramm und beim Feiern: Im Ampere wird ausgiebig getanzt und im Milla gebührend auf die neue EP von Matthew und Matilda angestoßen. 

Freitag beginnt für
mich mit Musik. Es geht direkt los zu einer alt-bekannten Münchner Band, die
nach einer Pause ihr neues Album veröffentlicht. Die Rede ist von Password Monkey natürlich! Der nicht zu verkennende Classic Rock Einschlag
macht mir richtig Laune und bereitet mich auf den weiteren Abend vor. Als
nächstes fällt die Wahl schwer: Lieber tanzen gehen oder selber Musik machen?
Letzteres kann man heute Abend in der Kongress Bar bei der regelmäßig
stattfindenden Jam Session. Da war ich noch nie, also muss jetzt das erste Mal
sein. Und wie ich es von anderen

schon

gehört habe, entsteht hier ein echter
kreativer Austausch. Aber auch das Tanzen darf nicht zu kurz kommen, deswegen folge
ich der Aufforderung „Geh Tanzen!“ ins Ampere. Diese „Revolution freier Musik“
mischt alle tanzbaren Genres zu einem groovigen Abend und ist damit schon eine
echte Institution in München.

Samstag erhole ich mich
erstmal von Freitagabend. Nach ausgiebigem Brunchen und
vor-dem-schlechten-Wetter-im-Bett-Verstecken bin ich Abends fit genug, um 20:30
im Cord zu sein. Nach dem wilden Genre-Mix von Freitag beschränkt sich der
heutige Abend auf Jazz – ein Paradoxon an sich, wenn man bedenkt, wie abgefahren Jazz
sein kann. Beschränkungen gibt es da nicht, dafür bekannte Gesichter aus
München, die schon in ihrem jungen Alter Profis neidisch machen können. Was
danach noch geht? Im Cord ist immer noch was los, und wenn nicht, tut mir ein
bisschen Schlaf nach Freitag bestimmt auch mal wieder ganz gut.

Am Sonntag verpasse ich
mir eine Ladung Kultur im Farbenladen. Die Ausstellung „Nichts Desto Trotz“ von
Metromadrid läuft seit dem 8. April und es wird Zeit für mich da auch endlich
hinzugehen. Galgenhumor und gegenseitige Sichtweisen werden versprochen,
eingefangen in 70 Fotografien, die meinen Hunger nach Denkanstößen mehr als
zufriedenstellen. So intellektuell abgefüttert gehe ich Sonntag früh ins Bett –
denn ab Montag geht die Uni wieder los.

Das klingt vielleicht so,
als ob sofort viel Stress ansteht, aber zum Glück kann ich auch am Montag
entspannt ausschlafen und muss erst um zehn in der ersten Vorlesung sein.
Motiviert, wie meistens zum Semesterbeginn, will ich mich auch Montagabend
weiterbilden und gehe dazu ins Lost Weekend. Philosophie und Text stehen im
Mittelpunkt der Diskussion mit dem Autor
Arven Avanessian
, auch in Bezug auf Hausarbeiten im Uni-Alltag und Diskurse in
Seminaren. Zum Glück habe ich hier gut aufgepasst und mir ein paar spannende
Gedanken für die nächste Hausarbeit mitgenommen.

Am Dienstag wird ebenfalls
tagsüber studiert und abends erlebt. In der Galerie der Künste bekommen mit dem
Ausstellungskonzept „Die ersten Jahre der Professionalität“ aktuell sieben
junge Künstler und Künstlerinnen aus München die Gelegenheit, ihre Werke zu
präsentieren und auf sich aufmerksam zu machen. Die ein oder andere spannende
Entdeckung beschäftigt mich bis nach Hause. Zur Mitte der Woche gibt es dann
eine Portion Spaß und Entertainment. Natürlich muss ich als junge Münchnerin
auch das Wannda Festival besuchen! Besonders lustig ist das beim Stand-up
Comedy-Abend
, der mit drei Performern und freiem Eintritt extremen
Lach-Schluckauf verspricht. Da gibt’s gerne eine kleine Spende in die
Künstlerkasse.

Donnerstag werden zwei
sehr ähnlich konzeptionierte und glücklicherweise nicht weit voneinander
entfernte Veranstaltungen geboten: Im Milla präsentiert Mais Sundermann seine
Kunst, und die Elektro-Pop Band Aggressive Swans, in München keine Unbekannte
mehr, gibt ein Konzert. Ziemlich cool wie ich finde, und deswegen lausche ich
hier bei Betrachtung der Ausstellung um mich herum ausgiebig dem Konzert, bevor
ich ins awi weiterziehe. Da werden Graphic Designs von Simon Marchner und
Fotografien von Julian Mittelstädt gezeigt, im Anschluss daran gibt es feinste
Sounds die ganze Nacht lang. Wie gut, dass Freitags keine Vorlesung ist.

Auf den Freitag freue ich
mich schon ganz besonders: Matthew Matilda veröffentlichen endlich ihre erste
EP
! Wer Blues und Soul liebt, ist hier genau richtig, denn die beiden haben es
raus, ihre Stimmen harmonisch zu verbinden und diesen Sound mit Cello und
Akustik-Gitarre atmosphärisch zu hinterlegen. Das klingt fast wie der
Soundtrack zu einer großartigen Nacht, die auch nach dem Konzert im Milla
weitergeht, bei

Spring Again! – der perfekte Abschluss. Denn mit diesem
tanzbaren Mix endet meine Woche genau so, wie sie begonnen hat. Schlechtes
Wetter im April? Mir doch egal!

Text: Marina Sprenger

Foto: Privat

Von Freitag bis Freitag: Unterwegs mit Max

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Wenn es um Jazz geht, ist unser Autor einfach unersättlich. Daher lässt er es sich diese Woche im frühlingshaften München so richtig gut gehen: Mit der Jazzrausch Bigband im Harry Klein oder der Jazz-Jamsession in der Pasinger Fabrik zum Beispiel.

Ach Frühling – endlich bist du da. Endlich nach dem
Spazierengehen die Zehen noch spüren, endlich wieder lieber Fahrrad statt
U-Bahn fahren, endlich das Cabriodach des Autos wieder aufmachen… Halt. Ich
hab ja gar kein Cabrio. Geschweige denn ein Auto. Egal, denn zu den Events
nächste Woche komm ich auch sehr gut mit der U-Bahn. Oder eben mit dem Fahrrad.
Oder zu Fuß.

Am Freitag wird es da gleich mal spannend. Denn
ich konnte ein Ticket für den inzwischen längst ausverkauften Auftritt von Shahak
Shapira
ergattern. Über das Internet erlangte der jüdische Autor
und Satiriker vor allem Bekanntheit durch seine

“Storys vong der holygen
Bimmbel” und das Projekt “Yolocaust”. Wie allerdings seine Live-Show
aussehen wird, das ist mir nach wie vor ein Rätsel. Danach geht’s natürlich
noch weiter. Jamsession in der
Kongress Bar – Pflichttermin!

Den Samstag verbringe ich draußen. Ist ja schließlich
Frühling. Aber auch ein wenig in der Hoffnung, Ryan
Inglis und Freddy González
auf einer ihrer Stationen
quer durch die Stadt über den Weg zu laufen. Die beiden Singer-Songwriter spielen
über zwölf
Stunden verteilt Konzerte an sechs verschiedenen Orten,
um
Spenden für einen guten Zweck zu sammeln.

Am Abend geht’s dann ins (H/M)arry Klein, wo die Jazzrausch
Bigband
auftritt – allerdings passend zum Frauenmonat des Clubs
nur die Mädels der Besetzung. Letzte Station für den Samstag ist die Milla, wo
bei “Can
You Dig It?
” wieder ausschließlich vermeintlich unbekannte Hits
aufgelegt werden. Jeder, der einen Song kennt, bekommt einen Drink aufs Haus.

Aufgrund meiner herausragenden Musikkentnisse fällt der
Kater am Sonntag etwas schlimmer aus. Zum Katerfrühstück geht’s ins
H’ugo’s zum New
York Brunch
. Das tut gut! Noch mehr Essen gibt’s dann abends: Unter
dem Namen “Soulfood
to go
” präsentiert der Münchner Jazzchor
“Catchatune” sein aktuelles Programm im Gasteig. Wenn’s um Jazz geht,
bin ich einfach unersättlich.

Nach einem langen Verdauungsschlaf stehe ich am Montag
erst um 19 Uhr auf. Ich hab schließlich Semesterferien! Gerate dann aber doch
noch richtig in Stress, denn eigentlich wollte ich um 19:30 Uhr beim “Bless
The Mic – Rap meets Poetry
” in der
Glockenbachwerkstatt sein. Rap und Poetry-Slam – zwei Sparten mit vielen
Gemeinsamkeiten. Welcher Rapper wohl am Ende die goldene Winkekatze mit nach
Hause nehmen wird?

Dienstag. Das Wetter ist immer noch herrlich. Deswegen beschließe
ich, den Abend mit grillen – chillen – Bierchen killen zu verbringen. Dank der
Sommerzeit ist es jetzt ja wieder länger hell. Erst bei Einbruch der Dunkelheit
zieht es mich zur Jamsession der
Münchner Jazzschool in die Pasinger Fabrik.

Musik hab ich jetzt wirklich schon viel gehabt diese
Woche. Deswegen lasse ich am Mittwoch (ein bisschen wehmütig) das
Doppelkonzert von Inside
Golden und den Black Submarines
im Unter Deck ausfallen.
Stattdessen widme ich mich einem Blatt Papier. Und zwar genau im Format A5. Das
ist nämlich das Konzept des Abends “1000
Drawings
” im Lost Weekend. Es wird gezeichnet – egal wie,
egal was, Hauptsache auf ein A5-Blatt. Und die besten Kunstwerke werden am Ende
für einen guten Zweck verkauft. Vielleicht entdecke ich ja doch noch den
Zeichner in mir.

Ok, ein Zeichner werde ich nicht mehr. Das denke ich mir
am Donnerstagmorgen. Dann eben Fotografie. Die ideale Inspiration dafür
gibt es heute in der Immagis Galerie, wo Fotograf Marc
Hom
Porträtfotos von bekannten und einflussreichen
Persönlichkeiten ausstellt. Danach aber wieder zurück zu dem, was ich kann:
Musik. Und da gibt’s heute wirklich ein vielfältiges Angebot: Johnny
Rakete
in der Milla, das Beat-Battle “OneBeat
SampleSlam
” im Bahnwärter Thiel oder unser alter Bekannter Ryan
Inglis zusammen mit Julian Heller
im
Kyeso. Ich bin planlos.

War ja klar. Ich war so überfordert von der Flut an
Angeboten, dass ich den Abend letztendlich daheim verbracht hab. Egal, denn am Freitag
steht noch ein Highlight zum Wochenabschluss an. Altsaxophon-Gott Maceo
Parker
kommt in die Muffathalle! Seine Show, die sich
wahrscheinlich am besten als Drei-Stunden-Jamsession auf sehr hohem Niveau
bezeichnen lässt, weckt Frühlingsgefühle bei mir und bei jedem Liebhaber des
Funk und Soul. Auf viele weitere Wochen wie diese im frühlingshaften München!

Text: Maximilian Mumme

Foto: Serafina  Ferizaj

Band der Woche: The Tonecooks

Ein Fundament, das zunächst unstimmig scheint: Indie-Rock und Jazz – So vielfältig wie ihre Musik ist, so divers sind auch die thematisierten Inhalte. Es geht um Weltoffenheit und das Individuum in der Gesellschaft, aber auch um Tod und Verzweiflung.

Jazz war einst heiße Musik. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war im Jazz ein emotional warmer Ausdruck möglich, den es in der so stark formalisierten klassischen Musik nicht gab. Jazz war hot. Das hat sich gewandelt. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Art, wie Jazz musiziert wurde (nicht mehr als Tanzmusik, sondern mehr als Zuhör-Darbietung), aber auch die Haltung hinter dem Jazz heruntergekühlt. Cool, das Wort, das so geläufig als positive Bezeichnung im Pop-Biz geworden ist, entstammt dieser Haltung: Emotion nicht offen zeigen, heißt das ursprünglich, sich nicht preisgeben, eben cool bleiben. 

Pop und Jazz haben musiktheoretisch viele Berührungspunkte, ausdruckstechnisch gesehen jedoch sehr wenige. Mit I Am Kloot gab es aber im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts eine Band, die die coole Jazz-Haltung in die warme Singer-Songwriter-Musik holte. Auf „Natural History“, dem ersten Album der Briten, findet sich ein lässig-groovender Jazz-Bass neben vereinzelt dahingeworfenen Harmonien auf der Akustik-Gitarre und einem sanft-schwingenden Schlagzeug. Doch der Ausdruck der Band ist warm, voller Herz, emotionalem Leid und voller uncoolem Seelenstriptease. Und mit The Tonecooks gibt es seit vier Jahren in München eine Indie-Rock-Band, die diesen Transfer von jazziger Coolness in einen emotional aufgewärmten Musikstil ebenso hinbekommt.

Indie-Rock und Jazz, das erscheint eben erst einmal kreuzverschieden. Doch das Quartett, das sich am Münchner Dante-Gymnasium kennenlernte, trägt diese Melange als Voraussetzung. So prägen das musikalische Bild der Band der Sänger, Akustik-Gitarrist und Indie-Songwriter Julius Krebs sowie der zweite Sänger und Jazz-Gitarrist Til Waldhier. Und da die vier Musiker mehr demokratische Typen sind als kunstdiktatorische Haudegen, werden diese beiden Einflüsse eben, so gut es geht, zusammen gebracht: „Wir hören vollkommen unterschiedliche Musik, ticken alle anders, aber wir finden uns in der Musik“, erklären sie. Sie bräuchten nur aufeinander hören und schon entstehe ein „einzigartiges Miteinander“, man finde sich im „Klang- und somit im Gefühlsaustausch“. Und dieser macht sich auf den ersten Veröffentlichungen der Band schon ganz gut. Die Songs, die sie im vergangenen Jahr auf dem Album „Camel in the Ghost Train“ veröffentlichten, verdichten die Jazz-Einflüsse mit klassischen Brit-Rock- und Indie-Elementen.

Die Musik der Tonecooks funktioniert dazu passend auf zwei Ebenen: Einerseits jazzen Gitarre und Schlagzeug im Opener „All I Want“ mit einer nicht zu unterschätzenden Coolness. Andererseits folgt im Anschluss die Überraschung im Stück „Waves“, das zwar instrumental immer noch jazzig geprägt ist, in der Stimme aber schon ein Art romantisches Sehnen spürbar werden lässt. Der Track „Ordam“ bekommt dann über dem Jazz schon etwas Drängendes und beinahe Flehendes im Gesang, bevor das Album schließlich mit den Zwillingssongs „Lost I“ und „Lost II“ einmal den Jazz nihilistisch ins Funkige und einmal in rollenden Indie-Rock kippen lässt. Die Welt ist voller Gegensätze. Und diesen wollen die Tonecooks in ihrer Musik einen adäquaten Ausdruck verleihen: „Themen, wie der Bezug zwischen dem Individuum und der Gesellschaft, Weltoffenheit, sowie Verzweiflung und Tod, stehen in unseren Liedern im Mittelpunkt“, erklären sie. Ihre Musik, die eben eine solche Schichtung von Nähe und Wärme, sowie Coolness und Unnahbarkeit ist, spiegelt das. Im kommenden April wollen sie eine EP veröffentlichen, deren Stil einen Ausblick auf das, ebenfalls für 2017 angesetzte, zweite Album geben soll.

Stil: Indie/Rock/Jazz
Besetzung: Julius Krebs (Akustik-Gitarre, E-Gitarre, Gesang), Adam Smolen (Bass, Gesang), Til Waldhier (Jazz-Gitarre, Gesang), Nicolas Dehais (Schlagzeug, Percussion)
Seit: 2013
Aus: München
Internet: soundcloud.com/thetonecooks

Text: Rita Argauer

Foto:

Vincent Man

Von Freitag bis Freitag: Unterwegs mit Max

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Jazz, Tag der offenen Tür an der TU und Comics – abwechslungsreicher könnte man die Woche nicht gestalten. Abgerundet wird das Ganze am Freitag dann mit einem echten Highlight, auf das so manch Münchner schon seit Wochen hinfiebert.

Endlich Freitag – für mich schon
verlängertes Wochenende, da mein Uni-Stundenplan mich an diesem Wochentag
glücklicherweise freigestellt hat. Ausschlafen ist heute auch bitter nötig,
denn der Freitagabend wird anstrengend. Für mich als Jazzliebhaber ist das dreitägige Jazzfest München Pflicht,
das schon am Donnerstag begonnen hat. Heute gibt es dort erst zeitgenössischen
Jazz mit den Wanja Slavin Lotus Eaters und darauf orientalische Grooves mit
Majid Bekkas und Biboul Darouiche. Weil ich nach dieser Jazz-Infusion total
beschwingt und alles andere als müde bin, zieht es mich weiter in den Neuraum.
Als totales Kontrastprogramm legt dort das australische DJane-Duo Nervo energetische Dancebeats
auf.

Trotz durchgetanzter Nacht kämpfe ich mich am Samstagmorgen
aus dem Bett, denn heute ist der Tag der offenen Tür am
Forschungscampus der TU München in Garching. Für mich ein Muss, war es doch
ebendieser Tag vor ein paar Jahren, der mich zum Studium an der TUM bewegt hat.
Und autonom fahrende Autos, die Forschungs-Neutronenquelle oder das Innere des
Leibniz-Rechenzentrums mit dem Supercomputer SuperMUC sind damals wie heute ein
Faszinosum. Dann aber schleunigst ab in die Heimat. Würde ich dort nicht selbst
mit einer Bigband auftreten, wäre ich wohl einen weiteren Tag Gast auf dem
Jazzfest. Verpassen werde ich da unter anderem das U.M.P.A. Jazz Orchestra der
Hochschule für Musik und Theater.

So schnell wie ich am Samstag nach Hause
gefahren bin, muss ich am Sonntag auch schon wieder zurück. Denn schon
morgens beginnt der 117. Film- und Comicmarkt München.
Und vielleicht lässt sich da ja die ein oder andere einzigartige DVD abstauben.
Am Abend wartet dann noch ein echtes Highlight, denn die Schottenrocker von Biffy Clyro geben
sich im Zenith die Ehre. Für mich definitiv ein Höhepunkt des Konzertjahres,
haben diese sich doch schon auf Rock im Park so grandios warmgespielt.

Nach diesem ereignisreichen Wochenende bin ich
ganz froh, am Montag in den Uni- und Arbeitsalltag zurückzukehren.
Abends gönne ich mir dann etwas anpruchsvollere Kultur und gehe in die Münchner
Kammerspiele, wo Autor Christian Kracht aus
seinem mit dem Hermann-Hesse-Preis ausgezeichneten Werk “Die Toten” liest.

Am Dienstagabend muss ich wieder selbst
ran, Generalprobe mit der Band steht an. Deshalb bin ich auch etwas weniger
frustriert, dass die heutige Ausgabe des Isar Slams, Münchens größtem Poetry
Slam, bereits ausverkauft ist. Ansonsten hätte ich mich wohl vor das Ampere
gestellt und auf einen spontanen Ticketkauf gehofft.

Die kleine Pause tut mir aber auch ganz gut,
denn am Mittwoch gibt’s wieder volles Programm. Zunächst sprechen an der
LMU Journalistin Stefanie Lohaus und Soziologe Andreas Kemper über Frauen und Geschlechterbilder bei AfD und Pegida.
An der anschließenden Diskussion werde ich wohl nicht mehr bis zum Schluss
teilnehmen können, denn ich muss gleich weiter ins CINEMA zur Vorpremiere von “Doctor Strange”. Auf
den bereits vierzehnten Film aus dem Marvel-Universum freue ich mich besonders
wegen Benedict Cumberbatch in der Hauptrolle und den beeindruckenden
Spezialeffekten.

Meine Woche lasse ich mit zwei
Konzertabenden ausklingen. Am Donnerstag will ich ein weiteres Mal meinen
Jazzhunger stillen und gehe ins Sophia’s zu “Sophia’s goes Jazz”. Dort
tritt der großartige Münchner Sänger Adriano Prestel mit seiner Band auf.

Am Freitag ist wie immer Jamsession in
der Glockenbachwerkstatt, bei der ich ein recht häufiger Gast bin. Doch auch
diesen Freitag hält mich ein anderes Event von der Session fern. Die KYTES machen auf ihrer Tour zum
neuen Album “Heads and Tales” Station in der Muffathalle. Das darf ich mir auf
keinen Fall entgehen lassen. Weil ich nach dem Konzert mit Sicherheit noch
nicht genug haben werde, plane ich auch bereits die KYTES Aftershowparty ein.
Und damit steht auch fest: am Samstag mache ich erst mal nichts – außer
Schlafen.

Von: Maximilian Mumme

Foto: Serafina
Ferizaj

Band der Woche: Jules

60 Konzerte spielt Jules im Jahr. Oft ganz intim in irgendeinem Wohnzimmer in Deutschland. Jetzt sollen mehr Menschen von ihrem außerordentlichen Talent erfahren. Sie arbeitet an ihrer Debüt-Platte – ein Best-of-Album.

Best-of-Alben sind nichts für junge Künstler. Und schon gar nicht eignen sich diese retrospektiven Reste-Rampen als Debüt-Album. Doch die Münchner Sängerin und Songwriterin Julia Nagele veröffentlicht nun ein erstes Album, das gleichzeitig auch so etwas ist wie der Katalog ihrer bisherigen gesammelten Werke. Die erprobt sie immerhin schon seit Teenager-Zeiten und präsentiert sie in mehr als 60 Konzerten pro Jahr. Auch dafür hat sie sich ein besonderes Format ausgedacht: die professionalisierte WG-Jamsession. Zum dritten Mal ist sie nun schon auf eine Wohnzimmer-Konzert-Tournee durch unzählige Privat-Behausungen der Republik gefahren. 

Julia Nagele, die sich als Musikerin Jules (Foto: Christopher Klaus) nennt, vermischt dabei auf funktionierende Weise Do-it-Yourself-Kultur mit dem Konzept eines professionellen Musikerlebens. Das beginnt bei ihrer Ausbildung. Denn anders als so viele schön singende Teenager entschließt sich Julia nach dem Abitur tatsächlich zum Gesangstudium. Erst an der Munich Jazz School, mittlerweile studiert sie Jazz-Gesang an der Musikhochschule Mannheim. Doch mit dem akademisierten Jazz-Betrieb hat die Musik, die sie selbst macht, nichts zu tun. Die klingt zunächst einmal handgemacht. Sparsam instrumentiert mit ein wenig Percussion, Klavier und Akustik-Gitarre schreibt sie seit Jahren kontinuierlich Songs, die gut und leicht hörbar sind und sich in jedem Kaffeehaus gut machen würden. Doch die Qualität dieser Musik zeigt sich dann in der detailreichen Harmonik, die Julia mit ihrer Jazz-geschulten Stimme und in intelligenten Arrangements unauffällig aber tiefenwirksam in ihre Musik zu packen vermag. Das ist etwas, das man nicht in den Open-Stage-Sessions der Stadt lernt, sondern nur durch eine stete Konfrontation mit den eigenen musikalischen Grenzen. Um das zu erkennen, dafür ist die Do-it-Yourself-Musikerin Julia jedoch akademisch genug, wenn sie etwa über ihr Musikhochschulstudium sagt: „Ich stoße dabei täglich an meine Grenzen, deshalb ist es manchmal auch erschöpfend. Meistens ist es aber einfach interessant, was es alles zu entdecken gibt, was Musik alles bedeuten kann und wie unterschiedlich der Umgang mit ihr ist.“ Besonders spannend sei für sie jedoch, wie sich die Charaktere der einzelnen Musiker in ihrem Spiel widerspiegeln. Und damit reißt Julia die Musik zurück in den subjektiven Ausdruck, der ihr ebenso vertraut ist.

Und nun soll es also – nach langem Musizieren in verschiedensten Formationen – endlich ein Album mit ihrer Musik geben: „Das Album ist ein Sammelwerk der vergangenen sechs Jahre und beinhaltet Lieder über das Leben, die Liebe, die Reise aus dem Nest sozusagen.“ Der etwas verschwimmende und allgemeine Posten, den sie mit dieser Aussage bezieht, ist bei Julia aber ebenso in ihre Ästhetik eingeschrieben wie ihre Art, diese glatte Oberfläche immer wieder ganz subtil zu verziehen. Das zeigt sich schon darin, mit wie vielen verschiedenen Musikern sie für dieses Album zusammen gearbeitet hat. Den Kern bilden Jan Dittmann am Kontrabass und Julian Losigkeit am Schlagzeug, hinzu kommen Bläser und sogar ein Streichquartett. Um die Produktion, die Veröffentlichung und die Konzerte kümmert sich Julia aber – ganz dem Underground entsprechend – wieder alleine. Um ihr Debüt-Best-of-Album zu finanzieren, hat sie dafür ein Crowdfunding-Projekt initiiert, das unter www.startnext.com/jules noch bis Sonntag, 22. Mai, läuft. Dass sie als Gegenleistung für die Finanzierung unter anderem Wohnzimmerkonzerte anbietet, verwundert dabei überhaupt nicht. 

Text: Rita Argauer

Band der Woche: Eva Klein

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Die bayerische Heimat als Sehnsuchtsort. Bei der Songwriterin Eva klein ist das keine kitschige “Musikantenstadl-Musik”, sondern eine zugängliche Mischung aus Jazz, Country und Chanson. Dabei erinnert sie auch immer wieder an die Tragik einer Edith Piaf und die jazzige Leichtigkeit von Norah Jones.

Das mit der Volksmusik ist so eine Sache. Im englischsprachigen Raum hat die zum Beispiel einen enorm guten Ruf: Folk konnte sich als sich immer wieder erneuerndes Genre etablieren, das dadurch jung blieb und die abgehalfterte Kitsch-Reproduktion der Volkstümlichkeit nur einen kleinen Teil des Stils ausmachte. Auch in Frankreich hat das Chanson einen besseren Ruf – auch bei der Jugend, die sich im Normalfall ja ganz gerne von der älteren Generation abgrenzt. In Deutschland war das, was man Volksmusik nannte, lange gleichbedeutend mit einer gewissen Fernsehsendung, die künstlich inszeniert und seltsam jovial von einem längst vergangenen süddeutsch-geprägten Idyll erzählt. Gerne wird belächelt, dass sich der „Musikantenstadl“ gerade umbenannt hat. Doch es ist auch symptomatisch für das, was mit der Volksmusik passiert: Wenn versucht wird, mit dem neuen Titel „Stadlshow“ einer Glamour-Pop-Kultur hinterher zu kommen, die eigentlich auch schon wieder überholt ist, während Bands wie Kofelgschroa dem Stadl in Sachen authentischer Volkstümlichkeit den Rang abgelaufen haben.

Die Songwriterin Eva Klein (Foto: David Friedmann) kommt auch vom bayerischen Land. Und sie hätte mit ihrer Stimme, ihren melodischen Einfällen und ihrem Gitarrenspiel wunderbar an Claudia Koreck und ihren Mundart-Songwriter-Pop anknüpfen können. Der war zwar nicht ganz so weit vorne wie besagte Oberammergauer Blaskapelle, aber für das Musikantenstadl doch zu rau. Doch Eva Klein interessierte sich mehr für die Folk-Musik anderer Kulturen. Und die hat sich schon viel besser in der hiesigen Popkultur durchgesetzt.

So verbindet die Songwriterin Jazz, Country und Chanson zu einer eben durchaus sehr zugänglichen Mischung. Denn die Zugänglichkeit – wenn Hörer der Musik einfach folgen und schnell darauf einsteigen können – ist vielleicht eines wenigen Kriterien der Folk-Musik, das immer noch uneingeschränkt gilt, weil es die Musik von der Kunstmusik abhebt. Bei Eva Klein kommt hinzu, dass sie sich, obwohl sie nach der Jugend auf dem oberbayerischen Land in Regensburg studiert hat und mittlerweile in München lebt, immer das Ideal des ländlichen Idylls bewahrt hat und dieses als Sehnsuchtsort behält. Die Musik dient ihr so auch dazu, dieses Idyll für sich selbst festzuhalten und zu beschreiben und damit an eine breite Öffentlichkeit zu gehen. Mit ihrem Debüt-Album „Nothing to add“, das 2014 erschien, bündelte sie diese sehr zeitgenössische Vorstellung von Folk. Das trägt eben die Tragik einer Edith Piaf genauso in sich wie die jazzige Leichtigkeit von Norah Jones. Und mit ein bisschen Balkan-Rhythmik und Wechselschlägen wie in ihrem Song „I was Wrong“ kann sich das tatsächlich eine ganz volksnahe Wirkungsweise bewahren.

Von der Songwriter-Musik der zahlreichen Open-Stages ist sie damit weit entfernt. Ihre Musik, die sie live im Trio mit dem Kontrabassisten Flo Streitwieser und dem Gitarristen Tim Turosov präsentiert, ist gesetzt, etwas brav, ja erwachsen. Diese Musik klingt eher in einer gediegenen Bar als in einem Indie-Club. Doch auch das passt zu dieser Neuauffassung von Volksmusik. Denn das ist eine ähnliche Funktion, die früher Blaskapellen in Wirtshäusern übernahmen. Dabei spricht sie eine Generation an, für deren musikalische Sozialisation der Neo-Bayern-Beat, den LaBrassBanda auf den Plan brachte, zu jung ist. Doch für diese Hörerschaft hat sie mit dem Aufgreifen und Abbilden einer gegenwärtigen Popkultur eine Musik geschaffen, die man getrost als Volksmusik ohne Folklore bezeichnen kann; und die 60 Jahre Popkultur und Globalisierung genauso vereint wie die leichte und unaufdringliche Zugänglichkeit, die Volksmusik braucht.  

Stil:Songwriter / Folk und Country

Besetzung: Eva Klein

Aus: München

Seit: 2014

Internet:www.evakleinmusic.com

Rita Argauer

Foto: David Friedmann

Bamesreiter Schwartz Orchestra

Das Bamesreiter Schwartz Orchestra wirkt ein bisschen wie aus einer anderen Zeit. Aber vielleicht genau deshalb begeistert das Orchester mit ihrer Musik, welches sich am Beginn der Unterhaltungsmusik, an Jazz und Swing, orientiert.

Dass Musiker in Anzügen auftreten, ist außerhalb der Klassik längst vorbei. Doch nicht nur deshalb wirkt das Bamesreiter Schwartz Orchestra ein wenig aus der Zeit gefallen. Auch der Name erinnert an ein Tanzorchester der Zwanzigerjahre, das zu Paartanz aufspielt statt zu einzelgängerischem Techno-Gewackel. Und ähnlich gesetzt geben sich auch die beiden Band-Leader und Komponisten Lukas Bamesreiter und Richard Schwartz (Foto: Philip Seybold). Dass die Band, besser: Dass das Orchester dann auch schlicht nach den beiden benannt ist, ist selbsterklärend.
Doch andererseits hat ein derartiges musikalisches Unterfangen im Jahr 2015 auch den Witz, den Inszenierungswillen und den Größenwahn, den erfolgreiche Musikprojekte derzeit brauchen. Und wenn man sich auf die Strenge einlässt, ist diese Musik die konsequenteste Ausführung des Retro-Wahns aktueller Pop-Kultur: Das Bamesreiter Schwartz Orchestra geht ganz zurück zu den Anfängen der Unterhaltungsmusik, als Jazz und Swing einen musikalischen Umbruch einleiteten. So sind die beiden Musiker, die gerade ihren Bachelor an der Münchner Musikhochschule gemacht haben, auch ganz gegenwärtig. Immerhin schreiben sie zeitgemäße Musik für 24 Musiker, die alle Anfang bis Mitte zwanzig sind. Doch die Form, die sich Lukas und Richard dafür ausgesucht haben, ist eine alte; und eine, die nicht ganz unkompliziert ist: „Finanziell ist man mit einem zeitgenössischen Orchester heutzutage eigentlich auf einem unmöglichen Posten“, erklärt Richard. Sein Kollege Lukas beschreibt den logistischen Aufwand, den es bedeutet, wenn man Orchester abseits von Strukturen der Hochschule oder des Klassik-Marktes gründen und erhalten möchte, über ein kompliziertes Gleichnis: Der direkte Weg, nach dem Studium als Musiker in einer Combo zu spielen, wäre etwa, ein Trio zu gründen. Ein großbesetztes Orchester aber ist für Lukas der größtmögliche Umweg, „aber wunderbarerweise lohnt es sich“, fügt er an.
Dass die beiden sich dort zu Hause fühlen, merkt man den Stücken jedoch an: Indie-Gitarren-Riffs treffen dabei auf eine jaulend-klagende Swing-Trompete, ein unsteter Epilog, der vom Ensemble-Einsatz nicht in Lautstärke und Drama getrieben wird, sondern in modern reduzierte, kühle Rhythmik mündet. Gerade arbeiten sie ganz pragmatisch an einem Finanzierungskonzept für ein Album und Konzerte – denn kaum ein Club kann mehr als die Anfahrtskosten für die Band, deren Mitglieder in ganz Deutschland verteilt wohnen, bezahlen. Und nebenbei schreiben die beiden gerade an der Musik für ein Ballett. Ganz als würden sie in einer anderen Zeit leben.  

Rita Argauer

Foto: Philip Seybold

Stil: Jazz / Orchester
Besetzung: Lukas Bamesreiter (Posaune, Dirigat, Komposition), Richard Schwartz (E-Gitarre, Komposition), plus Orchester
Aus: München
Seit: 2013
Internet: www.facebook.com/BamesreiterSchwartzOrchestra