Die Macht der Stars

Welchen Einfluss haben Filmstars und Musiker auf junge Menschen? Sophia Carrara, 23, hat in ihrem Fotoprojekt untersucht, wie Identität entsteht

Von Anastasia Trenkler

Es braucht einige Minuten, bis alle Teile der Collage perfekt platziert sind. Behutsam legt Sophia Carrara, 23, einzelne Foto-Schnipsel auf das Schwarz-Weiß-Porträt von Markus Sebastian Harbauer, Bassist bei Exclusive und Musikproduzent. Auf den ersten Blick scheinen die Schnipsel abstrakte Strukturen zu zeigen. Wer aber genauer hinsieht, entdeckt das Logo des Fernsehsenders MTV auf einem der Bildfetzen. „Markus hat als Schüler viel Zeit vor dem Fernseher verbracht. Vor allem das Musikprogramm von MTV und das Genre Indie haben ihn geprägt“, erklärt die Fotografin. Heute ist er Produzent und Mitglied bei mehreren Münchner Bands. Musik war für ihn seit seiner Jugend wegweisend. Ein weiterer Schnipsel zeigt Bilder aus einem Musik-Video der Arctic Monkeys. „Man kann die Umrisse nur noch vage erkennen“, sagt Sophia und legt den Ausschnitt auf das Porträt. Dann greift sie zur Kamera, stellt sich auf den blauen Stuhl, der neben dem Fenster steht und beginnt zu fotografieren.

In ihrem aktuellen Projekt beschäftigt sich die 23-Jährige mit Medien und deren Einfluss auf die Identitätsentwicklung. Dafür hat sie sich mit 31 Menschen im Alter zwischen 13 und 100 Jahren unterhalten und ihnen Fragen zu deren Medienkonsum gestellt. Welche Serie, welcher Film, oder Musiker hat sie in ihrer Kindheit und Jugend beeinflusst? Und in wie weit haben diese Einflüsse sie zu den Menschen gemacht, die sie heute sind? Die Aussagen und Antworten aus den einzelnen Interviews hat Sophia dann fotografisch verarbeitet. „Ich nutze die Technik der Doppelbelichtung. Man legt so einzelne Schichten übereinander. Also die Porträts der Protagonisten und die Schnipsel mit Hinweisen zu deren Lieblingsmedien“, erklärt Sophia. Die fertigen Bilder sind mittlerweile im Buch „Invisible Identity“ zusammengefasst, Sophias Bachelorarbeit im Fach Fotodesign.

    Foto: Sophia Carrara

Neben Markus hat sich Sophia auch mit Schauspielern und Sportlerinnen unterhalten. Aber auch Porträts ganz gewöhnlicher Menschen und Familienmitglieder sind Teil der Fotostrecke. Besonders spannend fand Sophia das Gespräch mit einer älteren Frau. „In ihrer Kindheit gab es noch keinen Fernseher. Sie verbrachte ihre Freizeit damit, gemeinsam mit ihren Geschwistern zu singen und zu musizieren.“ Ganz anders verhält es sich bei einem 16-jährigen Mädchen, das für Sophia Modell stand. „Die Jugendliche verbringt täglich mehrere Stunden auf der Social-Media-Plattform Snapchat und schickt ihren Freunden Fotos“, erzählt Sophia. Vorbilder findet das Mädchen in angesagten Netflix-Serien.

Jedes einzelne Bild der Fotostrecke erzählt eine eigene Geschichte. Mal sind die Abbildungen auf den Schnipseln klar zu erkennen, mal wissen nur die Fotografin und das Model, welche Motive gemeint sind. Auf einigen Fotos sind blaue Farbelemente zu erkennen. Ein frischer Kontrast zur Tiefe der Schwarz-Weiß-Porträts. Blau ist Sophias Lieblingsfarbe. Obwohl die Fotos die Persönlichkeiten der Models widerspiegeln, fließt so ein Teil ihres eigenen Charakters in Sophias Arbeit mit ein.

Würde sich die Fotografin selbst porträtieren, wären Aufnahmen von Sternen und Planeten Teil des Bildes. Ihr Vater habe ihr als Kind viele Weltraumfilme gezeigt. „Das Universum ist uns noch so unbekannt und irgendwie mystisch. Ein Gegensatz zu unserer doch sehr rationalen Welt. Das fasziniert mich noch heute“, sagt Sophia. Sie muss schmunzeln. Im Schwarzwald, wo sie aufgewachsen ist, sei die Sicht auf den Sternenhimmel viel klarer als in der Stadt. Die Nähe zur Natur und die familiären Filmabende waren prägend für die junge Frau. Nach dem Abitur zog Sophia dann nach München. Die Umstellung vom Land auf das Stadtleben sei nicht einfach gewesen. „Anfangs hatte ich das Gefühl, meine Kommilitonen wüssten alle viel besser Bescheid und hätten bereits zu sich selbst gefunden“, erzählt sie. „Ich habe mir Vorwürfe gemacht, nicht zu wissen, wer ich bin. Mittlerweile finde ich es gut, dass ich mich für viele unterschiedliche Dinge interessiert habe und nach und nach meinen eigenen Stil entwickeln konnte“, sagt sie.

Heute lebe sie eine Art Doppelleben. In München ist sie Fotografin und Studentin. Zu Hause im Schwarzwald noch immer die Sophia von früher. Das Mädchen aus dem Turnverein. „Man nimmt als Mensch immer unterschiedliche Rollen ein. Es gibt in der Sozialpsychologie den Begriff der Patchwork-Identität. Eine Persönlichkeit setzt sich aus mehr als nur einer Charaktereigenschaft zusammen“, erklärt Sophia. In ihrer Schulzeit habe sie unterschiedliche Phasen durchlaufen. Mit ihrem Cousin hat sie Linkin Park gehört und eine Zeit lang schwarze Outfits getragen. „Nach der Rocker-Phase kam dann die Hippie-Phase und sicher habe ich noch viele andere Dinge ausprobiert“, sagt sie.

Identität bilde sich ihrer Meinung nach ein Leben lang weiter. Die Jugendzeit sei jedoch fundamental. „Meine Altersgruppe hatte eine sehr schöne und sorgenlose Kindheit. Unsere Elterngeneration wirft uns oft vor, wir wüssten doch gar nicht, was wir in Zukunft machen wollen“, sagt Sophia. Dabei sei es positiv, viele unterschiedliche Möglichkeiten zu haben und sich nicht gleich festlegen zu müssen. „Es ist viel schwieriger geworden, aus der Masse herauszustechen. Social Media gibt jedem einzelnen die Möglichkeit, sich selbst darzustellen. Stereotypische Szenen, wie es sie früher gab, beginnen zu verschwimmen. Das hat negative, aber auch positive Seiten“, sagt sie. Mittlerweile hat Sophia in München eine neue Heimat gefunden. Sie überlegt gerade, einen Master in Medienwissenschaften zu machen. So könne sie neben der Fotografie auch ihrem anderen Interessengebiet nachgehen. Und wer weiß, vielleicht kommen noch viele weitere neue Schnipsel zu ihrem eigenen Porträt hinzu.

Foto: Sophia Carrara