Langsam loslassen

80 Tage unterwegs: Als ihr Vater starb, beschloss Lotta Lubkoll, 25, aus ihrem Alltag auszubrechen.
Sie lief von München bis ans Mittelmeer – begleitet hat sie nur ihr Esel

Von Amelie Geiger

Nach 80 Tagen musste Lotta Lubkoll, 25, weinen. Nach 600 Kilometern liefen ihr die Tränen über die Wangen. Nach 80 Tagen, die sie alleine verbracht hatte. Nur sie und ihr Esel Jonny. Von München bis ans Mittelmeer ist sie mit ihm gelaufen. Als sie dann in Chioggia schon fast am Strand waren, hielt ein Mann vor ihnen mit seinem Auto an, ging auf die beiden zu und fragte, ob er Lotta umarmen dürfe. In diesem Moment begann sie zu weinen. „Es war die unglaublichste Reise meines Lebens und ich bin dankbar für jeden einzelnen Augenblick“, sagt sie.

Es waren Freudentränen, aber natürlich bahnte sich in diesem Moment auch tiefe Traurigkeit ihren Weg. Ihr Vater ist im vergangenen Jahr an Krebs erkrankt und gestorben. Sein Lebenstraum war es gewesen, mit einem Traktor und einem Planwagen durch die Welt zu reisen – leider konnte er das nie verwirklichen. Stattdessen machte sich Lotta auf den Weg. Mit einem Esel. In Schrittgeschwindigkeit. Zehn bis 15 Kilometer am Tag, manche Tage haben sie aber auch pausiert.

Wenn es irgendwann passt, würde Lotta es wagen, ihr Leben umzuschmeißen und eine große Reise auf sich zu nehmen, das hatte sie sich so oft gesagt. Als ihr Vater verstarb, erkannte sie, wie kurz das Leben ist, und lief los: von München bis zum Meer.

Lotta ist mittlerweile zurück in München. Sie ist aufgeweckt, quirlig, aber doch ganz bei sich. Mit ihren bunten Klamotten, ihren langen, blonden, welligen Haaren und ihrem Longboard sticht sie aus der Masse heraus. Ihr Lächeln steckt an.

Jules Verne hat sich 1873 das Abenteuerbuch „In 80 Tagen um die Welt“ ausgedacht. Mehrere Kontinente hat Lotta nicht bereist, aber sie hat in 80 Tagen ihr Leben verändert. „Ich habe Gelassenheit und Geduld gelernt“, sagt Lotta. „An jedem Tag auf unserem Weg wusste ich nicht, was hinter der nächsten Kurve liegt, ich wusste nicht, wo wir etwas zu essen oder Wasser bekommen, ich wusste nicht, wie weit wir laufen oder wo wir schlafen würden. Und trotzdem hat es immer funktioniert.“

2013 machte Lotta Abitur, im vergangenen Jahr schloss sie ihre Schauspielschule ab. Sie arbeitet als Model und Schauspielerin. Werbevideos, kleinere Rollen beim Tatort oder bei der BR-Serie „Dahoam is Dahoam“. Ein Leben vor der Kamera, das war und ist ihr Leben. Jetzt sind aber noch andere Dinge wichtig geworden. „Es ist doch toll zu wissen, was man wirklich zum Leben braucht und was alles purer Luxus ist, den wir uns gönnen“, sagt sie nach ihrer Reise. „Ich habe zwar nur eine kleine Wohnung, aber es ist toll, diese Dinge zu sehen und auch wieder neu schätzen zu lernen. Ein Bett, ein Bad, eine warme Dusche, fließend Wasser, eine Küche und Strom.“

Lotta war vor der Reise eher unruhig. Herumzulaufen nervte sie im Alltag, weil es ihr zu langsam ging, lieber stellte sie sich auf ihr Longboard oder fuhr mit dem Auto direkt vor die Tür. „Ich denke, dass in der heutigen Zeit alles viel zu schnell gehen muss und alles am besten schon gestern passiert sein soll“, sagt sie. „Es ist schade, dass wir uns keine Zeit mehr gönnen dürfen.“ Auch deswegen zog sie los. Sie wollte ganz viel in der Natur und ganz langsam unterwegs sein. Sich auf das Nötigste beschränken. Ganz nach dem Spruch „Besitz belastet“.
Einen Esel statt einen Menschen wählte sie als Begleitung, da sie unterwegs ganz auf ihre eigenen Gefühle hören wollte. Außerdem genießt sie es, alleine zu sein. Sie genießt es, singen, tanzen, lachen und weinen zu können, ohne dass sich jemand ein Urteil darüber bilden kann. Das ist für sie Freiheit. Es gab aber noch einen weiteren Grund: Lotta ist eher eine quirlige Person, die selten still sitzen kann. Ein Esel hingegen ist ein ruhiges Gemüt und von nichts so schnell aus der Ruhe zu bringen. „Andere Menschen machen Yoga oder meditieren“, sagt Lotta. „Ich fahre zu Jonny und gehe mit ihm im Wald spazieren.“ Außerdem habe ihr der Esel auf der Reise geholfen, im „Hier und Jetzt“ zu sein, wie sie sagt. „Ich konnte nichts planen, weil ich nie wusste, ob Jonny heute schnell oder langsam laufen möchte. Auch wenn ein Gewitter aufzog und ich eigentlich einen Gang zugelegt hätte, trottete Jonny gemütlich wie immer neben mir her. So lernte ich auch Gelassenheit.“

Auf ihrem Weg erlebte Lotta viele Dinge, die sie nie vergessen wird. Kleine Ereignisse, die sie aufbauten, wenn sie gerade am Ende mit ihrer Kraft war und sich fragte, warum sie sich das eigentlich antat. Wie zum Beispiel, als Jonny bei einer Familie, die ihnen einen Schlafplatz anboten, mit ins Haus durfte und wie der kleine Onkel bei „Pippi Langstrumpf“ in Küche und Wohnzimmer herumstolzierte. Oder als eine ältere Frau auf sie zukam und ihr frisch gebackenen Kuchen und dem Esel ein paar Möhren schenkte. Oder die Mutter, die zu Lotta kam, damit ihre kranke Tochter einmal einen Esel streicheln konnte. „Die strahlenden Gesichter, die Jonny und ich einfach nur durch unser Dasein zaubern konnten, waren alleine schon die Reise wert“, sagt Lotta. Um die ganzen schönen Momente festhalten und mit anderen Menschen teilen zu können, hat Lotta während der ganzen Reise gefilmt. Nun will sie aus dem Material einen Dokumentarfilm entwickeln. Auch ein Buch will sie über ihre Reise veröffentlichen.

Foto: Thomas Siflinger

46 der 80 Tage sind sie gewandert. Kaum länger als fünf, sechs Stunden am Stück, dann waren sie platt. „Wir wollten keinen Rekord aufstellen, sondern einfach nur die Zeit genießen“, sagt Lotta. Nach 600 Kilometern kamen sie dann doch noch ans Mittelmeer. Kurz vorm Strand hielt ein Auto an. Ein Mann stieg aus, er hatte eine ähnliche Statur wie ihr Vater. „Es kam mir fast so vor, als hätte mein Papa jemanden geschickt, um mich zu beglückwünschen, dass ich meinen Traum in die Tat umgesetzt und tatsächlich das Meer erreicht hatte“, sagt Lotta. Der Mann nahm Lotta lange in den Arm, dann verschwand er, ohne ein Wort zu sagen. Lotta begann zu weinen.