München-Model: Rosalie Schlagheck

In München leben viele schöne Menschen. Unter ihnen gibt es auch einige Models. Ob hauptberuflich, als Nebenjob oder Hobby: Wir porträtieren jede Woche ein Münchner Model und erzählen von dem Menschen hinter dem hübschen Gesicht.

Rosalie Schlagheck, 22, sieht sich eher als Theaterschauspielerin, nicht als Model. Sie profitiert jedoch vom Modeln, weil beide Jobs so unterschiedlich sind: „Als Schauspielerin schlüpft man in eine andere Rolle und zeigt verschiedene Facetten eines Charakters“, sagt sie. „Als Model bin ich immer noch ich und kann andere Seiten an mir selbst entdecken, die ich dann besser für die Vorbereitung für einen Charakter nutzen kann.“ Rosalie hat nach ihrer Ausbildung als Schauspielerin angefangen, als „Plus Size“-Model zu arbeiten. „Wenn ich einen Abend Lust auf Pizza habe, lasse ich mir das nicht verbieten“, sagt sie, trinkt einen Schluck Kakao mit extra Sahne und streicht sich durch ihre wilde dunkelblonde Lockenmähne, die zu ihrem Markenzeichen gehört. Rosalie ist schlank. Doch aufgrund ihrer Größe von 1,85 Metern trägt sie Größe 38 und gehört daher in die Kategorie „Plus Size“. Aber von diesen Kategorisierungen hält Rosalie  nicht viel. „Es heißt immer: ,Wow!, ein Plus Size-Model ist auf dem Cover‘, doch dabei ist Plus Size der Durchschnitt. Jeder Mensch hat einen anderen Körperbau. Manche sind schlank und andere kurvig, doch keine Körperform ist schöner als die andere, solange man gesund ist.“
 Bisher hatte sie kleinere Modeljobs und mehrere Fotostrecken. Die Arbeit macht ihr großen Spaß, doch die Leidenschaft ist die Schauspielerei: „Man lernt so viel über die menschliche Psychologie und es macht großen Spaß, mich in andere Rollen hineinversetzen zu können. Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich mich immer fürs Schauspielern entscheiden.“  

Foto: Robert Haas

Text: Serafina Ferizaj

Die Stimme der anderen

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Wie vertont man Zungenküsse? Maresa Sedlmeir, 23, ist Synchronsprecherin.
Seit Donnerstag ist sie in „Midnight Sun – Alles für dich“ zu hören

Die Teetasse steht auf dem Küchentisch, im Hintergrund macht die Waschmaschine Lärm. Mit angezogenen Beinen sitzt eine junge Frau mit blonden, schulterlangen Haaren und einem Lächeln auf den Lippen auf einem Stuhl. „I am who I’m meant to be, this is me“, singt Maresa Sedlmeir, 23, und breitet die Arme aus. „Look out ’cause here I come and I’m marching on to the beat I drum.“ Dann lacht sie fröhlich und sagt: „Ich habe vor kurzem ‚The Greatest Showman‘ gesehen und bin so ein bisschen aus dem Häuschen.“

Maresa ist Synchronsprecherin und steht täglich mehrere Stunden im Studio und leiht Schauspielerinnen ihre Stimme. Bella Thorne zum Beispiel. Gerade ist „Midnight Sun – Alles für dich“ im Kino angelaufen. Von Animes über Horrorfilme und Thriller bis hin zu Dramen und Komödien – das alles kann die junge Frau, die seit ein paar Jahren in München wohnt, in ihrem Portfolio vorweisen. Schließlich synchronisiert sie seit mehr als zehn Jahren Filme und Serien. Als Maresa neun Jahre alt war, wurde sie von Synchronsprecherin Inez Günther, eine Freundin ihrer Mutter, ins Studio mitgenommen. Für die Kinderserie „Franklin“, in der es um eine Schildkröte geht, sprach sie eine kleine Rolle – der Beginn ihrer Karriere.

Die Texte, die Maresa sprechen muss, sind in kleine Sequenzen unterteilt, die man Takes nennt. Meistens enden Takes, wenn die Schauspielerin eine Pause macht. Das kann ein Atmer, aber auch ein sehr langer Satz sein. Da es meist kurze Sätze sind, lernt Maresa sie auswendig. „Ich gucke es mir erst auf Englisch an und dann den deutschen Text“, erklärt die 23-Jährige. „Dann sage ich den Text trocken vor, danach läuft der Take ab und ich spreche das drauf.“ Sie versucht den Text genau in dem Rhythmus der Schauspielerin zu sprechen und perfekt in der Zeit zu sein. Dabei gibt es aber Einiges zu beachten: „Du kannst diesen Text nicht einfach ablesen und ihn spielen, sondern du musst auf den Mund gucken“, sagt Maresa. „Wann geht der Mund zu, wo verzögert die Person, wo stottert sie?“ Für die Synchronsprecherin ist es am wichtigsten, die Person, die spricht, wahrzunehmen – die Stimme, das Gesicht und die Gesten: „Ich versuche einfach immer zu sehen, was diese Person gerade machen wollte, was sie transportieren will und wie ich das dann durch meine Stimme auch mitgeben kann. Ich gucke dazu immer auf den Bildschirm, mach dieselben Gesten wie die Figur, versuche so wie die Figur zu gucken und das auch zu spielen.“

Ihre erste große Rolle hatte Maresa in der Disneyserie „Liv und Maddie“, in der es um Zwillinge geht, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Da die Zwillinge von derselben Schauspielerin, Dove Cameron, gespielt wurden, spricht im Deutschen auch Maresa beide Rollen. An ihre erste Szene erinnert sie sich stark zurück: „Da haben sie sich einfach unterhalten und da habe ich quasi erst die eine und dann die andere gesprochen und die werde ich nie vergessen.“ Sie wechselte nicht von Take zu Take zwischen den Schwestern, sondern synchronisierte erst eine und dann die andere. „Ich habe versucht, es vom Original abzunehmen und das kommt ehrlich gesagt auch so ein bisschen raus“, sagt Maresa und spricht von einer Sekunde auf die andere mit einer hohen, trällernden Stimme weiter: „Also eine coole Basketballerin würde nicht so sprechen.“ Genauso schnell wechselt sie zu einer lässigen, tiefen Stimme: „Und ein Model würde auch nicht so reden. Es ist eine Gefühlssache.“

Nicht nur Gefühle muss Maresa mit ihrer Stimme transportieren können, sondern sie muss auch Kuss- und Sexszenen machen. Da sie häufig ohne Synchronsprecherkollegen ihre Rolle einspricht, hat sie keinen Partner, den sie küssen könnte. „Das ist dann sehr lustig“, sagt Maresa und lacht. Überhaupt lacht sie sehr oft und scheint ein sehr fröhlicher Mensch zu sein. „Neulich habe ich zusammen mit einem Kollegen gesprochen, das hat man früher viel öfter gemacht. Wir standen da und haben beide unsere Hand geküsst. Das ist dann auch komisch, wenn man Lippenbewegungen nachmacht und mit der Zunge küsst.“ Ein Schmatzer in die Luft würde nämlich ganz anders klingen als ein echter Kuss. Auch Sexszenen synchronisiert Maresa in ihrem Kämmerchen: „Ich stöhne dann vor mich hin, neben mir sitzt ein Cutter und hinter der Scheibe sind Regisseur und Tonmeister. Ich versuche das, so authentisch wie möglich hinzukriegen. Mir ist auch nicht so schnell etwas peinlich. Ich bin so ein bisschen eine Rampensau, dass es mir dann egal ist, ob ich unangenehme Szenen mache oder nicht.“

Je öfter eine Synchronsprecherin eine Schauspielerin im Deutschen synchronisiert, desto sicherer ist es, dass man diese Person immer spricht. Bei Maresa Sedl-meir ist das nicht nur Dove Cameron, sondern auch Bella Thorne. Vor kurzem hat sie Bella Thorne in dem Liebesfilm „Midnight Sun – Alles für dich“, der gerade in die Kinos gekommen ist, im Deutschen ihre Stimme geliehen.

Den Film in der deutschen Fassung zu schauen, kommt für Maresa nicht infrage: „Oh nein, das ist schrecklich! Das kann ich gar nicht! Da sehe ich leider immer nur: ‚Oh Gott, wie hast du denn das gesprochen?!‘ und ‚Oh, das hättest du mal lieber so gemacht!‘ Manchmal gucke ich mir es an, um zu sehen, wie das Gesamtding geworden ist, weil ich auch nur meine Szenen gesehen habe, aber das fällt mir ganz schwer.“

 Alle außer ihren Eltern sind Schauspieler. Ihr Bruder Paul und ihr Onkel Christian Tramitz spielen aktuell in der Vorabendserie „Hubert und Staller“, ihre Tante und ihr Bruder sind am Theater. „Ich bin da auch nicht so kritisch und finde meine Familienmitglieder die Besten“, sagt Maresa und lacht – passend zu ihrem schwarzen, übergroßen Pulli, auf dem ein weißer Smiley abgebildet ist. Schon immer war die 23-Jährige an Theater und Film interessiert. Sie hat zwar selbst auch mal Theater gespielt, das hat ihr aber nie so gut gefallen wie das Synchronsprechen. „Mich stört es gar nicht, in den Hintergrund zu treten“, sagt Maresa und spielt mit den zwei dünnen, schwarzen Haargummis an ihrem Handgelenk. „Vor allem kann ich in Jogginghose ins Studio gehen und trotzdem eine Frau im Ballkleid sprechen.“

Foto: Florian Peljak

Text: Lena Schnelle

Erst Theater, dann Techno

“Ohne das Publikum ist man nichts”, sagt Leon Haller, 21. Er ist Schauspielstudent an der Theaterakademie August Everding. Wenn er nicht gerade auf der Bühne steht, legt er nachts als DJ auf – und organisiert queere Partys. Manchmal muss er direkt nach dem Club zu den Proben für das nächste Stück

Schwarze Stiefel. Schwarze Hosen. Nackte Oberkörper. Die Räuberbande marschiert im Gleichschritt auf den riesigen Laufbändern des Residenztheaters. “Die Hölle: versunken. Wie Sodom und Gomorrha!”, rufen sie. Drei Stunden dauert die Inszenierung von Ulrich Rasche. Die Räuber sind ständig in Bewegung. Einer von ihnen ist Leon Haller, 21, Schauspielstudent der Theaterakademie August Everding. Für ihn ist der Abend nach dieser Vorstellung noch lange nicht zu Ende. Als DJ wird er im Anschluss bis in die frühen Morgenstunden im Harry Klein auflegen. Keine Zeit zum Durchschnaufen. Keine Zeit für lange Pausen.

Aufgewachsen ist Leon Haller in Bielefeld. Für das Schauspielstudium hat es ihn nach München verschlagen. “Ich bin ein unfassbar fauler Mensch. Wenn mich etwas nicht interessiert, dann mache ich auch nichts dafür”, sagt er. Deshalb wäre ein klassisches Studium mit viel Lernen nicht für ihn in Frage gekommen. Bereits zu Schulzeiten hat er im Jugendclub des Stadttheaters Bielefeld Erfahrungen gesammelt. Die Schauspielerei sei das einzige gewesen, “was mir auch Spaß gemacht hat und worin ich gut war”, sagt er; deshalb war es für ihn die einzige Möglichkeit, sich für ein Schauspielstudium zu bewerben – er wurde auf Anhieb aufgenommen. Nicht nur in “Die Räuber” ist Leon aktuell zu sehen, sondern auch in einer Inszenierung von Alia Luque am Burgtheater in Wien.

Da gibt es aber noch eine andere Leidenschaft in Leons Leben: die Musik. Seit ungefähr vier Jahren legt er auf. Angefangen hat alles bei einem Rave. “Mit 17war ich auf meinem ersten Rave und ich habe diese Musik einfach abgöttisch geliebt”, sagt er. Von seinem Konfirmationsgeld hat er sich die ersten Billig-Plattenspieler gekauft und damit herumexperimentiert. Später ist er über das Theater und Freunde von Freunden an seinen ersten Gig in Bielefeld gekommen: eine Partycrew, die Techno-Partys organisiert. Leon lernt die Veranstalter kennen. Es ergeben sich weitere Möglichkeiten. Er legt bei Vernissagen auf und in verschiedenen Bars. Springt sogar einmal für einen anderen DJ in einem Club ein – alles in Bielefeld.

Dann aber zieht er für das Studium nach München. Da sei man natürlich “erst mal aufgeschmissen”, wie Leon sagt, “weil niemand dich kennt.” Leon ist aber auch in München im Nachtleben unterwegs, zum Beispiel bei den Partys von Tuesday Slump im MMA oder der Roten Sonne. Er kontaktiert die Veranstalterin Petra Weigart, schickt ihr ein Mixtape und legt bald in dem Club am Maximiliansplatz auf.

Im vergangen November war es dann soweit: Leon Haller legt zum ersten Mal bei Garry Klein auf, der schwulen Partyreihe, die immer mittwochs im Harry Klein stattfindet. “Über einen Tipp von Marlene Neumann, die unter dem Namen Proximal als Visual Jockey aktiv ist, bin ich auf Leon aufmerksam geworden”, sagt Peter Fleming, 50, Inhaber und Musik-Booker des Harry Klein. Bei der Auswahl der DJs achtet Fleming darauf, dass die Sound-Ästhetik stimmt. “Es muss schon so sein, dass ich meine Gäste nicht verschrecke”, sagt er.

Wenn Leon von seinem ersten Abend erzählt, bei dem er gleich sechs Stunden durchgehend aufgelegt hat, dann lacht er. “Das erste Mal im Harry war schwierig. Ich habe es geschafft, mitten in der Nacht den kompletten Floor leerzuspielen”, sagt er. Das sei dann schon ein komisches Gefühl gewesen. “Beim nächsten Track sind die Leute aber wieder gekommen”, sagt er. “Da habe ich Leon ein bisschen ins kalte Wasser geworfen”, sagt Peter Fleming rückblickend. Sechs Stunden sind eben lang. “Dass das Publikum weniger wurde, ist nicht Leons Schuld. Das ist so eine Eigenart der Leute. Da kommt und geht immer wieder ein Schwung”, sagt er. Mittlerweile ist Leon angekommen in der Szene in München. Als Mitveranstalter und DJ organisiert er außerdem die queere Clubnacht Helga.

Abends Theater und nachts Techno -ist das nicht anstrengend? Ist man da überhaupt fit genug für Theaterproben am nächsten Tag? Für Leon liegt genau darin der Reiz. “Manchmal ist es toll, um acht Uhr morgens aus dem Club zu kommen. Du bist verschwitzt, gehst duschen, trinkst einen Liter Kaffee, gehst dann zur Probe. Am Ende des Tages fühlst du dich wach und tot gleichzeitig.” Natürlich ist da ab und auch zu die Sorge, nicht fit genug zu sein. Bisher ist das aber nicht oft vorgekommen. Zwei- oder dreimal vielleicht. Manchmal wirke sich diese Müdigkeit sogar positiv aus, findet Leon. So auch im Januar, als er direkt nach der Räubervorstellung ein zweites Mal bei Garry Klein auflegte. “Ich war so müde, dass ich nicht viel nachdenken konnte, sondern einfach gemacht habe. Und es war gut dadurch”, sagt er. Wenn er müde sei, könne er sich nur noch auf das Wesentliche konzentrieren. Auf der Bühne, wie auch im Club.

Obwohl Leon die Müdigkeit als etwas Positives empfindet, ist es dann doch einmal zu viel geworden. Im Laufe eines Schauspielstudiums setzt man sich nicht nur mit verschiedenen Rollen auseinander. Auch mit sich selbst. Man überlegt, wohin man möchte, welche Möglichkeiten es gibt. Arbeitet viel an sich. Macht sich selbst Druck. “Ich habe mir während des Studiums zwei Monate lang eine Pause von allem genommen”, sagt Leon. Die Ausbildung hat damals einen Punkt bei ihm erreicht, an dem er zu viel an sich selbst gezweifelt hat. “Das hat sich destruktiv auf das Spielen ausgewirkt”, sagt er. Die Zeit hat er zu Hause bei seiner Familie und seinem Hund in Bielefeld verbracht, um Abstand zu nehmen und dann mit freiem Kopf wieder durchzustarten.

Trotzdem: Leon weiß, was er will – Schauspieler sein und auflegen. Auf den ersten Blick zwei unterschiedliche Dinge. In beiden Fällen geht es aber darum, Leute mitzunehmen. “Ohne das Publikum ist man nichts”, sagt er. Weder hinter den Plattenspielern, noch auf der Bühne. Für Leon gibt es zwischen diesen Künsten Gemeinsamkeiten. “Ich benutze Musikstücke oder Texte, die andere verfasst haben, und interpretiere diese neu”, sagt Leon. “Es ist wie eine Art Symbiose: ein dynamischer Raum, der sich auftut im Austausch mit dem Publikum. Im Club kann man zum Beispiel mit der ganzen Dramaturgie, die man aufbaut, eine bestimmte Stimmung kreieren”, sagt er. Die Musik, die maschinell, aber verträumt und dumpf sein kann und nichts mit dem Alltag zu tun hat, fasziniert ihn schon immer. “Ich war nie der Typ, der gern Bands gehört hat oder auf Konzerte gegangen ist.”

Ende dieses Jahres steht für Leon als letzte Station im Schauspielstudium das Absolventenvorsprechen an. Es ist die Chance für angehende Schauspieler, sich zu zeigen und ein Engagement zu ergattern. Trotzdem wirkt Leon in den Monaten davor beim Projekt “10 im Quadrat Reloaded” der Junge-Leute-Seite mit. Zehn Shootings mit zehn Fotografen mussten in kürzester Zeit organisiert werden. “So etwas wie den Farbenladen müsste es eigentlich viel öfter in München geben”, sagt Leon. Denn es gibt zwar viele Möglichkeiten, Kunst zu sehen und zu studieren, dennoch sei München, so der Schauspielstudent, eher spießig. “Kunst ist in München nur ein Accessoire.”

Fotos: Diego Reindel / Stephan Rumpf / Lara Freiburger

Text: Ornella Cosenza

Fragen über Fragen – Eva-Marlene Etzel

“Ich liebe analoge Fotografie und Polaroids, aber im Job fotografiere ich vorwiegend digital. Das führt auch dazu, dass meist verhältnismäßig viele Bilder gemacht werden und dies ermüdet mich ziemlich,“ sagt Fotografin Eva-Marlene Etzel, die bei unserer Ausstellung “10 im Quadrat – Reloaded” mitgewirkt hat. Wir haben ihr ein paar Fragen gestellt.

Worum geht es bei
deinem Konzept? / Wie bist du darauf gekommen?



Ich liebe analoge Fotografie und Polaroids, aber im Job fotografiere ich
vorwiegend digital. Das führt auch dazu, dass meist verhältnismäßig viele
Bilder gemacht werden und dies ermüdet mich ziemlich. Deshalb war für mich
klar, ich will für dieses freie Projekt analog fotografieren. Spannend fand ich
beim Polaroid, dass tatsächlich nur zwei Bilder pro Model gemacht werden
konnten, da die Anschaffung der Filme sonst zu teuer würde. So haben wir uns
die Konzepte sorgfältig überlegt und hatten dann genau zwei Versuche diese
umzusetzen. Dies hat erstaunlich gut funktioniert und hat durch die Spannung
viel Spaß gemacht.

Wie war es, so viele unterschiedliche
Leute für eine Bild-Serie zu fotografieren?

Toll, aber auch ein organisatorischer Aufwand. Ich habe je fünf Models an zwei
Tagen zu mir nach Hause eingeladen, wo wir dann erst einmal ein bisschen
quatschen konnten. Ich habe, wenn Zeit und Interesse war, meine Meisterarbeit
gezeigt, so dass sich die Models etwas unter meiner Fotografie vorstellen
konnten. Schön war es bei den Musikern, während des Shooting deren eigene Musik
zu hören, so bekam ich einen direkten Eindruck von der anwesenden
Persönlichkeit.

Welche Begegnung hat dich am meisten
beschäftigt?

Am meisten Spaß hatte ich wohl mit Anouk, sie wollte mit Kakteen posieren und
hat dann direkt mit einem riesigen Kaktus, den wir in meinen Hausflur
aufspürten, innig gekuschelt. Im Gespräch kam heraus, dass sie hobbymäßig
selbst gerne fotografiert und so fragte ich sie kurzer Hand, ob sie das
Selbstportrait im Stil der Serie von mir machen will. Weiterhin hatte ich eine
sehr schöne Zeit und gute Gespräche mit Verena und Natanael, ich würde mich
wirklich freuen, wenn diese neuen Kontakte bestehen bleiben.

War es schwieriger, z.B. einen
Schauspieler/Musiker zu fotografieren (also selbst “Künstler”), als
professionelle Models und wenn ja, inwiefern?

Ehrlich gesagt fand ich es schöner. Wir haben ja alle Konzepte vor und während
des Shootings gemeinsam erarbeitet und es war toll, Künstler vor der Linse zu
haben, die ein gutes Selbstverständnis und kreative Energie mitbringen. Ich
würde in Zukunft gerne mehr mit Musikern und Schauspielern arbeiten.

Bist du auch mal an deine Grenzen
gestoßen? / Musstest du deine Vorstellung/ dein Konzept über den Haufen werfen,
weil es schlichtweg nicht ausführbar war?

Gott sei Dank hat alles geklappt, die Serie war aber auch auf Zufall und
Unvorhersehbarkeiten ausgelegt. Mit Natanael habe ich tatsächlich als einzigem
ein drittes Bild gemacht, da er relativ am Ende fotografiert wurde. Es war
abzusehen, dass die zwei Extra-Bilder, die ich als Sicherheit aufgehoben hatte,
nicht mehr benötigt werden und nun habe ich sogar noch ein Bild übrig.

Nimmst du die Szene dieser Stadt nach
dem Projekt anders war? Braucht es mehr Vernetzung?

Auf jeden Fall! Ich bin zwar gebürtige Münchnerin, habe aber während meines
Studiums von 2009 bis 2016 nicht hier gewohnt. Das heißt, ich bin erst relativ
kurze Zeit zurück in der Stadt und bin total begeistert, was es für eine
interessante junge Musik- und Theaterszene gibt. Vor allem, wenn man einige
Namen mit tollen Persönlichkeiten verknüpfen kann, ich freue mich schon darauf,
zu Konzerten und Vorstellungen unserer talentierten Modelle zu gehen!

Foto: Anouk Elias

Von Freitag bis Freitag: Unterwegs mit Jana

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Unsere Autorin Jana ist am liebsten im Theater: Entweder sie steht selbst auf der Bühne oder schaut sich ein anderes Theaterstück an – wie “Die Stühle”. Zwischendurch trifft sie sich mit Freunden bei der Feuerzangenbowle, besucht das Filmfestival KINO ASYL oder rockt zur Musik von “LVNG” ab.

Endlich Freitag! Ein Ausruf, den man als Studentin mitten im Semester nicht zu laut von sich geben sollte. Zumindest komme ich mir etwas seltsam dabei vor, denn im Moment scheint die ganze Woche über Wochenende zu sein.
Den Freitagabend läute ich im Hoch X ein. Die Stühle wurde von Amrei Scheer mit Philipp Schulze und Fiona Grün inszeniert. Alle drei sind gerade mal 20 Jahre alt und ich frage mich, was wohl dabei herauskommt, wenn sich drei junge Menschen in die Lage eines alten, seit Jahrzehnten in einem Turm eingesperrten Paares versetzen und über das Leben und dessen Sinn nachdenken. Trotz des schweren Stoffs – oder gerade deswegen – ist mir nach der Vorstellung nach etwas Fröhlichkeit zumute und ich mache mich auf den Weg ins Import Export, wo sie heute das KINO ASYL begießen. Ein Filmfestival, das die vergangene Woche Filme von und mit Menschen mit Fluchterfahrung zeigte. Die Abschlussparty geht bis in die frühen Morgenstunden und ich schlafe bis weit in den Samstagmittag hinein.

Als ich am Samstag aufwache, erwarten mich ein Dutzend verpasster Anrufe meiner Freunde, die schon am Isartor auf mich warten. Ein Glück haben sie noch nicht den ganzen Kessel Feuerzangenbowle ausgetrunken, als ich endlich ankomme, und ich darf mich mit einer heißen Tasse Hochprozentigem auf unseren gemeinsamen Abend einstimmen. Der führt uns heute ins Munich
Center of Community Arts – das MUCCA und wir sehen uns dort das Theaterstück Reine Kopfsache an. Die beiden Schauspieler machen sich darin auf die Suche nach sich selbst, dem Anderen, dem Du, dem Ich, dem Wir und fragen sich, was in den Köpfen der Menschen wohl so passiert. So viel Tiefgründigkeit lässt uns in geradezu melancholische Stimmung verfallen und wir enden in einer philosophischen Diskussion über das Leben und das Sein.

Dieser Abend motiviert mich, am Sonntag einmal selbst auf der Bühne zu stehen – und meinem eigenen Glück auf die Spur zu kommen. Im Kösk gibt es ab heute jeden Sonntagnachmittag von 17-19 Uhr für alle Interessierten den Theaterworkshop GLÜCK. Die Teilnehmenden erforschen mit theatralen Mitteln das Glück und stellen Glücksvorstellungen auf den Kopf. Genau das Richtige, um einer anstehenden, sogenannten Winterdepression auszuweichen, denke ich mir.

Beflügelt von so viel Glücklichsein lässt sich der vorlesungslastige Montag doch gleich viel angenehmer einleiten und ich freue mich zur Abwechslung mal nur darauf, am Abend daheim Ingwertee zu kochen und ganz viel Serie zu schauen. Hach, ist der Winter schön.

Was, wenn der Student bereits am Dienstag in den Club gehen will? Tarne dich gut und nenne es „einen Konzertbesuch“. So mache ich es heute und verbringe meinen Abend in der Milla. Bevor sich Neufundland aus Köln die Ehre geben, spielen AberHallo, fünf Jungs aus Regensburg.

Mittwoch zählt ja auch für Normalos, sprich Verdienende, fast schon als Wochenende, oder? Oder vielleicht auch nicht, jedenfalls finde ich es höchste Zeit, die erste Bar in dieser Woche aufzusuchen und damit offiziell mein Wochenende zu beginnen. Wegen des Hauch schlechten Gewissens, das
mich seicht streift, möchte ich meinen exzessiven Bierkonsum an diesem Abend wenigstens mit etwas Kultur kombinieren und entscheide mich für die Kiste an der Münchner Freiheit, wo es an diesem Abend eine Lesung der Komparatistik Schreibwerkstatt gibt. Fleißige Studierende lesen ihre Texte vor und ich darf lauschen? Wunderbar. Das Bier schmeckt auch vorzüglich, ich bin glücklich. Vielleicht sollte ich das am kommenden Sonntag im Theaterworkshop mal erwähnen, es scheint ja doch recht einfach zu sein, die Sache mit dem Glücklichsein.

„Heute Abend LVNG?“ zischt mein Kommilitone mir am Donnerstagvormittag im Seminar zu. Kurz habe ich den Impuls, ihm auf den Rücken zu hauen, denn er muss sich verschluckt haben. Dann fällt es mir ein: LVNG, ausgesprochen aber Living, weise ich meinen Nebensitzer in die Namensgebung der altbekannten und nun irgendwie doch neu gewordenen Band LVNG aus
München ein. Anscheinend gibt es außer einem neuen Namen auch neue Musik, die diesmal ganz anders klingt. Wir machen uns nach der Uni also auf den Weg ins Muffatwerk, wo LVNG als Vorband von I’m Not A Band im Ampere ihre neuen Songs vorstellen. B mn hn Vkl mtsngn knn?

Und dann ist ja eh schon wieder Wochenende. Ich habe eigentlich gar keine Lust, am Freitag vor die Türe zu gehen, der Alkohol der letzten Woche reicht mindestens bis Silvester, und außerdem habe ich viel zu wenig geschlafen in den letzten Tagen. Deshalb muss es heute Abend unbedingt gemütlich werden. Und wo schafft man das besser als in der Glockenbachwerkstatt? Wenn Menschen aus überall Musik von überall spielen und GEMEINSAM in Großbuchstaben geschrieben wird. Gemeinsam macht eben doch alles viel mehr Spaß und deshalb wird der Freitagabend natürlich kein einsamer in den eigenen vier Wänden, sondern so funky wie der Titel der Veranstaltung: Beige Funky / die 2.

Text: Jana Haberkern

Foto: Privat

Von Freitag bis Freitag: Unterwegs mit Friederike

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Es wird politisch, wie sollte es auch anders sein. Unsere Autorin ist alles andere als begeistert von den Ergebnissen der Bundestagswahl. Mit ihrer Wochenplanung möchte sie ein Zeichen setzen. Auf dem Programm steht die

RAGE AGAINST ABSCHIEBUNG Soliparty, sowie eine Diskussionsveranstaltung

in der Seidlvilla.

Ich habe zuerst überlegt, einen persönlichen Brief zu
schreiben. Einen Offenen Brief an die Regierung oder so. Dass es doch
Leute unter 30 gibt, die ihre Zukunft interessiert. Dass wir nicht bloß stolz
unsere Freunde und Follower per Instagram darüber informiert haben, dass wir
die coole Briefwahl gemacht haben – sondern dass uns unsere Zukunft in Deutschland
etwas angeht. Und vor allem: dass wir ziemlich unzufrieden sind,
nach der Wahl noch mehr als davor. Aber hört das wer? Liest das wer? Ist doch
alles scheiße gerade! ‘Tschuldigung, aber bei so einem politischen Wetter, was
hier gerade über Deutschland zieht, ist mir in dieser Woche kaum nach Feiern zumute. An Alltag ist
noch nicht zu denken – und irgendwie doch, weil man der AfD und ihren Wählern
ja wohl kaum den Gefallen tun und in Resignation verfallen kann.

Meine Woche
von Freitag bis Freitag ist nichtsdestotrotz der momentanen Stimmung geschuldet
und eine paradoxe Mischung aus Protest und Stillstand, melancholischer
Akzeptanz und Verdrängung. Wem es ähnlich geht, der möge sich anschließen.

Am Freitag bin ich auf einem 30. Geburtstag, der wahrscheinlich
vor der HFF im Bahnwaggon Minna Thiel endet. Was gibt es passenderes, als einen
Bier-Trink-Ort, der nach einer verstorbenen Liebe benannt wurde, der der
Protagonist Gerhart Hauptmanns Bahnwärter Thiel noch viele Jahre nachtrauert?
Die Münchner Künstlerin Muun spielt einen sonderbar melancholisch-motivierenden
taktvollen Sound, der weder komplett ablenkt, noch ständig an die
bevorstehenden Zeiten denken lässt.

Samstag starte ich mit einer Spazierrunde durch das Westend.
Ich will endlich in den neuen Laden von Phaedra Richter, Vindue
um mir ein neues an ferne Länder erinnerndes Sofakissen auszusuchen. Danach
gibt’s einen leckeren amerikanischen Bagel bei Onofrio’s in der Heimeranstraße
32. Am Abend schicke ich meinen Freund auf die Tattoo- und Bodypainting-Messe
Artistink in die TonHalle und gehe mit ein paar Freunden ins Lost Weekend zur
Open Stage
. Mir stinkt es zwar, dass ein Laden, der Love kills capitalism über
seiner Tür stehen hat, einen Bankautomaten im Inneren besitzt, aber die
Veranstaltungen dort sind einfach spannend und inspirierend.

Sonntag besteige ich die Kreuzbergalm, die man auf dem
Prinzenweg vom Schliersee zum Tegernsee erreicht, um das hoffentlich gute
Wetter von dort oben zu genießen und mir all die schlechten Gedanken aus dem
Hirn pusten zu lassen. Abends schaue ich den Tatort im Stadion in der
Schleißheimerstraße
, dazu Pommes-Schranke! Montag ist bei mir kein Brückentag,
weshalb es unnötig wäre, mögliche Abendveranstaltungen für den Sonntag
herauszusuchen. Klar ist: Die Theatersaison hat wieder begonnen und wer sich
noch in der luxuriösen Situation sieht, einen Studentenausweis zu besitzen,
sollte gefälligst im Volkstheater vorbeischauen, oder im Rationaltheater oder
im Heppel + Ettlich oder oder.

Montag zieht es mich nach der Arbeit ins Feierwerk zur erneuten
RAGE AGAINST ABSCHIEBUNG Soliparty.
Vielleicht schaffe ich es aber vorher auch noch ins Container Collective, wo
ein kleiner feiner Flohmarkt stattfinden soll. Ich müsste dringend mal
ausmisten, mir eine Winterjacke kaufen und einen guten Cocktail gegen den Frust
trinken.. Untermalt ist der Schranzmarkt mit Flohrave, oder so ähnlich.
Standgebühr liegt bei 10 Euro.

Dienstag ist Feiertag und meine Eltern sind in der Stadt. Ich
will ihnen ein bisschen liebevolles München abseits der kommerziellen und
sexistischen Wiesn zeigen und hoffe, dass das Gans am Wasser im Westpark
geöffnet hat. Am Abend gehen wir ins wieder aus der Sommerpause zurückgekehrte
Welcome Cafe in der KAMMER 3.

Mittwoch werde ich am Nachmittag im Vinty’s in der
Landsbergerstraße
vorbeischauen – denn nachdem ich meinen Kleiderschrank
ausgemistet habe, ist Platz für Neues.

Von Donnerstag bis Sonntag finden die mittlerweile siebten
Afrikanischen Filmtage
im Münchner Gasteig statt und da sie nicht besser in die
jetzigen Tage passen würden, bin ich sicher dabei: Unter anderem möchte ich den
Berlinale Preisträgerfilm Félicité von Alain Gomis
sehen.

Freitag findet eine Info- und Diskussionsveranstaltung zum
Thema Global Care in der Seidlvilla statt. Jeder, der sich jetzt Sorgen um die
Welt macht, oder sich um die Welt sorgen will, sollte da unbedingt vorbeischauen.
Ich denke, dass das der richtige, wenn auch kognitiv anstrengendere Abschied
einer langen, nicht gerade unpolitischen Woche ist. Aber wenn wir unter
30-Jährigen zeigen wollen, dass unsere Zukunft nicht ohne uns gestaltet werden
kann, sollten wir uns nicht nur übers Wahlergebnis aufregen oder gar gleich
auswandern, sondern die vielen uns gegebenen Möglichkeiten annehmen und nutzen.
In diesem Sinne passt dann auch die Abendveranstaltung: Freitagabend sehe ich
mir die Fotoausstellung Faces of India an und lasse die Woche im AWI
ausklingen.


Text: Friederike Krüger

Foto: Privat

Zeichen der Freundschaft: Rampenbier

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Bier, Theater und Zusammenleben und Zusammenarbeit – unsere Autorin berichtet von einem der tollsten Jahren ihrer Jugend.

Wir laufen die Rampe entlang, dann durch den langen Gang,
betoniert sind der Boden genauso wie die Wände und die Decke. Man hört schon
von hier den Wumps der Musik im Obergeschoss. Jemand Fremdem könnte man an
dieser Stelle niemals ernsthaft verklickern, dass wir gerade auf dem Weg ins
Theater sind. Viel zu sehr lässt die Atmosphäre auf eine Untergrund-Techno
Party schließen. Durch die schwere Türe werden wir die schmale Treppe hoch in
die bunten, provisorisch eingerichteten Räumlichkeiten unseres kleinen Theaters
geführt. Im riesig großen Proberaum ist das Licht aus und die Musik laut. An
jedem Möbelstück, auf jedem Schreibtisch, in der Einrichtung jedes einzelnen Raums
erkennt man den hier herrschenden, niemals endenden Arbeitsprozess. Jetzt sind
wir da. Und unsere Einflüsse haben direkten Einfluss auf die Arbeit an diesem
besonderen Theater.

Auf der Rampe sitzend denken wir nun – wenn wir alle wieder
gemeinsam für ein Projekt zusammen kommen –  an diese wunderbare Zeit,
wenn wir wieder einmal bis tief in den Abend hinein gearbeitet hatten, jemand
in weiser Voraussicht schon einmal eine Menge Bier gekauft hatte, und unsere
Energie noch stundenlang nicht nachlassen wollte. Aufgedreht von diesem Zauber
tanzten wir bis in die Morgenstunden in unserem Proberaum. Ich habe noch nie so
viel Gefühl gespürt wie in diesem Jahr, mit Euch. Diese Zeit gehört uns.

Als wir vor drei Jahren das erste Mal an dieser Rampe
ankamen, uns alle fremd waren, und ein Jahr dort miteinander verbringen
sollten, einte uns die unstillbare Lust, Theater zu machen, etwas zu bewegen.
Zu lange hatten wir auf der Schulbank stillgesessen, Matheformeln auswendig
gelernt und von einem Leben, frei mit der Kunst, geträumt. Plötzlich stießen
wir dort, vorerst unscheinbar, auf der Rampe auf Gleichgesinnte. Ein reger
Austausch begann, Freundschaften entstanden, wir als Team wurden zu einer
unschlagbaren Gemeinschaft. Es begann ein Jahr voll mit so vielen Eindrücken,
dass die Zeit nicht zum Verarbeiten reichte, ein einziger monatelang
anhaltender Rauschzustand. Wir verliebten uns ineinander, wir stritten uns
miteinander, wir wohnten zusammen, wir standen gemeinsam auf der Bühne und
leiteten Kindergruppen an. Das Rampen-Bier wurde zu einer festen Instanz unseres
Alltages, zwischen Schülergruppen und Schauspieltraining. Die Rampe war der
Aufgang des Theaters, für uns der Treffpunkt nach Feierabend, wenn wir die Aura
des Theaters noch nicht verlassen wollten. Auf der Rampe entwickelten wir
unsere Ideen gemeinsam weiter und lernten die Songtexte von Miley Cyrus’
Wrecking Ball und Lafees Virus auswendig. Wir schmiedeten Pläne für
Zusammenarbeiten nach unserem gemeinsamen Jahr, alle bereits in dem Wissen, dass
wir danach wieder sehr weit voneinander entfernt wohnen
würden.

In der Zwischenzeit – in den zwei Jahren seitdem unser Jahr
vorüber war– ist das Theater in ein Haus umgezogen. Unser Bunker von damals
ist für uns nicht mehr betretbar. Mit unserem Dosenbier sitzen wir deshalb
abends auf der Rampe und blättern wie in einem Fotoalbum durch unsere
gemeinsamen Erlebnisse – jemand erzählt von dem Abend, als wir “Die 5 Entdecker”
gründeten, mit einem Stapel “Cards against humanity” durch die Stadt liefen und
die Plakate zur Landtagswahl verschönerten, die CDU Plakate in Frischhaltefolie
wickelten und mit  „Ideen von gestern
frisch halten“ beschrifteten. Wie wir ins Freibad einbrachen und nackt durch
den Regen tanzten. Insider-Sprüche prasseln auf uns ein. „Krautsalat, du
Fotze!“, der wohl bekannteste, als ich Krautsalat aß und der Junge mit dem
Sprachfehler mir erklärte, wie das meine Verdauung beeinflusst. „Krautsalat? Du
furzen!“ sagte er. Ich war entsetzt: „Hast du gerade Krautsalat, du Fotze zu
mir gesagt?“. Oder als wir zu zehnt in einer Wohnung schliefen, an einem Tag
alle unsere Wäsche wuschen und im Wohnzimmer aufhängten. Am nächsten Morgen war
die Luftfeuchtigkeit im Zimmer ins Unermessliche gestiegen und unsere Kleidung
noch pitschnass. Wir steckten sie in die Mikrowelle, das war keine besonders
gute Idee. Der Abend als wir in der Stripperlounge, so war eine unserer WGs
benannt, völlig bekifft im Wohnzimmer rumlungerten und auf die Frage der
Anderen, was denn los sei antworteten: „Wir wollen nicht, dass ihr merkt, dass
wir bekifft sind.“  

Das Jahr war anstrengend, wir arbeiteten viel und steckten
all unsere Energie in die Projekte. Wir hatten kaum mal ein Wochenende frei,
erst Recht keine Zeit einem anderen Hobby nachzugehen. Trotzdem rauschen vor
unserem inneren Auge die ausgelassenen Momente vorbei. Die Premierenfeier mit
Sahneschlacht, Übernachtungsparties im Proberaum, Geburtstagsfeiern,
Inszenierungsideen, die Momente, wenn wir feststellten, dass wir ganz besondere
Menschen getroffen hatten, hier, an diesem Theater, auf dieser Rampe. Die
Geschichten nehmen kein Ende, genauso wie die Nächte an der Rampe, wenn wir
beieinander sind. 

Text: Jana Haberkern

Foto:
Yunus Hutterer