Anders ist normal

Wie tolerant ist München? Junge Schwule und Lesben erleben im Alltag Anfeindungen genauso wie grenzenlose Offenheit. Eine DJ von Queer-Partys, ein Berater, eine Schülerin und ein Model erzählen von ihren Erfahrungen

Auch heute ist es immer noch schwierig, akzeptiert zu werden als das, was man einfach ist und sein will. Vor allem, wenn man sich als schwul oder lesbisch identifiziert. München hat eigentlich eine sehr große LGTBQ-Szene – die Abkürzung steht für lesbisch, gay, transsexuell, bisexuell, queer. Trotzdem kommt es häufig zu Anfeindungen, manchmal sogar zu körperlichen Angriffen. Aber es gibt auch positive Beispiele.

Aufklärung leisten

Im roten Licht des Pimpernels tanzt Maria Hoffmann mit ihrer Freundin. Sie wollen Spaß haben. Das Nachtleben genießen. Maria und ihre Freundin sind ein Paar. Der Typ, der Marias Freundin gleich auf ein Getränk einladen wird, weiß das nicht. Als er später sieht, dass sich die beiden jungen Frauen küssen, wird er beleidigend. Dann flippt er aus: Er schubst Maria auf den Boden. Sie kommt mit einer leichten Verletzung am Ellbogen davon. Die Security wirft den Mann aus dem Club. „Das ist der schlimmste Vorfall, an den ich mich erinnern kann. An sich fühle ich mich in München aber sicher“, sagt die 29-Jährige.

In Kleidchen habe sie sich noch nie so richtig wohlgefühlt. Schon als junges Mädchen nicht so wirklich. Ihre Haare trägt sie heute kurz, ein paar lockige Strähnen fallen auf ihre Stirn, androgyne Figur. „Manchmal werde ich gefragt: Entschuldigung, bist du auf dem richtigen Klo?“, sagt sie und zuckt dabei mit den Schultern, als hätte sie sich daran gewöhnt. „Ich versuche dann immer, geduldig zu bleiben“, auch wenn das, wie sie sagt, an manchen Tagen „nicht immer einfach“ sei. Vor kurzem witzelten ein paar pubertierende Jungs an der Bushaltestelle darüber, ob sie ein Mann oder eine Frau ist. „Irgendwie habe ich dann innerlich schon gekocht, war wütend“, sagt sie. Am Ende hat sie versucht, die Jungs nicht zu ernst zu nehmen.

Auch als sie gemeinsam mit ihrer festen Freundin in München eine Wohnung suchte, kam von den Vermietern oft der Spruch, dass sie keine WG wollten. „Die wollten es nicht verstehen, dass wir gar keine WG wollten, sondern als Pärchen dort einziehen wollten. Die Akzeptanz in der Gesellschaft ist im Großen und Ganzen aber eher gestiegen. München sendet ja mit dem Rathaus-Clubbing beim Christopher Street Day oder den Ampelmännchen auch ein paar schöne Signale“, sagt sie. Mittlerweile haben die beiden eine Wohnung finden können.

In der queeren Partyszene in München kennt man Maria als DJ Mary Maude. Regelmäßig hat sie bei der Veranstaltung „Candy Club“ aufgelegt. Eine bunte Partyreihe, die aber offen für alle gewesen ist. Mittlerweile gibt es den Candy Club nicht mehr, Maria wird aber trotzdem noch für queere Partys angefragt. Wenn sie neben ihrem Studium Zeit hat, legt sie dann auch ab und zu noch auf. „Die Anfragen kommen oft aus der LGBTQ-Partyszene, aber ich bin offen für alle anderen Arten von Veranstaltungen“, sagt sie.

Was an Queer-Partys anders ist? Die Antwort ist simpel: „Na ja, meistens ist es eigentlich nur der Stempel, den die Veranstaltung trägt, dass man eben offen eine schwule oder lesbische Party ist. Vielleicht ist es auch etwas schriller und bunter als bei anderen Partys“, sagt sie. Und: Als Frau gehe man halt manchmal lieber auf solche Partys, um nicht von allen angestarrt zu werden, auch wenn das nicht mehr so oft vorkommt. „Es ist trotzdem wichtig, dass es solche Räume und Orte gibt, an denen man sich dann wohlfühlt“, sagt Maria. Sie selbst findet es aber schön, wenn einfach alle zusammen feiern.

Maria ist das Thema Aufklärung sehr wichtig. Deshalb engagiert sie sich seit kurzem ehrenamtlich beim Aufklärungsprojekt München. Sie besucht dann zum Beispiel Schulen und spricht über sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität, beantwortet Fragen zu dem Thema. „Es ist wichtig, dass es solche Projekte gibt. Die Jugendlichen haben Fragen. Und es ist wichtig, offen darüber sprechen zu können“, sagt Maria. In der Zeit ihres eigenen Outings, das mit einem langen Findungsprozess verbunden war, gab es derartige Projekte noch nicht. Ornella Cosenza

Mut machen

Max Dressel, 23, wusste schon in jungen Jahren, dass er Jungs attraktiv findet. Aufgewachsen in Coburg, kam er vor zwei Jahren nach München. Dank der Unterstützung seiner Mutter und neuer Freunde fand er einen Weg, mit seiner Identität zu leben. „Ich gehe sehr offen mit meiner Homosexualität um“, sagt er. „Ich habe gemerkt, dass meine Art, offen darüber zu sprechen, sehr positiv ankommt.“ Als er neu in München war, erfuhr er vom Jugendzentrum Diversity. Nach kurzer Zeit wurde er Bestandteil des Teams, er leitet eine Gruppe von 18- bis 25-Jährigen. Die Aufgabe von Max ist es, durch Aktivitäten und Zusammentreffen Jugendliche zu bestärken, zu ihrer Identität zu stehen.

Foto: Max Dressel

Das Diversity ist ein geschützter Ort. Hier kann jeder sein, wie er ist. Oft kommen auch Jugendliche, die noch vor ihrem Coming Out stehen. Hier können sie Unterstützung bei den Mitarbeitern finden, oder einfach Zeit mit Menschen verbringen, die einen verstehen können.

Max ist häufig im Glockenbachviertel unterwegs. Hier mischt sich die LGTBQ-Szene mit dem Münchner Nachtleben. Das trägt zur Offenheit bei, auch wenn es in den vergangenen Jahren immer wieder zu Vorfällen kam – bis hin zu körperlichen Angriffen. Max ist so etwas noch nicht passiert. Auch an seinem Arbeitsplatz, einem Fotofachgeschäft, hat er Offenheit erfahren.

„Beim Vorstellungsgespräch kam zur Sprache, dass ich einen Freund habe. Das habe ich bewusst gesagt. Da ich aus einer kleinen Stadt komme, wollte ich die Leute aus München auf die Probe stellen. Meine Ausbilderin und Chefin hat wirklich mit einem fröhlichen Grinsen reagiert“, sagt er.

Max strahlt Lebensfreunde aus und möchte offen über Homosexualität sprechen, um den Menschen zu zeigen, dass er und Homosexuelle im Allgemeinen nicht diesen Klischees entsprechen, die oft in Fernsehsendungen gezeigt werden. Dabei sei er ein Mensch mit ganz normalen Problemen oder Liebeskummer. Giordana Marsilio

Anfeindungen entgegentreten

München kann eine tolerante Stadt sein, eine LGBTQ-Metropole, wie sie oft in Reiseführern für Homosexuelle genannt wird. Romina, 19, die ihren Nachnamen nicht in der Öffentlichkeit nennen will, hat andere Erfahrungen gemacht. Als sie vergangenen Sommer mit ihrer Freundin im Sendlinger Park ein Eis essen wollte, wurden sie von einer Gruppe Mütter angeschrien. Die Frauen forderten das Pärchen auf, sich wegzusetzen, „da Kinder anwesend sind“. Romina und ihre Freundin blieben sitzen. Die Situation eskalierte, als eine alte Dame sich einmischte und die jungen Frauen beleidigte: „Ihr geht in die Hölle“, schrie sie. „Sie sah uns an, als wären wir keine Menschen, sondern Dreck“, sagt Romina. „Ich versuchte, meine aufgewühlten Gefühle zu verstecken und ruhig zu antworten, dass wir nicht weggehen.“ Kurz darauf kam eine junge Frau, die sich bei Romina und ihrer Freundin für das Verhalten der alten Frau entschuldigte. „Homophobie in diesem Ausmaß hatte ich aber so noch nie erlebt“, sagt die Schülerin. Giordana Marsilio

Politisch sein

Tanzende Menschen in bunten Kleidern. Regenbogen-Fähnchen baumeln von Umzugswagen herab. Überall Konfetti. Für viele Menschen sind die jährlich stattfindenden Veranstaltungen zum Christopher Street Day zu einem Symbol für eine respektvolle und diverse Gesellschaft geworden. Ein Anlass, um das Anderssein zu feiern. Ein Oktoberfest der LGBTQ-Community weltweit. Doch nicht alle Menschen teilen diesen ungehemmten Optimismus. Keith King, 28, ist einer von ihnen. „Eigentlich sollten wir nicht auf der Straße tanzen“, sagt er. „Wir sollten protestieren.“

Das kann nur einer sagen, der Handlungsbedarf sieht. Trotz der Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe? Trotz eines anerkannten dritten Geschlechts? „Die Gesetzgebung ist fortschrittlich. Aber die Mentalität vieler Menschen ist es leider noch nicht“, bemängelt Keith. Quasi täglich erlebe er in München Anfeindungen. Wegen seiner Sexualität, und auch wegen seiner Hautfarbe.

Foto: Ahmed Umar

„Klar hat sich vieles inzwischen gebessert“, sagt er. „Ich frage mich aber immer: Wie kann ich die Dinge heute ändern? Wie kreiere ich ein Umfeld, das frei von Diskriminierung sein kann?“ Darauf baue er sein kreatives Schaffen auf. Keith arbeitet als Model und Fotokünstler. Und er ist Teil des Münchner Kollektivs Qultur, das sich eine Synthese aus Kunst und Aktivismus auf die Fahne geschrieben hat. Der gebürtige Ugander verwebt in seinen Bildern geschickt Themen wie Gender, Sexualität, Herkunft und Identität. Über den extravagant anmutenden Kompositionen schwebt stets die Suche nach einem Selbst in einer von Schwarz-Weiß-Dialektik geprägten Welt. Solche Grenzen möchte er mit seiner Arbeit zum Wanken bringen. „Wenn man sich ansieht, wie diese Welt wirklich funktioniert, dann merkt man, dass schlussendlich alle großen politischen Fragen in einem gewissen Zusammenhang zueinander stehen“, sagt er dann. Die Achtung anderer Lebensentwürfe etwa gehe einher mit der Achtung vor der Natur. Als Betrachter wird man dazu eingeladen, seine eigenen Vorstellungen zu hinterfragen. Der hoch gewachsene Keith spricht mit ruhiger Stimme, er wählt seine Worte mit Bedacht. Die geerdete Ausstrahlung des jungen Mannes kontrastiert mit seiner bemerkenswerten Erscheinung. Keith trägt weit ausgeschnittene Kleidung und kunstvolle Ohrringe, die mit jeder seiner Bewegungen mitwippen. Auf dem Strohhalm seines Glases ist der Abdruck von rotem Lippenstift zu sehen.

Nicht nur als Künstler sieht er sich immer wieder Vorurteilen konfrontiert. „Natürlich beeinflusst Identität meine Arbeit“, sagt Keith. „Ich möchte aber in erster Linie als Mensch wahrgenommen werden.“ Ohne Schubladen und Fremdzuschreibung. Das gelinge, sowohl im Kunstbetrieb wie auch im Alltag, noch deutlich zu selten. Wie steht es also nun um die LGBTQ-Szene in München, die einst Avantgarde-Charakter besaß? Sind all die Erfolge der vergangenen Jahrzehnte für die Lesben- und Schwulen-Bewegung reine Illusion?

Keith vertritt da eine klare Meinung. „Wir müssen wieder lernen, bewusst politisch zu sein“, fordert er. Pride-Veranstaltungen haben durchaus einen ausufernden Gaudi-Charakter angenommen. Dies verdecke den Blick für Konflikte. „Ich möchte nicht sagen, dass es keine Feier sein soll“, sagt er. Queer zu sein bedeutet für ihn letzten Endes, Pluralität als Bereicherung anzunehmen. Niemand möchte sich zurück in die Opferrolle begeben, in der die Szene lange feststeckte. Der Dialog solle auf Augenhöhe stattfinden. Auch in diesem Jahr dürfte auf dem Christopher Street Day also eine Menge Konfetti fliegen. Louis Seibert

Fotos: Andrea Sömmer (Titelbild), Max Dressel,  Ahmed Umar