Regelkunde
Wasserschlacht mit Tampons, Witze über Menstruation – dagegen wollen die jungen Designerinnen Stephanie Renz (links) und Tania Hernández angehen. Sie sagen: „Wenn du was über deinen Körper weißt, wenn du weißt, was da unten passiert, dann kannst du auf die Lacher antworten.“ Foto: OH WOMAN/Rosi Offenbach

Regelkunde

Wissen hilft. Stephanie Renz und Tania Hernández haben ein Brettspiel über die Periode entwickelt. Sie sagen: „Feminismus ist schon immer da gewesen, vielleicht ist die Welt jetzt endlich bereit dafür“

Von Lena Bammert
Aufklärungsunterricht in einer Schule in Aichach. Ein Lehrer stellt eine Box mit Tampons auf den Tisch. Wer möchte, kann sich bedienen. Die Jungs in der Klasse rennen nach vorne, packen die Tampons aus, halten sie unter den Wasserhahn und starten erst einmal eine Wasserschlacht. Stephanie Renz, 25, – blonde, schulterlange Haare, schwarzes Shirt, schwarze Hose – sitzt zusammen mit Tania Hernández, 28, in dem von ihnen geführtem Designstudio „What the Fish“ im Glockenbachviertel und erzählt von ihrer damaligen Schulstunde. Sie grinst. Das Lächeln verschwindet aber wieder relativ schnell. Die junge Frau richtet sich in ihrem Stuhl auf und sagt: „Die Einstellung zur Periode und zur weiblichen Sexualität begleitet einen den ganzen Lebensweg über. Wenn man dann so damit konfrontiert wird, wenn man feststellt, dass die Leute darüber lachen und niemand offen redet, dann schämt man sich dafür.“
Das wollen die beiden jetzt ändern – mit einem Brettspiel über die Periode. Auch Stephanie und Tania ist in ihren Gesprächen immer wieder aufgefallen, wie wenig sie selbst eigentlich immer noch über das Thema wissen. Denn nach der Scham folgt eben oft auch Stille, Schweigen und Unwissenheit. Vergangenes Jahr hat die nicht staatliche Organisation „Wash United“ zusammen mit Einhorn, einem Hersteller nachhaltiger Periodenprodukte 3000 Frauen und Mädchen zum Thema Periode befragt. Das Ergebnis: Nur 3,5 Prozent der Befragten fühlten sich durch den Schulunterricht gut auf ihre erste Menstruation vorbereitet. Das wollen sie jetzt ändern. Und sie wollen, dass offen über Menstruation gesprochen wird – frei von pubertären Witzen. Oh Woman soll ihr Spiel heißen. Es basiert auf dem Steinchenspiel Kalaha, Stephanies Lieblingsspiel aus der Kindheit.
Das Spiel soll helfen, die Periode und die weibliche Sexualität zu enttabuisieren
Um zu gewinnen, muss man in seiner Mulde mehr Steinchen als der Gegner sammeln. Das rechteckige Spielbrett besteht dabei aus zwei symmetrischen Muldenreihen, links und rechts befinden sich jeweils eine größere Gewinnermulde. Aus den ovalen Holzmulden wurden Vaginas, aus den länglichen Gewinnermulden Binden und aus den Steinchen Blutstropfen. Ziel des Spiels ist es nun, die eigene Binde mit den Blutstropfen voll zu machen. Das gelingt durch das richtige Beantworten von insgesamt 40 Fragen, die nach dem richtig oder falsch Schemata aufgebaut sind: Nachts sollen Menstruierende keine Tampons tragen – richtig. Menstruierende verbrennen kurz vor ihrer Periode mehr Kalorien – richtig. Menopause fängt mit 50 an – falsch. Eine ausführlichere Antwort ist auf den Fragenkärtchen ebenfalls vorhanden, so soll das Wissen spielerisch weitergegeben, die Periode und weibliche Sexualität enttabuisiert werden. „Wissen gibt Sicherheit, wenn du was über deinen Körper weißt, wenn du weißt, was da unten passiert, dann kannst du auf die Lacher antworten“, sagt Tania. Tania – braune Haare, schwarzer langer Rock, schwarzes Shirt – ist vor acht Jahren als Au-pair von Madrid nach München gekommen. Bevor sie Grafikdesignerin wurde, hat sie viele verschiedene Sachen ausprobiert, als Kellnerin und Verkäuferin gearbeitet: „Ich hatte in München immer offene Türen. Ich glaube daran, Dinge einfach mal zu machen. Wenn man nichts macht, könnte man es später bereuen, also wieso nicht.“ Also haben sie den gemeinnützigen Verein Periodensystem, der mithilfe von Spenden obdachlose Frauen mit Periodenprodukten versorgt, auf Instagram angeschrieben. Mit deren Hilfe wurde anschließend der Fragenkatalog entwickelt.
Pro verkauftes Spiel spendet Oh Woman 1,70 Euro an den Verein. „Wir unterstützen das gerne. Ich finde es wichtig, etwas Gutes in die Welt zu bringen“, sagt Tania. Die fachliche Formulierung der Antworten hat Maxi Wenninger, Hebamme aus Augsburg und Kindheitsfreundin von Stephanie übernommen, der Prototyp wurde von Schreinermeister Sebastian Strauch aus Aichach produziert. Für die weitere Finanzierung haben die beiden nun eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Mit ihrem Brettspiel liegen die beiden Münchnerinnen im Trend. Vor drei Jahren hat sich das Start-up The Female Company in Stuttgart gegründet, das nach eigenen Angaben „Tabus brechen, die Periode sexy machen und dafür sorgen will, dass jede Frau, zu jeder Zeit, an jedem Ort Tampons zur Verfügung hat.“
Der Instagram Account @the.vulva.gallery hat vor zwei Jahren ein Buch mit Vulva-Zeichnungen herausgebracht, in dem viele Frauen von ihren Geschichten erzählen, die eben oft auch von Scham und erst zu lernender Akzeptanz handeln. Und im Mai diesen Jahres ist auf 3Sat eine Doku über die unerforschten primären weiblichen Genitalien erschienen. „Feminismus ist schon immer da gewesen, vielleicht ist die Welt jetzt endlich bereit dafür“, sagt Stephanie. Trotzdem waren die ersten Reaktionen auf ihre Brettspielidee erst einmal eher zurückhaltend. Tanias Freund war schockiert davon, dass sie in dem Video zur Crowdfunding-Kampagne wirklich die Worte Vulva und Vagina laut ausspricht. Ihr Vater hat scherzhaft gefragt, was Deutschland denn aus ihr gemacht hätte. Und auch Stephanies 19-jährige Schwester hat erst einmal nachgefragt, ob sie denn jetzt total durchgedreht wären. „Hätte sie so etwas früher regelmäßiger gesehen, wäre das für sie vielleicht normal.“Stephanies Schwester hat den Prototypen und den Fragenkatalog vor Kurzem das erste Mal gesehen, war von den Fragen und Antworten begeistert und wollte dann doch sofort eine Runde spielen. Stephanie grinst wieder. „Das fand ich schön, weil das zeigt mir einfach, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“ Spielen durfte die Schwester trotzdem noch nicht. „Ne, erst wird das erfolgreich“, sagte Stephanie zu ihr, „und dann darfst du.“