„Ich wusste genau, wie ich es haben wollte“

Als Fariba Buchheim zwölf Jahre alt war, wurde bei ihr Skoliose diagnostiziert, eine Wirbelsäulenverkrümmung. Jetzt, zwölf Jahre später, hat sie einen Film über diese Krankheit gedreht: „Formen“. Ein Gespräch über Schmerzen, Selbstzweifel, aber auch über Mut und Hoffnung

Interview: Amelie Geiger

Fünf verschiedene Menschen auf der Leinwand. Und doch vereint sie etwas. Es sind die Narben, Krümmungen und Verformungen, die ihren Rücken zeichnen. Und sie sind alle in einem Film von Fariba Buchheim, 24, zu sehen. Nackt, ganz intim, mit all ihren Narben und Formen. Fariba Buchheim erzählt in ihrem Film „Formen“ nicht nur die Geschichte von diesen fünf Menschen, sondern auch ihre eigene. Bei ihr selbst wurde in ihrem 12. Lebensjahr Skoliose diagnostiziert, eine Wirbelsäulenverkrümmung, die die Beweglichkeit einschränkt. Ein Interview über Schmerzen, Selbstzweifel, aber auch Mut und Hoffnung.

Foto: Andreas Pfohl

SZ: Fariba, warum wolltest du dich ausgerechnet mit Skoliose auseinandersetzen?
Fariba Buchheim: Ich wurde wegen meiner Skoliose drei Mal an der Wirbelsäule operiert. Bei den letzten beiden Operationen öffneten mich die Chirurgen wirklich vom Hals bis zum Becken. Darum sind Rückenerkrankungen wie Skoliose und Kyphose und damit auch Formen und Verformungen meine ständigen Begleiter.

Diese OPs sind ja ein Risiko. Schlimmstenfalls landet man im Rollstuhl.
Ja, aber ich musste die Operationen machen. Meine Wirbelsäule wäre sonst vorneüber geklappt, sodass meine Organe hätten Schaden nehmen können. Und ich wollte optisch auch nicht damit leben, dass ich einen Rücken habe, der aussieht wie der von Quasimodo. Das ist nicht das, was du als 13-Jährige mittragen willst – mitten in der Pubertät. Als dann natürlich noch der gesundheitliche Aspekt dazu kam, waren die Risiken von der Operation zumindest für mich nebensächlich.

Und das wolltest du dann auch in deinem Film zum Ausdruck bringen. Wie hast du die Protagonisten gefunden?
Ich habe auf Facebook in einem Post nach Darstellern gesucht. Und ich dachte, dass sich vielleicht vier oder fünf Menschen melden. Am Ende hatte ich mehr als 50 Nachrichten.

Weil wahrscheinlich viele betroffen sind, die Krankheit aber eher unbekannt ist.
Ich glaube, es ist auch viel Frust dabei, denn die Beiträge, die es über Skoliose gibt, sind häufig stigmatisierend. Als Mensch mit Buckel bist du in Filmen immer der Bösewicht, der Kranke, oder der Psychopath. In der Geschichte sind der gerade Rücken und die Rückenansicht ein historisches Bildnis. Am meisten frustriert hat mich, dass es keinen Beitrag über Skoliose gibt, indem es darum geht, was die Menschen eigentlich fühlen und was sie abseits von den medizinischen Aspekten beschäftigt. Da war es natürlich von Vorteil, dass ich selbst betroffen war und mir eben auch ganz andere Fragen stelle, als jemand, der keine Skoliose hat.

Was war dir besonders wichtig beim Dreh?
Ich habe recht viel Dreherfahrung und wusste ganz genau, wie ich es haben wollte. Wenn ich etwas im Kopf habe, dann versuche ich es exakt so umzusetzen, wie ich es möchte. Wir waren eigentlich nur vier Menschen in der Produktion, und meine Mutter, die Darstellerbetreuerin war. Ich wollte, dass die Darsteller von jemandem in Empfang genommen werden, der eine Verbindung mit Skoliose hat. Und es war mir wichtig, dass am Set nur Frauen sind, wenn gedreht wird, weil die Hauptdarsteller hauptsächlich weiblich waren. Es war nur ein Mann dabei.

Welche Bedeutung hatte es für dich, Skoliose im Film darzustellen?
Ich glaube, man muss sehr viel an sich arbeiten, um seinen Körper genau so zu akzeptieren, wie er ist. Mit meinem Film „Formen“ war ich an einem Punkt, an dem ich erkannt habe, dass auch die Sachen etwas Besonderes sind, die man nicht so schön findet.

Jede schlechte Sache hat ja am Ende dann doch irgendwie etwas Gutes.
Ja total. Auch, dass der Film so gut läuft und sogar auf Festivals gezeigt wird, bestätigt mich sehr. Ich habe dieses Jahr auch viele Preise gewonnen. Aber das Größte war eigentlich, dass wir bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes teilnehmen durften. Das war Wahnsinn.

Fotos: Andreas Pfohl

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