Von Freitag bis Freitag: Unterwegs mit Laura
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Von Freitag bis Freitag: Unterwegs mit Laura

Es ist ein Fall eingetreten, den unsere Autorin Laura selbst nicht für möglich gehalten hätte: Sie vermisst die Wiesn. Zumindest ein bisschen. Wie mit so vielem dieses Jahr, geht es aber auch ganz gut ohne. Deshalb verbringt Laura ihre Woche bei Biergarten Closing, Demo oder Street Art Festival.

Von Laura Wiedemann

Wohin man sieht, überall Wiesn Events. Mit unzähligen Veranstaltungen will uns die Stadt ein bisschen Oktoberfestgefühl geben. Um ehrlich zu sein war mir das bis vor kurzen ziemlich egal. Aber auch ich muss mir eingestehen: So ein bisschen vermisse ich die Wiesn schon. Einige Male stand ich jetzt schon vor meinem Kleiderschrank und dachte mir: Mei, wie schön es doch wär‘ mein Dirndl Mal wieder anzuziehen! Und nicht nur das. Mal wieder eng mit Menschen sein, neue Leute kennenlernen, Mal wieder leicht berauscht im Bierzelt tanzen. Aber es ist wohl wie mit so vielem 2020: Am Ende geht es auch ganz gut ohne. Schließlich hatte ich auch einen schönen Sommer ohne Musikfestivals, Reisen in ferne Länder oder durchfeierte Sommernächte. Warum also nicht auch einen schönen Herbstanfang ohne Wiesn haben.

Am Freitag verabschiede ich den Sommer deshalb beim Biergarten Closing im Milla. Ein paar Mal habe ich in den vergangenen Wochen hier schon die lauen Sommerabende genossen. Hier ist es ohnehin viel schöner als in einem überfüllten Wiesnbiergarten. Hier sitze ich unter mit Lichterketten behängten Bäumen, das Bier ist wirklich kühl und nicht schon abgestanden und die Musik ist auch noch gut.

Am nächsten Morgen ist es vermutlich etwas ruhiger als die Jahre zuvor. Keine Menschenmengen, die zum Wiesnanstich rennen. Und ich spaziere an der Isar vorbei in Richtung Gans Woanders. Auch dort haben sie den eigentlichen Oktoberfest Start nicht vergessen und basteln am Samstag Trachtenschmuck. Eigentlich sind meine Trachtenaccessoires ein Kaltgetränk und eine Dose Schnupftabak (ich weiß wie ungesund sich das anhört), jetzt bin ich ausgestattet mit Kette, Ohrringen und Co. Und das auch noch selbstgemacht. Am Abend ziehe ich mit meinen neuen Schmuckstücken dann doch los auf die Wirtshaus-Wiesn, das Dirndl habe ich natürlich auch aus dem Schrank geholt. Ein Ersatz-Wiesn-Event muss schon sein. Zusammen mit meinen Freunden will ich mir anschauen was sich die Stadt so hat einfallen lassen. Beim Oktoberfestersatz machen über 50 Münchner Gaststätten mit und eine davon hat mit Sicherheit noch einen Platz im Biergarten für uns.

Oktoberfest ist ja irgendwie auch Verdrängung. Und nach dem vergangenen Abend, hat mich am Sonntag die Realität wieder zurück. Mit vielen anderen Münchnerinnen und Münchner stehe ich um 14 Uhr am Goetheplatz. Die Seebrücke München hat zum Protest aufgerufen und ich halte mein Schild mit „Leavenoonebehind“ in die Höhe. Schon in den vergangenen Monaten hat mich die Lage der Menschen im Flüchtlingscamp Moria beschäftigt. Ich bin wütend. Und auch wenn eine Demo nicht die Welt verändert, ist es mir wichtig hier zu sein.

Was mir dieses Jahr und die letzten Tage auch gezeigt haben: Es gibt viel elementarere Probleme als abgesagte Volksfeste. Das Buch „Gegenwartsbewältigung“ von Max Czollek trifft diesen Zeitgeist von 2020 ganz gut. Was müssen wir verändern? Wie muss unsere Gesellschaft aussehen, damit Menschen gleichermaßen Solidarität erfahren? Nur eine von vielen Fragen, die am Montag bei der Lesung im Literaturhaus München diskutiert werden. Ich will mich per Stream ins Publikum schalten und zuhören.

Am Dienstag geht es neben dem Zuhören dann auch um das selbst Erzählen. Bei der Story Party werden im Bahnwärther Thiel die schlimmsten Dating Geschichten ausgepackt. Neben der Comedy Show dürfen auch Menschen aus dem Publikum auf die Bühne, ob ich aber selbst was erzählen möchte weiß ich noch nicht. Einfallen würde mir als Langezeit Single da schon die ein oder andere Sache. Fürs erste bleibt es aber beim Zuhören. Mit Sicherheit sind da auch ein paar Geschichten von liebestechnischen Horrorbegegnungen auf dem Oktoberfest dabei.

Während das Stadtbild um diese Zeit eigentlich von schwankenden Dirndl- und Lederhosenträgern geprägt wäre, hält mit der Ausstellung „Hands Off The Wall“ in diesem Jahr künstlerische Schönheit Einzug ins Werksviertel. 17 Künstlerinnen (ja, ausschließlich weiblich) aus aller Welt zeigen beim Street Art Festival an den Wänden im Werk9 was sie können und verschönern damit ein kleines Stück München. Das Festival läuft noch bis zum 27. September, ich schaue am Mittwoch vorbei.

Weil ich für diese Woche genug von irgendwelchen Ersatz-Wiesn Veranstaltungen habe, bleibe ich am Donnerstag zuhause. Da ich im Moment viel in meinem Praktikum zu tun habe, tut ein Abend ohne Termine mal ganz gut. Zusammen mit meinen Mitbewohnern koche ich was Feines. Vielleicht ja sogar echt bayrisch Rahmschwammerl oder Kässpatzen, wer weiß.

Meine Woche endet, wie erwartet, mit der Erkenntnis: Es geht auch ganz gut ohne Wiesn. Zumindest für dieses Jahr. Am Freitagabend begebe ich mich entspannt zu elektronischen Klängen am Kulturstrand ins Wochenende. Die DJs vom Marry Klein legen auf. Hier stehen weibliche Künstlerinnen auf der Bühne. Keine sexistischen Bierzeltsongs oder unangebrachte Bemerkungen vom Tischnachbarn. Er kann auch ganz schön sein dieser ungewöhnliche Herbstanfang, dieses ungewöhnliche Jahr.