Musikalischer Umbruch

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Wir porträtieren an dieser Stelle bis zur Vernissage alle 20
mitwirkenden KünstlerInnen unserer Ausstellung
“10 im Quadrat Reloaded”
 im Farbenladen – mal Fotograf, mal
Modell. Heute: Musikerin Amira Warning.

Amira Warning, geboren 1995, schreibt deutschsprachige
Lieder und ist gespannt, wie das bei ihren Fans ankommen wird. Bisher hat sie auf
Englisch gesungen. Englisch versteht schließlich jeder und würde deshalb auch
eine potentielle internationale Karriere nicht behindern. Doch inzwischen ist
Amira das nicht mehr wichtig: „Wenn ich in Deutschland spiele, versteht mich
jeder und auf Deutsch kann ich mich besser und natürlicher ausdrücken.“ Der
Musikstil ist auch neu: „Singer-Songwriter und vom Beat her Hip-Hop und
Groove.“ Neben ihrem Soloprojekt Ami ist sie auch mit ihrem Vater Wally Warning
als Duo unterwegs. Gemeinsam bespielen sie Kulturplätze und wechseln sich ab
mit Gesang und Bass. Diesen Musikstil beschreibt Amira als Weltmusik mit ein
bisschen Reggae und Soul. Für sie ist es wichtig, dass beide Seiten
nebeneinander existieren. So kann sie einerseits ihr „eigenes Ding“ machen und
es andererseits genießen, wenn die ganze Familie bei den Auftritten mit ihrem
Vater dabei ist.

Text: Lena Schnelle

Foto: Diego Reindel

Band der Woche: Kraut & Ruhm

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Wie ambivalent bayerische Tradition interpretiert werden kann, zeigt nicht zuletzt die Seehofer’sche Idee einer “Leitkultur”. Kraut & Ruhm demonstrieren eindrucksvoll, dass Mundart und Bläsersatz nicht zwangsläufig mit schwarzer Parteilinie gleichzusetzen sind. Im Gegenteil.

Nach seinen Klischees beurteilt sind Bayern und dessen Bewohner ein wenig schizophren. Einerseits gibt es hier eine strenge traditionelle Einstellung, die politisch zu einem beinahe Ein-Parteien-System führt und zu einem Image, für das das Wort Hinterwäldler noch zahm erscheint. Andererseits hatte man hier für kurze Zeit eine Räterepublik, Niederbayern ist für seine bitterböse und kritische Kabarett-Szene bekannt – und ein Anarchismus, in dem Sinne, dass Autoritäten angezweifelt und nicht ganz ernst genommen werden, gehört genauso zur Tradition. Unter diesem Aspekt ist vielleicht besser zu verstehen, dass jemand wie Hans Söllner in bester Mundart zu mehr oder weniger akustischen Reggae-Klängen staatskritische Inhalte in die Welt hinausbläst. Und unter diesem Aspekt ist es vielleicht auch veraltet, Popmusik, die in Mundart und unter den Insignien anderer bayerischer Traditionen geschrieben wird, von vorne herein als konservativ anzusehen und zu bezeichnen.

Die Band Kraut & Ruhm (Foto: privat) siedelt sich in genau diesem Spektrum an. Schon das Bandfoto ist mit allerhand Traditionsinsignien ausgestattet: Das Sextett, das sich ursprünglich in Jetzendorf, einem laut Selbstbeschreibung „wunderschönen Kuhkaff, circa 50 Kilometer von München entfernt“ zusammenfand, präsentiert sich an einem Stammtisch – samt Bier und der Düsternis, die man gemeinhin solch tradierten Unternehmungen wie Stammtischen unterstellen könnte. Doch musikalisch und textlich begeben sich die Musiker, die mittlerweile in München leben und studieren, in eine politische Ecke, die man gemeinhin eher dem Punk zuschreibt. Gar als „linksradikal“ bezeichnen sie sich, zumindest die Gesinnung, die die Musiker als „Überbleibsel“ aus früheren Teenager-Zeiten in Punkbands mitbringen. Jetzt klingt das musikalisch zumindest alles zahmer: Die Gitarren tragen über Off-Beats ein wenig Reggae-Flair, hinzu kommen Bläsersätze und ein sanft begleitendes Schlagzeug. Sänger Domä nimmt dazu, etwa im Song „Obacht“, fast eine Moritaten-Attitüde ein, wenn er über soziale Missstände singt. Strukturell erinnert das an die Tradition der Gstanzl-Sänger: Anekdotische Strophe reiht sich an anekdotische Strophe und dazwischen folgt in einer Art Refrain, der harmonisch aber gleich zur Strophe bleibt, die Moral der Geschichte. Und damit nehmen Kraut & Ruhm noch einen anderen Aspekt bayerischer Volksmusik in ihre Musik auf, als das etwa ein Großteil der zuletzt angesagten Bayern-Beat- und La-Brass-Banda-Bands taten.

Den Gesang im Dialekt betrachten sie dabei aber keineswegs als dogmatisch. Sängerin Miri habe etwa immer noch Probleme damit, in Mundart zu singen, deshalb übernimmt sie die englischen Passagen, die es in manchen Songs genauso gibt. Sie hätten Musik „schon immer als eine Möglichkeit wahrgenommen, auf gesellschaftliche Missstände oder Problematiken hinzuweisen“, erklären sie. Als sie in Teenager-Jahren Bob Marley entdeckten, sei der Reggae-Einfluss hinzu gekommen. Dennoch geht es bei Kraut & Ruhm nicht nur um Dinge, die die Musiker als „verbesserungswürdig“ betrachten, also „die menschliche Gier nach Geld und Macht, Ausbeutung von Umwelt und Mitmenschen, Intoleranz“, sondern auch ein gewisser Spaß am Exzess, ganz zünftig etwa um eine „koide Mass auf der Wiesn“. Ob sie damit einen nächsten Wiesn-Hit auf dem Oktoberfest landen werden, wo die bayerische Kultur erfolgreich in Kommerz verwandelt wurde, bleibt fraglich. Denn dem Kommerz ist die Musik und die Haltung der Musiker recht fern. Dass sie deshalb auch eher im alternativen Indie-Bereich stattfinden, etwa 2016 mit einem Auftritt auf dem – in dieser Szene doch sehr traditionellen – Puch-Festival, ist viel stimmiger. 

Stil: Mundart-Mashup
Besetzung: Dominik „Domä“ (Gesang), Miriam Bettaieb (Gesang), Felix „Feeel“ Schneider (Gitarre, Background-Gesang), Simon „Seimen“ Seufert (Gitarre), Dominik „Gürti“ Gürtner (Bass), Max „Dr. Drum“ Schneider (Schlagzeug)
Aus: München
Seit: 2016
Internet: www.krautundruhm.com

Text: Rita Argauer

Foto: Privat

Band der Woche: Jarck Boy

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Eine hybride Mischung aus Reggae und Techno präsentiert Jarck Boy. Er bricht aus dem üblichen Vierviertel-Takt aus und mischt westlichen Hip Hop mit den Percussion-Klängen seiner Heimat Afrika.

Man braucht sich da überhaupt nichts vormachen – die moderne Popmusik hat ihre Wurzeln in Afrika. Denn ohne die afrikanische Musik, die die Sklaven mit ihrem schlimmen Schicksal nach Nordamerika brachten, hätte die Popmusik vermutlich die klassischen Harmonien, die in Europa seit dem Ende der Gregorianik zum Standard gehörten – nicht aber den Groove und nicht den Blues, der die klassischen Dreiklänge ins Übermaß dehnt oder in die Verminderung zwingt und die Musik mit Spannung anfüllt. Und nur völlig zu Recht rutscht nun die zeitgenössische afrikanische Popmusik immer mehr in den Fokus. Vor einigen Jahren schon beim Weltpop-Autoscooter-Bastard „Schlachthofbronx“, in einer angenehm berührungsangstfreien Mix-Variante.

Auf dem Münchner Label „Out Here Records“ veröffentlicht hingegen ein engagierter ehemaliger Ethnologie-Student die Musik des südlichen Kontinents, die er dort in den Städten im Underground hört – es ist Musik, die zum Teil anarchisch westlichen Hip-Hop mit afrikanischen Percussion-Klängen vermischt, die Eurodance-Synthies ins junglebeathafte zerhackt – schlicht Musik, die die Vierviertel-Takt-Ordnung westlicher Gehirne stört und die Ohren erfrischt. Neben immer größeren Partys in München, auf denen diese Musik gespielt wird, gibt es mit Jarck Boy auch einen Musiker, der das hier vor Ort mit einem ungewöhnlichen Spirit produziert.

Jarck Boy heißt eigentlich Lamin Mane, er wurde im Senegal geboren, wuchs in Gambia auf und lebt seit nunmehr sieben Jahren in München. Er habe etwas Neues kennenlernen wollen, habe reisen wollen, erklärt der 25-Jährige. In München blieb er, arbeitet bei der Bahn und produziert nebenbei Musik. Und die klingt, wie man es eben hier noch selten hört. Da werden blitzlichtartig Reggae, Reggaeton, Dancehall – also die Musikstile, die man noch eher mit Afrika assoziiert – mit Techno, Hip-Hop und Eurodance-Aspekten zusammengeworfen. Die Musik ist ein Hybrid, eine Mischung, die stolz auf ihre einzelnen Teile ist, diese kantig ausstellt und nicht als feine Emulsion präsentiert. Dennoch klingt das nicht zusammengestückelt, die Musik von Jarck Boy läuft rund. 

Und er wird durchaus politisch, wirbt für Liebe, Respekt, Toleranz, die alten Themen, die aber an Aktualität leider immer noch nichts eingebüßt haben. Ganz im Gegenteil: Das zeigt Lamin im Song „Wellcome“, der erst einmal mit einem heftigen Tabu beginnt: Man sieht ein Flüchtlingsboot ankommen, hört die etwas dramatisch-kontrollierte Nachrichtensprecherstimme eines englischsprachigen Senders, im Hintergrund erklingt bereits die Musik. „Welcome“, singt Lamin, oder vielleicht auch „Wellcome“ – zurückgeführt auf die Wortbedeutung, die ein gutes Ankommen wünscht. Dann heißt es noch „It’s a chance for a finally reunion“, bevor die Computer-Steeldrum im Wirbel losknallt und der Song beginnt, als groovender Kopfnicker samt Sirenensynthies und Downbeats, irgendwo zwischen Asian Dub Foundation und M.I.A.

Ja, Lamin lässt die Leute tanzen zur Ankunft der Geflüchteten, deren Weg er vom Mittelmeer über den Wiener Westbahnhof bis nach München im Video nachzeichnet. „No matter where you come from“, singt er, der für das Video Nachrichtenbilder vermischt, die in der Berichterstattung immer mit subtilem Drama und Besorgnis aufgeladen werden – Lamin aber singt „Welcome, welcome, welcome“.

Selten hatte Pop einen so ungekünstelten politischen Einschlag. Und angesichts dessen wirkt auch die Phrase, mit der Lamin sein Leben beschreibt, nicht pathetisch: „Never give up“, sagt er. Und das glaubt man ihm. Und wartet auf das neue Album, das er noch vor 2018 veröffentlichen möchte. 

Stil: Reggae, Dancehall, Afro-Mix
Besetzung: Lamin Mane alias Jarck Boy (Gesang, Songwriting)
Studio-Team: Da Hood Boyz
Aus: München
Seit: 2009
Internet: Facebook

Von: Rita Argauer

Foto: oh

Von Freitag bis Freitag mit: Anna-Sophie

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Irgendwo zwischen Fernweh, Wut auf Typen, die glauben Vergewaltigung sei ein Kavaliersdelikt und dem Wunsch ab und zu mal offline zu gehen, bewegt sich Anna-Sophie diese Woche. Dazwischen ist aber noch viel Platz für ein paar Ausstellungen, das lang ersehnte Konzert der Band Daughter, basteln am eigenen Blog und ja, sogar noch für das Buch “Nirvana Baby” von Juri Steinburg.  Begleitet Anna-Sophie durch ihre Woche!

Dumme NPD-Propaganda, die steigende Zahl rechter AfD-Hetzer und die Ankündigung des Frauenaufreißer-Treffens von Pick-Up-Artist Roosh mit seiner Rate Culture haben bei mir in dieser Woche für ein vorherrschendes Gefühl gesorgt: Wut.

In den Freitag starte ich aber mit guter Laune. Am Abend steht die Vernissage „Solo para mi“ auf meinem Plan, die Vorfreude auf dieses Highlight versüßt mir die doch recht zähen Stunden vor dem rettenden Wochenende. Im Studio Lohmeyer zeigt der Fotograf Ersin Cilesiz Eindrücke von seinen Reisen durch Lateinamerika. Die Bilder von Ecuador, Kolumbien und den Galapagos Inseln zeigen ferne Kulturen in ihrer Vielschichtigkeit und gestatten Einblicke in sehr persönliche Begegnungen des Künstlers. „Solo para mi“ gibt mir Stoff zum Träumen nach fernen Ländern und mir (noch) unbekannten Menschen. Meine Wut, die in letzter Zeit mein stetiger Begleiter war, hat sich kurzzeitig verzogen.

Bei der Demo gegen Roosh V mache ich meinem Ärger am Samstag Luft. Inmitten der Menge Gleichgesinnter fühle ich mich zumindest nicht ganz so hilflos. Demonstrationen können kein Gedankengut ändern, aber sie setzen ein sichtbares Zeichen. Um mich abzureagieren und den Tag mit etwas Schönem zu beenden, geht es anschließend in die Kulturjurte. Hier gibt es ein gemütliches Lagerfeuer, abwechslungsreiche Musik und die zur Veranstaltung gleichnamige Ausstellung „2 Jahre urbane Freiräume leben.“ Touch the beat, Freunde!

Der Sonntag ist mein Ruhetag. Heute verkrieche ich mit Juri Steinburgs Buch „Das Nirvana Baby“ im Bett. Ich kränkle ein wenig und brauche eine Auszeit. Die ungehobelte, rebellische Novelle des Berliner Autors passt hervorragend zu meiner ungebrochenen Krawall-Stimmung. Das tiefgründige Buch bringt mich aber auch zum Nachdenken über Unangepasstheit, Konsum und Individualität.

Monday, Funday.  Einer meiner Lieblingstage. Voller Elan verfasse ich zwei Posts für meinen Blog, der bald online gehen soll. Die Worte fließen, macht Freude, wirklich. Währenddessen höre ich „Youth“ von Daughter in Dauerschleife. Eines meiner Herzenslieder. Abends wird dann ein kleiner Traum wahr: Daughter live im Münchner Technikum.

Reggae-Musik ist friedlich und facettenreich. Genau das richtige zum Dienstag im DIE.BASS.KAFÉ. Beim Marley Special wird der Film „Bob Marley -Rebel Music“ gezeigt. Die herzzerreißende  Geschichte des Reggae-Superstars berührt mich. Marley wurde durch seine kraftvolle aber stets friedliche Musik zum Sprachrohr der Bürger Jamaicas. In einer Zeit der internationalen Konflikte und Spannungen wählte er die Musik, um damit seine universelle Botschaft von Liebe und Frieden zu transportieren.

Am Mittwoch verschlägt es mich ins Kafe Kult. Zwei deutsche Bands treten auf: The Vagoos, eine Garage Surf Punk-Band und Mary Goes Wild aus München mit Garage Pop. Die lässigen Vibes sind genau das richtige, um die Gedanken treiben zu lassen, das Handy auszuschalten und im Jetzt, in der Offline-Welt zu leben.

Donnerstags lasse ich es ruhig angehen. Nach einem leckeren Vanille-Smoothie wird gebrainstormt für neue journalistische Projekte. Worte und Wissen sind schließlich meine Waffe gegen Rassismus und Rechtsextremismus. Abends schaue ich bei Anna McCarthys  Ausstellungs-Opening „Drink cold, piss warm“ vorbei. Zeichnungen, Videos und Skulpturen werden hier gezeigt. Unter anderem von der Flüchtlingskrise während dem Oktoberfest, womit wir wieder bei den „Wutbürgern“ und „Gutmenschen“ wären.

„Say my Name“ – unter diesem Motto zeigt der Farbenladen bis zum 28. Februar Werke von Patrick Hartl. Der Künstler sprayte bereits mit 15 Jahren Grafitti, im Studium entdeckte er dann seine Liebe zur Kalligraphie. Zwei kontrastreiche Kunstformen, die viel gemeinsam haben und trotzdem nicht unterschiedlicher sein könnten. Geordnete Kalligraphie-Schrift versus Wild Style. Hartls Werke verbinden die alte Handwerkskunst mit dem erfrischend jungen Style der Straßen. Am Freitag sehe ich mir die gelungenen Symbiosen aus Kalligrafie und Grafittikunst selbst an und bin begeistert.

Von: Anna-Sophie Barbutev

Foto: Lisa Baumgartner

Jungbrunn

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Ein Sound zwischen Rap und Reggae, Ska und Funk – die Band Jungbrunn nimmt musikalisch fast schon eine Pionierrolle ein. 

Kaum ein Genre wurde in den vergangenen Jahren so  durcheinandergewirbelt wie der Hip-Hop. Die klassischen Codes – von Gangsterbis Ghetto – der Anfangsjahre sind lang verflogen. Mit Sprechgesang und Beatswird experimentiert, neu verortet und Neues geschaffen. Jungbrunn (Foto: Christian Regner) aus dem Münchner Vorort
Fürstenfeldbruck nehmen da fast eine Vorreiter-Rolle ein. Immerhin haben die
Rapper schon kurz nach ihrer Gründung beschlossen, sich eine Live-Band zu
suchen, die zum festen Bestandteil der Musik wird. Natürlich gab es auch schon
in den Neunzigerjahren Combos wie die Jazzkantine
oder all die Crossover-Bands, die Sprechgesang und Live-Musik verbanden. Der
große Erfolg der in großer Live-Besetzung auftretenden Hip-Hopper kam jedoch
erst nach dem ersten Jahrzehnt der Nullerjahre auf.

Jungbrunn veröffentlichen nun ihr drittes Album. Schlicht
„III“ haben sie es genannt, doch im Logo des Albumtitels, das die römische Drei
aus drei antiken Säulen zusammenbaut, verweisen sie auf ihre lange
Bandgeschichte. Und die Musik darauf klingt auch schon fast wieder klassisch:
Jazzige Harmonien in funkigem Rhythmus eignen sich sowieso bestens, um darauf
zu rappen. Bei Jungbrunn ist die zehnköpfige Besetzung trotzdem eher zufällig
entstanden: „Wir sind große Fans von jeder Live-Musik, die es da draußen gibt“,
sagt der Rapper Carlo Karolis Zachris, die Musik von Jungbrunn sei nur in
Richtung Hip-Hop gerutscht, weil dies der musikalische Stil ihrer Jugend
gewesen sei. Jetzt seien sie aber für sämtliche Richtungen sehr offen; was sich
auch in der Musik spiegelt. Denn neben den zwei Rappern sorgt Sänger Michael
Hahn für melodiöse Einlagen, während die Live-Band zusammen mit dem DJ um den
Groove kämpft.

Und das macht die Musik erstaunlich frei von vermeintlichen
Trends: Da wird weder versucht, verschobene Dubstep-Beats zu produzieren, wie
das in manchen zeitgenössischen und genresprengenden Rap-Projekten der Fall
ist, noch springen sie auf die derzeit so beliebte Balkan-Brass-Welle auf, die Moop Mama für den Hip-Hop so richtig
losgetreten haben. Und das, obwohl sie mit Saxofon und Posaune durchaus ein
geeignetes Instrumentarium dafür hätten. Doch die Musik von Jungbrunn ist da
eher altmodisch. Man hört ihre musikalische Sozialisation, die sich auf Musik
bezieht, die kurz nach der Jahrtausendwende entstanden ist. Und so nutzen sie
die Live-Band für einen Sound zwischen Reggae, Ska und Funk. Manchmal blitzt
Bernhard Eder an den Turntables stärker durch, manchmal dominiert die Rhythmik
der E-Gitarre.

Am Freitag, 6. Februar stellen sie das neue Album im
Veranstaltungsforum Fürstenfeldbruck vor. Einen Monat später, am Freitag, 6.
März, kommen sie damit ins Münchner Feierwerk.

Stil: Reggae /
Hip-Hop / Funk

Besetzung: Michael Hahn (Gesang),
Sebastian Hoetter (Rap), Carlo Karolis Zachris (Rap), Felix Wagner
(Schlagzeug), Daniel Dick (Gitarre), Tom Ripp (Bass), Kai Vier (Keyboards),
Bernhard Eder (Effects, DJ), Leo Joseph (Saxofon), Raphael Missel (Trompete)

Seit: 2005

Aus: Fürstenfeldbruck / München

Internet: www.der-jungbrunn.de

Rita Argauer

The Educated Bums (Funk, Reggae)

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Irgendwas scheinen The Educated Bums sehr richtig zu machen – ihre Demos klingen so locker, als ob sie gerade im Moment entstanden wären und dennoch erkennt man sofort die Qualität der Reggae-Songs.

Aus dem Leben eines Taugenichts erzählte schon Eichendorff. Und dieser Glücksfindungsprozess abseits von Streben und Ambition findet sich auch bei The Educated Bums. Ja, da verrät die Funk-Band schon im Namen, dass sie eine gewisse Bildung genossen hat und trotzdem lieber faulenzt. Und dazu schreiben sie Musik, die so wenig kontrolliert klingt, als würden die Lieder im Moment des Hörens gerade erst entstehen und der man gleichzeitig anhört, wie sehr sie ein großes Publikum erreichen will: Funk, Bläsersätze, Reggae-Gitarren, darüber die Stimme von Berthold Huber, der in stark bayerisch gefärbtem Englisch oder gleich in Bayerisch ironisierend über Alltagssituationen rappt. So ganz neu ist das alles nicht, trotzdem brachte es die Band, die ursprünglich aus dem Miesbacher Landkreis stammt, nun aber in München lebt, zum Chiemsee-Reggae-Festival. Am Freitag, 23. August, steht ihr Auftritt dort an, sie hätten sich einfach mit ihren Demos beworben, erzählt Schlagzeuger Marlon Brugger.

Die Demo-Aufnahmen klingen doppeldeutig. Etwas wirr liegen verschiedene Gesangsspuren übereinander, Lachen und vermeintliche Fehler sind zu hören – und die Bläser und ein Walking-Bass drücken von unten. Der Sound schwankt zwischen dem Eindruck einer etwas verplanten Probenraum-Aufnahme und überzeugt andererseits durch die gute Aufnahme-Qualität und die wohlüberlegten Passagen, in denen sich die Musik fängt und in eine Richtung drückt. Dieses Wechselspiel lässt das etwas abgedroschene Genre plötzlich wieder spannend wirken.

Demnächst wollen sie ihre Tracks zur Studioreife bringen und dann ein weiteres Demo aufnehmen, sagt Marlon – und irgendwann wollen sie auch von ihrem geliebten Hobby, der Musik, leben können. Bis dahin studieren sie und nutzen eine unkonventionelle Lücke des Konzert- und Clubbetriebs: Für den Herbst planen sie eine Tour durch bayerische Studentenwohnheime.

Stil: Funk/Reggae/Rock.
Besetzung: Michael Maier: Bass; Marlon Brugger: Schlagzeug; Bernhard Hering: Gitarre; Martin Hering: Posaune; Raffael Becker: Tenor-/Altsaxophon; Berthold Huber: Rap, Gesang.
Aus: München.
Seit: 2011
Internet: https://www.facebook.com/theeducatedbums.

Von Rita Argauer

Lupin (Popjazz / Reggae / Hip Hop / Dub)

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Jahr: 2011, Woche: 50

Der einsame Wolf. Der Dinge am liebsten mit sich selbst ausmacht. In der Musik sind das die typischen „Loop“-Künstler: Loop-Stations, diese kleinen Boxen, die man zwischen Instrument und Verstärker schließt, die kurze Parts aufnehmen können und wieder abspielen – perfekt, um mit sich selbst eine ganze Band zu sein. Sich selbst zu doppeln und zu vervielfachen.

Sascha Seelemann nennt sich Lupin (Foto: Simon Männlein) als Musiker. Lupus, wie der Wolf, Lupin als der der sich selbst loopt. Doch mittlerweile gibt es einige Songs, die der Pianist und Songwriter wieder mit anderen Musikern bestreitet. Eigentlich kommt er aus dem Reggae und Dub, feierte erste Erfolge mit seiner Band Bojitos, löste diese wieder auf. Er traut sich nun, die Musikstile eklektischer zu vermischen und bringt etwa den Popjazz à la Jamie Cullum mit ein. Das sind dann Dub-Beats vom Computer, die vom akustischen Klang eines Schlagzeugs gebrochen werden: kühl und groovend. Wie im Song „Sag mir“, der aber im Refrain von einem sich wiederholenden, eingängigen Klavierriff und einer warm-verzerrten Gitarre getragen wird. Und dem Jazz in seiner Bildungsbürgerlichkeit einen neuen Anstrich gibt. Im Sommer 2011 hat Lupin die erste EP „Abschlag“ herausgebracht und ist mit seiner Musik sogar bis nach Jerusalem gekommen. Bei einem interkulturellen Begegnungsprojekt, dass seine Heimatstadt Dachau organisierte. Derzeit arbeitet er an neuen Songs, die noch selbstbewusster mit den verschiedenen Einflüssen umgehen. Unter www.lupin-music.de bekommt man einen ersten Eindruck. Rita Argauer

Stil: Popjazz / Reggae / Hip Hop / Dub
Besetzung: Sascha Seelemann: Gesang, Klavier; Lukas Häfner: Gitarre; Markus Steinlechner: Bass; Lorenz Flach: Schlagzeug.
Aus: Dachau.
Seit: 2010.
Internet: www.lupin-music.de.

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Rita Argauer ist die Musik-Expertin der Junge-Leute-Seite. Sie ist nicht nur ständig auf der Suche nach neuen Münchner Bands und deswegen in den Clubs dieser Stadt unterwegs. Sie kennt die Szene auch von der anderen Seite: Sie singt und spielt Keyboard in der Band Candelilla.

Dub à la Pub (Reggae, Ska)

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Jahr: 2011, Woche: 25

Auf ihrem zweiten Album „Decelerate“ erfinden Dub à la Pub den Reggae nicht neu – setzen sich jedoch ehrlich damit auseinander, in welchen musikalischen Kontexten sie sich bewegen.

Bandwettbewerbe sind schwierig – Unvergleichbares wird in einen Topf geworfen beziehungsweise auf eine Bühne gestellt und auf Teufel komm raus doch verglichen. Dem Sieger winken mal mehr, mal weniger große Preise – immer aber das Versprechen, dass es jetzt richtig los ginge mit der Karriere. Dub à la Pub aus München und Augsburg haben gerade an einem Wettbewerb teilgenommen: Dem „European Reggae Contest“. Sie haben sich durch Vorrunden gekämpft, bis sie schließlich zum Finale Anfang Juni 2011 nach Barcelona eingeladen wurden. Letztlich haben sie tatsächlich gewonnen, was der zehnköpfigen Gruppe nun einen sommerlichen Marathon zu den gängigen Open-Air-Festivals beschert. Auf ihrem zweiten Album „Decelerate“ erfinden sie den Reggae nicht neu – setzen sich jedoch ehrlich damit auseinander, in welchen musikalischen Kontexten sie sich bewegen. Das zeigt sich in den so typischen Off-Beat-Gitarren bis hin zu den Texten, in denen Lead-Sänger Kevin Auld auf klassische Positionen des Reggae verweist – und beispielsweise in „Borderline“ die Geschichte von Unterdrückung und Kolonisation erzählt. Und schließlich in einem Plädoyer für Freiheit, Liebe und Vertrauen landet. Auch diese Gedanken sind nicht neu, haben aber ihren festgeschriebenen Platz im Reggae-Kosmos.
Rita Argauer

Besetzung: Kevin Auld: Lead Gesang; Lukas Glatt: Schlagzeug; Christoph Schuhmann: Bass; Oliver Schaarschmidt: Gitarre; Philipp Schaffner: Keyboards; Esra Schaarschmidt: Gesang; Timmy Auld: Gesang; Jochen Lutsch: Trompete; Norbert Salnor: Posaune; Martin Kleindienst: Saxophon
Seit: 2008
Aus: Grafrath, Augsburg
Internet: www.dubalapub.de, www.myspace.com/dubalapub

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Rita Argauer ist die Musik-Expertin der Junge-Leute-Seite. Sie ist nicht nur ständig auf der Suche nach neuen Münchner Bands und deswegen in den Clubs dieser Stadt unterwegs. Sie kennt die Szene auch von der anderen Seite: Sie singt und spielt Keyboard in der Band Candelilla.

Sara Lugo (Reggae, Soul, Modern Roots)

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Locker-flockige Sonnenscheinmusik.

„Die Sommerplatte 2011“, so könnte man die Musik der Münchner Musikerin Sara Lugo (Foto: Hoizge) bewerben. Mit „There’s nothing to worry about“ steigt sie in den locker-flockigen Sound ihres Debüt-Albums ein – diese Leichtigkeit passt zu Sonnenschein. „Soul Sister“ wäre ein weiteres Schlagwort: Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie als Background-Sängerin in der Band ihres Bruders, der Reggae-Institution Jamaram. Aus der Rolle der Schwester hat sich die 23-Jährige mittlerweile herausgeschält – und wird als eigenständige Künstlerin wahrgenommen. Seit mehr als sechs Jahren bastelt sie schon an ihrer Musik, an ihrem Stil, feilt am Sound und insbesondere an der Stimme. In dieser Zeit hat sie eine EP veröffentlicht – und langsam wurde ihr Name präsenter in München. Für die Produktion des Albums konnte sie nun hochkarätige Produzenten und Musiker für sich gewinnen – wie zum Beispiel den Gitarristen von Jan Delay, der einen Song mit ihr produzierte; oder zwei jamaikanische Sänger, die ihr Features eingesungen haben. „What About Love“ hat sie das Album genannt, das seit Freitag, 6. Mai, in den Läden steht. Sie mischt verspielt Elemente des Soul und des Jazz mit Reggae – den sie als Kind durch ihren Bruder kennen- und lieben lernte.

Stil: Reggae, Soul, Modern Roots

Besetzung: Sara Lugo (Gesang) mit Band.

Seit: 2005

Aus: München.

Internet: www.sara-lugo.com

Von Rita Argauer