Musikalisch und modebewusst

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Wir porträtieren an dieser Stelle bis zur Vernissage alle 20
mitwirkenden KünstlerInnen unserer Ausstellung
“10 im Quadrat Reloaded”
 im Farbenladen – mal Fotograf, mal
Modell. Heute: Musiker Matija Kovac.

Gesang, Blockflöte, Gitarre, Bass und Synthesizer – das
alles beherrscht Matija Kovac, geboren 1995, gut. Doch die Blockflöte spielt
Matija am liebsten und am längsten – seit 16 Jahren. Weil er die Musik, die man
mit ihr machen kann, so sehr liebt, studiert er Blockflöte an der
Musikhochschule. In Matts Leben dreht sich alles um die Musik, schließlich
verdient er auch sein Geld damit. Er singt und spielt Blockflöte in der
Indie-Pop-Band Matija und in der
Alternative-Pop-Band Aggressive Swans.

Seine größte Inspirationsquelle ist David Bowie. Nicht nur wegen
dessen Musik und seiner Persönlichkeit, sondern auch weil Bowies Erscheinung
Matija inspiriert und er ihn als Modefigur gut fand. Für Matija ist es wichtig,
wie Musiker angezogen sind. „Es ist schön,
Audio und Visuelles zu verbinden“, sagt er.

Gerade befindet Matija sich im Schreibprozess, denn es ist
ein neues Album geplant – aber nicht nur das, auch eine größere Deutschlandtour
steht bevor. Bei Matija ist immer viel los. Deswegen findet er es wichtig,
einen Ausgleich zu finden – wie Konzertbesuche, Reisen, Spazierengehen oder in
einem Café zu sitzen, etwas zu lesen, einen Kaffee zu trinken und dabei
Zigaretten zu rauchen. „Ich muss auch mal eine Woche nur was für mich machen
und alles hinten anstellen“, sagt Matija.


Text: Lena Schnelle

Foto: Eva-Marlene Etzel

Neuland: Musik und Brautmode

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Die Münchner Sängerin
Verena Lederer, alias Klimt, unterstützt das Brautmodelabel „therese & luise“ mit ihrem Song

„Come with me“.

Ein paar Töne auf der Gitarre und eine warme, einfühlsame Stimme. Dazu Aufnahmen einer beeindruckenden Landschaft. Etwa eisblaues Meer, zerklüftete Steinwüsten, faszinierende Wasserfälle und unendliche Weite. Das Gefühl von Freiheit. Die sanfte Stimme, die zu den bewegten Bildern zu hören ist, gehört Verena Lederer, alias Klimt. Mit ihrem Song „Come with me“ verleiht die zarte Künstlerin dem neuen Image-Film des Brautmodelabels „therese & luise“ eine wunderbare Leichtigkeit.

Es ist eine Leichtigkeit, die nicht nur von Verena Lederers Stimme getragen wird, sondern auch visuell im Videoclip sichtbar wird. Fließende Stoffe sind da zu sehen, die der Wind davonzutragen scheint. Spitze, die sich wie ein zarter Schleier an den Körper schmiegt. Schlichte Eleganz mit viel Liebe zum Detail. „Iceland-Inside“ – so heißt die neue Kollektion von „therese & luise“, die ganz ausgezeichnet mit den Tönen der Singer-Songwriterin harmonieren. Minimalistisch, gefühlsbetont und handgemacht. So sind die Songs von Klimt. Aber auch die Schmuckstücke für Bräute, die im Einfachen das Besondere finden. 

Den Link zum Video findet ihr hier.

Text: Laura-Marie Schurer

Foto: Michael Färber

Bunte Bomberjacken

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Das Mode-Label Khala entwirft faire Mode – mit europäischen Schnitten und Stoffen aus Malawi. Weil das Start-up keine Förderung erhält, will Melanie Rödel mit Crowdfunding die Gehälter für ein Jahr sicherstellen.

Irgendwo in Giesing: Zwei Afrikaner trommeln auf ihren Bongos und ihrem Balafon, die Nachbarin beschwert sich über den Zaun hinweg über den Lärm und droht mit der Polizei. Sechs Models laufen barfuß durch die Gänseblümchen und präsentieren dem Publikum, das es sich auf Decken gemütlich gemacht hat, farbenfrohe Bomberjacken, Shorts, Röcke und T-Shirts.

Eineinhalb Jahre zuvor in Südostafrika. Melanie Rödel steht im Herbst 2015 auf einem Markt in Lilongwe, der Hauptstadt von Malawi, und bewundert die Stoffe auf dem Markt, die Farben und die Muster. „Das Erste, was mir aufgefallen ist, war, wie bunt alle Menschen gekleidet sind“, sagt sie. Das erste Mal Afrika – eine Erfahrung, die Melanie seitdem nicht mehr losgelassen hat. Hingeflogen ist sie damals mit dem Ziel, das erste Projekt von Viva con Agua Österreich in Malawi – den Bau sanitärer Anlagen – nach Jahren der Planung selbst in Augenschein zu nehmen. Zurückgeflogen ist sie mit der Idee, nicht nur etwas für die Menschen vor Ort zu tun, sondern gemeinsam mit ihnen. Das Ergebnis ist das deutsch-malawische Modelabel Khala, dessen erste Kollektion Anfang Mai nun erstmals im Garten von Melanies Wohngemeinschaft vorgeführt wurde.

Die Frau mit der angenehm tiefen Stimme hat eigentlich Psychologie und Wirtschaftswissenschaften studiert. Schon während ihres Studiums hat sie jedoch beschlossen, dass sie lieber praktisch mit Menschen arbeiten möchte, als hinter einem Schreibtisch zu sitzen. Durch Zufall wurde sie auf die damals neu gegründete Wasserinitiative Viva con Agua aufmerksam und engagierte sich mehrere Jahre für die gemeinnützige Organisation – bis ihre erste Afrikareise alles veränderte.

„Als weiße Frau aus Europa wird man in Afrika ganz absurd wahrgenommen. Ich bin mir vorgekommen wie ein Popstar“, sagt Melanie. Sie wirkt nachdenklich und streicht sich mit ihren schlanken Fingern die Haare hinters Ohr. Die Dankbarkeit der Menschen in Afrika sei zwar ein schönes Gefühl gewesen, habe für sie aber in keinerlei Verhältnis gestanden. Dieses Gefühl von Hierarchie habe sie damals sehr befremdet, sagt sie heute. So sehr befremdet, dass sie kurze Zeit später kündigte, um ihre eigene Vorstellung von Hilfe zu verwirklichen: Empowerment.

Anfangs wollte Melanie gemeinsam mit einer Kollegin die afrikanischen Chitenje-Stoffe in Deutschland vertreiben – diese Zusammenarbeit verlief sich schnell wieder. Melanies Euphorie tat das jedoch keinen Abbruch. Im Alleingang entwickelte sie die Grundidee schnell weiter und gründete Khala, das sie heute gemeinsam mit Benedikt Habermann und Hubert Mirlach führt. Fragt man nach der Aufgabenverteilung, muss Benedikt, der von allen nur Bene genannt wird, nicht lange überlegen. „Wir sind die Medienheinis, Mel macht den Rest“, sagt er und grinst. So ganz stimmt das aber natürlich nicht, denn bei einem Start-up wie Khala macht am Ende eigentlich jeder alles.

Konkret ist Hubert, kurz Hubi, aber für alles rund um das Thema Technik zuständig und Bene kümmert sich hauptsächlich um die PR-Arbeit. Gäbe es im Freundeskreis aber nicht auch noch zahlreiche Helfer, die sich als Model versuchen oder Beats für das Crowdfunding-Video beisteuern, wäre Khala gar nicht möglich – da ist sich Melanie sicher.

Auf malawischer Seite arbeiten sie mit der Designerin Nellie George-Donga und deren Schneidern zusammen, die die Kollektionen auch vor Ort produzieren. Zudem hat das Münchner Designer-Duo Piekfein Design, bestehend aus Jessica Tarisch und Christine Overbeck, die Schnitte für die erste Kollektion entworfen und soll die Designs in Zukunft mit Nellie gemeinsam erarbeiten. Deren ersten Entwürfe seien zwar schön gewesen, aber leider so ganz und gar nicht europäisch. „So etwas trägt hier kein Mensch“, sagt Melanie und muss erneut schmunzeln. Solche kleinen Schwierigkeiten bringen die sympathische Allrounderin schon lange nicht mehr aus dem Konzept. 

Zahlreiche Anträge auf Förderung hat Melanie im vergangenen Jahr eingereicht, nicht einen Cent hat sie bekommen. „Es ist wirklich tragisch, dass soziale Projekte nicht gefördert werden“, sagt Melanie. Alles, was nicht technologisch sei, habe praktisch keine Chance. Wie viele andere Start-ups hat sie sich deshalb für eine Crowdfunding-Kampagne auf Kickstarter entschieden, die am 23. Mai gestartet ist. Die Funding-Schwelle von 15 000 Euro soll die Gehälter der malawischen Kooperationspartner für ein Jahr sicherstellen und den Kauf neuer Stoffe für die kommende Kollektion ermöglichen. Bis sich die Gründer selbst Geld auszahlen können, wird es wohl noch eine Weile dauern.

Für Mode interessiert sich Melanie schon lange. T-Shirts für fünf Euro bei H&M zu kaufen, die in Ländern wie Bangladesch teils unter menschenunwürdigen Bedingungen hergestellt werden, widerstrebte ihr. Heute, als Gründerin eines fairen Modelabels, sieht sie das Ganze differenzierter: Das Problem sei vor allem das fehlende Angebot fairer und zugleich stylischer Mode, sagt sie. Khala, davon ist Melanie überzeugt, vereine diese beiden Aspekte. Dadurch, so hofft sie, könne eine ganz neue Zielgruppe erreicht werden: Menschen, die bislang nicht in faire Mode investiert haben, weil sie zu öko aussah oder zu teuer war. Eine Bomberjacke von Khala für Frauen soll 60 Euro kosten, ein T-Shirt für Männer 30 Euro, und damit soll die Kleidung nicht nur stylisch und fair produziert sein, sondern auch erschwinglich, sagt Melanie. 

Der Standort Malawi hat auch einen Haken: Die Transportwege sind deutlich länger, die Kosten dafür höher als bei einer Produktion in Deutschland oder einem anderen europäischen Land. Zum jetzigen Zeitpunkt werden die Kleidungsstücke noch mit dem Flugzeug verschickt. Sobald sie sich den Transport per Schiff leisten können, will Melanie zumindest auf diese CO₂-freundlichere Variante umsteigen. Da Khala aktuell noch Stoffe zukaufen muss und keine eigene Produktionsstätte vor Ort hat, sind diese bislang auch nicht in Bio-Qualität erhältlich. „Abstriche muss man immer machen“, sagt sie gelassen. 

Ihr Traum bleibt bestehen: Das Start-up will die Wirtschaft vor Ort ankurbeln, indem sie die Industrie zurück ins Land verlagert. Aktuell gebe es nur noch eine Textilfabrik in ganz Malawi, alle anderen Stoffe werden aus China oder Indien importiert, sagt Melanie. Das soll sich mit Khala ändern. „Irgendwann soll das ganze System durch Khala geprägt werden“, sagt Bene. Und auch Deutschland, vielleicht sogar die ganze Welt, sollen durch Khala ein bisschen bunter, ein bisschen besser werden – so zumindest der große Traum.

Text: Jacqueline Lang

Foto: Florian Peljak

Stoff-Wechsel

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Mit dem Modelabel ‘Aimée Couture’ hat Miriam Aimée Kubeng ein ausgeklügeltes Nachhaltigkeitskonzept entwickelt: Kunden können nach einer Saison ihre Kleidungsstücke zurückbringen, um daraus neue Klamotten schneidern zu lassen.

Es ist noch ruhig an diesem Morgen in den Räumen der Unholzer Ateliers. In der ehemaligen Fabrik zwischen Schwabing-West und Moosach haben knapp 100 junge Kreative einen Raum zum Arbeiten. Miriam Aimée Kubeng ist eine von ihnen. Sie blättert in einem dicken Ordner mit Entwürfen für ihre Kleider. „Wenn ich eine Idee im Kopf habe, muss ich diese erst visualisieren und irgendwo festhalten“, sagt sie. Dabei spielen Farben und klare Linien ein große Rolle: Rot, Gelb, Blau und auch Schwarz. Der holländische Künstler Piet Mondrian arbeitete in seinen Gemälden mit den gleichen Farben, die Miriam für die Kreation ihrer Kleider verwendet. Charakteristisch sind die viereckigen Farbblöcke in seinen Gemälden. Dieses Merkmal findet sich auch in der Kollektion der jungen Designerin wieder. Baukasten-Kollektion nennt sie die Serie, es ist ihre erste eigene Kollektion. 

Bei Aimée Couture – dem Label, das Miriam vor etwa drei Jahren gründete – steht neben der Ästhetik auch das Nachhaltigkeitskonzept im Vordergrund: „Mir ist es wichtig, dass die Kundin ein aktiver Teil des Schaffensprozesses ist. Dass eine Art Interaktion und ein Kreislauf entsteht – es soll ein Zwischenspiel aus Kleidung und Persönlichkeit sein.“ Wer ein Kleid bei Aimée Couture kauft, darf mitbestimmen, wie die einzelnen Farbblöcke angeordnet werden sollen. Das Grundmodell bleibt dabei stets ähnlich. Die Kundin trägt das Teil für eine Saison, kann es dann zurückgeben und gegen einen Aufpreis designt Miriam ein neues Kleidungsstück daraus. Bei diesem Vorgang wird der alte Stoff geschreddert und eine geringe Menge an neuem Stoff für die Produktion hinzugefügt. Man bekommt für seine alte Kleidung ein neues Teil, das den eigenen Wünschen entspricht und in der Herstellung insgesamt umweltfreundlicher ist, da am Ende weniger Stoff weggeworfen wird. „Ich glaube, dass Nachhaltigkeit in der Mode immer wichtiger wird“, sagt Miriam. „Die Menschen legen mehr Wert auf die Qualität ihrer Kleidung. Große Modeketten müssen sich auch diesem Anspruch stellen.“ Ihre kurzen, braunen Haare bindet sie zu einem Pferdeschwanz, während sie spricht.

Sie blickt an sich selbst herunter und schaut auf das fast knielange, gerade geschnittene Kleid, das sie trägt. Es ist schwarz mit einem kleinen blauen Farbblock und einem etwas größerem, roten gleich darunter. „Das hier“, sagt sie und zeigt dabei auf den schwarzen Stoff ihres Kleides, „sind Stoffe meiner Großmutter aus den Sechzigerjahren. Für meine erste Kollektion habe ich ihre Stoffe wiederverwertet. Sie war Schneiderin.“ Miriam lächelt. Das Rot auf ihren Lippen ist exakt der gleiche Farbton wie der auf dem Kleid. 

Die Idee zur Wiederverwertung getragener Ware kam ihr in Amsterdam. Dort entdeckte sie einen Designer, der aus alten Jeans neue Hosen für seine Kunden herstellte. „Statt unnötig viele Klamotten zu Hause anzuhäufen, bringt man sein altes Teil einfach zurück und bekommt aus dem recycelten Material ein Neues, mit dem man glücklich ist“, erklärt sie. „Man befreit sich so auch von der ganzen überflüssigen Menge, die man oft im Kleiderschrank hortet. Ich finde das genial.“

Seit Mai 2015 arbeitet sie im Atelier Unholzer an den Kleidern für Aimée Couture. Die Ateliers sind durch Regale voneinander abgegrenzt, die bis zur Decke vollgestellt sind. Pappkartons mit Scheren, Klebebändern, Maßbändern und Stoffen. Zwischendrin eine Packung Tee. Ein Föhn. Mehrere Nähmaschinen. Kreatives Chaos. „Man ist hier abgeschottet und hat die Möglichkeit, ungestört seine Ideen umzusetzen“, erzählt Miriam. „Wir tauschen uns aber auch gegenseitig über unsere Projekte aus, das schätze ich hier sehr. Es gibt mir viel.“ Manchmal entstehen so auch Kooperationen unter den Künstlern. So gestaltete Miriam zusammen mit Lichtdesigner Matthias Singer für das Puls-Open-Air 2016 leuchtende Pyramiden.

Was nach einem Kindheitstraum klingt, ist in Wahrheit eine Geschichte voller Umwege. Nach der Ausbildung zur Fachangestellten für Tiermedizin begann Miriam Romanistik und Rechtswissenschaften in München zu studieren. „Trotzdem war ich unglücklich damit und hatte das Gefühl, dass es nicht mein Ding ist. Also entschloss ich mich dazu, Abstand von der Uni zu nehmen.“ Um sich neu zu orientieren, legte sie ein Urlaubssemester ein und absolvierte in dieser Zeit eine Hospitanz in der Boutique Elephants Wedding bei Rabia Darouiche. Die Begeisterung für die Modekreationen aus afrikanischen Stoffen war sofort da. Auch bei Noh Nee – Dirndl à l’Africaine, dem Laden, den Rabias Schwester, Rahmee Wetterich leitet, durfte sie reinschnuppern. Sie lernte in dieser Zeit, wie man ordentlich näht und mit den Materialien umgeht. Während ihre Freunde abends feiern gingen, verbrachte sie ihre Nächte von diesem Zeitpunkt an mit der Nähmaschine und übte und übte. „Als ich bei Rabia gearbeitet habe, hatte ich das Gefühl, dass ich endlich das gefunden habe, wofür ich brenne.“ Recht schnell entfalteten sich in ihrem Kopf Ansätze für eigene Modelle und Schnitte.

Zurück an der Uni tüftelte sie beim LMU Entrepreneurship Center an einem Businessplan für Aimée Couture. Auch der Ansatz, die Kunden als aktiven Bestandteil in den Herstellungskreislauf ihrer Mode einzubinden, nahm hier Form an. Im Wintersemester 2015/2016 beendete Miriam ihr Studium doch noch. 

Sie ist glücklich über die Entscheidungen, die sie getroffen hat. Auch wenn es manchmal schwierig war. Finanzieren kann sie sich allein durch ihr Label noch nicht. Sie arbeitet momentan als Managerin bei einer Modefirma. Diese Tätigkeit verschafft ihr finanzielle Unabhängigkeit und genug Spielraum, um an Aimée Couture zu feilen. 

Gerade arbeitet sie an einem neuen Projekt. Ihr größter Traum ist es, irgendwann eine eigene Modeboutique führen zu können. Am besten in Frankreich. In Paris. Miriam strahlt eine innere Ruhe aus, die beneidenswert ist. Manchmal muss man eben Umwege gehen, um ans Ziel zu kommen.

Text: Ornella Cosenza

Foto: Sebastian Botzler

Eine Frage der Inspiration

Die Modedesign-Studentin Anna Wiendl findet den Münchner Stil zu glatt. Deshalb entwirft sie Mode mit barocken Elementen und viel Chichi- bunt und verrückt

Mind Control steht auf dem DIN-A 3 Papier. Pfeile kreuz und quer. Eine Verbindung zwischen den Kleidungsstücken. Ein Versuch. Annas erster Versuch. Sie ist im dritten Semester Modedesign, als sie ihre erste eigene Kollektion entwirft. Der Film „Shutter Island“ mit Leonardo di Caprio in der Hauptrolle dient ihr als Inspiration. Dunkle Farben, ein weißer Stoffknäuel stellt das Gehirn dar. Ein widerkehrendes Element in ihrer Kollektion. Auf einem Shirt, auf einer Tasche, auf einem Kleid. „Ich wollte mich erst mal auf die Schnitte konzentrieren“, sagt die 21-Jährige. Während sie mit ihren metallic-grün lackierten Fingernägeln über das vor ihr liegende Mood-Bord wischt. „Ich würde heute einiges anders machen“, sagt sie. Sie lächelt. Die Haare trägt sie halb-offen. Immer wieder zupft sie an ihren langen braunen Haaren. Drapiert sie auf ihrer Bluse im Barock-Stil. Ein routinierter Griff. „Ich mag Rüschen“, sagt sie. 

Anna fällt gerne auf. In der Schule geben ihr die Klassenkameraden täglich neue Spitznamen. Immer passend zum Outfit. „Wenn ich grün getragen habe mit Military Boots, dann war ich die Army Anna“, sagt sie. Es sei aber auch nicht schwer gewesen, dort aufzufallen, wo sie herkommt. Die Kosenamen waren ihr recht. „So wusste ich wenigstens, dass ich anders aussehe als die anderen“, sagt sie. Anna kommt aus Dinkelsbühl in Mittelfranken. Sie wollte raus. Deshalb bewarb sie sich nach dem Abitur auf der Hochschule für Modedesign in München. Ihre Mutter hat sie ermutigt. „Ich habe mich eigentlich schon immer hauptsächlich mit Mode beschäftigt“, sagt sie. Bloß nicht aussehen wie alle anderen. Schon früh exterminiert sie mit ihrer eigenen Kleidung. Hosenbeine ab, Farbkartusche drauf. Und schon war die Klamotte ein bisschen mehr Anna. 

Bei der Aufnahmeprüfung schreibt sie über Vivienne Westwood. Die inzwischen sehr kommerzielle Punk-Oma der Modebranche. Westwood arbeitet viel mit schwarz. Kein Zufall, dass sich das auch in Annas erster Kollektion findet. Sie spricht viel über Inspirationen. Und die Suche nach ihrem eigenen Stil. Mode und Zeichnen habe viel mit der eigenen Persönlichkeit zu tun, eine eigene Handschrift zu finden sei nicht leicht, sagt sie. 

In London macht sie ein Praktikum bei Peter Jensen. Die Realität holt sie ein. „Dort habe ich gelernt, dass Design nicht alles ist. Es ist vor allem Vertrieb, Produktion, Marketing“, sagt sie. Sie macht Botengänge, schneidet Stoffe zu, bestickt Socken. Drei Monate lang. Dann geht es nach Berlin. Zwei Monate. Bei Steinrohner werden die Botengänge weniger. Sie lernt, Pailletten zu sticken. Ein ganzes Kleid voller Pailletten. Eine Sisyphusarbeit. „Ich hätte nie gedacht, dass mir das Spaß macht“, sagt sie. 

Anna steht kurz vor ihrem Abschluss. Im Februar muss ihre Bachelor-Kollektion stehen. Sie sei jetzt am Ende ihres Studiums mehr bei sich und habe ihren Stil gefunden, sagt sie. Den Münchner Stil vergleicht sie mit einer Schuluniform. „Hier tragen fast alle einen grünen Parka, Nike Airs und skinny Jeans. Und ich bezweifle, dass sich alle damit wirklich wohlfühlen“, sagt sie. Auch mit studentischem Budget könne man sich von der Masse abheben. „Ich habe in München Vintage für mich entdeckt“, sagt sie. So könne man auch vermeiden, dass man immer sehe woher das Kleidungsstück kommt, wie beim Gelb von Zara oder dem Rot von H&M.

Ihre Abschlusskollektion soll deshalb mehr nach London aussehen. Bunt und verrückt. Weiblich aber lässig. Nicht mehr nach Westwood, sondern eher in Richtung Molly Goddard. In ihrem Skizzenbuch klebt dieses Mal Prescilla Presley. Sie habe ein Buch zum Mythos um das berühmte Paar gelesen und den wolle sie mit ihrer Kollektion hinterfragen. Eine Winterkollektion. Die Farben: bunt, aber gedeckt mit viel Army-Grün.  

Text: Esther Diestelmann

Fotos: Vanessa Bärnthol

Der tapfere Schneider

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Das Eigene und das Fremde, buchstäblich ineinander verwebt: Der aus Gambia geflüchtete Sulayman Jode, 20, kombiniert europäische Styles mit westafrikanischen Stoffen

Die junge Frau ist ein Hingucker. Ihr Gang und ihr Blick strahlen Selbstbewusstsein und Zufriedenheit aus. Es ist aber vor allem ihr blauschwarzes Kleid mit dem gelben Sonnenmuster, das alle Augenpaare im Raum auf sich zieht. Der Stoff kommt augenscheinlich von weit her, das Kleid ist modern geschnitten. Als das Model eine Drehung macht, umtanzt der fließende Rock ihre Beine spielend. Das Publikum klatscht.

Die Szene spielt sich nicht auf einem der großen Laufstege in New York oder Paris ab. In einem Second-Hand-Laden in der Münchner Ludwigsvorstadt wird die erste Kollektion von Sulayman Jode, 20, präsentiert, es läuft afrikanischer Hip-Hop und Afrobeat-Musik. Der junge Mann aus Gambia kombiniert europäische Styles mit westafrikanischen Stoffen aus seiner Heimat. T-Shirts, Hosen, Kleider, selbst Dirndl hat er schon angefertigt. Meistens schneidert er abends nach der Schule oder in den Ferien. 

Sulayman holt gerade den Hauptschulabschluss nach. Vor drei Jahren kam er als Flüchtling aus Gambia nach München.

Er sitzt in seinem Zimmer, die Wände hängen voll mit Fotos. Freundschaften, die er in seiner neuen Heimat schließen konnte. Auf dem Tisch: das Buch „Momo“ von Michael Ende. Er selbst trägt einen einfachen grünen Hoody, zieht die Kapuze über die kurz geschorenen Haare. „Ich mag das, wenn Deutsche Stoffe aus Gambia tragen“, sagt er, „weil das zumindest zeigt, dass die Leute Interesse an anderen Kulturen besitzen.“

Sulayman ist ein dauerhaft Getriebener. Schule, Mode, Musik machen, Freunde treffen. „Einfach nur daheimbleiben? Das ist nichts für mich“, sagt er und lacht dabei herzlich und laut. Durch sein Engagement ist er viel herumgekommen: Mit seiner Band ONE Corner stand er schon auf der Bühne des Ampere, drehte ein Musikvideo im Olympiapark. Und er traf auf Konstantin Wecker bei einem Auftritt für die Sendung „Z’am rocken“ des BR. „So ein cooler Typ“, schwärmt Sulayman. 

Er mag die Deutschen, besonders deutsche Musiker. Gentleman, Die Beginners oder Blumentopf zählt er zu seinen Favoriten.

In München hat er viel Unterstützung erfahren. „Wenn die Leute merken, dass du Talent besitzt, dann wollen die auch, dass du das zeigen kannst“, sagt er. So kam es, dass er während eines Praktikums als Verkäufer in jenem Second-Hand-Laden in einer Pause die Nähmaschine entdeckte. Wenig später durfte er die erste eigene Kollektion auf dem Laufsteg im Laden präsentieren. Das liegt auch an Sulayman und seiner aufgeweckten und zielstrebigen Ausstrahlung. Man merkt ihm die Ernsthaftigkeit in seiner Stimme an, wenn er erzählt, eines Tages ein eigenes Geschäft mit seinen Kleidungsstücken zu führen und weitere solcher Modeschau-Events organisieren zu wollen. Während seine Hände mit jedem Wort neue Gesten zeichnen, sucht er immer wieder den direkten Augenkontakt.

Sich mit Händen und Füßen verständigen – für Sulayman war das lange Realität. Diese Zeit begann für ihn vor drei Jahren. Sein Onkel setzte sich gegen den gambischen Diktator Yahya Jammeh ein (der am 21. Januar 2017 ins Exil gegangen ist). Immer wieder wurden Oppositionelle entführt und mundtot gemacht. Das Regime sperrte Sulaymans Onkel ein und folterte ihn. Die Familie erhielt Drohbriefe. Mit Mutter und Schwester floh er in den Senegal. Zum Weitergehen waren die Schwester zu klein und die Mutter zu schwach. Also machte er sich von dort aus alleine auf den Weg. Mali, Niger, Libyen. Und dann über das Mittelmeer nach Italien.

Über die Zeit auf der Flucht spricht er nicht gerne. Keine seiner Gesten vermag es, Erlebnisse und Traumata stimmig ausdrücken. Sulayman wechselt das Thema. Er erzählt von seinen Plänen nach dem Schulabschluss. Auf eine Modeschule will er. Ein Traum, den er mit aus der Heimat hergetragen hat. „In Gambia habe ich von meiner Mutter gelernt, sie war professionelle Schneiderin“, sagt er. Fotos von den fertigen Kleidungsstücken bekommt die Mama noch immer zugesendet. Meist antwortet sie in löblichen Tönen, „auch wenn ihr manches zu haram, also freizügig, ist“, sagt er.

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Dafür kommt seine Kleidung bei anderen jungen Geflüchteten fantastisch an. Er gibt ihnen ein Stück Heimat – und das Gefühl, trotz allem neu starten und etwas erreichen zu können. Sulayman spricht Freunde aus seinem Heim an, ob sie nicht für seine Show modeln wollen. Die Trauer und den Schmerz über die verlorene Heimat verarbeiten er und andere Geflüchtete in der Musik. Auch die konnte man auf der Modeschau hören. Solche Events will er in Zukunft öfters organisieren, „zusammen mit Schneidern aus Afghanistan, Deutschland oder anderen Ländern“. 

Es sind Momente wie diese, in denen man merkt, wie gut Sulaymans Gespür für Integration ist. Das Eigene und das Fremde – er verwebt es buchstäblich ineinander. Die Elemente verbindet er zu etwas ganz Neuem, einer interkulturellen Symbiose. Sulayman will die vielen Menschen verschiedener Kulturen miteinander in Kontakt treten lassen. Aus dem alltäglichen Nebeneinander soll ein Miteinander werden. 

Und da sind Musik und Mode fantastische Bindeglieder, „weil beides keine Grenzen kennt“, sagt Agnes Fuchsloch. Sie ist die Leiterin des Second-Hand-Ladens und hat gemeinsam mit Sulayman die Modeschau organisiert. Dabei war sie nicht nur von dessen Mode beeindruckt, auch vom Organisationstalent. „Er hat eine ganze Menge Leute dazu bewegt, ehrenamtlich als Models oder Stylisten mitzuhelfen“, erzählt sie. Sulayman verstehe es, Leute mitzureißen, „weil er eigene Ideen hat und diese dann auch unbedingt umsetzen will“.

Die Zukunft könnte gut aussehen für den jungen Gambier. Vorerst ist da allerdings auch etwas, das ihn nachdenklich macht: Sulaymans Leben und Wirken in Deutschland wird vom Staat nur geduldet. Auf die Anerkennung seines Asylantrags wartet der 20-Jährige nach drei Jahren Schule und Sprachkurs, nachdem er unzählige neue Freunde gefunden und Partys gefeiert hat, weiterhin vergeblich.

Text: Louis Seibert

Fotos: Hermon Biniam


Mehr zu den politischen Hintergründen in Gambia hier 

Neuland: Chen Jerusalem

Chen Jerusalem stellt sich mit ungewöhnlichen Ideen und Ansätzen gegen viele Fashionlabels und deren Massenprodukte und will Mode als Teil eines größeren Konzepts schaffen

Ein Designer, der genauso besonders ist wie sein Name: Chen Jerusalem ist 27 Jahre alt, wirkt aber schon sehr erfahren und zielstrebig. Der Bachelorabsolvent der Münchner Modeschule AMD veröffentlicht Ende Januar seine zweite Kollektion im Rahmen eines Masterstudiengangs. Obwohl er nun im niederländischen Arnheim studiert und seine ersten Praktika zuvor in Berlin gemacht hat, sieht er dennoch München als den Beginn seines Werdegangs und den Ort, an dem er seine ersten Karriere-Schritte gemacht hat. 

„Meine Mode soll Teil eines größeren Konzepts sein und eine Geschichte erzählen können“, sagt er. Das Storytelling sei seine persönliche Stärke. „Es ist schade, dass viele Labels meiner Meinung nach heutzutage viel zu viel Wert auf Kommerzielles legen, anstatt Mode als Medium für etwas Tiefsinniges zu nutzen“, sagt Chen über seine Kollektionen. Ende dieses Monats wird seine neue Linie publiziert.  

Text: Anastasia Trenkler

Foto: Basti Hansen

Shooting-Star

Tagsüber studiert Christine Bluhm Spanisch und Französisch auf Lehramt. Nachts schneidet sie selbst gedrehte Modeclips. Nach einem klassischen Lebensweg sieht es bei der 25-Jährigen derzeit nicht aus

Kamera, Stativ, Schnittprogramm. Christine Bluhm, 25, braucht nicht mehr, um mit den Profis der Branche mitzuhalten. Sie studiert Französisch und Spanisch auf Lehramt. In diesem Jahr will sie ihr Studium beenden. Nebenbei produziert die junge Frau seit gut einem Jahr Clips. Drehen und Schneiden hat sie sich selbst beigebracht. Hin und wieder wird sie für ihre unkonventionelle Herangehensweise belächelt. Nicht selten halten sie die Profifilmer am roten Teppich für eine Praktikantin oder eine Hobbyfilmerin. „Wo ist dein Equipment? Das werde ich oft gefragt“, sagt Christine, wenn sie ihre kleine Handkamera auspackt. Kleine Sticheleien, auf die sie inzwischen gelassen reagieren kann, denn sie hat Erfolg. Neulich bekam sie den Auftrag, eine Charity-Gala zu Gunsten der Stiftung von Auma Obama, der Halbschwester von Barack Obama, zu filmen. 

Wenn die Profis auf Veranstaltungen noch damit beschäftigt sind, ihr Stativ aufzubauen, hat Christine die ersten Bilder meist schon im Kasten. „Auf einem Event geht es darum, die besten Sequenzen zu filmen, und da kann ich nicht immer mit dem Stativ ankommen“, sagt sie unbedarft. Hanebüchen, mag der ein oder andere denken, der sich am Regelbuch orientiert. Ihr ungelernter Blick macht Christine frei. Unkonventionell. Es interessiert sie nur am Rande, ob die Bilder immer scharf sind, ihr geht es nur um natürliche Bilder und Emotionen. Alles bleibt unbearbeitet. Möglichst echt. Nur so könne man emotionale Bilder drehen, sagt sie.

Als 14-Jährige hat Christine angefangen zu filmen. Sie dokumentiert Familienurlaube, den Abi-Ball, die Organisation ihres Erasmus-Aufenthalts in Lille. In Frankreich stehen Vorlesungen zu französischem Film und Dramaturgie auf dem Lehrplan. Begeistert besucht sie jede Vorlesung. Eine Dozentin wird nicht müde zu betonen, dass viele Filmemacher und Fotografen Quereinsteiger waren. Ein letzter Schubser für die ehrgeizige Studentin. „Ich habe gemerkt, dass ich nicht alleine mit der Idee bin, etwas zu machen, was ich nicht studiert habe“, sagt sie. Christine atmet tief aus, die Erleichterung darüber wird spürbar. Als sie zurück nach Deutschland kommt, gründet sie myfashionclip.com. Ein Blog, auf dem sie sich, wie sie sagt, „den ästhetischen Dingen des Lebens“ widmet. Einige ihrer Freundinnen seien Models, da schien es ihr naheliegend, mit ihnen als Filmmotiv zu arbeiten. 

Für ihren ersten Clip filmt Christine eine Freundin, die hübsch zurechtgemacht durch die Straßen von Altschwabing zieht. Hier ein Blick über die Schulter, da ein Lächeln in die Kamera. Banal – eigentlich. Aber die Art und Weise, wie sie das rothaarige Model in Szene setzt, ist nicht weit entfernt von einem Clip, der auch auf der Seite der Vogue anklickbar sein könnte. „Die Vogue-Clips waren mein Vorbild“, sagt Christine, die einen modischen Oversize-Pulli mit farblich harmonierendem Schal trägt. Generell spricht sie gerne von ihren Vorbildern und Menschen, die sie antreiben. Meist sind das Autodidakten.

Ihr zweiter Clip zeigt eine Freundin, die Schuhe entwirft. Peu à peu baut sich Christine so ihr Portfolio auf. „Voller Fehler sind meine ersten Clips“, sagt sie und lächelt. Dennoch reicht es, um mit diesen Clips nach Düsseldorf auf den Event eines Start-ups aus der Modebranche eingeladen zu werden. Als sie nach München zurückfährt, hat sie schon ein, zwei Folgeaufträge in der Tasche. Hier und da habe es auch Kritik gegeben, aber auch das schüchtert die junge Filmemacherin nicht ein. Stattdessen entwirft sie Visitenkarten und meldet sich für die „Bits and Pretzels“, eine Messe für Start-ups, an. „Mir fehlten ja die Kontakte, die andere schon aus dem Studium haben“, sagt sie. Also netzwerkt sie. Lernt einen Filmstudenten aus Berlin kennen. Der zeigt ihr, wie man Drehbücher schreibt. Auf einer Zugfahrt von München nach Ulm lernt sie per Zufall eine Cutterin kennen, die 3-D-Animationen fürs Kino schneidet.

Mittlerweile hat sie eine neue Kamera gekauft, für den Notfall auch ein Stativ. „Ich filme lieber aus der Hand“, sagt sie. Nicht jeder habe eine ruhige Hand, sie aber schon. Außerdem gehe es ja darum, die echte Welt zu zeigen. „Mich langweilen starre Konzepte“, sagt sie.

Gleiches gilt auch für ihr Studium. „Wenn ich wirklich noch Lehrerin werden sollte, dann müsste der Lehrplan schon etwas alternativer sein, mit Film zum Beispiel“, sagt sie und lacht. Aber nach einem klassischen Lebensweg sieht es derzeit nicht aus. Die Aufträge häufen sich. „Ich sitze oft in der Vorlesung und schreibe nebenbei Angebote“, sagt sie. Eine Getriebene. Stillstand kennt sie nicht. Tagsüber Uni, nachts Schneiden. Mittags ein kleines Nickerchen. „Ich habe nie das Problem, nicht zu wissen, wie ich anfange. Ich muss mich eher entscheiden, mit was ich anfange“, sagt sie. 

Christine tippt auf ihrem Laptop. Scrollt ihre Homepage auf und ab. „So viel Arbeit“, sagt sie. Die Website müsse endlich umgebaut werden und auch das mit dem Namen, myfashionclip, passe nicht mehr so richtig. „Ich will nicht nur Mode machen“, sagt sie und zieht ihren rechten Nasenflügel nach oben. Muss sie auch nicht. Die deutsche Krebsgesellschaft hat sie beauftragt, einen Clip über Prostatakrebs umzusetzen. Inklusive einer Kooperation mit der alljährlich stattfinden „Movember-Aktion“, für die sich Männer weltweit einen Schnauzbart stehen lassen. Sie habe schon eine genaue Vorstellung von der Dramaturgie des Kurzfilms. Eine Doku-Fiction schwebt ihr vor. „Ich will, dass diejenigen, die den Film sehen, Tränen in die Augen bekommen“, sagt sie zielsicher. Nur wie sie das mit ihrem Studienabschluss kombiniert bekommt, das wisse sie noch nicht. „Irgendwie wird es schon klappen“, murmelt sie.  

Text: Esther Diestelmann

Foto: Kristijan Golesic

Gebunden, nicht gestrickt

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Mützen waren gestern, der neue Trend sind Turbane – für Frauen und Männer. Das glaubt zumindest die junge Designerin Joana Mayr. Für ihr Label DFCF hat sie sogenannte Headwraps gestaltet. Der Name steht für „Don’t forget where you come from“

Wenn es nach Joana Mayr geht, sind Turbane die neuen Caps und Mützen. Und weil die traditionelle Bindung eines Turbans kein leichtes Unterfangen ist, stellt die 27 Jahre alte Münchnerin jetzt fertiggenähte Turbans her, sogenannte Headwraps, die man nur noch aufzusetzen braucht. Diese Woche kann man die Turbane erstmals online bestellen.

Die etwa ein Meter lange Stoffbahn wird zuerst um den Hinterkopf gelegt und dann oberhalb der Stirn verdreht. Irgendwie wurschtelt man das Ende des Stoffes dann unter den Stoffknödel über der Stirn. Wer keine Übung darin hat, scheitert schnell. Der Knoten löst sich beim Laufen, beim Lachen oder Tanzen. Die richtige Bindung scheint eine Übungssache zu sein. Joana hat das schon etliche Male gemacht, um ihre dunklen Locken zu bändigen, und weil sie den Turban als Accessoire schätzt. 

Joana kam in Starnberg zur Welt, die Mutter Deutsche, der Vater Senegalese. Ihr Haar ist schon kurz nach der Geburt so lang, dass Krankenschwestern ihr eine Blume ins Haar stecken. „Irgendwie habe ich schon immer gerne Kopfschmuck getragen“, erzählt sie, lacht laut und schlägt die Beine übereinander. Heute trägt sie keinen Turban, auch keine Mütze, obwohl es kalt ist in München. 

Doch sie hat Bilder ihrer Arbeit dabei. Sie sind für ihre neue Website, für den Online-Shop, der diese Woche startet. Turbane, die schon so genäht sind, dass sie sich nicht lösen können und nicht vom Kopf fallen – in allen möglichen Designs. Zu Beginn wird es verschiedene einfarbige Turbane aus elastischem Jersey-Stoff geben, für Erwachsene und auch für Kinder, „obwohl ich die krasseren Stoffe mehr feiere“, sagt sie und lacht: „African- und Ethno-Stoffe sind, was mir mehr gefällt“, doch ob die vorsichtigeren Münchner darauf anspringen, weiß sie nicht. Etwa 50 Euro kostet ein handgefertigter Turban. Für den Winter soll eine Strickkollektion dazukommen. Die Stoffe sucht sie selbst aus, oder lässt sie von ihrem Vater aus dem Senegal schicken. „Die muss ich schon selbst in der Hand gehabt haben, um sie verarbeiten zu können.“

Fast drei Jahre ist es her, dass Joana mit der Idee spielte, sich in der Mode zu versuchen. Es fiel ihr damals schwer, ihren Freundinnen die richtige Binde-Technik zu erklären. Und nicht auf jeder Haarstruktur blieb der Knoten fest. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete sie schon fünf Jahre als Visagistin und Make-up-Artist. Sie war auf Shootings und Filmsets, und schminkte Skelettgesichter in einem Münchner Club. 

Damit das Geld reicht, jobbt Joana zusätzlich als Teilzeitkraft in einem schwedischen Modehaus. „Eigentlich nicht nur des Geldes wegen. Das hat auch was mit Sicherheit zu tun. Da bin ich ziemlich deutsch“, sagt sie. Joana grinst zufrieden. 

Sie liebt die afrikanische Kultur, aber so richtig „african“ sei sie dann doch nicht. Zum Interviewtermin erscheint sie zu früh, das ist ihr lieber so. „In meinem Privatleben bin ich der größte Chaot, aber wenn es um mein Business geht, bin ich absolut zuverlässig und ordentlich.“ Vielleicht, weil viele ihrer Freunde selbständig sind, vielleicht weil ihre Eltern selbständig sind, die Mutter als Bühnenbildnerin, der Vater als Musiker. In ihrer Wohnung stehen Ordner. Einer für ihre Aufträge als Visagistin und Stylistin, einer für ihre neue Marke DFCF – das steht für: Don’t forget where you come from. Aber das muss wer anders machen, jetzt, wo es langsam läuft. „Das soll alles seine Ordnung und Richtigkeit haben, und mit Papierkram habe ich es echt nicht so.“ 

Eine professionelle Schneiderin hat nun das Zuschneiden übernommen. Joana kann sich um die Designs, die Stoffe und die Vermarktung kümmern. Sie klappert nun Läden in München ab und stellt ihre Turbane vor. Zehn Turbane sind auf Lager, bestellt sind bereits mehr als 25. Diese Woche fährt sie nach Berlin, um auch hier in Läden ihre Turbane vorzustellen. Drei Jahre hat sie in Berlin verbracht, obwohl der Anfang mehr als schwierig zu sein schien: „Das war Drama, Berlin wollte mich nicht“, sagt sie jetzt und grinst. Sie hatte Styling-Aufträge für die Fashion-Week angenommen. Joana war gerade 24. Sie zog nach Berlin, die Jobs lockten. Doch kaum zwei Wochen da, fiel sie beim Gardinenaufhängen vom Stuhl, brach sich das Bein, saß im Rollstuhl und musste die Jobs kündigen. Joana fragte sich, ob es das jetzt gewesen sein soll, aber dachte sich: „Ich gebe doch jetzt nicht auf.“ Sie nahm alles Lehrreiche aus dem Unfall mit und hat ihren Job im Modehaus behalten, der gibt ihr Sicherheit. Der zwang sie aber auch, regelmäßig zwischen Berlin und München zu pendeln.

Nach drei Jahren Arbeit und Leben in Berlin, München und dazwischen zieht Joana zurück und nimmt ihr bisher persönlichstes Projekt in Angriff. Es geht um Mode, um Tradition, um Wurzeln und um Persönlichkeit: DFCF eben – „Don’t forget where you come from“. Und das meint die Münchnerin mit den senegalesischen Wurzeln ganz allgemein: „Es geht um dein Inneres, deine Person, fernab von Herkunft und Geschlecht.“ Deshalb sollen die Turbane auch von Frauen und Männern, Erwachsenen und Kindern getragen werden.
 Ob der Trend in der Stadt ankommt, die Idee dahinter? Junge Männer, die Turbane tragen werden? Sie weiß es nicht. Viele Bekannte zeigen sich begeistert. Sie grinst und sagt wie so häufig „ja, mal schauen!“ Was sie sich in den Kopf setze, müsse passieren, irgendwann eben, aber dann richtig. Und deshalb werde das jetzt auch was. Wie groß die Nachfrage sein wird, ob eine Schneiderin reicht, und welche Muster sich am besten verkaufen, das alles muss sich zeigen.

Text: Friederike Krüger

Photo: 

Seval Hamzic

Rot zieht an

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Nicola Hahn, 25, ist seit August 2016 selbständige Personal Stylistin und Shopperin. Die ehemalige Modedesign-Studentin springt damit auf einen amerikanischen Trend auf. Im Interview spricht sie über Stil, Mode und das Münchner Klientel.

SZ: Was macht eigentlich ein Personal Stylist?

Nicola Hahn: Ich mache Umstylings, Typberatungen, Kleiderschrank-Checks und begleite Leute beim Einkaufen. Mit manchen mache ich das regelmäßig, andere wiederum benötigen mich nur für ein bestimmtes Event. Ich gehe auf jede Person individuell ein.

Wie wichtig sind Trends bei deinen Empfehlungen?
Ich achte bei meinen Kunden nicht nur auf Trends, denn nicht jedem steht alles. Lieber verwende ich mehr Basics und kombiniere das mit ein oder zwei trendigen Teilen.

Ist das nicht ein unheimlich oberflächlicher Beruf?

Natürlich ist Mode etwas Oberflächliches. Aber es steckt viel mehr dahinter. Mode spiegelt mehr oder weniger deine Seele wider. Mode trägt viel dazu bei, ob du dich in deiner Haut wohlfühlst. Und wenn du dich wohlfühlst, strahlst du das auch aus.

Was ist denn das Ziel deiner Beratung?

Ich möchte den Menschen näher bringen, dass Mode kein Muss ist, sondern auch Spaß machen kann. Dass man vor allem für sich selbst und nicht für jemand anderen toll aussehen sollte. Das Ziel ist auch, dass meine Kunden irgendwann ihren eigenen Stil gefunden haben und mich nicht mehr brauchen.

Ist der eigene Stil nicht etwas sehr Subjektives?

Absolut. Stil sollte mit deinem Charakter gleichzusetzen sein. Wenn ich gerne in die Berge gehe, bin ich vielleicht eher ein natürlicher Typ. Das hat auch viel mit Hobbys zu tun. Deshalb biete ich für meine Kunden vorab kostenlose Beratungsgespräche an, um mehr über sie herauszufinden.

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Was macht das Münchner Klientel aus?

Die Münchner legen viel Wert auf ihr Äußeres und sind auch bereit, etwas dafür zu investieren. Sie sind viel auf den Straßen, sobald die Sonne scheint. Ihnen ist es wichtig, wie sie auf andere wirken. Die Münchner tragen zum Beispiel gerne hohe Schuhe und sind allgemein sehr elegant gekleidet.

Also typisch Münchner Schickeria.

Das Wort „Schickeria“ wird oftmals negativ ausgelegt, was aber nicht unbedingt sein muss. Schick bedeutet für mich nicht nur hohe Schuhe mit Bluse. Man kann auch mit flachen Schuhen schick aussehen, wenn man es richtig kombiniert. Aber ja, die Münchner möchten eher schick als lässig sein.

Kann man mit Mode auch nur so tun als ob?

Natürlich! Man kann mit Mode vieles überspielen.

Was denn?

Wenn du zum Beispiel einen blöden Tag hattest, aber etwas Rotes trägst, sieht dir das keiner an. Rot ist eine Farbe, die anzieht. Gleichzeitig kann man mit Mode aber auch super die eigene Stimmung unterstreichen oder hervorheben. Wenn ich mich schlecht fühle, ziehe ich eher schwere Stoffe an. Wenn ich mich gut fühle, ziehe ich etwas Luftiges an mit frischen Farben.

Wer lässt sich denn von dir vorwiegend beraten?

Der Großteil meiner Kunden ist Ü40. Das sind Frauen, die wissen, dass sie nicht mehr jeden Trend mitmachen wollen. Aber grundsätzlich möchte ich natürlich jedem helfen. Auch meinen männlichen Kunden. Das wird zwar eher selten wahrgenommen, aber die lassen sich durchaus auch gerne beraten.

Gibt es ein Kleidungsstück, das jedem steht?

Cardigans stehen jedem. Das sind absolute Figurenschmeichler.

Interview: Barbara Forster

Fotos: Viktoria Popfinger, Oh