Ommm statt Uni

Von Amelie Völker und Ornella Cosenza

Und auf einmal geht es darum, ihre Mitte zu finden. Sie studieren viele Semester, Wirtschaftspsychologie, Medienmanagement, Romanistik, Geografie. Aber als das Ende des Studiums naht, merken sie, dass andere Dinge wichtiger sind als ein Beruf in ihrem Spezialgebiet. Sie werfen alles hin und werden stattdessen Yoga-Lehrerinnen. Sonnengruß statt Schreibtisch, Kobra und Krieger statt Konferenzen und Karriereplanung. Warum tun sie das? Wir haben nachgefragt:


Kopfstand in der Bib

Studenten, die konzentriert in ihre Bücher und Laptops starren. Man hört Tastatur-Getippe. Das Geräusch von Bleistift auf Papier. Und Cordula Thurnhuber ist mittendrin. Bald muss sie ihre Bachelor-Arbeit abgeben. In dieser arbeitsintensiven Phase macht ein Kommilitone ein Foto von Cordula, das ihre Geschichte als Bild einfrieren wird: Irgendwo in einer stillen Ecke zwischen Bücherregalen macht Cordula einen Kopfstand. Die Beine nach oben hin verschlungen, wie eine Schlange. Sie trägt gemusterte Leggins: Yoga in der Bibliothek. Das Foto kann man auf ihrem Instagram-Account „The Stretching Tiger“ sehen und auch auf dem Account der LMU. „Yoga ist für mich gerade während intensiver Lern- und Schreibphasen der perfekte Ausgleich“, steht da unter dem Bild.

Credit: Eric Beck

Heute unterrichtet Cordula nicht an einem Gymnasium, dafür aber im Yoga-Studio. „Eigentlich“, sagt Cordula, „war das nicht mein Plan. Ich habe Lehramt studiert.“ Während ihrer Zeit an der Uni kam sie über eine Freundin dann aber zum Yoga. „Nach meiner ersten Yoga-Stunde hatte ich ein besonderes Gefühl. Es war wie nach Hause kommen“, sagt die 28-Jährige.

 

Sie wollte mehr davon. „Ich habe mir früher viel Leistungsdruck vor Prüfungen gemacht und hatte Schlafprobleme“, sagt sie.

Mit der Yoga-Praxis sei das dann besser geworden und, „irgendwann ging ich sogar täglich ins Yoga-Studio“. Dort lernte sie das ganze Team kennen, und als eine Person gesucht wurde, die vor den Yoga-Stunden den Check-In, also die Anmeldung für die Yoga-Schüler übernehmen kann, machte Cordula diesen Job. Gleichzeitig durfte sie dafür kostenlos an den Yoga-Stunden teilnehmen. Später entschied sie sich dann dazu, eine Yoga-Lehrer-Grundausbildung zu absolvieren. „Zu dem Zeitpunkt war ich aber Studentin und konnte die Ausbildung nicht komplett finanzieren“, sagt Cordula. Doch sie hatte Glück: Sie bekam die Möglichkeit, einen Teil der Kosten durch den Job am Check-In im Yoga-Studio abzuarbeiten.
Das Lehramtsstudium hat sie nicht abgebrochen, sondern es mit einem Bachelor in Romanistik abgeschlossen. „Natürlich denkt man darüber nach, was die Freunde und Eltern sagen. Man darf sich da selbst keine Panik machen“, sagt sie. Cordula fühlt sich mit ihrer Entscheidung wohl: „Es gibt keinen Tag, an dem ich denke, dass ich etwas anderes machen möchte. Außerdem gibt es keine falschen Entscheidungen – es sei denn, sie werden aus einer Angst heraus getroffen“, sagt sie heute. Momentan unterrichtet Cordula neben „klassischem“ Yoga auch Budokon Yoga, das ursprünglich aus den USA kommt. Es handelt sich dabei um eine Verschmelzung aus traditionellen Kampfkünsten und Yoga. Die Bewegungen sind fließender und dynamischer. „Budokon fordert auf eine ganz andere Art und Weise heraus. Es macht auch etwas mit dem Selbstbewusstsein“, sagt Cordula. Früher habe sie sich oft klein gemacht, vieles einfach heruntergeschluckt. „Heute sage ich direkt, wenn mir etwas nicht passt, oder mich stört.“ Passend zu ihrer Social-Media Präsenz „The Stretching-Tiger“, trägt sie einen Cardigan mit Tiger-Muster.

 

Mit Yoga um die Welt

Laura Pflieger-Patzke, 27, hat für ihr Alter ein ereignisreiches Leben gehabt, das sagt sie selbst. Einen Lebensweg „mit einigen doch recht wirren Entscheidungen, die mich in noch wirrere Lebenssituationen gebracht haben“. Konkret: eine „gescheiterte“ Weltreise, Umzüge nach Nürnberg und Berlin, eine Coaching-Ausbildung, eine Ehe, Abschlüsse als Bachelor und Master in Wirtschaftspsychologie, das Arbeiten in einer Unternehmensberatung, eine Ausbildung zur Yoga-Lehrerin auf Bali und anschließender Reise durch Indonesien, ein Monat in Los Angeles und schließlich der Abschluss eines einjährigen Psychotherapie-Studiums in Auckland, Neuseeland. „Mein beruflicher Weg kann nicht gerade als geradlinig bezeichnet werden,“ sagt Laura, „es ist mehr ein wildes Auf und Ab.“
Doch eine Konstante gibt es da in Lauras Leben: Yoga. Dieser meditative Sport hat die gebürtige Münchnerin schon immer begleitet. Aber erst nach dem Abitur sei sie dann mehr und mehr ins regelmäßige Üben gekommen. „Meine Verbindung zu meinem Körper war schon immer recht durchwachsen. Yoga hat mir maßgeblich dabei geholfen, neu Kontakt aufzunehmen und eine Beziehung zu mir selbst aufzubauen“, sagt Laura. Durch Yoga-Stunden habe sie mehr und mehr zu ihrem Körper gefunden und sie konnte sich dadurch innerlich wie äußerlich stärken. „Ich entdeckte Muskeln an meinem Körper, von deren Existenz ich nicht einmal geträumt habe“, sagt sie und lacht.

Credit: privat

All dies bewegte sie zum Entschluss, eine Ausbildung zur Yoga-Lehrerin zu machen. Da ihr zu diesem Zeitpunkt der Abbruch ihrer Weltreise noch tief in den Knochen steckte, gab es für Laura keine andere Alternative, als ihre Reise endlich fortzusetzen und die Ausbildung in Asien zu machen. Ihre Schwester riet zu einer Berliner Yogaschule, die ihre Yoga-Lehrerausbildung auf Bali anbietet. Laura buchte sofort und aus einem Monat Yoga wurden schließlich zweieinhalb Monate Indonesien.
„Ich liebe anstrengendes und fließendes Vinyasa-Yoga. Die körperliche Anstrengung gibt mir das Gefühl, ich hätte es mir verdient, nicht mehr in Fitness-Studio gehen zu müssen“, sagt Laura. Ihrer Meinung nach birgt jedoch auch Yoga die Gefahr, sich zu überfordern oder – wie so oft – für das perfekte Social-Media-Image zu viel von sich selbst zu verlangen:

„Es kann passieren, dass das Ego überhandnimmt und es zum Beispiel nur noch um das Meistern von fortgeschrittenen Instagram-Posen geht.“ Dabei sei beim Yoga, sagt Laura, nicht die sportliche Verausgabung wichtig, sondern Reflexion und vor allem natürlich Spaß: „Am allermeisten freut es mich, wenn ich sehe, dass meine Schüler und Schülerinnen Spaß beim Üben haben und in einen Flow kommen.“
Vergangene Woche ist Laura aus Neuseeland zurückgekehrt und wieder in ihrer Heimatstadt München gelandet. Von Dezember an will sie auch wieder Yoga-Stunden anbieten. Das erste Mal sei sie jedoch in ihrem Leben nun erst mal völlig ohne Plan, wie es sonst so weitergehen soll. „Yoga hilft mir aber definitiv dabei, mich nicht in Existenzangst und Sorge vor dem Unbekannten zu verlieren.“

Mehr Philosophie als Sport

Yoga am Tag. Konzerte und Veranstaltungen am Abend. Wie passt das zusammen? Die Ruhe und das Laute? Das Achtsame und die Party-Stimmung? Das wird Sarah Buchhierl, 28, oft gefragt. „Yoga bedeutet für mich nicht, sich aus dem Leben zurückzuziehen. Im Gegenteil: Das, was man auf der Matte erfährt, kann man mit in den Alltag, mit ins Leben nehmen“, sagt Sarah. Tagsüber gibt sie Yoga-Stunden und abends sorgt sie dafür, dass die Organisation und der Ablauf bei Konzerten möglichst reibungslos sind. „Achtsamkeit und Geduld sind auch im Nachtleben nützlich“, sagt Sarah. Dass sie heute zwei, auf den ersten Blick gegensätzliche Bereiche zu ihrem Beruf gemacht hat, klingt selbstverständlich. So einfach war das aber nicht. „Ich habe Medien- und Musikmanagement an der Macro-Media-Hochschule studiert und nach dem Abschluss noch Praktika absolviert, bis ich schließlich ins Berufsleben eingestiegen bin“, sagt sie.

Gearbeitet hatte sie bei einem Münchner Radio-Sender im Marketing. So ganz glücklich war sie in dem Job aber nicht. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie ihre erste Yoga-Stunde hinter sich, ihre Cousine hatte sie zu einem Beginner-Workshop überredet. Sie war fasziniert von den fließenden Bewegungen des Jivamukti-Stils mit Musik. Sarah fühlte sich an das Tanzen erinnert. Schon sehr früh erkundigte sie sich nach Ausbildungsmöglichkeiten, um Yoga unterrichten zu können. Sie verspürte den Drang, gleich tiefer einsteigen zu können und studierte Bücher zu dem Thema. „Sogar meinen Freundinnen habe ich dann manchmal an der Isar Yoga-Übungen gezeigt, weil sie Schmerzen hatten. Und ich konnte ihnen helfen“, sagt Sarah.

Credit: Privat

Nach einer Yoga-Stunde sprach sie ihr Lehrer an und sagte ihr, dass sie eine sehr gute Yoga-Praxis habe. „Das hat mich bestärkt in der Entscheidung, eine richtige Yoga-Grundausbildung zu machen.“ Sarahs Plan mit Job und Yoga war zu Beginn pragmatisch: Am Wochenende die Yoga-Ausbildung, damit sie unter der Woche beim Radio arbeiten konnte. „Aber die Unzufriedenheit wuchs letztendlich dann doch“, sagt sie. Also kündigte sie den Job. „Eine Freundin sagte zu mir, dass das ein bisschen wie beim Schluss machen ist. Sie hatte Recht. Es ist mir schwer gefallen, aber ich war auch erleichtert“, sagt sie. Stattdessen jobbte sie dann in einem Geschäft in München, das Produkte aus fairer Herstellung vertreibt und hohen Wert auf Tierschutz legt. „Mir war es wichtig, einen Job zu machen, mit dem ich niemandem schade“, sagt sie. Parallel absolvierte sie ihre Grundausbildung am Wochenende, über einen Zeitraum von neun Monaten hinweg. Finanzielle Unterstützung für die Ausbildung bekam sie von ihren Eltern.
Das ist jetzt schon fast zwei Jahre her. Aktuell befindet sie sich im sogenannten Apprenticeship: Sie assistiert bei den Yoga-Stunden von Patrick Broome, ihrem Mentor. Eine Sache, die Sarah wichtig ist, betont sie noch: „Yoga ist kein Sport, es ist vielmehr eine Art philosophisches System und kann uns in verschiedenen Bereichen des Lebens bereichern“, sagt die junge Frau.

Sonnengruß und Skiwasser

Ronja Haberfelners größte Leidenschaft sind Berge. Dort verbringt die 22-Jährige jede freie Minute, sei es zum Skifahren, Skitourengehen, Klettern, Wandern oder Fahrradfahren. Einen Strich durch ihr sportliches Leben machte ihr jedoch 2017 ein Sportunfall, bei dem sie sich einen Rückenwirbel brach.
Nach zwei Operationen, Reha und dem Abschluss ihrer Ausbildung zur Kauffrau im Groß- und Außenhandel floh sie so weit wie möglich: nach Neuseeland. Unter anderem auch, um dort, im nördlich gelegenen Ahipara, eine Ausbildung zur Yoga-Lehrerin zu machen. „Mein größter Antrieb, diese Ausbildung zu machen, war der Wunsch, mir nach einem heftigen Jahr selbst etwas Gutes zu tun, eine Auszeit zu nehmen und mal wieder durchzuatmen“, sagt Ronja.

Zudem sei sie überfordert gewesen, von den üblichen Reha-Methoden, die ihr für ihren Rücken verschrieben wurden. „Mit Yoga habe ich eine wunderbare Möglichkeit gefunden, Geist und Körper auf eine sanfte Art zu stärken.“ Mit gestärktem Geist machte sie sich in der Ferne auch über ihre berufliche Zukunft Gedanken: „Mir ist schnell bewusst geworden, dass ich in meinem Ausbildungsberuf nicht arbeiten kann und möchte.“

Credit: Rachel Pechholz

Inzwischen studiert die gebürtige Münchnerin Geografie in Innsbruck. Eine Stadt, die es, so Ronja, wie keine andere schafft, Stadtleben und Bergkultur zu verbinden. Die zündende Idee ließ somit nicht lange auf sich warten: Im Frühjahr 2018 startete Ronja ihr Projekt „Mountainyoga“. Die Grundidee: Das Verbinden ihrer beiden Leidenschaften: Yoga und Berge. Sonnengruß und Skiwasser. Namaste und Natur. Hierbei gibt Ronja zum einen Yoga-Stunden im Studio, die vor allem auf Bergsportler ausgerichtet sind. Dort sollen bestimmte Muskelgruppen angesprochen werden, die beispielsweise auch beim Klettern, Wandern oder Skifahren gebraucht werden.

Zum anderen sind da aber auch die tatsächlichen Yoga-Stunden am Berg. Inklusive einer Hüttenübernachtung, Wanderungen und Yoga mit Ausblick auf eisige Gletscher oder idyllische Almwiesen. Momentan praktiziert Ronja Mountain-Yoga noch in Innsbruck und Umgebung, ein Wochenend-Workshop in München ist für kommenden Februar geplant.