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„Jetzt wollen wir deutschlandweit mehr Leute erreichen“, sagt Maximilian Weigl von „Endlich Rudern“ (hier beim Sound Of Munich Now). Fotos: Stephan Rumpf, Benedikt Weigl (2), Marko begic, privat.

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Sie sind von Münchens Bühnen nicht mehr wegzudenken. Aber wie haben die Musiker und Musikerinnen eigentlich angefangen? Für die Junge-Leute-Seite haben Künstler in ihrem Poesiealbumgeblättert. Heute: Maximilian Weigl von „Endlich Rudern“.

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Band der Woche: Novichoks
Foto: Tobias Spinnler

Band der Woche: Novichoks

„Wir studieren, verhelfen abgehängten Jugendlichen zu einem Schulabschluss, unterstützen Geflüchtete, Migrantinnen und Migranten dabei, sich in München ein gutes Leben auf zu bauen, betreiben Telefonseelsorge oder verbringen unseren Arbeitsalltag wie so viele mit Outlook und langweiligen Excel-Tabellen im Büro“. Schnelle Riffs, verzerrte Gitarren, rauchiger Punk und Soziale Gerechtigkeit: die Novichoks.

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Band der Woche: Kraut & Ruhm

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Wie ambivalent bayerische Tradition interpretiert werden kann, zeigt nicht zuletzt die Seehofer’sche Idee einer “Leitkultur”. Kraut & Ruhm demonstrieren eindrucksvoll, dass Mundart und Bläsersatz nicht zwangsläufig mit schwarzer Parteilinie gleichzusetzen sind. Im Gegenteil.

Nach seinen Klischees beurteilt sind Bayern und dessen Bewohner ein wenig schizophren. Einerseits gibt es hier eine strenge traditionelle Einstellung, die politisch zu einem beinahe Ein-Parteien-System führt und zu einem Image, für das das Wort Hinterwäldler noch zahm erscheint. Andererseits hatte man hier für kurze Zeit eine Räterepublik, Niederbayern ist für seine bitterböse und kritische Kabarett-Szene bekannt – und ein Anarchismus, in dem Sinne, dass Autoritäten angezweifelt und nicht ganz ernst genommen werden, gehört genauso zur Tradition. Unter diesem Aspekt ist vielleicht besser zu verstehen, dass jemand wie Hans Söllner in bester Mundart zu mehr oder weniger akustischen Reggae-Klängen staatskritische Inhalte in die Welt hinausbläst. Und unter diesem Aspekt ist es vielleicht auch veraltet, Popmusik, die in Mundart und unter den Insignien anderer bayerischer Traditionen geschrieben wird, von vorne herein als konservativ anzusehen und zu bezeichnen.

Die Band Kraut & Ruhm (Foto: privat) siedelt sich in genau diesem Spektrum an. Schon das Bandfoto ist mit allerhand Traditionsinsignien ausgestattet: Das Sextett, das sich ursprünglich in Jetzendorf, einem laut Selbstbeschreibung „wunderschönen Kuhkaff, circa 50 Kilometer von München entfernt“ zusammenfand, präsentiert sich an einem Stammtisch – samt Bier und der Düsternis, die man gemeinhin solch tradierten Unternehmungen wie Stammtischen unterstellen könnte. Doch musikalisch und textlich begeben sich die Musiker, die mittlerweile in München leben und studieren, in eine politische Ecke, die man gemeinhin eher dem Punk zuschreibt. Gar als „linksradikal“ bezeichnen sie sich, zumindest die Gesinnung, die die Musiker als „Überbleibsel“ aus früheren Teenager-Zeiten in Punkbands mitbringen. Jetzt klingt das musikalisch zumindest alles zahmer: Die Gitarren tragen über Off-Beats ein wenig Reggae-Flair, hinzu kommen Bläsersätze und ein sanft begleitendes Schlagzeug. Sänger Domä nimmt dazu, etwa im Song „Obacht“, fast eine Moritaten-Attitüde ein, wenn er über soziale Missstände singt. Strukturell erinnert das an die Tradition der Gstanzl-Sänger: Anekdotische Strophe reiht sich an anekdotische Strophe und dazwischen folgt in einer Art Refrain, der harmonisch aber gleich zur Strophe bleibt, die Moral der Geschichte. Und damit nehmen Kraut & Ruhm noch einen anderen Aspekt bayerischer Volksmusik in ihre Musik auf, als das etwa ein Großteil der zuletzt angesagten Bayern-Beat- und La-Brass-Banda-Bands taten.

Den Gesang im Dialekt betrachten sie dabei aber keineswegs als dogmatisch. Sängerin Miri habe etwa immer noch Probleme damit, in Mundart zu singen, deshalb übernimmt sie die englischen Passagen, die es in manchen Songs genauso gibt. Sie hätten Musik „schon immer als eine Möglichkeit wahrgenommen, auf gesellschaftliche Missstände oder Problematiken hinzuweisen“, erklären sie. Als sie in Teenager-Jahren Bob Marley entdeckten, sei der Reggae-Einfluss hinzu gekommen. Dennoch geht es bei Kraut & Ruhm nicht nur um Dinge, die die Musiker als „verbesserungswürdig“ betrachten, also „die menschliche Gier nach Geld und Macht, Ausbeutung von Umwelt und Mitmenschen, Intoleranz“, sondern auch ein gewisser Spaß am Exzess, ganz zünftig etwa um eine „koide Mass auf der Wiesn“. Ob sie damit einen nächsten Wiesn-Hit auf dem Oktoberfest landen werden, wo die bayerische Kultur erfolgreich in Kommerz verwandelt wurde, bleibt fraglich. Denn dem Kommerz ist die Musik und die Haltung der Musiker recht fern. Dass sie deshalb auch eher im alternativen Indie-Bereich stattfinden, etwa 2016 mit einem Auftritt auf dem – in dieser Szene doch sehr traditionellen – Puch-Festival, ist viel stimmiger. 

Stil: Mundart-Mashup
Besetzung: Dominik „Domä“ (Gesang), Miriam Bettaieb (Gesang), Felix „Feeel“ Schneider (Gitarre, Background-Gesang), Simon „Seimen“ Seufert (Gitarre), Dominik „Gürti“ Gürtner (Bass), Max „Dr. Drum“ Schneider (Schlagzeug)
Aus: München
Seit: 2016
Internet: www.krautundruhm.com

Text: Rita Argauer

Foto: Privat

Band der Woche: Django S

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Die Jungs von
Django S bezeichnen ihren Musikstil als „Bavarian Madness“. Sie feiern politisch, provokant und mit großer Lust an inszenierter Prolligkeit das Musiker-Leben.

Dass Bayern in Pop-Deutschland mal wenigstens so ein bisschen beliebt werden konnte, überrascht. Bayern zeigte sich ja bisher eher glanzlos im Vergleich zu den deutschen Pop-Städten Berlin und Hamburg. Und auch, wenn da auf der nördlichen Seite viel Selbstüberschätzung und auch ein bisschen ignorante Arroganz dabei gewesen sein durfte: Mit Ausnahme von solch ausgesprochen geschmackssicheren und gleichzeitig mit hübschestem Understatement ausgestatteten Gruppen wie Slut aus Ingolstadt oder The Notwist aus Weilheim, hatte Bayern bis Mitte der Nullerjahre deutschlandweit relativ wenig zum aktuellen Pop-Geschehen beizutragen.

Mit dem Understatement war es dann jedoch schlagartig vorbei, als plötzlich auch die Rest-Republik auf den protzig-prolligen und Blaskapellen-geschulten La-Brass-Banda-Sound tanzte. Wenn schon Bayern, dann richtig Bayern. Plötzlich gab es diverse Tubas, Trompeten oder Posaunen, alle mit einfachen Vor- oder Nachschlägen, die die mehr oder weniger lustigen Mundart-Texte der jeweiligen Sänger antrieben.

Nun, diese Zeit ist jetzt auch schon wieder vorbei. Deshalb wirkt es auch fast ein wenig rückwärtsgewandt, wenn Django S ihren Musikstil weiterhin vehement als „Bavarian Madness“ bezeichnen, die sie dann auch gleich zu Lebenseinstellung und Lifestyle erheben. Wenn man jedoch in deren neues Album „Mund auf, PU-Schaum“ hineinhört, katapultiert es einen eigentlich gleich noch ein Jahrzehnt weiter nach hinten. Von den früheren Misch-Versuchen von Balkan- und Bayern-Beat hat sich das Septett mittlerweile verabschiedet. Auf dem neuen Album wird ein Stil revitalisiert, der Ende der Neunzigerjahre zuletzt an der Pop-Oberfläche schwamm: Ska-Punk, also Bläser und verzerrte Gitarren, die geballte Faust auf dem Albumcover im Stil sozialistischer Wahlplakate der Weimarer Republik sowie der Eröffnungsbrüller „Geld oder Leben“. Dessen Text darf man hier durchaus mehr metaphorisch und weniger im Wild-West-Stil verstehen: Django S machen in diesem Song den Gegensatz zwischen einem guten Leben und einem gut bezahlten Job auf. Da klingelt einem die provokativ-assoziale Hymne „Unemployed“ der Deutsch-Punk-Band Wizo in den Ohren, hinzu kommen breitbeinig rockistische Gitarren und eine Stimme, die mit Absicht ein bisschen tiefer gedrückt wird, als sie eigentlich klingen könnte. Eine ziemlich prollige Angelegenheit. Das erinnert rein musikalisch an Neunzigerjahre-Bands wie Dog Eat Dog. Oder eben aktuell an Kraftklub, was auch zum aktuellen britischen Hooligan-Look von Django S auf deren Fotos passt.

Genauer betrachtet ergibt das alles Sinn: Django S befinden sich gerade an der Grenze vom Studenten-Dasein zum Berufsleben. Das bedeutet nicht nur, dass sie das Ende der Neunzigerjahre noch als Pop-Hörer und frühe Teenager mitbekommen haben dürften, sondern auch, dass der Lebenslauf in diesem Alter in ein Arbeitsleben kippt, das im Normalfall weniger vom Party-Band-Dasein bestimmt wird. Django S sind eigentlich ganz bürgerlich aufgestellt: Alle Mitglieder haben entweder einen Ingenieurs-Beruf studiert oder studieren so ein Fach gerade noch. Doch bevor die Entscheidung zwischen Geld oder (Rocker-)Leben letztlich getroffen werden muss, feiern Django S noch einmal politisch, provokant und mit großer Lust an inszenierter Prolligkeit das Musiker-Leben. Das dürfte auch schon arbeitenden Menschen gefallen. Als Ausbruch. Etwa auf einem Konzert, am Freitag, 6. Oktober, im Münchner Backstage. Ein passender Ort, an dem solche Musik sowieso nie aufgehört hat und seit den Neunzigerjahren wunderbar existiert. 

Stil: Ska/Rock/Brass/Punk
Besetzung: Leonard „Dr. Faxe“ Spies (Gesang, Gitarre), Klaus „Motschep“ Moser (Bass, Gesang), Martin „Maschd“ Brandl (Gitarre), Valentin „Vallus“ Limmer (Schlagzeug), Simon „Seamon“ Maier (Trompete), Raphael „Azrael“ Opperer (Posaune), Simon „Vladi“ Ladner (Trompete)
Aus: Rosenheim, München
Seit: 2010
Internet: www.suridjangos.de

Text: Rita Argauer

Foto:
Phil Pham

Band der Woche: Todeskommando Atomsturm

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Die Münchner Deutsch-Punk-Band Todeskommando Atomsturm macht Musik als
Gegenentwurf zum Mainstream.

Das klingt wunderbar direkt, laut, aber ergreifend.

Zur Zukunft hatten Punks schon immer ein gespaltenes Verhältnis. Natürlich ist der „No Future“-Slogan prägend. Gleichzeitig trägt aber die Wut und das zur Schau gestellte Nicht-einverstanden-Sein mit den bürgerlichen Verhältnissen auch eine Hoffnung, ja einen Anspruch auf eine Selbstgestaltung in sich, die weit entfernt ist vom Nihilismus der Zukunftsverweigerung. Punk hat in Deutschland auch erstaunlich viel Zukunft geschaffen. Etwa mit den Hausbesetzungen der Achtzigerjahre. So gibt es etwa in den größeren Städten Deutschlands sogenannte autonome Zentren, abgekürzt AZ. Und heute, wo sich das mit dem finanzierbaren Wohnen in Großstädten zum echten Problem auswächst, werden die ursprünglich in der linken Punkszene entstandenen Modelle der Hausverwaltung – etwa durch Kombinate, neu gegründete Genossenschaften und Selbstverwaltungen – zum Vorbild für gerechtere städtebauliche Konzepte.

In vielen dieser selbstverwalteten Wohnhäuser finden auch Konzerte statt. Die bauliche Qualität dieser Häuser schwankt zwar: vom heruntergekommenen Gerber in Weimar zu groß angelegten Wohnprojekten wie dem Bettenhaus in Marburg. Oder von bröckelnden Herrenhäusern wie in der Ludwigstraße in Halle an der Saale zu kleinen, aber stolzen Orten wie dem Kafe Marat und dem Kafe Kult in München.

Die Zukunft von Musik außerhalb eines gierigen Marktes, der sich Sämtliches – egal, ob es alternativ, antikommerziell oder von vorne herein gewinnbringend gedacht war – einverleibt, liegt in genau diesen Orten. Denn Bands können wunderbar autonom von Medien und der Bookingpolitik von Agenturen und Labels durch Europa touren. Durch solche Zentren. In Ljubljana ist das „Metelkova“ gleich ein ganzes Gelände samt Hostel, in Pontevedra findet sich ein einstöckiger Hof samt Garten. Die Münchner Punkband Todeskommando Atomsturm bewegt sich fast ausschließlich in dieser Szene. „Für uns ist es total wichtig, dass es solche Läden gibt“, erklären sie, die die Kriminalisierung dieser Szene ablehnen. Natürlich seien AZs aber politisch, führen sie aus, denn die Betreiber engagierten sich in gleichem Maße für Musik wie gegen Rassismus, Sexismus und Homophobie. Diese Gedanken und diese Welteinstellung spiegeln sich auch in der Geisteshaltung der fünfköpfigen Band. „Außerhalb der Band gehen wir einem erschreckend geregelten Leben nach“, erklären sie. Sie seien alle berufstätig, versuchten aber sich auch selbst in der DIY-Konzertszene zu engagieren. Denn hier herrscht ein anderes Denken als gewohnt: Die Musik ist nicht dazu da, um damit Geld zu verdienen, sondern als Gegenentwurf zum Mainstream, der seine Freizeit derzeit hauptsächlich auf Instagram verbringen dürfte.

Die Musik, die bei Todeskommando Atomsturm herauskommt, ist wunderbar direkt, laut, aber ergreifend: Punk, ein schnelles Schlagzeug und wütende Gitarren. Natürlich vehementer Gesang mit konkreten Texten, in denen auch mal das Punkklischee in der Gegenüberstellung von bürgerlichem Leben und Punker-Dasein in der Single „Zukunft ist nichts für mich“ von 2012 auftaucht. Aber die Band mit dem Anti-Namen weiß auch um die Wucht, die Melodien haben und setzt diese konstant ein. Ziele hätten sie sich mit der Band nie gesetzt. Sie seien froh und auch ein bisschen stolz, dass das Label „Twisted Chords“ ihre zwei bisherigen Alben veröffentlicht habe und dass sie in ganz Deutschland Konzerte geben. Denn anders als die Münchner Bands, die darauf warten, dass eine Plattenfirma sie endlich auf Tournee schickt, planen Todeskommando Atomsturm das erfolgreich selbst – unabhängig und getragen vor einer gewachsenen und treuen Fangemeinde. 

Stil: Deutsch-Punk
Besetzung: Chrissi (Gitarre), Matze (Schlagzeug), Lea (Gesang), Pölle (Bass), Tobi (Gitarre)
Seit:
2008
Aus: München
Internet: todeskommando.bandcamp.com


Text: Rita Argauer


Foto: Thomas Nibler