Es reicht

Bäume statt Baustellen, ländliche Ruhe statt Lärm – manchmal schadet die Hektik der Großstadt
der Kreativität. Drei Beispiele von Künstlern, die das Leben in München gerne eintauschen

Von Ornella Cosenza und Alina Venzl

Junge Künstler wohnen in Lofts oder in Kreativ-WGs, Großstadtlärm stört sie nicht, laute Partys werden gesucht und nicht gemieden. Klar, das sind Klischees. Klar ist aber auch: Um als junger Künstler weiterzukommen, muss man netzwerken, in der Szene unterwegs sein – und eigentlich in München wohnen. Es gibt aber auch Gegenbeispiele – drei Künstler und ihre Stadtflucht.

Reizüberflutung

Aus dem rosafarbenen Kapuzenpulli hängen ein paar blonde Haarsträhnen heraus. Elisa Giulia Teschner, 26, schaut in die Kamera. Im Hintergrund: Eine Wald- und Berglandschaft, bedeckt mit einer puderzuckerweißen Schneedecke. Kein Mensch weit und breit. Es ist Dezember. Es ist eiskalt, aber Elisa wandert trotzdem allein auf den Herzogstandgipfel. Die Fotos von ihrer Wanderung in der Natur postet sie auf ihrem Instagram-Profil.

Elisa liebt die Natur. In Bayern besonders die Seen und die Berge. Regelmäßig zieht es Elisa, Frontsängerin der Münchner Dark-Pop Band Varo, raus aus der Stadt. Rein in die Natur. Bäume statt Baustellen. „Vor allem vergangenen Sommer habe ich so ziemlich jedes Wochenende genutzt, um rauszufahren“, sagt die 26-Jährige. Und jetzt möchte sie komplett aus der Stadt ziehen. In eine ruhigere Gegend, „am liebsten am Ammersee“, sagt sie. Es gab auch schon eine Besichtigung. Aktuell wohnt Elisa aber noch mitten in München – am Goetheplatz. Für viele junge Menschen, die in München studieren, wäre die Lage ein Traum. Doch so richtig glücklich ist Elisa hier nicht: „Ich wohne im 2. Stock und schaue sozusagen von Hinterhof auf Hinterhof. Kein Baum. Morgens wache ich schon unruhig auf, wegen der Nachbarn und allem drum herum. Außerdem fühle ich mich hier in meiner Kreativität eingeschränkt“, sagt sie.

Seit ungefähr zwei Jahren spürt die Künstlerin, dass die Stadt sie irgendwie „nervt“, sagt sie. Immer dann, wenn sie im Zug saß, um Ausflüge in die Natur zu unternehmen, sei ihr Herz mit jeder Station ein bisschen mehr aufgegangen. „Obwohl ich immer in eine Großstadt wollte“, sagt Elisa. Bevor sie nach München kam, hat sie in der Nähe von Stuttgart gelebt und sei oft „von Kaff zu Kaff umgezogen“.
Für ihr musikalisches Schaffen mit Varo sieht die junge Künstlerin durch einen Umzug in ländlichere Orte keinen Negativwert. „Da wird sich nicht viel ändern. Der Proberaum bleibt ja weiterhin in München. Für den Fall, dass ich nicht mehr an der S-Bahn wohnen sollte, habe ich bereits überlegt, mir ein Auto zu holen“, sagt sie.

Die Natur übt auf Elisa eben einen größeren Reiz aus als München. „Wenn es ruhiger ist, findet man viel besser zu sich. Man fühlt sich geerdeter, auch wenn sich das vielleicht komisch anhört“, sagt sie. In der Stadt hingegen falle es ihr schwer, klare Gedanken zu haben. Durch den Verkehr, den Lärm und die überfüllten U-Bahnen habe sie in München eher das andauernde Gefühl einer Reizüberflutung. Außerdem sagt sie: „Ich bin gern alleine für mich und muss nicht dauernd unterwegs sein.“ Von den Musikern aus ihrer Band wird sie deshalb manchmal scherzhaft „Grandma“ genannt. „Einige meiner Freunde sagen aber: Wenn etwas zu mir passt, dann das.“
Die Wohnungssuche in ländlicheren Gegenden sei nicht unbedingt einfacher als die Suche in München. „In der Stadt gibt es viele Angebote, auf dem Land weniger. Und vieles ist gar nicht mal so viel günstiger als in München“, so Elisa. Die Musikerin ist hartnäckig geblieben und hat weitergesucht – jetzt ist es endlich so weit: Ende März zieht sie nach Bernried am Starnberger See. Die Vorfreude ist groß: „Ich habe fünf Minuten Fußweg zum See mit Bergblick. Schon bei der Besichtigung wusste ich, dass das mein neues Zuhause werden soll. Davor saß ich auf einer Parkbank mit Buch. Vor mir der See. Ich hörte nur Vögel, keine Autos, kein Geplapper. So wie ich es wollte.“

Constanze Xenia Budcke
           Foto: privat

Meeresrauschen

Wenn Constanze Xenia Budcke, 22, in ihrem WG-Zimmer das Fenster öffnet, hört sie laute Autos. Und selbst, wenn es geschlossen ist, ist es immer noch da: das Rauschen der befahrenen Straße. „Man könnte versuchen, sich zu denken, dass das Meeresrauschen ist, aber na ja“, sagt sie und lacht. „Ich bin sehr lärmempfindlich.“ Die WG der 22-Jährigen liegt zwischen Poccistraße und Harras – zur Akademie der Bildenden Künste, wo Constanze gerade Bildhauerei studiert, sind es mit der U-Bahn nur ein paar Minuten. Aber ganz zufrieden ist sie damit nicht. Sie möchte „ein bisschen weiter raus, nicht mehr ganz mittendrin wohnen“, sagt sie. Am liebsten an den Stadtrand, wo gerade noch eine S-Bahn fährt, selbst wenn sie dann 30 bis 40 Minuten unterwegs ist. Das würde sie in Kauf nehmen. Denn sie mag es, dass es dort, an den äußeren Rändern von München, mehr Stille und Grün gibt als mitten im Stadtzentrum.
„Das bedeutet aber nicht, dass ich die Stadt nicht mag. Ganz im Gegenteil, ich brauche sie und die Menschen. Aber gleichzeitig brauche ich eben auch mehr Raum und Ruhe für mich“, sagt sie. Außerdem: „In der Stadt läuft die Zeit anders. Fahrpläne und Uhren geben uns einen Rhythmus vor, an den wir uns anpassen“, sagt sie. München ist eine schnelle Großstadt, die U-Bahnen sind oft überfüllt. Manchmal entstehe dadurch das Gefühl von Reizüberflutung. Und Reize nimmt die junge Frau intensiv war. Während sie durch die Stadt geht, bleibt sie gerne auch mal stehen und fotografiert mit ihrem Handy etwas aus ihrem Alltag oder ein Detail, das ihr gerade auffällt. Um sich der Hetze und dem Zeitdruck der Großstadt zu entziehen, hat Constanze eine Art festes Ritual: „Wenn ich nach Hause komme, koche ich mir zuerst einen Tee. Diese Zeit kann man nicht steuern. Man muss warten, bis das Wasser kocht, der Tee gezogen ist“, ein Moment Entschleunigung also.

Wieso funktioniert das am Stadtrand besser? „Dort bin ich näher an der natürlichen Zeit. Man bekommt den Sonnenaufgang und den Sonnenuntergang besser mit und, was für mich als Künstlerin wichtig ist: Ich glaube, dass ich, wenn ich von mehr Natur und Ruhe umgeben bin, meinen eigenen Rhythmus besser finden kann.“ Ein eigener Rhythmus bedeutet für sie gleichzeitig auch mehr Freiheit, eigene und kreative. Es geht ihr um das Finden eines Gleichgewichts zwischen der schnellen Stadt mit ihren Reizen und der ruhebringenden Natur. „Als Künstlerin“, sagt Constanze „muss man Zeit mit sich selbst verbringen“, deshalb ist ihr auch der Ort, ihr Zuhause, so wichtig, an dem sie diese Zeit verbringen kann und sich wohlfühlt. Ein Ort, an dem sie sich selbst nicht aus dem Weg gehen kann und nicht von außen aus der eigenen Ruhe gerissen wird. Momentan hat sie eher das Gefühl, dass sich „physischer und psychischer Raum überschneiden“ und fühlt sich deshalb in ihrer Freiheit eingeschränkt.

       Foto: Tom Doolie

Platzmangel
„Ein Ort in München, wo man ungestört und ohne Beschwerden von Nachbarn einfach ganz in Ruhe eine Tischkreissäge verwenden kann, ist kaum auffindbar“, sagt Julian Schmidl, 25. Sein Künstlername ist Juls Zeser, 2013 gründete er Zeser Arts Concept. Julian baut einzigartige große Skulpturen aus verschiedensten Materialien, die Räume teils ganz ausfüllen oder sie ganz für sich beanspruchen. Seine Kunst und der Platzmangel in München trieben den jungen Mann an, sich einen Ort mit reichlich Platz und Ruhe vor der Stadt zum Arbeiten und Wohnen zu suchen.

Die Inspiration hat Julian bei einem Projekt in der Schweiz bekommen. Nicht nur die Berge und die Ruhe, sondern auch der riesige Garten, in dem er einfach darauf losarbeiten kann, machen das Haus für ihn einzigartig. „In München ist es ein großes Heckmeck, mehrere kreative Leute in einem bezahlbaren großen Ort zu vereinen“, sagt Julian, der die Ideen für seine Kunst alleine hat, aber bei der Umsetzung auf die Mitarbeit anderer angewiesen ist. Sein Mitbewohner Tim und der Landhaus-WG-Hund Chico stehen ihm immer als erstes zur Verfügung. Das Haus am Chiemsee bietet für Julian und seine Mitbewohner den Ausgleich und den bezahlbaren Platz, den junge Künstler in der Stadt nicht so einfach finden.

Foto: Martin Holzner