Von Freitag bis Freitag München: Unterwegs mit Ornella

Unsere Autorin verbringt die Woche mal durch die Nächte tanzend, mal mit Yoga und Kunst. Aber auch Poetry Slam und Comedy kommen nicht zu kurz. Das Jahr hat gerade erst angefangen, man könnte meinen die Stadt sei noch im Winterweihnachtsschlaf: Wer das denkt täuscht sich und außerdem bestätigte die New York Times neulich erst, was sich viele vielleicht schon gedacht haben: München wird cool. Langsam. Aber es wird

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Im Rausch

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Wir porträtieren an dieser Stelle bis zur Vernissage alle 20
mitwirkenden KünstlerInnen unserer Ausstellung
“10 im Quadrat Reloaded”
 im Farbenladen – mal Fotograf, mal
Modell. Heute: Schauspieler und DJ Leon Haller.

Leon Haller, geboren 1996, gefällt
das Theaterumfeld gut: „Da ist Raum für alle Typen und ich kann sein, wie ich
bin. Im Idealfall kannst du dich vor den anderen nicht verstecken. Man muss
ehrlich zueinander sein.“ Genauso viel Spaß macht es ihm, sich im Theaterstück
„Die Räuber“ gemeinsam mit seinen Kollegen in der Räuberbande in einen
Spielrausch zu begeben. Das Stück gefällt dem jungen Schauspieler gut, da es
eine geballte, konzentrierte Kraft ist. Auch wenn Leon an der Theaterakademie
August Everding im März in sein viertes Jahr kommt, spielt er bereits am
Münchner Residenztheater, und auch am Burgtheater in Wien. Beispielsweise eine
Hauptrolle im Stück „Lass dich heimfahren, Vater oder den Tod ins Herz schreiben“.
Als Ausgleich zu den Proben wird Leon zuhause zum DJ. „Ich lenke mich ab und
komme in einen anderen Zustand“, sagt er, „Das ist mein Yoga.“ Am Anfang war es
für ihn nur ein Hobby und auch wenn er nach wie vor am liebsten zuhause und nur
für sich selbst auflegt, steht er mittlerweile regelmäßig in Clubs wie der
Roten Sonne und dem Harry Klein an den Turntables. Schauspielern und DJ-Sein,
beides schafft es für Leon „mit vorhandenen Mitteln Leute mitzunehmen und sie
in einen Rausch zu versetzen.“

Für den Schauspieler war es nicht schwer, sich vor die
Kamera zu stellen, denn er musste nicht in Rollen schlüpfen und hat den Fotografen
vertraut. „Jeder Fotograf hat ein eigenes Feld, das er erforscht, und ich habe
einfach versucht, dabei mitzuwirken.“ Das Shooting mit Alina Oswald hat ihm am
besten gefallen: „Wir haben uns einfach sehr gut verstanden, sie hat eine tolle
Präsenz und man fühlt sich schnell wohl bei ihr, ohne bequem zu werden.“

Text: Lena Schnelle

Foto: Lara Freiburger

Zwischen Clown und Krankenhaus

Was es bedeutet, sich in München als junge Schauspielerin zu behaupten: Vera Flück, 23, und Mona Vojacek Koper, 24, sind begeistert von der Theaterlandschaft, fragen sich aber manchmal, ob ein sozialer Beruf nicht doch besser für sie wäre.

Auf der Bühne der Kammer 3 steht nur diese Tür. Mona Vojacek Koper tritt durch sie auf, wieder und wieder. Sie mimt in „Push Up 1 – 3“ eine Geschäftsfrau Ende 20: weiße Bluse, hohe Schuhe, Kaffee in der Hand. Anfangs versprüht diese Figur gute Laune, Professionalität, doch langsam wandelt sich Monas Spiel. Man merkt: Da steckt jemand fest in einer Lebenskrise. Einbauschränke und Einsamkeit, und das mit 28. Mit jedem neuen Auftreten durch die Tür steigert sich so der Grad der Verzweiflung. Als ihr Monolog zu Ende ist, bekommt Mona vom Münchner Publikum einen intensiven Applaus.

Dieses Vorspiel beim sogenannten Intendantenvorsprechen ist einige Monate her, im Sommer ist Mona fertig mit ihrer Ausbildung. Wie hat sie die Zeit in München als Schauspielstudentin erlebt? Und was bedeutet es, sich in dieser Stadt als junge Schauspielerin zu behaupten? Überall auf der Welt gibt es junge, talentierte Schauspieler mit großen Plänen und Visionen. Meist ist es ein kräftezehrender Kampf, bis es diese aufstrebenden Künstler so weit geschafft haben, dass sie ihr Leben ausschließlich vom Schauspiel finanzieren können. Bei kaum einem Beruf klaffen Anspruch und Wirklichkeit so weit auseinander wie hier. Wie verhält es sich damit in München? Hat man als junger Schauspieler hier vielleicht eher Existenzängste als anderswo? Und ist München generell eine attraktive Stadt für junge Künstler? 

Ein Treffen mit den beiden jungen Münchner Schauspielerinnen Vera Flück, 23, und Mona Vojacek Koper, 24 – beide Schauspielstudentinnen an der Otto-Falckenberg-Schule. Um sich ein genaueres Bild von den zwei Schauspielerinnen machen zu können, lohnt ein Blick in die jeweilige Zeit vor dem Schauspielstudium der beiden. Für Vera ist die Schauspielerei eine Art Lebenstraum. Seit sie denken kann, möchte sie in diesem Beruf arbeiten. „Ich war schon immer der Klassenclown und es war schon früh eine Leidenschaft von mir, Menschen zu beobachten und mir deren Welten zusammen zu spinnen“, sagt sie. Weil sie jedoch mit 15 schon mit der Schule fertig war, wollte sie zunächst etwas „Anständiges“ machen. Vielleicht auch etwas, auf das sie zurückgreifen kann, sollte es mit dem Lebenstraum Schauspiel nicht funktionieren? Vera absolvierte eine Ausbildung zur Krankenschwester in ihrer Heimat Bern und arbeitete auch eine Zeit lang in diesem Beruf. „Da lernt man Menschen unverblümt kennen, das empfinde ich als wichtige Erfahrung“, sagt sie. Der Schauspielberuf und das Krankenschwesterdasein – zwei Beschäftigungen, die sich nicht unbedingt ähnlich sind. Doch was sind hier die größten Differenzen bei den Arbeitsbedingungen? Neben den geregelten Arbeitszeiten, sei es insbesondere der Kontakt mit Menschen, den sie im Krankenhaus hatte, sagt Vera. „Da gab es eine größere soziale Komponente als beim Schauspiel. Ich habe dort gesehen, dass ich als Mensch etwas Gutes tue.“ Das sei ein Teil ihres Berufs gewesen, den sie zu Beginn des Schauspiel-Studiums zunächst vermisst habe, erinnert sich Vera. 

Bei Mona war es ganz anders. Sie entdeckte ihre Liebe zum Schauspiel erst später. „Als dann aber mein Wunsch entstanden ist, hatte ich eigentlich keinen Plan B. Ich dachte mir damals: Entweder das klappt jetzt, oder ich geh halt noch einmal auf Weltreise“, sagt Mona und lacht. Zunächst sei sie eher naiv und arglos an die Schauspielerei herangegangen. Erst im Laufe des Studiums habe es sich ihr erschlossen, was der Schauspiel-Beruf wirklich für sie bedeutet. Mona hat ursprünglich viel im Bereich Tanz gearbeitet. Das sieht man ihr auch an: Kerzengerade sitzt sie da, die Beine im Schneidersitz verschränkt. Hin und wieder dehnt und streckt sie ihre Arme. Noch während den Nachwirkungen einer schweren Knieverletzung hat sie sich 2013 an der Otto-Falckenberg-Schule beworben. Ging mit Krücken zum Vorsprechen. Und wurde genommen.

Trotz Passion und Traum-Berufsziel scheinen beide Frauen den Schauspielberuf auch hin und wieder zu hinterfragen. Mona gibt zu, dass sie sich manchmal die Frage nach dem Zweck und Nutzen des Berufs stellt. So habe sie gelegentlich auch Zweifel, ob das alles nicht zu „leer“ für sie sei. Dass ein sozialer Beruf nicht vielleicht doch der bessere Weg für sie wäre. In diesen Gedankengängen sind sich die beiden Münchnerinnen sehr ähnlich. „Ich frage mich manchmal, ob ich meine Energie nicht besser für etwas nutzen könnte, was Menschen direkter etwas bringt“, sagt auch Vera.

Trotz der Zweifel und den immer wiederkehrenden Existenzängsten sind Vera und Mona ihrem Ziel auf der Spur. Ein Beruf und ein Leben im – nicht immer einfachen – Kulturbereich und Theaterbetrieb. Sie wissen, worauf sie sich einlassen, und scheinen jegliche unrealistischen Träumereien hinsichtlich des Schauspielberufs abgelegt zu haben. Trotzdem – oder vielleicht auch gerade deshalb – sind sie ihrem Berufsziel treu geblieben. Sie brennen für die Bühne, wollen Dinge erreichen und anpacken. Denn ihnen ist klar, dass man mit Schauspiel im besten Falle Menschen auch berühren kann.

Wie steht es mit München? Kann man sich hier verwirklichen? „Mir ist München zu wenig bunt“, sagt Vera und meint damit insbesondere die Subkultur dieser Stadt. Außerdem hätten Vera und Mona anfangs Mühe gehabt, sich hier einzuleben. Was daran lag, dass das erste Bild, das beide von München hatten, größtenteils aus dem Flair der Maximilianstraße bestand – hier liegt die Otto-Falckenberg-Schule. Die Theaterlandschaft Münchens sei jedoch großartig, da sind sie sich auf Anhieb einig. Auch Leonard Hohm, 26, Schauspieler aus München, ist da gleicher Meinung: „München ist eine ganz tolle Stadt voller Möglichkeiten. Dass viele immer so drauf schimpfen, verstehe ich nicht. Zwar hat die Stadt einen anderen finanziellen Druck und kulturellen Anspruch, aber das alles kann auch dazu führen, seinen Arsch hoch zu bekommen. In München gibt es zwar weniger Leute in der freien Szene als in Berlin, aber dafür habe ich hier tausend Möglichkeiten, etwas auf die Beine zu stellen.“

„Im Gegensatz zu Berlin finde ich es in München schön, dass alles so übersichtlich ist“, sagt Mona. „Ich habe das Gefühl, ich weiß, was es hier für freie Gruppen gibt und was so an den Theatern gespielt wird.“ Die kleine, überschaubare freie Szene Münchens also mal nicht als Makel, sondern als Vorteil? Vera ist davon überzeugt: „Hier in München hat man das Gefühl, man kann noch etwas bewirken, in Berlin hast du ja schon alles. Man muss es halt machen.“ Auch Kjell Brutscheidt, 21, der an der Theaterakademie August Everding Schauspiel studiert, sieht es ähnlich: „München ist schon eine attraktive Stadt für Schauspieler, allein wegen der drei großen Theater – Resi, Kammerspiele und Volkstheater. Und durch den Sitz der Bavaria und der Hochschule für Fernsehen und Film gibt es sogar die Möglichkeit, im Bereich Film neue Leute kennenzulernen und Verbindungen aufzubauen“, sagt er.

Kjell, Leonard, Vera und Mona sind momentan auf einigen Fotos der Ausstellung „10 im Quadrat“ der Junge-Leute-Seite im Farbenladen des Feierwerks zu sehen. Ein Ziel dieser Ausstellung war es, junge Münchner Fotografen und Künstler untereinander zu vernetzen. Wie wurde nun dieses Projekt von den drei Schauspielern wahrgenommen? „Ich bin ein großer Fan von Crossover“, betont Mona. Durch dieses Projekt habe sie auch erstmalig die vielen jungen Fotografen Münchens kennengelernt. Was sie künstlerisch so machen und auch wo diese am Wochenende gerne feiern gehen. Eine weitere positive Horizonterweiterung also, in gewisser Hinsicht. Auch Kjell gefällt das: „In München oder im Studium, so war es jedenfalls für mich, ist es relativ schwierig, andere Leute aus theaterfremden Bereichen kennenzulernen. Durch den vollen Stundenplan, besonders in den ersten beiden Jahren, ist man von morgens bis abends fast nur in der Akademie und somit in seiner eigenen kleinen Welt. Mir hat es echt gut getan, mal mit nicht theaternahen Leuten zu arbeiten, zu sehen was die so machen. Das hat Spaß gemacht.“

Text: Ornella Cosenza, Carolina Heberling und Amelie Völker

Fotos: Josef Beyer, Regine Heiland

Düsseldorfer Durchstarter

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Täglich porträtieren wir an dieser Stelle eine(n) der 20 mitwirkenden
KünstlerInnen unserer “10 im Quadrat”-Ausstellung im Farbenladen – mal
Fotograf, mal Modell. Heute: Schauspieler Kjell Brutscheidt.

Kjell
Brutscheidt, geboren 1996 in Düsseldorf, liebt es, auf der Bühne zu
stehen. Bereits während seiner Schulzeit sammelt er erste
Theatererfahrungen am Düsseldorfer Schauspielhaus. Vor drei Jahren
begann er sein Schauspielstudium an der Theaterakademie August Everding
in München. Dort wirkte er in Stücken wie „Die Schöne und das Biest“,
„Hauptsache Arbeit!“ oder „Die ganzen Wahrheiten“ mit. Momentan spielt
Kjell im Stück „Die Räuber“ von Friedrich Schiller am Münchner
Residenztheater (Regie: Ulrich Rasche). Diese Inszenierung wurde zum
diesjährigen 54. Berliner Theatertreffen eingeladen.

Die Ausstellung “10 im Quadrat” ist an allen Wochenenden im Mai, samstags von 16 – 22 Uhr, sonntags von 16 – 20 Uhr, im Feierwerk Farbenladen geöffnet. Neben den Fotografien werden Konzerte, Lesungen und Diskussionen veranstaltet. Für weitere Infos klickt unsere Junge-Leute-Facebookseite.
Der Eintritt ist frei.

Text: Amelie Völker

Foto: Michael Färber