Band der Woche: Kraut & Ruhm

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Wie ambivalent bayerische Tradition interpretiert werden kann, zeigt nicht zuletzt die Seehofer’sche Idee einer “Leitkultur”. Kraut & Ruhm demonstrieren eindrucksvoll, dass Mundart und Bläsersatz nicht zwangsläufig mit schwarzer Parteilinie gleichzusetzen sind. Im Gegenteil.

Nach seinen Klischees beurteilt sind Bayern und dessen Bewohner ein wenig schizophren. Einerseits gibt es hier eine strenge traditionelle Einstellung, die politisch zu einem beinahe Ein-Parteien-System führt und zu einem Image, für das das Wort Hinterwäldler noch zahm erscheint. Andererseits hatte man hier für kurze Zeit eine Räterepublik, Niederbayern ist für seine bitterböse und kritische Kabarett-Szene bekannt – und ein Anarchismus, in dem Sinne, dass Autoritäten angezweifelt und nicht ganz ernst genommen werden, gehört genauso zur Tradition. Unter diesem Aspekt ist vielleicht besser zu verstehen, dass jemand wie Hans Söllner in bester Mundart zu mehr oder weniger akustischen Reggae-Klängen staatskritische Inhalte in die Welt hinausbläst. Und unter diesem Aspekt ist es vielleicht auch veraltet, Popmusik, die in Mundart und unter den Insignien anderer bayerischer Traditionen geschrieben wird, von vorne herein als konservativ anzusehen und zu bezeichnen.

Die Band Kraut & Ruhm (Foto: privat) siedelt sich in genau diesem Spektrum an. Schon das Bandfoto ist mit allerhand Traditionsinsignien ausgestattet: Das Sextett, das sich ursprünglich in Jetzendorf, einem laut Selbstbeschreibung „wunderschönen Kuhkaff, circa 50 Kilometer von München entfernt“ zusammenfand, präsentiert sich an einem Stammtisch – samt Bier und der Düsternis, die man gemeinhin solch tradierten Unternehmungen wie Stammtischen unterstellen könnte. Doch musikalisch und textlich begeben sich die Musiker, die mittlerweile in München leben und studieren, in eine politische Ecke, die man gemeinhin eher dem Punk zuschreibt. Gar als „linksradikal“ bezeichnen sie sich, zumindest die Gesinnung, die die Musiker als „Überbleibsel“ aus früheren Teenager-Zeiten in Punkbands mitbringen. Jetzt klingt das musikalisch zumindest alles zahmer: Die Gitarren tragen über Off-Beats ein wenig Reggae-Flair, hinzu kommen Bläsersätze und ein sanft begleitendes Schlagzeug. Sänger Domä nimmt dazu, etwa im Song „Obacht“, fast eine Moritaten-Attitüde ein, wenn er über soziale Missstände singt. Strukturell erinnert das an die Tradition der Gstanzl-Sänger: Anekdotische Strophe reiht sich an anekdotische Strophe und dazwischen folgt in einer Art Refrain, der harmonisch aber gleich zur Strophe bleibt, die Moral der Geschichte. Und damit nehmen Kraut & Ruhm noch einen anderen Aspekt bayerischer Volksmusik in ihre Musik auf, als das etwa ein Großteil der zuletzt angesagten Bayern-Beat- und La-Brass-Banda-Bands taten.

Den Gesang im Dialekt betrachten sie dabei aber keineswegs als dogmatisch. Sängerin Miri habe etwa immer noch Probleme damit, in Mundart zu singen, deshalb übernimmt sie die englischen Passagen, die es in manchen Songs genauso gibt. Sie hätten Musik „schon immer als eine Möglichkeit wahrgenommen, auf gesellschaftliche Missstände oder Problematiken hinzuweisen“, erklären sie. Als sie in Teenager-Jahren Bob Marley entdeckten, sei der Reggae-Einfluss hinzu gekommen. Dennoch geht es bei Kraut & Ruhm nicht nur um Dinge, die die Musiker als „verbesserungswürdig“ betrachten, also „die menschliche Gier nach Geld und Macht, Ausbeutung von Umwelt und Mitmenschen, Intoleranz“, sondern auch ein gewisser Spaß am Exzess, ganz zünftig etwa um eine „koide Mass auf der Wiesn“. Ob sie damit einen nächsten Wiesn-Hit auf dem Oktoberfest landen werden, wo die bayerische Kultur erfolgreich in Kommerz verwandelt wurde, bleibt fraglich. Denn dem Kommerz ist die Musik und die Haltung der Musiker recht fern. Dass sie deshalb auch eher im alternativen Indie-Bereich stattfinden, etwa 2016 mit einem Auftritt auf dem – in dieser Szene doch sehr traditionellen – Puch-Festival, ist viel stimmiger. 

Stil: Mundart-Mashup
Besetzung: Dominik „Domä“ (Gesang), Miriam Bettaieb (Gesang), Felix „Feeel“ Schneider (Gitarre, Background-Gesang), Simon „Seimen“ Seufert (Gitarre), Dominik „Gürti“ Gürtner (Bass), Max „Dr. Drum“ Schneider (Schlagzeug)
Aus: München
Seit: 2016
Internet: www.krautundruhm.com

Text: Rita Argauer

Foto: Privat

Band der Woche: Django S

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Die Jungs von
Django S bezeichnen ihren Musikstil als „Bavarian Madness“. Sie feiern politisch, provokant und mit großer Lust an inszenierter Prolligkeit das Musiker-Leben.

Dass Bayern in Pop-Deutschland mal wenigstens so ein bisschen beliebt werden konnte, überrascht. Bayern zeigte sich ja bisher eher glanzlos im Vergleich zu den deutschen Pop-Städten Berlin und Hamburg. Und auch, wenn da auf der nördlichen Seite viel Selbstüberschätzung und auch ein bisschen ignorante Arroganz dabei gewesen sein durfte: Mit Ausnahme von solch ausgesprochen geschmackssicheren und gleichzeitig mit hübschestem Understatement ausgestatteten Gruppen wie Slut aus Ingolstadt oder The Notwist aus Weilheim, hatte Bayern bis Mitte der Nullerjahre deutschlandweit relativ wenig zum aktuellen Pop-Geschehen beizutragen.

Mit dem Understatement war es dann jedoch schlagartig vorbei, als plötzlich auch die Rest-Republik auf den protzig-prolligen und Blaskapellen-geschulten La-Brass-Banda-Sound tanzte. Wenn schon Bayern, dann richtig Bayern. Plötzlich gab es diverse Tubas, Trompeten oder Posaunen, alle mit einfachen Vor- oder Nachschlägen, die die mehr oder weniger lustigen Mundart-Texte der jeweiligen Sänger antrieben.

Nun, diese Zeit ist jetzt auch schon wieder vorbei. Deshalb wirkt es auch fast ein wenig rückwärtsgewandt, wenn Django S ihren Musikstil weiterhin vehement als „Bavarian Madness“ bezeichnen, die sie dann auch gleich zu Lebenseinstellung und Lifestyle erheben. Wenn man jedoch in deren neues Album „Mund auf, PU-Schaum“ hineinhört, katapultiert es einen eigentlich gleich noch ein Jahrzehnt weiter nach hinten. Von den früheren Misch-Versuchen von Balkan- und Bayern-Beat hat sich das Septett mittlerweile verabschiedet. Auf dem neuen Album wird ein Stil revitalisiert, der Ende der Neunzigerjahre zuletzt an der Pop-Oberfläche schwamm: Ska-Punk, also Bläser und verzerrte Gitarren, die geballte Faust auf dem Albumcover im Stil sozialistischer Wahlplakate der Weimarer Republik sowie der Eröffnungsbrüller „Geld oder Leben“. Dessen Text darf man hier durchaus mehr metaphorisch und weniger im Wild-West-Stil verstehen: Django S machen in diesem Song den Gegensatz zwischen einem guten Leben und einem gut bezahlten Job auf. Da klingelt einem die provokativ-assoziale Hymne „Unemployed“ der Deutsch-Punk-Band Wizo in den Ohren, hinzu kommen breitbeinig rockistische Gitarren und eine Stimme, die mit Absicht ein bisschen tiefer gedrückt wird, als sie eigentlich klingen könnte. Eine ziemlich prollige Angelegenheit. Das erinnert rein musikalisch an Neunzigerjahre-Bands wie Dog Eat Dog. Oder eben aktuell an Kraftklub, was auch zum aktuellen britischen Hooligan-Look von Django S auf deren Fotos passt.

Genauer betrachtet ergibt das alles Sinn: Django S befinden sich gerade an der Grenze vom Studenten-Dasein zum Berufsleben. Das bedeutet nicht nur, dass sie das Ende der Neunzigerjahre noch als Pop-Hörer und frühe Teenager mitbekommen haben dürften, sondern auch, dass der Lebenslauf in diesem Alter in ein Arbeitsleben kippt, das im Normalfall weniger vom Party-Band-Dasein bestimmt wird. Django S sind eigentlich ganz bürgerlich aufgestellt: Alle Mitglieder haben entweder einen Ingenieurs-Beruf studiert oder studieren so ein Fach gerade noch. Doch bevor die Entscheidung zwischen Geld oder (Rocker-)Leben letztlich getroffen werden muss, feiern Django S noch einmal politisch, provokant und mit großer Lust an inszenierter Prolligkeit das Musiker-Leben. Das dürfte auch schon arbeitenden Menschen gefallen. Als Ausbruch. Etwa auf einem Konzert, am Freitag, 6. Oktober, im Münchner Backstage. Ein passender Ort, an dem solche Musik sowieso nie aufgehört hat und seit den Neunzigerjahren wunderbar existiert. 

Stil: Ska/Rock/Brass/Punk
Besetzung: Leonard „Dr. Faxe“ Spies (Gesang, Gitarre), Klaus „Motschep“ Moser (Bass, Gesang), Martin „Maschd“ Brandl (Gitarre), Valentin „Vallus“ Limmer (Schlagzeug), Simon „Seamon“ Maier (Trompete), Raphael „Azrael“ Opperer (Posaune), Simon „Vladi“ Ladner (Trompete)
Aus: Rosenheim, München
Seit: 2010
Internet: www.suridjangos.de

Text: Rita Argauer

Foto:
Phil Pham

Band der Woche: Todeskommando Atomsturm

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Die Münchner Deutsch-Punk-Band Todeskommando Atomsturm macht Musik als
Gegenentwurf zum Mainstream.

Das klingt wunderbar direkt, laut, aber ergreifend.

Zur Zukunft hatten Punks schon immer ein gespaltenes Verhältnis. Natürlich ist der „No Future“-Slogan prägend. Gleichzeitig trägt aber die Wut und das zur Schau gestellte Nicht-einverstanden-Sein mit den bürgerlichen Verhältnissen auch eine Hoffnung, ja einen Anspruch auf eine Selbstgestaltung in sich, die weit entfernt ist vom Nihilismus der Zukunftsverweigerung. Punk hat in Deutschland auch erstaunlich viel Zukunft geschaffen. Etwa mit den Hausbesetzungen der Achtzigerjahre. So gibt es etwa in den größeren Städten Deutschlands sogenannte autonome Zentren, abgekürzt AZ. Und heute, wo sich das mit dem finanzierbaren Wohnen in Großstädten zum echten Problem auswächst, werden die ursprünglich in der linken Punkszene entstandenen Modelle der Hausverwaltung – etwa durch Kombinate, neu gegründete Genossenschaften und Selbstverwaltungen – zum Vorbild für gerechtere städtebauliche Konzepte.

In vielen dieser selbstverwalteten Wohnhäuser finden auch Konzerte statt. Die bauliche Qualität dieser Häuser schwankt zwar: vom heruntergekommenen Gerber in Weimar zu groß angelegten Wohnprojekten wie dem Bettenhaus in Marburg. Oder von bröckelnden Herrenhäusern wie in der Ludwigstraße in Halle an der Saale zu kleinen, aber stolzen Orten wie dem Kafe Marat und dem Kafe Kult in München.

Die Zukunft von Musik außerhalb eines gierigen Marktes, der sich Sämtliches – egal, ob es alternativ, antikommerziell oder von vorne herein gewinnbringend gedacht war – einverleibt, liegt in genau diesen Orten. Denn Bands können wunderbar autonom von Medien und der Bookingpolitik von Agenturen und Labels durch Europa touren. Durch solche Zentren. In Ljubljana ist das „Metelkova“ gleich ein ganzes Gelände samt Hostel, in Pontevedra findet sich ein einstöckiger Hof samt Garten. Die Münchner Punkband Todeskommando Atomsturm bewegt sich fast ausschließlich in dieser Szene. „Für uns ist es total wichtig, dass es solche Läden gibt“, erklären sie, die die Kriminalisierung dieser Szene ablehnen. Natürlich seien AZs aber politisch, führen sie aus, denn die Betreiber engagierten sich in gleichem Maße für Musik wie gegen Rassismus, Sexismus und Homophobie. Diese Gedanken und diese Welteinstellung spiegeln sich auch in der Geisteshaltung der fünfköpfigen Band. „Außerhalb der Band gehen wir einem erschreckend geregelten Leben nach“, erklären sie. Sie seien alle berufstätig, versuchten aber sich auch selbst in der DIY-Konzertszene zu engagieren. Denn hier herrscht ein anderes Denken als gewohnt: Die Musik ist nicht dazu da, um damit Geld zu verdienen, sondern als Gegenentwurf zum Mainstream, der seine Freizeit derzeit hauptsächlich auf Instagram verbringen dürfte.

Die Musik, die bei Todeskommando Atomsturm herauskommt, ist wunderbar direkt, laut, aber ergreifend: Punk, ein schnelles Schlagzeug und wütende Gitarren. Natürlich vehementer Gesang mit konkreten Texten, in denen auch mal das Punkklischee in der Gegenüberstellung von bürgerlichem Leben und Punker-Dasein in der Single „Zukunft ist nichts für mich“ von 2012 auftaucht. Aber die Band mit dem Anti-Namen weiß auch um die Wucht, die Melodien haben und setzt diese konstant ein. Ziele hätten sie sich mit der Band nie gesetzt. Sie seien froh und auch ein bisschen stolz, dass das Label „Twisted Chords“ ihre zwei bisherigen Alben veröffentlicht habe und dass sie in ganz Deutschland Konzerte geben. Denn anders als die Münchner Bands, die darauf warten, dass eine Plattenfirma sie endlich auf Tournee schickt, planen Todeskommando Atomsturm das erfolgreich selbst – unabhängig und getragen vor einer gewachsenen und treuen Fangemeinde. 

Stil: Deutsch-Punk
Besetzung: Chrissi (Gitarre), Matze (Schlagzeug), Lea (Gesang), Pölle (Bass), Tobi (Gitarre)
Seit:
2008
Aus: München
Internet: todeskommando.bandcamp.com


Text: Rita Argauer


Foto: Thomas Nibler

Band der Woche: Lester

Lester machen Deutsch-Punk- der doch ganz spannend wird. Mit persönlichen Texten und einer Hingabe zum Publikum während ihrer Live-Shows

haben sie den Punkrock in eine Haltung geführt, die die Indie-Musik in den Neunzigerjahren innehatte

Spätestens in den Sechzigerjahren begannen politisch Aktive die Ästhetik der Popmusik für sich zu entdecken. Es folgten großartige Polit- und Protestsongs, es folgte aber auch eine Instrumentalisierung der Popmusik über den rein musikalischen Affekt hinaus. Seitdem treffen sich Pop und Politik in Wellenbewegungen – auf stark politisierende Genres folgen meist Veröffentlichungen des selben Stil, die bewusst entpolitisiert wurden. Denn wenn niemand über den bloßen Konsum der Musik hinaus gefordert ist, verkauft sich die Musik besser. In der Entwicklung des Punk lässt sich das besonders gut nachvollziehen. Zuerst wurde der Stil erfunden, unter anderem von der späteren Modedesignerin Vivienne Westwood. Dann wurde der Stil politisiert als Ausdruck der rebellierenden Jugend, die sich mit der Arbeiterklasse identifizierte. Und schließlich mündete das im Genre Fun-Punk, was ja schon im Namen mehr Spaß und weniger politisches Bewusstsein verspricht. 

Die Münchner Band Lester klingt eigentlich wie eine klassische Deutsch-Punk-Band. Das Quintett bewegt sich in einer Szene, die am Mainstream nicht interessiert ist. Die grafische Gestaltung ihrer drei bisherigen EPs ergibt sich aus Symbolen des Widerstands. In den sozialen Netzwerken posten sie Fotos von Konzerten – auf einem steht auf dem Banner über der Bühne nicht der Bandname, sondern die Forderung „Freiräume erhalten“. Und irgendwie fühlt man sich bei dieser Band ein wenig zurückversetzt in eine Zeit, in der der alternative Stil noch in solchen Codes funktionierte. Doch es gibt auch heute noch über das ganze Land verteilt autonome Zentren, in denen Konzerte solcher Bands stattfinden. In München ist der Raum für eine solche Szene tatsächlich klein, doch auch hier hat sich etwa im Kafe Marat oder im Sunny Red im Feierwerk eine konstante Konzertkultur solcher Musik etabliert. Im Fall von Lester ist das eben der für Deutsch-Punk typische, etwas bellende Gesang, samt treibendem Punk-Beat am Schlagzeug. Harmonisch findet sich jedoch durchaus eine Zugewandtheit zum Pop. Natürlich haben die Musiker in ihren Teenager-Jahren Punk gehört, wollten dann selbst Musik machen und fanden sich in diesem Stil wieder. Diverse Band-Erfahrungen liegen hinter den einzelnen Mitgliedern, mit Lester seien sie nun an einem Punkt, an dem sie ihre „musikalische Erfüllung“ gefunden hätten. „Diesen Moment wollen wir möglichst lang auskosten“, sagen sie. 

Und in dieser genießenden Gelassenheit passiert da mit dem Punkrock nun doch etwas Spannendes. Denn wenn man die Musik von Lester so hört, geht es da nicht mehr darum, mit lauten Gitarren und forderndem Gesang zu provozieren – das würde heutzutage vermutlich auch nicht mehr wirklich funktionieren. Der Stil des Punkrock ist bei Lester vielmehr der musikalische Ausdruck, in dem sie sich wohlfühlen. Die Texte sind von „persönlicher Natur“, erklären sie, es gehe weniger um die großen gesellschaftlichen Themen als darum, vor allem auch während des Live-Spielens eine Verbindung zum Publikum zu schaffen und über die Konzertdauer eine Atmosphäre für Publikum und Band zu etablieren, in der das Negative des Alltags für einen Abend ausgeblendet wird. Und so haben sie den Punkrock in eine Haltung geführt, die die Indie-Musik in den Neunzigerjahren innehatte: Der Bezug zu sich selbst zählt dabei mehr als bellende Politik, Lester bieten Wohlfühlmusik für alle diejenigen, die sich eher im Lauten als im Lieben wohlfühlen. Ganz konsequent bezeichnen Lester ihre Musik deshalb auch als Heavy Pop. In diesem Jahr wollen sie ein erstes Album veröffentlichen.  

Lester

Stil: Heavy Pop/ Punk-Rock

Besetzung: Andy Keymer (Gesang, Gitarre), Phil Graf (Gitarre), Bernhard Schindl (Schlagzeug), Paloma Ernd (Bild), Jasper Ruppert (Bass)

Aus: München

Seit: 2012

Internet: www.wirsindlester.de

Text: Rita Argauer

Foto: Lester

Ein Punk in Hollywood

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Für sein Filmdebüt hat Matthias Raffeis eine Produktionsfirma aus LA gefunden. Als Darsteller hat der 26-Jährige gleich mal eine deutsche Musik-Größe angefragt.

Matthias Raffeis, 26, ist das Klischee. Das sagt zumindest der weiße, handgeschriebene Schriftzug auf dem Rücken seiner Lederjacke. Matthias sitzt in der gleißenden Wintersonne vor dem dunkelgelben Holz des runden Hangers, in dem sich die Kulissen der „Unendlichen Geschichte“ verbergen. Hier, auf dem Gelände der Bavaria-Filmstudios, hat Matthias Filmregie studiert. Vor beinahe zwei Jahren hat er das Studium an der privaten Medienakademie abgeschlossen. Er träumt wie so viele von einer Karriere, am besten in Hollywood. Nur ist er, anders als viele, schon ein wenig näher dran. Denn er hat eine renommierte und in den USA ausgezeichnete Produktionsfirma für seinen ersten Film gefunden. 

Matthias, schwarz gefärbte, in alle Richtungen abstehende Haare bis auf eine sorgfältig nach unten gegelte Strähne, trägt Springer-Stiefel und einen Nieten-Gürtel. Früher hat er sich jeden Tag einen schwarzen Balken über die Augen geschminkt. Warum? Habe ihm damals gefallen.                                            Aus Klischee-Punker wird Klischee-Filmemacher. Er möchte Hollywood erobern. In seinem Film „Island of Individuals“ wird es um eine Gruppe Jugendlicher gehen, kaum überraschend sind es Punks, die sich in einer düsteren Zukunftsvision im Jahr 2089 von der Gesellschaft absetzen und auf eine Insel flüchten. Eine Insel, auf der ihre Individualität, symbolisiert durch grell-fröhliche Neonfarben, wieder sprudeln kann. Die Welt der ernsten Erwachsenen dagegen wird in schwarz-grauem „Sin-City-Look“ gehalten werden, sagt Matthias.

Für den 26-Jährigen bestehen keine Zweifel an der Umsetzung des Drehbuchs, für das er die Idee schon im ersten Studienjahr hatte. In Zusammenarbeit mit der Produktionsfirma Roll Call Productions, die ihren Sitz in München und in Los Angeles hat, soll der Film spätestens in vier Jahren in die Kinos kommen. „Am Anfang, als herauskam, dass ich den Film tatsächlich machen darf, hatte ich Tränen in den Augen“, sagt er. 

„Selbstverständlich ist es oft noch sehr emotional für Matthias, wenn es um seine Ideen geht. Das ist sein Baby und da will er sich natürlich nicht reinreden lassen“, sagt auch Heide Fliegner, die Leiterin der Produktionsfirma, die in den USA bereits für mehrere ihrer Independent Filme ausgezeichnet wurde. „Island of Individuals“ ist in dem Sinne ein besonderes Projekt für sie und ihre Firma, als dass sie mit Matthias mit einem sehr jungen und auch unerfahrenen Partner zusammenarbeiten. „Aber da er aus einer speziellen Ecke kommt und die Idee an sich sehr groß angelegt ist, sind wir von dem Projekt überzeugt und werden es mit den höchstmöglichen Standards umsetzen“, sagt Fliegner.

Aus einer speziellen Ecke kommt Matthias für Fliegner, weil er bis zu seinem zwölften Lebensjahr selbst in Kalifornien gelebt hat und deshalb die jeweiligen Maßstäbe kennt, an denen Filme in beiden Ländern gemessen werden. „Da es einfacher ist, von englisch auf deutsch zu synchronisieren und es in Hollywood eine sehr viel größere Auswahl an Schauspielern gibt, soll der Film auch dort produziert werden“, sagt Matthias. Zuhause fühlt er sich in den USA trotzdem nicht mehr. „Es war sehr schwer, von dort wegzugehen, als meine Eltern wegen ihrer Arbeit mit meinem Bruder und mir umgezogen sind, und ich bin jemand, dem Heimat sehr wichtig ist“, sagt er und blinzelt in die Sonne. 

Für seinen Film hat Matthias auch eine Crowd-Funding-Kampagne gestartet. „Ziel war, die damit verbundene Facebook-Gruppe auf 10 000 Mitglieder zu erweitern. Ich dachte, wenn jeder einen Euro spendet, hätte ich schon einmal 10 000 Euro mehr, um gute Effekte sicherstellen zu können“, sagt Matthias und wirkt dabei enttäuscht. Die Kampagne läuft nämlich nicht so: Die Gruppe umfasst zwar 9500 Mitglieder, aber nur knapp 3000 Euro wurden gespendet.
Das ist möglicherweise die Kehrseite des Klischees. Matthias ist bewusst, dass er allein durch sein Aussehen aneckt. Immer wieder bekommt er in der U-Bahn abfällige Blicke zugeworfen, zusammen mit den Vorurteilen über Punks: die gehen nicht arbeiten, nehmen Drogen, duschen sich nicht. Das verhärtet sein eigenes Vorurteil gegenüber der Gesellschaft.

Matthias macht sich Gedanken darüber, ob Kinder ihre Individualität freier ausleben können als Erwachsene. Und auch darüber, ob Kinder ohne Erwachsene, die ihnen Regeln und Verbote auferlegen, zurechtkommen würden. Wie sich die Geschichte in seinem Film entwickeln wird, will er noch nicht verraten.

Matthias träumt von einem Ende der „Ellbogengesellschaft“. Ihm ist bewusst, dass seine Nietengürtel und Springer-Stiefel etwas Uniform-artiges sein können. Deshalb wird es in „Island of Individuals“ vielleicht auch eine kleine Hommage an die wahren Punks geben: Man sei mit dem Agenten von Campino von den Toten Hosen im Gespräch, für die Rolle eines der Erwachsenen. Da lacht er. Ja, für ein Punk-Kind wäre der leider schon zu alt.

Von: Theresa Parstofer

Foto: Catherina Hess