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Wenn Techno und Hip-Hop aufeinanderkrachen

Die beiden Kollektive Finesse und Modus wollen zusammenbringen, was auf den ersten Blick nicht zusammenpasst. Am Ende ist die Party laut. Und das Muffatcafé voll

Ein Bier. Eine Zigarette – bevor es losgeht. Es ist schon dunkel, als die jungen Männer vom Finesse Kollektiv und die vom Modus Kollektiv sich vor dem Muffatcafé treffen. Sie stehen im Kreis und besprechen letzte Dinge. Die Männer lachen. Drinnen dröhnt bereits der Bass. Techno-Sound wummert bis nach draußen. Heute Nacht ist ihre Nacht. Eine Nacht des Konsens, der Übereinstimmung. “Konsens”, so lautet der Titel des Abends.

Die beiden Kollektive wollen das zusammenbringen, was auf den ersten Blick nicht zusammenpasst: Hip-Hop und Techno. Bei Hip-Hop geht es, klischeehaft gesprochen, um dicke Goldketten, dicke Autos und Posen auf der Bühne. Bei Technopartys fühlt man den Beat, das Wummern, die vibrierende Trance. Und doch: Für die beiden Kollektive sind die beiden Musikrichtungen kein Widerspruch.

“Man erhitzt die Gemüter mit dem Hip-Hop-Part und dann – Blitzeinschlag – die ganze Nacht Techno. Das ist der Modus”, sagt Marco Alder, 19. Er spricht für das Finesse Kollektiv, aber “Modus” ist auch sein Wort. Modus ist für sie alle ein Wort für Ekstase. Die fünfzehn jungen Männer haben ihre eigene Sprache, ihren eigenen Stil. Sie kennen sich schon seit der Kindheit, sind alle im Münchner Osten aufgewachsen und mit dem Erwachsenwerden wurden aus ihrer Freundschaft zwei Kollektive. Manche sind in beiden Kreisen, manche nur in einem. Für die “Konsens”-Veranstaltung gehören sie alle zusammen, denn sie alle haben zwei Herzen in ihrer Brust: Das eine schlägt für Hip-Hop, das andere für Techno. Musik war schon immer wichtig für sie. Mal haben sie aufgelegt, mal an eigenen Beats gebastelt und Texte geschrieben. Damals war es eher Party. Jetzt meinen sie es ernst, jetzt organisieren sie die Party selbst. “Es ist viel cooler, was selbst zu machen, zu bestimmen, was läuft, und das zu liefern, was der Stadt noch fehlt. Man lernt neue Leute kennen und trifft auch alte Freunde wieder. So entsteht eine große Gemeinschaft”, sagt Tim Heid, 19, vom Modus Kollektiv.

Dieser Gemeinschaft wollen sie mit ihrer Veranstaltung eine Möglichkeit geben, sich kreativ auszutoben. Denn neben den Mitgliedern der beiden Kollektive, stehen auch Künstler und Künstlerinnen aus München und Europa auf der Bühne. “Am besten unbekannt”, so die Meinung der jungen Männer. Sowohl Techno als auch Hip-Hop zu spielen, war klar. “Es geht nicht darum, der einen Szene eine andere aufzudrängen. Es funktioniert beides wunderbar zusammen. Konzert und Party. Vom Gefühl passt das einfach.”

Ihr Gefühl täuscht sie nicht: Als sich die Türen öffnen, wartet eine lange Schlange. Junge Menschen drängen nach drinnen, wollen auf die Tanzfläche. Sie feiern mit dem Finesse Kollektiv. Pogen wild zum Trapsound. Auf der Bühne wechseln sich die Künstler ab, performen spontan zusammen, springen ins Publikum, rasten aus.

Als der Hip-Hop-Teil des Abends zu Ende geht, kehrt kurz Ruhe ein. Nach so viel Schwitzen muss auch das Publikum erst wieder Energie tanken. Danach ist der Raum dunkler als zuvor. Lichter blitzen. Auf der Bühne legen die DJs des Modus Kollektiv harten, elektrisierenden Techno auf. Die Tanzfläche füllt sich erneut. Zum Rhythmus feiern sich die Gäste in Trance und viele bleiben, bis es wieder Morgen wird. Das macht Tim, Marco und ihre Kollegen glücklich. Sie feiern sich selbst. Denn vor der Veranstaltung hat viel Druck auf ihnen gelastet: Anlage organisieren, Werbung machen, Beats produzieren und Visuals entwerfen.

Dass sie jeden Aspekt der Party-Planung selbst machen würden, war von Anfang an klar, hat sie aber doch auch verunsichert. “Ich hatte kurz den Gedanken: Oh je, wie soll ich das alles schaffen. Dann wurde mir bewusst: Ich muss das gar nicht schaffen. Wir schaffen das”, sagt Marco, Betonung auf dem “wir”. Jeder der fünfzehn jungen Männer hat eine Aufgabe. Auf und neben der Bühne. Verantwortung übernehmen, bedeutet für sie auch: Mitreden dürfen. “Wir verstehen uns als Demokratie. Jeder soll seine Meinung sagen. Und nur wenn wir uns alle einig sind, treffen wir eine Entscheidung. Das kann manchmal etwas dauern und Diskussionen geben, aber so funktioniert es für uns am besten”, sagt Tim.

Die beiden Kollektive haben eine Möglichkeit bekommen, die Münchner Szene mitzugestalten, auch wenn es nicht einfach war, sich durchzusetzen. Denn in München ist es schwierig, Räume für derartige Veranstaltungen zu finden. Deshalb sind sie dem Muffatcafé dankbar. “Wir haben viel versucht und hatten Glück. München ist oft verklemmt, nicht offen für Neues. Wir wollen mit unseren Partys jetzt einen Raum für die kreativen Köpfe der Stadt schaffen”, sagt Marco. An diesem Abend schaffen sie vor allem einen Raum für Begegnung. Techno und Hip-Hop krachen regelrecht aufeinander. Es ist laut. Es ist voll.

Laura Wiedemann