Fremdgänger: Alles geregelt

Sind Deutsche generell regelgehorsamer? Unsere Autorin pfeift in Oxford inzwischen wie ihre Mitstudenten auf so manche rote Ampel und entdeckt dabei feine kulturelle Unterschiede zu ihrer Heimat. 

Die Ampel springt auf Rot. Ich trete in die Pedale und sause über die rote Ampel. Zeit ist kostbar und Ampeln sind eher eine Empfehlung. Zumindest in Oxford. Zumindest für Radfahrer. Außerdem bin ich spät dran für ein Seminar und es regnet. 

Oxford und München bezüglich ihrer Verkehrslage und Infrastruktur zu vergleichen, ist Quatsch. München ist eine Millionenstadt, Oxford darf mit seinen 152 000 Einwohnern durchaus als Provinznest bezeichnet werden. Spannend zu beobachten ist jedoch, wie sich die Dimensionen dieser kleinen Stadt in meiner subjektiven Wahrnehmung von Zeit und Raum verschieben. Nachdem ich drei Jahre lang ungefähr eine Stunde für den Weg zur Uni einplanen musste, konnte ich es nach meiner Ankunft hier in Oxford einfach nicht glauben, dass ich innerhalb von nur fünf Minuten mit dem Rad zu meiner Fakultät gelangen konnte – und deshalb prinzipiell immer mindestens zehn Minuten zu früh in jeder Vorlesung saß. Jetzt, nach vier Monaten, kommen mir jedoch bisweilen sogar diese fünf Minuten zu lang vor. Jede rote Ampel kommt da irgendwie ungünstig. 

Deshalb hat sich parallel zu meiner neuen Wahrnehmung von Entfernungen auch eine gewisse Resistenz gegen Verkehrsregeln entwickelt. Denn Oxfords Verkehrssystem ist verwirrend. Ganz davon abgesehen natürlich, dass hier alle Autos auf der falschen Seite fahren (!), verästeln sich Straßen an den unwahrscheinlichsten und denkbar ungünstigsten Stellen, Ampeln funktionieren nicht oder sind so unmöglich geschaltet, dass man sich oft in der Mitte der Hauptverkehrsader befindet und nicht mehr weiterkommt, Einbahnstraßen tauchen aus dem Nichts auf, Fahrradwege führen einmal über den Fußgängerweg und dann wieder auf der Straße entlang, und von Schlaglöchern und porösem Asphalt und Wanderbaustellen will ich gar nicht anfangen.

Die ersten Male, als ich zögernd ein paar Radfahrern folgte, wie sie bei Rot skrupellos weiterfuhren, musste ich an eines meiner Ethik-Seminare in München denken. Es ging um Thomas Hobbes, den Leviathan und um die Frage, ob Gesetze in einem Staat immer befolgt werden müssen beziehungsweise ob ziviler Ungehorsam auch mal richtig sein kann. Ich erinnere mich deshalb an diese eine Stunde, weil das Beispiel von Verkehrsampeln genannt wurde. Wenn keine negativen Konsequenzen aus meiner illegalen Straßenüberquerung resultieren, ist es dann in Ordnung, das Gesetz zu brechen? Oder unterminiert das die gesamte Idee eines legitimierten Souveräns? Als ich dann einmal auf einer Party, relativ zu Beginn des Jahres in Oxford, meine Bedenken ob zivilen Ungehorsams an roten Ampeln äußerte, erntete ich einige Lacher. „You don’t have the time to wait for a traffic light – just think of all the reading you could be doing in the accumulated time over the years, that you spent waiting for the light to turn green“, wurde mir gesagt. 

Und auch wenn das auf den ersten Blick oberflächliche Überlegungen sind, so sagt es doch vielleicht mehr über feine kulturelle Unterschiede aus. Sind Münchner und Deutsche generell regelgehorsamer? Oder inwieweit sagt es etwas darüber aus, wie überlegt und vernünftig Bürger (zumindest im Straßenverkehr) miteinander umgehen können, selbst wenn sie nicht auf das offizielle grüne Licht der Ampel warten? Soweit ich weiß, passieren in Oxford nicht verhältnismäßig mehr Unfälle als anderswo.

Text: Theresa Parstorfer

Foto: Privat

Zeichen der Freundschaft: Im Shopping-Wahn

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Lippenstift in Lachsfarben und Nagellack in der Frühlingsfarbe Weiß: Eine gute Freundin unserer Autorin hat sich längst auch zu ihrer ganz persönlichen Shopping-Beraterin entwickelt.

Ich lackiere noch meinen letzten Fingernagel zu Ende. Ein
Seitenblick auf die Uhr verrät mir, dass ich wieder einmal unpünktlich bin.
Caro wird es mir wie jedes Mal nachsehen, dass ich zu unserer Verabredung zu
spät komme. Sie ist meine liebste Shoppingbegleitung, und es ist wieder einmal
Zeit für unser gemeinsames Ritual: Mittagessen beim Chinesen mit anschließendem
Auskundschaften der neuesten Lippenstift- und Nagellacktrends für den Frühling. 

Mit Caro ist es geradezu unmöglich aus einem Laden mit leeren Händen wieder
rauszugehen. Caro fühlt sich in Kosmetikläden so, wie ein Affe in der freien
Wildbahn – sie ist ganz in ihrem Metier und avanciert unweigerlich zur
Verkäuferin: „Barbara, weißer Nagellack ist DIE Trendfarbe, ich weiß es und du
weißt es jetzt auch.“ Ich bin ihr dankbar für diese Information und greife
instinktiv zu einem weißen Nagellack. Meine shoppingsüchtige Freundin führt mir
immer wieder vor Augen, was in meiner Kosmetikabteilung alles noch fehlt – und
bemerkt dabei, was bei ihr selbst noch alles auf der ‚to-buy-Liste‘ steht: „Ich
will einen neuen Lippenstift, aber ich weiß nicht welche Farbe, ich brauche sie
alle!“ Mit weitgeöffneten Augen und zittrigen Händen greift sie nach einem
lachsfarbenen Lippenstift, von dem ich ihr dann aber abrate. Nach langem Durchprobieren
landen wir bei einem frechen Pinkton, den wir uns ehrfürchtig auf den
Handrücken tupfen. Mein anfängliches Zögern, ob ich auch einen Lippenstift
kaufen sollte, entkräftet Caro mit bestimmten Tonfall: „Barbara, einen Lippenstift
brauchst du unbedingt!“ Und ich finde, sie hat Recht: Dieses bunte Utensil macht
das Leben einfach farbenfroher. 

Mit wohliger Gänsehaut schreiten wir an die
Kasse – mit zwei Nagellacken – darunter die Frühlingsfarbe Weiß – drei
verschiedenen Lipplinern, einem Trockenshampoo, Haarpuder (laut Caro ein Must-have
für jedes Badezimmer) und Lippenstift in frechem Pinkton bewaffnet. Eine Stunde
Shoppen mit Caro ist wie ein einwöchiger Wellnessurlaub in Südtirol: Erfrischend
und wohltuend. Es macht mir Freude ihren malerischen Beschreibungen von
Kosmetikprodukten zu lauschen, und sie genießt es, wenn ich ihren Anweisungen Folge leiste: „Siehst du, wie butterweich sich dieser Kajal auftragen lässt?“

Dieses Produkt stehe laut ihrer Aussage überhaupt
nicht in Relation zu diesen fiesen, spitzen Billig-Eyelinern, die einem beim Auftragen
fast die Haut zerfetzen würden.

Ihre
Worte sind unbezahlbares Wissen, welches man nur mit den engsten Freundinnen teilt.
Ich wusste zum Beispiel nicht, dass man unter einem Lippenstift heutzutage
einen Lip Primer aufträgt, um unschöne Rillen zu verdecken. Genauso wenig
wusste ich, dass man gerötete Stellen im Gesicht mit grüner Concealerfarbe
wieder neutralisieren kann. Aber ich bin froh, dass Caro mir das alles erklärt. 

Einmal in den Semesterferien führen wir unser Shopping-Ritual fort und werden
dabei kontinuierlich übermütiger, was schlecht für meinen Geldbeutel ist. Einen
neuen Geldbeutel könnte ich übrigens auch gebrauchen. Caro hat mir bereits
einige Links geschickt – natürlich nur in den neuesten Frühlingsfarben.

Text: Barbara Forster

Foto: Yunus Hutterer

Fremdgänger: München, Stadt der Liebe

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Kann Paris in Bezug auf Romantik so viel mehr als andere Städte? Unsere Autorin startet ein Experiment und begibt sich in München auf die Suche nach dem Zauber für frisch Verliebte.

„Ah Paris – da ist das Leben so süüüß!“ bekam ich zu hören, wann immer ich erzählte, dass ich dort für eine Weile wohnen würde. Oder „ohoo, in der Stadt der Liebe!“ war auch ein echter Klassiker. Nun, viele dieser hübschen Vorurteile konnten der Realität nicht standhalten, denn Paris stinkt, lärmt, schmutzt und die Überzahl an Obdachlosen und Bettlern an jeder Straßenecke führen einem schnell vor Augen, dass das süße Leben hier nicht zu finden ist. Ist Paris die vielbesungene, mythisierte Stadt der Liebe?

Ich wollte daran zunächst nicht glauben. Paris ist doch eine Stadt wie jede andere und Liebe à Paris war für mich nicht mehr als diese furchtbaren Schlösser an Pariser Brücken und furchtbare Pärchen-Menüs in furchtbaren Touristenrestaurants. Denn wer ein Kuss-Selfie vor dem Eiffelturm – gedrängt zwischen einer Überzahl an Touristen – für den Gipfel der Romantik hält, dessen Einschätzung ist sowieso ungültig. 

Und doch bin ich dem Zauber, den diese Stadt auf frisch Verliebte versprüht, auch verfallen. Es ist schwer, sich nicht in Paris zu verlieben. Denn wer schon mal am Morgen danach ein frisches Pain au Chocolat in Jardin des Plantes gefrühstückt hat, gemeinsam stundenlang vor einem Espresso und mit Zigaretten in einem hübschen Straßencafé geplaudert hat, spätabends durch den fast leeren Louvre flaniert ist oder in einem winzigen originellen Weinkeller „Cave“ eine Flasche Wein geleert hat und dann durch einen pompösen Hauseingang in ein Bohème-Apartement, wie man es sich vorstellt, gelangt ist, der weiß, dass die Leichtigkeit, Süße und Romanik dieser Szenerien schon Verführung genug sind. Hat man dann noch einen verdammt schnuckeligen Begleiter – wie soll man ihm in einer solchen Kombination nicht verfallen? Dem Charme der Stadt zu widerstehen, ist einfach unmöglich.

Doch kann Paris in Bezug auf Romantik so viel mehr als alle anderen Städte? Auf Heimaturlaub in München wage ich den Selbstversuch und erkunde die bayerische Landeshauptstadt mit einem charmanten Münchner an der Hand. Und stelle fest, wenn man sich die Zeit nimmt, zu flanieren und die Stadt zu betrachten, statt wie sonst, sie vom Alltag blind zu durchlaufen, dann steht München der Zahl und Grad romantischer Plätze Paris nicht nach. 

Die Leopoldstraße ist genauso breit und lang und eindrucksvoll wie jeder Pariser Boulevard. Der Blick vom Friedensengel über die Lichter der Stadt kann genauso viel wie ein Blick von der Pont Neuf über „La ville de lumière“. Eine Breze im Hofgarten und ein Helles in einer gemütlichen Kneipe sind als Münchner Pendant zu Pariser Wein und Pain au chocolat unschlagbar.

Lange Spaziergänge durch den Englischen Garten sind genauso schön wie die durch die Tuileriengärten oder den Jardin du Luxembourg. Die Münchner Oper hat mindestens genauso viel Pomp wie die Pariser, und das Resi das bessere Programm als die Comédie Francaise. Will ich zu impressionistischen Gemälden seufzen, kann ich das auch in der neuen Pinakothek. Auch das Münchner Rathaus ist mindestens genauso eindrucksvoll wie das Hôtel de Ville. Und der viel besungene Himmel über Paris ist auch nicht blauer, seine Wolken nicht fluffiger als die bayerischen. 

Außerdem ist München gemütlicher, leiser, sauberer und weniger anstrengend als Paris. Ich stelle fest, Romantik lässt sich mit der richtigen Einstellung überall finden. Nur die richtige Einstellung findet man nur in Paris.

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Von Freitag bis Freitag: Unterwegs mit Antonia

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Statt, wie ihre Freunde, in den Semesterferien um die Welt zu fliegen, lässt es sich unsere Autorin in München gut gehen. Und findet neben neuen Büchern und Tipps für Helden vielleicht sogar ein ziemlich gutes Geschenk für ihre Oma.

Semesterferien. Meine Freunde sind auf Fuerteventura, in
Thailand oder auf den Philippinen. Ich halte in München die Stellung. Ich muss
schließlich ein bisschen arbeiten, damit ich dann in den nächsten Ferien auch
mal wieder wegfliegen kann. Aber so lange ist es hier auch ziemlich schön. Vor
allem jetzt wo es langsam Frühling wird.

Am Freitagabend verschlägt es mich ins Münchner Forum für
Islam. Da gibt es eine sehr spannende und wie ich finde überaus relevante
Diskussion über feministische Visionen in Deutschland als Einwanderungsland. Nach
der Veranstaltung geht’s dann noch ab ins Bob Beaman. Da ist heute Monticule
Kick-Off #1
. Das Monticule-Festival ist ein kleines aber – wie ich mir sagen
hab lassen – sehr feines Elektro-Festival im Süden von Frankreich. Organisiert
wird das Ganze von ein paar Münchner Freunden, die Bock auf ihr eigenes
Festival hatten. Zur Einstimmung auf Südfrankreich tourt das Festival jetzt mit
Kick-Off-Events durch Europa und macht seinen ersten Stopp in München.

Es ist Samstag. Aber nicht irgendein Samstag, sondern
Indiebookday-Samstag. Um die kleineren Verlage und Buchläden zu unterstützen
gibt es an diesem Tag Aktionen von verschiedenen Buchhandlungen in München. Zum
Beispiel im Buch in der Au, in der Glockenbuchhandlung oder im buch&töne.
Im letzten Semester habe ich sowieso mal wieder zu viele Skripte, Theorien und
wissenschaftliche Arbeiten gelesen, da tut es gut auch mal wieder ein bisschen
in einem Roman zu schmökern.

Abends geht’s dann auf das Gratis-Festival Isarrauschen auf
der Praterinsel
. Bei mir als Studentin ist grundsätzlich schon mal fast alles
was gratis ist, sehr gut und wenn’s dann auch noch ein cooles Festival ist,
dann hält mich nichts mehr auf der Couch. Kleiner Hinweis: es ist jedoch nur
gratis, wenn man sich vor 20 Uhr von der Couch trennen kann. Danach kostet es 5
bzw. 10 Euro.

Das Wochenende ist schon fast wieder rum, dann kommt noch
der Sonntag vorbei. Und da werde ich zur echten Heldin, naja gut ich gehe auf
den Heldenmarkt im MVG Museum. Da kann man alles kaufen oder ausprobieren was
nachhaltig, biologisch und meist regional erzeugt ist. Außerdem gibt’s Infos,
wie man Lebensmittel retten kann oder auch Veganer werden kann. Sonntagabend
ist ein guter Abend um mal wieder ins Kino zu gehen, genauer gesagt ins
Bahnhofskino im Bahnwärter Thiel. Da läuft der schweizerische Film
„Silberwald“, in dem es um Rechtsradikalismus geht.

Monday = Funday? Oder wie war das nochmal? Gut, eigentlich
muss ich erstmal wieder ein bisschen arbeiten, aber trotzdem sind
Semesterferien und deshalb entdecke ich abends mal wieder meine künstlerische
Ader – die lange als verloren galt. Bei der ArtNight im Oliveto ist das Thema
dieses Mal die „Münchner Skyline“. Würde sich ganz gut in meinem Zimmer machen,
wenn’s was wird. Und wenn’s nichts wird, dann kriegt’s die Oma zum Geburtstag.
Die freut sich in jedem Fall. Also eine Win-Win-Situation.

Voraussichtlich mit einem Geschenk für meine Oma, wache ich
am Dienstag-Morgen auf und gehe erstmal ausgiebig frühstücken. Eine Freundin
aus Spanien ist zu Besuch in München. Also tagsüber volles Touri-Programm mit
Englischer Garten, Marienplatz und Viktualienmarkt. Abends verschlägt es uns
dann in die Milla zum JazzJam. Bei der monatlichen Jam-Session treffen sich
Studenten und Alteingesessene zum Musizieren.

Die Hälfte der Woche ist schon wieder vorbei. Am Mittwoch ist es Zeit
mal wieder ein bisschen zu arbeiten und das Thema für die Bachelorarbeit
erfindet sich leider auch nicht selbst. Abends aber noch zur WATER
is LIFE Vernissage
ins Lost Weekend zu gehen, kann ich mir dann doch nicht
verkneifen. Da werden Bilder der letzten Viva con Agua Projektreise nach Äthiopien
gezeigt.

Bier trinken und dabei Yoga machen? Klingt für mich wie ein
schlechter Scherz. Aber genau das gibt’s am Donnerstagabend bei der Pop Up Yoga
Bieredition
. Passend zur baldigen Biergarten-Saison. Und zur Wiesn ist’s ja
auch nur noch ein halbes Jahr. Da muss man vorbereitet sein.

In den Semesterferien ist zwar eigentlich jeder Tag irgendwo
Wochenende, aber ich freu mich trotzdem sehr, dass schon wieder Freitag ist. Da
sind einfach alle gut drauf und in der Stadt ist was los.
Mich zieht es an diesem Freitagabend ins Museum Brandhorst. Da herrscht „Postapokalistischer
Realismus“
. Bei der Veranstaltungsreihe werden Fragen aus Kunst, Film, Musik
oder Literatur zum Verhältnis aus Realität und Fiktion aufgegriffen und
diskutiert.  

Text: Antonia Franz

Foto: Privat

Zeichen der Freundschaft: 10 Schwedische Kronen

Bei Erasmus-Aufenthalten entstehen oftmals ganz besondere internationale Freundschaften. Eine solche hat unsere Autorin bei ihrem Studium in Schweden mit ein bisschen Glück und Zufall auch gefunden.

Es ist eisig kalt. Bibbernd und Zitternd stapfe ich in
meinen dicken Fellstiefeln zur S-Bahn. Meine Hände stecke ich tief in die
Taschen meiner extra warmen Fjällräven-Daunenjacke. Die habe ich seit meinem Erasmusstudium
im bis zu -26 Grad kalten Winter Stockholms nicht mehr aus dem
Schrank geholt. Und da spüre ich es. Etwas kühles, glattes, das gegen meine
Fingerspitzen stößt. Ich ziehe das flache und glänzende Ding heraus und fühle
mich sofort an den ersten Tag in Stockholm zurückversetzt.

Der  „Welcome-Day“ auf
dem mir noch ziemlich unvertrauten Campus der Stockholm University.  In dem bunten Getümmel der Erasmusstudenten
in der großen Aula fühle ich mich fremd, unsicher und vor Allem eines: Alleine.

Meine Gedanken schweifen ab in die Heimat, nach München, zur
LMU. Meine liebgewonnen Mitstudenten haben sich sicherlich genau in diesem
Moment lachend und tratschend einen Kaffee am U-Bahn-Kiosk geholt und machen
sich gemeinsam auf den Weg ins nächste Seminar. Erst ein bisschen später fällt
mir auf, dass ich ja auch in der LMU einmal ein ganz ähnliches
Fremdheits-Gefühle hatte.

Ich lasse meinen Blick über die Masse der internationalen
Studenten schweifen. Dabei erkenne  ich neidvoll,
dass sich viele bereits so angeregt und unbekümmert miteinander unterhalten,
als wären sie schon Jahrelang die allerdicksten Freunde. Mir schießen gut
gemeinte Ratschläge durch den Kopf. Ehemalige Erasmus-Studenten hatten sie mir mit
auf den Weg gegeben: „Häng lieber nicht so viel mit deutschsprachigen Leuten
rum, du bist schließlich im Ausland, deutsch sprechen kannst du auch daheim. “
oder: „An einer ausländischen Uni  zu
studieren ist nicht einfach, zu viele Party-wütige Erasmus-Freunde zerstören
dir deinen Noten-Durchschnitt“.

Werde ich letztendlich einsam, Freunde-los und ohne jegliche
Zugehörigkeit meinen Erasmus-Aufenthalt überstehen müssen? Um zu überprüfen, ob
man mir diese ängstlichen Gedanken ansieht, mache ich mich auf den Weg zur
Toilette. Dort kommt es zu einer dieser zufälligen Begegnungen, die ich so am
allerwenigstens erwartet hätte: Eine italienische Erasmusstudentin versucht
verzweifelt und laut schimpfend ihre Toilettentür zu entriegeln.  Der Moment, in dem ich sie mithilfe einer
schwedischen 10-Kronen-Münze aus ihrem Gefängnis befreit habe, legt den
Startschuss zu meiner ganz besonderen Erasmus-Freundschaft. Lara, eine quirlige
Mathematikstudentin aus Mailand, die immer gleich sagt was sie denkt, fällt mir
sofort um den Hals. Ihr liebenswerter italienischer Akzent lässt mich augenblicklich
schmunzeln. Von nun an vergeht kein Wochenende, an dem wir nicht gemeinsam
unterwegs sind. Schnell ist der Lieblings-Burger-Laden gekürt oder eine Nacht
bis zum Morgengrauen durchgetanzt. Und plötzlich fühlt sich diese Stadt gar
nicht mehr so fremd an.

Aus diesem ersten Tag und auch in der gesamten, aufregenden
Zeit in Stockholm habe ich gelernt, dass es keine Rezepte für das Finden und
Festhalten von Freundschaften gibt. Und dass man auch immer ein bisschen auf
den Zufall und das Glück vertrauen muss, die Menschen zu finden, die einen auch
an zunächst fremden Orten vorm Allein-sein bewahren.

Bevor meine nackten Hände noch
blau werden vor Kälte, stecke ich sie zusammen mit der 10-Kronen-Münze schnell
wieder in meine Manteltasche. Die S-Bahn-Fahrt werde ich nutzen, um Lara eine
Sprachnachricht zu schicken, so beschließe ich. Denn auch wenn inzwischen
wieder viele Kilometer zwischen uns liegen, so fühle ich mich ihr gerade wieder
so nah wie damals, als uns eine 10-Kronen-Münze die Tür zu unserer
Freundschaft öffnete.

Text: Amelie Völker

Foto: Yunus Hutterer

Fremdgänger: Judith Butler statt Angela Merkel

Unsere Autorin erkennt diese Woche im Ratespiel-Klassiker „Wer bin ich“ eine Verkörperung ihres Universitätslebens in Oxford.

Zehn paar Augen richten sich gespannt auf Theo. Als letzter im Raum hat er einen kleinen Notizzettel auf der Stirn kleben. Auf dem Zettel steht „Kate Winslet“. Es ist Freitagabend und mehr als die Hälfte meines Kurses drängt sich um die Kochinsel in der Küche eines meiner Kommilitonen. An den Fensterscheiben kondensiert der Dampf des frittierten Tempura-Gemüses und meine frisch gewaschenen Haare riechen nach heißem Brat-Öl. Wir spielen „Wer bin ich“, mit einer Konzentration und Hingabe, die ich mittlerweile vor allem aus unserem „Movement and Morality“-Kurs kenne, wenn wir über die normative Rechtfertigung von Nationalstaatsgrenzen diskutieren.

Auf Theos erstem Zettel stand „Shakespeare“ – das war eindeutig zu einfach gewesen: Theo schreibt und veröffentlicht gefühlt jede Woche ein neues Gedicht und hat, seit ich ihn vor knapp fünf Monaten kennengelernt habe, mindestens vier verschiedene Poesie-Preise gewonnen. Aber jetzt, bei einer der derzeit berühmtesten britischen Schauspielerinnen, scheint er zu versagen. Er hebt hilflos die Hände und meint „Guys, I don’t know this person – I swear.“ Das kann eigentlich keiner der Anwesenden glauben, denn Theo, der außerdem auch schon seinen Bachelor in Geschichte und Politik hier in Oxford absolviert hat, ist nie um eine Antwort verlegen. Doch selbst als alle Mädchen im Raum mit ausgebreiteten Armen anfangen „My Heart Will Go On“ zu singen, bleibt er ratlos.

„Wer bin ich“ war schon immer eines meiner Lieblingsspiele, weil es ein bisschen mehr über die spielenden Personen verrät, als das vielleicht den Anschein haben mag. Vielleicht ist dieser Abend gerade deswegen eine der besten Verkörperungen des Universitätslebens in Oxford, die ich bisher erlebt habe. Wenn ich zu Hause in München mit meinen Freunden „Wer bin ich“ spiele, ist der ausgefallenste, um nicht zu sagen intellektuellste Name vielleicht „Angela Merkel“ oder „Günter Jauch“. Aber die Klassiker sind „Johnny Depp“, „Pamela Anderson“ oder „Philipp Lahm“.

In der vergangenen Stunde haben meine internationalen Freunde hingegen „Friedrich Engels“, „Cecil Rhodes“, „Sigmund Freud“, und „Judith Butler“ erraten müssen – und das nicht selten auch nach kürzester Zeit geschafft. Zu Hause in München gibt es eine Trennung zwischen intellektuellem Universitätsleben und Privatleben. Meine Freunde sind nicht notwendigerweise meine Kommilitonen, niemand würde bei „Wer bin ich“ auf die Idee kommen, einen berühmten Historiker oder gar einen Professor auf die Stirn des Nachbarn zu kleben. Nicht nur läuft hier in Oxford Studium, Leben und Freundschaft ineinander, oft habe ich auch das Gefühl, dass die Leute hier viel mehr in ihren akademischen Leidenschaften aufgehen und soziale und kulturelle Vorlieben hegen, bei denen etwa meine party-freudige kleine Schwester die Augen verdrehen und gähnen würde.

Der letzte, der seine Person – „Edith Piaf“ – vor Theo erraten hat, war Francesco. Seine Augen verengten sich angestrengt, als er die Antworten auf seine Ja-Nein-Fragen aufzählte: „I am not famous for my pretty looks, nor for being a politician, an intellectual or a sportsperson – for what other reasons would one be famous?“ Ich musste schmunzeln, denn es ist beinahe erleichternd, dass es für diese Menschen, die ich in den vergangenen Monaten nicht nur unglaublich lieb gewonnen, sondern auch von Anfang an in dem ein oder anderen Moment als einschüchternd wahrgenommen habe, angesichts dessen, was sie schon erreicht haben, Wissens-Bereiche gibt, in denen sie ratlos sind. Auch wenn das „nur“ die Namen der derzeit angesagtesten Schauspieler sind.

Text: Theresa Parstorfer

Foto: Privat

Zeichen der Freundschaft: Vanilleeis und Frühlingsrollen

Ein hoch auf das Jungsein: Am liebsten nutzt unsere Autorin die Sonntagabende, um sich mit ihrer Freundin über die vergangene Partynacht auszulassen. Ganz un-ladylike und ohne schlechtes Gewissen.

Gähnend stehe ich hinter der Theke der kleinen Bäckerei. Es ist noch viel zu früh, kurz nach sieben Uhr morgens. Und um all das noch auf die Spitze zu treiben: es ist Sonntag. Wie jedes Wochenende arbeite ich hier als Aushilfe und versuche trotz Schlafmangel und durchgefeierten Samstagnächten ein paar Euro dazu zu verdienen. Bis jetzt waren erst drei Kunden im Laden. Meine Chefin ist gerade nach draußen gegangen, um eine Zigarettenpause zu machen. Müde und noch fast im Halbschlaf ziehe ich mein Handy aus der Schürzentasche. Ich stutze und muss gleichzeitig grinsen. Drei Sprachmemos von Sophia. Das kann ich mir erst nach Feierabend anhören und doch muss ich bereits jetzt den Kopf schütteln, denn ich habe so eine gewisse Vorahnung, was den Inhalt der Audiodateien betrifft.

Einige Stunden später, halb ein Uhr mittags.

Feierabend. Meine Vermutungen in Bezug auf die Sprachmemos haben sich bewahrheitet. Ich halte mein Handy gespannt ans linke Ohr während ich zum Parkplatz laufe.

Sophia

hebt sofort ab und ein lautes „Giiirl!“ ertönt am anderen Ende der Leitung. Erneut muss ich grinsen. Dieses Mal wegen der ironisch-liebevoll gemeinten Begrüßung. Meine Fingerspitzen kitzeln schon ein wenig vor Aufregung und Neugierde. Es ist Sonntagmittag und natürlich ist mir klar, dass meine Freundin mal wieder eine gute Geschichte von der letzten Partynacht zu erzählen hat. Lachend begrüße ich sie und mit verkatertem Oberbayrisch beginnt Sophia von der chaotischen Heimfahrt, wunderschönen blauen Augen und unfreundlichen Türstehern zu erzählen.

Das ist kein Einzelfall, keine Seltenheit, das ist beinahe schon gewohnte Wochenendroutine.

Sophia

und mich verbindet eine Vorliebe für’s lange-wach-bleiben, für’s spät-Heimkommen und für’s Geschichten-Erzählen am nächsten Morgen, wenn die Erinnerungen mit dem Tageslicht wieder ein wenig heller werden. Mit Vergnügen wird am Sonntag zusammen getratscht, gegähnt, gelacht und die Köpfe geschüttelt. So ein typischer Frauentratsch bei Kaffee, Kuchen und rot geschminkten Lippen. Nur das es bei uns etwas anders aussieht: Wir sitzen im Bett, mit zerzaustem Haar und essen Vanilleeis und Frühlingsrollen. Ganz ladylike. Oder auch nicht. Aber das ist egal, solange man gut reden kann. Für den letzten Tag der Woche vergessen wir gerne den gemeinsamen Schulstress und ich pfeif’ da auch auf’s schlechte Gewissen wegen dem Vanilleeis. Und den Frühlingsrollen. Sonntags geht’s bei uns um’s Jungsein. Darum, aus kleinen Geschichten ganze Buchbände zu basteln. Und darum, Screenshots zu verschicken und Audiodateien anzuhören. Mädchenkram, der irgendwie sein muss. Der dazu gehört.

Also sitzen wir gemeinsam zwischen den vielen Kissen und mit zwei Schalen Eis in Sophias Bett und erzählen. Dieses Mal bin ich diejenige, die mit weit geöffneten Augen angestarrt wird. Aussagen benötigen in diesen Momenten Erläuterung und man beginnt ins Detail zu gehen, weil man sich vor Freunden bekanntlich nicht zu schämen braucht. Keine Kleinigkeit wird weggelassen. Darum erzähle ich weiter während ich meine verstrubbelten Haare zum Dutt binde und Sophia mir einen Maskarafleck von der Wange wischt. Vielleicht braucht man das, brauchen wir das einfach. Weil es nicht immer nur um Abistress und Zukunftspläne geht. Am Montagmorgen werden wir eh wieder gemeinsam im Sozialkunde- oder Deutschunterricht sitzen müssen. Der Sonntagstratsch und verwirrende Audiodateien sind für uns ein Teil vom Jungsein. An Wochenenden dürfen auch mal Geschichten geschrieben werden, die nichts zu tun haben mit Gedankenganganalyse oder Stilmitteln. 

Text: Anastasia Trenkler

Foto: Yunus Hutterer

Von Freitag bis Freitag: Unterwegs mit Sandra

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Stillstand und Bewegung, Innovation und Digitalisierung, Hausarbeit und Ablenkung – Diese Woche trifft unsere Autorin auf viele Veranstaltungen, die diese Dinge miteinander kombinieren. 

Die Abgaben für Hausarbeiten und Essays rücken näher, doch
weil der März einer meiner Lieblingsmonate ist, verkürze ich die Zeit am
Schreibtisch auf ein Minimum und plane meine Abende zur Entspannung.

Was läuft in der Münchner Musikszene, wer hat eine Chance
und wer nicht? Wer mitreden will, darf sich den Bandwettbewerb „Sprungbrett“
der Fachstelle Pop und des Feierwerks nicht entgehen lassen. Freitagabend
findet die dritte von vier Vorrunden statt, das Orangehouse wird definitiv voll
sein!

Ich verbringe meinen Samstagvormittag brav in der
Bibliothek, träume aber von leeren Pisten und glitzerndem Pulverschnee. Diesen
Spaß kann ich mir wegen des Zeitdrucks leider nicht gönnen, doch Après-Ski geht
auch in München! Und hätte München mittlerweile nicht ein ganzes Schiff auf
einer Eisenbahnbrücke stehen, wäre die Partytram immer noch die coolste Location
der Stadt! Doch bevor ich mir heißen Eierlikör gönne, schaue ich noch schnell
beim Midnightbazar im Postpalast vorbei, wo sicherlich wieder einige Schnäppchen
zu machen sind. Vielleicht finde ich ja eine coole Skimütze aus den 80ern für
das Après-Ski-Event.

Sonntag ist für gewöhnlich ein Tag, an dem Stillstand
herrscht. Auch wenn ich mir das bei meiner aktuellen Seitenzahl eigentlich
nicht leisten kann, hole ich mir Inspiration von einem Streetfotografen. Und
siehe da, der Bezug zu meiner Hausarbeit, in der auch das Roadmovie mit dem
Motiv der Bewegung eine Rolle spielt, passt hervorragend, denn Oliver Haaker
zeigt in seiner Ausstellung Bilder aus der Reihe „Stop and Motion“.

Der Montag wird zum Webmontag und trifft auch noch auf das
Isarnetz. Alle, die sich mit der Digitalisierung auseinandersetzen oder an
Projekten in diesem Zusammenhang arbeiten, haben an diesem Abend fünf Minuten
Zeit ihre Idee, Vision oder ihr Geschäftsmodell vorzustellen. Anschließend wird
derjenige dann entweder als der nächste Steve Jobs gehandelt oder von jungen
Informatik-Nerds auseinander genommen. Egal ob ihr Blogger oder BWLer seid, der
Abend wird spannend!

Am Dienstag gibt es zwei interessante Alternativen. Im Lost
Weekend stellt Noemi Schneider ihren Generationenroman „Das wissen wir schon“
vor und spricht damit vor allem den Millennials aus der Seele. So viel wir aber
auch schon zu Themen wie Kapitalismus, Politik und Bildung gehört haben – was
wir noch nicht wissen, ist, wie Smart-Cities in der Zukunft tatsächlich
aussehen könnten. Dies will die Veranstaltung OuiShare Fest 2017 klären. Wer sich nun eine Hochhausstadt mit fliegenden Autos und
luftreinigenden Bäumen aus dem Hochglanzmagazin vorstellt, ist wohl etwas
benebelt von den vielen Brands, die eine träumerische Zukunft verkaufen wollen.
Doch trotzdem müssen sich Großstädte mit dem Thema auseinandersetzen. Zur
Vorbereitung auf das große Event im Juli in Paris, gibt es schon jetzt ein
Warm-Up in München. Diskutiert wird die Frage, wie München in Zukunft smarter
werden kann und welche Umsetzung realistisch ist.

Zur Abwechslung von den vielen zukunftsträchtigen
Innovationen gibt es am Mittwoch dann endlich Musik. Entspannung muss her,
abseits von Digitalisierung und Smartphones. Auch die Band Granada will eigentlich weg aus ihrer Heimat Österreich und am liebsten in die Südsee abhauen. Wer sie noch nicht kennt, sollte sich unbedingt im Feierwerk einen Platz sichern – immerhin sind die Jungs für zwei Amadeus Awards nominiert! 

It don’t mean a
thing                                                                                           if it ain’t got that swing

Das Motto der 40er und 50er Jahre nehme ich mir am Donnerstag
auch für meine Hausarbeit vor, doch um den richtigen Schwung hinzubekommen,
schnuppere ich erstmal ein bisschen in den Boogie Woogie. Anschließend kann man
dann noch ausprobieren, was man gelernt hat. Ob das bei mir auf dem Parkett
oder am Schreibtisch sein wird, stellt sich noch heraus.

Das anstehende Wochenende wird für mich sicherlich kein
leichtes. Doch um kreativ zu starten, schaue ich bei
den Social Design Elevation Days im Impact Hub vorbei. Am Freitag findet dort
eine Diskussion zum Thema Innovationen an Schulen statt und wer weiß –
vielleicht kann ich mir auch eine Idee für die Universität abschauen.

Text: Sandra Will

Foto: Privat

Fremdgänger: Großes, schweres Oxford

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Es ist nicht alles Gold was glänzt. Unsere Autorin erzählt, wie das Leben an einer Elite-Uni wie Oxford mit einer extremen psychischen Belastung einhergeht.

Leise summt die Heizung. Wenn der automatische Türöffner betätigt wird, ertönt ein schnappendes Geräusch. Im Nebenraum klappern die Tastaturen der Empfangsdamen. Wartezimmer sehen wohl überall gleich aus. Stühle, ein Wasserspender und Zeitschriften auf einem Beistelltisch. An der Pinnwand Anzeigen für Selbsthilfegruppen, kreative Therapie-Formen und Notrufnummern bei ungeplanter Schwangerschaft oder sexueller Belästigung. 

Ich spiele mit dem Reißverschluss meines Anoraks, während ich verstohlen zwei andere Menschen beobachte. Eine junge Frau mit langen, braunen Haaren und einem grauen Rucksack und einen jungen Mann mit blonden Locken, Bart und roten Turnschuhen. Dann werde ich von einer älteren Dame mit kurzem, grauem Haar, ebenfalls roten Schuhen und einer langen schwarz-weißen Strickjacke gebeten, ihr zwei Treppen hinauf in ihr Sprechzimmer zu folgen. 

In Oxford gibt es Geschichten, vielleicht mehr Gerüchte als Wahrheit, aber doch sehr aussagekräftig, darüber, dass einer der mittelalterlichen Türme des Magdalen-Colleges während der Prüfungsphasen für Studenten gesperrt wird. Runtergesprungen seien da schon Leute. Aus Verzweiflung. Die Uni-Homepage weist eine ganze Rubrik für „Counselling“ auf, unter der man sich über die Therapie-Angebote der Universität erkundigen oder auch nur Podcasts gegen Schlaflosigkeit, Schreibblockaden oder Selbstzweifel anhören kann.

Oxford ist ein großer Name. Ein großer, schwerer Name. Ein Name, hinter dem sich nicht nur Ruhm und Bedeutung und Qualität verbergen, sondern nicht selten übersteigerte Erwartungen und Ansprüche. Und Angst. 

Ich weiß nicht, wie oft ich schon gelähmt vor meinem Laptop gesessen bin, angesichts der Aufgabe, aus dem Stegreif in 1500 Wörtern meine (argumentativ begründete) Meinung zu Abschiebepraktiken in europäischen Ländern auszudrücken. Oder auch, wie oft ich weinend in einer Ecke meines Zimmers gekauert bin, aus lauter Angst davor zu versagen, die Prüfungen nicht zu bestehen, all meine Hoffnungen und Fantasien von einer Universität, von der ich geträumt habe, seit ich elf Jahre alt war, zerschmettern zu sehen, an den Klippen meiner eigenen Unfähigkeit.

Jetzt sitze ich in einem weichen, mit Samt bezogenem Ohrensessel und erzähle der freundlichen Dame mit grauem Haar, dass ich zwar nach wie vor nicht schlafen kann, dass ich aber trotzdem versuche, nicht mehr allzu sehr an die Prüfungen zu denken, sondern zu genießen, dass es Frühling wird und dass mir mein Kurs doch immer wieder Spaß macht und ich es als großartige Erfahrung empfinde, von all diesen genialen Professoren unterrichtet zu werden. Mein vierter Counselling-Termin ist das, und offenbar wird es der letzte sein, denn am Ende will die Therapeutin wissen, ob ich glaube, dass ich für den Rest des Jahres klarkommen werde. Sie betont zwar, dass ich jederzeit wiederkommen kann, wenn es wieder zu hart wird, aber das ist alles, was sie im Moment für mich tun kann. Ich nicke tapfer.

Auch in München war ich nicht selten am Zweifeln, ob ich gut genug, klug genug, fleißig genug für mein Studium war, aber ich hatte nie Angst, nicht irgendwie durch die Prüfungen zu kommen, ich bin nie weinend zusammengebrochen, ich hatte nie Angst vor dem Aufstehen und ich habe mich nie gelähmt gefühlt angesichts eines Namens und einer Tradition. Die Tatsache, dass all das in Oxford nicht unüblich zu sein scheint – warum sonst eine ganze Website, ein ganzes Gebäude, eine ganze Kohorte aus Psychologen, um Studenten psychisch wieder auf Kurs zu bringen? – lässt mich überlegen, ob es das alles wert ist.

Vielleicht ist auch genau das der richtige Gedanke, um Oxford zu „entzaubern“. Auch Oxford ist nur ein Ort, wenn auch ein besonders schöner und inspirierender, aber egal, was am Ende des Jahres als „Resultat“ dabei herauskommt, es ist es nicht wert, daran zu zerbrechen.

Text: Theresa Parstorfer

Foto: Privat

Von Freitag bis Freitag: Unterwegs mit Hubert

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An ausgefallenen Musik-Acts scheint unser Autor gefallen gefunden zu haben. Er sieht und hört sich Ströme, Panda Dub und Bam Bam live an.

Heute wird mir der Spiegel vorgehalten. Überspiele ich ihn
doch sonst recht gekonnt, zeigt sich der Chaot in mir heute in vollem Glanz.
Seit Wochen – Ach was – Monaten freue ich mich, dass „The XX“ am heutigen Freitag nach München
kommen
, aber ein Ticket kaufen? Immer wenn ich gerade dazu bereit bin, kommt
etwas gewaltig Wichtigeres dazwischen: Oh schau mal  – ein Video von einem Esel, der auf zwei Beinen
laufen kann…

Wenigstens wird mir unfreiwillig die Entscheidung
abgenommen, wo ich meinen Abend verbringe. Finden an einem Tag parallel zwei
Events statt, auf die ich mich im Vorfeld gefreut habe, plagt mich der Gedanke daran,
mich für die falsche Veranstaltung entschieden zu haben den ganzen Abend. An
The XX werde ich heute gar nicht mehr denken müssen. Exakt zentriert stehe ich
heute im Ampere auf der Tanzfläche, um die beste Soundqualität abzubekommen. Vielleicht wippe ich etwas hin und her,
aber zum Tanzen bin ich zu konzentriert. Es legt kein durchschnittlicher DJ mit
zwei CD-Playern auf, sondern „Ströme“ liefern ein analoges Live-Set. Man stelle
sich zwei Geeks vor einer Ikea-Billy-Regal-großen Gerätschaft vor. Sie drücken
und drehen wild an Knöpfen, stecken Kabel um und behalten zwischen den hunderten
bunten Kabeln und Lichtern den Überblick. Hinten kommen komplexe
Techno-Arrangements raus.

Im Halbdunkeln trete ich am Samstag mit aller Kraft in die
Pedale meines Fahrrads. Verschwitzt und verzweifelt versuche ich die nächste
S-Bahn zu erwischen, doch ich versage. Die Stammstrecke ist auch noch gesperrt: Meine
Freunde müssen ohne mich vorglühen. Etwas pampig treffe ich im Awi auf die
angetrunkene Meute. Für die “groooovy classics” von VELI und VIWO hat sich die
Anreise gelohnt.

Mit Rest-Tinnitus wache ich irgendwann im Laufe des Sonntags
auf. Hoffentlich kann ich bis zum Abend wieder hören. In dem Dokumentarfilm “Drei von Sinnen”,
den ich mir heute Im Neuen Maxim ansehen will, geht es um drei Jungs, die auf ihrer
Reise vom Bodensee zum Atlantik in einem Experiment abwechselnd auf das Hören, Sehen
und Sprechen verzichten.

Warum gibt der Montag so selten was her?

Die wöchentliche Dosis Bahnwärter Thiel hole ich mir am
Dienstag
bei der Dublab Session, präsentiert von PULS. Das Webradio Dublab macht es sich wöchentlich
zur Mission, „spannende Nischen, Labels, Produzenten und Genres auf[zu]spüren
und diese den interessierten Hörern weltweit näher[zu]bringen“. Ich bin
gespannt.

Es macht mich etwas stutzig, dass ich einer der zwei
einzigen bin, die bislang zu dem Konzert am Mittwoch zugesagt haben. Das Trio um James
Brandon Lewis
liegt musikalisch irgendwo zwischen experimenteller Improvisation
und akademischem Jazzmainstream. Der andere, unbekannte Zuhörer und ich werden
uns angesichts unserer guten Musikgeschmäcker wertschätzend zunicken. Eine Hand nachdenklich am Kinn, das rechte
Bein wippt im Takt – Die Jazzpose passt, um dem Geschehen auf der Bühne zu
lauschen.

In der Roten Sonne kann man am Donnerstag einem eher ungewöhnlichen
Live-Act in der DJ-Kanzel sein Gehör schenken: Bam Bam –The Mechanical Sequencer.
Ein Konstrukt, das einer Mischung aus Rasenmäher und Xylophon gleicht, aus dem
am Ende ansprechende Musik kommen soll… Ich bin skeptisch, lasse mich aber gern
eines Besseren belehren.

Es gab eine Zeit, zwischen CD und Spotify, in der besonders
innovative Künstler, ihre kompletten Alben auf Youtube hochgeladen haben. Mutig,
dachte man sich damals noch. In Erinnerung geblieben ist mir aus dieser Zeit
Panda Dub. Der Franzose hat mich mit seinen sphärischen Dub- und Reggae-Sounds früher
Nacht für Nacht in den Schlaf gewogen. Von Zeit zu Zeit wirkt seine Musik in
schlaflosen Nächten immernoch narkotisierend. Ich hoffe, ich werde das Ampere am
Freitag
zu seinem Konzert nicht früher verlassen müssen.

Text: Hubert Spangler

Bild: David Fragomeni