Band der Woche: Lakedaimon

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Die Band
Lakedaimon ist rein besetzungstechnisch bereits bekannt: zusammengesetzt aus der “famosen Neo-Folk-Band Dobré”  geht es stilistisch nun aber in ein eine andere Richtung.

Die treibende Kraft der Popmusik ist der Stil, während in der Klassik die musikalische Idee als einmaliger Einfall hochgehalten wird. Doch dieser etwas konservative gedachte Gegensatz trifft nicht immer zu. Zum einen ist Stil, also der Klang und die Attitüde, wie etwa ein C-Dur-Akkord klingen kann, eine bisweilen ebenso kreative Leistung wie die Erfindung einer Melodie oder eines Arrangements. Zum anderen finden sich auch in der klassischen Musik höchst stilisierte Formen, die sich aus der erfindungsreichen Neukombination von harmonischem Material herausgelöst haben. Doch zurück zum Pop, denn dort gibt es wahre Meister des Stils. Allen voran Damon Albarn, der erstmals mit Blur den Britpop als Stil erfand, später mit den Gorillaz eine Comic-Band ersann, deren musikalischer Stil sich virtuos in die Comic-Ästhetik einfand, und dazwischen mit diversen anderen Projekten, etwa The Good, the Bad & the Queen oder zwei Opern sein musikalisches Einfallsreichtum wiederum spielerisch in verschiedenste Stile goss.

Die Münchner Szene hat mit Johannes Joe Dobroschke einen ähnlich talentierten Stil- und Kompositionsvirtuosen. Das Songschreiben lernte er an der Seite von Jacob Brass in ihrer ersten gemeinsamen Band Spotfin Soap. Nach der Auflösung entstand die famose Neo-Folk-Band Dobré, deren Kopf Joe bis heute ist. Dazwischen gab es das durchgeknallte Experiment Klaus, in dem Joe auf Deutsch singend eine Frühform von Elektro-Indie erfand, surreal wie ein verrückter Wissenschaftler. Und nun, kurz nachdem mit „Who killed the acrobat“ das dritte Album von Dobré erschienen ist, tritt mit Lakedaimon das nächste Projekt von Joe auf den Plan. Besetzungstechnisch gibt es da keinen großen Unterschied zu Dobré. Live wird Joe von seinen vertrauten Bandkollegen begleitet, die Songs, die auf dem Label von Ex-Anajo-Sänger Oliver Gottwald erscheinen, sind quasi ein Spin-Off des aktuellen Albums: „Zwischen dem zweiten und dritten Dobré-Album habe ich sehr, sehr viele Songs geschrieben, von denen einige aber irgendwie nicht mehr so recht zu Dobré gepasst haben“, sagt Joe. Das führt zurück zum Stil und zu Joes recht untrüglichem Gespür dafür. Denn: Sie hätten diese Lieder zwar auch live als Dobré ausprobiert, jedoch seien sie „düsterer, ernster, elektronischer und gleichzeitig poppiger“, sagt er. Ein anderer Stil also, der eine andere Band braucht, auch wenn die Musiker de facto die selben sind.

Um diesen neuen Stil auszuarbeiten, stand ihm auch Martin Brugger alias Occupanther zur Seite, der einige Spuren zu den drei nun fertig gestellten Songs hinzufügte. Die Grundproduktion aber stammt von Joe selbst. Er hat alle Instrumente eingespielt und bezeichnet Lakedaimon als eine Art „Solo- oder Nebenprojekt“. Getragen von seiner Stimme, die heroisch, aber verhallt zur ersten Single „Inhale / Exhale“, – diese erscheint am Freitag, 24. November – anhebt, dann aber von sanfter Elektronik unterbrochen wird und in ihren beinahe jazzigen Harmonien ein wenig an The Notwist auf dem Album „Shrink“ erinnert. Die Synthesizer-Spuren, die in den folgenden Songs noch stärker hervortreten, sind in Joes bisherigem Schaffen aber neu – viel kühler als die folkigen Orgeln und Klaviere bei Dobré. Gleichzeitig ist Lakedaimon aber auf eine gewisse Art zugänglicher, weil die aktuelle Popmusik immer noch stark von solchen Klängen geprägt ist. Doch das überraschendste ist die Sicherheit von Joe. Er klingt nicht so, als würde er sich in einem neuen Stil ausprobieren. Vielmehr schafft er mit untrüglichem Gespür Musik, die konsequent und reif klingt. Zum Stilbewusstsein gehört bei Joe auch ein Songschreiber-Talent, das ihn beinahe mühelos durch seine sämtlichen Projekte hindurch trägt.

Stil: Elektronik/Indie
Besetzung: Johannes Dobroschke (Songwriting, Gesang, Produktion)
Aus: München
Seit: 2017
Internet: www.facebook.com/lakedaimonmusic


Text: Rita Argauer

Foto: Dominik Wierl

Neuland: Livia Kerp

Das “Forum Kinderrechte” ist nur eine Plattform, auf der man Livia Kerp aktuell antrifft. Die umtriebige Bloggerin setzt sich engagiert für Kinderrechte ein und war zuletzt sogar an der Wahl zum Jugendwort des Jahres beteiligt.

Was macht ein gutes Leben für Kinder und Jugendliche aus? Was können Politik und Gesellschaft tun, um dieses zu ermöglichen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Junior-Bloggerin Livia Kerp, 15, schon länger: Seit zwei Jahren schreibt sie auf ihrem Blog über die Dinge, die Jugendliche bewegen und auch angehen – etwa das Schulsystem oder Umweltschutz – und konnte dazu schon Politiker wie Cem Özdemir oder Christian Lindner interviewen. Am 20. November hat die 15-Jährige nun mit Emilia Müller, der bayerischen Staatsministerin für Arbeit und Soziales, Familie und Integration, über diese Themen sprechen können: beim „Forum Kinderrechte“ im Maximilianeum. Schließlich können Jugendliche wie Livia die Fragen, um die es bei der Veranstaltung von Kinderkommission und Kinderschutzbund gehen soll, viel besser beantworten als Politiker oder Wissenschaftler. Ebenso wie die Frage, welches das „Jugendwort des Jahres 2017“ sein soll: „I bim’s“ ist es nun geworden, und darüber hat die Bloggerin gemeinsam mit der Jury abgestimmt. Für ihr Engagement ist Livia Kerp zuletzt mit dem Platz des Com.mit-Awards „für junge Mutbürger“ belohnt worden. 

Text und Foto: Anna-Elena Knerich

München-Models: Helena Maria Fein

In München leben viele schöne Menschen. Unter ihnen gibt es auch einige Models. Ob hauptberuflich, als Nebenjob oder Hobby: Wir porträtieren jede Woche ein Münchner Model und erzählen von dem Menschen hinter dem hübschen Gesicht.

„Asthenic storm“, so nannte Helena Maria Fein ihre erste Kurzgeschichte, die von der Beziehung zwischen Mutter und Tochter handelt. Und so nennt sich das 19-jährige Model aus München auch seit Kurzem in den sozialen Netzwerken. „Asthenisch“ beschreibt einen gewissen Konstitutionstypen: schmächtig und von sprunghafter Natur. Für Helena ist Schreiben eine Art Meditation, um spezielle Gefühle zu verarbeiten – und auf Papier könne sie das am besten.
Festgehalten wurde Helena bereits auf zahlreichen Fotografien, darunter auch eine komplette Modestrecke für ein angesagtes, junges Modelabel. „Ich habe ein sehr spezielles Gesicht. Eher interessant als klassisch schön oder gar kommerziell. Mich machen meine Augen aus“, sagt Helena.

Sie ist 1,81 Meter groß und hat ausgefallene Tattoos am Arm, etwa das Kaninchen aus Alice im Wunderland. Der Modewelt, also anderen Models und allen, die sich in diesem Metier bewegen, rät Helena, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Das Modeln habe ihr zumindest viel Selbstbewusstsein gegeben und sie darin bestärkt, sie selbst zu sein und sich nicht zu verstellen. Zurzeit absolviert die junge Münchnerin ein kulturpädagogisches FSJ und arbeitet mit geflüchteten Kindern zusammen.

Später möchte Helena Journalismus studieren. „Ich war bereits mit 14 Jahren so groß wie heute. Die Leute erwarten, dass man dann entweder Model oder Basketballerin wird. Ich habe mich für das Modeln entschieden. Es wird aber eine Nebentätigkeit bleiben“, sagt Helena.

Text: Laura-Marie Schurer

Foto: Alessandra Schellnegger

EP-Kritik: „Moony Monday“ von Dirty Old Spice

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Nach dem ersten Album „Sex With Elephants“ ist „Moony
Monday“ nun das zweite Werk der Münchner Band Dirty Old Spice. Eine EP, die den
Stil der Band weiterentwickelt und ihm neue Facetten hinzufügt.

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Grunge trifft auf Blues trifft auf 70ies und bleibt trotzdem
modern – so in etwa könnte man die Musik von Dirty Old Spice beschreiben. Nach
dem ersten Album „Sex With Elephants“ aus dem Jahr 2013 veröffentlich die Band
nun eine EP, die den Stil der Band weiterentwickelt und ihm neue Facetten
hinzufügt: „Moony Monday“ bringt in der Kürze von fünf Songs das, was die Band
ausmacht, mit unverwechselbarem Gitarrensound und dreckigem Gesang auf den
Punkt.

Eine dieser neuen Facetten offenbart sich gleich zu Beginn.
Der Song „Pool Party“ macht seinem Namen alle Ehre. Im ersten Gitarren-Chord
sind Wasser und Wellen zu spüren, der ganze Sound klingt nach Nacht und
Verheißung. Der Beat ist schnell und erinnert an diese Party-Songs in den
Clubs, in die man nie geht, weil die Musik eigentlich echt schlecht ist. Aber
nicht hier. Denn der tanzbare Rhythmus verschmilzt mit den charakteristischen
Gitarrenklängen der Band zu einem dieser Songs, zu denen man sich zwar bewegen
kann, die aber gleichzeitig nicht in einer Masse von Charts verschwinden,
sondern auch höheren musikalischen Ansprüchen gerecht werden. Auch der zweite
Song, „Flying Cowboy“, gehört in die Riege der Songs, die einen Indie-Club zum
Kochen bringen. Der dritte Song „Money For The Bank“ schlägt dann einen Spagat
zum zweiten Teil der EP: Die Beats sind immer noch schnell und tanzbar, aber
die Gitarre wird dreckiger und aggressiver. Mit „Dripstone Falls“ folgt eine
Ballade mit viel Luft und schwebender Stimme und die Gitarre schlägt soundtechnisch
– obwohl viel ruhiger – doch wieder einen Bogen zum ersten Song, „Pool Party“.

„Moony Monday“ ist eine EP mit Hand, Fuß und rotem Faden,
die dem geneigten Hörer in ganzer Länge eine Geschichte erzählt, während die
einzelnen Songs aber ganz unterschiedliche Stimmungen vertreten. So für sich
allein stehend erzeugt jeder für sich ein ganzes Universum. 

Die EP erscheint am 25.11.2017

 

Text: Marina Sprenger

Kämpfen bis zum Bleiberecht

Seit Arif Abdullah Haidary, 18, in Deutschland lebt, ist für ihn ganz klar, für welches Land er als Karateka antreten will – Aufenthaltsstatus hin oder her.

Arif ist ein Kämpfer. Schon früh hat er gelernt, dass man sich Respekt hart erarbeiten muss – und dass man niemals aufgeben darf, an seine Ziele zu glauben und für die eigenen Werte einzutreten. Selbst dann, wenn man eine gebrochene Nase oder gar das eigene Leben riskiert.

Seit er 13 ist, trainiert Arif Abdullah Haidary, 18, Kyokushinkai. Im Gegensatz zum weit verbreiteten Karate, der völlig auf Körperkontakt verzichtet, kämpft er eine Vollkontakt-Variante. Es zählt zu einem der härtesten Karate-Stile und erfordert ein Höchstmaß an Disziplin. Jetzt bekommt er eventuell die Chance, für Deutschland zu kämpfen – und das, obwohl er nicht weiß, wie lange er hier noch bleiben darf.

In seinem Heimatland Afghanistan seien Kampfsportarten sehr beliebt, vergleichbar mit Fußball in Deutschland, sagt Arif. Nur wenige würden sich jedoch für Karate entscheiden. „Im Karate gibt es viel mehr Regeln als zum Beispiel beim Kickboxen“, sagt er. Ihm haben aber genau diese Regeln und die erforderliche Disziplin besonders gut gefallen: Man müsse pünktlich sein, sich ordentlich kleiden, auf den Trainer hören. „Es ist egal, ob jemand schwarz oder weiß ist oder welcher Religion er angehört – sobald er zum Training kommt, spielt das alles keine Rolle mehr“, sagt Arif, dessen kurzes, schwarzes Haar mit Gel in Form gehalten wird. Er ist nicht besonders groß oder muskulös, aber auf den Wettkampfbildern, die er stolz auf seinem Smartphone zeigt, lassen seine Körperhaltung und sein konzentrierter Blick keinen Zweifel daran, dass Arif im Wettkampf alles gibt.

In Afghanistan hatte Arif bereits den schwarzen Gürtel – die höchstmögliche Auszeichnung – erworben und für das dortige Nationalteam gekämpft. All seine Urkunden und Zertifikate hat er den ganzen beschwerlichen Weg von Afghanistan nach Deutschland transportiert. Es herrscht Krieg, und das einzige, was jemand rettet, sind seine Karate-Urkunden? Was im ersten Moment befremdlich wirkt, ist für den jungen Mann offenbar selbstverständlich. So nimmt jeder mit, was für ihn von Wert ist.

In Deutschland hat Arif wieder bei Null angefangen – in vielerlei Hinsicht. Zumindest beim Karate hat er diese Entscheidung aber selbst getroffen und sich bewusst dafür entschieden, noch einmal neu anzufangen – mit dem weißen Gürtel. Er habe darin eine Möglichkeit gesehen, sein Deutsch zu verbessern, sagt Arif. Wenn er spricht, blicken seine braunen Augen stets freundlich, doch lachen sieht man ihn nur sehr selten. Wie eine scheue Katze scheint etwas in ihm immer auf der Hut zu sein.

Innerhalb der zwei Jahre, die er nun schon mit zwei Brüdern in Deutschland lebt, hat er es erneut geschafft, bis zum braunen Gürtel aufzusteigen.
Im vergangenen Jahr hat Arif bei den German Open in Stuttgart in seiner Altersgruppe den ersten Platz erreicht. In diesem Jahr wird er am 25. November bei den deutschen Meisterschaften antreten, dort kann er sich für internationale Wettbewerbe qualifizieren.

Ein offizielles Nationalteam für die Kampfrichtung Kyokushinkai befindet sich gerade noch im Aufbau. Jeder, der Interesse an einer Teilnahme hat, wird eingeladen. Jedoch würden zu den Wettkämpfen natürlich nur die Besten im Kader geschickt, sagt Stefan Beer, Kyokushin-Trainer von Arif. Als Trainer und Präsident des Vereins KKD, kurz für Kyokushinkai Karate Deutschland, kann Beer das Können von Arif einschätzen. Auf deutscher Ebene rechnet Beer seinem Schützling gute Chancen aus, im internationalen Vergleich aber ist die Messlatte deutlich höher angesetzt, weil es in Ländern wie Polen oder Brasilien Standard ist, dass die Sportler acht Stunden täglich trainieren.

„Von seinem Talent und seinem Herz her hat Arif großes Potenzial“, sagt Beer. Vergessen dürfe man in seinem besonderen Fall aber auch nicht sein Handicap, wie Beer es nennt: Arifs Asylantrag ist auch nach zwei Jahren in Deutschland noch nicht genehmigt, jederzeit könnten die deutschen Behörden entscheiden, dass Arif das Land wieder verlassen muss. Mit einem ungeklärten Aufenthaltsstatus kann Arif deshalb nicht einfach beliebig oft aus- und einreisen. Seine sportliche Karriere bleibt somit schon allein deshalb vorerst auf Deutschland beschränkt.

Dennoch ist Arif ein junger Mann mit großen Plänen. Gerade hat er seinen Abschluss an einer Berufsfachschule gemacht, nun schreibt er Bewerbungen für einen Ausbildungsplatz als Medientechniker. Zudem arbeitet er mit seinem Bruder an der Umsetzung einer mehrsprachigen Zeitung von und für Flüchtlinge. Nebenbei hat er kürzlich auch noch eine Ausbildung zum Jugendleiter für Karate gemacht.

Seit Arif in Deutschland lebt, ist für ihn ganz klar, für welches Land er kämpft – Aufenthaltsstatus hin oder her. „Ich kämpfe unter deutscher Flagge“, sagt der gebürtige Afghane. Für ihn sei es eine Ehre, für Deutschland anzutreten – und zu gewinnen. Er sehe darin eine Möglichkeit, den Deutschen, die ihm so viel geholfen hätten, etwas zurückzugeben, sagt er.

Dennoch wirkt der sonst so ruhige Arif für einen Moment fast verärgert, als das Thema zur Sprache kommt. Es fällt ihm sichtlich schwer zu verstehen, wie die deutschen Behörden überhaupt darüber nachdenken können, ihn in ein Land zurückzuschicken, in dem ganz offensichtlich Krieg herrscht. „In den Asylverfahren wird in drei Tagen über dein ganzes Leben entschieden“, sagt Arif und schüttelt traurig den Kopf. Bis es zu seiner Anhörung kommt – irgendwann in den nächsten zwei Wochen oder den nächsten zwei Jahren – könnte Arif einfach nur abwarten, doch stattdessen hat er sich dafür entschieden zu kämpfen.

„Vor dem Krieg hatten wir in Afghanistan ein gutes Leben“, sagt Arif. Es gab für ihn und seine Familie keinen Grund zu fliehen. Sein Vater ist Herausgeber einer Tageszeitung in Afghanistan, und auch Arif und seine Brüder haben für die Zeitung als Journalisten gearbeitet. Am Ende war genau jene Arbeit der Grund für ihre Flucht: Eines Tages explodierte im Auto des Bruders eine Bombe, als sie gerade auf dem Weg zur Arbeit waren. „Wir hatten alles – nur keine Sicherheit mehr“, sagt Arif, dessen rechte Wange seitdem von einer Narbe gezeichnet ist. Der Vater befahl ihnen zu fliehen, aber er gab ihnen auch eine wichtige Lektion mit auf den Weg: „Ein Journalist hat nur seinen Stift als Waffe – aber diese Waffe muss er nutzen.“

Arif hat sich diesen Satz sehr zu Herzen genommen. Seit er in Deutschland ist, arbeitet er ehrenamtlich beim Radio Feierwerk für das Format Munich International Radio, engagiert sich in verschiedenen Flüchtlingsinitiativen wie Mut Bayern und arbeitet nach wie vor als Auslandsreporter für die Zeitung seines Vaters, die über die Lage von Afghanen in Deutschland berichtet. Dass die Wahrheit in einem Kriegsland einen hohen Preis haben kann, weiß er, das hat er am eigenen Leib erfahren – abgehalten hat es ihn noch nie. Ein Kämpfer bleibt eben ein Kämpfer – im echten Leben und auf der Matte.

Text:
Jacqueline Lang 

Foto: Robert Haas

Von Freitag bis Freitag: Unterwegs mit Louis

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Herbst ist immer dann, wenn man sich endlich wieder bewusst
wird, dass es in München mehr gibt als die Isar, Lagerfeuerabende und riesige Open-Air-Pop-Up-Yoga-Sessions
im Englischen Garten, findet Louis. Und nimmt uns mit zum Kleidertausch und zum Nino aus Wien.

Dann nämlich ist die Zeit gekommen um gemütlich in der
Schlange vor überquellenden Konzertkellern zu stehen und die Trauer über den
verlorenen Sommer gegen ganz viel Tequila einzutauschen. Jedenfalls gilt es für
mich in dieser Woche wieder, all die Orte aufzusuchen, die man vor lauter
Sonnenliegen schon fast vergessen hatte.

Deshalb starte ich auch früh ins Wochenende. Am Freitag wird um 18:30 Uhr im Münchner
Filmmuseum die Produktion „Geschwister“
gezeigt. Der Film erzählt von einer schwierigen und tragischen Odyssee zweier
Moldawischer Flüchtlinge auf dem Weg nach Deutschland und wurde von Münchner
Studenten mitentwickelt. Keine leichte Kost. Ein Glück, dass für stärkstes
Kontrastprogramm bereits gesorgt
ist:  In der 089 Bar findet der
inzwischen schon traditionsreiche Comedy
City Battle
statt. Hier duellieren sich Münchner Comedians mit Mitstreitern
aus ganz Deutschland – diesmal ist Hamburg dran. Die Comedyszene in München ist
quicklebendig und so wird der Abend gewiss heiter und fröhlich enden.

Am Samstag möchte
ich mich mal wieder mit ein paar frischen Klamotten einkleiden. Allerdings
nicht in der Kaufingerstraße, sondern in der wunderbaren Glockenbachwerkstatt. Hier
findet heute ab 11 Uhr ein Kleidertausch
statt, bei dem ich mit Sicherheit den einen oder anderen gemütlich-warmen
Winterpulli ergattern werde. Im direkt daran angegliederten
Gemeinschaftsprojekt Bellevue Di Monaco beginne ich dann meinen Abend. Dort spielt
die Band „Terakaft“
aus Mali. Dessen Sänger Sanou Ahmed engagiert sich mit Musik für die Rechte der
Touaregs in seinem Heimatland. Das klingt wahnsinnig interessant, schließlich
gilt Mali als eines der Ursprungsländer von einem Großteil von Musikgenres wie Blues
oder Jazz. Im Anschluss sind die Beine aber noch lange nicht müde und so tanze ich,
wo es mich auch hinführt. Ins Unter
Deck
wahrscheinlich.

Den Sonntag gehe
ich erst einmal gemütlich an. Nach ausgiebigem Omelette-Frühstück besuche ich
die Pinakothek der Moderne. Hier ist die Ausstellung „Tokyo“
des japanischen Fotokünstlers Nobuyoshi Araki zu bewundern, in der er die
fieberhaften Kontraste seiner Heimatstadt provokant darlegen soll. Das reicht
auf alle Fälle aus um den übrigen Nachmittag in Gedanken verstreut Zuhause zu
verbringen, bevor es mich abends in einen meiner Lieblingsclubs, der Milla,
zieht. Der Nino aus
Wien gibt hier heute die Ehre
und bringt ein wenig Wiener Traurigkeit ins
frohlockende München.

Kein Tag ohne Musik denke ich mir gerne. Ein Glück also,
dass ich mich am Montag auf einem
ausgedehnten Herbstspaziergang plötzlich am Ostbahnhof wiederfinde und von
rauen Gitarrenklängen in das Rumours gelockt werde. Die innovative
Stoner-Rock-Band Humulus
aus Italien wird hier heute Abend die Wände zum Zittern bringen.

München zieht längst wieder Musiker aus aller Welt an. Das
lässt mich aus dem Rausch der Live-Konzerte gar nicht mehr herauskommen. Am
heutigen Dienstag zieht es mich in
das Sunny Red. In diesem lässigen Kellerschuppen findet immer dienstags das DIE.BASS.KAFÈ
statt. Veganes Essen und bester Reggae aus München von der „Nicetime
International“-Gruppe füllen heute bestens meinen aus Studentengründen immer
recht langen Abend.

Am heutigen Mittwoch
bleibe ich deshalb auch erstmal lange liegen. Der Herbst ist schließlich auch
die Jahreszeit der Entschleunigung. Ich will heute die Isar flußaufwärts entlanglaufen.
Kaum zu glauben wie schön und wild es gleich südlich von der Münchner
Stadtgrenze zugeht! Und wenn mir die Beine kalt werden, steige ich einfach in
die S-Bahn und freue mich auf  warmen Tee
daheim.

Am Donnerstag
zieht es mich wieder in ein Kino. Die Eröffnungsfeier der diesjährigen Lateinamerikanischen
Filmtage
im Werkstattkino zieht mich weit weg von kaltem Novemberregen. Der
Eröffnungsfilm „Adiós Entusiasmo“ verspricht sich als wirklichkeitsnahes
Kammerstück. Das ganze Filmfest, das sich in diesem Jahr auf Filme aus
Argentinien spezialisiert hat, ist bis zum 29. November angesetzt.

Freitag. Eine
weitere Woche voller Trubel, Kunst und Ruhe ist wieder einmal rum. Gibt es denn
einen schöneren Ort um das neue Wochenende einzuleiten als das magische Tollwood-Festival? Zwischen
Glühweindunst und Falafelbuden hindurchschlendern und den Winter zum ersten Mal
ein wenig schön finden, das habe ich mir heute vorgenommen. Wobei ich nun eines
berichtigen muss: auch der Herbst ist hier draußen, am Fuße der Bavaria, eindeutig
am schönsten.

Eine Show mit vielen Höhepunkten

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Beim Festival „Sound Of Munich Now“ feiert sich die Szene – und zeigt, wie spannend Musik in München sein kann.

Die Mieten für Proberäume sind hoch. Die Zahl möglicher Spielstätten sind überschaubar. Aber Musik möchten sie trotzdem machen. Sie müssen Musik machen, Musik, um damit Menschen zu erreichen. „Wir haben dieselben Ziele, wir kommen nur von unterschiedlichen Orten“, sagt Adrian Lo, Singer-Songwriter aus Hongkong. Zum ersten Mal in der Geschichte des Festivals „Sound Of Munich Now“, das das Feierwerk und die Süddeutsche Zeitung seit nunmehr neun Jahren veranstalten, stehen – neben 31 Bands aus München, Erlangen und Traunstein sowie 14 VJs und DJs – zwei internationale Bands auf der Bühne und präsentieren zuvor in einer Gesprächsrunde, was den Sound Of Hongkong prägt, welche Möglichkeiten, aber auch Schwierigkeiten Musiker dort haben.

Im Backstagebereich sitzen am Samstagnachmittag Musiker von TFVSJS und Ni Sala zusammen und tauschen sich aus, am Sonntag jammen sie sogar gemeinsam im Proberaum. Der Singer-Songwriter Adrian Lo holt sich Tipps von Cornelia Breinbauer, Sängerin von Tiger Tiger. Ganz angetan ist Adrian Lo von der kulturellen und musikalischen Diversität Münchens, die er tagsüber bei Spaziergängen und jetzt natürlich auf der Veranstaltung wahrnimmt. Er merkt an, dass es am Ende ja nicht um gutes Marketing ginge. „Wenn Menschen deine Musik mögen, dann mögen sie deine Musik“, sagt er und verweist auf die Traunsteiner Band Heischneida, die mit Bläsersatz in feinster Ska-Manier und bayerischem Dialekt das Publikum in der Kranhalle zum Hüpfen bringt.

Ähnliches ist auch nebenan im Hansa 39 zu beobachten. Hier eröffnet der Münchner Kneipenchor unter Leitung von Jens Junker die Münchner Bühne, zum ersten Mal live unterstützt von der Trommelgruppe „Drummer Dama“. Mit Bier in der Hand und einem beeindruckenden Sousaphon im Rücken zeigen die gut 50 Sänger, dass selbst Paul Kalkbrenners Technohymne „Sky and Sand“ nicht vor ihnen sicher ist – das Publikum tobt. „Das Tolle an diesem Festival ist die außergewöhnlich schöne Stimmung. So viele Bands treffen sich – zum Kennenlernen, austauschen, Spaß haben und das Genre unabhängig“, sagt Julia Viechtl, vormals selbst Musikerin bei der Band Fertig, los! und nun bei der Fachstelle Pop dafür zuständig, dass aufstrebende junge Musiker die Förderung erfahren, die sie brauchen. „Pop kommt ja nicht von populär, sondern von popular“, sagt sie, „man muss sich deshalb vergegenwärtigen, was diese Musik alles leistet. Sie ist so nah dran an den Menschen, setzt sich mit der Gesellschaft auseinander.“

Wie nah die Musik beim Sound Of Munich Now tatsächlich an den Menschen ist, offenbart sich schon bald und zieht sich wie ein roter Faden durch den Abend. Um 20.40 Uhr versammeln sich ungewöhnlich viele Leute vor dem Festivaleingang, freiwillig strömen sie hinaus in die Kälte und stehen bibbernd dicht aneinander gedrückt – mit breitem Grinsen im Gesicht. Ein unerwarteter Höhepunkt hat sich soeben ergeben, keiner möchte es verpassen: Der Münchner Kneipenchor stimmt noch einmal zur Spontaneinlage an, in Reih und Glied aufgestellt, doch anders als zuvor auf der Konzertbühne diesmal in dicke Daunenjacken verpackt und mit bunten Mützen auf den Köpfen. Es schallt „Bologna“ der Wiener Band Wanda durch die Nacht und alle singen mit, natürlich auch das Publikum.

Der Abend ist dort angekommen, wo er hinwollte: in einem gemütlichen und fröhlichen Beisammensein, das die Musik feiert. Das zeigt sich in vielen kleinen und besonderen Momenten. Zum Beispiel, wenn Marie Bothmer, aufstrebender Stern am Pop-Himmel, ihr Set umstellt, so angetan ist sie von der Stimmung im Raum. Statt des vorgesehen melancholischen Songs spielt sie ein Cover, „Toxic“ von Britney Spears. Oder wenn das Publikum hartnäckig eine Zugabe von Swango fordert, weil es so begeistert ist von der besonderen Mischung aus Rap und Stepptanz-Percussion – schon beim Soundcheck sind unzählige Handyvideos gedreht worden, die vielleicht gerade in China viral gehen. Oder wenn Sportfreunde Stiller-Manager Marc Liebscher beim Auftritt von Todeskommando Atomsturm sein Liebe für Punkrock entdeckt.

Währenddessen versammeln sich mehr und mehr Musikliebhaber, um noch eines der begehrten Festivalbändchen zu ergattern, die Schlange vor dem Einlass wird immer länger. Für viele ist es das erste Mal auf dieser Veranstaltung, so wie bei Michael. Obwohl er bereits seit drei Jahren in München lebt, hat er es noch nicht zum „Sound Of Munich Now“ geschafft. Er ist wegen Rey Lenon gekommen. Auch Michael ist Musiker, teilt sich einen Proberaum mit Blue Haze und der Lischkapelle. Auch sie stehen an diesem Abend auf der Bühne. „Ich finde das Angebot toll, ich wollte mir ein Bild davon machen“, sagt er. Lange hat er in Regensburg Musik gemacht, jetzt stellt er mit Blick auf München fest: „Die Vernetzungsmöglichkeiten sind da, wenn man sie wahrnimmt.“

Kilian Unger alias Liann kann nur zustimmen: „Wenn du oft genug spielst, kommst du mit den Leuten in Kontakt.“ Doch von dem Ziel, einmal von der Musik leben zu können, ist er noch weit entfernt und deshalb auf Leute angewiesen, die ihn professionell unterstützen, ohne „viel Geld zu kriegen“. Warum sie das machen? „Weil sie’s feiern und mich einfach gut finden.“ Die Szene ist ja da in München, sie ist offen und lebendig.

Auch am Abend zuvor, beim Sound Of Munich Now Electronica, kann man das feststellen. Untermalt von stimmigen, bunten Visuals, immer passend auf die Musik zugeschnitten, ist die Kranhalle voll mit Tanzwütigen, die zu Sets von Sam Goku oder COEO feiern. Die Electronica-Künstler tun sich mit der Stadt da sogar etwas leichter, auf teure Proberäume sind sie nicht angewiesen, um ihre Musik zu produzieren. Und der Erfolg gibt ihnen Recht. Doch eines wird deutlich: Junge Musiker, ob Bands oder DJs auf Leute angewiesen, die an sie glauben und sie über bis an die eigene Schmerzgrenze unterstützen. Weil sie Musik lieben. In München. In Hongkong. Überall.

Das Konzert zum Nachhören gibt es unter sz.de/somn17 und hier alle Eindrücke in einer Bildergalerie.

Text: Yvonne Gross

Foto: Johannes Simon

Intim bis ekstatisch

Fünf Bands auf enorm hohem Niveau gestalteten den Sound of Erlangen Now im Orangehouse des Feierwerks. Sie nahmen das Publikum mit auf eine Reise von Intimität bis Ekstase – und zurück.

Es liegt eine Spannung in der Luft. Schon den ganzen Abend. Und gerade in diesem Moment scheint sie sich zu entladen. Dem Moment, als beim Song “Kopfhörer auf” der Band Angiz die ganze Halle auf dem Boden kniet und auf den Einsatz des Beats wild ekstatisch tanzt, springt, feiert. Doch auch das bringt nur kurzfristig Erleichterung – die Spannung hält an.

Schon zu Beginn scheint es eine ungewohnte Energie zu sein, die den Auftritt von Felix Käppner begleitet. Begonnen vor einem fast leeren Orangehouse zieht es immer mehr Menschen in die etwas abgelegene Location des Feierwerks. Es wird intim, ja fast romantisch, als sich das Publikum geschlossen auf den Parkettboden der Halle setzt, um schweigend den virtuosen Fingerpickings zu lauschen, mit denen der Singer-Songwriter seinen bluesigen Gesang untermalt.

Eben diese Energie aufgesaugt zu haben scheinen dann im Anschluss die Musiker von Sound Organic Matter. Mit einer an die Kings Of Leon erinnernden Stimme über treibende Indierock-Riffs brennt das Quartett ein Feuerwerk ab, das Lust auf mehr macht. Und das an Tag vier ihres sechstägigen Tourmarathons zum neu erschienenen Album “Love Hate Hope Fate”. Kein Anzeichen von Müdigkeit.

Der Auftritt der dritten Band Angiz sorgt für einen kurzfristigen Einlassstopp im Orangehouse. Die Zuhörer, die es rechtzeitig in die Halle geschafft haben, erleben ein emotionales Wechselbad aus Melancholie, wie etwa beim Song “Vollmond”, bei dem sich die von Rapper Mario in kratziger Stimme vorgetragene Verse in kraftvoll flächigen Gitarrensounds entladen, und Ekstase, als im schnellen Tempo an Balkan-Ska erinnernde Offbeat-Rhythmen zum Springen, Tanzen und Pogen nahezu zwingen.

Nach solch einer Performance ist die Energie aufgebraucht – möchte man meinen. Doch das Trio The Variety Show beweist schon mit dem ersten Akkord das Gegenteil. Nur zwei Songs gespielt, den Rest ihres Auftritts spontan zur Jamsession umfunktioniert, und das Publikum dennoch – oder gerade deswegen

– über die Maßen mitgerissen. “Ich habe mir gerade das Album gekauft, obwohl ich nicht mal ein Wiedergabegerät dafür habe”, sagt Zuhörerin Amelie, und offenbart damit den Geist des Publikums auf dem ganzen Event.

Und zu dieser Einstellung gehört es auch, alle Bands bis zum Schluss zu unterstützen. So darf Willow Child, der letzte Act des Abends, der um 1 Uhr die Bühne betritt, ein gut gefülltes Orangehouse bespielen. Die fünf Musiker machen Rock im Stile der ganz großen

– von The Doors über Deep Purple bis Led Zeppelin. Allerdings mit einem Unterschied: Die Stimme der Band ist weiblich. Doch dass diese den Idolen in nichts nachsteht, beweist das Ensemble gewohnt energetisch.

Die Energie verfliegt erst, als das Publikum die Halle verlässt

– Richtung Bus, Richtung Aftershowparty. Und mit Eindrücken fünf hervorragender Bands aus Erlangen, die hoffentlich nicht das letzte Mal ein Gastspiel in München gaben.

Text und Foto: Max Mumme

Band der Woche: Matija

Ob die Vorstellung des Debüt-Albums im ARD-Morgenmagazin dem Coolness-Faktor Abbruch tut? Mit dem Video zu “White Socks” arbeitet die Alternative-Pop-Band jedenfalls eifrig dagegen: Prädikat “seeehr cool” – auch auf dem Sound Of Munich Now.

In den USA haben Late-Night-Shows ein irres Renommée. Wer als Musiker bei Jimmy Fallon, David Letterman oder bei „Saturday Night Live“ ein Album vorstellt, hat es geschafft. Längst sind die Youtube-Clips daraus legendär, etwa M.I.A. mit „Born Free“ und haltlos rüpelnder politischer Botschaft. Oder eine überaus elegante Beyoncé. Über lästige Promo-Auftritte sind diese Shows längst hinaus, vielmehr werden sie mittlerweile als eigenständiges Kunstwerk mit eigener Inszenierung der Künstler wahrgenommen – besonders, sehr exklusiv und sehr populär. So sehr, dass dort sogar Obama im Wahlkampf für Hillary Clinton sang.

Richtig schön bieder wirkt dagegen die Ankündigung, die Münchner Band Matija werde ihr Debüt-Album im ARD-Morgenmagazin präsentieren. Deutsche Indie-Bands im Frühstücksfernsehen, was soll das? Vor gar nicht langer Zeit hüpfte zwar der Schweizer Hipster-Schlagersänger Dagobert durch den Fernsehgarten, das hatte allerdings eine gewisse Konsequenz, immerhin klingt dessen Musik aufs erste Hören nicht viel anders als Helene Fischer. Aber Matija sind junge Männer, Anfang 20, die unter dem Namen The Capitols erste Bühnenluft schnupperten und nun mit „Are We An Electric Generation Falling Apart?“ ein Album vorlegen, das sie zum nächsten großen Pop-Ding der deutschen Szene machen soll. Doch ist die Generation, die hier auseinanderfällt, schon so zersprungen, dass das Frühstücksfernsehen ein geeigneter Ort für junge Musiker ist? Und sind die Hausfrauen und Pensionisten, für die dieses Format ursprünglich in grauer prä-emanzipierter Vorzeit erfunden wurde, das richtige Publikum? Eindeutig nein. Denn beim Hören werden bei Matija unverkennbar coolere Register dazu geschalten.

Breit drückende Synthies treffen auf ein hektisches, Hi-Hat-getriebenes Schlagzeug und eine stampfende Bassdrum. Sänger Matija Kovac singt darauf im Falsett, inspiriert von Bands wie den Editors, also den letzten elektronischeren Ausläufern des Britpops. Im Video zur Single „White Socks“ steigt Matija dann im schicken Schwarz-Weiß in einer Prestige-Karre einer kurz-berockten, jungen Dame nach, während das funkige Gitarrenriff, das durch den Song trägt, an den Signature-Sound des untergegangen Atomic Café erinnert. Hier wird bedient, was bedient werden soll, damit diese Musik funktioniert: Nämlich das extreme Gefühlsleben junger Menschen. Im einen Song gibt es junge Männer, die sich cool fühlen und Frauen, die sie deshalb anhimmeln. Im Nächsten steht die Frau dann als madonnengleiches Objekt der Begierde im Fokus, für das der junge Mann leidet und sich auch mal in den Dreck wirft („Song for Celine“). Die Musiker von Matija wissen dabei ganz genau, was sie tun. Die Erfahrung, die sie als Capitols gesammelt haben, äußert sich in pointiertem Songwriting und ausgeklügelten Arrangements. Diese Band will es wissen und kann es musikalisch umsetzen. Doch ein wenig mehr Überraschung und ein paar Kanten würden die Erfolgschancen vielleicht noch erhöhen. 

Stil: Pop
Besetzung: Matt Kovac (Gesang, Flöte), Jan Salgovic (Gitarre), Johann Blake (Keyboard, Bass), Sami Salman (Schlagzeug)
Aus: München
Seit: 2016
Internet: www.facebook.com/matija.world

Text: Rita Argauer

Foto: Rue Nouvelle

Schluss mit Touri-Techno

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Berlin ist arm, aber sexy. Heißt es. Und München? Wer nun nach der aktuellen Münchner Elektroszene fragt, spart sich aber am besten gleich den Verweis auf die Techno-Metropole. Impulse aus München mit dem famosen DJ-Duo COEO.

Berlin ist arm, aber sexy. Heißt es. Und München? Wer nun nach der aktuellen Münchner Elektroszene fragt, spart sich aber am besten gleich den Verweis auf die Techno-Metropole. Denn der Blick auf die Hauptstadt sei „einfach ein bisschen Panne“, sagt Florian Vietz. Gemeinsam mit Andreas Höpfl steckt er hinter dem DJ-Duo COEO, das man beim „Sound Of Munich Now Electronica“ dieses Jahr live erleben kann. Angefangen haben die Künstler aus der Nähe von Deggendorf mit einem „30-Euro-Programm zum Musikbasteln“. Mittlerweile in München angekommen, gelten COEO als erfolgreichster Act des Labels Toytonics, das seit vier Jahren Dance-Musik in Richtung Disco- und Funk-House veröffentlicht und vor allem Künstler aus München betreut.

Und das wird gefeiert: mit einer Labelparty zur Eröffnung des LIT am 17. November im Werksviertel. Denn der Erfolg spricht für sich: 2016 belegte das kleine Label Platz drei der „Bestselling Deep-House Labels“ auf der Online-Plattform Beatport, dem Gradmesser für elektronische Musik. Darin sieht Label-Chef Matthias Modica Anzeichen für einen weitläufigeren Trend: eine Gegenreaktion zum düsteren Berliner Techno, hin zu soul- und funkinspiriertem Elektrosound. München scheint in dieser Gegenreaktion bereits angekommen zu sein, für Modica dank des „positiven, sommerlichen Vibes“, den die einstige Discometropole München verströmt. Auch COEO fühlen sich hier wohl: Die Stadt sei einfach schön und habe die richtige Größe, „um alles zu kriegen, was man kulturell braucht“.

Wahrscheinlich ist München eben genau das Dorf, über das man wahlweise schimpft oder schwärmt – und wer sich zu vernetzen weiß, kann Erfolg haben. Das weiß auch Moritz Butschek, selbst DJ und Betreiber des München-Blogs „Tow in a Row“. Für ihn steht fest, dass „sowohl der funky Sound, als auch ganz neue Ausrichtungen elektronischer Musik koexistieren und regen Zulauf haben. Es gibt tolle etablierte Locations, immer wieder spannende Zwischennutzungen und vor allem für fast jeden Geschmack eine Szene mit tollen DJs und Live-Acts.“ Matthias Modica allerdings wünscht sich, dass die großen Münchner Clubs aufhören, den Berliner „Touri-Techno“ zu imitieren. „Vor zehn, fünfzehn Jahren gab es in München weniger Clubs, dafür mehr Vielfalt. Impulse aus München gingen in die Welt“, sagt er. Mit COEO scheint dieser Trend nun hoffentlich wiederbelebt zu sein. 

Text: Yvonne Gross

Foto: Kerstin Rothkopf