Gründerzeit

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Studentenwohnheim-Chic trifft Google-Office-Atmosphäre: In Münchens erster Start-up-Wohngemeinschaft „Hyprspace“ vereinen 17 junge Menschen Arbeits- und Privatleben.

Holzzäune, Vorgärten, Vogelgezwitscher. Der Neubau mit dem grauen Schrägdach scheint gut in die Gegend zu passen: schlichte, weiß-beige Fassade, akkurat gemähter Rasen rechts und links des Eingangs. Doch hinter der roten Tür von Hausnummer 58 verbirgt sich eine ganz besondere Wohngemeinschaft: Im sogenannten „Hyprspace“ wohnen Menschen, die gründen wollen. Nach Vorbild von WGs aus dem Silicon Valley vereint das Haus in der Hofangerstraße 17 junge Münchner, die selbst ein Start-up gründen oder bei einem arbeiten. Sie alle sind zwischen Anfang zwanzig und Mitte dreißig, manche haben schon gegründet, andere sind noch in der Planungsphase.

Eingezogen sind die Bewohner des Hauses im Frühjahr diesen Jahres. „Das ist unser Co-Working-Space“, erklärt Psychologie-Studentin Julia Dillard bei einer Führung durch die WG. Die 26-Jährige zeigt auf einen Bereich, in dem zwei abgerockte Sofas stehen. Nur wenige Wochen nach Bezug wirkt alles noch etwas provisorisch. Nebenan, in der Küche, hat jemand einen Biertisch und Bänke aufgestellt, Julias Mitbewohner rollen gerade selbstbelegte Tacos. „Boah, ist der scharf geworden.“ Marc Gänsler, 34, einer der WG-Gründer, muss nach dem ersten Bissen kurz innehalten.

Gemeinsam mit Junggründer Raphael Beese hat er die Immobilie für das Wohnprojekt gesucht. Unterstützung für junge Unternehmer gibt es in München reichlich. So etwa durch die Universitäten oder durch Orte wie das Werk 1 am Ostbahnhof und das Impact Hub nahe der Implerstraße. Hinzu kommen zahlreiche Workshops und Events. Doch ein Wohnprojekt wie der „Hyprspace“ ist in München bisher einmalig, auch wegen des angespannten Mietmarkts. Ein großes Haus zu finden, gestaltete sich für Marc und Raphael dementsprechend schwierig. Von Sommer 2016 an hatten die Freunde nach einem solchen Ort gesucht, zahlreiche Hauseigentümer angeschrieben und ihnen ihre Idee vorgestellt. Viele antworteten nicht einmal.

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Nach langer Suche haben die jungen Unternehmer dann Ende 2016 doch Glück: Knapp 500 Quadratmeter Wohnfläche, 200 Quadratmeter Garten, 17 Zimmer, sechs Bäder. Erstbezug, in München Ramersdorf. „Ramersvalley“, scherzt einer der Bewohner. Vermieterin Marianne Oltersdorf war vom Co-Living-Projekt der Start-up-Unternehmer rasch überzeugt: „Wir haben für das Objekt viele Angebote bekommen, auch von Firmen, aber die jungen Leute waren sympathisch. Uns hat ihre Idee einfach sehr gut gefallen.“ Um die Bewohner des Hyprspace zu unterstützen, hat die Vermieterin deshalb auf eigene Kosten eine besonders große Küche mit zahlreichen Kühlschränken und Tiefkühlfächern installiert. „Ich hoffe einfach, dass die Gründer Glück haben und in unserem Haus schöne Projekte entstehen“, sagt Oltersdorf.

Doch so wohlwollend wie Vermieterin Oltersdorf stehen nicht alle der WG gegenüber. „Aufgrund eines Hinweises aus der Bevölkerung“ ist nun die Lokalbaukommission auf das Wohnprojekt aufmerksam geworden und hat den Jungunternehmern einen Besuch abgestattet. „Die Überprüfung ergab im Wesentlichen eine nicht genehmigte Wohnnutzung im Kellerbereich“, sagt ein Sachbearbeiter des Referats für Stadtplanung und Bauordnung. Deshalb habe man nun ein Anhörungsverfahren eingeleitet, das für die Bewohner im schlimmsten Fall zu einer „Nutzungsuntersagung in diesem Bereich führen kann“. Weiterhin prüfe man, ob es sich bei dem Projekt in Ramersdorf um eine echte WG handle und nicht „um eine gewerbliche Zimmervermietung mit stetigem Nutzerwechsel“.

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Für die Bewohner des Hauses ist das keine leichte Situation. Wer zusammenzieht, puzzelt sein Leben mit dem anderer zusammen. Wo soll die Lampe hin? Wer bringt eine Pfanne mit? Brauchen wir ein Bügeleisen? Jede Wohngemeinschaft muss erst ihren Rhythmus finden, gerade in einem Haus, in dem man nicht nur zusammen leben, sondern auch zusammen arbeiten möchte. Besuch von den Behörden ist da nicht der beste Start ins gemeinsame Wohnen. „Da wir ja ein relativ neues Konzept in der Stadt München sind, verstehen natürlich einige Leute nicht, was wir hier machen und was unsere Ziele sind“ sagt Flo Oberhofer, 28, „das ist natürlich absolut nachvollziehbar, aber trotzdem sehr schade.“ Unterkriegen lassen wollen sich die Gründer dennoch nicht. Nach der ersten Eingewöhnungsphase schaffe man sich bereits eigene Rituale. Beim sonntäglichen „Hyprdine“ etwa kochen alle Bewohner gemeinsam, auch die Gemeinschaftsräume nehmen langsam Form an: Im Co-Workspace steht inzwischen eine schicke Couch mit bunten Kissen, dazu Schreibtische, an denen jeder arbeiten kann, eine Palme für das Wohngefühl. Studentenwohnheims-Chic trifft Google-Office-Atmosphäre.

Die Start-ups der Mitbewohner sind unterschiedlich: Julia entwickelt derzeit eine App, die Inhalte von Lehrbüchern für Studenten digitalisieren und bereitstellen soll. Mitbewohner Flo hingegen erarbeitet gerade ein Konzept, mit dem er Unternehmen eine umfangreiche und seriöse Kommunikation mit ihren Kunden ermöglichen möchte. Und Mathematiker Nico Kraus hat einen eigenen Youtube-Channel. Dort erklärt der 27-Jährige seinen rund 7400 Abonnenten, wie man Stimme und Rhetorik einsetzt, um überzeugend aufzutreten.

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Man habe schon darauf geachtet, Leute mit unterschiedlichen Talenten und Interessen ins Haus zu holen, sagt Julia. Wie die meisten ihrer Mitbewohner ist sie Single. Und Akademikerin. Das sei bei der Auswahl der Bewohner allerdings kein Kriterium gewesen. Rund 150 Leute hätten sich beworben, mit den unterschiedlichsten Lebensläufen. Letztlich habe man sich dann nach Sympathie entschieden. Der Gedanke dahinter: Gemeinsam schafft man mehr. „Wir versuchen uns gegenseitig mit unseren Ideen zu inspirieren. Wenn jemand eine Idee hat, kann er sie hier jederzeit vorstellen“, sagt Julia.

Ihr Mitbewohner Daniel Valenzuela, 24, hat bereits Start-up-WG-Erfahrung. Während seines Studiums war er für ein halbes Jahr in Berkley, hat dort in einem ähnlichen Haus gelebt. Später war er eine Zeit lang Bewohner der sogenannten „Rainbow Mansion“, einem im Silicon Valley sehr bekannten WG-Haus, in dem Nasa-Ingenieure und Google-Mitarbeiter Tür an Tür wohnen. Er sitzt entspannt auf einem der Sofas, schwärmt von den Begegnungen während seiner Amerika-Zeit. Was ihn mit all seinen Mitbewohnern verbindet: das Feuer, der unbedingte Wille, etwas zu gründen. Dabei sind nicht alle gleich erfahren. Julia gründet zum ersten Mal, WG-Initiator Raphael, 29, hat bereits im Jahr 2000 diesen Schritt gewagt. „Wir haben damals eine Webseite online gestellt, auf der wir die 300 besten Seiten im Internet gelistet haben. Das war vor der Internet-Bubble.“ Da war Raphael noch Schüler, hatte wenig Ahnung davon, wie man so ein Projekt sinnvoll aufzieht, der Erfolg war eher bescheiden.

Dass nicht jedes Start-up sofort erfolgreich ist, wissen auch die Bewohner des Hyprspace. Viele von ihnen arbeiten deshalb nebenbei noch in einem anderen Beruf, haben finanzielle Rücklagen gebildet. Auch, weil das Wohnen in der Start-up-WG nicht ganz billig ist: 600 Euro warm kosten die Zimmer im Schnitt, dazu kommen Ausgaben für das Internet, die WG-Kasse und die Reinigungsfirma, die die Riesen-WG zweimal wöchentlich sauber macht.

Nicht zu jedem passt ein solches Leben. Die Unsicherheit, ob man erfolgreich wird. Das dauernde Sich-Beweisen müssen. Aber Julias Mitbewohner suchen genau das: „Ich kann mir für mich keinen Büro-Job vorstellen, in dem ich 20 Jahre das Gleiche mache“, sagt Youtuber Nico.

Um innerhalb des Hauses eine Fluktuation von Ideen zu haben, werden einige der Zimmer in Zusammenarbeit mit der Unternehmer-TUM regelmäßig neu vergeben. Design-Student Doug Huyhn aus San Francisco ist zum Beispiel nur für drei Monate in München. Der 23-Jährige ist Teil der sogenannten „Digital Product School“, einem Programm, bei dem die Teilnehmer lernen, digitale Produkte für große Unternehmen zu entwickeln. Es ist sein erster Abend in der Stadt, noch ist er etwas geplättet vom langen Flug. „Da wo ich herkomme, hat so gut wie jeder sein eigenes Start-up oder arbeitet bei einem“, sagt er.

Es gefällt ihm sofort in München: gemeinsam essen, sich bei einem Bier austauschen, über München und San Francisco, über erste Eindrücke und seltsame Eigenheiten des Gastlandes. Wenn die Mitbewohner so miteinander quatschen, erzählen sie von schönen Reisen, der legendären Stockwerksparty im Studentenwohnheim vor ein paar Jahren, dem Abend neulich, an dem Nico die Mädels aus dem Tanzkurs in den Hyprspace eingeladen hat … Und dann geht es plötzlich wieder um „Pitches“ und „Learnings“, Projektphasen und soziale Nachhaltigkeit. Die Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben sind hier fließend. „Eine Trennung der Bereiche gibt es für mich nicht“, sagt Marc, während er weiter seinen zu scharf geratenen Taco isst.

Text: Carolina Heberling

Fotos: Robrt Haas

Zuhause ist da, wo man barfuß läuft

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Der letzte Samstag der Ausstellung “10 im Quadrat” zeigt, wie schnell man sich in einem öffentlichen Raum heimisch fühlen kann, wenn die richtige Stimmung entsteht. Und wie sehr München Heimat ist – für die junge Kunst und für junge Künstler.

Das Motto des Abends war so klar wie der Himmel an diesem
Samstag über München: barfuß laufen. Dass man sich die Schuhe auszieht, kennt man normalerweise nur, wenn man einen privaten Raum betritt, in südlicheren
Ländern oftmals sogar nur, wenn man wirklich zuhause ist. Doch so sehr sich der
Farbenladen auch bemüht, ein öffentlicher Ausstellungsraum zu sein, so sehr
wird man sich durch die Ausstellung “10 im Quadrat” bewusst, wie eng die
Vernetzung in der Münchner Szene ist, wie sehr Zuhause solche Orte sind, wo Kunst
auf Künstler und Künstler auf Kunst treffen. 

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Die erste, die ihre Schuhe auszieht und ihre Komfortzone erweitert, ist Milena Wojhan, eine der Fotografen. Sie
entfernte sich wohl von den anderen Teilnehmern am weitesten von dem gewöhnlichen Konzept
des Porträts. Sie trat den Künstlern nicht mit ihrer Kamera gegenüber, sondern
fing die Künstler so ein, wie sie auf sich selbst reagierten. Inmitten eines selbstgebauten
Kastens, in dem ein Spiegel platziert wurde, nahmen die Künstler für eine halbe
bis ganze Stunde Platz und konnten sich ganz auf sich selbst konzentrieren.
Durch diesen Spionspiegel fotografierte Milena – und lernte die Künstler
dabei von einer sehr intimen Seite kennen, denn sie zeigten sich nicht einem
anderen Menschen, sie öffneten sich vor sich selbst. Während und nach diesen
Sessions flossen viele Tränen, Milena führte teilweise sehr lange und sehr
offene Gespräche mit den Künstlern. Sie fungierte in diesem Projekt auch als Therapeutin und lernte die Fotografierten noch besser kennen. Auch für Rahmatullah Hayat war dies eine
besondere Erfahrung. Man musste sich nicht verstellen, sondern setzte sich mit
dem eigenen Ich auseinander. So anstrengend dies auch gewesen sein mag, Rahmatullah auf
die Frage, ob er bei einem Projekt wie 10 im Quadrat noch einmal mitmachen
würde: „Auf jeden Fall!“

Neben den Fototalk gibt es an diesem Abend geballte
Frauenpower: Zu Gast sind die jungen Münchner Literaten Carolina Heberling und Desiree Opela, sowie die
Musikerinnen KLIMT und Spring. KLIMT alias Verena Lederer steht barfuß am
Klavier, stellt dem Publikum ihren Tour-Freund “Mister Loop” vor und erzählt enthusiastisch von ihrer neuen Band, die weniger enthusiastisch an die Sache
geht und das gute Wetter lieber an der Isar genießt. Doch KLIMT tut das
keinen Abbruch, die Proben waren noch nicht abgeschlossen und auf Mister Loop
ist eben Verlass. Auch sie lässt das Publikum über das eigene Ich nachdenken und
nutzt Melodien, aus denen man nicht mehr hinausfindet. Ebenfalls barfuß, jedoch
nun mit Gitarre findet sich dann auch Spring alias Marina Sprenger ein. Ihre
Blues-Melodien lockern die Stimmung, es wird mal laut, die eigenen Gedanken
werden übertönt von Springs Stimme. „Ich habe das Gefühl, ich schreie euch an“,
meint Spring, doch selbst wenn – sie hätte gegen die gewöhnliche Stille in
einer Ausstellung angeschrien. Gegen einen unpersönlichen Ort, der zum Wohlfühlraum wird, indem man die Lieblingsmusik aufdreht.

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Für die meisten Besucher und teilnehmenden Künstler ist
zuhause immer noch München – und auch wenn man zum Studieren oder Arbeiten in
die Ferne schweift, hängt man mit seinen Gedanken doch noch an Orten, die so
vertraulich wie das eigene Wohnzimmer sind. Für Desiree Opela gibt es in München
viele dieser Orte, die sie nicht mehr loslassen. In ihrer literarischen
Masterarbeit am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig erzählt sie von zwei
Geschwistern, die in der Landeshauptstadt heimisch sind. Von Leipzig aus über diese Orte zu
schreiben, stellte sie vor eine gewisse Herausforderung – trotz all der
persönlichen Nähe, München aus Distanz ist eben nicht wie barfuß gehen, es ist
mindestens strumpfsockig gehen – vielleicht fühlt es sich sogar an wie in fremden Schuhen zu laufen.

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Auch Carolina Heberling liest aus einer ihrer
Kurzgeschichten vor, die ebenfalls eine bayerische Seite zeigt – die
griesgrämige, wenn man so will. In ihrer Geschichte streicht die Ich-Person in
einem kleinen Dorf mit ihrem Onkel den Zaun – Nachbarn machen eine so
einfache Sache jedoch zu einer echten Herausforderung. Es gibt Vorschriften und
Forderungen: Ist blau genehmigt, sieht blau gut aus und welches blau
eigentlich? Ja, Deutschland ist ein Land der Vorschriften – doch auch das ist
irgendwie ein Teil unseres Zuhauses. Und während die einen gedanklich noch barfuß entlang des blauen Zauns entlang laufen, machen die anderen dies längst entlang der weißen Wände des
Farbenladens.

Text und Fotos: Sandra Will

Zwischen Clown und Krankenhaus

Was es bedeutet, sich in München als junge Schauspielerin zu behaupten: Vera Flück, 23, und Mona Vojacek Koper, 24, sind begeistert von der Theaterlandschaft, fragen sich aber manchmal, ob ein sozialer Beruf nicht doch besser für sie wäre.

Auf der Bühne der Kammer 3 steht nur diese Tür. Mona Vojacek Koper tritt durch sie auf, wieder und wieder. Sie mimt in „Push Up 1 – 3“ eine Geschäftsfrau Ende 20: weiße Bluse, hohe Schuhe, Kaffee in der Hand. Anfangs versprüht diese Figur gute Laune, Professionalität, doch langsam wandelt sich Monas Spiel. Man merkt: Da steckt jemand fest in einer Lebenskrise. Einbauschränke und Einsamkeit, und das mit 28. Mit jedem neuen Auftreten durch die Tür steigert sich so der Grad der Verzweiflung. Als ihr Monolog zu Ende ist, bekommt Mona vom Münchner Publikum einen intensiven Applaus.

Dieses Vorspiel beim sogenannten Intendantenvorsprechen ist einige Monate her, im Sommer ist Mona fertig mit ihrer Ausbildung. Wie hat sie die Zeit in München als Schauspielstudentin erlebt? Und was bedeutet es, sich in dieser Stadt als junge Schauspielerin zu behaupten? Überall auf der Welt gibt es junge, talentierte Schauspieler mit großen Plänen und Visionen. Meist ist es ein kräftezehrender Kampf, bis es diese aufstrebenden Künstler so weit geschafft haben, dass sie ihr Leben ausschließlich vom Schauspiel finanzieren können. Bei kaum einem Beruf klaffen Anspruch und Wirklichkeit so weit auseinander wie hier. Wie verhält es sich damit in München? Hat man als junger Schauspieler hier vielleicht eher Existenzängste als anderswo? Und ist München generell eine attraktive Stadt für junge Künstler? 

Ein Treffen mit den beiden jungen Münchner Schauspielerinnen Vera Flück, 23, und Mona Vojacek Koper, 24 – beide Schauspielstudentinnen an der Otto-Falckenberg-Schule. Um sich ein genaueres Bild von den zwei Schauspielerinnen machen zu können, lohnt ein Blick in die jeweilige Zeit vor dem Schauspielstudium der beiden. Für Vera ist die Schauspielerei eine Art Lebenstraum. Seit sie denken kann, möchte sie in diesem Beruf arbeiten. „Ich war schon immer der Klassenclown und es war schon früh eine Leidenschaft von mir, Menschen zu beobachten und mir deren Welten zusammen zu spinnen“, sagt sie. Weil sie jedoch mit 15 schon mit der Schule fertig war, wollte sie zunächst etwas „Anständiges“ machen. Vielleicht auch etwas, auf das sie zurückgreifen kann, sollte es mit dem Lebenstraum Schauspiel nicht funktionieren? Vera absolvierte eine Ausbildung zur Krankenschwester in ihrer Heimat Bern und arbeitete auch eine Zeit lang in diesem Beruf. „Da lernt man Menschen unverblümt kennen, das empfinde ich als wichtige Erfahrung“, sagt sie. Der Schauspielberuf und das Krankenschwesterdasein – zwei Beschäftigungen, die sich nicht unbedingt ähnlich sind. Doch was sind hier die größten Differenzen bei den Arbeitsbedingungen? Neben den geregelten Arbeitszeiten, sei es insbesondere der Kontakt mit Menschen, den sie im Krankenhaus hatte, sagt Vera. „Da gab es eine größere soziale Komponente als beim Schauspiel. Ich habe dort gesehen, dass ich als Mensch etwas Gutes tue.“ Das sei ein Teil ihres Berufs gewesen, den sie zu Beginn des Schauspiel-Studiums zunächst vermisst habe, erinnert sich Vera. 

Bei Mona war es ganz anders. Sie entdeckte ihre Liebe zum Schauspiel erst später. „Als dann aber mein Wunsch entstanden ist, hatte ich eigentlich keinen Plan B. Ich dachte mir damals: Entweder das klappt jetzt, oder ich geh halt noch einmal auf Weltreise“, sagt Mona und lacht. Zunächst sei sie eher naiv und arglos an die Schauspielerei herangegangen. Erst im Laufe des Studiums habe es sich ihr erschlossen, was der Schauspiel-Beruf wirklich für sie bedeutet. Mona hat ursprünglich viel im Bereich Tanz gearbeitet. Das sieht man ihr auch an: Kerzengerade sitzt sie da, die Beine im Schneidersitz verschränkt. Hin und wieder dehnt und streckt sie ihre Arme. Noch während den Nachwirkungen einer schweren Knieverletzung hat sie sich 2013 an der Otto-Falckenberg-Schule beworben. Ging mit Krücken zum Vorsprechen. Und wurde genommen.

Trotz Passion und Traum-Berufsziel scheinen beide Frauen den Schauspielberuf auch hin und wieder zu hinterfragen. Mona gibt zu, dass sie sich manchmal die Frage nach dem Zweck und Nutzen des Berufs stellt. So habe sie gelegentlich auch Zweifel, ob das alles nicht zu „leer“ für sie sei. Dass ein sozialer Beruf nicht vielleicht doch der bessere Weg für sie wäre. In diesen Gedankengängen sind sich die beiden Münchnerinnen sehr ähnlich. „Ich frage mich manchmal, ob ich meine Energie nicht besser für etwas nutzen könnte, was Menschen direkter etwas bringt“, sagt auch Vera.

Trotz der Zweifel und den immer wiederkehrenden Existenzängsten sind Vera und Mona ihrem Ziel auf der Spur. Ein Beruf und ein Leben im – nicht immer einfachen – Kulturbereich und Theaterbetrieb. Sie wissen, worauf sie sich einlassen, und scheinen jegliche unrealistischen Träumereien hinsichtlich des Schauspielberufs abgelegt zu haben. Trotzdem – oder vielleicht auch gerade deshalb – sind sie ihrem Berufsziel treu geblieben. Sie brennen für die Bühne, wollen Dinge erreichen und anpacken. Denn ihnen ist klar, dass man mit Schauspiel im besten Falle Menschen auch berühren kann.

Wie steht es mit München? Kann man sich hier verwirklichen? „Mir ist München zu wenig bunt“, sagt Vera und meint damit insbesondere die Subkultur dieser Stadt. Außerdem hätten Vera und Mona anfangs Mühe gehabt, sich hier einzuleben. Was daran lag, dass das erste Bild, das beide von München hatten, größtenteils aus dem Flair der Maximilianstraße bestand – hier liegt die Otto-Falckenberg-Schule. Die Theaterlandschaft Münchens sei jedoch großartig, da sind sie sich auf Anhieb einig. Auch Leonard Hohm, 26, Schauspieler aus München, ist da gleicher Meinung: „München ist eine ganz tolle Stadt voller Möglichkeiten. Dass viele immer so drauf schimpfen, verstehe ich nicht. Zwar hat die Stadt einen anderen finanziellen Druck und kulturellen Anspruch, aber das alles kann auch dazu führen, seinen Arsch hoch zu bekommen. In München gibt es zwar weniger Leute in der freien Szene als in Berlin, aber dafür habe ich hier tausend Möglichkeiten, etwas auf die Beine zu stellen.“

„Im Gegensatz zu Berlin finde ich es in München schön, dass alles so übersichtlich ist“, sagt Mona. „Ich habe das Gefühl, ich weiß, was es hier für freie Gruppen gibt und was so an den Theatern gespielt wird.“ Die kleine, überschaubare freie Szene Münchens also mal nicht als Makel, sondern als Vorteil? Vera ist davon überzeugt: „Hier in München hat man das Gefühl, man kann noch etwas bewirken, in Berlin hast du ja schon alles. Man muss es halt machen.“ Auch Kjell Brutscheidt, 21, der an der Theaterakademie August Everding Schauspiel studiert, sieht es ähnlich: „München ist schon eine attraktive Stadt für Schauspieler, allein wegen der drei großen Theater – Resi, Kammerspiele und Volkstheater. Und durch den Sitz der Bavaria und der Hochschule für Fernsehen und Film gibt es sogar die Möglichkeit, im Bereich Film neue Leute kennenzulernen und Verbindungen aufzubauen“, sagt er.

Kjell, Leonard, Vera und Mona sind momentan auf einigen Fotos der Ausstellung „10 im Quadrat“ der Junge-Leute-Seite im Farbenladen des Feierwerks zu sehen. Ein Ziel dieser Ausstellung war es, junge Münchner Fotografen und Künstler untereinander zu vernetzen. Wie wurde nun dieses Projekt von den drei Schauspielern wahrgenommen? „Ich bin ein großer Fan von Crossover“, betont Mona. Durch dieses Projekt habe sie auch erstmalig die vielen jungen Fotografen Münchens kennengelernt. Was sie künstlerisch so machen und auch wo diese am Wochenende gerne feiern gehen. Eine weitere positive Horizonterweiterung also, in gewisser Hinsicht. Auch Kjell gefällt das: „In München oder im Studium, so war es jedenfalls für mich, ist es relativ schwierig, andere Leute aus theaterfremden Bereichen kennenzulernen. Durch den vollen Stundenplan, besonders in den ersten beiden Jahren, ist man von morgens bis abends fast nur in der Akademie und somit in seiner eigenen kleinen Welt. Mir hat es echt gut getan, mal mit nicht theaternahen Leuten zu arbeiten, zu sehen was die so machen. Das hat Spaß gemacht.“

Text: Ornella Cosenza, Carolina Heberling und Amelie Völker

Fotos: Josef Beyer, Regine Heiland

Tagebuch mit Bildern

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Laura Zalenga, 27, hat Architektur studiert und sich doch für ein Leben als Fotografin entschieden. Heute hat sie fast 500 000 Fans bei Facebook – Annäherung an eine Künstlerin, die meist sich selbst porträtiert.

Da gibt es diese zierliche junge Frau. Sie hat eine Kamera, mit der sie fotografiert. Sich selbst, immer wieder. Ihre Bilder gefallen, im Netz werden sie tausendfach gelikt. Doch diese junge Frau studiert nicht Fotografie, sondern Architektur. Ein schönes Studium. Für sie aber auch: fünf Jahre Kampf. Als sie das Studium abgeschlossen hat, beschließt sie: „Dann schaffe ich es halt allein.“ Und wird doch Fotografin. So oder so ähnlich könnte man die Geschichte von Laura Zalenga, 27, erzählen.

Man könnte aber auch schreiben: Laura Zalenga hat mehr als 450000 Facebook-Fans, eines ihrer Bilder zierte das Cover der Zeit, für Fluggesellschaften wie Lufthansa reist sie herum und fotografiert. Ihre Werke hängen auf Kunstmessen und in Galerien, als Kunden listet sie auf ihrer Internetseite unter anderem Sony, Mercedes oder Adobe. Zudem war sie 2016 in der aufwendig produzierten Castingshow „Masters of Photography“ des Bezahlsenders Sky zu sehen. Und dann hat man eine Biografie, die sich liest wie ein einziger großer Superlativ.

Es existieren unzählige Selbstbildnisse der jungen Frau: Laura als Tänzerin im zartrosa Tutu, Laura zusammengerollt auf dem Boden eines verfallenen Hauses, Laura im weißen Abendkleid zwischen tiefschwarzen Felsen. „Es gibt vielleicht zehn Fotos, auf denen ich wirklich Laura bin“, sagt sie. Sie kennt das schon. Dass die Leute öfter mal fragen, warum sie so häufig ihr eigenes Modell ist. „Es wird einem beigebracht, dass das egoistisch ist.“ Früher hätten sie solche Aussagen mehr getroffen. Doch Selbstporträts, sagt die Fotografin, geben ihr die Möglichkeit, in eine Rolle zu schlüpfen, sich selbst kennen und akzeptieren zu lernen, indem man für einen kurzen Augenblick eine andere ist. Manchmal, da funktioniere eine Fotografie für sie wie „die Seite in einem Tagebuch“, wo man ein Gefühl festhält, eine kleine Geschichte. Nur schreibe sie eben krakelig. Oder in Geheimsprache. Laura mag solche Metaphern. Sie sagen viel über ihr Verhältnis zur Fotografie aus. Da ist die Lust am Spielerischen. Mal eine Märchenfigur sein, mal ein mythologisches Wesen – und andere damit dann berühren. Wenn sie so erzählt, redet sie unheimlich schnell, holt kaum Luft, wirkt geradezu elektrisiert.

Doch die Souveränität, mit der sie all das sagt, kam erst mit den Jahren. Mit 18 bekommt Laura ihre erste richtige Kamera. Sie merkt schnell: „Wir könnten beste Freunde werden.“ Sie möchte unbedingt Fotografie studieren, bewirbt sich nach dem Abitur mit ihren Bildern an verschiedenen Hochschulen. Genommen wird sie von keiner. Da beginnt man am eigenen Können zu zweifeln, sich zu fragen: Was mache ich nun? Sie reicht dann auf Anraten ihrer Familie Mappen für ein Architekturstudium ein. Von drei Universitäten bekommt sie drei Zusagen. Beim ersten Versuch. Sie erinnert sich: „Ich habe mich zu diesem Studium vielleicht ein bisschen überreden lassen“, sagt sie.

2010 beginnt sie also ihren Bachelor in Architektur. Was dann folgt, ist
nicht immer leicht. Architektur ist ebenso interessant, ebenso kreativ,
aber Lauras Herz hängt nicht daran. Das will diese andere Sache. Die
junge Frau macht in jener Zeit weiter Bilder, hat mehrere Ausstellungen,
bringt sich selbst Photoshop bei. „Ich bereue es nicht“, sagt sie heute
über ihr Studium, die Architektur sei auch ein „Sicherheitsnetz“, falls
es beruflich nicht so klappe, wie sie es sich vorgestellt hatte.
Dennoch macht sie sich nach ihrem Abschluss als Fotografin selbständig.

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Das ist bald zwei Jahre her. Neben ihren Selbstporträts fotografiert Laura nun auch vermehrt andere Menschen. Hinzu kommt eine ganze Reihe von Arbeiten mit verschiedenen, teils namhaften Kunden. Da gibt es etwa diesen Clip von Laura mit Annemarie Carpendale. Er ist Teil der Videokampagne „Fiat Urban Stories“ für den gleichnamigen italienischen Autohersteller. Moderatorin Carpendale fährt im hellblauen Pkw vor. Sonnenschein, Zeitlupenaufnahme des fahrenden Wagens. Die Moderatorin erklärt beim Aussteigen: „Heute treffe ich eine Besessene. Zumindest sagt sie das über sich selbst. Fotografie ist eine wunderbare Krankheit. Laura Zalenga will inspirieren und zum Grübeln bringen zugleich.“ In einem Waldstück treffen sich die beiden dann, Laura gibt im weiteren Verlauf des Videos einen Einblick in ihre Arbeit, fotografiert am Schluss Carpendale und das Auto.

Wie geht man mit so etwas um, als junger Mensch? Man hat Talent, man hat eigene ästhetische Vorstellungen, man will reisen. Aber man muss sich auch präsentieren, Geld verdienen. Laura hat sich viele Gedanken über dieses Thema gemacht, das merkt man. „Wovon lebt der Mensch?“ fragt sie schließlich und lächelt. Sie überlege sich genau, welche Aufträge sie annehme, womit sie sich wohl fühle. „Natürlich hat man manchmal das Gefühl, sich einkaufen zu lassen, aber ich versuche mich nicht zu verbiegen. Letztlich mache ich nur Sachen, hinter denen ich auch stehe.“

Neben diesen Arbeiten setzt Laura aber auch eine Vielzahl an eigenen Projekten um. Auf einem Gnadenhof möchte sie zum Beispiel fotografieren. Seit Jahren engagiert sie sich für den Tierschutz, beschäftigt sich mit Veganismus. 2015 rasierte Laura sich für eine Crowdfunding-Kampagne sogar das lange braune Haar ab. Da war sie gerade in den USA unterwegs, wollte 1000 Dollar für die Organisation „Animal Equality“ sammeln und die Leute durch ihre Aktion zum Spenden motivieren. Ob das nicht etwas gewagt sei für jemanden, der vorwiegend Selbstporträts macht. „Nein.“ Punkt. Da muss sie nicht überlegen. „Es nervt, dass man immer auf das Schönsein reduziert wird“, sagt sie, „gerade als Frau.“ Man sehe in den Medien oft nur schöne, junge Menschen, das mache es schwerer, sich auch mal hässlich und verletzlich zu zeigen. „Da ist die erste Falte ein kleiner Weltuntergang.“ Gerade deshalb träumt Laura davon, in Zukunft einmal eine Bildstrecke mit älteren Menschen zu machen, abseits der Norm der ewigen Jugend.

Für die Ausstellung „10 im Quadrat“ der Junge-Leute-Seite der Süddeutschen Zeitung hat die Fotografin nun zehn Münchner vor die Kamera gebeten – und ihnen den Spiegel vorgehalten, real wie metaphorisch, etwa dem Lyriker Rahamatullah Hayat oder der Schauspielabsolventin Mona Vojacek Koper. Oft sieht man den Spiegel im ersten Moment gar nicht, wundert sich als Betrachter nur, warum das Gesicht sich plötzlich doppelt. „Es ging mir darum, ein bisschen das Surreale im echten Leben zu suchen und vielleicht auch zu finden“, sagt Laura über die Serie. Da ist er wieder: Der Kniff, die kleine Geschichte, die sie in ihre Bilder so gern einbaut, die junge Frau mit der Kamera.

Text: Carolina Heberling

Fotos: Laura Zalenga

Wenn aus Reibung Kunst wird

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Für die Farbenladen-Ausstellung „10 im Quadrat“ bringt die Junge-Leute-Seite zehn junge Fotografen mit zehn jungen Künstlern zusammen, die regelmäßig auf Bühnen stehen – ein Experiment.

Sie balanciert. Amelie Satzger steht in einer weiten, gelben Hose auf der obersten Sprosse einer Leiter, hält eine Kamera fest. „Du musst auf dem Teppich bleiben“, sagt sie freundlich, aber bestimmt. Unter ihr liegt Kilian Unger, als Musiker bekannt unter dem Namen Liann. Er wird an diesem Tag fotografiert. Oberkörperfrei, in verschiedene bunte Teppiche gehüllt. Viele Anweisungen hat die junge Fotografin ihrem Model vor dem Shooting nicht gegeben. Nur so viel: Er soll seine Augen geschlossen halten und sich in seine normale Schlafpose legen. 

Das klingt einfach. Doch Kilian ist kein Model. Er ist Musiker, steht für gewöhnlich mit seiner Gitarre vor Publikum, hat sich bisher nicht so oft fotografieren lassen, schon gar nicht mit nackter Brust. Gemeinsam mit neun anderen jungen Künstlern, die regelmäßig auf Bühnen stehen, hat er sich auf Einladung der Junge-Leute-Seite der Süddeutschen Zeitung nun dennoch vor die Kamera getraut. Für die SZ-Ausstellung „10 im Quadrat“ hat Liann sich von zehn aufstrebenden Fotografen ablichten lassen. Sie alle sind zwischen 17 und Ende 20, kommen aus München und sind genau wie ihre Models gerade dabei, sich zu professionalisieren.

Die Idee hinter der Ausstellung: Wer sind eigentlich die jungen Künstler dieser Stadt? Wer kennt wen? Wie nimmt man einander gegenseitig wahr? Die knapp 100 Fotos, die aus diesen Begegnungen entstanden sind, gibt es von Samstag, 6. Mai, an im Farbenladen des Feierwerks zu sehen.

Auch Amelie Satzger stellt dort ihre Fotos aus: Die Bilder der zehn Models hat sie später zu einer großen Collage zusammengefügt. So ist eine farbintensive Liegewiese entstanden, in der der Betrachter die scheinbar Schlafenden entdecken kann. „Wir Künstler werden von der Gesellschaft oft als Träumer gesehen“, sagt Amelie. Sie überträgt das Klischee des Träumers in ihr Bild – und versucht es zugleich zu hinterfragen. Künstler hätten schließlich anderes zu tun, als wirklichkeitsfernen Träumereien nachzujagen. Die verschiedenfarbigen Flicken ihres Teppichs stehen so auch für die unterschiedlichen Ideen und Projekte ihrer Models. Da gibt es neben Liann etwa Leonard Hohm. Er ist Synchronsprecher und Schauspieler, derzeit ist er in „Die Räuber“ von Friedrich Schiller am Residenztheater zu sehen. Oder Felicia Brembeck alias Fee, Münchens bekannteste Poetry-Slammerin. Sie alle machen komplett verschiedene Dinge, bewegen sich in unterschiedlichen Szenen dieser Stadt.

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Doch was passiert, wenn Künstler auf Künstler treffen? Wenn vor wie hinter der Kamera jemand steht, der eine eigenständige ästhetische Vorstellung hat? Klar, da gibt es auch mal Reibung, Schwierigkeiten. Korbinian Vogt hat die Künstler beispielsweise als Teilakt vor die Kamera gebeten. Und das an ungewöhnlichen Orten: In der Uni, im Park. An Plätzen also, an denen man nicht alleine ist. Wo vielleicht Leute stehen bleiben, zusehen. „Akt beziehungsweise alleine das Zeigen von Haut ist immer noch ein Problem. Es zeigt einen Menschen ohne den Schutz, den er durch Kleidung bekommen kann. Er fühlt sich in diesen Momenten oft verletzlich. Das so zuzulassen ist schwer“, sagt Korbinian. Da musste er erst einmal Vertrauen schaffen.

„Sich fotografieren zu lassen, erfordert immer ein wenig Mut. Gerade wenn der Fotograf erst mal ein Fremder ist“, gibt Musikerin Mola zu. Model-Kollegin Rosa Kammermeier sieht das ähnlich: „Es war etwas ungewohnt, so oft fotografiert zu werden.“ Rosa ist Musikerin, tritt für gewöhnlich mit ihrem Musikerkollegen Julian Riegl unter dem Namen Blue Haze auf. Für die Fotos hat sie einiges von sich preisgegeben, so etwa beim Shooting mit Milena Wojhan. Die Fotografin hat ihre Models in eine kleine Box gesetzt, an einer Seite ein so genannter „Spionagespiegel“, wie man ihn aus Fernsehkrimis kennt. Wer von außen reinschaut, sieht den anderen. Doch wer selbst in der Box sitzt, blickt seinem Spiegelbild entgegen. Und das auf unbestimmte Zeit. Schauspielstudentin Vera Flück erinnert sich an das Shooting: „Ich habe mich noch nie so lange in einem Spiegel betrachtet. Es ist verrückt, was ein einziger Gedanke in deinem Gesicht verändert“, sagt sie.

Als angehende Schauspielerin ist sie es gewohnt, sich anderen zu zeigen, eine bestimmte Rolle einzunehmen – bei den Rollenvorspielen ihrer Schule zum Beispiel, oder beim Livehörspiel von „Don Quijote“, das am Donnerstag, 4. Mai, in den Münchner Kammerspielen gezeigt wird. Doch so lange mit sich und dem eigenen Gesicht allein zu sein, sich selbst beim Denken zuzusehen, war auch für Vera ungewohnt. „Das ist ja auch ein Bestandteil des Schauspiels: Denken alleine formt die Mimik. Denkt man wirklich, braucht man kein Gesichtsgulasch zu machen.“

Einige Bildstrecken fordern diese Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit explizit heraus: Für Sophie Wanningers Foto musste jeder eine Grimasse schneiden, Julia Schneider hat allen eine Nudel ins Gesicht gelegt. Dass die von ihnen Porträtierten keine Profi-Models sind, schätzen beide sehr. „Professionelle Models haben oft schon zu sehr eingefahrene Posen, meistens geht es nicht um den Menschen dahinter, besonders, wenn man ein Lookbook fotografiert oder das Model etwas anderes präsentieren soll“, sagt Sophie. „Für diese Bildserie war es wesentlich einfacher, mit Künstlern zusammenzuarbeiten, da sie im Gegensatz zu professionellen Models nicht den Anspruch haben, in erster Linie vorteilhaft auszusehen“, stimmt Julia zu. Natürlich fühlt sich das anfangs albern an. Wie bitte posiert man mit einer Nudel im Gesicht? Aber gerade deshalb seien letztlich zehn sehr unterschiedliche Bilder herausgekommen: „Es hat Spaß gemacht, Leuten die Nudel ins Gesicht zu werfen. Erstaunlich war, dass die Künstler alles dafür gegeben haben, der Nudel ihre Präsenz streitig zu machen.“ 

Doch aus all diesen Fototerminen sind nicht nur Bilder entstanden. Sondern auch Gespräche, zum Teil Freundschaften. Viele Künstler sind sich bei den Shootings zum ersten Mal begegnet. „Ich kannte einige der Sänger vom Sehen, aber ich denke schon, dass es mehr Vernetzung bedarf“, sagt Michael Färber, „wir Fotografen sind manchmal ziemlich isoliert von anderen Künsten.“ Fotograf Jean-Marc Turmes resümiert: „Es gibt so viele nette Leute, die aber oft untergehen im Schall und Rauch der Gegenwart. Jetzt kennen wir uns und können uns gegenseitig unterstützen.“ 

Eine Viertelstunde ist vergangen, Kilian wirkt inzwischen weniger nervös, wie er dort so liegt, im Fotostudio von Amelies Hochschule zwischen den beiden Reflektorschirmen. Im Hintergrund läuft Musik, manchmal summt er die Melodien mit, dann muss Amelie wieder sagen: „Entspann deinen Mund.“ Doch nach ein paar neuen Schlafposen ist die Fotodesign-Studentin dann auch schon zufrieden. „Das war definitiv das entspannteste Foto-Shooting bis jetzt“, sagt Kilian hinterher.

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Hier gibt es einen kurzen Vorgeschmack in Form eines Making-of-Videos der Fotografin Julia Schneider zu sehen. 

Und hier könnt ihr Euch einen Überblick über die teilnehmenden Fotografen machen. 


Text: Carolina Heberling und Amelie Völker

Fotos/Zeichnung: Amelie Satzger

Lernen, mit weniger zufrieden zu sein

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Schneehose statt Bikini: Andrea Lerchl und Clara Kaufhold gehen auf eine Hundeschlittenfarm nach Lappland. Ein Gespräch vor einer spannenden Reise.

Es gibt den Schnee, die Hunde, die Natur. Und dann irgendwann kommen die Menschen. Einsam ist es dort, wo Andrea Lerchl, 22, und Clara Kaufhold, 26, das kommende halbe Jahr verbringen: Die jungen Frauen fahren nach Äkäskero in Nordfinnland, um auf einer Hundeschlittenfarm zu arbeiten, gegen Kost und Logis. „Mit Sonnenaufgang fangen die Hunde an zu heulen“, sagt Andrea, genannt Annie. Dann heißt es aufstehen, anziehen, arbeiten. Die 500 Huskys füttern. Sie in die Schlitten spannen. Schnee schippen. Flächen enteisen.

München im Frühling. An der Isar wird gegrillt, Kinder schlabbern zufrieden das erste Eis des Jahres. Letzte Vorbereitungen bei Annie und Clara, bevor es losgeht. Sachen packen, Zimmer untervermieten, sich irgendwie vorbereiten auf das, was kommt. In Äkäslompolo, der nächstgelegenen Ortschaft, wohnen gerade einmal vierhundert Menschen. Der nächste Supermarkt ist nur mit dem Auto zu erreichen. Und im April ist es dort noch empfindlich kalt. Nachts wird es bis zu minus 11 Grad. Bis alles komplett abgetaut ist, dauert es.

Warum machen Menschen so etwas? In die Kälte fahren, wenn daheim der Sommer anbricht, die Leute ihre Flipflops rausholen? Clara überlegt kurz, sagt dann: „Ich war mal in Dänemark und dachte: Was ein kaltes, trübes Land.“ Nicht die beste Einstellung, um sechs Monate nach Lappland zu gehen. Aber: Die Natur fehle ihr, die Tiere, das Grün. Clara hat Veterinärmedizin studiert, Schwerpunkt Pathologie, promoviert nun, „hockt den ganzen Tag auf dem Hintern“, wie sie es ausdrückt. „Ich hoffe, ich finde dort die Zeit und die Ruhe, in mich zu gehen und mich auch mal von der ganzen Technik zu distanzieren. Facebook, Twitter … Ich bin das Internet so leid.“ Annie nickt zustimmend. Es gehe ihnen auch um Verzicht. Verzicht auf Konsum, auf Medien. „Ich würde gern lernen, mit weniger glücklich zu sein“, sagt Clara.

Das klingt nach Weltflucht. Zu sich finden, in Schneehose und Bergschuhen. Hundeschlitten fahren und Eisfischen, im Sommer dann Beeren sammeln, die Mittsommernacht genießen. Erlebnisurlaube wie diese haben Konjunktur. Die Farm, auf der die beiden arbeiten werden, bietet genau das an. Wer als Gast kommt, zahlt mindestens 1700 Euro für eine Woche Abenteuer. Viel Geld für ein paar Tage in Abgeschiedenheit. Doch Annie und Clara machen keinen Urlaub. „Morgens Hunde kuscheln, abends in die Sauna und dazwischen noch ein selbstgebrannter Schnaps? So wird das nicht, das weiß ich. Man muss arbeiten. Bei jedem Wetter.“ Theaterwissenschaftsstudentin Annie war schon einmal auf einer solchen Farm. Da hatte sie gerade ihr Soziologie-Studium geschmissen, brauchte einen Ort zum Runterkommen, um herauszufinden: Was will ich eigentlich? Finnland, sagt sie, sei schon immer ein Kindheitstraum gewesen. Sie ist Metal-Fan, Länder wie Finnland, Schweden oder Norwegen gelten als Zentren der Szene. Also ist sie 2013 ein erstes Mal in das Land gefahren, das sie so sehr faszinierte.

Doch damals war Annie nur sechs Wochen da, wohnte auf einer Ranch ein Stück weiter südlich. Und: Sie war allein. Da war keine Freundin, mit der es sich zu arrangieren galt. Anfangs, gibt Annie zu, habe sie gezweifelt, ob es wirklich die beste Idee sei, zu zweit zu fahren. Ein Gap Year in Lappland ist etwas anderes als Backpacking in Australien. Die Natur fordert, man muss sich nach ihr richten.

So weit im Norden erwartet man die Dunkelheit. Und findet sie doch nicht. Der Schnee reflektiert permanent das Licht, auch nachts. Tagsüber kann es so grell sein, dass man eine Sonnenbrille braucht. Später, wenn der Mittsommer kommt, geht die Sonne kaum noch unter, der Schlafrhythmus wird irritiert. Hinzu kommt die Stille: keine Autos, keine Menschen. Es ist so ruhig, man hört jeden Schritt im torfigen Schnee, den eigenen Herzschlag. Annie erinnert sich an ihre erste Tour und sagt: „Das war emotional richtig belastend.“

Um diese Eindrücke zu verarbeiten, braucht man Raum. „Ich halte uns für erwachsen genug, dass wir auch mal einen Streit aushalten, ohne dass eine von uns gleich heulend nach Hause fährt“, sagt Clara. Vor der Reise haben sie oft darüber gesprochen: Wie gehen wir mit Streit um? Wie finden wir eine Basis fürs Zusammenleben? Nicht zu viel erwarten – von einander, wie von der Reise, das haben sie sich vorgenommen.

Aber geht das überhaupt? Gerade für Clara ist diese Auszeit mit einigen Entbehrungen verbunden. Sie lässt ihren Freund zurück, ihre Haustiere, hat ihren Job gekündigt, ihre Promotion ruht. Um sich für die Zeit selbst versichern zu können, hat sie zudem viel sparen müssen. „Natürlich bin ich nervös“, sagt Clara. Sie hat sich auf verschiedene Stipendien beworben, um die Promotion später fortsetzen zu können, wird auch – während sie in Finnland ist – Bewerbungen schreiben, für die Zeit danach. Ängstlich wirkt sie dennoch nicht. Am Ostermontag ist es losgegangen, Roadtrip mit Claras Auto, durch Osteuropa hoch nach Finnland. „Ich freue mich so, wieder Tiere in meinem Leben zu haben“, sagt Annie. Da lächeln beide. 

Auf ihrem Blog “two wild things” kann man sehen, wie es den beiden auf ihrer Reise so geht.


Text: Carolina Heberling

Foto: Robert Haas

Tod und Torte

Gift im Essen und ein Messer im Bauch: Sabrina Peschke, 24, schreibt Konzepte für Krimidinner zu historischen Fällen.

„Ich verkehre ja öfter in gehobenen Kreisen“, sagt eine der Anwesenden. Sie trägt gehäkelte Handschuhe, schiebt mit spitzen Fingern ihren Fascinator zu Recht und fächelt sich dann etwas Luft zu. Allgemeines Lachen. Die Dame mit dem Hütchen ist eigentlich Grundschullehrerin, doch an diesem Tag schlüpft sie in die Rolle einer feinen Lady aus dem London des 19. Jahrhunderts. 

Ein Jugendzentrum am Rande der Stadt. Der hübsch gedeckte Tisch wirkt in dem kargen, unbeheizten Raum etwas provisorisch. Zehn Leute haben daran Platz genommen. Sie kennen einander nicht und sollen doch den Abend gemeinsam verbringen. Generalprobe. 

Generalprobenfeeling bei Autorin Sabrina Peschke. Die 24-Jährige hat zum Krimidinner geladen. Jack The Ripper, der berühmte Serienkiller aus London, dessen Identität bis heute nicht geklärt wurde, scheint mit am Tisch zu sitzen und soll am Ende eines dreigängigen Menüs gefasst werden. Dafür mimen Sabrinas Freunde und Kollegen einen Abend lang Prostituierte, Kommissare und dubiose Ärzte. Jeder Spieler hat im Vorfeld einen Einladungstext bekommen, darin Informationen über die Rolle, die es zu spielen gilt. Einige haben sich ihrer Figur entsprechend verkleidet. Ein junger Mann hat sich einen Schnurrbart angeklebt, ein anderer kommt mit Hut und Pfeife daher. Mit jedem neuen Gang werden nun verdeckt Hinweise zum möglichen Täter verteilt. Nach drei Runden wird der mutmaßliche Mörder schließlich angeklagt.

Das Konzept für dieses Dinner hat die junge Münchnerin selbst geschrieben. Ihr Spiel „Der Herbst des Schreckens“ wird im April im Samhain-Verlag veröffentlicht. Doch vorher gibt es einen letzten Testlauf. Nervosität bei Sabrina. Funktionieren die Figuren, die sie entwickelt hat? Sabrina, eine junge Frau mit aschblondem Haar und auffälliger Patchwork-Jacke, sitzt während des Essens mit am Tisch. Sie beobachtet. Manchmal, da würde sie gern etwas sagen, die Leute auf die richtige Fährte lenken, das merkt man. Aber sie bleibt stumm. Eingreifen darf sie nun nicht mehr. 

Die Vorspeise wird serviert, die ersten Hinweise verteilt. Ob der brutale Frauenmörder wohl Freimaurer war? Oder Organhändler? Nachdenken, Suppe löffeln, einander mustern. Man speist und diskutiert dabei über Blut, Verstümmelung, Eingeweide. Das klingt makaber. Doch in Sabrinas kompliziertem Geflecht aus Hinweisen bleibt nicht viel Zeit für derlei Gedanken, irgendwie wirkt jeder verdächtig. Die Figur des Russen Michael Ostrog etwa. Der packt plötzlich vier riesige Messer aus. Hat Sabrina sich das ausgedacht? Oder der junge Mann, der die Rolle an diesem Abend spielt? Man weiß es nie so genau, Sabrinas Texte lassen Raum für eigene Spielideen. 

Entwickelt hatte sich die Faszination um Jack The Ripper in Sabrinas Bekanntenkreis. Mit ihren Freunden trifft sie sich regelmäßig zum Spielen. Ein ganzes Zimmer mit Spielekartons hat sie inzwischen, zwei Regale bis an die Decke vollgestapelt. 121 Stück. Zu Silvester wollten ihre Freunde dann ein Krimidinner spielen, doch es findet sich keines, das auf die Bedürfnisse der Gruppe passt. „Sabrina, schreib du doch eins.“ „Okay. Zu welchem Thema?“ „Jack The Ripper.“ 

Dafür hat Sabrina, die hauptberuflich als Schulsozialpädagogin arbeitet, viel recherchiert. Hat Originaldokumente von damals gesichtet, Filme zu dem Thema geschaut. Und schließlich ein eigenes Spiel daraus entworfen. „Der eine Teil ist real, der andere kommt von mir.“ Logisch soll es sein, doch an historischen Fakten halte sie sich nicht zwangsweise. Viele Testrunden hat Sabrina inzwischen gespielt, in wechselnden Konstellationen.

Spaghetti Bolognese, zweiter Gang. Inzwischen hat jeder in seine Rolle hineingefunden. Da gibt es die Figur mit der Zwangsstörung, die plötzlich so sehr zittert, dass sie keine Gabel mehr halten kann. Die radikale Christin, die angesichts der ganzen Toten vorsorglich den Tisch mit Weihwasser segnet. Das ist zum Teil absurd. Aber es macht den Teilnehmer sichtlich Spaß. Sich gemeinsam reinsteigern in die Figuren aus dem 19. Jahrhundert, für ein paar Stunden jemand anderes zu sein.

Auf der Münchner Spielemesse „Spielwiesn“ hat sie ihre Idee einem Spieleverlag vorgestellt. Dort war man sofort angetan. Krimidinner gibt es viele, doch die basieren normal nicht auf historischen Fällen. Nun wird ihr Spiel veröffentlicht, ein zweites ist in Auftrag gegeben. Dazu erscheint diesen Frühling ihr Debütroman, eine Dystopie über einen Kindersoldaten mit dem Titel „Nummer 365 – die Lichtbringer“.

Für Sabrina ist das nicht selbstverständlich, sie ist Legasthenikerin. Sie, die immer gerne Geschichten erfand, sich als Kind eigene Brettspiele ausdachte. Aufgegeben hat sie trotzdem nicht. „Irgendwann habe ich begriffen, dass ich gut schreiben kann, obwohl ich keine Rechtschreibung beherrsche. Das sind zwei unterschiedliche Dinge.“ Ihre Arbeiten veröffentlicht sie unter einem Pseudonym. Sabrina Wolv, mit v geschrieben. „Das ist ein Fehler, der bei Legasthenikern oft passiert. Ich habe das bewusst gewählt, um mich selbst daran zu erinnern, dass ich das trotzdem kann.“

Schokoladentorte und Ratlosigkeit. Auf dem Tisch liegen inzwischen zahlreiche Hinweise. Drei Stunden hat man gespielt, nun gilt es, den Mörder per Votum anzuklagen. Zum Abschluss wird dann ein Text vorgelesen, der den Fall auflöst. Wer richtig tippt, hat gewonnen. Wer unenttarnt bleibt, auch. Das Seltsame bei all diesen Finten und Indizien: Sabrina, die Autorin, tritt dahinter zurück. Ihr Text ist eine Mischung aus Theaterstück, Krimi und einfacher Gebrauchsanweisung. Ob sie das störe? Schließlich werde so ein Text schneller vergessen als ein gutes Buch, das man gelesen hat. Sie denkt kurz nach. „Ich denke, man hat von dem Erlebnis viel länger was. Für mich ist das ein schöner Gedanke: Ich habe den Leuten einen guten Abend geschenkt.“ 

Text: Carolina Heberling

Foto: Bernd Volz

Mutterrolle

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Studieren mit Kind? An deutschen Unis keine Seltenheit mehr. Auch Hannah Schutsch, 23, wurde während ihrer Ausbildung schwanger. Nur: Sie wird Schauspielerin – und am Theater spielt es sich mit Baby schwer

Otto-Falckenberg-Schule, Ende Oktober: Eine junge Frau mit dunklem Haar sitzt im Scheinwerferkegel. Sie hockt auf einem Stuhl vor dem Publikum, wirkt etwas verloren. Durch ihre Worte verwandelt sie sich langsam in Penthesilea, Kleists berühmte Amazone. Das weiße Hemd, das sie trägt, kaschiert den darunter liegenden Schwangerschaftsbauch: Keine zwei Monate mehr, dann bekommt Hannah Schutsch ihr erstes Kind. Ihre Schwangerschaft mutet im Angesicht der Figur, die die 23-Jährige an diesem Abend ein letztes Mal verkörpert, irritierend an: Penthesilea ist Königin der Amazonen und damit Regentin eines männerfreien Staats. Männer werden, so will es die Tradition, nur zur Zeugung unterworfen.

 Eine Woche später. Intendantenvorsprechen. Vielleicht die wichtigste Zeit im Leben eines Schauspielstudenten. Man zeigt, was man gelernt hat in der Ausbildung. Präsentiert Rollen und mit den Rollen sich selbst. Im Publikum: einige potenzielle Arbeitgeber, Intendanten deutschsprachiger Theater. Talente sichten, auf der Suche nach einem Gesicht, das ins eigene Ensemble passt.
 Doch Hannah betritt an diesem Abend nicht die Bühne. Geplant war das anders, denn es ist ihr Abschlussjahrgang, der dort Monologe von Roland Schimmelpfennig, Heiner Müller oder Friedrich Schiller spielt. Wehmut bei Hannah? Sie lächelt, wenn sie über dieses Thema spricht. Wirkt ruhig, unaufgeregt. Den Bauch unter ihrem dunkelgrünen Pulli sieht man erst jetzt in seiner vollen Größe. „Ich versuche das zu nutzen für mich, dass ich Zeit bekommen habe, noch nicht so rausgeworfen werde auf den Arbeitsmarkt. Man fühlt sich als Schauspieler so schrecklich abhängig. Und nun habe ich den Raum, das noch einmal zu reflektieren. Durch ein Kind bekommt all das eine viel realere Ebene, die mir gerade eher gut tut“, sagt sie leise. 

Wenn die junge Frau so über das Theater spricht, spürt man, wie sehr sie damit ringt. Die gebürtige Berlinerin ist hinter den Kulissen groß geworden: Ihre Mutter war damals Bühnenbildnerin, der Vater Dramaturg. Schon früh merkt sie, dass auch sie ans Theater will, macht eine Regiehospitanz am Nationaltheater Mannheim. „Das war dann aber doch zu viel sitzen und zugucken.“ Hannah will selbst spielen, dem Zuschauer „Geschichten mit dem Körper erzählen“, wie sie es nennt. Sie bewirbt sich an Schauspielschulen, nach nur wenigen Vorsprechen klappt es an der Otto-Falckenberg-Schule in München. Ein guter Ort, um zu lernen. Für Hannah auch ein Ort, um zu zweifeln. Sie ist 20, als sie ihr Studium beginnt. „Die Jahre nach der Schule machen eh viel mit einem. Wenn man dann zusätzlich nur mit sich beschäftigt ist, fühlt man sich irgendwann einfach blöd.“

Anders als an einer Uni gehe es hier nicht um Fakten, Zahlen, Diskurse. Die Schule habe ihr einen Erfahrungsraum bereitgestellt, sagt Hannah: Wer bin ich, als Künstlerin, als Mensch? Wo will ich hin? Was können mein Körper, meine Stimme? Wo habe ich Defizite?

Diese permanente Auseinandersetzung mit sich ist nicht nur schön. Sie macht auch mürbe, von innen heraus. „Man will immer interessant sein. Dann macht man das zwei Jahre und denkt hinterher: Ich habe eigentlich nichts gelernt, ich habe immer nur gekämpft um das Ansehen des Publikums.“ Zeige dich, schillere. Sich von diesem Gedanken zu emanzipieren, ist nicht leicht, besonders dann, wenn man ein Kind im Bauch trägt. 

Ihre Kommilitonen müssen derzeit genau das: sich präsentieren. Nach dem Intendantenvorsprechen haben einige von ihnen bereits Angebote bekommen, fahren an Theater, um sich vorzustellen, im Gepäck die Hoffnung auf ein Engagement für die kommende Spielzeit. „Klar wollte ich das mit denen gemeinsam fertig machen. Wenn man die spielen sieht, will man sofort mitmachen. Aber eigentlich denke ich: Es tut so gut, Zeit zu haben. Das ist auch eine Chance.“ Doch: Die Entscheidung für das Kind zu treffen, war auch für Hannah nicht leicht. Als Hannah ihre Schwangerschaft bemerkt, ist sie bereits im vierten Monat. Eine Abtreibung kommt da nicht in Frage. Und: Sie will dieses Kind, freut sich so sehr darauf, das merkt man im Gespräch.

Hannah ist nicht die einzige, die im Studium ein Kind bekommt: Allein an der Ludwig-Maximilians-Universität sind derzeit circa 2000 Studierende „mit Familienverantwortung“ eingeschrieben, schätzt die zuständige Beratungsstelle. Von den Unis kommt hier viel Unterstützung: Wer ein Kind großzieht, kann mehrere Urlaubssemester nehmen, viele Hochschulen bieten Kitas für den akademischen Nachwuchs an, die LMU hat zudem eigene Rückzugsräume für Studenten mit Kindern. Studium und Kind zu vereinbaren, scheint angesichts dieser Angebote für manchen jungen Menschen fast leichter zu sein, als erst hinterher, im Job, mit der Familienplanung zu starten.
 Doch Hannahs Schule ist klein. Rund 50 junge Künstler werden an der Otto-Falckenberg-Schule derzeit ausgebildet, Schwangerschaften passieren zwar auch da immer mal wieder, sind jedoch eher die Ausnahme. Dass die Schule sie in ihrer veränderten Lebensplanung dennoch unterstützt und Hannah problemlos ein Jahr zurückstuft, war für die werdende Mutter eine große Erleichterung. 

Eine Ausbildung an einer guten Schauspielschule ist kein Garant für ein Engagement. Und selbst, wer fest angestellt ist, arbeitet nicht unbedingt unter Bedingungen, die sich mit Kindern vereinbaren lassen: 1850 Euro brutto beträgt die Mindestgage von Januar 2017 an, in Städten wie München, Stuttgart oder Frankfurt reicht das nach Steuern und Miete gerade so, um sich selbst zu finanzieren. Hinzu kommen ungewöhnliche Arbeitszeiten: Tagsüber wird geprobt, abends gespielt. Gerade in der Endprobenphase ist das mit kleinen Kindern schwierig. Und: Wer als Schauspieler in Elternzeit geht, fällt am Theater monatelang aus und kann in dieser Zeit nicht für neue Produktionen besetzt werden. Die Folge: Verträge werden mitunter nicht verlängert.

Hannah kennt diese Probleme, sie ist quasi im Theater aufgewachsen. Sie wirkt nicht ängstlich, was das Kommende anbelangt. Auch, weil ihre Eltern sie finanziell unterstützen werden, weil da ihr Freund ist, mit dem sie lebt und das Kind großziehen wird. „Letztens haben wir mit Puppen das Stillen geprobt, beim Geburtsvorbereitungskurs“, sagt sie mit einer gewissen Selbstironie in der Stimme. Eltern sein ist eine Rolle, in die man eben auch hineinwachsen muss. „Wir wissen, dass uns das verändern wird. Aber das finde ich einen schönen Gedanken. Was mich eher beängstigt: Man muss sich explizit Raum schaffen, um Kinder großzuziehen. Gerade am Theater ist das schwierig. Dieser Raum ist da nicht.“ Das zu ändern, darum bemühen sich Initiativen wie das Ensemble-Netzwerk. Eine neue, andere Generation von Schauspielern formiert sich gemeinsam, um die Bedingungen in ihrem Beruf zu verbessern: faire Bezahlung, eine Arbeitsbelastung, die Künstler nicht ständig an ihr Limit bringt.

Für Hannah ist Theater ein Raum, „wo man träumen darf, wo dieses Träumen sogar etwas anrichten kann“. Träumen, das wird sie, das darf sie. Und dann in ein, zwei Jahren in die Welt hinausgehen: Denn dann steht auch Hannah beim Intendantenvorsprechen auf der Bühne. Mit Kind. Trotz Kind. Es wird ein Mädchen.

Text: Carolina Heberling

Foto: Florian Peljak

Zufallsstudium: Ach, ihr Dichter

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Was studiert der Junge mit den Dreadlocks eigentlich? Welchen Kurs besucht das Mädchen, das in der U-Bahn neben uns saß? Woche für Woche folgen wir fremden Studenten zum „Zufallsstudium“. Dieses Mal heißt es:  Römer versus Punier. Carolina hat es in einen Lektürekurs verschlagen. Auf Latein. Um acht Uhr früh.

Der Tod ist an diesem Morgen pathetisch. Die Römer im Kampf gegen die Punier. Es sieht schlecht aus für Roms Soldaten. Doch: Besser im Kampfe sterben und dem Feind den Weg mit einem Wall aus Leichen versperren, als feige sein. Denn nur der Tapfere stirbt einen glücklichen Tod, dem Feigen hingegen verkürzt sich ein langes Leben zu einem kurzen Augenblick. So oder so ähnlich heißt es in Petrarcas Epos „Africa“. Wenn ich das richtig verstanden habe. Verstehen, das ist mein Problem: Ich bin in einen Lektürekurs geraten. Auf Latein. Um acht Uhr früh.

Fünf Minuten zuvor: Ich folge einem jungen Mann. Braune Jacke, braune Schuhe, dunkle Jeans. Sieht normal aus. Was studiert einer, der normal aussieht? Wir betreten einen  Vorlesungssaal im Hauptgebäude der LMU, ich setze mich eine Reihe hinter ihn. Auf den Tischen, hier und da, einige Gesetzbücher. BGB. Oh je, Volltreffer. Recht, da hatte ich in der Schule doch immer eine Drei oder Vier. Das einzige, was ich noch weiß, ganz aus dem Kontext gerissen: Auch Unterlassen kann eine Handlung sein. Also unterlasse ich. Ich unterlasse es, zu bleiben. Denn irgendwann, kurz vor Kursbeginn teilt die Dozentin Blätter aus. Prüfungsbögen. Ich bin in eine Klausur geraten.  Panik. Schnell weg hier, rein in den nächstgelegenen Hörsaal.

Mitten in die Schlacht zwischen Römern und Puniern. Erst mal hinsetzen und durchatmen. Hach, Latein. Eine alte Sprache, die alte Gefühle weckt: Dieses Unbehagen, wenn man in der neunten Klasse plötzlich laut vorübersetzen musste. Und fünf Minuten brauchte, um einen Satz aus zehn Worten zusammenzustöpseln. Wenn der nette Dozent mit dem blauen Pulli und der Halbglatze hier in der Uni einen aufruft, zögert niemand. Die Studenten übersetzen so fließend und schnell als lese man Englisch.  Mit jedem Satz die Angst: Irgendwann bin ich an der Reihe. Und dann gibt es nur mich – und all die vergessenen Vokabeln, den Ablativus Absolutus, das PPP, die Deponentien…

Man erspart es mir. Ein Glück. Wie in jeder Philologie, sind es Feinheiten, die im Kurs diskutiert werden: Wie übersetzt man dieses Wort am besten? Was jene Metapher wohl meint? Und wie geht man eigentlich mit Textstellen um, in deren Originalhandschrift ein Teil verloren ging? Das klingt detailverliebt. Unwichtig. Ist es aber nicht. Wir denken oft, es brauche nicht viel, um zu verstehen, machen uns gar nicht erst die Mühe, uns länger mit etwas zu beschäftigen. Sogar in meinem geisteswissenschaftlichen Studium habe ich das oft erlebt. Ein Text ist ein Text, also kann man ihn gefälligst auch verstehen. Und zwar sofort.

Doch was, wenn all das weit weg scheint? Die Feldzüge, die Römer? Die getragene Rede von Vaterland  und Heldentum? Es tritt einem gegenüber und fordert vom Papier herunter, eingeordnet zu werden. Von uns. Viele Jahrhunderte später. Der Autor ist schließlich tot, bild- wie körperlich gesprochen. Da macht es ein Unterschied, ob „voluptas“ an dieser einen Stelle im Text „Vergnügen“, „Wunsch“ oder „Genugtuung“ meint. Allmählich weiß ich wieder, warum mir diese Sprache einst Spaß gemacht hat. Man fühlt sich wie ein Schatzsucher. Die Studenten graben sich durch komplizierte Satzstellungen und abstruse Metaphern zu Bedeutungen vor. Schicht für Schicht wird ein Sinn freigelegt als sei er ein kostbarer Fund fürs Museum. Das erfüllt. Und macht ein bisschen pathetisch. Denn ach, ihr Dichter, wann starb schöner je ein Krieger als in den Schlachten Roms?

Von: Carolina Heberling

Foto: Lukas Haas