Zeichen der Freundschaft: Post für Dich

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In der Schule haben unsere Autorin und ihr Freund Alex zusammen die schlimmsten Lehrer überstanden, jetzt trennen sie mehrere Stunden
Autofahrt. Aber sie haben einen besonderen Weg gefunden, ihre Freundschaft am
Leben zu erhalten…

Ich springe die zwei
Stufen zu meiner Haustüre hinauf. Mit einer Bewegung sperre ich auf und bin
auch schon durch die Tür. Einmal um die Ecke, meine Finger suchen wie von
selbst den kleinsten Schlüssel am Bund. Meine Augen wandern über die Wand mit
den braunen Metallkästen. Sie bleiben genau in der Mitte hängen. Ich schiebe
den Schlüssel ins Schloss und ich wappne mich für die Leere, die mir gleich
entgegenschlagen wird.  Außer der
“Das Stück für zwei Euro”- Pizzabude nebenan, die nur darauf wartet,
vom Gesundheitsamt geschlossen zu werden und Ikea schreibt mir nämlich nie
jemand. Naja, fast nie. Denn alle paar Monate kommt so ein Tag wie heute. Ich
öffne die Türe und eine Postkarte fällt mir entgegen. Meine Finger können sie
nicht mehr auffangen und sie landet am Boden. Ich bücke mich nach der Karte und
werfe  einen kurzen Blick auf die
Rückseite. Strichmännchen schauen mir entgegen. Ich weiß sofort, von wem die
Karte ist.

Alex und ich haben uns auf einem Schüleraustausch kennen
gelernt. Zwei Wochen und zwei Transatlantikflüge später und wir waren
unzertrennlich. Vielleicht weil Alex und ich uns beim Reisen kennengelernt
haben, versuchen wir heute noch, den anderen an unseren Urlauben teilhaben zu
lassen. Denn im Alltag sehen wir uns nie so oft, wie wir gerne würden. Alex
entschloss nach dem Abitur, in Österreich sein Glück zu suchen (oder besser
gesagt, einen interessanten Bachelorstudiengang ohne N.C.) und ich zog nach
München. Gerade weil wir uns oft nur in den paar Monaten zwischen den Semestern
sehen, ist das Postkartenschreiben unsere Tradition geworden. Kleine
Erinnerungen an unsere Freundschaft, die irgendwie immer genau zum richtigen
Zeitpunkt im Briefkasten landen.

Seit unserer Zeit in Amerika sind sieben Jahre und viele
Urlaube vergangen. Mittlerweile sind für mich Ferien undenkbar, in denen ich
nicht fieberhaft nach der lustigsten, ausgefallensten oder oft hässlichsten
Postkarte suche. Während meines Urlaubs an der Ostküste der Vereinigten Staaten
habe ich fast zwei Wochen mit der Suche verbracht, nur um dann festzustellen,
dass Washington D.C. der Albtraum für Postkartenschreiber ist. Leider kein
Touristenladen weit und breit, der die Straßenzeilen entstellt. Letztendlich
fand ich eine Postkarte, in einem leergekauften Drogeriemarkt, ganz hinten zwischen
ausgelaufenen Schneekugeln. Ein vergilbtes Exemplar, scheinbar übrig geblieben
aus den Neunzigerjahren. Ein wahres Kunstwerk aus zufällig ausgewählten
Wahrzeichen Washingtons, die in der Luft zu schweben scheinen, gemalten
Kirschblüten und Feuerwerk, alles vor einem sternenklaren Nachthimmel. Damit habe
ich eindeutig gewonnen.

Denn mit der Zeit haben wir beide den Ehrgeiz entwickelt,
kreativere Postkarten zu schreiben als der andere. Berichte vom Wetter und
Beschreibungen des Hotelstrands sind uns zu langweilig. Alex zeichnet gerne
Comics und viele seiner Karten zieren minimalistische Zeichnungen, die
teilweise nur mit einer Lupe zu entziffern sind. Meine aufwendigste Karte
bisher schickte ich aus einem verregneten Nordseeurlaub. Genauer bestand sie aus
zwei Teilen: für die erste Karte dachte ich mir einen Geheimcode aus, auf
dessen Lösung man nicht ohne Hilfe kommen konnte. Und die zweite Karte
beschrieb ich mit dem Lösungsschlüssel für die erste. Diese schickte ich
natürlich erst eine Woche später los, um Alex warten zu lassen.  Doch der Höhepunkt unseres Postkartenwechsels
war sicher eine Karte mit einem Herz vorne und einem Heiratsantrag hinten.
Nein, nein, nicht das was ihr jetzt denkt! Es war doch nur ein Experiment, ob
mein Briefträger die Karten liest, die er austrägt…
Es gibt wirklich nichts, was nicht auf der Rückseite einer Postkarte den Weg in
den jeweils anderen Briefkasten gefunden hat. Wir bewahren alle Postkarten
sorgsam auf und scherzen darüber, uns auch noch zu schreiben, wenn wir neunzig
sind.

Die heutige Karte ziert ein eher uninteressantes Bild eines
einsamen Weinbergs in mitten von Hügeln. Die Rückseite ist dafür umso dichter
beschrieben, wie um die Leere der Vorderseite auszugleichen. Alex hat ein
Gitter aus kleinen Kästchen gezogen und in jedes Quadrat eine Szene mit
Strichmännchen gemalt. Ereignisse aus seinem Alltag. Es sind zwar nur banale
Erzählungen, aber auf eine Postkarte geschrieben haben sie meinen Tag versüßt.
Irgendwie sorgen unsere Karten immer dafür, dass wir uns nicht aus den Augen
verlieren.

Text: Annika Wiedemann

Foto: Yunus Hutterer

250 Zeichen Wut: Smalltalk

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Smalltalk könnte so einfach sein, wenn es diese Leute nicht geben würde, die dann anfangen ununterbrochen von sich selbst in den besten Tönen zu berichten.

Auf Partys lieber nicht reden, als mit Fremden, war das Muster. Als ich es geschafft habe mir eindringlich einzureden, dass die belanglosen Gesprächsklauseln ein wichtiger Mechanismus im Kennenlernen sind, verwickle ich in einer WG-Küche ein Mädchen mit „Was machst du?“ in ein Gespräch und sie erzählt mir fünf Minuten lang ohne Gegenfrage, wie toll sie sei. Smallltalkern wird es auch nicht leicht gemacht. 

Text: Hubert Spangler

Zeichen der Freundschaft: Rampenbier

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Bier, Theater und Zusammenleben und Zusammenarbeit – unsere Autorin berichtet von einem der tollsten Jahren ihrer Jugend.

Wir laufen die Rampe entlang, dann durch den langen Gang,
betoniert sind der Boden genauso wie die Wände und die Decke. Man hört schon
von hier den Wumps der Musik im Obergeschoss. Jemand Fremdem könnte man an
dieser Stelle niemals ernsthaft verklickern, dass wir gerade auf dem Weg ins
Theater sind. Viel zu sehr lässt die Atmosphäre auf eine Untergrund-Techno
Party schließen. Durch die schwere Türe werden wir die schmale Treppe hoch in
die bunten, provisorisch eingerichteten Räumlichkeiten unseres kleinen Theaters
geführt. Im riesig großen Proberaum ist das Licht aus und die Musik laut. An
jedem Möbelstück, auf jedem Schreibtisch, in der Einrichtung jedes einzelnen Raums
erkennt man den hier herrschenden, niemals endenden Arbeitsprozess. Jetzt sind
wir da. Und unsere Einflüsse haben direkten Einfluss auf die Arbeit an diesem
besonderen Theater.

Auf der Rampe sitzend denken wir nun – wenn wir alle wieder
gemeinsam für ein Projekt zusammen kommen –  an diese wunderbare Zeit,
wenn wir wieder einmal bis tief in den Abend hinein gearbeitet hatten, jemand
in weiser Voraussicht schon einmal eine Menge Bier gekauft hatte, und unsere
Energie noch stundenlang nicht nachlassen wollte. Aufgedreht von diesem Zauber
tanzten wir bis in die Morgenstunden in unserem Proberaum. Ich habe noch nie so
viel Gefühl gespürt wie in diesem Jahr, mit Euch. Diese Zeit gehört uns.

Als wir vor drei Jahren das erste Mal an dieser Rampe
ankamen, uns alle fremd waren, und ein Jahr dort miteinander verbringen
sollten, einte uns die unstillbare Lust, Theater zu machen, etwas zu bewegen.
Zu lange hatten wir auf der Schulbank stillgesessen, Matheformeln auswendig
gelernt und von einem Leben, frei mit der Kunst, geträumt. Plötzlich stießen
wir dort, vorerst unscheinbar, auf der Rampe auf Gleichgesinnte. Ein reger
Austausch begann, Freundschaften entstanden, wir als Team wurden zu einer
unschlagbaren Gemeinschaft. Es begann ein Jahr voll mit so vielen Eindrücken,
dass die Zeit nicht zum Verarbeiten reichte, ein einziger monatelang
anhaltender Rauschzustand. Wir verliebten uns ineinander, wir stritten uns
miteinander, wir wohnten zusammen, wir standen gemeinsam auf der Bühne und
leiteten Kindergruppen an. Das Rampen-Bier wurde zu einer festen Instanz unseres
Alltages, zwischen Schülergruppen und Schauspieltraining. Die Rampe war der
Aufgang des Theaters, für uns der Treffpunkt nach Feierabend, wenn wir die Aura
des Theaters noch nicht verlassen wollten. Auf der Rampe entwickelten wir
unsere Ideen gemeinsam weiter und lernten die Songtexte von Miley Cyrus’
Wrecking Ball und Lafees Virus auswendig. Wir schmiedeten Pläne für
Zusammenarbeiten nach unserem gemeinsamen Jahr, alle bereits in dem Wissen, dass
wir danach wieder sehr weit voneinander entfernt wohnen
würden.

In der Zwischenzeit – in den zwei Jahren seitdem unser Jahr
vorüber war– ist das Theater in ein Haus umgezogen. Unser Bunker von damals
ist für uns nicht mehr betretbar. Mit unserem Dosenbier sitzen wir deshalb
abends auf der Rampe und blättern wie in einem Fotoalbum durch unsere
gemeinsamen Erlebnisse – jemand erzählt von dem Abend, als wir “Die 5 Entdecker”
gründeten, mit einem Stapel “Cards against humanity” durch die Stadt liefen und
die Plakate zur Landtagswahl verschönerten, die CDU Plakate in Frischhaltefolie
wickelten und mit  „Ideen von gestern
frisch halten“ beschrifteten. Wie wir ins Freibad einbrachen und nackt durch
den Regen tanzten. Insider-Sprüche prasseln auf uns ein. „Krautsalat, du
Fotze!“, der wohl bekannteste, als ich Krautsalat aß und der Junge mit dem
Sprachfehler mir erklärte, wie das meine Verdauung beeinflusst. „Krautsalat? Du
furzen!“ sagte er. Ich war entsetzt: „Hast du gerade Krautsalat, du Fotze zu
mir gesagt?“. Oder als wir zu zehnt in einer Wohnung schliefen, an einem Tag
alle unsere Wäsche wuschen und im Wohnzimmer aufhängten. Am nächsten Morgen war
die Luftfeuchtigkeit im Zimmer ins Unermessliche gestiegen und unsere Kleidung
noch pitschnass. Wir steckten sie in die Mikrowelle, das war keine besonders
gute Idee. Der Abend als wir in der Stripperlounge, so war eine unserer WGs
benannt, völlig bekifft im Wohnzimmer rumlungerten und auf die Frage der
Anderen, was denn los sei antworteten: „Wir wollen nicht, dass ihr merkt, dass
wir bekifft sind.“  

Das Jahr war anstrengend, wir arbeiteten viel und steckten
all unsere Energie in die Projekte. Wir hatten kaum mal ein Wochenende frei,
erst Recht keine Zeit einem anderen Hobby nachzugehen. Trotzdem rauschen vor
unserem inneren Auge die ausgelassenen Momente vorbei. Die Premierenfeier mit
Sahneschlacht, Übernachtungsparties im Proberaum, Geburtstagsfeiern,
Inszenierungsideen, die Momente, wenn wir feststellten, dass wir ganz besondere
Menschen getroffen hatten, hier, an diesem Theater, auf dieser Rampe. Die
Geschichten nehmen kein Ende, genauso wie die Nächte an der Rampe, wenn wir
beieinander sind. 

Text: Jana Haberkern

Foto:
Yunus Hutterer

Zeichen der Freundschaft: Mitternachtssnacks

Im Leben gibt es Schicksalsschläge, die man nur schwer verarbeitet. Genau in solchen Zeiten ist es schön Menschen an seiner Seite zu haben, die mit einem gemeinsam trauern. Das schweißt zusammen.

Es ist Donnerstag Nacht und ich habe am nächsten Morgen Colloquiumsbesprechung. Ich weiß, eigentlich sollte ich im Bett liegen. Dennoch sitze ich, eingeklemmt als dritte Person auf einem 2-Mann-Sofa in der randvollen Sendlinger Jungs-WG-Küche, ein Glas Rotwein und einen Heimweg von zwei Stunden vor mir, und bekomme einen Teller Nationalgericht von irgendwo, etwas mit Kichererbsen und Fladenbrot in die Hand gedrückt.

Wir sind ungleiche Freunde, die meisten hier über fünfundzwanzig, gerade dabei, ihr Leben in den Griff zu bekommen und ich seit ein paar Wochen achtzehn, beschäftigt mit dem Abi und völlig planlos für die Zeit danach.
Ich erinnere mich gut an unsere erste richtige Begegnung. Ich bin elf, zwölf, irgendwas um den Dreh und ich habe in dieser Zeit ziemliche Probleme mit dem Schlafen, bin stundenlang wach und kann die Augen nicht schließen.
Und man kennt das ja, nachts, im Dunkeln, sind Geräusche lauter und Gerüche intensiver. Ich liege also da, alle Sinne scharfgestellt, und versuche zu schätzen, wie viele Paar Füße da in unserer Küche herumlaufen. Und wundere mich über den Geruch. Knoblauch. Ich werde sowieso nicht einschlafen, also schleiche ich mich runter, nur um mal zu lauschen und vielleicht durchs Schlüsselloch zu schauen. Natürlich werde ich entdeckt. Und stolz wie Oskar sitze ich ein paar Minuten später am Tisch, mit meinem Bruder und seinen Freunden und einem Teller Nudeln vor mir.

Es sollte mein erster von vielen Mitternachtssnacks mit ihnen sein und die Hoffnung, Schritte in der Küche zu hören und etwas zu riechen, machte das Nicht Schlafen können um so viel weniger schlimm.

Im Nachhinein würde ich es keinem übel nehmen, hätte man mich einfach wieder rausgeworfen, die kleine nervige Schwester, sieben Jahre jünger und verknallt in jeden der coolen Freunde. Ich weiß noch so genau, wie ich meinen Bruder um sie beneidet habe. Große Jungs, die Sonntag früh in unserem Wohnzimmer aufwachten, die Augen ganz verquollen und den Kater so deutlich ins Gesicht geschrieben, dass meine Mutter den Abgabetermin in der Bücherei sausen ließ, um allen Kaffee zu kochen. Große Mädchen, die auf dem Festnetz anriefen und ihn unbedingt sprechen wollten, die mit uns am Abendessen saßen und nur ganz wenig Reis aßen, und dafür viel Salat. Freunde, mit denen er klettern ging, in die Berge, feiern, spontan wegfuhr, nach Barcelona, Sardinien, Chamonix. So erwachsen, so locker. Er und seine Freunde kamen mir vor wie das Non Plus Ultra an Coolness und Reife. Ich weiß noch, wie ich meiner Mutter sagte, ich wolle auch mal solche Freunde. Freundschaft und Vertrauen sind eine seltsame Sache. Oft brauchen sie ewig in ihrer Entstehung.

Und dann kommt es manchmal von einen Tag auf den anderen. Als mein Bruder starb, da waren sie einfach da. Und mit ihnen diese Nähe. Und irgendwo auf
beiden Seiten Dankbarkeit dafür, jemanden zu haben, dem es genau so geht wie einem selbst. Sie standen weinend vor der Tür, saßen verloren in unseren Küchenstühlen, hielten Reden bei der Beerdigung und erstellten Playlists mit Musik, die uns an ihn erinnerte. Ließen sich von mir in den Arm nehmen, als ich noch nicht weinen konnte und taten später das selbe für mich. In einer Zeit,
als ich nicht wusste, wohin mit mir waren sie da. Und nahmen mich mit in ihre Welt aus ausgelatschten Kletterschuhen, Festivals und Drei Fragezeichen Hörspielen. Vor ein paar Monaten noch nannte ich sie „die Freunde von meinem Bruder“. Inzwischen sage ich einfach „Freunde“. Sie leihen mir die Ersatzschlüssel für ihre Wohnungen, für den Fall der Fälle, schmuggeln mich in Clubs und fragen mich, wo ich bleibe, wenn ich beim obligatorischen Donnerstag-Abend-Essen nicht da bin. Wir planen gemeinsam Urlaube und zicken uns an, wenn wir uns gegenseitig auf die Nerven gehen. Und irgendwie ist es normal geworden, mit Menschen abzuhängen, die gerade in einem völlig anderen Lebensabschnitt stecken als ich. Weil uns etwas zusammengeschweißt hat, was den Altersunterschied überwiegt.

Ich bin kein Ersatz. Und das sind sie auch nicht. Aber ich finde meinen Bruder in ihnen und sie finden ihn in mir. Und wenn sie mich heute abends noch heimfahren, dann kommen sie manchmal noch mit rein. Auf einen Mitternachtssnack.

Text: Magdalena Siebers

Foto:

Yunus Hutterer

Zeichen der Freundschaft: Künefe mit Scooter

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Tee und Zuckerspeise, wer sagt dazu denn schon Nein? Besonders,
wenn das verlockende Angebot nur eine Fahrstuhlfahrt entfernt wartet.
Unsere Autorin erzählt von (Wohnheim)nachbarn, die zu Freunden werden.

Mein Handy
klingelt, eine der täglichen Nachrichten von Mihri auf WhatsApp: „Schatzife,
das Künefe ist fertig, magst du vorbeikommen?“ Eine arabische Süßspeise,
zubereitet mit einer Packung geschmolzener Butter. Und ob ich will! Schnell
laufe ich zum Aufzug und fahre ein paar Stockwerke höher. Gerade in dem Moment,
als mir Mihri die Tür öffnet, fällt mir ein, dass ich meinen Teller und mein Besteck
vergessen habe. Genauso wie die Decke und die Knieschoner, die sie mir vor
einigen Wochen ausgeliehen hat und ich immer wieder vergessen hab’,
sie zurückzubringen. „Kein Problem“, sagt sie lachend, „du kannst Teller und
Besteck von mir bekommen und bring’ die Sachen dann
einfach nächstes Mal vorbei“, wohl wissend, dass ich die Sachen wahrscheinlich
auch nächstes Mal vergessen werde.

Mihri und
ich haben uns in der schönen „Stusta“ kennengelernt. Wir haben uns zunächst auf
den Wohnheimversammlungen öfter gesehen und als wir beide Tutorinnen waren,
fingen wir an, uns immer besser zu verstehen. Dabei entdeckten wir schnell
viele Gemeinsamkeiten: Sie versteht mit ihren türkischen Wurzeln genauso gut
wie ich mit meinen albanischen, wie es ist, zwischen zwei Welten aufzuwachsen.
Oft reden wir genau darüber und lachen Tränen, wenn wir uns über manch’ lustige
Erfahrung aus unserer Kindheit austauschen. Auch die „Dimensionen“, die damit
zusammenhängen und die keiner versteht, sind zu einem Running-Gag von uns
geworden. Was uns noch verbindet, ist dass wir aus derselben Ecke
Norddeutschlands stammen: Sie wohnt zufällig nur einen Nachbarort von mir
entfernt. Das heißt, dass wir sowohl in München, als auch in Niedersachsen
Nachbarn sind. Wenn wir unsere Eltern besuchen, ist es schön, sich auch dort treffen
zu können oder gemeinsam wieder nach München zu fahren.

Es ist ein
großer Vorteil, wenn eine der besten Freundinnen im gleichen Gebäude wohnt und
der Weg nur eine Aufzugfahrt entfernt ist. Wir treffen uns oft ganz spontan zum
Tee trinken. Sie wählt jedes Mal die Sorte Jasmin und ich Pfirsich. Dabei reden
wir oft über persönliche Dinge. Diese Vertrautheit, sich alles erzählen zu
können und vor allem dieses blinde Vertrauen sind das, was ich am meisten an
ihr schätze und das uns verbindet. Oft macht sie dann den Künefe, die leckerste
Kalorienbombe der Welt. Dabei sitzen wir oft mit einer weiteren gemeinsamen
Freundin auf ihrem Bett, hören Scooter und entscheiden spontan, uns ein Jahr
vor dem Konzert Scooter-Tickets zu kaufen.

Genau in
diesem Moment schreibt sie mir, dass ihre Klausur gut lief und fragt, ob ich
noch vorbeikommen mag. Ich lächle und freue mich schon auf das, was sie mir
noch zu erzählen hat. Die „Dimensionen“ versteht außer uns eh niemand.

Text: Serafina Ferizaj

Foto: Yunus Hutterer

Zeichen der Freundschaft: Pechvögel

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Elli und Barbara retten sich gegenseitig immer wieder. Egal ob das Handy mit wichtigen Flugdaten kaputt geht oder sie wegen Zahnschmerzen nicht schlafen können – gemeinsam stehen sie alles durch.

Ich putze gerade meine Fenster als mein Handy piepst. Über die Schulter
hinweg werfe ich einen Blick auf das Display. Eine Nachricht von Ellis Mutter.
Was ist denn jetzt wieder passiert, frage ich mich und unterbreche meine
Putzaktivitäten. Um das gleich vorab zu sagen: Elli ist ein Pechvogel. Und ganz
zufällig leiste ich ihr da oft Gesellschaft.

Schon im Kindergarten passierten
mir die merkwürdigsten Sachen. Dass die anderen Kinder eines Tages in meiner
Umhängetasche einen uralten, längst vergessenen Schnuller entdeckten und mich
stundenlang auslachten, ist nur eines von unzähligen Beispielen. Wie froh ich
war, als ich Jahre später auf der Fachoberschule auf Elli traf. Instinktiv
wusste ich, die ist auch so wie ich. Genauso verträumt, genauso verplant und anscheinend
ebenso sehr vom Pech verfolgt.

Aber zurück zur Handynachricht: Ellis Mama
schreibt, das Handy ihrer Tochter sei auf unerklärliche Weise kaputt gegangen.
Aber Elli fliegt heute Abend nach Rotterdam und die Flugdaten sind alle auf dem
Handy gespeichert. Das hat Elli ihrer Mutter in einem zweiminütigen
Telefongespräch am Münztelefon mitgeteilt – ehe die Verbindung abgebrochen ist.
Ich soll nun eine Freundin anrufen, mit der sich Elli später treffen will. Die
könnte ihr mit diesem Problem vielleicht weiterhelfen.

Die Freundschaft zwischen Elli und mir ist ein Geben und Nehmen: Sitzt eine
in der Patsche, muss die andere eingreifen. Das Gute ist, dass wir selten
gleichzeitig in eine blöde Lage geraten. So haben wir die Möglichkeit, uns
gegenseitig zu helfen. Oder zumindest die beruhigende Stimme des anderen zu
hören. Letztens erst erinnerten wir uns bei einer Tasse Kaffee gemeinsam an
einen von Ellis dunkelsten Tagen: Der Tag der Sportprüfung im Hochsprung.

„Extra eine Sportlehrerin hat Mama für mich aufgetrieben“, sagt sie heute noch
wehmütig. Das Hochspringen hätte sie bis zum Erbrechen geübt. Ihre Mama sei so
stolz auf sie gewesen. Leider fiel Elli während einer ihrer drei Sportprüfungen
auf die Schnauze, sodass sie aufgrund ihrer blutenden Nase für die Hochsprung-Prüfungen
gar nicht mehr zugelassen wurde. „Einmal fünf, zweimal sechs“ lautet Ellis
Schlussplädoyer, während sie mit hängendem Kopf in ihrer Kaffeetasse rührt. Ich
nicke ihr solidarisch zu und deute auf mein Kinn.

Der Weißheitszahn macht
wieder Probleme. Da fiel uns beiden die Geschichte ein, als ich eines Nachts
mit starken Zahnschmerzen halb München zu Fuß durchquerte, weil ich den Bus
verpasste. Am selben Abend übernachtete Elli bei mir, um mich von meinen
Zahnschmerzen abzulenken. Kein Auge hatten wir zugemacht. Ich vor Schmerzen,
Elli wegen meines Gejammers. „Barbara, wir müssen versuchen, zu schlafen, ehe
mein Wecker klingelt“. Eine Sekunde später bimmelte der Wecker bereits. Dass
der frühe Morgen bereits hereingebrochen war, hatten wir nicht einmal bemerkt.

Ohne Elli hätte ich die nächste Nacht wahrscheinlich nicht einmal überlebt. In
Extremsituationen sind wir immer füreinander da. Ich, wenn ihr Geldbeutel
gestohlen wird, und sie wenn, ich die Anmeldefrist für eine Prüfung versäumt
habe. Bei Elli fühle ich mich verstanden, sie kann nachvollziehen, dass mich
bei meinen Missgeschicken zu 99 Prozent keine Schuld trifft.

Und an guten Tagen, an denen wir keine Unfälle, keine
Verletzungen oder verstörende Momente haben, amüsieren wir uns über unsere
kleinen Anekdoten, die wir in all den Jahren so reichlich gesammelt haben. Denn
über sich selbst lachen zu können, ist auch etwas, was uns verbindet.

Von: Barbara Forster

Foto: Yunus Hutterer

Neuland: Sofa-so-good-Bar

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Ziemlich spontan war ein Freundeskreis aus Großhadern und eröffnete, als sich die Möglichkeit ergab, die Sofa-so-good-Bar. Seitdem hat Hadern eine hippe Adresse für Musik, Kabarett oder einfach Bier für unter drei Euro.

Ein Fahrrad an der Wand, ein Radio aus den Fünfzigerjahren und eine Blumenvase aus Bügelflaschen – wie ein hippes Do-it-yourself-Wohnzimmer wirkt die Sofa-so-good-Bar in Großhadern. Ein Freundeskreis aus dem Viertel hat sich mit der Eröffnung vor knapp zwei Wochen einen Kindheitstraum erfüllt. In den vergangenen Jahren hatte die Clique, die sich teils noch aus dem Kindergarten kennt, bereits mehrere Events veranstaltet, um Leben in das nachts eher schläfrige Stadtviertel zu bringen.
 Als sich überraschend die Gelegenheit ergab, eine Bar zu eröffnen, wurden in nur vier Wochen Einrichtung, Konzept und Organisation aus dem Boden gestampft – im Team. Gleichzeitig übernehmen die Freunde ein Stück Stadt-Kultur-Verantwortung: „Wir wollten ein kleines, hippes Lokal um die Ecke erschaffen, in dem man unter der Woche einen coolen Abend haben kann oder sich vor dem Weggehen in der Innenstadt trifft. Auch aus der eigenen Erfahrung heraus, dass uns so etwas hier im Viertel früher gefehlt hat“, sagt Helen Karcher, 27, über ihre Bar, die auch Musikern und Kabarettisten eine Bühne bietet. 

Adresse:  Ossingerstraße 4, 81375 München

Internetseite: www.sofa-sogood.de

Von: Richard Strobl

Foto: 

Philipp Herbster