Musik streamen, Leben retten
Foto: Stephan Rumpf

Musik streamen, Leben retten

Um Menschen in Afrika beim Kampf gegen Corona zu unterstützen, hat Niklas Huppmann, 22, die Hilfsorganisation Covaid Africa gegründet. Sein Ziel: Er möchte 15 Millionen US-Dollar sammeln.

Von Nicole Salowa

Niklas Huppmann, 22, steht in seinem Kinderzimmer in Gernlinden. Spielsachen, Brettspiele liegen herum. Am Fußende des Bettes ist ein Globus aufgebaut. Himmelblau wie die Wandfarbe. Auf ihm die bunten Flecken mit unterschiedlichen Ländernamen. „Als ich klein war, hat mir mein Papa jeden Tag den Globus in die Hand gegeben. Ich habe ihn gedreht, mit dem Finger auf eine Stelle gezeigt. Und er hat mir dann eine Geschichte über dieses Land erzählt“, sagt Niklas. Er lächelt. Eine Weltregion spielt für Niklas gerade eine besonders große Rolle: der Kontinent Afrika. Wegen der Corona-Krise. Er habe an all die Menschen dort gedacht, an die Menschen, die nicht mal fließend Wasser haben, um sich die Hände zu waschen. Er habe auch an seine Freunde in Kenia gedacht, die er beim Reisen kennengelernt hatte. Und Niklas habe vor allem daran gedacht, wie er ihnen helfen könnte.

Niklas studiert in Amsterdam. Als seine Uni wegen der Pandemie schloss, fuhr er zurück nach München. Bei seinen Eltern verbrachte er die Zeit während der Quarantäne. So wie viele andere Studenten auch hatte er auf einmal viel Freizeit. Er wollte einen Weg finden, „wie all diese Menschen, die gerade viel Zeit, Kompetenzen und Wissen haben, in dieser Krise helfen können“, sagt er. Abends saß die Familie beim Abendessen zusammen. Seine Eltern arbeiten beide in der Musikbranche und berichteten ihm von den vielen abgesagten Konzerten. Da kam Niklas Idee ins Rollen. Anfang April unterbrach Niklas sein Studium, um „Covaid Africa“ zu gründen – eine Non- Profit-Organisation (NPO), deren Ziel es ist, Afrika im Kampf gegen das Virus zu unterstützen.

„Der Plan ist, durch große Künstler 15 Millionen US-Dollar zu sammeln, den Menschen zu Hause Unterhaltung zu bieten und es zur selben Zeit für den bestmöglichen Grund zu tun: die tapferen Ärzte in Afrika im Kampf gegen Covid zu unterstützen“, sagt Niklas in einem englischsprachigen Selfie-Video, das er am 3. April in all seine WhatsApp-Gruppen schickte. Das Prinzip seiner Idee gleicht dem eines Benefizkonzerts, nur eben virtuell, wie so oft dieser Tage. Unter dem Motto „StreamLiveSafeLives“ sollen jeden Sonntag auf YouTube Livestreams von unterschiedlichen Künstlern ausgestrahlt werden. Der Zuschauer hat die Möglichkeit, während des Konzerts an „Ärzte ohne Grenzen“ zu spenden – eine Hilfsorganisation, die seit mehr als vier Jahrzehnten medizinische Hilfe in Krisengebieten leistet.

Der Aufbau einer neuen Hilfsorganisation kann kompliziert sein. Das fängt schon beim Namen an. Denn Organisatoren aus England wollten den Namen „Covaid Africa“ auch nutzen. Als Niklas und sein bester Freund Kilian Dreher, 24, Mitgründer der Organisation, das mitkriegen, setzen sie sich mit ihnen in Verbindung. „Dann sitzen Kilian und ich in einer Zoom-Konferenz mit diesen Leuten, die 1985 das Live-Aid-Benefizkonzert mitorganisiert haben. Die mit Anzug und Anwalt. Und wir zwei in Kapuzenpulli. Wir sind für uns eingestanden und fanden letztendlich einen Kompromiss“, sagt er. Niklas muss grinsen. Letztendlich durften sie den Namen behalten. „Es ist häufig so, dass solche Initiativen von Millionären gegründet werden. Wir wollen zeigen, dass es dafür aber oft gar nicht viel braucht. Dass junge Menschen aus der ganzen Welt zusammen selbständig etwas auf die Beine stellen können.“

15 Millionen Dollar will er sammeln. Das diese Summe ein kaum realisierbares Ziel ist, weiß Niklas selbst. Er wisse aber auch, dass es wichtig ist, sich solch ein hohes Ziel zu setzen, selbst wenn es unerreichbar zu sein scheint. Auch weil er das Gefühl hätte, dass die Menschen einem erst dann richtig zuhören.

Ein paar Stunden, nachdem er sein Video verschickt hatte, saß er in einer Videokonferenz mit circa 150 Menschen, die von der Idee begeistert waren, helfen wollten. Jeder wollte sich einbringen mit dem, was er kann, verschiedenste Künstler anschreiben, organisieren, Kontakte abklappern – so spannt sich ein breites Netzwerk. Auch Fußballprofi Jerome Boateng und Sängerin Lena Meyer-Landrut posteten den Aufruf von „Covaid Africa“ auf ihrem Instagram-Profil. Mittlerweile sind mehr als 400 freiwillige Helfer aus aller Welt bei der NPO aktiv.

19. April, 20 Uhr: Das erste Konzert begann. Fil Bo Riva, Wallis Bird und die Sunset Sons traten auf. Auch relativ unbekannte Musiker sollen die Möglichkeit bekommen, ein internationales Publikum zu erreichen, „Wir wollen ,upcoming artists‘, egal wie bekannt sie sind, eine Plattform bieten, die durch große Künstler hervorgehoben wird. Wir wollen nicht nur die Madonnas, sondern auch den Musiker aus Kenia, der um seine Künstlerträume bangt“, sagt Niklas. Der Stream dauerte ungefähr zwei Stunden – am Ende kamen 7 000 Dollar an Spenden zusammen. Bis heute sind es mehr als 23 000 Dollar, die „Covaid Africa“ gesammelt hat.

Niklas’ Arbeitsalltag sieht so aus: Um elf Uhr geht es los mit Konferenzen, herumtelefonieren, E-Mails verschicken. Oft bis zwei Uhr morgens – und das meistens sieben Tage die Woche. Dreimal war es so weit, dass er physisch und psychisch an seine Grenzen gebracht wurde, erzählt er. Der Druck sei immens gewesen. Trotzdem machte er weiter. „Die Verantwortung war einfach zu groß, es wurde was auf die Beine gestellt, Menschen sind dabei mit Herz und Tatendrang – da konnte ich nicht einfach aufhören“, sagt er.

Vor kurzem hatte er Geburtstag, an einem Mittwoch. Am Wochenende hat er nachgefeiert. Aber anders, als man es von jemanden, der 22 wird, erwartet – in den Bergen beim Zelten. „Ich führe schon ein ziemlich bipolares Leben. Zum einen ist es abenteuerlich, naturbezogen. Zum anderen ist es großstädtisch und organisiert. Ich bin auch ein introvertierter Typ, der gerne mal im Zelt schläft, aber auch gerne mit seinen Freunden auf Techno-Feiern geht“, sagt Niklas. Oder eben Projekte startet.

Tatendrang scheint in Niklas Leben eine zentrale Rolle zu spielen. Er hat einen „Start-up-Vibe“, wie er selbst sagt. „Ich fange einfach gerne Sachen an, ich bin gewissermaßen ein Träumer“, sagt er. Schon mit 16 Jahren war er der Mitgründer der Hilfsorganisation „Shades Of Love“. Sie versorgt Menschen in den Gebirgsregionen des Himalayas und der Anden mit Sonnenbrillen, um Augenkrankheiten vorzubeugen. „Ich glaube eben, dass es mit Nachrichten anschalten nicht getan ist, sondern das man auch mal den Globus anschauen sollte, um zu gucken, wie die Menschen in anderen Ländern aussehen, wie sie leben und dann kriegt man irgendwann ein Gefühl dafür, dass Wasser nicht selbstverständlich ist“, sagt Niklas.