Simon Ollert

Lippenlesen im Mittelfeld

Simon Ollert, 22, ist gehörlos. Er war schon mal Profisportler – hat jetzt aber größere Ziele. Er hat einen inklusiven Fußballverein gegründet, damit eingeschränkte Menschen ernst genommen werden

Von Sophie Kobel

Gelb-Schwarzes Trikot, eine weiße „10“ auf dem Rücken, die blonden Haare kleben im Gesicht. Simon Ollert rennt, drippelt, schwitzt und flucht wie jeder andere Fußballer an diesem Freitagabend im November. Den Pfiff des Schiedsrichters allerdings hört der 22-Jährige beim Spiel gegen die Junioren des FC Wacker Innsbruck nicht. Genauso wenig wie die Zurufe seiner Mitspieler. Oder den Jubel, nachdem er zwei Tore geschossen hat. Denn: Es regnet und Simon kann seine Hörgeräte nicht tragen. Ohne die ist der Fußballer gehörlos. Auf seinen Sport verzichten möchte er darum aber nicht. Und auch andere sollen darauf nicht verzichten müssen. Darum gründet Simon im Juni 2019 den „IFC Munich United“, einen inklusiven Fußballverein. Eine Mannschaft, mit der er auf Profi-Niveau spielen will.

„Als ich mit 16 nach München gezogen bin, um bei Unterhaching zu spielen, war das ein wahnsinniger Schritt für mich. Allein Small Talk zu führen, löste damals bei mir schon puren Stress aus, weil die früheren Hörgeräte noch so blechern geklungen haben“, sagt Simon über seine Internatszeit in München. Und doch schafft der damals 17-Jährige ein Jahr nach seinem Auszug aus dem Elternhaus im Ammertal, was vor ihm erst ein deutscher gehörloser Fußballer geschafft hat: Er unterschreibt einen Profi-Vertrag bei der SpVgg Unterhaching.

Ein Jahr später wechselt er zum FC Ingolstadt, die Gründe dafür sind pragmatisch. Denn im Gegensatz zu Unterhaching wird hier abends und nicht vormittags trainiert – nur so konnte Simon sein Abitur schaffen. Nach dem Schulabschluss spielt er beim FC Memmingen und steht anschließend beim SV Pullach unter Vertrag. Im Juni 2019 gründet Simon seinen eigenen Verein, einen inklusiven Verein. Das Ziel ist klar: „Ich will mit meiner Mannschaft als erster inklusiver Verein weltweit in der Bundesliga spielen. Und endlich wegkommen von Turnieren speziell für Gehörlose oder Ähnlichem“, sagt Simon. Er erzählt von einem sogenannten Inklusionsspiel, bei dem er vor ein paar Monaten zugeschaut hat. „Da wurde ein körperlich eingeschränkter Spieler in letzter Minute eingewechselt, um das Tor schießen zu dürfen. Sogar die gegnerischen Spieler haben ihn durchgelassen. Da fühlt man sich einfach verarscht“, erzählt er.

Ob es der Verein wirklich in den Profifußball schafft, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. An den körperlichen Einschränkungen aber wird sein Plan nicht scheitern, da ist sich Simon sicher: „Eine qualitativ gute Mannschaft kann auch zur Hälfte aus behinderten Spielern bestehen. Und Fußball besteht aus mehr als nur aus Zurufen auf dem Platz. Wir sind ein ganz normaler Verein.“

Ganz normal, so beschreibt Simon auch seinen Alltag mit den beiden fast durchsichtigen Käbelchen in seinen Ohren. Sprachnachrichten auf Whatsapp anzuhören, ist zwar noch immer schwierig für ihn. Und wenn er mal in die falsche Himmelsrichtung losgegangen ist, können ihn seine Freunde nicht so einfach durch Zurufe zurückholen. „Auf der Wiesn oder in Clubs brüllen mir die Leute immer ins Ohr, die verstehen einfach nicht dass sie mir nur ins Gesicht schauen müssen. Schließlich kann ich bis zum anderen Ende einer Bierbank Lippen ablesen“, sagt Simon und lacht. Aber ernsthafte Probleme, die haben er und auch „seine Jungs“ mit ihren Behinderungen nicht.

Seine Jungs, das sind bisher zwölf Spieler, die beim IFC Munich United dabei sind. Jeder zweite von ihnen ist körperlich eingeschränkt, ist schwerhörig, gehörlos oder auf einem Auge blind. „Eine 3-D-Wahrnehmung hat zwar einer von unseren Spieler nicht, aber wir hatten noch nie Probleme auf dem Platz. Es beeindruckt mich immer wieder, wie Körpersprache und Instinkte so manche Taktik in den Schatten stellen können“, sagt Simon. Er ist stolz auf sein Team, auch auf den 3:1-Sieg gegen die Innsbrucker. Von März 2020 an wird die Mannschaft drei bis vier Tage pro Woche in der neu gebauten Bezirkssportanlage in Freiham trainieren. Die kommenden Wochen bis zum offiziellen Trainingsbeginn im Januar will Simon neben seinem Studium einer müßigen Aufgabe widmen: der Sponsorensuche. Denn bis dato hat der IFC Munich United in seiner Gründungsphase nur einen finanziellen Unterstützer: „Sonova“ ist ein Schweizer Hörgerätehersteller, mit dem der gehörlose Fußballer bereits seit vier Jahren zusammenarbeitet. So lange gibt es das fünftägige „Simon Ollert Camp“ für gehörgeschädigte Kinder und Jugendliche. „Mir schreiben sogar Eltern aus Vancouver und Sydney, die mich fragen, ob ihr Kind bei mir mitmachen darf. Manche wollen auch einfach nur wissen, wie sie am besten mit Trainern vor Ort reden, damit ihre Kids am normalen Fußballsport teilnehmen können“, erzählt er. Aufnehmen könne er diese momentan allerdings noch nicht, denn „gehörlos und englisch-sprachig ist für den Anfang einfach ein bisschen zu schwierig für das Team“. Irgendwann in der Zukunft „wollen wir auf jeden Fall junge Menschen aus aller Welt fördern“, sagt er.

Als behinderter Sportler ungerecht behandelt zu werden, dieses Gefühl kennt Simon. Bis heute ist er seinem ehemaligen Trainer bei Unterhaching dankbar dafür, dass er ihn als Jugendlicher in die Profimannschaft aufgenommen hat. Trotz der maximalen 40 Prozent Hörkraft, die er mithilfe seiner Hörgeräte erreichen kann. „Einige andere Trainer wollten oder konnten sich nicht mit mir und meiner Behinderung auseinandersetzen und haben sich nie getraut, mir Feedback zu geben. Die haben mich lieber auf der Ersatzbank sitzen lassen“, sagt er. Eben dieses Mitleid habe ihn am meisten dazu motiviert, einen inklusiven Profi-Verein zu gründen. Denn: „Wir sind kein Charity-Projekt und wollten auch nicht so behandelt werden“, sagt er.

Foto: Florian Peljak