Mut zum Tackling

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Bei den ersten Football-Trainingseinheiten in Starnberg zeigte sich Jasper Friis, 18, noch extrem schüchtern. Jetzt spielt er in der ersten College-Liga in den USA.

Auf dem Tisch liegt ein Tablett, darauf ein beachtlicher Berg Pommes. „Heute ist Cheat-Day“, sagt Jasper Friis und beißt von einem triefenden, panierten Hähnchenteil ab. Er sitzt in einem Münchner Fast-Food-Restaurant und genießt eine Woche Heimaturlaub. Der 18-Jährige hat pro Woche einen Tag, an dem er sich um seinen strikten Ernährungsplan schummeln darf. Man sieht Jasper an, dass er gerne isst. Auf seine zwei Meter Körpergröße kommen knapp 150 Kilo. Verzichten fällt ihm im Moment aber besonders leicht: Seine Karriere als Leistungssportler ist in jüngster Zeit sehr schnell sehr ernst geworden: Die University of California, auch bekannt unter dem Namen „Berkeley“, hat den jungen Mann aus Gauting für ihr Football-Team rekrutiert. Er spielt kommende Saison in der ersten College-Liga. Football trainieren Amerikaner gerne schon im Kindesalter – nicht nur erstaunlich, dass ein Deutscher den Sprung schafft, Jasper ist erst im Teenageralter zu diesem Sport gekommen.

Ein Blick zurück: Zwei Dutzend Jungs zwischen 14 und 19 hatten gerade die zweite Runde um den Platz gedreht und warfen sich für ihre Dehn- und Aufwärmübungen in den Matsch. Sie waren mit dem Warm-up fast fertig, da eilte ein Nachzügler aus der Kabine die Treppe hinunter auf den Rasen. Er hatte jemanden mitgebracht – Jasper. Dieser wolle einmal probehalber mittrainieren. Der damals noch Zwölfjährige zog den ein oder anderen unauffällig musternden Blick auf sich. Manch einer war zwei Köpfe kleiner als er. Seine wuchtige Statur hätte es ihm erlaubt, bei den Herren mitzuspielen. Die Trainer erkannten angesichts seiner körperlichen Voraussetzungen Potenzial und wollten den Neuling ins Team aufnehmen. Sie stellten ihn in die Offensive Line, jene Reihe von Spielern, die den Spielführer, den Quarterback, beim Werfen beschützt und für den Ballträger, den Runningback, Gegner aus dem Weg schaufelt. Die schweren Jungs im Football.

Seinen Teamkameraden – vor allem den unerfahrenen – kostete es erst einmal Überwindung, die Karambolage mit solch einem Schwergewicht zu suchen. Aber das legte sich im Training schnell, beim „Big-Cat-Drill“ etwa. Hier stehen zwei schwere Spieler nur eine Ball-Länge entfernt in einer Pose gegenüber, die an einen Sumokampf erinnert. Wer es auf Pfiff schafft, den anderen mit gebündelter Kraft weiter nach hinten zu schieben, gewinnt. Eine Aufgabe, bei der man davon ausgehen würde, dass Jasper es durch seine körperliche Überlegenheit einfach gehabt hätte – dem war aber keineswegs so: Sogar die Schmächtigsten unter seinen Teamkollegen schoben den Riesen über das Feld, als wäre es ein Schachspiel. Sie bemühten sich beim Drill sogar um den Platz in der Schlange, der sie gegen Jasper antreten ließ, er galt als leichtes Ziel.

Jasper selbst hatte damals seinen Körper nicht verstanden. Die Schere zwischen seiner Physis und seiner Persönlichkeit klaffte weit auf. Öffnete er den Mund, um sich vorzustellen, so kam ein sanftes Piepsen an die Oberfläche, wo man ein maskulines Grummeln erwartet hätte. Es wirkte, als könnte er nicht einmal einer der aggressiven Starnberger Moor-Mücken einen Flügel krümmen, die in dichten dunklen Wolken den Footballern beim Training das Leben erschweren. „Ich war traurig, weil ich wusste, dass ich besser sein könnte“, sagt er heute.

Jasper arbeitete in Starnberg zwei Jahre lang an sich. An seiner Explosivität und seiner Technik. Von diesem Punkt an ging alles unglaublich schnell: Er wurde in die Bayerische Landesauswahl aufgenommen, in der Saison darauf rekrutierte ihn die Jugend-Bundesliga-Mannschaft der Razorbacks aus Fürstenfeldbruck. Videomaterial von seinen Spielen geriet in die Hände amerikanischer Coaches und überzeugte. Er wurde nach San Bernardino eingeladen, um für die Aquinas-Highschool aufzulaufen. Einmal in Amerika Football spielen – in seinem bisherigen Freundeskreis war das der Traum aller. Als er den Vertrag in Berkeley unterzeichnete, verpflichtete er sich dazu, diesen Traum zur täglichen Routine zu machen.

Momentan muss er dreimal die Woche um 5.30 Uhr aufstehen. Er verlässt das Wohnheim früh am Morgen, um zum Stadion zu gehen. Die Ernährungsschulungen haben ihm beigebracht, dass ein Stück Ananas oder ein Energieriegel an dieser Stelle als Frühstück reichen muss. Zwei Stunden lang trainiert er, während seine Kommilitonen noch schlafen. Danach muss er wie jeder andere Student in die Vorlesung. Berkeley gilt akademisch als Elite-Uni, das macht die Sache für Jasper nicht gerade leichter. Angewandte Mathematik studiert er. Um 16 Uhr hat er wieder für die nächste Trainingseinheit auf dem Platz zu stehen. Noch hat die Saison nicht begonnen, aber spätestens dann findet das Programm täglich statt.

Zurück im Fast-Food-Restaurant: Jasper saugt an einem Strohhalm, um die letzten Tropfen Sprite aus dem Becher zu ziehen. Jasper merkt, dass auf einmal jeder mit ihm befreundet sein will, jetzt, wo er zu den aufsteigenden Sportlern gehört. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass aus Jasper in den kommenden Jahren einer von den ganz Großen wird. Reserviert bleibt seine Freundschaft aber denjenigen, sagt er, die den Willen und die Arbeit sehen, die Jasper in seine Leidenschaft steckt – und nicht nur das Logo auf seinem Trikot.  

Text: Hubert Spangler

Foto: Ariel Nava

Gute Vibrationen

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Elisabeth Brichta, 21, ist Mitglied der Nikita Dance Crew, einer Gruppe aus gehörlosen und hörenden Tänzern. Wenn sie nicht tanzt, studiert die junge Frau Gebärdensprachdolmetschen. Außerdem gibt sie selbst bilingualen Hip-Hop-Unterricht

Mit weißem Trikot und einer engen schwarzen Leggins steht Elisabeth Brichta, 21, im Tanzstudio, die Haare zu einem Zopf gebunden. Bevor das Training losgeht, unterhält sie sich mit den anderen Mädels der Nikita Dance Crew. Auf Gebärdensprache. Verständigungsprobleme hat sie nicht, denn Elisabeth studiert Gebärdensprachdolmetschen. Die jungen Frauen bewegen ihre Hände. Sie schauen mal fragend, mal lächelnd, oder sie nicken sich einfach zu – ein Code, der für Laien nicht zu entschlüsseln ist und begleitet wird von Gestik und Mimik.

„Wir proben jetzt Amerika“, sagt Elisabeth laut, denn heute sind auch ein paar Zuschauer zum Training gekommen. Amerika – so nennt die Gruppe die Choreografie, die sie vergangenes Jahr beim Bay Area International Deaf Dance Festival in den USA aufgeführt haben. Die Nikita Dance Crew ist die einzige Tanzgruppe in Deutschland, die aus hörenden und nichthörenden Mitgliedern besteht. Hier tanzen hörende, wie Elisabeth Brichta, und gehörlose Protagonisten, wie Trainerin Kassandra Wedel, in einer Gruppe zusammen. Sie treten deutschlandweit und international auf.

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Musik und Tanz? Gehörlos? Wie soll das funktionieren? „Die Musik ist in unserer Tanzgruppe nicht viel lauter als woanders“, sagt Elisabeth. Lediglich der Bass ist in den Tanzstunden der Nikita Dance Crew etwas stärker gestellt. „Wenn der Bass lauter ist, fühlt man ihn besser in der Brust, am Körper. Das ist so ähnlich wie bei einem Konzert“, erklärt die Tänzerin. Dieses Fühlen der Vibrationen sei ausschlaggebend. Im Tanzstudio in der Sonnenstraße in München, in dem sich die Tanzgruppe zum Proben trifft, steht der Bass auf dem Parkettboden. „So kann man den Bass auch über die Füße erfühlen, der Parkettboden leitet ihn dann sozusagen weiter“, sagt Elisabeth, die schon seit Ende 2013 mittanzt.
 Nicht alle aus der Tanzgruppe können Gebärdensprache so wie Elisabeth. Es ist auch keine Voraussetzung, um mittanzen zu können. Die Leidenschaft und die Begeisterung für das Tanzen stehen im Vordergrund. Elisabeth tanzt seit ihrem zwölften Lebensjahr. Bei ihr treffen das Interesse für Gebärdensprache und die Liebe zum Tanzen aufeinander. Wenn sie nicht tanzt, dann studiert sie an der Hochschule in Landshut Gebärdensprachdolmetschen. Mittlerweile im vierten Semester. Es besteht aktuell ein großer Bedarf an Gebärdensprachdolmetschern. „Auf 80 000 Gehörlose kommen in Deutschland 800 Dolmetscher“, sagt sie.

In vielen Choreografien der Nikita Dance Crew mischen sich Elemente aus Tanz mit Gebärdensprache. Dadurch werden tänzerisch Geschichten erzählt. „Die Gebärdensprache hat ihre eigene Grammatik, sie ist eine natürliche Sprache. Beim Dolmetschen kommt es aber nicht nur darauf an, das Gesprochene in Gebärden zu übersetzen oder andersherum, sondern man muss auch kulturell übersetzen“, sagt Elisabeth. Man sei eben nicht nur Dolmetscher, sondern auch Vermittler zwischen zwei Kulturen. Gehörlose seien beispielsweise in ihren Formulierungen manchmal viel direkter. Dies kann bei hörenden Menschen schnell unhöflich wirken, deshalb muss man beim Dolmetschen auch auf Feinheiten dieser Art achten. „Das kann einen täglich zur Verzweiflung bringen“, sagt Elisabeth. Bei wichtigen Terminen, wie zum Beispiel Gerichtsverhandlungen, kann das Übersetzen sehr viel beeinflussen. Die deutsche Gebärdensprache wurde erst 2002 offiziell als eigenständige Sprache anerkannt.

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Bevor sie mit dem Gebärdensprachdolmetscher-Studium angefangen hat, absolvierte Elisabeth eine Tanzausbildung am Iwanson in München, einer Schule für zeitgenössischen Tanz. Normalerweise dauert diese Ausbildung drei Jahre, Elisabeth hat sie aber frühzeitig nach einem Jahr mit einem Zertifikat beendet und dann das Studium in Landshut begonnen. „Das war viel mit Jazz und Ballett und weniger Hip-Hop und ich habe gemerkt, dass es nicht so ganz meins ist und habe dann zum Gebärdensprachdolmetschen gewechselt“, sagt Elisabeth. Woher aber kommt das starke Interesse an der Gebärdensprache? Elisabeth sagt, es sei auf keinen Fall dieses Helfersyndrom, das sie dazu gebracht habe, das Studium aufzunehmen. Eher eine Art Faszination, nachdem sie den Film „Jenseits der Stille“ gesehen hat. „Aus Interesse und Neugier habe ich dann einen VHS-Kurs Gebärdensprache besucht“, sagt sie. Das war, bevor sie zur Nikita Dance Crew gekommen ist. Als sie dann einmal zu einem Poetry Slam ging, bei dem die Gruppe auch performte, sprach sie nach der Veranstaltung Kassandra Wedel an. Ging kurz darauf zu einer Probestunde. Und blieb. 

„Mittlerweile ist Eli meine Co-Trainerin. Wenn ich einmal nicht da bin, oder wir Probleme mit der Musikanlage haben, übernimmt sie“, sagt Kassandra Wedel. Die Trainerin mit den orange-roten Haaren ist gehörlos und als Schauspielerin und Tänzerin aktiv. Sie hat die Gruppe vor mehr als zehn Jahren gegründet. „Es gab damals keinen Tanzunterricht, bei dem die Musik gut fühlbar war, oder der auf Gebärdensprache abgehalten wurde. In hörenden Tanzcrews war ich immer die einzige Gehörlose“, sagt Kassandra. Fälschlicherweise wurde da oft angenommen, dass sie genug verstehen würde, weil sie auch sprechen kann. „Ich kopierte und lernte nur die Tanzsprache gut. Alles, was um mich herum besprochen wurde, bekam ich nicht mit“, sagt sie. Also hat sie selbst eine Gruppe gegründet, die Begegnungen und einen Raum für Kreativität schafft. Mit fühlbarer Musik und Erklärungen, wie man auch ohne Gehör zu einem Rhythmus tanzen kann.

Für Elisabeth steht fest: Sie möchte das Tanzen mit dem Gebärdensprachdolmetschen verbinden. Samstags gibt die Studentin deshalb auch eigene Hip-Hop- und Lyrical-Jazz-Stunden in einem Tanzstudio in Haar, und zwar bilingual. „Jeder ist in meinen Stunden willkommen. Ich spreche laut und mache dazu die Gebärdensprache.“ 

Es geht weiter mit dem Training. Schließlich steht im Mai ein Auftritt der Tanzcrew beim Protesttag für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung in München auf dem Marienplatz an. Gehörlose, sowie hörende Menschen werden im Publikum stehen. Die Schritte sitzen, jede Bewegung wird sauber und synchron zu dem Hip-Hop-Track und dem Rhythmus ausgeführt, der durch den Bass für alle spürbar ist. Für Außenstehende ist kein Unterschied zu anderen Tanzgruppen bemerkbar.

Foto: Alessandra Schellnegger

Text: Ornella Cosenza

Kämpfen bis zum Bleiberecht

Seit Arif Abdullah Haidary, 18, in Deutschland lebt, ist für ihn ganz klar, für welches Land er als Karateka antreten will – Aufenthaltsstatus hin oder her.

Arif ist ein Kämpfer. Schon früh hat er gelernt, dass man sich Respekt hart erarbeiten muss – und dass man niemals aufgeben darf, an seine Ziele zu glauben und für die eigenen Werte einzutreten. Selbst dann, wenn man eine gebrochene Nase oder gar das eigene Leben riskiert.

Seit er 13 ist, trainiert Arif Abdullah Haidary, 18, Kyokushinkai. Im Gegensatz zum weit verbreiteten Karate, der völlig auf Körperkontakt verzichtet, kämpft er eine Vollkontakt-Variante. Es zählt zu einem der härtesten Karate-Stile und erfordert ein Höchstmaß an Disziplin. Jetzt bekommt er eventuell die Chance, für Deutschland zu kämpfen – und das, obwohl er nicht weiß, wie lange er hier noch bleiben darf.

In seinem Heimatland Afghanistan seien Kampfsportarten sehr beliebt, vergleichbar mit Fußball in Deutschland, sagt Arif. Nur wenige würden sich jedoch für Karate entscheiden. „Im Karate gibt es viel mehr Regeln als zum Beispiel beim Kickboxen“, sagt er. Ihm haben aber genau diese Regeln und die erforderliche Disziplin besonders gut gefallen: Man müsse pünktlich sein, sich ordentlich kleiden, auf den Trainer hören. „Es ist egal, ob jemand schwarz oder weiß ist oder welcher Religion er angehört – sobald er zum Training kommt, spielt das alles keine Rolle mehr“, sagt Arif, dessen kurzes, schwarzes Haar mit Gel in Form gehalten wird. Er ist nicht besonders groß oder muskulös, aber auf den Wettkampfbildern, die er stolz auf seinem Smartphone zeigt, lassen seine Körperhaltung und sein konzentrierter Blick keinen Zweifel daran, dass Arif im Wettkampf alles gibt.

In Afghanistan hatte Arif bereits den schwarzen Gürtel – die höchstmögliche Auszeichnung – erworben und für das dortige Nationalteam gekämpft. All seine Urkunden und Zertifikate hat er den ganzen beschwerlichen Weg von Afghanistan nach Deutschland transportiert. Es herrscht Krieg, und das einzige, was jemand rettet, sind seine Karate-Urkunden? Was im ersten Moment befremdlich wirkt, ist für den jungen Mann offenbar selbstverständlich. So nimmt jeder mit, was für ihn von Wert ist.

In Deutschland hat Arif wieder bei Null angefangen – in vielerlei Hinsicht. Zumindest beim Karate hat er diese Entscheidung aber selbst getroffen und sich bewusst dafür entschieden, noch einmal neu anzufangen – mit dem weißen Gürtel. Er habe darin eine Möglichkeit gesehen, sein Deutsch zu verbessern, sagt Arif. Wenn er spricht, blicken seine braunen Augen stets freundlich, doch lachen sieht man ihn nur sehr selten. Wie eine scheue Katze scheint etwas in ihm immer auf der Hut zu sein.

Innerhalb der zwei Jahre, die er nun schon mit zwei Brüdern in Deutschland lebt, hat er es erneut geschafft, bis zum braunen Gürtel aufzusteigen.
Im vergangenen Jahr hat Arif bei den German Open in Stuttgart in seiner Altersgruppe den ersten Platz erreicht. In diesem Jahr wird er am 25. November bei den deutschen Meisterschaften antreten, dort kann er sich für internationale Wettbewerbe qualifizieren.

Ein offizielles Nationalteam für die Kampfrichtung Kyokushinkai befindet sich gerade noch im Aufbau. Jeder, der Interesse an einer Teilnahme hat, wird eingeladen. Jedoch würden zu den Wettkämpfen natürlich nur die Besten im Kader geschickt, sagt Stefan Beer, Kyokushin-Trainer von Arif. Als Trainer und Präsident des Vereins KKD, kurz für Kyokushinkai Karate Deutschland, kann Beer das Können von Arif einschätzen. Auf deutscher Ebene rechnet Beer seinem Schützling gute Chancen aus, im internationalen Vergleich aber ist die Messlatte deutlich höher angesetzt, weil es in Ländern wie Polen oder Brasilien Standard ist, dass die Sportler acht Stunden täglich trainieren.

„Von seinem Talent und seinem Herz her hat Arif großes Potenzial“, sagt Beer. Vergessen dürfe man in seinem besonderen Fall aber auch nicht sein Handicap, wie Beer es nennt: Arifs Asylantrag ist auch nach zwei Jahren in Deutschland noch nicht genehmigt, jederzeit könnten die deutschen Behörden entscheiden, dass Arif das Land wieder verlassen muss. Mit einem ungeklärten Aufenthaltsstatus kann Arif deshalb nicht einfach beliebig oft aus- und einreisen. Seine sportliche Karriere bleibt somit schon allein deshalb vorerst auf Deutschland beschränkt.

Dennoch ist Arif ein junger Mann mit großen Plänen. Gerade hat er seinen Abschluss an einer Berufsfachschule gemacht, nun schreibt er Bewerbungen für einen Ausbildungsplatz als Medientechniker. Zudem arbeitet er mit seinem Bruder an der Umsetzung einer mehrsprachigen Zeitung von und für Flüchtlinge. Nebenbei hat er kürzlich auch noch eine Ausbildung zum Jugendleiter für Karate gemacht.

Seit Arif in Deutschland lebt, ist für ihn ganz klar, für welches Land er kämpft – Aufenthaltsstatus hin oder her. „Ich kämpfe unter deutscher Flagge“, sagt der gebürtige Afghane. Für ihn sei es eine Ehre, für Deutschland anzutreten – und zu gewinnen. Er sehe darin eine Möglichkeit, den Deutschen, die ihm so viel geholfen hätten, etwas zurückzugeben, sagt er.

Dennoch wirkt der sonst so ruhige Arif für einen Moment fast verärgert, als das Thema zur Sprache kommt. Es fällt ihm sichtlich schwer zu verstehen, wie die deutschen Behörden überhaupt darüber nachdenken können, ihn in ein Land zurückzuschicken, in dem ganz offensichtlich Krieg herrscht. „In den Asylverfahren wird in drei Tagen über dein ganzes Leben entschieden“, sagt Arif und schüttelt traurig den Kopf. Bis es zu seiner Anhörung kommt – irgendwann in den nächsten zwei Wochen oder den nächsten zwei Jahren – könnte Arif einfach nur abwarten, doch stattdessen hat er sich dafür entschieden zu kämpfen.

„Vor dem Krieg hatten wir in Afghanistan ein gutes Leben“, sagt Arif. Es gab für ihn und seine Familie keinen Grund zu fliehen. Sein Vater ist Herausgeber einer Tageszeitung in Afghanistan, und auch Arif und seine Brüder haben für die Zeitung als Journalisten gearbeitet. Am Ende war genau jene Arbeit der Grund für ihre Flucht: Eines Tages explodierte im Auto des Bruders eine Bombe, als sie gerade auf dem Weg zur Arbeit waren. „Wir hatten alles – nur keine Sicherheit mehr“, sagt Arif, dessen rechte Wange seitdem von einer Narbe gezeichnet ist. Der Vater befahl ihnen zu fliehen, aber er gab ihnen auch eine wichtige Lektion mit auf den Weg: „Ein Journalist hat nur seinen Stift als Waffe – aber diese Waffe muss er nutzen.“

Arif hat sich diesen Satz sehr zu Herzen genommen. Seit er in Deutschland ist, arbeitet er ehrenamtlich beim Radio Feierwerk für das Format Munich International Radio, engagiert sich in verschiedenen Flüchtlingsinitiativen wie Mut Bayern und arbeitet nach wie vor als Auslandsreporter für die Zeitung seines Vaters, die über die Lage von Afghanen in Deutschland berichtet. Dass die Wahrheit in einem Kriegsland einen hohen Preis haben kann, weiß er, das hat er am eigenen Leib erfahren – abgehalten hat es ihn noch nie. Ein Kämpfer bleibt eben ein Kämpfer – im echten Leben und auf der Matte.

Text:
Jacqueline Lang 

Foto: Robert Haas

Neuland: Sportiply

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Björn Jansen, 26, hat seine Idee verwirklicht und einen Onlineshop für Fitnessartikel von A bis Z gestartet.

Studenten, die knapp bei Kasse sind, freuen sich über jeden gesparten Euro. Nicht nur beim Lebensmitteleinkauf oder den Reiseplanungen, sondern auch im Bereich Sport und Training sollten sie deshalb die Möglichkeit haben, Preise und Produkte zu vergleichen. Das dachte sich auch Björn Jansen, 26, und gründete eine Suchmaschine für den Sport- und Fitnesssektor. Seine Motivation: Natürlich geht es ihm wie anderen Studenten darum, Geld sparen zu können. Er wollte aber auch seine Idee verwirklichen.

„Auf Sportiply bieten wir unserem User alles an, was er für sein Training braucht. Angefangen mit Schuhen bis hin zu Hanteln und Supplements, ist alles in unserem Produktportfolio enthalten“, sagt der junge Münchner und ergänzt: „Ich kannte solche Suchmaschinen für Preisvergleiche von Mode- oder Hotelseiten. Allerdings hat es bisher noch keinen Anbieter gegeben, der seinen Schwerpunkt auf Fitness und Training legt.“ Neben den zahlreichen Angeboten kann man auf „Sportiply“ auch vielerlei Tipps und Tricks zu Ernährung und Sport finden. Diese teilt Nathalie Jansen, die 22-jährige Schwester des Gründers, in ihren Beiträgen zum Sportiply-Magazin. Nathalie ist gelernte Physiotherapeutin und Fitnesstrainerin.

Text: Anastasia Trenkler

Foto: Uber Images/Fotolia

 

Der mit dem Ball tanzt

Er kickt in U-Bahnhöfen, weil ihm der Trainingsraum fehlt: Freestyle-Fußballer Sven Fielitz. Was die vorbeilaufenden Passanten oft nicht wissen – Sven ist einer der besten Freestyle-Fußballer der Welt. Im Netz zeigt er regelmäßig Videos seines Könnens.

Im Zwischengeschoss der U-Bahn-Station Bonner Platz, kurz nach Feierabend. Die Menschen strömen von der Rolltreppe über die weißen Fliesen Richtung Ausgang. Musik schallt aus einem Lautsprecher am Boden und bringt etwas Leben in die Passage zur Karl-Theodor-Straße. Immer wieder bleiben Passanten stehen und blicken in Richtung der Funk-Töne. Im Rhythmus der Musik trainiert der Fußball-Freestyler Sven Fielitz seine neuesten Tricks und Kombinationen. Mal liegt der Ball im Nacken des Sportlers, mal eingeklemmt zwischen seinen Knien – ohne, dass der Ball auf den Boden fällt. Als die Choreografie nach einer halben Minute zu Ende ist, gibt es Komplimente und Applaus von den Zuschauern. Kurze Pause, ein Schluck Wasser – dann wirft Sven den Ball in die Luft und fängt von Neuem an. 

Freestyle ist ein Sport, der Fußball, Tanz und Choreografie kombiniert. Auch weil jeder – mehr oder weniger gut – einen Ball kicken und auch tanzen kann, ist die Kombination für viele Beobachter so faszinierend. Was die Passanten nicht wissen: Sven ist einer der besten Freestyler der Welt, der zu internationalen Wettkämpfen eingeladen wird. Für diesen Status hat der 23-Jährige lange und hart gearbeitet. Wie viele Jungs spielte der gebürtige Luxemburger seit Kindertagen Fußball im Verein – bis er sich vor knapp zehn Jahren für den Freestyle entschieden hat. „Die hohen technischen Ansprüche und die Kreativität, die man in dem Sport ausleben kann, haben mich einfach mehr gereizt“, sagt er. Tägliches Training gehört wie bei jeder anderen Sportart dazu. Seine Motivation: immer besser, immer kreativer werden. „Wenn ich einzelne Tricks perfekt beherrschen will, trainiere ich am liebsten alleine“, sagt Sven. Aber: „In der Gruppe kann man Kombinationen üben und sich vor Publikum testen, das ist im Freestyle immer wichtig.“ Die Musik ist für den Filmstudenten im Bereich Postproduktion an der Macromedia-Hochschule ein wichtiger Einfluss beim Training. Seit einiger Zeit steht er auf Funk-Musik – der Rhythmus sei perfekt für Freestyle-Choreografien.

Vor allem im Winter sieht man Sven und seine Münchner Freestyle-Kollegen in den U-Bahn-Stationen der Stadt. Das war nicht immer so – am Anfang seiner Karriere hat er in Tiefgaragen oder im Keller trainiert. Nach seinem Umzug nach München musste er etwas Neues finden – bei den Immobilienpreisen der Stadt nicht so einfach. Für Individualsportler sind Sporthallen nahezu unbezahlbar, mindestens 20 Euro zahlt man für eine Stunde. Die Ballkünstler brauchen jedoch ein bestimmtes Pflaster, um optimal trainieren zu können – so ist Sven auf die U-Bahn-Station gekommen. „Es ist warm, trocken und hell. Im Winter ist das ein perfekter Platz zum Trainieren“, sagt er. Heute nutzen auch andere Sportler die U-Bahn. Dabei war die Suche nach der perfekten Station nicht so einfach. Sven hat in der Gegend um die Münchner Freiheit alle getestet – und am Bonner Platz seinen Stammplatz gefunden. „Der Boden darf nicht zu glatt, aber auch nicht zu rau sein – ebenso muss viel Platz und gutes Licht verfügbar sein“, sagt er. 

Gutes Licht ist nicht nur wichtig für den Sportler selbst, sondern vor allem für die Kamera, die ihn oft begleitet. Die Freestyler filmen sich beim Training und können so ihre Fähigkeiten und neuen Ideen im Internet als Video teilen. Sven weiß, dass soziale Netzwerke und Youtube dem Sport eine globale Bühne bieten. Die moderne Technik hilft dem Freestyle auch dabei, sich als Sport weiterzuentwickeln. „Dank Smartphones kann jeder seinen neuesten Trick sofort vorstellen – nur so kann sich die Szene weltweit verbessern“, sagt Sven. Für den Filmstudenten bietet dies auch die Möglichkeit, seine beiden Leidenschaften zu verbinden. Er nutzt seine Kenntnisse beim Bearbeiten von Videomaterial, um die Choreografien von sich und anderen in hochwertige Kurzfilme über den Sport zu verwandeln. Unter dem Namen „TekNeek“ hat Sven mit einem Belgier eine Filmgruppe gegründet, die als eines der wichtigsten Portale für Freestyle-Filme gilt.

Wenn Sven in einem U-Bahn-Zwischengeschoss trainiert, kommt das bei den meisten Passanten gut an. Die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) hingegen ist nicht unbedingt von den Ballkünstlern begeistert. „U-Bahnhöfe sind keine Sporthallen und dürfen schon aus Sicherheitsgründen nicht für die Ausübung von Sportarten benutzt werden“, sagt Matthias Korte, Pressereferent bei der MVG. Skateboards und Rollschuhe seien ebenso verboten – nur scheint nicht ganz klar zu sein, ob Freestyle auch in diese Kategorie fällt. Tanzende Menschen werden schließlich auch nicht des Bahnhofs verwiesen. Klarer ist die rechtliche Situation, was das Filmen angeht. Die MVG verlangt für gewerbliche Aufnahmen in den Betriebsanlagen eine schriftliche Genehmigung. „Spontane Schnappschüsse für private Zwecke liegen im Ermessen unseres Betriebspersonals, werden aber normalerweise nicht beanstandet“, heißt es bei der MVG. Sven wurde bereits mehrmals von U-Bahnwachen angesprochen – des Bahnhofes verwiesen wurde er jedoch noch nie. „Dass wir hier trainieren, findet das Personal meistens eher lustig“, sagt er. Man mache ihn aber durchaus darauf aufmerksam, dass er für das Filmen eine Genehmigung bräuchte.

Demnächst hat Sven seinen Bachelor-Abschluss in der Tasche. Dann möchte er eine Weltreise machen – und dabei einen Film über die Freestyle-Szene drehen. „Freestyle verbindet Menschen und Kulturen gleichermaßen – und genau das will ich in einem Film festhalten.“

Matthias Kirsch

Fotos: Lorraine Hellwig

Für die Inhalte der verlinkten Videos ist die Süddeutsche Zeitung nicht verantwortlich.

Im Gleichgewicht

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Bei „Walk the Donau“ stellt Friedi Kühne einen neuen Weltrekord im Slacklining auf. Nach Straubing ist er eigentlich nur zum assistieren mitgefahren. Neben den Studium arbeitet der 24-Jährige als Stuntdouble, gibt Workshops und tritt bei Shows wie „Wetten dass“ auf.

München – Ein wackliges Gummiband spannt sich von einem Ufer zum anderen. Die Slackline ist 121 Meter lang, darunter rauscht der Fluss. Bei dem Spektakel „Walk the Donau“ in Straubing kann Friedi Kühne, 24, die Strecke ohne Sturz überqueren und stellt so einen neuen Slackline-Weltrekord auf: längste Strecke über bewegtem Wasser.

Doch geplant war das alles anders: Der Profi-Sportler Lukas Irmler möchte bei „Walk the Donau“, initiiert vom Verein Erlebnisraum Donau, einen neuen Weltrekord aufstellen. Für den Slackliner wäre das nicht der erste Weltrekord, schon mehrere Guinness-Buch-Einträge konnte er aufstellen, wie den „Highline-Höhenrekord auf über 5000 Meter“. Doch das ist dem 26-Jährigen nicht genug. 121 Meter über einen Fluss, das hat noch nie jemand geschafft. Sein Freund Friedi, selbst begeisterter Anhänger des Sports, bei dem es gilt, über ein wackliges Gummiband zu balancieren, hilft Lukas beim Aufbau für das Spektakel in Straubing. „Dass ich es nach Lukas auch probiere, war von Anfang an klar“, sagt Friedi.

Viertausend Besucher und das Fernsehen sind gekommen, um den Weltrekord live mitzuerleben, doch auf der Hälfte der Strecke stürzt Lukas, er kann sich noch halten und überquert die Slackline, doch für den Rekord reicht es nicht. Nach dem missglückten Versuch besteigt Friedi das Seil und kann es beim ersten Versuch überqueren, ohne zu stürzen. Der Weltrekord steht.

Angefangen hat die „Sucht“, wie Friedi seine Leidenschaft für Slacklinen bezeichnet, bei einem Kletterurlaub in Italien. Freunde haben die Slackline zwischen Felsen gespannt, aber die ersten Versuche waren deprimierend. „Ich fand es am Anfang blöd. Ich hatte keine Chance, über die Slackline zu kommen“, sagt Friedi. Doch die Abneigung entwickelt sich rasch zu einem Trotz, der ihn antreibt, das wacklige Band überqueren zu können. Der Ehrgeiz packt den 24-Jährigen. Er kauft sich seine eigene Slackline und übt sooft es geht. Sofort nach dem Schulunterricht spannt er das wacklige Band zwischen zwei Bäume. „Ich habe mich darüber gekämpft, bis ich es dann konnte“, sagt er. Dafür musste er eine Woche üben. „Erst konnte ich zehn Meter, dann dreißig, dann hundert, dann hundertfünfzig ohne Probleme balancieren.“

Drei Jahre intensive Beschäftigung folgen, auch ein Auftritt bei der ZDF-Show „Wetten, dass . . ?“ als Wettkandidat, bei der Friedi den zweiten Platz belegen konnte. Gerade studiert er im achten Semester Gymnasiallehramt, Mathematik und Englisch. Als Lehrer wird er sein künftiges Leben finanzieren, Jugendlichen Geometrie und Vokabeln beibringen, obwohl er lieber jede freie Minute auf dem wackligen Gummiband stehen würde. Damit verdient er sogar auch Geld. Er leitet einen Kurs beim Hochschulsport, gibt Workshops, tritt bei Shows auf und arbeitet gelegentlich als Stuntdouble für Filmproduktionen. Ein guter Nebenjob, doch zu wenig, um davon leben zu können. Das liege daran, dass Slacklining als Sportart noch nicht so vermarktet wird. Man könne damit nicht so viel verdienen, damit es zum Leben reicht, wie man es von Fußball und Leichtathletik kenne. „Gott sei Dank, so kennen sich die guten Slackliner untereinander, weil es noch überschaubar ist. Es ist alles viel ursprünglicher und echter, der Wettbewerbsgedanke ist noch nicht so entwickelt, wie es bei vielen anderen Sportarten der Fall ist“, sagt Friedi.

Foto: www.elephant-slacklines.com

Stefanie Witterauf