Frauenpower

„Umme Block“ ist Band des Jahres 2018. Gefeiert werden alle Musikerinnen des Abends

Von Giordana Marsilio

Als Leoni Klinger und Klara Rebers erfahren haben, dass ihre Band Umme Block von der Junge-Leute-Seite der Süddeutschen Zeitung zur Band des Jahres 2018 gekürt worden ist, freuen sich die jungen Frauen, reißen die Arme hoch, jubeln. Natürlich. Aber schon einen Moment später holen sie Victoria Zapf, Sängerin von Victoryaz, auf die erhöhte Bühne im Bahnwärter Thiel. Nicht erst in diesem Moment wird deutlich, dass die Gemeinschaft wichtiger ist als der Sieg des einzelnen. Schon zuvor senden sie gemeinsam mit dem Publikum einen Gruß an Lotte Friederich, die krank im Bett liegt, weswegen ihre Band LORiiA nicht auftreten kann. Victoryaz hat die anderen Künstlerinnen gefeiert, Mola hat die anderen Künstlerinnen gefeiert – und klar, jeder hätte gerne den Titel gewonnen, aber irgendwie geht es ja um mehr: „Egal, wer gewinnt, ich finde cool, dass es auf jeden Fall eine Frau sein wird“, sagt zum Beispiel Isabella Streifenender, Frontfrau von Mola.

Foto: Florian Peljak

Discokugeln in verschiedenen Größen hängen scheinbar willkürlich in dem Raum. Ein großer Schweinwerfer ist auf die Bühne gerichtet, alle andere Lichter sind gedimmt, das rötliche Licht von Glühbirnen lassen die Atmosphäre intim wirken. Mola eröffnet den Abend, weil Sängerin Isabella im Anschluss noch ein weiteres Konzert in der Milla spielt. Mit ihrer rauchigen Stimme, ihren provokanten Texten und ihrem Talent im Performen hat sie das Publikum gleich auf ihrer Seite. „Die Präsenz von Frontfrauen heute Abend ist dominant und das ist in der Musikbranche oft andersrum“, sagt sie. „Dass alle Bands Frontfrauen haben, feiere ich voll ab.“ Das Publikum feiert hingegen erst einmal Isabellas Indie-Pop-Band – bei ihrem letzten Lied am Abend etwa, „Chaos perfekt“, bei dem normalerweise Lumaraa ein paar Strophen rappt, übernimmt Isabella diesen Teil – und meistert ihn hervorragend. Die Zuhörer brechen in Begeisterung aus.
Fans hören zu, aber auch Vertreter des Musikbusiness sind an diesem Abend da, Manager etwa. Die Chefin einer Musikagentur ist jedenfalls sehr begeistert von Mola und nimmt gleich nach dem Konzert Kontakt mit Isabella auf. Natürlich sind auch etliche Musiker zu Gast im Bahnwärter Thiel, hier mal eine kurze Liste der Bands: SEDA, KLIMT, Samt, PAUL, Carmina Reyes. Und einige mehr.

Foto: Florian Peljak

Musiker gehen in der Regel häufig auf Konzerte – Victoryaz haben die meisten an diesem Abend trotzdem zum ersten Mal gehört. Victoria ist von oben bis unten schwarz angezogen: enge Jeans, Stiefel und eine Over-Size-T-Shirt mit dem Aufdruck „Frisco“. Ihr erster Song: „Old School“ – die Halle wird ruhiger, mit Victorias kräftiger, gleichzeitig jedoch sanften Stimme taucht das Publikum ein in ihre private Welt: ein bisschen Soul, ein bisschen R ’n’ B, ein bisschen Blues – und natürlich Liebeskummer. Bei „No Reply“ geht es, wie Victoria erzählt, „um Erinnerung, wenn eine Beziehung zu Ende ist. Man muss sich davon lösen, aber es fällt schwer. Ich stelle mir vor, wie diese Erinnerungen in einem Sarg eingeschlossen werden“.

Das Publikum zeigt sich begeistert: „Die Bands machen einen tollen Eindruck. Es hört sich alles so professionell und stark an, die Stimmung ist auf jeden Fall cool“, sagt Florian, 24, ein Student aus Köln, der gerade in München ist. Karina hat die Veranstaltung bei Facebook entdeckt. Auch sie ist von der Qualität der Bands beeindruckt, vor allem aber, dass so viele Musikerinnen an diesem Abend auf der Bühne stehen. Die Stadt München kann eben auch überraschend sein.

Nun stehen die Musikerinnen von Umme Block im Scheinwerferlicht. Mit den ersten elektronischen Klängen beginnen ihre Körper zu vibrieren. Synthesizer, Keyboard, Gitarre und Jam-Maschine – der Sound baut sich langsam auf, wird dichter, schneller. Leoni und Klara tragen beide einen schwarzen Rollkragenpulli, sie beginnen, sich wilder zu bewegen. Klara schwingt ihren langen Pferdeschwanz im Takt, als ob sie das ganze Publikum hypnotisieren wollte. Knapp ein Jahr zuvor haben sie ihr erstes Konzert gespielt, damals auch im Bahnwärter Thiel. In dem Jahr ist viel passiert. Ihre Fan-Base ist gewachsen, ihr Selbstvertrauen auch, für ihren Techno-Pop verzichten sie weitgehend auf vorprogrammierte Beats – die Musik knallt, die Menschen tanzen. „Es war ein cooler Abend mit den Bands und euch allen“, sagt Klara. „Da wir es erst seit einem Jahr machen, ist es ein schönes Gefühl, wenn deine Arbeit gesehen wird.“

Foto: Florian Peljak

Am Ende des Abends sind Umme Block Band des Jahres, aber eigentlich haben alle vier Bands gewonnen – oder noch besser: die Musikstadt München. Ein, zwei Stunden später posten Umme Block dann ein Foto auf Instagram, Leoni sitzt auf den Schultern von Klara. „Was war das für ein magischer Abend mit Mola und Victoryaz im Bahnwärter Thiel“, schreiben sie, und: „Im Herzen war auch LORiiA dabei. So wahnsinnig tolle Künstlerinnen und Künstler! Wir sind Fangirls!

Ergebnisse

Publikum
1. Mola 10 Punkte (409 Likes)
2. Umme Block 9 Punkte (321 Likes)
3. LORiiA 8 Punkte (149 Likes)
4. SEDA 7 Punkte (119 Likes)
5. Poly Poly 6 Punkte (114 Likes)
6. Cosma Joy 5 Punkte (89 Likes)
7. Urbaner Verschleiß 4 Punkte (61 Likes)
8. Endlich Rudern 3 Punkte (56 Likes)
9. PAAR 2 Punkte (44 Likes)
10. Victoryaz 1 Punkt (30 Likes)
Das Publikum durfte via Facebook von dem 17.12.2018 bis 31.01.2019 abstimmen.

Bands
1. Victoryaz 10 Punkte (67/91)
2. Cosma Joy 9 Punkte (62/91)
2. PAAR 9 Punkte (62/91)
4. Umme Block 7 Punkte (56/91)
5. LORiiA 6 Punkte (53/91)
6. Poly Poly 5 Punkte (51/91)
6. Urbaner Verschleiß 5 Punkte (51/91)
8. Endlich Rudern 3 Punkte (50/91)
9. SEDA 2 Punkte (47/91)
10. Mola 1 Punkt (41/91)
Jede Band konnte die anderen Bands mit je zwei bis zehn Punkten bewerten.

Redaktion
1. Victoryaz 10 Punkte (49/70)
2. Mola 9 Punkte (47/70) 3. Umme Block 8 Punkte (43/70)
4. Poly Poly 7 Punkte (39/70)
5. PAAR 6 Punkte (37/70)
5. LORiiA 6 Punkte (37/70)
7. Endlich Rudern 4 Punkte (35/70)
8. Urbaner Verschleiß 3 Punkte (34/70)
9. Cosma Joy 2 Punkte (33/70)
10. SEDA 1 Punkt (31/70)
Sieben Jurymitglieder konnten je einen bis zehn Punkte je Band vergeben.

Gesamt
1. Umme Block 24 Punkte
2. Victoryaz 21 Punkte
3. Mola 20 Punkte
3. LORiiA 20 Punkte
5. Poly Poly 18 Punkte
6. PAAR 17 Punkte
7. Cosma Joy 16 Punkte
8. Urbaner Verschleiß 12 Punkte
9. Endlich Rudern 10 Punkte
9. SEDA 10 Punkte

Foto: Florian Peljak