Band der Woche: Marvpaul

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“Etwas Anständiges” – So heißt die neue EP der Germeringer Band Marvpaul. Zwar sind die Mitte-20-jährigen im geordneten Studentenleben angekommen. Doch sie verstehen sich immer noch hervorragend auf‘s Beschweren und Schimpfen – anständiger Indie-Rock eben! Und damit bereichern sie die Münchner Musikszene.

Eigentlich muss im Pop alles wahnsinnig schnell gehen. Vor allem die Sache mit dem zweiten Album. Denn wenn eine Band ihr Debüt veröffentlicht hat, das im Idealfall noch gut besprochen wurde, dann muss spätestens im Jahr darauf eine nächste Veröffentlichung folgen. Es regiert die Angst, dass die Aufmerksamkeit einer Flaute weichen und sich keiner mehr für den Nachfolger interessieren könnte, wenn man sich zu viel Zeit lässt. Diese Haltung steht natürlich diametral zum künstlerischen Prozess: Das Nachfolge-Album sollte wohl bedacht sein, es braucht Zeit, eine musikalische Sprache zu finden, die all die Erstlings-Energie klug weiterspinnt – damit eine Haltung entwickelt werden kann, die abseits des lauten „Hier sind wir“, das viele Debüt-Alben ausstrahlen, schlüssig ist.

Die Germeringer Band Marvpaul brüllte dieses „Hier sind wir“ ziemlich laut, als sie 2012 das Album „Es gibt hier nicht nichts zu tun, aber etwas anderes gibt es auch nicht“ veröffentlichte. Darauf wurden ausgesprochen überzeugend all die Erlebnisse einer Jugend in der Satellitenstadt einer Großstadt verarbeitet. Zu in der Münchner Indie-Pop-Szene eher seltenen rauen Klängen, erklärte Sänger Clemens Techmer darauf etwas altklug und trotzdem schlau die Lebenssituation gut situierter Jugendlicher im Münchner S-Bahn-Einzugsbereich. Doch dann wurde es ruhiger um die Band. Die Musiker begannen zu studieren, eher unkünstlerische Dinge wie Elektrotechnik, sie spielten immer mal wieder ein paar Konzerte, aber ein zweites Album ließ auf sich warten.

Doch nun haben sie die Veröffentlichung einer EP angekündigt. Ganz dem neuen Lebensabschnitt der Mitte-20-jährigen Studenten gemäß heißt die „Etwas Anständiges“. Doch das trieft natürlich nur so vor Ironie, denn Texter Clemens versteht es immer noch erstklassig, sich zu beschweren. Da schimpft er über die Leistungsgesellschaft und ihre ewigen To-do-Listen. Nur, dass er es sich im Song „Die Liste“ spart, solch beschreibende Begriffe zu verwenden: Post-Pubertär besingt er eher sein eigenes Prokrastinationsverhalten, unterlegt mit fast noch drängenderer und wütenderer Musik als auf dem Debüt. Die Synthies von Maximilian Haberland sind voller geworden, aber nicht harmonisch lieblicher. Ganz im Gegenteil: Sie orgeln penetrant und dennoch rhythmisch tanzbar vor sich hin, während Clemens seinen Gesangstil noch ein wenig postulierender gestaltet hat. Im Titeltrack „Etwas Anständiges“ wagen sie sich gar an einen an Hip-Hop erinnernden Groove, zu dem in ausbrechenden Refrains erklärt wird, „keine Musik zu machen“, sondern „etwas, mit dem man später was verdient“. Ein derzeitig fast aus dem Sprachschatz der Musikbeschreibung entschwundener Begriff wird da wieder passend: Marvpaul machen Indie-Rock im klassischen Sinne von ein wenig aufgebrachter, unabhängiger Musik, die sich niemals die große Rock-Geste ganz aneignen würde, aber die Durchschlagskraft von Rock durchaus schätzt.

In München sind derartige Ausprägungen von ernst zu nehmend wütender Indie-Musik selten geworden. Man hört ältere Bands heraus, allen voran Kreisky als die derzeitigen Helden des noisigen Zeterns. Marvpaul übertragen auf ihrer neuen EP aber auch die Slacker-Haltung der jungen Tocotronic auf Musik, die mehr will als das betont dilettantische Gitarren-Geschrabbe der frühen Hamburger Schule. Heraus kommt dabei eine Art von Wohlstandskinder-Pop, der sehr wohl weiß, unter welch privilegierten Umständen er entstanden ist und sich aber dennoch das Recht auf Unzufriedenheit nicht nehmen lassen will.

Eine derart reiche Stadt wie München kann solche Musik wunderbar vertragen. Am Samstag, 9. Januar, stellt das Quartett die neue Platte in der Kranhalle im Münchner Feierwerk vor. Und noch vor dem Jahreswechsel reisten sie nach Meran, um ihren Unzufriedenheits-Pop auch in Südtirol vorzustellen.  

Marvpaul

Stil: Indie-Rock

Besetzung: Clemens Techmer (Gesang, Gitarre), Maximilian Haberland (Keyboards), Gregor Poglitsch (Bass), Joachim Ferstl (Schlagzeug)

Aus: Gemering

Seit: 2011

Internet: www.marvpaul.bandcamp.com

Von Rita Argauer
Foto: Felix Noe