EP-Kritik: Matthew Matilda – EP I

image

Diesen Freitag veröffentlichen

Matthew Matilda ihre „EP I“

und wir haben für euch schon mal reingehört: Die beiden erschaffen dort eine eigene, außergewöhnliche Atmosphäre, die nach dreckigem Blues und verruchten Nächten klingt. 

Matthew Matilda – Diese beiden Namen stehen für rauen Blues und der ist auf der gesamten „EP I“ zu hören.
Diese Songs sind sicher keine Partyhits, dafür aber vereinen sie großartiges
Songwriting mit treibenden Rhythmen, aus denen sich ein Sog entwickelt, der den
Charme des Duos ausmacht. Vielleicht bringt einen die EP nicht zum Tanzen, aber
sicher zum Bewegen und bewegt Sein, denn die bluesigen Harmonien und
persönlichen Lyrics gehen direkt ins Gefühl.

Im ersten Song, Breaking
Home
, schwebt Matthews Stimme auf den gleichmäßigen Basslines von Matilda,
welche dem Song eine Schwere verleihen, die gleichzeitig seine Stärke ist. Bis
zum Ende steigert sich der Song und klingt immer mehr nach dreckigem Blues und
verruchten Nächten, nach Aufbruch – ein gelungener Einstieg in die EP ist er
auf jeden Fall, denn beide Musiker können gleich ihre Stärken, sowohl an
Instrumenten als auch stimmlich zeigen.

Ruhiger geht es weiter mit
London, eingeleitet von einer fließenden Cello Melodie, die den melancholischen
Charakter des Songs vorgibt. Im Chorus steht der atmosphärische, zweistimmige
Gesang der Musiker im Vordergrund, und selten haben zwei Stimmen und ein Cello
gemeinsam so viel Tiefe erzeugt.

Fast, der nächste Track
des Albums, ist vielleicht der eingängigste Song des Albums. Die Flucht in eine
eigene Welt ist mit diesem Song möglich, und wird mit dem nächsten Song, Season
of Love
, fortgesetzt. Das leise, sanfte Zusammenspiel von akustischer Gitarre
und Cello lässt an einen Film-Soundtrack denken und Im zweiten Teil des Songs
setzen die Stimmen der Musiker ganz aus und sie lassen ihren Instrumenten Raum
für ein Cello-Solo, untermalt von unsauberen, tragenden Gitarren-Akkorden.

Die EP wechselt zwischen
Blues-Rhythmen und ruhigen Songs, die ihre Dynamik allein durch die geschickte
Kombination der Instrumente erhalten. So stark wie die EP beginnt, endet sie
auch, mit viel Melancholie dazwischen und dem Song Sea Lion als krönenden Abschluss. Mit der EP beweist das Duo, dass es nicht nur live die Fähigkeit
hat, den Zuhörer in ihre eigene Welt zu entführen. Die beiden legen eine starke Platte
voller Blues, Rock und tiefgründigen persönlichen Lyrics vor, die unter die
Haut gehen.

Text: Marina Sprenger 

Foto: Stef Zinsbacher

Band der Woche: The Tonecooks

Ein Fundament, das zunächst unstimmig scheint: Indie-Rock und Jazz – So vielfältig wie ihre Musik ist, so divers sind auch die thematisierten Inhalte. Es geht um Weltoffenheit und das Individuum in der Gesellschaft, aber auch um Tod und Verzweiflung.

Jazz war einst heiße Musik. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war im Jazz ein emotional warmer Ausdruck möglich, den es in der so stark formalisierten klassischen Musik nicht gab. Jazz war hot. Das hat sich gewandelt. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Art, wie Jazz musiziert wurde (nicht mehr als Tanzmusik, sondern mehr als Zuhör-Darbietung), aber auch die Haltung hinter dem Jazz heruntergekühlt. Cool, das Wort, das so geläufig als positive Bezeichnung im Pop-Biz geworden ist, entstammt dieser Haltung: Emotion nicht offen zeigen, heißt das ursprünglich, sich nicht preisgeben, eben cool bleiben. 

Pop und Jazz haben musiktheoretisch viele Berührungspunkte, ausdruckstechnisch gesehen jedoch sehr wenige. Mit I Am Kloot gab es aber im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts eine Band, die die coole Jazz-Haltung in die warme Singer-Songwriter-Musik holte. Auf „Natural History“, dem ersten Album der Briten, findet sich ein lässig-groovender Jazz-Bass neben vereinzelt dahingeworfenen Harmonien auf der Akustik-Gitarre und einem sanft-schwingenden Schlagzeug. Doch der Ausdruck der Band ist warm, voller Herz, emotionalem Leid und voller uncoolem Seelenstriptease. Und mit The Tonecooks gibt es seit vier Jahren in München eine Indie-Rock-Band, die diesen Transfer von jazziger Coolness in einen emotional aufgewärmten Musikstil ebenso hinbekommt.

Indie-Rock und Jazz, das erscheint eben erst einmal kreuzverschieden. Doch das Quartett, das sich am Münchner Dante-Gymnasium kennenlernte, trägt diese Melange als Voraussetzung. So prägen das musikalische Bild der Band der Sänger, Akustik-Gitarrist und Indie-Songwriter Julius Krebs sowie der zweite Sänger und Jazz-Gitarrist Til Waldhier. Und da die vier Musiker mehr demokratische Typen sind als kunstdiktatorische Haudegen, werden diese beiden Einflüsse eben, so gut es geht, zusammen gebracht: „Wir hören vollkommen unterschiedliche Musik, ticken alle anders, aber wir finden uns in der Musik“, erklären sie. Sie bräuchten nur aufeinander hören und schon entstehe ein „einzigartiges Miteinander“, man finde sich im „Klang- und somit im Gefühlsaustausch“. Und dieser macht sich auf den ersten Veröffentlichungen der Band schon ganz gut. Die Songs, die sie im vergangenen Jahr auf dem Album „Camel in the Ghost Train“ veröffentlichten, verdichten die Jazz-Einflüsse mit klassischen Brit-Rock- und Indie-Elementen.

Die Musik der Tonecooks funktioniert dazu passend auf zwei Ebenen: Einerseits jazzen Gitarre und Schlagzeug im Opener „All I Want“ mit einer nicht zu unterschätzenden Coolness. Andererseits folgt im Anschluss die Überraschung im Stück „Waves“, das zwar instrumental immer noch jazzig geprägt ist, in der Stimme aber schon ein Art romantisches Sehnen spürbar werden lässt. Der Track „Ordam“ bekommt dann über dem Jazz schon etwas Drängendes und beinahe Flehendes im Gesang, bevor das Album schließlich mit den Zwillingssongs „Lost I“ und „Lost II“ einmal den Jazz nihilistisch ins Funkige und einmal in rollenden Indie-Rock kippen lässt. Die Welt ist voller Gegensätze. Und diesen wollen die Tonecooks in ihrer Musik einen adäquaten Ausdruck verleihen: „Themen, wie der Bezug zwischen dem Individuum und der Gesellschaft, Weltoffenheit, sowie Verzweiflung und Tod, stehen in unseren Liedern im Mittelpunkt“, erklären sie. Ihre Musik, die eben eine solche Schichtung von Nähe und Wärme, sowie Coolness und Unnahbarkeit ist, spiegelt das. Im kommenden April wollen sie eine EP veröffentlichen, deren Stil einen Ausblick auf das, ebenfalls für 2017 angesetzte, zweite Album geben soll.

Stil: Indie/Rock/Jazz
Besetzung: Julius Krebs (Akustik-Gitarre, E-Gitarre, Gesang), Adam Smolen (Bass, Gesang), Til Waldhier (Jazz-Gitarre, Gesang), Nicolas Dehais (Schlagzeug, Percussion)
Seit: 2013
Aus: München
Internet: soundcloud.com/thetonecooks

Text: Rita Argauer

Foto:

Vincent Man

Band der Woche: Lester

Lester machen Deutsch-Punk- der doch ganz spannend wird. Mit persönlichen Texten und einer Hingabe zum Publikum während ihrer Live-Shows

haben sie den Punkrock in eine Haltung geführt, die die Indie-Musik in den Neunzigerjahren innehatte

Spätestens in den Sechzigerjahren begannen politisch Aktive die Ästhetik der Popmusik für sich zu entdecken. Es folgten großartige Polit- und Protestsongs, es folgte aber auch eine Instrumentalisierung der Popmusik über den rein musikalischen Affekt hinaus. Seitdem treffen sich Pop und Politik in Wellenbewegungen – auf stark politisierende Genres folgen meist Veröffentlichungen des selben Stil, die bewusst entpolitisiert wurden. Denn wenn niemand über den bloßen Konsum der Musik hinaus gefordert ist, verkauft sich die Musik besser. In der Entwicklung des Punk lässt sich das besonders gut nachvollziehen. Zuerst wurde der Stil erfunden, unter anderem von der späteren Modedesignerin Vivienne Westwood. Dann wurde der Stil politisiert als Ausdruck der rebellierenden Jugend, die sich mit der Arbeiterklasse identifizierte. Und schließlich mündete das im Genre Fun-Punk, was ja schon im Namen mehr Spaß und weniger politisches Bewusstsein verspricht. 

Die Münchner Band Lester klingt eigentlich wie eine klassische Deutsch-Punk-Band. Das Quintett bewegt sich in einer Szene, die am Mainstream nicht interessiert ist. Die grafische Gestaltung ihrer drei bisherigen EPs ergibt sich aus Symbolen des Widerstands. In den sozialen Netzwerken posten sie Fotos von Konzerten – auf einem steht auf dem Banner über der Bühne nicht der Bandname, sondern die Forderung „Freiräume erhalten“. Und irgendwie fühlt man sich bei dieser Band ein wenig zurückversetzt in eine Zeit, in der der alternative Stil noch in solchen Codes funktionierte. Doch es gibt auch heute noch über das ganze Land verteilt autonome Zentren, in denen Konzerte solcher Bands stattfinden. In München ist der Raum für eine solche Szene tatsächlich klein, doch auch hier hat sich etwa im Kafe Marat oder im Sunny Red im Feierwerk eine konstante Konzertkultur solcher Musik etabliert. Im Fall von Lester ist das eben der für Deutsch-Punk typische, etwas bellende Gesang, samt treibendem Punk-Beat am Schlagzeug. Harmonisch findet sich jedoch durchaus eine Zugewandtheit zum Pop. Natürlich haben die Musiker in ihren Teenager-Jahren Punk gehört, wollten dann selbst Musik machen und fanden sich in diesem Stil wieder. Diverse Band-Erfahrungen liegen hinter den einzelnen Mitgliedern, mit Lester seien sie nun an einem Punkt, an dem sie ihre „musikalische Erfüllung“ gefunden hätten. „Diesen Moment wollen wir möglichst lang auskosten“, sagen sie. 

Und in dieser genießenden Gelassenheit passiert da mit dem Punkrock nun doch etwas Spannendes. Denn wenn man die Musik von Lester so hört, geht es da nicht mehr darum, mit lauten Gitarren und forderndem Gesang zu provozieren – das würde heutzutage vermutlich auch nicht mehr wirklich funktionieren. Der Stil des Punkrock ist bei Lester vielmehr der musikalische Ausdruck, in dem sie sich wohlfühlen. Die Texte sind von „persönlicher Natur“, erklären sie, es gehe weniger um die großen gesellschaftlichen Themen als darum, vor allem auch während des Live-Spielens eine Verbindung zum Publikum zu schaffen und über die Konzertdauer eine Atmosphäre für Publikum und Band zu etablieren, in der das Negative des Alltags für einen Abend ausgeblendet wird. Und so haben sie den Punkrock in eine Haltung geführt, die die Indie-Musik in den Neunzigerjahren innehatte: Der Bezug zu sich selbst zählt dabei mehr als bellende Politik, Lester bieten Wohlfühlmusik für alle diejenigen, die sich eher im Lauten als im Lieben wohlfühlen. Ganz konsequent bezeichnen Lester ihre Musik deshalb auch als Heavy Pop. In diesem Jahr wollen sie ein erstes Album veröffentlichen.  

Lester

Stil: Heavy Pop/ Punk-Rock

Besetzung: Andy Keymer (Gesang, Gitarre), Phil Graf (Gitarre), Bernhard Schindl (Schlagzeug), Paloma Ernd (Bild), Jasper Ruppert (Bass)

Aus: München

Seit: 2012

Internet: www.wirsindlester.de

Text: Rita Argauer

Foto: Lester

Band der Woche: Inside Golden

image

Inside Golden spielen eine Musik, für die sie eigentlich viel zu jung sind: Blues. Und das ist auch gut so, denn die Musiker eint eine Liebe zu echten, analogen Sounds.

Das Ziel ist erst mal unklar. Wenn junge Menschen beginnen, Musik zu machen, liegen da oft ganz unterschiedliche Intentionen darunter: Ausgleich zum Alltag etwa. Oder Rebellion. Gesellschaftspolitisches Sendungsbewusstsein oder vielleicht auch ein wenig der Traum, mit der eigenen Musik berühmt zu werden. Das Berühmtwerden erfolgt in den seltensten Fällen jedoch auf einen Schlag, vielmehr ist das ein schleichender Prozess. Zuerst kennt die Band keiner. Dann kommen erste Auftritte, der Name spricht sich rum. Erst im Stadtviertel, später dort, was man als Szene bezeichnet. Also meist bei anderen Musikern, die in der selben Stadt in denselben Clubs auftreten.

Und da hört der Weg zur Berühmtheit dann bei den meisten auch schon wieder auf. Eine der wenigen Ausnahmen ist der junge Münchner Bluesmusiker Jesper Munk. Bei dem hörte das stetige Steigen der Bekanntheit überhaupt nicht auf, der wurde einfach weiter in kleinen Schritten immer berühmter. Vor dem Berühmtwerden hatte Jesper Munk jedoch in einer Münchner Szene-Band gespielt. Und die Mitglieder dieser Band, die unter dem Namen Lila’s Riot auftrat, haben sich nun ohne den berühmt gewordenen Jesper Munk, neu formiert. Inside Golden nennt sich das Quartett, der mittlerweile Anfang 20-jährigen Musiker. Und die lässige Haltung, mit der die vier Musiker eine irgendwo Teenager-verklärte Variante des Altherren-Trübsal-Genres Blues heraushauen, ist bemerkenswert.

Der Blues übt sowieso eine Faszination auf diese spezielle Mikro-Szene Münchens aus. Da gibt es durchaus noch ein paar mehr, außer dem Blues-Poster-Boy Jesper Munk, die mit verhangener Rückwärtsgewandtheit einen Stil spielen, für den sie eigentlich viel zu jung sind. Die doch mittlerweile ebenfalls ansehnlich bekannt gewordene Whiskey Foundation etwa, die Blues-Hippies Ni Sala und die Hard-Rock-Blueser The Black Submarines. Das ist die Gesellschaft, in der sich auch Inside Golden wohl fühlen, die den Songwriter Matthew Austin oder Henny Gröblehner alias Pour Elise zu ihrem erweiterten Szene-Freundeskreis zählen. Vereint sind sie alle durch eine in Zeiten von heimischen Laptops-Studios und elektronischer Musikproduktion fast aus der Zeit gefallene Treue zu akustischen oder im Falle von Verstärkern zur elektroakustischen Tonerzeugung: „Uns eint die Liebe zum analogen Sound, verzerrten Röhrenverstärkern, echten Drums“, erklären Inside Golden, die sich vor der Aufgabe sehen, „mit den uns gegebenen Mitteln Musik zu machen“. Dass dabei Musik entstehen soll, die trotzdem in der heutigen Zeit als relevant und modern angesehen werden kann, ist dabei Voraussetzung für die Band, die in diesem Jahr eine erste EP veröffentlichen möchte und möglichst viele Konzerte plant. 

Die Musik, die sie im vergangenen Jahr schon in ein paar Konzerten live präsentierten, hat dabei einen recht besonderen Charme. Denn Inside Golden verwirklichen wohl am konsequentesten einen Blues-Sound, der der Unentschlossenheit der digital verwöhnten Millennial-Generation entspricht. Sie vermitteln das Gefühl eines innerlichen Brennens, während der äußerliche Rahmen der Musik sich in Lo-Fi-Ästhetik durch schwere Blues-Harmonien schleppt und den Klang der glühenden Röhrenamps zum Hauptträger der Musik macht. Sie sind damit noch ein wenig lethargischer als ihre alten Vorbilder Jimi Hendrix oder Bob Dylan. Und gleichzeitig vermittelt diese Musik ein schwach, aber konstant glühendes Aufbegehren. Nichts löst sich da ein. Und genau das macht es verheißungsvoll. Die musikalisch erzählte Erinnerung an Rock ’n’ Roll-Exzesse, die die joggende Gesundheitsjugend heutzutage so nicht mehr praktiziert.  

Text: Rita Argauer

Foto: 

Käthe deKoe

Band der Woche: Vertigo

Rock`n`Roll steht längst nicht mehr für Skandale und Drogen, die Band Vertigo weiß das und verwandelt den “Highway to hell” kurzerhand zur “Highroad to Happiness”. Gute Rockmusik machen sie trotzdem.

Was ist nur mit dem Rock ’n’ Roll passiert? Was ist aus diesem einst aus der Widerspenstigkeit heraus geborenen Genre der Rock-Musik geworden? Ein Genre, in dem provoziert wurde. Ein Genre, vor dem Eltern und Großeltern einstimmig warnten und die Musiker wie die Fans sich abseits der Gesellschaft positionierten, fröhlich grölend, mitten auf dem „Highway to hell“. Und jetzt sind die Rock ’n’ Roller die schönsten Schwiegersöhne von allen, auf die sich alle einigen können – bei Bandwettbewerben genauso wie bei buddhistischen Selbstfindungskursen.

Exemplarisch dafür steht die Münchner Band Vertigo (Foto: Laura Fiona Holder), die in diesem Jahr den Sprungbrett-Wettbewerb des Feierwerks gewann, ihr kommendes Album erfolgreich per Crowdfunding finanzierte und einen Song im Gepäck hat, mit dem programmatischen Titel „Highroad to Happiness“. Ja, Vertigo, eine Band, die den Anspruch für sich verficht, authentische Rock-Musik zu machen, sich also damit abgrenzen möchte von all dem Mainstream-Indie und dem Konsens-Elektro, ist gleichzeitig auch Kind ihrer Konsens-Zeit – eine Zeit, in der man eher durch gute Leistung als durch Herumsandeln überzeugt.

Dass die vier Jungs von Vertigo das können, was sie tun, steht außer Frage. Sie können das sogar wirklich gut – sehr tight spielen sie da zum Teil gar nicht unkomplizierte Rhythmen, intonationssicher jault Lead-Sänger und Gitarrist Mario Hain darüber, lässt die Stimme absichtlich ein wenig brüchig klingen. Man macht das einfach so, wenn man heutzutage Rock-Musik spielt. Und damit führen Vertigo das weiter, was die Guns ’n’ Roses in den Neunzigerjahren begannen – sie überführen Rockmusik in den Pop. Doch ohne die Skandale eines Axl Rose, denn Skandale und Drogen sind spätestens seit Amy Winehouse aus der Codestruktur konsensfähiger Rockmusik herausgefallen. Drogen sind uncool, Skandale auch. Heutzutage macht man die Dinge richtig, im dem Sinne, wie es die Erwachsenen definieren. Oder noch richtiger als es die heute im Großelternalter angekommenen Sechziger- und Siebzigerjahre-Rebellen es jemals zu träumen wagten.

Man darf das nicht falsch verstehen, Vertigo machen ihre Sache richtig gut. Sie haben sich vor ungefähr vier Jahren während des Studiums in München kennengelernt. Sie beschäftigen sich in ihrer Kunst mit Themen, „die für uns selbst gerade interessant und wichtig sind und damit wohl auch die Gefühle und Sehnsüchte unserer Generation widerspiegeln“, erklären sie. Das seien Liebesthemen, Zukunftsunsicherheiten und Fernweh – ja, diese Generation sieht ganz andere dunkle Wolken über ihrer Zukunft hängen als es noch vor 40 Jahren der Fall war, als die Jugend lustvoll und voller Agit-Prop-Spaß gegen den Staat aufbegehrte. Mit dem Staat hat man heute weniger Probleme, man weiß nur auch, dass dieser einen im Zweifelsfall nicht retten wird.

Rückzug ins Private lautet in solchen Fällen der Slogan seit dem Biedermeier. Und auch das ist nicht negativ, in der Romantik ist großartige Hausmusik entstanden. Und die Musik von Vertigo ist eben ebenso gut gemacht, detailreich ausgefüllt und ein wenig wie die rock ’n’ rollige Variante von zwei Bands, die vor ein paar Jahren in München diese biedermeierliche Ästhetik dem Indie-Rock aufstülpten: This is the Arrival und Hello Gravity. Die scheiterten letztlich nicht an mangelnder Zuneigung der Fans, aber an der Big-Business-Musik-Industrie, die sie verhökern wollte, was bei der Zartheit beider Bands zum Scheitern verurteilt war.

Deshalb kann man Vertigo nur wünschen, dass sie noch möglichst lange bei sich bleiben, denn diese spezielle Gefühl ihrer Generation treffen nur sie so gut, das kapiert kein Musikmanager mehr richtig, der bereits jenseits der 30 ist.  Rita Argauer

Vertigo

Stil: Neo-Rock
Besetzung: Mario Hain (Gesang, Gitarre), Andre Akansu (Gitarre, Gesang), Sebastian Stöckl (Bass), Wolfgang Winkler (Schlagzeug)
Aus: München
Seit: 2012
Internet: www.vertigo-band.com

Neuland: Blue Haze

Die David Lynch-Liebhaber Rosa Kammermeier und Julian Riegl treten seit Neuestem gemeinsam als Blue Haze auf. Kennen dürften sie die meisten schon als Mitglieder der Bands Lilit and the Men in Grey und Kafkas Orient Bazaar. Mit Blue Haze gehen sie nun in Richtung düsterer Elektro-Pop und experimentellem Rock.

Bei David Lynch denkt man vermutlich an erster Stelle an „Mullholland Drive“ oder „Lost Highway“. Dass der US-amerikanische Kult-Regisseur jedoch auch selbst Musik schreibt und singt und spielt, ist nur besonderen Liebhabern bekannt. Rosa Kammermeier und Julian Riegl, beide Mitte 20, stellten fest, dass sie beide solche Liebhaber sind, und ließen sich von David Lynchs düsterem Elektro-Pop mit experimentellen Rock-Einflüssen inspirieren.

Die Musiker, die normalerweise in den Bands Lilit and the Men in Grey und Kafkas Orient Bazaar zu hören sind, haben sich vor ungefähr einem Jahr zusammengetan, um in Julians Zimmer einige Songs aufzunehmen. Nach nur vier Monaten gibt es mit „Moon“ nun schon die erste EP zu hören. Rosa und Julian nennen sich Blue Haze und arbeiten derzeit an ihrem ersten Live-Set. Am 25. April werden sie als Support von Radiation City im Ampere zu hören sein. Ein Termin für eine Release-Party ihrer EP steht allerdings noch nicht fest. Das geplante Musikvideo „sollte schon etwas Ausgefallenes sein“, sagt Julian – auch hier ganz in David-Lynch-Manier.  

Foto: Sophie Wanninger

Von: Theresa Parstorfer

Album Kritik „Still on the Run“ – Line Walking Elephant

Richtig gute Musik, unter einem ausgefallenen Namen – Line Walking Elephant meldet sich nach zwei Jahren im Studio mit “Still on the Run” zurück. Ehrlicher Rock beschäftigt sich mit Nachhaltigkeit und Konsum. Kluge Texte in energetischer Verpackung. Das warten hat sich gelohnt!

Manchmal hat man das Gefühl, Musiker gründen nur deshalb eine Band, weil sie eine coole Namensidee haben. So etwas könnte auch bei Line Walking Elephant passiert sein – oder aber, hier haben sich eine Reihe talentierter Musiker zusammengeschlossen, um unter einem ausgefallenen Namen richtig gute Musik zu machen.  Nach ihrem Debütalbum „Overload“ kehren sie nun nach zwei Jahren im Studio mit „Still on the Run“ zurück.
Im Mittelpunkt des mit acht Titeln relativ kurzen Albums steht das Thema Nachhaltigkeit und Konsum. Besonders augenfällig wird das bei dem Titel „Work an Consume“, doch das Thema findet sich auch in allen Liedern auf dem Album wieder. Musikalisch haben die Musiker ihren energetischen, ehrlichen Rock beibehalten, vielleicht hier und da noch garniert mit Indie-Elementen. Bereits der Opener „On the Ground“ zieht durch seinen treibenden Grundrhythmus in das Album, hin zu dem titelgebenden zweiten Lied – und einem großen Highlight der CD – „Still on the Run“. Bei diesem fast hymnischen Song kommt besonders die Stimme von Sänger Ferdinand Dankesreiter zur Geltung, die häufig an Samu Haber erinnert – ähnlich kraftvoll und energiegeladen, aber mit deutlich klügeren Texten. Überhaupt wäre ein Vergleich mit einer Mainstream-Poprock Band ungerecht, dazu sind die Texte schlicht zu vielschichtig, etwa die nachdenklichen Titel „Human“ und „Pretty Soul“. Seine stärksten Momente hat das Album, wenn es zum Ende hin geht. Die beiden Titel „Drown“ und „Dark“ bilden ein schönes Gegenstück zu dem kraftvollen Einstieg in das Album – und könnten wohl genauso gut auch von den Smashing Pumpkins stammen.

Philipp Kreiter
Foto: Lennart Heidtmann

Black Submarines

image

Das Quietschgelb der Yellow Submarine hat sie kurzerhand etwas verdunkelt: die Münchner Band Black Submarines. Diesen Freitag stellen sie ihr Album im Münchner Club Strom vor.

Die psychedelische Zeichentrick-Komik der Beatles ist eigentlich weit entfernt von staubigem Bluesrock. Doch sobald Unterseeboote und Popkultur zusammentreffen, stellt sich zwangsläufig die Assoziation mit der Yellow Submarine ein. Deren quietschiges Gelb hat die Münchner Band Black Submarines (Foto: Sabrina Liebl) einfach ein wenig verdunkelt. Und so hört sich auch deren Musik an: Die feine Ironie und Überzeichnung der Beatles wird bei dem Quartett durch eine rauere und rockige Ernsthaftigkeit ersetzt.

In München gibt es seit ein paar Jahren eine konstant wachsende Blues-Rockszene: The Whiskey Foundation, Bequerels oder die Gipsy Beards spielen alle recht rotzigen, groovenden und vor allem ein wenig aus der Zeit gefallenen Blues-Rock.

Die Black Submarines, deren Releasekonzert zum ersten Album nun bevor steht, reihen sich dort ein: Der melodiöse und mehrstimmige Gesang von den beiden Gitarristen Benny May und Richy Strobl sowie dem Bassisten Carl Muschol wird über stampfende Mid-Tempo-Songs gesetzt, die alle die typische Lethargie von zu schwülem Wetter oder zu viel Alkohol in sich tragen. Eher im Country angelegte und von Akustik-Gitarren dominierte Nummern wechseln sich auf dem Album „Waiting for the Time“ mit treibenden Stücken ab.

Der Aufnahmequalität des Albums hört man allerdings die Gegenwart an: Sauber und druckvoll sind die Beats, die den etwas verwaschenen Sound anschieben. Die Klarheit, die der an Elektro- und Club-Musik geschulte Münchner Musiker Beni Brachtel, der sich für die Aufnahme verantwortlich zeigte, in die Musik einbrachte, macht Sinn.

Und eine Nische haben die Musiker, die ihr Album am Freitag, 20. Februar, im Münchner Club Strom vorstellen, auch schon gefunden: Seit ihrer Gründung 2011 haben sie immer wieder Musik für Theaterstücke oder Filme gemacht. Etwa für das Stück „Fear No Fear“ am Theater-Werk München oder für einen Film über Free-skiing. Denn Musik, die so mit einer nostalgischen Ausstrahlung spielt wie die der Black Submarines, macht sich in erzählenden Medien immer besonders gut.

Rita Argauer

Stil: Blues / Country / Rock 

Besetzung: Benny May (Gesang, Leadgitarre), Richy Strobl (Gesang, Gitarre, Harmonika), Carl Muschol (Bass, Gesang), Sascha Dick (Schlagzeug, Percussion) 

Aus: München 

Seit: 2011 

Internet: www.theblacksubmarines.com

The Charles

Am Anfang standen stundenlange Gespräche über Led Zeppelin und Deep Purple. Jetzt hat die Rockband The Charles einen Neuzugang bekommen – einen Musiker mit Chorsänger-Erfahrung. 

Tonnen von Haarspray sind da gar nicht mehr nötig. Genauso wenig wie Stufenschnitte und voluminöse Ponys. Den Münchner Songwriter Darcy kann man sich auch schwer mit so einer Aufmachung vorstellen. Aber auch seine neuen Bandkollegen schauen eher aus wie die typischen Indie-Kids.

Doch musikalisch lässt die Münchner Band The Charles (Foto: Linus Enzmann) den breitbeinigen Hard-Rock wieder auferstehen, dessen jüngste Ausläufe bisher irgendwo in den späten Achtzigerjahren lagen. Nun haben sie mit Darcy einen überraschenden Neuzugang gefunden. Xavier D’Arcy, den man unter dem Künstlernamen Darcy eigentlich als mitreißend hingebungsvollen Indie-Songwriter kennt, übernimmt seit dem ersten gemeinsamen Konzert Anfang Januar den Job als Sänger bei den Hardrockern.

„Als wir uns zum ersten Mal getroffen haben, haben wir uns stundenlang über Led Zeppelin und Deep Purple unterhalten“, erklärt Xavier. Da sei die musikalische Ausrichtung ziemlich schnell klar gewesen: „Wir machen Rock“, sagt er, das sei auch der grundlegende Unterschied zu seinem Soloprojekt. Und bei dieser Band heißt es für Xavier nun, sich mit „Ehrgeiz, Herzblut und der üblichen Naivität einer Rock-Band“ in das Projekt hineinzuwerfen. Von nun an als Musiker in Doppelbesetzung unterwegs zu sein, ist dabei für ihn kein Problem, die zwei Projekte seien auch klar voneinander abgesetzt: „Alle Songs von The Charles entstehen im Proberaum bei Jam-Sessions und alle Darcy-Songs schreibe ich zu 100 Prozent alleine.“

Man kann sich den Musiker mit Chorsänger-Erfahrung aber auch ganz gut vorstellen in einem derart breit und energetisch angelegten Sound: Bei seinen Solo-Konzerten malträtiert er seine Akustik-Gitarre oft mit einem Anschlag, der die Saiten beinahe zum Reißen bringt. Und seine Stimme lässt er immer wieder ins Schreien kippen, die Energie scheint dabei förmlich aus ihm herauszuquellen.

Bei den „Charles“ spielt er nun E-Gitarre und bekommt für seine sich eben ab und an überschlagende Stimme den nötigen energetischen Halt in der Band. Und auch für die übrige Band ist Xavier ein Glücksgriff. Von ihrem früheren Sänger trennten sie sich im vergangenen Jahr, weil der nicht mehr genug Zeit für die Musik aufbringen konnte. Xavier hingegen hat sich gerade dafür entschieden, sein Leben derzeit nur noch mit Musik zu bestreiten. Acht Songs haben sie nun schon geschrieben, es soll eine ganze EP werden bis zu den nächsten Konzerten im März.

Rita Argauer

Stil: Rock
Besetzung: Emi Obermeier (Schlagzeug), Maxim Frischmann (Bass), Konna Solms (Gitarre), Xavier D’Arcy (Gesang, Gitarre)
Aus: München
Seit: Mit Darcy seit 2015
Internet: soundcloud.com/thecharlesmuc

Neuland

image

Über zwei Jahre mussten die Fans warten, jetzt haben El Rancho ihre neue EP für das Frühjahr 2015 angekündigt. Zu hören ist darauf auch der neue Schlagzeuger der Band, Stefan Winklhofer, 24.

Mehr als zwei Jahre haben Luca Wollenberg, 24, und Patrick Roche, 25, von El Rancho ihre Fans warten lassen: Studium, Arbeit, das Leben – nach dem zweiten Album 2012 blieb nur wenig Zeit für die Musik. Jetzt gibt es aber für die Anhänger der beiden einen Grund zur (Vor-)freude, denn kurz nach Abschluss der Aufnahmen kündigen die Jungs aus dem Würmtal ihre neue EP für das Frühjahr 2015 an.

Es ist die erste Platte, auf der auch Stefan Winklhofer zu hören sein wird, der 24-Jährige spielt seit einigen Monaten Schlagzeug im Namen der Akustik-Rock-Band. „Wir haben noch keinen genauen Release-Termin, aber man kann uns auch schon vorab anhören“, sagt Patrick Roche. Einen Vorgeschmack gibt es zum Beispiel am 8. November im Münchner Backstage. Lisi Wasmer

image