Foto: Mara Pollak, Akademie der Bildenden Künste

Liebe auf Leinwand

Fünf Studentinnen und Studenten sollen die erste Filmproduktion der Akademie für Bildende Künste realisieren. Sie haben dafür ein kaum bekanntes, mehr als 250 Jahre altes Werk ausgesucht. Warum?

Von Eva Klotz

An den Wänden des Büros im Neubau der Akademie der Bildenden Künste hängen ordentlich ausgerichtete weiße Zettel. Darauf sind aufgelistet: Drehorte, nach Tagen sortierte einzelne Requisiten. Auf einem Blatt steht „Stock“. „Beim Film muss man wirklich alles bis zur kleinsten Schweißperle durchplanen“, sagt Marie Jaksch und lacht. Sie hat Kostümbild studiert, ist jetzt an der Akademie der Bildenden Künste – und Teil eines Kollektivs fünf junger Künstlerinnen und Künstler, die dort gemeinsam an ihrem ersten größeren Film arbeiten. Dieser ist zudem die erste offizielle Filmproduktion der Akademie, die als Produzentin fungiert. Vieles daran ist ungewöhnlich.

Das beginnt schon mit dem Stoff, den sie sich für ihr Projekt ausgesucht haben: „Musarion oder die Philosophie der Grazien“ lautet der etwas undurchsichtige Titel. Christoph Martin Wieland verfasste es während der Zeit der Aufklärung. Warum verfilmen fünf junge Künstler ein kaum bekanntes, mehr als 250 Jahre altes Werk? Julian Rabus sitzt zwischen seinen vier Mitstreitern an dem hellen Holztisch in ihrem Produktionsbüro und kann das erklären. In dem Buch, das in einer gelben Reclam-Ausgabe vor ihm liegt, sieht er viele Anknüpfungspunkte zum Leben heute. Und moderne Motive. Etwa die starke, titelgebende Frauenrolle der Musarion, die auch heute noch funktioniert, weil sie nicht ihren Gefühlen verfällt, sondern selbstbestimmt handelt. Es sei im Grunde eine Beziehungsgeschichte, von der man auch heute noch viel lernen könne für die eigene Kommunikation und den Umgang mit Problemen, sagt Julian.

In der Geschichte ist der junge Phanias fanatisch und schwärmerisch verliebt in Musarion. Sie fühlt sich überfordert davon, zieht sich zurück und betrügt ihn. Danach blickt er nicht – wie von ihr erwartet – realistischer auf sie, sondern wendet sich ab und verfällt einer extremen Ideologie. Schließlich begegnen sie sich auf neue Weise. Ein Thema ist also auch das Spannungsfeld zwischen Liebe und Fanatismus. Die Geschichte des Films bleibt nah am Original. Ist aber Fanatismus nicht auch ein aktuelles politisches Thema? „Auf jeden Fall. Wir wollten aber kein politisches Pamphlet präsentieren, das zu platt, zu direkt ist“, sagt Julian. Wer genau hinsieht, erkennt den Fanatismus im Film eher in abstrakteren Bildern. In einer Szene zieht Phanias etwa eine Holzlatte hinter sich her, ein symbolisches Grenzziehen.

Foto: Ludwig Neumayr

In diesem Projekt nimmt Kommunikation viel Raum ein. Denn die Arbeit als Kunstkollektiv ist eher in anderen Kunstformen verbreitet, in der Musik etwa, in der sich oft Musiker für eine bestimmte Zeit für ein Album zusammenschließen. Im Film ist sie eher selten. Die Mitglieder im Projekt der Akademie haben Hintergründe in Fotografie, Film, Bildhauerei und Theater – und arbeiten gemeinsam an allen Fragestellungen, die so ein Filmprojekt aufwirft. Sie entscheiden alles zu fünft. „Du hättest die angsterfüllten Augen der Techniker sehen sollen, als wir gesagt haben, dass wir ein Regie-Kollektiv sind“, sagt Dominik Bais, der neben dem Filmprojekt bildende Kunst studiert, und lacht. Selbst das Drehbuch schrieben sie zu fünft. Über die Zeit ihrer Zusammenarbeit, die schon mehr als ein Jahr andauert, haben sie eine gemeinsame Sprache gefunden. Das ist wichtig, wenn durch die Arbeit in der Gruppe ein Mehr-Wert, kein Weniger-Wert entstehen soll. Alle hatten vorher Berührungspunkte mit dem Film, denn sie studieren gemeinsam an der Akademie in der Medienkunst-Klasse von Julian Rosefeldt. Eine Filmproduktion von Anfang bis Ende zu begleiten, ist für die meisten aber neu. Sie sehen sich jedoch nicht als didaktische Übung, in der man das Zusammenarbeiten lernt, sondern als Kunstprojekt. „Wir haben gelernt, uns dafür wirklich zuzuhören, Ideen ruhig aussprechen zu lassen“, sagt Julian. „Auch wenn mal emotionale Ausbrüche und Ideen kamen.“

Der ambitionierte Stoff, der im Original in der griechischen Antike spielt, wird im Film in die moderne Welt transportiert. Er findet dort im Heute statt, in einer Jugendkultur, die man „wasted youth“ nennen kann, die Hauptfiguren etwa tragen Hoodies. Das bringt mehr Realismus in das Buch, das im Original ein romantisiertes Bild von Griechenland zeichnet, denn der Autor Wieland war selbst nie dort. Im Gegensatz zum Kollektiv. Sie reisten nach Griechenland und nahmen dort etwa die Hälfte des Films auf. Eine zentrale Kulisse war dabei eine moderne Bauruine in der Nähe von Korinth, es ist ein Spiel mit dem Kitsch des Originals. In ihrem Büro hängen noch Fotos aus der Drehzeit, Stimmungsbilder, auf denen in Pastellfarben von wilden Pflanzen überwachsene Mauern zu sehen sind.

Das Regie-Kollektiv nahm die Hälfte des Films in Griechenland auf, nun wird in München gedreht

Zur visuell eindrücklichen Gestaltung kommen unterschiedliche Elemente wie Operngesang, ein Sprechchor und theatrale Momente. Szenen werden bewusst zugespitzt, und dann wieder gebrochen. Ein schmaler Grad zwischen Zugänglichkeit und Abstraktion. Die verschiedenen Hintergründe der Mitglieder zeigen sich auch im Film. Durch die filmischen Brüche sollen die beiden Hauptdarsteller tragen, Musarion und Phanias sind ausgewählt besetzt mit Julia Windischbauer und Leonard Kunz, die durch Engagements an den Münchner Kammerspielen und in mehreren Fernsehfilmen wie das Projekt selbst unterschiedliche Stilrichtungen vereinen: Theater und Film.

„Ein magischer Moment war, als Julia zum ersten Mal den adaptierten Text las. Da war klar: das wird tatsächlich etwas“, sagt Julian. Und es wird offiziell: Musarion ist die erste große Filmproduktion der Akademie, Geldgeberin ist die Christoph-Martin-Wieland-Stiftung Biberach. Mindestens so eindrücklich wie die künstlerischen Herausforderungen waren bisher auch eher weltliche Themen. Was sie vor allem lernen mussten? „Steuerrecht“, sagt Dominik bestimmt. Alle lachen.

Noch sind die fünf mitten im Prozess und suchen Locations für die Drehzeit in München, Ende Januar können sie den Film voraussichtlich bei ersten Festivals einreichen. Es ist ein Kunstfilm, der aber auch auf einer großen Leinwand funktionieren soll. Man sollte nur mit einer anderen Erwartung ins Kino gehen. Vielleicht wird er auch in Galerien zu sehen sein, in denen andere Aufführungsmöglichkeiten wie etwa mehrere Leinwände existieren. Wie zugänglich ist das? Die Antwort des Kollektivs ist: Wenn man will, kann man tiefer eintauchen, sich mit der Symbolik und den Bildern eingehend beschäftigen. Oder man kann sich die Bilder ansehen und Parallelen zum eigenen Leben finden. Beim Dreh in Griechenland sah eine Frau von ihrem Balkon auf die Dreharbeiten hinunter, sie fragte, worum es denn ginge im Film. Die fünf antworteten: Um Liebe. Die Antwort: „Na, um was sonst.“