„Man muss die Angst kontrollieren“

Iris Schmidbauer, 23, ist Klippenspringerin. Bei Wettbewerben stürzt sie sich aus einer Höhe von bis zu 21 Metern in die Tiefe. Wenn sie oben auf der Plattform sitzt und nur Fotos macht, ist sie nervöser, als wenn sie dort im Badeanzug steht und springen muss. Ein Gespräch über das Fallen

Interview: Amelie Geiger

Dreimal schnipsen und los: Ein Sprung ins Ungewisse ist für viele Menschen ein Albtraum. Nicht für Iris Schmidbauer, 23. Die junge Frau aus München stürzt sich beim Klippenspringen aus einer Höhe von bis zu 21 Metern in die Tiefe. Eine wahnsinnige Überwindung, doch als wäre dies nicht genug, macht sie in der Luft noch Kunststücke, um dann mit den Füßen voran einzutauchen. Eine Frau ohne Furcht? „Man muss die Angst kontrollieren“, sagt sie. Bei den Weltmeisterschaften in Budapest startete Iris als jüngste Teilnehmerin. Nun steht sie vor der nächsten großen Herausforderung: dem FINA High Diving Worldcup in Abu Dhabi.

SZ: Sprünge aus einer Höhe von mehr als 20 Metern. Wie sieht die Welt von dort oben aus?
Klein. Manchmal kann man gar nicht einschätzen, wie hoch man ist. Und erst, wenn man die Rettungsschwimmer im Wasser sieht, weiß man, wie hoch es ist. Sie sind immer ein guter Anhaltspunkt.

Bei Wettbewerben sieht man diese Schwimmer, wie sie im Wasser herumspritzen. Warum tun sie das?
Damit wir besser die Höhe einschätzen können. Wenn das Wasser glatt ist, spiegelt es und wir können das nicht.

Aber jetzt mal ehrlich: Wenn du dort oben stehst in 21 Meter Höhe – hast du kein mulmiges Gefühl?
Doch, schon.

Was treibt dich dann an?
Die Faszination des Sprungs.

Ist es das Adrenalin?
Nein, eigentlich nicht.

Ehrlich nicht?
Es ist jetzt nicht so, als würde man jetzt voll den Adrenalinkick bekommen wie bei der Fahrt mit einer Achterbahn. Es ist ja nicht so, dass ich die Kontrolle aus der Hand gebe, sondern ich mache etwas, wo ich die Kontrolle behalte.

„Natürlich
bin ich nervös,
manchmal ist mir
sogar schlecht.“

Kein bisschen nervös?

Natürlich bin ich nervös, manchmal ist mir sogar schlecht. Aber wenn man den Sprung gemacht hat, dann ist man so stolz auf sich, dass man sofort wieder hochgeht. Und oben denkt man sich dann: Warum bin ich noch einmal hochgegangen?

Iris Schmidbauer of Germany reacts after diving from the 21 metre platform during the first training session of the seventh and final stop of the Red Bull Cliff Diving World Series in Polignano a Mare, Italy on September 21, 2018.
Foto: Red Bull

Was geht einem da so kurz vor dem Sprung durch den Kopf?
Ich habe da so meine Routine. Ich visualisiere den Sprung. Und ich habe auch Motivationssprüche, die ich mir aufsage.

Was zum Beispiel?
Ich habe zwei Sachen. Der Erste ist: „Für alles bin ich stark durch den, der mir Kraft verleiht.“ Das ist ein Bibelvers.

Und der andere?
Der andere Motivationsspruch ist „I’m in control“.

Was meinst du damit?

Ich meine damit, dass ich die Kontrolle über den Sprung habe und nicht der Sprung mich kontrolliert. Weil mir ist es eben schon mal passiert, dass ich im Sprung die Kontrolle verloren habe.

Und was ist dann passiert?
Ich bin auf den Rücken gefallen.

Aua.
Ich hatte ein leichtes Schleudertrauma, aber ich hatte Glück. Ich bin auch schon mal kopfüber eingetaucht, aber da ist zum Glück auch nichts passiert. Physisch war das nicht so schlimm, nur psychisch.

„Wenn 20 Meter
keine Überwindung
mehr sind,
dann wird es gefährlich.“

Wie meinst du das?
Ich arbeite mental immer noch daran. Es hat bestimmt ein Jahr gedauert, bis ich mein Selbstvertrauen wieder gefunden hatte. Also ich bin schon direkt wieder aus 20 Metern gesprungen, aber das Gefühl war ganz anders als es jetzt wieder ist.

Wie kam es zu dem Unfall?
Ich bin insgesamt zweimal gecrasht. Und bei beiden Malen hatte ich eine Verletzung vorher. Einmal hatte ich mir das Sprunggelenk verletzt und einmal hatte ich mir das Steißbein gebrochen. Und ich wollte trotzdem springen und habe bei beiden Sprüngen Schmerzmittel genommen, wahrscheinlich zu viele. Auf jeden Fall habe ich im Sprung nicht die nötige Konzentration gehabt und mir ist zweimal exakt das Gleiche passiert: Ich habe was gemacht, was ich nicht geplant hatte.

Was genau?
Ich bin kopfüber eingetaucht, da ist mir nichts passiert. Ich bin dann gleich wieder hoch nach dem Adrenalinkick, weil es der letzte Sprung vor dem Wettkampf war. Und dann bin ich den Wettkampf auch noch gesprungen und habe dann auch gewonnen.

Und beim anderen Unfall?
Das war ein Sprung von weiter oben, und ich habe es nicht geschafft, richtig einzutauchen, sondern bin auf den Rücken gefallen. Das hat dann wirklich mein Selbstvertrauen zerstört.

Wie hat sich das geäußert?
Ich hatte sogar Angst, vom Ein-Meter-Brett zu springen. Jegliche Sprünge waren eine Überwindung. Aber ich habe nicht aufgegeben, weil ich wusste, dass ich da schon darüber hinwegkommen würde, irgendwann. Der zweite Crash war im April 2016 und ich habe erst im September 2017 wieder angefangen, Selbstvertrauen zu fassen.

Welche Rolle spielt die Höhe?
Damals kam das Selbstbewusstsein langsam wieder. Erst auf einen Meter, dann auf drei und schließlich zehn Meter. Das ist für mich jetzt kein Problem mehr, aber 20 Meter schon. Aber das sollte auch immer eine Überwindung sein. Wenn 20 Meter keine Überwindung mehr sind, dann wird es gefährlich.

Iris Schmidbauer of Germany reacts after diving from the 21 metre platform on Stari Most during the first competition day of the sixth stop at the Red Bull Cliff Diving World Series in Mostar, Bosnia and Herzegovina on September 7, 2018.
Foto: Red Bull

Die Sprünge schauen immer so leicht aus.
Es ist schon immer eine Überwindung. Also für mich ist es sogar so, dass ich, wenn ich auf der Plattform sitze und nur Fotos mache, nervöser bin, als wenn ich im Badeanzug da oben stehe und springe.

Weil es schon Routine ist.
Ja, und weil man weiß, was jetzt passiert. Aber wenn ich mir vorstelle, auszurutschen und unkontrolliert da herunterzufallen, ist das schon etwas anderes.

Hast du Angst?
Klar habe ich Angst, vor allem, wenn ich einen neuen Sprung mache. Aber man muss die Angst kontrollieren.

Und wie?
Ich überlege mir, wie viele Vorübungen ich gemacht habe.

Vorübungen?
Man trainiert einen Sprung immer in zwei Teilen von 10 Metern. Deshalb muss man den ersten Teil des Sprungs immer genau so wie vom Zehn-Meter-Turm umsetzen. Das ist das Wichtigste. Wenn man aus Respekt vor den 20 Metern vorsichtiger abspringen würde, besteht die Gefahr, dass man nicht fertig wird. Ich führe mir also vor, dass ich etwa einen Sprung 100 mal perfekt von zehn Metern getaucht habe.

„Es vergeht kein Tag,
an dem ich
keinen Gedanken
an das Springen verliere.“

Und im zweiten Teil?
Im zweiten Teil vom Sprung drehe ich mich auf die Füße. Ich habe den so oft visualisiert, dass ich sozusagen auf 20 Meter stehe und ich weiß, ich kann genau dasselbe machen wie von zehn Metern.

Und woher kommt dann die Angst?
Dass ich vielleicht was anderes mache. Also dass man Panik im Sprung bekommt und dann nicht das macht, was man geplant hat.

Die Kontrolle verliert.
Ja genau, dass man die Kontrolle verliert. Dass man erschrickt und dann nicht das macht, was man geübt hat. Aber ich weiß eben, dass ich es, wenn ich es 100 mal richtig gemacht habe, es auch aus 20 Metern richtig machen werde, und dann kann ich meine Angst kontrollieren.

Wie lernt man, mit der Angst umzugehen?

Ich mache eben ganz viel Visualisierung. Ich stelle mir vor, wie ich da hochklettere, wie ich da oben stehe und über meinen Sprung nachdenke und ihn mir vorstelle und wie ich ihn dann auch wirklich springe. Ich denke fast immer ans Springen. Ich denke, es vergeht kein Tag, an dem ich keinen Gedanken an das Springen verliere.

Info zum Klippenspringen

Beim Klippenspringen ist es die Aufgabe, wie beim Turmspringen möglichst schwierige Figuren in der Luft zu zeigen – Schrauben, Vorwärtssalto, Rückwärtssalto –, bevor anschließend möglichst spritzerlos eingetaucht wird. Allerdings wird beim Klippenspringen fast ausschließlich mit den Füßen voran und angelegten Armen eingetaucht, da das Eintauchen kopfüber zu gefährlich ist. Um den Springern sichere Bedingungen zu bieten, sind während der Wettkämpfe ständig Rettungstaucher in der Nähe des Eintauchbereichs. Trainiert wird das Klippenspringen meist in Schwimmhallen mit Sprungtürmen. Da es nur ganz wenige Orte gibt, an denen man Sprünge von 20 Metern üben kann, wird vom Zehn-Meter-Turm trainiert: In den ersten zehn Meten werden die Figuren gezeigt, im zweiten Teil erfolgt die Drehung, um mit den Füßen voran einzutauchen.

Iris Schmidbauer ist am Ammersee aufgewachsen. Seit 2008 ist sie fasziniert vom Wasserspringen. Später hat sie dann einen Verein in München gefunden und ist für das Abi zu ihren Großeltern gezogen. Seit 2015 hat sie einen eigenen Trainer, seit 2016 springt sie professionell.

 

Fotos: Red Bull