250 Zeichen Wut: Geschwister-Scholl-Platz

Einfach nur am Brunnen sitzen und das schöne Wetter genießen. Unser Autor weiß, dass das vor der LMU manchmal zum Problem werden kann…

Kaum genießen wir die Muße am Brunnen, rücken sie schon an.
Bewaffnet mit Bergen an Flyern, Gratis-Stiften und süßen Schnitten (keine
Mädels) wollen sie alles von uns- nur nicht unsere Ruhe. Verdammt, könnt ihr
euch nicht politisch engagieren anstatt uns irgendwelche
bescheuerten Nebenjobs anzudrehen? Die braucht nämlich niemand- einen Platz an
der Sonne aber schon.

Text: Louis Seibert

250 Zeichen Wut:

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Es ist soweit. Diese Woche ist Semesterstart und die ganze Stadt riecht nach Erstis. Und genauso zuverlässig kehrt damit jedes Jahr das Augenrollen unserer Autorin wieder.

An alle Erstsemester mit frischem
Immatrikulationshintergrund da draußen: auch eure euphorische Motivation wird bald vorüber sein. Wir sind nicht mehr in der Schule. Lasst bitte diesen Holzoptik Lamy-Füller zuhause. Und nein, ihr müsst nicht JEDES Tutorium besuchen. Manche Dinge findet man auch 2017 nur in Büchern und nicht bei YouTube oder Google. Nur eingebildete Papi-Söhnchen-Juristen parken direkt vor der Stabi. Und ja: es gibt auch noch andere Bibliotheken als die Stabi. Da lernt es sich meistens sogar besser und unbeobachteter. Und jetzt: alles Gute für’s Studium. Und auch, wenn ihr armen Küken es vom G8 nicht anders kennt: es geht nicht darum ganz, ganz schnell fertig zu werden, sondern darum möglichst viel mitzunehmen. Im Vorlesungssaal und auf Parties.

Text: Ornella Cosenza

Zufallsstudium: Schreiben

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Als sich unsere Autorin in die Vorlesung “Schreiben” setzt, freut sie sich bereits darauf, ihre journalisitischen Fähigkeiten ausbauen zu können. Jedoch erweist sich der Stundeninhalt als enttäuschend uninteressant.

Laute Musik dringt durch die weit geöffneten Fenster des
Hörsaals und verbreitet an diesem heißen Tag Sommerlaune. Ich lausche von
meinem Platz in der hintersten Reihe, die Worte der Dozentin rücken zunehmend
in den Hintergrund. Als meine Gedanken träge werden, schließt eine Kommilitonin
die Fenster mit einem Knall. Er erinnert mich daran, dass es bei dieser
Vorlesung nicht um Musik geht, sondern um eine andere Kunst: Die Veranstaltung
an der literaturwissenschaftlichen Fakultät heißt „Schreiben“. Ein Titel, der mich
zunächst ratlos zurücklässt. Ist damit Kreatives Schreiben gemeint?
Journalistisches Schreiben? Inzwischen weiß ich: Nichts davon. Denn die
Dozentin der Vorlesung „Schreiben“ erklärt, dass es das Schreiben so nicht
gibt. Die Erkenntnis trifft mich hart. Immerhin bin ich als Journalistin
gekommen, um über die Veranstaltung zu schreiben.

Aber von vorne. Es war meine Aufgabe, spontan einem
Studenten in seine Vorlesung folgen. 15 Minuten vor Vorlesungsbeginn positioniere
ich mich vor dem Audimax, ein wenig nervös, wohin der Zufall mich bringen wird.
Entwicklungspsychologie? Astrophysik? Das fände ich spannend. In meinen
Gedanken versunken, sehe ich einen jungen Mann an mir vorbeischlurfen. Dunkle
Locken, Ringelpullover, Kopfhörer in den Ohren: Alles ganz entspannt, strahlt
er aus. Der geht bestimmt nicht in ein Master-Seminar über höhere Mathematik,
in dem ich an die Tafel gebeten werden könnte. In gemächlichem Tempo folge ich
dem Lockenkopf, links, die Treppe hoch, wieder rechts. Dann verschwindet er in
einem Vorlesungssaal. Ich bleibe ein wenig unschlüssig vor der Tür stehen und
versuche, mit einem Blick auf den Belegungsplan das Mathe-Horrorszenario
auszuschließen. Vergeblich. Dann taucht in meinem Augenwinkel eine Studentin
auf. Sie trägt eine türkisene Tasche, ein türkisenes T-Shirt und türkisene
Schuhe. Diese Farbenpracht irritiert mich kurz. Doch ich ergreife meine Chance
und fragte die junge Frau: „Entschuldigung, was ist das denn für eine
Vorlesung?“. Sie antwortet ganz knapp: „Schreiben.“ Dann schlüpft sie ebenfalls
in den Raum.

Schreiben. Glückstreffer. Vielleicht kann ich da als
Journalistin noch was lernen. Ich folge meiner türkisenen Zufallskommilitonin
und setze mich in die letzte Reihe, direkt hinter den Lockenkopf. Sicher ist
sicher, lieber ein bisschen mehr Abstand von der Dozentin. Auch wenn die mit
ihren dunkeln kurzen Haaren, Brille und Blazer eigentlich ganz freundlich
aussieht. Schnell merke ich, dass ich hier nur zuhören muss. Ob ich dabei etwas
Nützliches fürs Schreiben lerne? Eher nicht. Die Professorin spricht nicht von
journalistischem oder kreativem Schreiben, sondern von der Ökonomie des
Schreibens. Fragen wie „Welche Grenzen sind dem Schreiben gesetzt?“ und „Was
bringt Schrift hervor?“ werden behandelt. Ich versuche, die Antworten zu
mitzubekommen. Aber unzählige Fachbegriffe fallen, die ich nicht verstehe:
Intertexualität, Paratexte, Supplement. Mein Kopf wird immer schwerer, brummt
dumpf. Anscheinend fühle ich nicht alleine so, denn mein Zufallskommilitone mit
dem Ringelpullover hat seinen Lockenkopf inzwischen auf der rechten Schulter
abgelegt. Ein Blick auf die Uhr. Noch eine Stunde. Mit aller Kraft versuche
ich, meine Konzentration wieder auf die Vorlesung zu richten. Und die Dozentin
erklärt: „Schreiben“ ohne Präfix gäbe es nicht. Stattdessen müsse man zum
Beispiel von „Umschreiben“, „Fortschreiben“ oder „Gegenschreiben“ sprechen. Ein
Text stehe immer in Beziehung zu anderen Texten. Zum Beispiel zu denen, die
vorher und nachher geschrieben werden.

Mein Gehirn versucht, das alles zu verarbeiten. Doch in der
Hitze werden meine Gedanken träge. Dann nehme ich die fröhliche Musik wahr. Sie
entspannt mich ein bisschen, ich beginne über den Text, den ich schreiben
werde, nachzudenken. Welche Texte mich beim Schreiben wohl prägen? Und werde ich
andere Schreiber beeinflussen? Liebe Zufallskommilitonen, ihr könntet das
untersuchen.


Text: Sophia Baumann

Foto: Lukas Haas

Fremdgänger: Judith Butler statt Angela Merkel

Unsere Autorin erkennt diese Woche im Ratespiel-Klassiker „Wer bin ich“ eine Verkörperung ihres Universitätslebens in Oxford.

Zehn paar Augen richten sich gespannt auf Theo. Als letzter im Raum hat er einen kleinen Notizzettel auf der Stirn kleben. Auf dem Zettel steht „Kate Winslet“. Es ist Freitagabend und mehr als die Hälfte meines Kurses drängt sich um die Kochinsel in der Küche eines meiner Kommilitonen. An den Fensterscheiben kondensiert der Dampf des frittierten Tempura-Gemüses und meine frisch gewaschenen Haare riechen nach heißem Brat-Öl. Wir spielen „Wer bin ich“, mit einer Konzentration und Hingabe, die ich mittlerweile vor allem aus unserem „Movement and Morality“-Kurs kenne, wenn wir über die normative Rechtfertigung von Nationalstaatsgrenzen diskutieren.

Auf Theos erstem Zettel stand „Shakespeare“ – das war eindeutig zu einfach gewesen: Theo schreibt und veröffentlicht gefühlt jede Woche ein neues Gedicht und hat, seit ich ihn vor knapp fünf Monaten kennengelernt habe, mindestens vier verschiedene Poesie-Preise gewonnen. Aber jetzt, bei einer der derzeit berühmtesten britischen Schauspielerinnen, scheint er zu versagen. Er hebt hilflos die Hände und meint „Guys, I don’t know this person – I swear.“ Das kann eigentlich keiner der Anwesenden glauben, denn Theo, der außerdem auch schon seinen Bachelor in Geschichte und Politik hier in Oxford absolviert hat, ist nie um eine Antwort verlegen. Doch selbst als alle Mädchen im Raum mit ausgebreiteten Armen anfangen „My Heart Will Go On“ zu singen, bleibt er ratlos.

„Wer bin ich“ war schon immer eines meiner Lieblingsspiele, weil es ein bisschen mehr über die spielenden Personen verrät, als das vielleicht den Anschein haben mag. Vielleicht ist dieser Abend gerade deswegen eine der besten Verkörperungen des Universitätslebens in Oxford, die ich bisher erlebt habe. Wenn ich zu Hause in München mit meinen Freunden „Wer bin ich“ spiele, ist der ausgefallenste, um nicht zu sagen intellektuellste Name vielleicht „Angela Merkel“ oder „Günter Jauch“. Aber die Klassiker sind „Johnny Depp“, „Pamela Anderson“ oder „Philipp Lahm“.

In der vergangenen Stunde haben meine internationalen Freunde hingegen „Friedrich Engels“, „Cecil Rhodes“, „Sigmund Freud“, und „Judith Butler“ erraten müssen – und das nicht selten auch nach kürzester Zeit geschafft. Zu Hause in München gibt es eine Trennung zwischen intellektuellem Universitätsleben und Privatleben. Meine Freunde sind nicht notwendigerweise meine Kommilitonen, niemand würde bei „Wer bin ich“ auf die Idee kommen, einen berühmten Historiker oder gar einen Professor auf die Stirn des Nachbarn zu kleben. Nicht nur läuft hier in Oxford Studium, Leben und Freundschaft ineinander, oft habe ich auch das Gefühl, dass die Leute hier viel mehr in ihren akademischen Leidenschaften aufgehen und soziale und kulturelle Vorlieben hegen, bei denen etwa meine party-freudige kleine Schwester die Augen verdrehen und gähnen würde.

Der letzte, der seine Person – „Edith Piaf“ – vor Theo erraten hat, war Francesco. Seine Augen verengten sich angestrengt, als er die Antworten auf seine Ja-Nein-Fragen aufzählte: „I am not famous for my pretty looks, nor for being a politician, an intellectual or a sportsperson – for what other reasons would one be famous?“ Ich musste schmunzeln, denn es ist beinahe erleichternd, dass es für diese Menschen, die ich in den vergangenen Monaten nicht nur unglaublich lieb gewonnen, sondern auch von Anfang an in dem ein oder anderen Moment als einschüchternd wahrgenommen habe, angesichts dessen, was sie schon erreicht haben, Wissens-Bereiche gibt, in denen sie ratlos sind. Auch wenn das „nur“ die Namen der derzeit angesagtesten Schauspieler sind.

Text: Theresa Parstorfer

Foto: Privat

Fremdgänger: Großes, schweres Oxford

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Es ist nicht alles Gold was glänzt. Unsere Autorin erzählt, wie das Leben an einer Elite-Uni wie Oxford mit einer extremen psychischen Belastung einhergeht.

Leise summt die Heizung. Wenn der automatische Türöffner betätigt wird, ertönt ein schnappendes Geräusch. Im Nebenraum klappern die Tastaturen der Empfangsdamen. Wartezimmer sehen wohl überall gleich aus. Stühle, ein Wasserspender und Zeitschriften auf einem Beistelltisch. An der Pinnwand Anzeigen für Selbsthilfegruppen, kreative Therapie-Formen und Notrufnummern bei ungeplanter Schwangerschaft oder sexueller Belästigung. 

Ich spiele mit dem Reißverschluss meines Anoraks, während ich verstohlen zwei andere Menschen beobachte. Eine junge Frau mit langen, braunen Haaren und einem grauen Rucksack und einen jungen Mann mit blonden Locken, Bart und roten Turnschuhen. Dann werde ich von einer älteren Dame mit kurzem, grauem Haar, ebenfalls roten Schuhen und einer langen schwarz-weißen Strickjacke gebeten, ihr zwei Treppen hinauf in ihr Sprechzimmer zu folgen. 

In Oxford gibt es Geschichten, vielleicht mehr Gerüchte als Wahrheit, aber doch sehr aussagekräftig, darüber, dass einer der mittelalterlichen Türme des Magdalen-Colleges während der Prüfungsphasen für Studenten gesperrt wird. Runtergesprungen seien da schon Leute. Aus Verzweiflung. Die Uni-Homepage weist eine ganze Rubrik für „Counselling“ auf, unter der man sich über die Therapie-Angebote der Universität erkundigen oder auch nur Podcasts gegen Schlaflosigkeit, Schreibblockaden oder Selbstzweifel anhören kann.

Oxford ist ein großer Name. Ein großer, schwerer Name. Ein Name, hinter dem sich nicht nur Ruhm und Bedeutung und Qualität verbergen, sondern nicht selten übersteigerte Erwartungen und Ansprüche. Und Angst. 

Ich weiß nicht, wie oft ich schon gelähmt vor meinem Laptop gesessen bin, angesichts der Aufgabe, aus dem Stegreif in 1500 Wörtern meine (argumentativ begründete) Meinung zu Abschiebepraktiken in europäischen Ländern auszudrücken. Oder auch, wie oft ich weinend in einer Ecke meines Zimmers gekauert bin, aus lauter Angst davor zu versagen, die Prüfungen nicht zu bestehen, all meine Hoffnungen und Fantasien von einer Universität, von der ich geträumt habe, seit ich elf Jahre alt war, zerschmettern zu sehen, an den Klippen meiner eigenen Unfähigkeit.

Jetzt sitze ich in einem weichen, mit Samt bezogenem Ohrensessel und erzähle der freundlichen Dame mit grauem Haar, dass ich zwar nach wie vor nicht schlafen kann, dass ich aber trotzdem versuche, nicht mehr allzu sehr an die Prüfungen zu denken, sondern zu genießen, dass es Frühling wird und dass mir mein Kurs doch immer wieder Spaß macht und ich es als großartige Erfahrung empfinde, von all diesen genialen Professoren unterrichtet zu werden. Mein vierter Counselling-Termin ist das, und offenbar wird es der letzte sein, denn am Ende will die Therapeutin wissen, ob ich glaube, dass ich für den Rest des Jahres klarkommen werde. Sie betont zwar, dass ich jederzeit wiederkommen kann, wenn es wieder zu hart wird, aber das ist alles, was sie im Moment für mich tun kann. Ich nicke tapfer.

Auch in München war ich nicht selten am Zweifeln, ob ich gut genug, klug genug, fleißig genug für mein Studium war, aber ich hatte nie Angst, nicht irgendwie durch die Prüfungen zu kommen, ich bin nie weinend zusammengebrochen, ich hatte nie Angst vor dem Aufstehen und ich habe mich nie gelähmt gefühlt angesichts eines Namens und einer Tradition. Die Tatsache, dass all das in Oxford nicht unüblich zu sein scheint – warum sonst eine ganze Website, ein ganzes Gebäude, eine ganze Kohorte aus Psychologen, um Studenten psychisch wieder auf Kurs zu bringen? – lässt mich überlegen, ob es das alles wert ist.

Vielleicht ist auch genau das der richtige Gedanke, um Oxford zu „entzaubern“. Auch Oxford ist nur ein Ort, wenn auch ein besonders schöner und inspirierender, aber egal, was am Ende des Jahres als „Resultat“ dabei herauskommt, es ist es nicht wert, daran zu zerbrechen.

Text: Theresa Parstorfer

Foto: Privat

Neuland: Alma Mater

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Sie wollen ein Gemeinschaftsgefühl zur Hochschule herstellen: Zwei ehemalige LMU-Studenten bringen die in Amerika sehr populären Uni-Pullis an die Münchner Universitäten

Jonas Rieke, 26, und Johannes Müller, 24, wollen den berüchtigten amerikanischen „College-Spirit“ mit ihrem Start-Up Alma Mater nach München bringen: Uni-Pullis, bestickt mit einem schlichten „Muc“ als Schriftzug. Die Idee entstand vor zwei Jahren, während eines Auslandssemesters in Berkeley

„Dieses Gemeinschaftsgefühl entstand durch die Uni-Kleidung, die dort viele tragen“, sagt Jonas. Auf der Website almamaterwear.de kann man – je nach Hochschule – zwischen einem grünen (LMU) und einem blauen (TU) Logo wählen. Und wenn das Konzept aufgeht, dann will der ehemalige LMU-Student die Pullover auch an anderen deutschen Unis vertreiben. „In guter Qualität gibt es das hier noch nicht“, sagt Jonas. Der Name passt: Alma Mater, gütige Mutter, so werden die Universitäten in den USA bezeichnet.  

Text: Louis Seibert

Foto: Johannes Müller

Von Freitag bis Freitag: Unterwegs mit Max

Was macht man bei Schnee und Kälte? Daheim bleiben- oder möglichst exponentiell viel Zeit in den Bars und Clubs der Stadt verbringen. Unser Autor Max verrät euch, wo man in der kommenden Woche gut dem Winter trotzen kann.

Schnee, Eiseskälte, und auch noch Klausurenzeit.
Eigentlich alles Gründe, in der nächsten Woche keinen Fuß vor die Tür zu
setzen. Doch zum Glück bietet München mal wieder ausreichend Gegenargumente, so
dass es mich doch auf die ein oder andere Veranstaltung zieht. Also Schlechtwetter-Sneakers
angezogen (das Festere meiner zwei Paar Schuhe) und ab in die Stadt.

 Mein Kampf gegen die Kälte beginnt mit einem
Kampf der Giganten. Am Freitag gibt es gleich zweimal Rockmusik, nämlich
im Import Export auf der Grande Rock Night und auf dem PestFest im Feierwerk. Dagegen tritt an: die Deutsche Box Poetry Slam
Meisterschaft
im Muffatwerk. Im Duell
glühende Gitarren gegen herzerwärmende Lyrik entscheide ich mich für Letzteres.
Zumal ich diese Woche noch genug Musik hören werde.

 Der Reißverschluss meiner Winterjacke ist
kaputt. Deshalb hält die leider nur noch sehr begrenzt warm. Ich versuche also
meine Zeit draußen auf ein Minimum zu begrenzen. Das gelingt mir am Samstag
schon mal nicht.

Obwohl ich eigentlich leidenschaftlicher
Carnivore bin, starte ich meinen Tag beim We Love Vegan Brunch im So Ham. Zum Glück ist Tee vegan, so werde ich
wenigstens von innen gewärmt, auf dem Weg zum nächsten Event. Die Konferenz Sensible Daten in den Münchner Kammerspielen thematisiert drei Tage
lang die Kunst der Überwachung. Bei Workshops zu den Themen WikiLeaks, NSA und
Big Data vergeht der Nachmittag recht schnell, und am Abend wartet noch das Highlight
der Veranstaltung. In der Gala „Pfeifen auf die Freiheit?” ist Whistleblower
Edward Snowden per Video zugeschaltet. Nach dem Ende der Gala renne ich. In die
Glockenbachwerkstatt, zum OneBeat SampleSlam. Denn Musiker, die aus kurzen Musikschnipseln
musikalische Kunstwerke erschaffen – das klingt genau nach meinem Geschmack.
Jetzt ist mir wenigstens nicht mehr kalt.

 Nachdem es beim SampleSlam dann doch etwas
länger wurde, freue ich mich, dass ich am Sonntag ausschlafen kann.
Einen weiteren Tag Sensible Daten packe ich nicht. Nicht nach diesem Abend.
Obwohl es doch wieder interessante Vorträge zu hören gäbe. Aber heute mache ich
nichts anderes als zu entspannen. Und wo geht das besser, als bei ein bisschen
Unplugged-Musik auf den Sunday Sessions im Lost Weekend?

 Es ist Montag – und sowohl Muffathalle
als auch Feierwerk sagen ihre heutigen Events ab. Was muss das für ein schrecklicher
Tag sein? Ich mache vorsichtshalber nichts. Vielleicht nutze ich die freie
Zeit, um mir im Schlussverkauf eine neue Winterjacke zu ergattern. Aber im
Internet, denn vor die Tür geh ich lieber nicht.

 Am Dienstag beschließe ich, doch mal was
für meine Klausuren zu tun. Aber nicht zu viel, denn am Abend muss ich noch
Energie übrig haben. Für Kristian Brakel, Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung
Istanbul. Der spricht nämlich im Lost Weekend. Worüber? Ich denke der Titel „Wohin steuert die Türkei?” ist selbsterklärend.

 Im Lost Weekend könnte ich eigentlich gleich
übernachten. Denn am Mittwoch findet hier die Winterausgabe des Future Shorts Kurzfilmfestivals statt. Das will ich mir unbedingt
geben – wäre da nicht die Singer & Songwriter
Open Stage
im Import Export, und auch
noch das SchienenBusKonzert im Bahnwärter Thiel. So unentschlossen war ich schon
lange nicht mehr. Also pendele ich zwischen allen drei Veranstaltungen. Bei der
Kälte zwingt das sogar die Winter-Sneakers in die Knie.

 Deshalb nutze ich mein letztes verbleibendes
Paar Schuhe, um am Donnerstag ins Sophia’s zu kommen. In der Serie Sophia’s goes Jazz spielt diesmal der hervorragende Bassist Gabriel
Barreira mit seiner Band. Die Schuhe sind alles andere als kältefest, deswegen
pendele ich heute nicht. Auch nicht in die Garage Deluxe zur Bernard Allison Group.

 Denn Blues, Funk und Soul bekomme ich zum Glück
auch am Freitag. Die Jamsession in der
Kongress.Bar
ist wahrscheinlich eine
der niveauvollsten Sessions in München. So reibungslos wie hier die Abläufe
funktionieren könnte man meinen, die Musiker hätten doch heimlich geprobt. Ein
würdiger Wochenabschluss!

 Was ich in dieser Woche schon wieder alles
erlebt habe, war die verschlissenen Kleidungsstücke und halb erfrorenen
Körperteile auf jeden Fall wert. Und jetzt habe ich ja genug Zeit zur
Regeneration. Denn die nächsten Wochen werde ich wohl hauptsächlich am
Schreibtisch verbringen – Klausurenzeit.

Text: Maximilian Mumme

Foto: Serafina 

Ferizaj

Hochzeit für Untermieter

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In der Studentenstadt leben 2000 junge Frauen und Männer. Was passiert eigentlich in den Semesterferien, wenn viele Studenten nach Hause fahren und neue für kurze Zeit einziehen? Ein Sommer-Besuch in der „Stusta“

Von: Philipp Kreiter und Serafina Ferizaj

Fotos: David-Pierce Brill

Studenten sitzen in der Sonne, grillen oder picknicken. Manche spielen Gitarre und einer singt „Wonderwall“. Andere joggen in Richtung Englischer Garten. Es ist Ende August, der Sommer ist mit großer Verspätung auch zwischen den vier Beton-Wohnblöcken in der Münchner Studentenstadt angekommen.

Die Studentenstadt, von den Bewohnern liebevoll „Stusta“ genannt, ist ein Zuhause für fast 2000 Studenten aus aller Welt. Hinter den nummerierten Türen leben nicht nur Deutsche, sondern dank internationaler Austauschprogramme auch Studenten von weit her. In jedem Haus sind einige Zimmer extra für Austauschstudenten aus den USA, Spanien oder China reserviert und in den „GAPs“, den Gemeinschaftsräumen, können sich die Bewohner treffen. Im Potschamperl, einer der nur für Bewohner zugänglichen Kneipen, gibt es neben bayerischen Spezialitäten auch indische, afrikanische oder arabische Gerichte. Wie alles in der Stusta, machen auch das die Studenten selbst.

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Jedes Jahr von Juli bis September werden die Wohnungsschlüssel neu vergeben: Viele Studenten verlassen die Stusta. Nur Bett, Tisch, Stuhl und Regal bleiben zurück. Sie machen Platz für Studenten, die bloß einige Monate in München bleiben. Diese machen im Sommer ein Austauschprogramm, einen Sprachkurs oder wollen sich etwas dazuverdienen. Das Zimmer bekommt vorübergehend einen neuen Anstrich. Viele hängen in den 16 Quadratmetern provisorisch Bilder auf, ansonsten haben sie nur das Nötigste dabei. Die einzige Möglichkeit, legal und kurzfristig an ein Zimmer zu kommen, ist die Appartementbörse. „Ich habe mich jeden Abend mehrere Stunden in die Schlange gestellt“, sagt der 26-jährige Mirko Novak aus Kroatien. Er hatte Glück und bekam ein Zimmer, auch wenn er zuvor eine Weile bei einem Kumpel übernachten musste.

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Solche Geschichten kennt Victoria Treßel, 20, die Leiterin der Börse, nur zu gut. „Man bekommt viel von der schwierigen Wohnsituation in München mit“, sagt sie. „Die Studenten können sich die Mietpreise nicht leisten und nehmen meist das, was sie bekommen.“ Es sei aber nicht immer einfach mit den Untermietern. Oft komme es zu Problemen, wenn sie ausziehen müssen. „Ein paar Mal ist es vorgekommen, dass der Hauptmieter zurückkehrt und vier fremde Personen im Zimmer findet, die eigentlich ausziehen mussten“, sagt Treßel. „Manche bringen den Schlüssel nicht rechtzeitig zurück oder hinterlassen das Zimmer verdreckt – das ist für uns und die Hauptmieter sehr ärgerlich.“

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Das Gemeinschaftsleben ist das, was die Studenten in der Warteschlange am meisten reizt. „Hier ist immer was los“, sagt Mirko. „Es ist unmöglich, keine Leute kennenzulernen.“ Auch dass man sich überall engagieren kann, gefällt ihm. In fast allen Gemeinschaftseinrichtungen ist die Arbeit ehrenamtlich. Dazu gehören die Kneipen, der Brotladen, ein Café und viele kleine Geschäfte. All diese Einrichtungen machen das Wohnheim zu einer eigenen Stadt, die durch die Heimselbstverwaltung organisiert wird. Jedes Haus hat seine Haussprecher und Tutoren, die von den Studenten gewählt werden. Die Tutoren organisieren Gemeinschaftsaktivitäten, um der Anonymität in dem großen Wohnheim entgegenzuwirken. Insbesondere ausländische Bewohner sollen ins Gemeinschaftsleben integriert werden. Auch in den Semesterferien gibt es deshalb keine Pause. „Am meisten gefällt mir, dass man die Chance bekommt, sich aktiv an der Weiterentwicklung der Studentenstadt zu beteiligen und das Wohnen für alle Studenten besser zu gestalten“, sagt Camille Mainz, 23, der seit fast einem Jahr Haussprecher ist. Stressig wird es vor allem während der Klausurenphase, wenn man nebenbei Events organisieren oder sich um Probleme kümmern muss. Dazu gehört auch, um drei Uhr in der Früh geweckt zu werden, um für Ruhe zu sorgen, wenn einige Bewohner laut feiern.

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Wenn man seine Ruhe haben will, dann ist die Stusta nicht der richtige Wohnort. Während des Semesters finden jeden Donnerstag Stockwerkpartys statt, im Sommer ist abends zwischen den Wohnblöcken mehr Betrieb als an der Isar. Das Vermitteln zwischen Studenten, die Ruhe fürs Lernen brauchen, und solchen, die ihre Freizeit genießen, ist nicht immer leicht. Letztes Semester verteilte ein Unbekannter Buttersäure in einem Stockwerk, weil er sich wohl von einer Party gestört fühlte – der Gestank ging erst Monate später wieder weg.

Pünktlich zu den Semesterferien werden von den Bewohnern neue Haussprecher und Tutoren oder auch Betreiber für die Gemeinschaftseinrichtungen gewählt. Camille sagt, dass man in den Ferien vor allem daran arbeiten muss, ein Team zu werden: „Momentan haben wir ziemliches Glück mit den Neugewählten und kommen alle super miteinander klar.“

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Johannes „JoKo“ Kohn, 27, im letzten Jahr Vorsitzender des Vereins Kulturleben, der für das jährliche „StuStaCulum“-Festival verantwortlich ist: „Die Leute machen im Durchschnitt zwei Jahre bei der Organisation mit. So sind sie sehr motiviert und es kommt immer frischer Wind rein.“ Mittlerweile ist das StuStaCulum das größte studentisch organisierte Festival Deutschlands. „Es ist faszinierend, wie Ideen, die Leute hatten, die schon längst ausgezogen sind, bis heute weitergeführt werden“, meint Johannes.

Im „Hanns Seidel Haus“, dem größten Hochhaus in der Studentenstadt, fährt der Lift bis in den 19. Stock. Dort befindet sich auf der Dachterrasse das von den Bewohnern ehrenamtlich geführte Manhattan, der „höchste Biergarten Münchens“. Mal treffen sich dort die Erasmus-Studenten, hin und wieder findet ein bayerischer Abend statt und pünktlich zur Wiesn gibt es ein Wiesn Warm-Up. Die Bar ist nicht nur bei den Bewohnern beliebt: „Gerade während der Sommerferien kommen viele Jugendliche hierher. Wir müssen genau darauf achten, dass nur die Bewohner der Studentenstadt bewirtet werden. Schlüsselkontrollen sind deswegen Pflicht“, meint Alisha Melber, 21, die Betreiberin des Manhattan. Bei dem Ausblick ist das auch kein Wunder: Mit einem frisch gezapften Bier in der Hand haben die Bewohner der Stusta einen einmaligen Blick auf die Münchner Skyline und ihr Zuhause auf Zeit.

Zufallsstudium: Innocent zu Innozenz

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Was studiert der Junge mit den Dreadlocks eigentlich? Welchen Kurs besucht das Mädchen, das in der U-Bahn neben uns saß? Woche für Woche folgen wir fremden Studenten zum „Zufallsstudium“. Dieses Mal: Philipp verschlägt es in eine Vorlesung über die Geschichte der Kirche im Mittelalter: Päpste, Konzilien und Seniorenstudenten. Und das am Dienstagmorgen.

Renter kommen nicht zu spät. Zumindest ist
das die Erklärung, die ich mir dafür gesucht habe, dass die Vorlesung, in die
ich am Dienstagmorgen reingestolpert bin, erst nach ungefähr 20 Minuten ein
ausgewogenes farbig/grau-Verhältnis, im Hinblick auf die Haarfarbe der Zuhörer, aufweißt. Zugegeben, die Vorlesung trägt auch den Titel “Die
mittelalterliche Kirche: Strukturen – Lebensformen – Weltbilder”, nicht
unbedingt das Thema, das einen täglich umtreibt. Aber nun gut, wie bin ich hier
eigentlich gelandet?

Seit
ich im Master bin, haben sich die Anfangszeiten meiner Uni-Veranstaltungen
angenehm nach hinten verlagert. Vor 10 Uhr läuft da normalerweise gar nichts.
Umso ehrgeiziger ist mein Unterfangen, Dienstag um 08 Uhr eine zufällige
Vorlesung zu besuchen. Selbstverständlich vertrödele ich die Zeit in der Früh
und muss dann mit meinem Fahrrad eindeutig zu schnell durch die von Gefahren
(Autos, andere Radler, Kinderwägen) gesäumte Strecke zur Uni radeln. An der Uni
bin ich dann zwar pünktlich, aber die meisten Leute sind wohl schon in ihre
Veranstaltungen gegangen. Vor dem LMU Hauptgebäude stehen nur einige
versprengte Studenten.

Eigentlich hätte ich Lust mir mal eine
literaturwissenschaftliche Vorlesung anzuhören, ich suche deshalb Studenten,
die wie Germanisten oder ähnliches aussehen. Leider habe ich gar keine Ahnung,
wie genau sich das darstellen könnte, deshalb gehe ich einfach einer Studentin
mit langen, braunen Haaren und sommerlichem Tanktop hinterher. Vielleicht
studiert sie ja tatsächlich irgendwas mit Literatur?

Bekanntlich lande ich dann aber in einer
geschichtlichen Vorlesung zur mittelalterlichen Kirche, naja, vielleicht gibt
es nächstes Mal Literatur, jetzt geht es erstmal um den Papst. Dem Dozenten ist
es zunächst wichtig zu betonen, dass es bisher nur männliche Päpste gab und der
Film “Die Päpstin” ins Reich der Fabeln gehören dürfte, schade
eigentlich. Was folgt ist ein Husarenritt durch die Geschichte des Pontifikats,
wobei ich froh bin, dass ich mir die ganzen Fakten nicht für irgendwelche
Klausuren merken muss. Denn ich kann mir gut vorstellen, dass man mit den
ganzen Gregors und Innozenzens irgendwann mehr als nur ein bisschen verwirrt
sein könnte.

Andererseits eignet sich die Vorlesung
bestens um einige historische Ereignisse, die gerne mal in Debatten oder
Feuilletonartikeln rumschwirren, einordnen zu können. Während mir der
Investiturstreit zumindest aus der Schule noch irgendwie ein Begriff ist, weiß
ich erst nach der Vorlesung, was es mit der babylonischen Gefangenschaft in Avignon
auf sich hatte. Und auch wer schon immer wissen wollte, was genau ein Konzil
ist und was es denn zu sagen hat, sollte sich die Vorlesung mal anhören. Mit
Marsilius von Padua hat sogar ein alter Bekannter aus meinem eigentlichen
Studiengang einen kurzen Gastauftritt, hier fühle ich mich schon fast wie zu
Hause.

Immer wieder geht es um Begriffe und
Themen, die auch heute noch relevant sind, ob es jetzt Mönche oder Eremiten sind. Und auch die Lebensweise der Mönche hat sich über Jahrhunderte hinweg relativ
konstant entwickelt und weißt auch noch heute Spuren der Antike auf.
Beeindruckend ist es also schon, dass Entwicklungen und Vorschriften aus dem
Mittelalter selbst bis in unsere moderne, unruhige Zeit reichen. Ein bisschen
Demut fühlt man dann doch nach der Vorlesung, nicht aus religiösen Gründen, sondern schlicht wegen der Wirkungsmacht von zwei Jahrtausenden
Menschheitsgeschichte. Ganz schön viel für einen Dienstag Morgen….

Von: Philipp Kreiter

Foto: Lukas Haas