Tabitha und ihre Katze Kassiopeia

Von Freitag bis Freitag München: Unterwegs mit Tabitha

Für unsere Autorin Tabitha beginnt ein neues Semester an der Akademie der Bildenden Künste. Gleichzeitig heißt es Abschied nehmen, denn viele ihrer Freunde verlassen München gerade. Auf andere Gedanken kommt Tabitha am besten bei Kunst, deshalb zieht sie in dieser Woche von einer Ausstellung zur nächsten.

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Literatur, Musik und Sonne

Mit Sonnenschein startete der erste Sonntag mit Rahmenprogramm im Farbenladen. Nach einer feierlichen Vernissage am Samstag, gab es nun neben den Fotografien an diesem Öffnungstag Musik von Henny Herz und Loriia im Farbenladen, sowie eine Lesung von Josephine Frey.

Ein erdbeerverschmierter Mund mit einem
verschmitzten Lachen begrüßt die Betrachter und macht die ohnehin schon gute
Laune noch gleich viel besser.

Henny Gröblehner heißt die Dame mit dem Erdbeermund. Fotografiert
wurde sie von Julie March neben neun weiteren Künstler. Einige dieser Künstler so
auch Henny sind an diesem ersten Sonntag der Ausstellung persönlich
anwesend. Dass die Atmosphäre zwischen den Künstlern und den Fotografen gut
ist, wird schnell klar. Es wird sich viel umarmt, gelacht und gequatscht.

Auch Eva-Marlene Etzel, eine der
Fotografinnen, ist an diesem Nachmittag vor Ort und stellt sich den Fragen
unserer Moderatorin Kathi Hartinger. „Da die Fotografen ja alle die gleichen
zehn Personen zu fotografieren hatten, musste ich mir etwas ganz Besonders
ausdenken.“ Die Fotografien sollten analog sein. Da die Filme aber so teuer
sind, wurden jeweils nur zwei Polaroidbilder pro Künstler gemacht. Ein Polaroid wurde ausgestellt und das andere durften die Künstler behalten.

Und so beginnt auch schon Henny Gröblehner, auf der Bühne
Henny Herz, mit der ersten künstlerischen Darbietung. Sie habe auf den Fotos
eine Seite von sich gezeigt, die sie zuvor noch nie preisgegeben habe, sagt
Henny. Es sei eine gute und schöne Zusammenarbeit gewesen mit tollen
Ergebnissen.

Nach diesem Gespräch folgt die Musik. Manche Zuhörer sitzen im Schneidersitz vor ihr und lauschen gebannt der  Stimme von
Henny. Mit tosendem Applaus verabschiedet sich die Künstlerin vom Publikum.

Zwischen den Umbauten von der ersten zur nächsten Künstlerin, haben die Besucher Zeit die Kunstwerke zu betrachten. Die Nachmittagssonne lässt jedes einzelne Kunstwerk leuchten.

Es folgt nun eine Schriftstellerin, die unter Pseudonym Josephine Frey schreibt. Ihr Buch „im Enddeffekt“ wurde am 3. März im Unsichtbar-Verlag veröffentlicht.  Josephine beginnt aus einem Teil ihres Buches über Einsamkeit zu lesen. Sowohl die Sprache als auch die Geschichten wirken auf den
Zuhörer nah und ergreifend. Das Buch setzt sich aus drei Teilen
zusammen: der erste Teil erzählt die Kindheit, der zweite die Liebe und der
dritte die Einsamkeit. Eine weitere Geschichte über die Liebe oder  die eigentlich verschwundene Liebe klingt traurig und gleichzeitig – wie auch der Teil zuvor – so nah. Dass sie auf der Leipziger Buchmesse lesen darf, sei ganz aufregend,
da sie noch nie auf einer Buchmesse war.

Nach einer weiter kleinen Pause betritt Lotte Friederich die
Bühne. Sie tritt unter dem Namen Loriia auf.  Loriia ist eine der
fotografierten Künstlerinnen. Für sie seien diese Shootings sehr neu gewesen
und die Bilder von Eva- Marlene Etzel waren eine Herausforderung mit nur die zwei
Versuchen, aber mit einem wunderbaren Resultat. Da sich aber Künstler und
Fotografen so gut verstanden haben, waren die Unsicherheiten sehr schnell
überwunden.  „Es war eine sehr schöne
Erfahrung“ resümiert Loriia.

Nun zeigt sie aber ihre eigentliche Leidenschaft – die
Musik. In der familiären Atmosphäre zeigt sich sehr schnell auch die
Begeisterung im Publikum.

Text: Annika Kolbe
Fotos:  Wolfgang Westermeier

Gestaltenwandlerin


Antonia Neumayer, 20, hat ihren ersten Fantasy-Roman geschrieben und bei einem großen Verlag veröffentlicht. Das Thema: Gestaltenwandler in der schottischen Mythologie.

Antonia Neumayer, 20, blickt ernst in die Kamera. Ihre langen Haare sind unter einer kurzen, blonden Perücke verschwunden. Sie sitzt, in einem schwarzen Umhang gehüllt, auf einem Berghang. Sie stellt Draco Malfoy dar. Mit ihrer porzellanfarbenen Haut und ihren markanten Gesichtszügen sieht sie dem Antihelden aus J. K. Rowlings „Harry Potter“ verblüffend ähnlich. Antonia Neumayer liebt die Welt der Bücher. So sehr, dass sie sich hin und wieder auf Cosplay-Veranstaltungen herumtreibt. Dort trifft man sich mit Leuten, die sich als Buchfiguren verkleiden und gegenseitig fotografieren.

Das ist nur eines von Antonias Hobbys, die etwas mit Büchern und Fantasy zu tun haben. Neben dem Verkleiden versucht sich die 20-Jährige auch als ernstzunehmende Autorin: Im April hat sie beim Heyne Verlag ihren ersten Fantasy-Roman veröffentlicht. „Selkie“ heißt ihr Debüt, das sich mit der schottischen Mythologie beschäftigt. Es geht um die junge Protagonistin Kate, die sich in ein Seeabenteuer stürzt und dabei einem großen Familiengeheimnis auf die Spur kommt.

Einen konkreten Handlungsort oder fixe Figuren hatte die damals 17-Jährige noch nicht im Kopf. Sie wusste lediglich, dass sie über Gestaltenwandler schreiben wollte. Bei ihrer Recherche im Internet stieß sie auf die Selkies, die vorwiegend in den schottischen Sagen verbreitet sind: Robben, die ihr Fell ablegen können und dadurch menschliche Gestalt annehmen. So kam eines zum anderen. Nach drei Kapiteln lernte Antonia über eine Bekannte ihrer Oma ihre Lektorin kennen. Diese war von dem Manuskript begeistert und versprach, sie bei der Fertigstellung des Buches zu unterstützen. Dass sie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München Germanistik studiert, ist bei einem solchen Vorhaben natürlich auch hilfreich. Es gab aber auch Zeiten, in denen es mit dem Schreiben nicht so klappen wollte: „Ich denke, jeder, der schreibt, kennt Phasen, in denen man keinen ordentlichen Satz aufs Papier bringt. Manchmal half es mir, zu zeichnen oder eine kleine Pause zu machen“, sagt Antonia. Zweifel, ob sie gut genug schreiben kann, plagen Antonia eigentlich ständig. Aber sie versucht, das Positive darin zu sehen, auch überarbeitete sie ihre Texte mehrmals.

Doch was genau fasziniert die 20-Jährige so an Büchern und Geschichten? „Ich liebe es, für kurze Zeit in andere Welten und Leben einzutauchen“, sagt Antonia. Bereits als Elfjährige hat sie ihre ersten Kurzgeschichten verfasst, die sie zunächst nur ihre Mutter lesen ließ. Erst später schrieb sie Fanfictions, die sie ihren Freunden gezeigt oder im Internet veröffentlicht hat. Durch das Schreiben habe sie einen Weg gefunden, ihre Ideen und Geschichten mit anderen Menschen zu teilen. Auch einige von Antonias Kommilitonen haben ihr Buch bereits gelesen. Die Reaktionen seien alle „sehr positiv und interessiert“. Ihre Familie, mit der sie in Starnberg lebt, war ihr beim Schreiben eine große Stütze. Besonders zu ihrer Schwester Francesca hat Antonia eine innige Beziehung. Dass spiegle sich auch in ihrem Buch wider: Im Vordergrund steht die Beziehung zwischen den Geschwistern Kate und Gabriel, die alles füreinander tun würden. Die Protagonistin Kate ist ihrer kleinen Schwester nachempfunden: „Wenn Kate beschließt, sie macht etwas, dann tut sie es auch. So ist meine Schwester auch und dafür bewundere ich sie sehr“, gibt Antonia zu.

Wenn sie einmal nicht am Schreiben oder Studieren ist, nimmt sie an Springturnieren teil oder zeichnet. Manchmal steht sie auch als Komparsin vor der Kamera: Für den Film „Mein Blind Date mit dem Leben“ durfte sie bei einer Hochzeitsgesellschaft dabei sein. Doch wenn es um Schauspielerei geht, bleibt Antonia gerne hinter den Kulissen und versucht sich von Juli an als Co-Autorin bei der freien Bühne München. „Die machen inklusives Theater und arbeiten viel mit Menschen mit Down-Syndrom“, sagt Antonia.

„Mein Traum wäre es, vom Schreiben leben zu können. Alternativ könnte ich mich auch als Lektorin in einem Verlag sehen“, sagt sie. Die junge Studentin muss sich aber noch nicht sofort entscheiden. Sie befindet sich aktuell im vierten Semester und hat noch Zeit, über ihre Zukunftspläne nachzudenken.

Text: Barbara Forster

Foto: Francesca Neumayer

Wortkreierer

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Rahmatullah Hayat, 19, schreibt kein Tagebuch und auch keine Songtexte. Er schreibt experimentelle Gedichte- nun liest er beim großen Tag der jungen Literatur

Manche Jugendliche schreiben Tagebuch, andere Songtexte oder Kurzgeschichten. Rahmatullah Hayat nicht. Rahmatullah, 19, schreibt experimentelle Gedichte und kompakte Prosastücke – niemals länger als zwei Seiten, dafür reich an Stilmitteln. Damit angefangen hat er erst vor zwei Jahren, doch obwohl er sich gewählt ausdrückt und mit seinem schwarzen Mantel etwas älter scheint als 19, wirkt er gar nicht abgehoben. 

Rahmatullah ist in Pfaffenhofen aufgewachsen, seine Eltern stammen aus Afghanistan. „Sie haben sehr viel Wert auf meine Bildung gelegt. Da viele Verwandte meiner Mutter in München leben, war ich auch schon als Kind oft dort“, erzählt Rahmatullah. Er habe in seiner Kleinstadt zwar sämtliche Sportarten ausprobiert, sei aber eben lieber ins Theater gegangen – womit er eher alleine dastand in seiner Klasse: „Einmal hat sogar jemand zu mir gesagt, dass ich als Realschüler doch zu dumm sei, um ,wirklich‘ schreiben zu können“, sagt er. 

Als er vor zwei Jahren auf das Nymphenburger Gymnasium in München wechselte, traf er endlich Jugendliche, die „ein größeres Angebot an kulturellen Aktivitäten genießen durften“. Junge Menschen, die seine Interessen teilten. Zudem hatte er in der neuen Oberstufe einen sehr guten Deutschlehrer, der es verstand, die jungen Menschen für Literatur zu begeistern. Als Rahmatullah Sigmund Freuds Aufsatz „Der Dichter und das Phantasieren“ las, wollte er selbst versuchen, Fantasiewelten in Worte zu fassen: Inspiriert von einem im Internet kursierenden Video über die Steinigung einer afghanischen Frau, schrieb er sein erstes Gedicht: „Jubel“. Er zeigte es niemandem, sondern schickte es ohne große Erwartungen 2015 zum Bundeswettbewerb Treffen junger Autoren ein. Er wurde Preisträger. 

„Jubel“ ist gesellschaftskritisch. Es geht um die Unterdrückung der Frau in einer patriarchalischen Gesellschaft. Doch mittlerweile sei er von politischen Themen abgekommen, sagt Rahmatullah. Ihn interessiere besonders die Psyche. Und er suche nach immer neuen Möglichkeiten, um diese komplexe Welt zu beschreiben. „Ich blättere gern in etymologischen Wörterbüchern, schließlich ist die deutsche Sprache so reich und wir sollten dieses Werkzeug beim Schreiben viel mehr nutzen“, sagt er. Manchmal kreiert er selbst neue Wörter, indem er sie orthografisch bewusst falsch schreibt, Worte aus anderen Sprachen eindeutscht oder lautmalerisch einen Klang übernimmt.

Ob die Leute so etwas verstehen? Für ihn selbst ergebe alles einen Sinn, sagt Rahmatullah, doch seiner Meinung nach müsse Lyrik gar nicht immer verstanden werden: „Ich zwinge meine Leser dazu, die Suche nach dem Sinn abzulegen.“ Auch seine Prosatexte sind sehr handlungsarm. Er beschreibt darin kleine Vorgänge wie das Herunterdrücken einer Klinke minutiös und mehrere Sätze lang. 

Bisher ist er mit seinen Texten meist auf positive Kritik gestoßen, auch bei Freunden und Familie. Trotzdem zeige er ihnen seine Werke nicht oft, denn er habe immer das Gefühl, dass sie noch unvollendet seien. Manchmal ändere er einen Text noch, nachdem er ihn bereits bei einer Lesung vorgetragen habe.
 Er hat Abitur gemacht, im Mai stehen noch die letzten Prüfungen für sein „International Baccalaureat Diploma“ an. Und danach? Rahmatullah will unbedingt studieren, vielleicht Psychologie oder gar Psychiatrie – auf keinen Fall aber Germanistik. Er hat auch keine literarischen Vorbilder, sondern holt sich seine Inspirationen eher aus anderen Kunstbereichen: Rahmatullah geht gern in die Pinakotheken, wo er beim Projekt „Pi.lot-Sonntag“ einmal monatlich den Besuchern ein Kunstwerk nahebringt. Auch Musik beeinflusst ihn sehr beim Schreiben – er liebt die Texte und Rhythmen der britischen Rapperin Kate Tempest, auf deren Konzert in München er letztens war. 

Und warum immer die kurzen Stücke? „Ich habe nicht genug Geduld für lange Romane. Und wenn ich alltagstaugliche, belletristische Texte verfassen würde, wären die sogar mir selbst zu kitschig.“ Seit seine beste Freundin Regie studieren will, interessiert er sich aber zunehmend für Filme und überlegt, ein Drehbuch oder ein Drama zu schreiben. Er hat auch schon einmal einen Blog geführt, auf dem er seine Gedichte regelmäßig veröffentlichte. Dabei habe er aber gemerkt, dass er nicht unter Zeitdruck publizieren wolle – ihm sei es wichtig, Texte eine Zeit lang ruhen zu lassen und dann mit neuen Ideen zu überarbeiten. 

Trotz seiner afghanischen Wurzeln fühlt er sich nicht direkt von der Flüchtlingsthematik betroffen, weil er in Pfaffenhofen mit der deutschen Gesellschaft aufgewachsen ist. Dennoch fährt er bald zu einem Kick-Off-Treffen für den Blog „Stimme junger Migranten“, ein Projekt der Rosa-Luxemburg-Stiftung, für das eine Redaktion gesucht wird. „Ich glaube zwar, Journalismus ist auch nichts für mich, aber meine Mutter würde sich freuen. Ihr Wunsch ist es, dass meine Schwester und ich Journalisten oder Apotheker werden, wie unser Opa“, erzählt Rahmatullah.

Am Samstag, 28. Januar, wird er beim großen Tag der jungen Literatur lesen – was, das weiß er allerdings noch nicht. Was er sich für die Literaturszene wünsche? „Dass die Möglichkeiten von Social Media auch für Literatur mehr genutzt werden und sie dadurch zugänglicher gemacht wird. Es gibt zwar so genannte BookTuber, die sich vor allem mit Belletristik befassen, aber kaum etwas für Lyrik“, sagt Rahmatullah. Und er wünscht sich natürlich, dass bereits der Deutschunterricht mehr Lust auf Literatur mache – so wie bei ihm. 

Text: Anna-Elena Knerich

Foto: Alexandra Baumann


Hier gibt’s eine kleine Kostprobe von Rahmatullah’s Lyrik

Ein Abend mit: Tristan Marquardt

Heute Abend liest Tristan Marquardt, 28, bei uns im Farbenladen. Wenn der Lyriker und Literaturvermittler ansonsten nicht gerade damit beschäfigt ist diverse Lesereihen zu initiieren oder an seiner eigenen Poesie zu feilen, dann trifft man ihn höchstwahrscheinlich im Café Philoma am Stiglmaierplatz oder zum Frühstück und Abendessen beim Uiguren Taklamakan am Hauptbahnhof.

Hier beginnt mein Abend:
Bei einer der vielen wunderbaren Lesungen – im Keller der kleinen Künste oder im Einstein oder im Lyrik Kabinett oder im Rationaltheater oder…

Danach geht’s ins/zu:
Samstag ins Charlie. Sonst: Café Philoma. Die Oase am Stiglmaierplatz, deren Besonderheit es ist, keine zu sein. Jede Nacht offen bis 5.

Meine Freunde haben andere Pläne. So überzeuge ich sie vom Gegenteil:
Alles andere hat zu.

Mit dabei ist immer:
Gute Freund*innen. Diskussionsbedarf. Und die Gewissheit, beim Darten die 19 zu treffen.

An der Bar bestelle ich am liebsten:
Tegernseer und Haselnussschnaps. Aber meine Schwäche ist Sekt.

Der Song darf auf keinen Fall fehlen:
Im Philoma regelt das Radio Arabella von ganz allein. Im Club die Jungs von Public Possession.

Mein Tanzstil in drei Worten:
Kopf- und Hüftschwung.

Der Spruch zieht immer:
Reim kann sein, Rhythmus muss.

Nachts noch einen Snack. Mein Geheimtipp ist:
Taklamakan. Der Uigure am Hauptbahnhof.

Meine dümmste Tat im Suff war:
Weiterzutrinken.

Das beste Frühstück nach einer durchfeierten Nacht gibt`s im/bei:
Taklamakan. Der Uigure am Hauptbahnhof.

Diesem Club/dieser Bar trauere ich nach:
Café am Hochhaus, wegen der Sonntage.

Internet: www.meinedreilyrischenichs.wordpress.com

Foto: Katja Zimmermann