Wo ist zu Hause?
Auf der Internetseite von Christiana Bukalo erhalten Staatenlose Tipps und können sich austauschen. Foto: Joel Heyd

Wo ist zu Hause?

Christiana Bukalo, 27, ist staatenlos – weil sie nirgends Hilfestellungen und Informationen darüber fand, hat sie selbst eine Plattform für Betroffene aufgebaut.

Mehr als 20 Stunden hat Christiana Bukalo, 27, am Flughafen in Marokko in der Transitzone warten müssen. Nicht einmal schlafen konnte sie hier, denn die Querstreben der Wartebänke verhinderten, dass sie sich hinlegen kann. Dann wurde sie in den nächsten Flieger zurück nach Deutschland gesetzt. Der Grund: Die junge Frau, die in Deutschland geboren wurde, ist staatenlos und hätte für die Einreise nach Marokko ein besonderes Visum beantragen müssen. Das wusste Christiana aber nicht. Denn wer staatenlos ist oder mit einer nichtgeklärten Staatsangehörigkeit lebt, muss kreativ werden, um herauszufinden, welche Rechte er hat. Eine zentrale Informationsstelle gab es lange nicht. Das hat Christiana nun geändert.

Staatenlosigkeit ist eine Thematik, die nach den Daten des Bundesamtes für Migration alleine in Deutschland mehr als 26 000 Menschen betrifft. Weitere 87 000 Menschen leben mit einer ungeklärten Staatsangehörigkeit.

Staatenlosigkeit kann aus vielen Gründen entstehen. Zum Beispiel durch fehlende Registrierung bei der Geburt, Lücken zwischen unterschiedlichen Staatsangehörigkeitssystemen, zwanghafte Entziehung der Staatsangehörigkeit, Vertreibung oder wenn sich ein Staat auflöst. Die Einschränkungen, die mit Staatenlosigkeit einhergehen, sind dabei so mannigfaltig wie die Gründe für sie. Wer keine Staatsangehörigkeit besitzt, kann zentrale Rechte nicht oder nur mit viel Aufwand für sich in Anspruch nehmen. Der Zugang zur Schule und zur Arbeit aber auch an sich selbstverständliche Dinge wie heiraten, reisen oder Eigentum zu besitzen wird den Betroffenen erschwert. Denn für den Großteil dieser bürokratischen Schritte muss zunächst Auskunft über die eigene Staatsangehörigkeit geben werden. Die Optionen, staatenlos oder nicht geklärte Staatsangehörigkeit anzukreuzen, fehlen allerdings in den meisten Formularen.

Das musste auch Christiana erfahren. Als sich die junge Frau für ein Studium der Kommunikationswissenschaft an der LMU bewerben wollte, fehlte ihr schon auf der ersten Seite die Möglichkeit anzugeben, dass sie staatenlos ist. Das hat sich inzwischen geändert. „Ich habe mich damals deswegen nicht eingeschrieben“, sagt Christiana. Studiert hat Christiana aber trotzdem und zwar dual, an der Hochschule Macromedia. Heute arbeitet sie bei Global Digitan Woman als Diversity-Managerin. Hier unterstützt sie Unternehmen dabei, diverser zu werden.

Wer staatenlos ist oder eine nichtgeklärte Staatsangehörigkeit besitzt, wird auch konstant mit seinem „Anderssein“ konfrontiert – Christiana berichtet von der Angst, etwas falsch zu machen und deswegen den Titel zu verlieren, von Einschränkungen im Alltag und von dem Gefühl, nicht dazuzugehören: „Das ist der Unterschied zwischen mir und den Menschen, die hier aufgewachsen sind“, sagt Christiana. Dabei ist sie eine Bürgerin, wie alle anderen. Sie arbeitet ehrenamtlich und zahlt wie jeder andere ihre Steuern.

„Ich habe dann einfach nur noch angefangen zu weinen.“

Wenn sie von ihrem Erlebnis in Marokko erzählt, ist Christiana kaum noch zu stoppen. Die Worte strömen nur so aus ihr heraus, in perfektem Deutsch wohlgemerkt. Obwohl ihre Erfahrung sie tief bewegt hat, spricht Christiana heute mit fester und klarer Stimme über das Erlebte. Sie erzählt von dem Gefühl, an hunderten von Wartenden vorbeigeführt zu werden und angeschaut zu werden, als sei man ein Schwerverbrecher. Sie berichtet von Grenzbeamten, die trotz Schulungen ihren Pass für Staatenlose nicht erkennen. Und sie spricht von der Scham, abgewiesen zu werden. Damals übermannten die junge Münchnerin einfach ihre Emotionen. „Ich habe dann einfach nur noch angefangen zu weinen“, sagt Christiana.

Nach ihrer Erfahrung im Frühjahr 2019 in Marokko plagten Christiana zunächst Selbstzweifel: „Ich habe mir gedacht: Wie dumm bin ich denn, dass du in den Urlaub fliegst, ohne zu wissen, dass du dafür ein extra Visum brauchst“, sagt Christiana. Dabei hatte sie sogar versucht, sich vor der Reise bei einer Botschaft zu informieren – geantwortet hatte ihr die Botschaft allerdings nie.

Also beschloss Christiana, selbst aktiv zu werden. „Das kann doch nicht sein. Es muss eine Institution geben, die weiß, was man als Staatenlose alles darf und was nicht“, sagt Christiana. Es begann eine lange Phase der Recherche. Sie schrieb unterschiedliche Ämter und Organisationen an und versuchte herauszufinden, was sie und andere Staatenlose und Menschen mit nicht geklärten Staatsangehörigkeiten für Rechte haben. Die Ergebnisse waren allerdings ernüchternd. Auf viele ihrer E-Mails erhielt sie keine Antworten. Wenn sie vor Ort nachfragte, verdrehen manche Beamten nach ihren Aussagen sogar schon merklich die Augen. „In manchen Fällen liegt da, glaube ich, auch eine Intention dahinter, manchmal wissen die aber auch einfach nicht, was sie damit anfangen sollen“, sagt zumindest Christiana.

Letztlich wurde Christiana auf ungewöhnlichen Wegen fündig. In einem Online-Forum stieß sie auf eine Anthropologie-Studentin, die sich mit der Thematik beschäftigt hatte und anbot, ihre Informationen mit allen Betroffenen zu teilen.

Zunächst beließ es Christiana damit. „Ich habe lange gedacht: Ich will mich nicht mehr mit diesem Thema auseinandersetzten“, sagt sie. Als dann aber die Corona-Pandemie in Deutschland im Frühjahr 2020 Einzug hielt, wurde Christiana wieder mit der Thematik konfrontiert. Es herrschte Ungewissheit. Viele Betroffene wussten nicht, ob sie die staatlichen Hilfen beantragen können und die Suizidraten unter den Staatenlosen schnellten laut European Network of Statelessness in die Höhe.

Das brachte Christiana zum Nachdenken. „Vielleicht muss ich das einfach selbst machen“, sagt sie. Also wagt Christiana den Versuch, das zu gründen, was ihr auf ihrer eigenen Suche gefehlt hat: Eine Möglichkeit, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen und ein zentrales Archiv, in dem Informationen für Betroffene gebündelt zugänglich gemacht werden.

Das Ergebnis ist ihre Website: www.statefree.world. Aufgebaut hat Christiana diese Seite mit ihrem eigenen Ersparten und der Unterstützung von „Humanity in Action“ und der Alfred Landecker Stiftung. Auf ihrer Plattform sollen sich Staatenlose und Menschen mit nicht geklärter Staatsangehörigkeit untereinander austauschen können und ihre Erfahrungen teilen. „Ziel des Projektes ist es, eine Gemeinschaft zu schaffen für staatenlose Menschen, die es häufig nicht gewohnt sind Teil einer Gemeinschaft zu sein“, sagt sie.

„Mein Staat ist meine Familie, mein Staat sind meine Freunde.“

Auch wenn Christiana viele Nachteile durch ihren Status erfahren hat, würde sie es heute nicht mehr ändern. Christiana ist inzwischen stolz auf ihre Staatenlosigkeit. „Ich empfinde mich nicht mehr als Deutsch, ich sage immer: Mein Staat ist meine Familie, mein Staat sind meine Freunde“, sagt sie.

Von Laurens Greschat