Band der Woche: Lester

Lester machen Deutsch-Punk- der doch ganz spannend wird. Mit persönlichen Texten und einer Hingabe zum Publikum während ihrer Live-Shows

haben sie den Punkrock in eine Haltung geführt, die die Indie-Musik in den Neunzigerjahren innehatte

Spätestens in den Sechzigerjahren begannen politisch Aktive die Ästhetik der Popmusik für sich zu entdecken. Es folgten großartige Polit- und Protestsongs, es folgte aber auch eine Instrumentalisierung der Popmusik über den rein musikalischen Affekt hinaus. Seitdem treffen sich Pop und Politik in Wellenbewegungen – auf stark politisierende Genres folgen meist Veröffentlichungen des selben Stil, die bewusst entpolitisiert wurden. Denn wenn niemand über den bloßen Konsum der Musik hinaus gefordert ist, verkauft sich die Musik besser. In der Entwicklung des Punk lässt sich das besonders gut nachvollziehen. Zuerst wurde der Stil erfunden, unter anderem von der späteren Modedesignerin Vivienne Westwood. Dann wurde der Stil politisiert als Ausdruck der rebellierenden Jugend, die sich mit der Arbeiterklasse identifizierte. Und schließlich mündete das im Genre Fun-Punk, was ja schon im Namen mehr Spaß und weniger politisches Bewusstsein verspricht. 

Die Münchner Band Lester klingt eigentlich wie eine klassische Deutsch-Punk-Band. Das Quintett bewegt sich in einer Szene, die am Mainstream nicht interessiert ist. Die grafische Gestaltung ihrer drei bisherigen EPs ergibt sich aus Symbolen des Widerstands. In den sozialen Netzwerken posten sie Fotos von Konzerten – auf einem steht auf dem Banner über der Bühne nicht der Bandname, sondern die Forderung „Freiräume erhalten“. Und irgendwie fühlt man sich bei dieser Band ein wenig zurückversetzt in eine Zeit, in der der alternative Stil noch in solchen Codes funktionierte. Doch es gibt auch heute noch über das ganze Land verteilt autonome Zentren, in denen Konzerte solcher Bands stattfinden. In München ist der Raum für eine solche Szene tatsächlich klein, doch auch hier hat sich etwa im Kafe Marat oder im Sunny Red im Feierwerk eine konstante Konzertkultur solcher Musik etabliert. Im Fall von Lester ist das eben der für Deutsch-Punk typische, etwas bellende Gesang, samt treibendem Punk-Beat am Schlagzeug. Harmonisch findet sich jedoch durchaus eine Zugewandtheit zum Pop. Natürlich haben die Musiker in ihren Teenager-Jahren Punk gehört, wollten dann selbst Musik machen und fanden sich in diesem Stil wieder. Diverse Band-Erfahrungen liegen hinter den einzelnen Mitgliedern, mit Lester seien sie nun an einem Punkt, an dem sie ihre „musikalische Erfüllung“ gefunden hätten. „Diesen Moment wollen wir möglichst lang auskosten“, sagen sie. 

Und in dieser genießenden Gelassenheit passiert da mit dem Punkrock nun doch etwas Spannendes. Denn wenn man die Musik von Lester so hört, geht es da nicht mehr darum, mit lauten Gitarren und forderndem Gesang zu provozieren – das würde heutzutage vermutlich auch nicht mehr wirklich funktionieren. Der Stil des Punkrock ist bei Lester vielmehr der musikalische Ausdruck, in dem sie sich wohlfühlen. Die Texte sind von „persönlicher Natur“, erklären sie, es gehe weniger um die großen gesellschaftlichen Themen als darum, vor allem auch während des Live-Spielens eine Verbindung zum Publikum zu schaffen und über die Konzertdauer eine Atmosphäre für Publikum und Band zu etablieren, in der das Negative des Alltags für einen Abend ausgeblendet wird. Und so haben sie den Punkrock in eine Haltung geführt, die die Indie-Musik in den Neunzigerjahren innehatte: Der Bezug zu sich selbst zählt dabei mehr als bellende Politik, Lester bieten Wohlfühlmusik für alle diejenigen, die sich eher im Lauten als im Lieben wohlfühlen. Ganz konsequent bezeichnen Lester ihre Musik deshalb auch als Heavy Pop. In diesem Jahr wollen sie ein erstes Album veröffentlichen.  

Lester

Stil: Heavy Pop/ Punk-Rock

Besetzung: Andy Keymer (Gesang, Gitarre), Phil Graf (Gitarre), Bernhard Schindl (Schlagzeug), Paloma Ernd (Bild), Jasper Ruppert (Bass)

Aus: München

Seit: 2012

Internet: www.wirsindlester.de

Text: Rita Argauer

Foto: Lester

Ein Punk in Hollywood

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Für sein Filmdebüt hat Matthias Raffeis eine Produktionsfirma aus LA gefunden. Als Darsteller hat der 26-Jährige gleich mal eine deutsche Musik-Größe angefragt.

Matthias Raffeis, 26, ist das Klischee. Das sagt zumindest der weiße, handgeschriebene Schriftzug auf dem Rücken seiner Lederjacke. Matthias sitzt in der gleißenden Wintersonne vor dem dunkelgelben Holz des runden Hangers, in dem sich die Kulissen der „Unendlichen Geschichte“ verbergen. Hier, auf dem Gelände der Bavaria-Filmstudios, hat Matthias Filmregie studiert. Vor beinahe zwei Jahren hat er das Studium an der privaten Medienakademie abgeschlossen. Er träumt wie so viele von einer Karriere, am besten in Hollywood. Nur ist er, anders als viele, schon ein wenig näher dran. Denn er hat eine renommierte und in den USA ausgezeichnete Produktionsfirma für seinen ersten Film gefunden. 

Matthias, schwarz gefärbte, in alle Richtungen abstehende Haare bis auf eine sorgfältig nach unten gegelte Strähne, trägt Springer-Stiefel und einen Nieten-Gürtel. Früher hat er sich jeden Tag einen schwarzen Balken über die Augen geschminkt. Warum? Habe ihm damals gefallen.                                            Aus Klischee-Punker wird Klischee-Filmemacher. Er möchte Hollywood erobern. In seinem Film „Island of Individuals“ wird es um eine Gruppe Jugendlicher gehen, kaum überraschend sind es Punks, die sich in einer düsteren Zukunftsvision im Jahr 2089 von der Gesellschaft absetzen und auf eine Insel flüchten. Eine Insel, auf der ihre Individualität, symbolisiert durch grell-fröhliche Neonfarben, wieder sprudeln kann. Die Welt der ernsten Erwachsenen dagegen wird in schwarz-grauem „Sin-City-Look“ gehalten werden, sagt Matthias.

Für den 26-Jährigen bestehen keine Zweifel an der Umsetzung des Drehbuchs, für das er die Idee schon im ersten Studienjahr hatte. In Zusammenarbeit mit der Produktionsfirma Roll Call Productions, die ihren Sitz in München und in Los Angeles hat, soll der Film spätestens in vier Jahren in die Kinos kommen. „Am Anfang, als herauskam, dass ich den Film tatsächlich machen darf, hatte ich Tränen in den Augen“, sagt er. 

„Selbstverständlich ist es oft noch sehr emotional für Matthias, wenn es um seine Ideen geht. Das ist sein Baby und da will er sich natürlich nicht reinreden lassen“, sagt auch Heide Fliegner, die Leiterin der Produktionsfirma, die in den USA bereits für mehrere ihrer Independent Filme ausgezeichnet wurde. „Island of Individuals“ ist in dem Sinne ein besonderes Projekt für sie und ihre Firma, als dass sie mit Matthias mit einem sehr jungen und auch unerfahrenen Partner zusammenarbeiten. „Aber da er aus einer speziellen Ecke kommt und die Idee an sich sehr groß angelegt ist, sind wir von dem Projekt überzeugt und werden es mit den höchstmöglichen Standards umsetzen“, sagt Fliegner.

Aus einer speziellen Ecke kommt Matthias für Fliegner, weil er bis zu seinem zwölften Lebensjahr selbst in Kalifornien gelebt hat und deshalb die jeweiligen Maßstäbe kennt, an denen Filme in beiden Ländern gemessen werden. „Da es einfacher ist, von englisch auf deutsch zu synchronisieren und es in Hollywood eine sehr viel größere Auswahl an Schauspielern gibt, soll der Film auch dort produziert werden“, sagt Matthias. Zuhause fühlt er sich in den USA trotzdem nicht mehr. „Es war sehr schwer, von dort wegzugehen, als meine Eltern wegen ihrer Arbeit mit meinem Bruder und mir umgezogen sind, und ich bin jemand, dem Heimat sehr wichtig ist“, sagt er und blinzelt in die Sonne. 

Für seinen Film hat Matthias auch eine Crowd-Funding-Kampagne gestartet. „Ziel war, die damit verbundene Facebook-Gruppe auf 10 000 Mitglieder zu erweitern. Ich dachte, wenn jeder einen Euro spendet, hätte ich schon einmal 10 000 Euro mehr, um gute Effekte sicherstellen zu können“, sagt Matthias und wirkt dabei enttäuscht. Die Kampagne läuft nämlich nicht so: Die Gruppe umfasst zwar 9500 Mitglieder, aber nur knapp 3000 Euro wurden gespendet.
Das ist möglicherweise die Kehrseite des Klischees. Matthias ist bewusst, dass er allein durch sein Aussehen aneckt. Immer wieder bekommt er in der U-Bahn abfällige Blicke zugeworfen, zusammen mit den Vorurteilen über Punks: die gehen nicht arbeiten, nehmen Drogen, duschen sich nicht. Das verhärtet sein eigenes Vorurteil gegenüber der Gesellschaft.

Matthias macht sich Gedanken darüber, ob Kinder ihre Individualität freier ausleben können als Erwachsene. Und auch darüber, ob Kinder ohne Erwachsene, die ihnen Regeln und Verbote auferlegen, zurechtkommen würden. Wie sich die Geschichte in seinem Film entwickeln wird, will er noch nicht verraten.

Matthias träumt von einem Ende der „Ellbogengesellschaft“. Ihm ist bewusst, dass seine Nietengürtel und Springer-Stiefel etwas Uniform-artiges sein können. Deshalb wird es in „Island of Individuals“ vielleicht auch eine kleine Hommage an die wahren Punks geben: Man sei mit dem Agenten von Campino von den Toten Hosen im Gespräch, für die Rolle eines der Erwachsenen. Da lacht er. Ja, für ein Punk-Kind wäre der leider schon zu alt.

Von: Theresa Parstofer

Foto: Catherina Hess

Band der Woche: We need Rehab

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Zwischen Musikhochschule und Drogenentzug – Anders als die Soul-Ikone Amy Winehouse, die sich mit ihrem berühmten Hit ‘Rehab’ singend einem Entzug verweigerte, bekennt sich unsere Band der Woche gleich in ihrem Namen dazu: We need Rehab – wie immer sie das auch meinen.

Drogenentzug hat leider in der Popmusik eine fast so lange Tradition wie Pop selbst. Das Exzessive gehört zum Pop dazu. Dass die Künstler, um diesen Zustand zu erreichen, immer mal wieder diverse Mittel zu Hilfe nahmen, leider auch – ebenso wie der rege Besuch in Entzugstherapien. Im englischsprachigen Raum hat man dafür ein freundlicheres Wort: Rehab, kurz für Rehabilitation und diverse Kliniken, in denen eine solche angestrebt wird. Ein Aufenthalt dort dürfte dann wohl ziemlich das Gegenteil von Exzess bedeuten. Nicht nur deshalb verweigerte Amy Winehouse im gleichnamigen genialen Song die Aufgabe des Drogenkonsums.

Ganz anders eine junge Münchner Fun-Punk-Band. We need Rehab (Foto: Aurelia Bergs), erklären sie mit ihrem Bandnamen, obwohl man ja hofft, dass sich ihre Drogensucht weit unter dem Konsum von Winehouse befindet. In ihrer Version eines Anti-Rehab-Songs wird dann Liebesromantik mit Rehab-Verweigerung verknüpft, ob die Angebetete nun Bier, Drogen oder gar ein Love-Interest ist, bleibt jedoch offen. Doch das ist auch nicht so wichtig, denn die Texte entstehen bei den vermeintlich rehabilitationsbedürftigen Münchner Jung-Punks nach dem Motto „Musik bedeutet Freiheit“, also wird frei auf die entstandenen Instrumentalparts getextet. 

Rumpelig direkte Punk-Nummern sind das, die aber auch immer mit dem seltsamen Pathos des Alternative-Rocks flirten. Zu diesen Gelegenheiten hebt dann Sänger Andreas Wolff seine Stimme an, die sonst am unteren Bereich seines Stimmspektrums herumkratzt, und bewegt sich damit rein vom Stimmfach wohl auch mehr in seine Komfortzone: Denn er singt auch in Tenor-Lage im Chor und bereitet sich gerade auf die Aufnahmeprüfungen an Musikhochschulen vor. Bevor Andreas einen klassischen Heldentenor gibt, geht es mit seiner Punk-Kapelle ins Studio. Denn sie haben in diesem Jahr den Muc-King-Band-Wettbewerb des Münchner Kreisjugendrings gewonnen; und damit Studiozeit, die sie nun gerade nutzen, um ihr erstes Album zu produzieren. 

Stil: Fun-Punk

Besetzung: Andreas Wolff (Gitarre, Gesang), Battista La Corte (Gitarre, Gesang), Manfred Hähnlein (Schlagzeug), Moritz Faber (Bass)

Aus: München

Seit: 2007

Internet: www.facebook.com/weneedrehab

Rita Argauer

Foto: Aurelia Bergs

Sonic Abuse (Hardcore / Punk)

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Jahr: 2014, Woche: 41

Nichts für schwache Nerven ist die Musik der Münchner Trash-Hardcore-Punk-Band Sonic Abuse. Mit ihrer gerade erschienenen 7-inch-EP „Alles kaputt“ wehrt sich das Münchner Quintett gekonnt gegen die allgegenwärtige Indie-Zufriedenheit.

Ganz unschuldig wirken da die Noise-Heroen Sonic Youth, obwohl auch deren Name schon ein wenig klingt wie der einer kämpferischen Jugendbewegung. Doch die Münchner Trash-Hardcore-Punk-Band Sonic Abuse geht da noch einen Schritt weiter und stilisiert sich gleich als akustischen Missbrauch. Und so arg das alles klingt, so gut funktioniert dieses irgendwie ziemlich ernsthafte und gleichzeitig ziemlich ironisierende Musizieren in der Münchner Punkszene. Etwa durch die stark verkürzten Songs der Combo, die aber inhaltlich über mehrere Bedeutungsebenen flirren oder die Live-Konzerte, die die ausufernde Spieleitelkeit manch anderer Bands auf ein knapp 30-minütiges Set eindampfen. Seit beinahe vier Jahren spielen die fünf Musiker gemeinsam. Gitarre, Bass, Schlagzeug und Gebrüll – die klassische Besetzung für Musik, die eher Unbehagen als liebliches Schwelgen auslösen möchte. Doch in einer Zeit, in der Indie-Musik, die ja eigentlich mal als Gegenentwurf zum übersättigten und Heile-Welt-verrückten Mainstream angetreten war, nun genau diese Gefälligkeit vermittelt, braucht es andere Kaliber um aufzurütteln. Und mit ihrer gerade erschienenen 7-inch-EP „Alles kaputt“ schlagen Sonic Abuse da ganz gekonnt in die Kerbe der allgegenwärtigen Indie-Zufriedenheit.

Bei dem Münchner Quintett gibt es überhaupt keinen Grund mit irgendetwas zufrieden zu sein – und dennoch haben die kurzen Songs (keiner länger als zwei Minuten) genug Abstand zu typischen Punk-Protest-Klischees als dass sie selbst als nostalgisches Relikt ihres eigenen Genre wahrgenommen werden würden – auch weil in den rasend schnellen und dennoch präzis durchgeklopften Songs musikalische Einflüsse, wie etwa die selbst schon gehörig mit den Augen zwinkernde Achtziger-US-Punk-Band Black Flag durchaus hörbar sind. Schön funktioniert das etwa im Titeltrack der EP: Die Punkparole „Alles kaputt“ wird bei Sonic Abuse mit einem englischen Strophentext über die Lebensdauer elektronischer Geräte (gering!) gegengeschnitten – subtile Kritik an Kapitalismus und Wegwerfgesellschaft vermischt sich mit dem Zitat der eigenen Protestkultur. So gelingt der Band auf dieser kurz vorbeizischenden EP ganz Erstaunliches: Die musealste Protestform des Pop – Punkrock – erklingt hier frisch und zeitgemäß: Sowohl als Protest gegen die derzeitige musikalische Gefälligkeit von Subkulturen als auch in Texten, die ohne Revolutionskitsch zu protestieren vermögen. Rita Argauer

Stil: Hardcore / Punk
Besetzung: He-Man Powerblast (Gesang), John Steam (Gitarre, Background-Gesang), Sakis El Loco (Gitarre), Gordon Shameway (Bass), Kurt Muscle (Schlagzeug, Background-Gesang)
Seit: 2010
Aus: München
Internet: www.sonicabuse.de

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Rita Argauer ist die Musik-Expertin der Junge-Leute-Seite. Sie ist nicht nur ständig auf der Suche nach neuen Münchner Bands und deswegen in den Clubs dieser Stadt unterwegs. Sie kennt die Szene auch von der anderen Seite: Sie singt und spielt Keyboard in der Band Candelilla.

Manu und die drei Akkorde (Postmoderner Punk)

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Jahr: 2014, Woche: 10

Manu und die drei Akkorde wollen sich abheben vom Mainstream der Indie- und Alternative-Kultur – und legen deshalb Wert auf ihre Uncoolness. Mit Ironie wollen sie einen Schritt zurück treten, um einen befreiteren Blick auf die Menschen zu bekommen. Am 4. März sind sie in der Glockenbachwerkstatt.

Ein bisschen dämlich sehen die drei Jungs schon aus. Auch der Bandname des Trios ist das genaue Gegenteil von Coolness: Als Manu und die drei Akkorde (Foto: Mudda), kurz Mudda haben sich da drei Musiker zusammengetan: zwei von ihnen machten schon vor ein paar Jahren mit der feinsinnigen, wie musikalisch komplexen Punkband Junkpile auf sich aufmerksam. Doch mit Mudda geben sie dem einst so rebellierenden Genre eine Art der Gegenbewegung, die sich tatsächlich neu und vor allem gerechtfertigt anfühlt.

Als Manifest gegen die Vermainstreamung der Indie- und Alternative-Kultur kann die Band verstanden werden: Satirisch klug hebeln sie dabei die Klischees all der sich so von der Masse abhebenden Kreativen aus, in dem sie sich als die wirklich unmodischen Nerds inszenieren.

Die Hipster-Kultur funktioniert nur, solange man sie nicht benennt: Wenn die Gruppe unter einem Namen zusammengefasst wird, geht das kreative Individualitätsgefühl in der Masse verloren. Mit ihrer ersten EP „Intellektül“ machen Mudda genau das: Da erzählt Sänger und Gitarrist Manu in schlageresken Paarreimen von sich selbst als einem Typen, der lieber cool in der Ecke steht als tanzt – und sich durch diese Aussage von sämtlicher Coolheit disqualifiziert.

Ein intellektuelles Kalkül. Musikalisch sind Manu und die drei Akkorde dafür umso so versierter. Tighte Gitarren, ein sattes Schlagzeug und dazu einprägsame Melodien. „Ironie und Ernst gehören irgendwie zusammen“, erklärt Bassist Thomas. Ironie sei ein Schritt zurück, damit man einen besseren Blick bekomme auf die verrückten Fehler, die Menschen so unterhaltsam machen. Am kommenden Dienstag, 4. März, treten sie mit dieser postmodernen Punkvariante in der Münchner Glockenbachwerkstatt auf. Rita Argauer

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Rita Argauer ist die Musik-Expertin der Junge-Leute-Seite. Sie ist nicht nur ständig auf der Suche nach neuen Münchner Bands und deswegen in den Clubs dieser Stadt unterwegs. Sie kennt die Szene auch von der anderen Seite: Sie singt und spielt Keyboard in der Band Candelilla.

Mary Goes Wild (Punk / Rock / Garage)

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Mary Goes Wild zeigt Mut zu ausgefransten Klängen und unsauberem Spiel.

Dreck, Staub und Rock’n’Roll. Mary Goes Wild (Foto: Tobias Tschepe) lassen sich tatsächlich noch hinreißen zu geradlinigem Mitgröl-Punk und stampfendem Garagen-Rock. Gerade hat das Münchner Duo seine zweite EP veröffentlicht und ergeht sich in einer fast streberhaften Produktivität. Fünf schnelle kurze Songs sind das auf „A la Mierda“ – die EP ist benannt nach einer Hymne der spanischen Band Ska-P. Und obwohl die Musik von Ska-P durch die Bläser um einiges voller klingt, passt die Verbindung: Auch Mary Goes Wild arbeiten mit eingängigen Melodien, treiben diese sowohl im Tempo als auch energetisch auf ein hohes Niveau und kloppen sich durch ihre Songs.

Ein bisschen gleicht das dem Prinzip, sich die Jeans in mühsamer Feinarbeit selbst aufzuribbeln, damit sie nach wilden Konzertnächten und langen Touren aussieht. Mary Goes Wild frischen ihre einfachen Akkorde durch ein unsauberes Spiel auf und lassen ihre Musik ausfransen: „Garage bedeutet für uns die Freiheit, auch mal außerhalb von Takt und Musiklehre Songs zu schreiben“, erklärt Gitarrist und Sänger Danny Wild. So stellen sie in jedem ihrer Songs klar, dass es ihnen mehr um Attitüde und Energie geht, als um ein technisch perfektes Konzert; eine Hingabe, die durchaus mitreißt. Man kann sich das gut vorstellen, wie die Songs in einem kurzen Moment, in einer Probe entstehen. Eine verzerrte Gitarre und ein dreschendes Schlagzeug, mehr braucht es für Mary Goes Wild kaum. Doch wenn sich das letzte Stück der EP – vom jaulenden Klang einer Orgel dominiert – im Titel selbst zum Tarantino-Soundtrack erklärt, relativiert das Augenzwinkern all den breitbeinigen Rock. Erst seit 2012 gibt es die Band, doch haben sie schon zwei EPs veröffentlicht. Trotzdem wollen sie sobald wie möglich wieder ins Studio; und vielleicht entsteht demnächst auch ein ganzes Album.

Internet: www.marygoeswild.com

Von Rita Argauer

Lisiena (Punk-Songwriter)

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Jahr: 2013, Woche: 37

Lisiena Arifi (Foto: Thomas Spitschka) gehört zu den experimentellsten Musikerinnen Münchens – die Malereistudentin ist mir ihrer Mischung aus Songwriter-Poesie und punkiger Darstellung jedoch stets überzeugend.

Ein bisschen scheint die Kunstakademie München mittlerweile auch Brutstätte experimentierfreudiger Musiker zu sein. Lisiena Arifi  ist derzeit wohl das extremste und produktivste Beispiel. Mit einem unfassbaren Output spielte sie sich innerhalb eines guten Jahres in viele Ohren – jetzt hat sie ihr zweites Album veröffentlicht.

Mit dem Klischee einer typischen Songwriterin brach sie schon von Beginn an: Schrille Outfits, eine himmelschreiende Selbstinszenierung und Songs mit dem kantigen Lo-Fi-Charme einer frühen PJ Harvey brachten ihr bei ihrem Debüt einigen Respekt ein. In ihrem neuen Werk „Dynamite“ entwickelt die Malereistudentin die Kunstfigur weiter, die sie für sich als Musikerin geschaffen hat: Von der Punk-Barbie mit rosa Turmfrisur ist sie nun zu einer Art Animé-Vampirella geworden. Und auch musikalisch sind die neuen Stücke um einiges düsterer. Sie arbeitet mehr mit verhallten, übereinanderliegenden Tonspuren, fernen Drum-Sounds und indirekter Stimme. Damit greift sie eine Ästhetik auf, die vor ein paar Jahren unter dem Namen „Witchhouse“ aufkam – all das, was in den Achtziger- und Neunzigerjahren Gothic genannt wurde, nur etwas dreckiger und etwas weniger romantisierend.

Ihre Inszenierungen wirken nie unangenehm, sie schafft es – als unermüdliche DIY-Künstlerin – in sich stimmig und überzeugend zu bleiben. Nennt ihren Stil, in Anlehnung an die ausgestellte Oberflächlichkeit, „Audio-Couture“ oder „Prêt-à-Rocker“ und vertreibt ihre Musik auf ihrem Label „Pineapple Records“ selbst. 2012 tourte sie beachtlich durch Deutschland. Das steht nun auch in diesem Herbst wieder an. Rita Argauer

Stil: Punk-Songwriter
Besetzung: Lisiena Arifi
Aus: München
Seit: 2011
Internet: www.lisiena.com, www.facebook.com/lisiena.official

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Rita Argauer ist die Musik-Expertin der Junge-Leute-Seite. Sie ist nicht nur ständig auf der Suche nach neuen Münchner Bands und deswegen in den Clubs dieser Stadt unterwegs. Sie kennt die Szene auch von der anderen Seite: Sie singt und spielt Keyboard in der Band Candelilla.

Screed (Punk)

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Why should we care? Screed machen Punk, der Spaß bringt und dennoch die traditionelle politisch-kritische Botschaft nicht vernachlässigt.

Fun-Punk wurde dieses Genre oft etwas abschätzig genannt. Das ist an sich schon paradox: Punk macht keinen Spaß, Punk ist wütend und politisch. Skate-Punk, benannt nach der kalifornischen Skate- und Surfszene, ist ein anderer Begriff für diesen Stil, dem sich auch die Münchner Band Screed (Foto: Flo Bauer) verschrieben hat. Sie hat nun ein Debüt-Album geschrieben, das mit all diesen Klischees aufräumt und das trotzdem in gerader Tradition zu all den Bands dieser Szene steht. Da hört man NoFX genauso wie Anti-Flag oder Pennywise. Und wie auch schon bei diesen Bands sehr wohl gesellschaftskritische Aussagen über den schnellen, wie tanzbar-fröhlichen Dur-Akkorden möglich war, hat auch das Münchner Quartett sein Album einer politisch-kritischen Botschaft unterstellt – „Why should we care“ haben sie es genannt. Und diese Frage beantworten sie in Songs wie „Solely Profit“ und „Lost inside yourself“, genauso wie auf dem Cover-Artwork, das sich selbst reproduzierende Anzugträger mit Bluthundsmasken zeigt.

Sehr traditionell wirkt hingegen die Musik, sie gewinnt dem vertrauten Sound kaum etwas Neues ab. Muss sie aber vielleicht auch nicht. Dieses Genre wirkt heute wie aus der Zeit gefallen und gleichzeitig in seiner Direktheit erfrischend eindeutig und treffend. Am Freitag, 26. Oktober, steht das Release-Konzert im Münchner Feierwerk an.

Von Rita Argauer

Marsh Melones (Post-Hardcore, Emopunk, Metal)

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Jahr: 2011, Woche: 13

Zerkratzte Arme greifen in das Bild hinein. Die Farbgebung ist düster – das Blut ist trotzdem sehr gut zur erkennen. Auf der anderen Seite ploppen immer wieder die Gesichter der Musiker auf – verzerrt und düster. Das Logo erinnert nicht von ungefähr an den Meister des Performativen: MM für Marilyn Manson; oder für die Münchner Band „Marsh Melones“ (Foto: oh).

Oft haben die vier Münchner Musiker ihren Stil schon verändert, und dabei auch immer weiterentwickelt. Das letzte Mal war das vor einem Jahr, Anfang 2010. Man hört noch den Emo- und Punkrock früherer Tage – wenn in einem Song plötzliche diese für sie so typischen melodischen Parts durchblitzen; doch das Lied „Slipping“ wird dominiert von einer düsteren, harten Attitüde. Die Metalriffs und die tief brüllende Stimme prägen den Sound, den aktuellen. Gerade haben die Musiker ein Video dazu gedreht: Auf einem Parkdeck – inklusive der fast 30 Darsteller. Die Musik begleitet sie schon seit Jugendjahren – hat sie da geprägt und ihren Stellenwert gefordert. Jetzt ist den Münchnern zwar klar, dass ein aus der Musik finanziertes Leben wohl eine gewisse Utopie bleiben wird. Und trotzdem werden Termine verschoben und Urlaub genommen, wenn für die Band etwas Wichtiges ansteht. Gerade arbeiten die Marsh Melones an der nächsten EP – der neue Stil soll auf einem Tonträger festgehalten werden. Am heutigen Montag, 28. März, wird die zur EP gehörende Single mit dem Namen „Slipping“ auf iTunes veröffentlicht. Rita Argauer

Stil: Post-Hardcore, Emopunk, Metal
Besetzung: Kleanthis Argiropoulos, 24: Gitarre, Gesang, Shoutings, Jan Arnold, 22: Gitarre, Gesang, Florian Mühlbauer, 22: Schlagzeug, Corbinian Deutelmoser, 29: Bass, Gesang.
Seit: Diese Besetzung seit Januar 2010.
Aus: München
Internet: www.marshmelones.de, www.facebook.com/marshmelones

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Rita Argauer ist die Musik-Expertin der Junge-Leute-Seite. Sie ist nicht nur ständig auf der Suche nach neuen Münchner Bands und deswegen in den Clubs dieser Stadt unterwegs. Sie kennt die Szene auch von der anderen Seite: Sie singt und spielt Keyboard in der Band Candelilla.

Elcassette (Punk / Riot-Grrrl / Pop)

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Jahr: 2011, Woche: 02

Eigentlich war die Elcaset eine überdimensionierte Kassette. Maria Cincotta und Elke Brams haben sich diesen Begriff genommen, Buchstaben hinzugefügt. Und so wurde aus einem nicht durchsetzungsfähigen Audioformat die Band Elcassette.

Sängerin und Gitarristin Maria Cincotta ist US-Amerikanerin – und hat in den Zentren der Indie-Szene gelebt: Zuerst in Portland in Oregon, das als Geburtsstätte der Riot-Grrrl-Bewegung gilt, dann in der Hipster-Metropole New York. Als es sie ins beschauliche München verschlägt, trifft sie nach ein paar musikalischen Startversuchen – zum Beispiel bei dem Duo Why don’t you Hear – die Schlagzeugerin Elke Brams. Die punkigen Songs bewegen sich zwischen unfertigem „Do-it-yourself“- Charme und feinen Popmelodien – aber: Es kracht und rumpelt. Marias Stimme liegt darüber: mal schön singend, mal hysterisch schreiend. Hinzu kommen die ersten Versuche mit Elektronik und Synthesizern – der Song „Dyke Bar“ erinnert etwa an die 1980er: ein cooler Drumcomputer-Sound, eine Stimme mit Bahnhofsansagen-Hall. Gerade haben die beiden das Album „Planewreck“ veröffentlicht. Die CD gibt es mit selbst genähter Unikat-Tasche im Eigenvertrieb. Unter http://elcassette.com/ kann man sich das gesamte Album als Stream anhören. Rita Argauer

Stil: Punk / Riot-Grrrl / Pop
Besetzung: Maria Cincotta: Gesang, Gitarre, Synthesizer. Elke Brams: Schlagzeug
Seit: 2010
Aus: München
Internet: http://elcassette.com, www.myspace.com/elcassettemusic

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Rita Argauer ist die Musik-Expertin der Junge-Leute-Seite. Sie ist nicht nur ständig auf der Suche nach neuen Münchner Bands und deswegen in den Clubs dieser Stadt unterwegs. Sie kennt die Szene auch von der anderen Seite: Sie singt und spielt Keyboard in der Band Candelilla.