Ommm statt Uni

Von Amelie Völker und Ornella Cosenza

Und auf einmal geht es darum, ihre Mitte zu finden. Sie studieren viele Semester, Wirtschaftspsychologie, Medienmanagement, Romanistik, Geografie. Aber als das Ende des Studiums naht, merken sie, dass andere Dinge wichtiger sind als ein Beruf in ihrem Spezialgebiet. Sie werfen alles hin und werden stattdessen Yoga-Lehrerinnen. Sonnengruß statt Schreibtisch, Kobra und Krieger statt Konferenzen und Karriereplanung. Warum tun sie das? Wir haben nachgefragt:

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Zombie in Jogginghosen

Wenn sogar Marielena, die griechische Eleganz in Person und Kommilitonin unserer Autorin, im Schlabberlook in die Uni kommt, kann das nur eines bedeuten: es ist Prüfungszeit in Oxford, und die Studenten nehmen langsam zombieähnliche Zustände an.

Langsam verwandle ich mich in einen Zombie. Morgens krieche ich aus meinem Bett, viel zu früh, viel zu unausgeruht, wenn es nach meinem Körper gehen würde. An wirklich engagierten Tagen schaffe ich es, meine Schlafanzughose gegen eine Jogginghose einzutauschen. Make-up, gezupfte Augenbrauen oder gefeilte Fingernägel – brauche ich nicht. Im Moment sind alle Schalter auf Überleben gestellt, auf „Bulimie-Lernen“, wie eine meiner Freundinnen in München es einmal nannte. Die Prüfungen rücken unaufhaltsam näher und ich bin gefangen in einem paradoxen Interessenkonflikt. Auf der einen Seite will ich nichts sehnlicher, als dass der erste Prüfungstag endlich da ist. Ich will endlich nicht mehr jeden Tag aufstehen müssen, wissend, dass da ein unbezwingbarer Berg an akademischer Literatur auf mich wartet, dessen Steilhänge womöglich immer mit Fragezeichen gespickt bleiben werden. Ich will nicht mehr wie ein Zombie in Jogginghosen mit mir selbst debattieren müssen, ob ich es mir leisten kann, einen Spaziergang zu machen, zu duschen oder ein anständiges Abendessen zu kochen, weil ich dadurch wertvolle Lernzeit vergeuden würde.

Auf der anderen Seite sind gerade diese Fragezeichen das, was mich mindestens einmal am Tag panisch meine Atemzüge zählen lässt, weil ich merke, dass ich niemals alles lesen und lernen und verstehen und verinnerlichen werde können, was möglicherweise für ein Bestehen der Prüfungen hilfreich sein könnte.

Manchmal ist es tröstlich, dass es uns allen gleich geht. Ich sehe andere Zombie-Gestalten an meinem Fenster vorbeiwandeln auf dem Weg zur Bibliothek. Sogar Marielena, normalerweise die griechische Eleganz in Person, trägt einen dunkelblauen Jogginganzug, Turnschuhe und ihre Haare fallen in wilden Locken über ihre Schultern, Theas Augenringe werden bedenklich dunkel und das Licht im Zimmer meiner Mitbewohnerin scheint immer an zu sein, egal, zu welcher Uhrzeit es mich in der Nacht auf die Toilette treibt. Manchmal ist es aber auch sehr verunsichernd, dass jeder eine andere Lernstrategie verfolgt. Die Facebook-Gruppe meines Kurses läuft heiß, nicht nur mit Fragen, sondern auch mit spätabendlichen Fotos aus Bibliotheken, die ich meide. Auch wenn ich nicht dankbarer für die Unterstützung und den Zusammenhalt meines Kurses sein könnte, wünschte ich mir, es wären ein paar entspanntere, vom Lernstress unberührtere Persönlichkeiten unter uns.

Ich weiß, auch in München stellen Prüfungen und die Phase davor einen Stressfaktor dar. Auch hier verwandeln sich Studenten in Zombies, wenn das Semesterende näher rückt. Aber wieder einmal habe ich das Gefühl, in Oxford ist alles ein bisschen intensiver, alles ein bisschen gewichtiger als in Deutschland. Weil es in Oxford so schwer ist, aus dem Universitätskosmos auszubrechen, weil es letztlich keine Trennung zwischen „zu Hause“ und „Uni“ gibt, ist es leicht, 15 Stunden am Tag fieberhaft Papers zu lesen und Karteikarten zu beschriften. Während es gleichzeitig quasi unmöglich ist, ein Gespräch zu führen, bei dem es nicht früher oder später (meistens früher) um die anstehenden Prüfungen und den Lernstoff geht. Deshalb ist es womöglich gut, dass ein Ende des Zombie-Zustands absehbar ist, egal, ob wir alle Papers gelesen und alle Karteikarten beschriftet haben oder nicht.

Manchmal, in lichten Momenten, schaffe ich es dann aber sogar, die zwei Seiten des Paradoxes zu vereinen. Wenn ich merke, wie viel ich tatsächlich schon gelernt habe, wie viel weiter mein Horizont ist im Vergleich zu Beginn des Kurses, wird mir bewusst, dass ich tatsächlich nicht ausschließlich für die Prüfungen lerne, sondern für mich und vielleicht sogar für die Welt.

Text:
Theresa Parstorfer

Foto: Privat

Fremdgänger: Sicher im Elfenbeinturm

Wenn man als eingefleischte Münchnerin in die Welt zieht zum Studieren, erwartet einen immer der eine oder andere Kulturschock. Unter all den neuen Eindrücken aus der großen, weiten Welt ruht aber die Sehnsucht nach der Heimat. Anne ärgert sich über die hohen Sicherheitsvorkehrungen an Pariser Unis und findet: jeder sollte eine Universität von innen sehen dürfen.

Taschenkontrollen. Um die Uni zu betreten. Ich glaube, ich bin im falschen Film. Das gesamte Universitätsgebäude ist verriegelt – bis auf einen Eingang. Der Zaun vor dem Innenhof über drei Meter hoch, nur eines der beiden Eingangstore in seiner Mitte ist geöffnet. Als ich zum ersten Mal vor der Uni stehe, bin ich völlig irritiert. Anderthalb Meter Platz, um die Uni zu betreten. Dahinter Sicherheitsleute in Sicherheitswesten mit Sicherheitsblick zwischen zwei Tischen.

Die Prozedur ist simpel wie nervig. Tasche öffnen, zum Durchsuchen hinhalten. Geldbeutel rauskramen, Studentenausweis vorzeigen. Wer seinen Studentenausweis nicht rausgeholt hat, hält die ganze Schlange auf. Das Gleiche gilt für Leute mit Rucksack. Den durfte ich immer erst einmal vom Rücken hieven, umständlich im Stehen öffnen, zum Durchsuchen bereithalten. Ich habe mittlerweile aufgehört, mit Rucksack in die Uni zu gehen. Und angefangen, die Wartezeit in der Schlange vor der Uni, die oft noch um die nächste Straßenecke reicht, mit einzuplanen – das habe ich gelernt, als ich bei den Mid-Term Prüfungen zehn Minuten zu spät zur Klausur kam.
 In Paris herrscht nach wie vor Ausnahmezustand. Es ist schon befremdlich, überall in der Stadt Militärs mit ihren Maschinengewehren im Anschlag flanieren zu sehen. Im Alltag ergeben sich da die bizarrsten Situationen. Wenn man gemütlich in einer kleinen, schmucken Boulangerie auf einen Espresso sitzt und der bis zu den Zähnen bewaffnete Soldat wie ein Elefant mal kurz von seiner Streife in den Porzellanladen gepoltert kommt, um sich sein mittägliches Pain au Chocolat zu kaufen.

Das Ganze nimmt hier Dimensionen an, die für uns Deutsche völlig befremdlich sind. Denn überall stehen an der Tür Securitys, die mit Taschenlampen deine Tasche durchleuchten, abtasten. Der Mantel muss geöffnet werden, um zu zeigen, dass man keinen Bombengürtel darunter trägt.  Niemals hätte ich erwartet, den Ausnahmezustand auch in meinem Studienalltag so deutlich zu spüren zu bekommen. 

Im krassen Gegensatz steht dazu das große LMU-Hauptgebäude, dessen große Flügeltüren zu allen Seiten für alle und jeden jederzeit offen stehen. Wer will, kann reingehen und sich überwältigen lassen von der einzigartigen Architektur des Lichthofs. So ging es zumindest mir, als ich zur Immatrikulation das erste Mal da war. Und jeder sollte die Universität betreten dürfen. Aber: Den wunderschönen Innenhof um die Chapelle de la Sorbonne sehen – wie elitistisch – nur die Studenten und der Lehrkörper, denn für den Rest ist er unzugänglich.

Dabei hat das für mich Symbolcharakter: die weit geöffneten Türen einer Universität. Bildung ist für alle da und sollte für jeden, der sich dafür interessiert, zugänglich sein. In München sind so auch die Vorlesungen prinzipiell für jeden offen, der sich mal hinten reinsetzen und zuhören will. Wie ein großes Zuhause für Bildung, das jeden aufnimmt. In Paris ist das eine eigene, abgeschottete Welt, in die nur wenige Privilegierte Zugang haben, in sich selbst zurückgezogen und nur mit sich in Kontakt. Da bekommt der Elfenbeinturm der Wissenschaftler eine ganz neue Bedeutung.

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat