„Wir sitzen da und schweigen“
„Ich wusste nicht mehr, wo ich eigentlich im Leben stehe. Ich wollte einen weiten Blick auf die Dinge, wie sie sind“, sagt Anna Aroyan. Foto: Yoav Kedem

„Wir sitzen da und schweigen“

Erst hat Anna Aroyan, 25, Architektur studiert – heute ist sie Studentin an der Hochschule für Philosophie und leitet dort einen interkulturellen Meditationskreis.

Nach sieben Jahren kommt das Chaos zurück. Das Chaos, das Anna Aroyan schon zu Beginn ihrer Zeit in München begegnet war. 2012 war das die Karte des Münchner U-Bahn Netzes, die sie mit den bunten Linien, die sich kreuzen, nebeneinander verlaufen und dann wieder abzweigen, nur noch verwirrte: „Ich war irgendwo in München und wusste nicht, wie ich mit dieser Karte nach Hause finden soll“, sagt die heute 25-Jährige, die damals nach ihrem Schulabschluss in ihrer Heimat Armenien nach München zog für ein Vorbereitungsjahr für das Studium an einer deutschen Hochschule. 2013 folgte das Architektur-Studium an der TU München, an das sie 2017 einen Master anschloss. Alles geradlinig, alles in Spur. Doch dann ist das Chaos in Annas Kopf wieder da. Sie merkt, dass etwas nicht mehr stimmt: „Ich wusste nicht mehr, wo ich eigentlich im Leben stehe. Was die Denke der Gesellschaft ist, in der ich lebe. Ich wollte einen weiten Blick auf die Dinge, wie sie sind.“ Und dann bricht sie den Architektur-Master ab.

Für ihr Engagement erhielt die Studentin aus Armenien vor kurzem den DAAD-Preis

Heute spricht Anna über das Meditieren. Sie hat eine ruhige, in sich gekehrte Stimme und redet, als ob sie nie woanders studiert hätte als an der Hochschule für Philosophie. Dort ist sie seit 2019 für den Bachelor-Studiengang in Philosophie eingeschrieben. Für einen interkulturellen Meditationskreis, den sie dort im November 2019 gegründet hat, erhielt sie vor kurzem den DAAD-Preis der Hochschule. Jedes Jahr zeichnet der Preis ausländische Studierende mit exzellenten wissenschaftlichen Leistungen und sozialem oder hochschulpolitischem Engagement aus. An der Hochschule für Philosophie sind zurzeit Studierende aus 28 verschiedenen Ländern eingeschrieben.

Anna sitzt im leeren Flur ihrer Hochschule und sagt: „Alles, was wir haben, ist der gegenwärtige Moment. In dem sollten wir so wach wie möglich sein und uns nicht in Zukunft und Vergangenheit verlieren. Beim Meditieren sitzt man und versucht wach zu sein. Ohne zu bewerten, was ist.“ Meditation ist Annas Weg, um mit dem Leben klarzukommen. Aktuell braucht es den Meditationskreis mehr denn je – und so will ihn Anna nach einer Pandemie-bedingten Pause, komme was wolle, im Sommersemester wieder veranstalten. Warum das Ganze? Sie sagt: „Jeder ist total im eigenen Tun verloren. Wir haben so viele To-dos, die wir abhaken wollen. Der Kopf ist ständig im Tun, im Denken und wenig im Seinsmodus.“

Dass das auch auf ihre Kommilitonen zutrifft, wurde Anna zu Beginn des Wintersemesters 2019/2020 nach einem Besinnungswochenende klar – „wir haben gemerkt, wie gut es tut, wenn mal komplette Stille herrscht“. Und so begann eine Gruppe mit Leuten aus Österreich, Südamerika und eben Armenien, sich jede Woche bei den Jesuiten neben der Hochschule zu treffen. Eine Meditation dauert etwa 30 bis 60 Minuten, angeleitet immer von demjenigen, der abwechselnd die Leitung der Gruppe übernimmt. Was sie da eigentlich machen? Anna sagt: „Wir sitzen im Kreis, schweigen und nehmen unsere Gedanken wahr.“ Zur Einstimmung in diesen doch sehr anstrengenden Zustand, wie Anna eindringlich versichert, liest jemand hin und wieder einen Text vor. Dann wird die Zeit gestoppt. Und zum Ausklang der Treffen gibt es ein Gespräch darüber, was einem während der Stille so alles durch den Kopf geschossen ist. Mal mag es einen nur irgendwo gekratzt haben, mal ist es aber auch die ein oder andere Lebenskrise. Manchen war das zu abgedreht, die sind dann nach dem ersten Mal wieder gegangen. „Ohne Erfahrung im Meditieren kann das auch alles etwas viel werden“, sagt sie.

Beim Meditieren kommen auch mal die „Lebensschmerzen“ hoch

Hört man ihr zu, dann glaubt man kaum, dass sie erst Mitte Zwanzig ist. Sie verwendet viele ungewöhnliche Wörter: Beim Meditieren kommen auch mal die „Lebensschmerzen“ ihrer Kommilitonen hoch, die sich in ihrem Alltag nicht bemerkbar gemacht haben. Am Ende habe jeder Teilnehmer dann einen „friedvollen“ Gesichtsausdruck. Anna behauptet: „Wenn man im Leben etwas hinbekommen möchte, muss man zuerst den eigenen Haushalt in Ordnung bringen. Damit meine ich den eigenen Geist.“

Von Katharina Horban